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Von der Handlung zur Identität

Ein vertiefender Beitrag zur Debatte um Anonymität mit den »Feministischen Autonomen Zellen«

Als Verfasser*in des Textes „Wozu dann der Name?“ in Zündlumpen Nr. 048 möchte ich mich im Folgenden mit der Reaktion der Feministischen Autonomen Zellen „Wegen alledem“ auseinandersetzen sowie einige meiner ursprünglichen Argumente noch einmal vertiefen. Ich werde dabei Textstellen aus „Wegen alledem“ nur entsprechend durch meine Positionen kontextualisiert zitieren, weshalb ich die vorherige Lektüre dieses Textes, sowie ggf. meines ursprünglichen Disskussionsbeitrags empfehle. Und weil aufgrund der bisherigen Beiträge zu dieser Debatte zu befürchten steht, dass mein Beitrag als Diskussionsbeitrag dazu gedeutet werden könnte, wie sich die FAZ – derer ich kein Teil bin – „organisieren“ sollten, möchte ich ausnahmsweise einmal vorab klarstellen, was sowieso klar sein sollte: Wenn ich auch meine Gedanken und Überlegungen zu Anonymität und (informeller) Organisation versuche darzulegen, so können andere, die möglicherweise auch andere Ziele als ich verfolgen, zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Den Wert einer solchen Debatte sehe ich vor allem darin, dass sich in der Konfrontation mit anderen Positionen vor allem die eigenen Ansichten schärfen, überdenken und manchmal auch ganz über den Haufen werfen lassen.

Feministische Militanz?

Der Vorwurf musste ja kommen: „wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort über unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren?“ und weiter: „Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten Zündlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.“ Aber welchen „linken militanten Diskurs“ meint ihr? Ich betrachte mich weder als links, noch als militant in einem Sinne, in dem es mir wert wäre, einen eigenen Diskurs darum zu führen. Ich betrachte mich vielmehr als Anarchist*in, als aufständische*r Anarchist*in, wenn mensch so will. Meine Militanz, wenn mensch das wiederum so nennen will, ist antipolitisch, unorganisiert – bzw. informell organisiert –, individuell und auf die Zerstörung jeglicher Herrschaft gerichtet. Sie verfolgt kein Programm außer vielleicht dem der totalen Destruktiven Verneinung. Warum verliere ich in meinem ursprünglichen Artikel also „kein Wort über [eure] feministische Positionierung oder die […] Verbindung von Feminismus und Militanz“? Weil es darum schlicht nicht geht: Mein Artikel beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern ich es für sinnvoll halte, den eigenen Angriffen einen (wiederkehrenden) Namen zu geben, bzw. ausschweifende Communiqués  dazu zu verfassen. Was spielt es dabei für eine Rolle, dass ihr euch als feministisch bezeichnet?

Was für mich eine völlig andere Frage ist, scheint für euch aber auch jenseits eines bloßen Delegitimierungs-Arguments gegenüber meinem Text (wie sonst soll ich den Vorwurf der Unsichtbarmachung verstehen, wenn sich doch zugleich in meinem Text mit den FAZ und ihren Aktionen auseinandergesetzt wird) eine Rolle zu spielen. „Queere, arme ‚kranke‘, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind ständig gezwungen, mehr oder minder öffentliche ‚Bekenntnisse‘, ‚outings‘ zu produzieren“, schreibt ihr, und später beklagt ihr noch die „leider seltenen ‚outings‘ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen“. Hier scheint die gute alte Identitätspolitik Einzug in euer Militanzkonzept zu halten und eure Militanz zur identitätsstiftenden Angelegenheit zu machen. Es erinnert mich an die Schriften der Roten Zora, in denen häufig von „Gegenmacht“ (Ein Konzept, das auch von den Revolutionären Zellen und anderen militanten Gruppen gebraucht wurde und wird) und „Frauenmacht“ (was ebenso wie das Konzept der „Gegenmacht“ zumindest in „Mili’s Tanz auf dem Eis“ später kritisch gesehen wird) die Rede war und immer wieder das Frausein essentialisiert und als für die Gruppe identitätsstiftend ins Spiel gebracht wird [1]. Dabei geht es mir nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Personen nicht länger in Zusammenhängen „organisieren“ wollen, in denen sie marginalisiert werden und in denen sie den Eindruck haben, ihre eigenen Projekte nicht realisieren zu können – Im Gegenteil, ich bin ohnehin der Ansicht, dass eine Organisation zerstört werden sollte, sobald sie den Projektualitäten ihrer „Mitglieder“ im Wege steht. Es geht mir auch nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Menschen gemeinsam mit Menschen innerhalb ihrer sozialisierten Identitäten „organisieren“, verschwören, verbünden wollen. Wenn diese Identitäten dann aber die eigenen Angriffe und Handlungen zu überdauern scheinen, wenn es weniger auf eine Handlung ankommt, als auf die Identität der*desjenigen, die*der diese tätigt und vielleicht zusätzlich noch suggeriert wird, mensch würde für alle Menschen, die diese Identität (zu) teilen (scheinen), sprechen, so scheint mir diese Konstellation mitnichten geeignet, irgendein Herrschaftsverhältnis radikal anzugreifen. Das gilt übrigens nicht nur für Identitäten wie „wir, queere Militante“, „wir, eine FLINT* Aktionsgruppe“ oder „wir, eine Frauenkampfgruppe“, sondern insbesondere auch für „wir, militante Linke“ oder „wir, Militante“, wie Lina Gaso in „Jenseits von Militanz: Revolutionäre Gewalt“ (In der Tat Nr. 2) argumentiert.

Was mich aber bei „outings“ als „FLINT-Gruppen“ und der Ermutigung, sich als solche zu „outen“, wie ich das im Text der FAZ wahrnehme, ganz besonders verstört ist die eigentliche Kontraproduktivität des Ganzen und das implizite Fortschreiben einer der weitverbreitetsten und dämlichsten Legenden über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, nämlich dass dies (vor allem) nicht nur „Männer“ seien, sondern gar solche, die nicht „von gesellschaftlichen Normen abweichen“ würden. Ist es nicht die größtmögliche Abweichung von „gesellschaftlichen Normen“, die bestehende Gesellschaft, das Eigentum, das Patriarchat, den Staat oder wie mensch es auch nennen will, anzugreifen? Und sicher mag es diese und jene Zusammenhänge geben, aber es würde mich doch sehr verwundern und meinen eigenen Erfahrungen zentral widersprechen, wenn sich die gängigen gesellschaftlichen Klischees über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, im Großen und Ganzen als wahr erweisen würden. Das heißt nicht, dass ich es nicht respektiere, wenn Individuen wie beispielsweise die Anarchistin und Nihilistin Kaneko Fumiko [2] so heftig um Anerkennung ihrer Gefährlichkeit kämpfen (wollen), dass sie bereit sind dafür hingerichtet zu werden. Aber für die Anerkennung der Gefährlichkeit nicht eines Individuums, sondern einer Identität scheint mir ein solches Unterfangen – mit Verlaub – recht bescheuert. Geht es denn darum, das in einer Gesellschaft präsente Bild einer Identität zu verändern (und was würden beispielsweise liberale Feminist*innen dazu sagen, wenn dieses Unterfangen erfolgreich wäre und FLINT* Personen fortan als „Terrorist*innen“ gelten würden) oder geht es nicht vielmehr darum, jede Vorstellung von Identität und die Gesellschaft selbst – zumindest so wie sie heute existiert – zu zerstören?

Die*der anonyme Angreifer*in widersetzt sich in dieser Hinsicht trotz der dämlichen gesellschaftlichen Projektionen – warum ihnen auch irgendeinen Wert beimessen? – jeglicher Identität. „Die anonyme Aktion hat keinen Besitzer, keinen Meister, gehört niemandem. Das heißt sie gehört allen denen, die sie teilen. Als Schatten unter Schatten sind wir alle gleich. Niemand ist vorne um zu führen, niemand ist hinten um zu folgen.“ [3] Niemand blendete den Zyklopen Polyphem und doch scheitert die List des Odysseus [4] an seiner Eitelkeit: Als er glaubt entkommen zu sein, gibt er sich Polyphem doch noch zu erkennen: „Ich, Odysseus war es, der euch blendete“. Und so kommt es, dass Polyphem seinem Vater Poseidon nun Odysseus Namen enthüllen kann, der diesen und seine Gefährt*innen auf eine zehnjährige Irrfahrt schickt, die außer Odysseus keine*r überlebt [5].

„Warum könnt ihr uns nicht ertragen?“, fragt ihr und ich gebe diese Frage zurück: Warum könnt ihr es nicht ertragen, euch in den Nebel der Anonymität zu kleiden? Das soll eine Pathologisierung „starke[r] Frauenfiguren“ sein? „In der Finsternis jedoch gibt es keine Namen, keine Identität, es gibt nur eine heterogene Bewegung, kochend wie Magma, fragmentarisch, wild. Niemand befiehlt, niemand gehorcht. Akte wie Worte haben Wert wegen ihrem Sinn, wegen ihrem Inhalt, wegen ihren Konsequenzen. Nicht wegen dem Ruf ihrer Autoren.“ [6]

Der große ganze Zusammenhang in einem Communiqué

„Für uns ist zentral, Aktionen zu wählen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung für sorgfältige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. Dafür betreiben wir ausführliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. […] Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklärend, halten wir […] für eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverständlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden.“

Warum wähle ich den Angriff? Weil ich es leid bin, das „Richtige“ zu tun, weil ich es leid bin, „Verantwortung“ zu übernehmen, weil ich es leid bin, Rechenschaft für mein Handeln vor irgendjemandem (außer vielleicht mir selbst – aber einem Selbst frei von jeglicher Moral) abzulegen, weil ich es leid bin, „politisch“ zu handeln. Ich weiß, mensch kann diese Begriffe für sich selbst anders definieren und es ist mir weder daran gelegen, eure Definition dieser Begriffe pauschal mit der allgemein anerkannten Definition dieser gleichzusetzen, noch daran, an dieser Stelle eine weitere Nebendebatte dazu aufzumachen, und doch bin ich überzeugt, dass diese Begrifflichkeiten und die damit transportierten Konzepte den Ursprung unserer unterschiedlichen Vorstellungen bilden. Ist ein Angriff selbsterklärend? Muss er das in jedem Sinne, gerade im politischen, sein? Ja und Nein. Ja, ich halte jeden Angriff, der mit der Logik dieser Gesellschaft bricht für selbsterklärend und Nein, ich finde nicht, dass mensch politische Gegner*innenschaften nachvollziehbar finden muss, um einen Angriff zu verstehen. Abgesehen davon glaube ich, dass diese das in der Regel für die meisten Leute, die bereit sind, genau hinzusehen, sind. Wo immer Aufstände oder Riots ausbrechen, passiert in der Regel ungefähr das Gleiche: Bullen werden angegriffen und Barrikaden werden errichtet, Läden werden geplündert, Banken verwüstet, Regierungsgebäude angegriffen, Kameras gesmasht, wenn irgendwie möglich Telekommunikation unterbrochen, Medienhäuser gestürmt, Knäste zerstört und Gefangene befreit, usw., ferner werden manchmal Kirchen niedergebrannt, Armenviertel zerstört (damit es keinen Ort gibt, an den mensch zurückkehren kann), die Industrie lahmgelegt, das Energieversorgungsnetz zerstört, u.v.m. Kurz: Den Menschen ist recht klar, wer und was sie unterdrückt, das muss einer*einem kein Marx sagen, kein Engels, Lenin, Mao, Castro, Che Guevara, Nelson Mandela und auch kein*e Anarchist*in. Und auch als (vorrangige) Feminist*innen werdet ihr in dieser Aufzählung zentrale patriarchale Institutionen finden, die ihr den Menschen nicht besser benennen könntet. Dabei gehen die allermeisten Aufstände und Riots mitnichten von irgendwechen politischen Akteur*innen aus. Die meisten Aufstände sind vielmehr apolitisch, in sich unvereinnahmbar und ersterben in dem Moment, in dem sie neue Anführer*innen (Politiker*innen) hervorbringen, die im Namen der Menschen zu sprechen beanspruchen.

Was hat dies nun mit militanten „Aktionen“ bzw. apolitischen Angriffen zu tun? Ziele dieser Angriffe sind (in der Regel) ganz ähnliche Institutionen, wie diejenigen, die auch während Aufständen angegriffen werden. Wenn es nun aber gar keine politischen Akteur*innen sind, die Aufstände auslösen, woher kommt dann die Arroganz so vieler Militanter, ihre Angriffe für besonders außergewöhnlich und erklärungsbedürftig zu halten? Und umgekehrt gefragt: Wenn ihre Angriffe tatsächlich erklärungsbedürftig wären, weil auch während eines Aufstands niemand – und zwar diesmal im Sinne von keine*r – auf die Idee kommt, diese zu verüben, inwiefern macht es dann überhaupt Sinn diese zu erklären? Entweder handelt es sich bei diesen dann um Angriffe, die aus einer recht individuellen Motivation heraus stattfinden, oder aber die dem Angriff vorangehende Analyse, die versucht, diesen in einen sozialen Kontext einzubetten, ist gescheitert, weil sich mit dem Angriff herausstellt, dass es diesen sozialen Kontext nie gegeben hat.

Aber es stimmt ja auch gar nicht, dass nicht in hunderten und tausenden anarchistischen (und anderen militanten – wobei dort ja besonders häufig nur in Communiqués zu den Angriffen) Schriften, wie Zeitungen, Magazinen, Flyern, Plakaten, Büchern, Radiosendungen, ja manchmal sogar Filmen grundsätzlich erklärt werden würde, warum sich Individuen für den Angriff entscheiden, was die zugrundeliegende Analyse ist und sogar welche Strategien hinter diesen Angriffen stehen. Ferner gibt es eine Fülle von Anleitungen, wie bestimmte Angriffe durchgeführt werden können, Auflistungen von Akteur*innen, die irgendwer für angreifenswert hält (aber es oft nicht selbst tun will), und nicht zuletzt weltweite Berichterstattungen über stattgefundene Angriffe auf anarchistischen Blogs, in anarchistischen Zeitungen und sogar in „sozialen Medien“. Wie jämmerlich und erbärmlich ist da ein zwei/drei, höchstens einmal zehnseitiges Communiqué, das einen einzelnen Angriff in hübsche oder weniger hübsche Worte kleidet, ihn in einen Gesamtkontext stellen und nebenbei noch „ausführliche Recherchen“ und „Wissen teilen“ will, im Vergleich zu den hunderttausenden Seiten der Analyse, Recherche und Wissen dieser Publikationen, die sich nicht nur auf einen einzelnen Angriff beziehen, sondern auf alle, sowohl die publik gewordenen, als auch die stillen, sowohl die materiellen Angriffe, als auch die immateriellen Angriffe, die zum Beispiel Herrschaftsbeziehungen in den eigenen Denkmustern angreifen. Wie ineffizient ist es, ein seitenlanges Comuniqué zu jedem Angriff zu schreiben, im Vergleich zu einem allgemeinen Text mit einer Analyse, einer Anleitung oder einer Recherche, der über das äußerst kurzlebige Spektakel des Angriffs selbst seine Relevanz behält? Oder wer keine Lust hat, selbst etwas zu schreiben, die*der kann sich hier auch genausogut einen der tausenden existierenden Texte aneignen, mehrere zu einem neuen Text collagieren oder seine*ihre Ideen auf andere Art und Weise verbreiten. Und wo bleibt da der Angriff? Der spiegelt sich in all diesen Texten ebenso wider, unabhängig davon, wie gewandt eine*r ist, diesen mit klugen Worten zu bewerben.

Die Propaganda der Tat und die „patriarchale Vorstellung ‚alles was zählt, ist die Aktion'“

Die „Aktion“ ist für mich so ziemlich das Letzte was zählt, dafür jedoch die „Tat“ oder meinetwegen auch „Handlung“ umso mehr. Während eine „Aktion“ zumindest in dem Sinne, in dem dieser Begriff derzeit innerhalb einer „radikalen Linken“ gebraucht wird, für mich die absolut politisierteste, symbolischste und unalltäglichste Handlung überhaupt darstellt, kurz, eine von mir selbst und meinen Ideen entfremdete Vorstellung des Handelns, das mir dazu dient, in all der übrigen Zeit, in der ich gerade keine „Aktion“ durchführe oder wenigstens plane, die Verwirklichung meiner Ideen unter Mottos wie „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, oder „der Kapitalismus/das Patriarchat zwingt uns eben, bei der Verwirklichung unserer Ideen Kompromisse einzugehen“, oder „nach der Revolution …“ guten Gewissens beiseitezuschieben. Die „Tat“ oder „Handlung“ dagegen ist nicht politisch. Sie ist untrennbar mit meinen Emotionen, meinen Fehlern, meinem Scheitern und meinem Spaß verbunden. Sie entspringt dem individuellen Verlangen nicht (länger) auf eine Revolution zu warten, nur um dann vermutlich alle auf sie gesetzten Hoffnungen getrübt zu sehen, sondern hier und jetzt zur Tat zu schreiten und meine Ideen zu verwirklichen und alles, was mich in dieser Verwirklichung einschränkt auf kompromisslose Art und Weise anzugreifen.

Ob ich stehlen gehe um etwas zu essen zu haben oder um meine Miete zu zahlen, ob ich meiner Wut Luft mache, indem ich einen Bagger, einen Mobilfunkmast, einen Stromverteilerkasten, einen Amazon-Locker oder einfach nur das nächstgelegene (Bonzen-)Auto abfackle, ob ich meine*n Chef*in verprügle, weil ich das ewige herumkommandiert werden nicht mehr ertrage, ob ich eine*n Freund*in im Knast besuche, ob ich mich bei einer anderen Person dafür entschuldige, sie verletzt zu haben, ob ich eine*n Bull*in, die*der gerade eine andere Person kontrolliert zusammenschlage oder ob ich für ein (gem)einsames Abendessen koche. All das sind Taten, all diese Taten spiegeln meine Ideen wider, wenngleich das nicht bedeutet, dass dies kein widersprüchliches Leben wäre, in all diesen Taten kann ich scheitern, bei all diesen Taten werde ich mehr oder weniger Spaß empfinden und zu keiner dieser Taten werde ich irgendwelche Erklärungen abgeben.

Eine „Aktion“ dagegen, scheint erst durch die Abgabe einer Erklärung, warum mensch diese für richtig hält und warum mensch sich dafür entschieden hat, diese in die Tat umzusetzen zu einer solchen zu werden. Und weil es eben lächerlich ist, Erklärungen der Art „Heute habe ich Nudeln mit Tomatensoße gekocht, weil das in mir schlummernde revolutionäre Subjekt etwas zu essen brauchte und ich mich aber nicht getraut habe, einfach im Restaurant nebenan die Zeche zu prellen. Ich finde diese Aktion richtig, weil ich sonst früher oder später verhungern würde und wenn ich verhungere dient dies der Revolution nicht so sehr, wie wenn ich nun eben diese Aktion mache, um auch in Zukunft Aktionen mit mehr ‚revolutionärem Gehalt‘ machen zu können.“ abzugeben, muss sich der Begriff der „Aktion“ eben auf ganz bestimmte militante oder wenigstens scheinbar militante, bzw. massenhafte oder wenigestens scheinbar massenhafte bzw. spektakuläre oder wenigstens spektakulär inszenierte Formen des Handelns beschränken. Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff der „Aktion“ bloß Raum für immer waghalsigere, spektakulärere und vor allem erfolgreichere „Aktionen“ lassen kann, da jeder Versuch, diesen Begriff auszuweiten, um beispielsweise persönliche, individuelle und ja an sich häufig für das handelnde Individuum weitaus folgenreichere Taten, als so manch eine Spektakuläre, lächerlich erscheinen lassen muss. Zum Beispiel sei hier ein auf Barrikade.info veröffentlichtes Bekenntnis erwähnt, bei dem vier „Menschen mit Vulva“ claimen, öffentlich auf die „Dreirosenbrücke in Basel gepinkelt“ zu haben und (wie) zum Beweis, dass sie dieses Spektakel auch wirklich nicht erfunden haben, gar noch ein Bild mit vier deutlich erkennbaren Urinspuren veröffentlichten. „Wir wollen so für uns und unsere FLINT*-Geschwister einen Raum reclaimen, der durch eine Präsenz von cis-männlichen Menschen besetzt ist,“ [7] schreiben sie und geben damit ihre als Tat selbst keineswegs zu beanstandende oder überhaupt zu bewertende Handlung in Form einer „Aktion“ der Lächerlichkeit (weil sie sich besonders wichtig nimmt; weil sie nach Legitimation lechzt; weil sie die Individualität einer Handlung zugunsten irgendeines – nur scheinbar – allgemeinen Bewertungsmaßstabs aufgibt) preis (wobei das Ganze natürlich auch einfach als Witz verstanden werden könnte). Und das ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hätte hier ebensogut ein Communiqué zu einem Bankraub anführen können, hatte aber gerade keines zur Hand.

Ob die Vorstellung einer „Aktion“ (bzw. dem ihr irgendwo inhärenten „alles was zählt ist die Aktion“) nun patriarchal ist oder nicht, das will ich nicht bewerten, auch wenn mensch sich bei dem Selbstbewusstsein, mit dem sich manchmal selbst zu den lächerlichsten und für viele nur allzu alltägliche bzw. individuelle und apolitische Handlungen mit großen Worten und der Bemühung einer Menge „Theorie“ bekannt wird, vielleicht schon fragen muss, inwiefern das auf eine in der Regel als „männliche Sozialisation“ referenzierte, patriarchale Verhaltensweise verweist. Aber ich denke auch hier ist ein Communiqué, das sich um wenige weitere Aspekte in der Vor- und Nachbereitung einer Aktion, sowie die Emotionen der Handelnden bemüht, nicht die einzig denkbare Form, sich solchen Themen zu widmen.

Eine Organisation auf „dauerhafter Basis“ oder eine kurzlebige, informelle Organisation, die „mit dem nächsten ‚Lebensabschnitt‘ ihrer Mitglieder [zerfällt]“?

Ist es erforderlich, „Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler“ über einzelne Aktionen hinaus sichtbar zu machen und wie kann das funktionieren? Die FAZ haben für sich die Antwort gefunden, eine auf lange Zeit angelegte Organisationsstruktur zu schaffen, deren Ziel es ist, militante „Aktionen“ langfristig zu ermöglichen. Das „bedeutet […] viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken“ und ist in der Vergangenheit dennoch häufig schief gegangen, etwa weil Observationen irgendwann doch einmal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort stattgefunden haben, weil sich Fehler und Nachlässigkeiten eingeschlichen haben, usw. Aber das muss jede*r, der*die sich auf diese Art organisieren will für sich wissen. Was ich nicht so recht verstehe ist die Langlebigkeit und Statik einer solchen Organisation. Ich empfinde es als bedrückend mich für alle Ewigkeit (oder auch nur einige Jahre) einer Organisation zu verschreiben, auch wenn natürlich immer klar ist, dass ich diese „Mitgliedschaft“ theoretisch jederzeit aufkündigen kann und natürlich auch werde, wenn mir das Ganze nicht mehr taugt. Aber wenn dies so ist, warum dann überhaupt eine solche Organisation gründen und aufbauen, die darauf ausgelegt sein soll, Jahre und Jahrzehnte zu bestehen, ohne dass mit ihr ein konkretes Projekt verbunden ist? Und wenn dies nicht so wäre? Herrje, dann dürfte ich mich nicht mehr Anarchist*in nennen!

Aber was meine ich mit einem konkreten Projekt? Auf jeden Fall nicht „Militanz“ zum Selbstzweck. Um militante Angriffe zu verüben benötige ich ja keine Organisation per se. Alle mir bekannten Angriffe der FAZ – das muss ja aber nicht der Weißheit letzter Schluss sein – lassen sich zu zweit, zu dritt oder gar alleine bewerkstelligen. Das dafür notwendige „Wissen“, etwa wie mensch Spuren vermeidet oder wie mensch ein Fahrzeug in Brand setzt, findet sich in leicht beschaffbaren Publikationen, wie beispielsweise der PRISMA [8] und ähnlichen Anleitungsheftchen, sowie gelegentlich in periodischen Publikationen aufständischer Anarchist*innen und militanter Autonomer. Sicher, es gibt eine Menge unveröffentlichter Tricks für verschiedenste Dinge, aber wer Lust hat, findet auch beim experimentieren schnell heraus, wie mensch die Dinge noch ein wenig optimieren kann. Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, findet auch zahlreiche Publikationen dazu, wie die Cops arbeiten [9], was meines Erachtens nach enorm dabei hilft, Spuren zu vermeiden, aber oft auch ein wenig paranoid machen kann. Jedenfalls erscheint mir eine Organisation, die ihre Mitglieder dazu befähigen soll, militante Angriffe durchzuführen, nicht besonders sinnvoll bzw. notwendig. Mit einem konkreten Projekt meine ich vielmehr, den Kampf gegen zum Beispiel den Bau eines Gefängnisses. Eine informelle Organisation dazu (einen Namen würde ich dieser trotzdem nicht geben) macht dann solange Sinn, bis entweder der Bau dieses Knasts gestoppt wurde oder mensch keine Perspektive mehr in diesem Projekt sieht. Hinsichtlich einer solchen Projektualität kann es meiner Meinung nach Sinn machen, Erfahrungen, (eigene) Entwicklungen, usw. zu teilen [10]. Aber welchen Sinn soll es machen, die Erfahrungen eines Kampfes gegen den Bau eines Gefängnises gemeinsam mit denen eines Kampfes gegen eine Gaspipeline oder einer Stromtrasse, etc. zu dokumentieren? Nach außen scheint mir das keinen Sinn zu ergeben und nach innen – so denn die Beteiligten an den Kämpfen tatsächlich die Gleichen sind –, erfordert dies ja auch keine feste Organisation.

Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit dem Austausch zu bestimmten militanten Techniken und Taktiken. Wer hier Erfahrungen weitergeben will kann dies ja tun und wer das öffentlich tun will, ist vielleicht ohnehin besser beraten eine Art zweite PRISMA herauszugeben.

Ich jedenfalls finde den Zerfall von Organisationen, wenn ihr Zweck überholt oder erfüllt ist, oder die einzelnen „Mitglieder“ einfach nicht mehr die gleichen Ideen teilen, einen fruchtbaren Prozess, in dem lähmende Strukturen und festgefahrene Muster, die oft mit der Zeit entstehen immer wieder aufgebrochen werden. Eine andere Form der Organisation kann zumindest ich mir sicher nicht vorstellen.

Anmerkungen

[1] Um nur ein Beispiel zu geben: „Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur ‚unsere‘ patriarchal denkenden und handelnden Männer in ihrer Unfähigkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung für uns hier und heute – auch im militanten Kampf – eine grundsätzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit Männern bindet nicht nur unsere Energien in der ständigen Auseinandersetzung um die Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern sie bindet uns auch in von Männern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an männlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionär-feministischen Perspektive ständig im Wege.“ Aus Mili’s Tanz auf dem Eis.

[2] Weil die Gerichte ihre Beteiligung an einer Verschwörung zur Ermordung des japanischen Kaisers nicht ernst nahmen (und zum Teil wohl auch ihre männlichen Gefährt*innen nicht), drohte Kaneko Fumiko vor Gericht (1925/1926) damit, dass sie den Kaiser ermorden würde, wenn das Gericht sie freilassen würde. Siehe auch „Because I Wanted To. Kaneko Fumiko on nihilism and why she wanted to kill the Emperor of Japan“ und Kaneko Fumiko. „The prison memoirs of a Japanese woman„.

[3] Aus „Namenlos. Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff„, erschienen bei Edition Irreversibel, S. 21. Kursivierungen von mir ergänzt.

[4] Als der „Kriegsheld“ Odysseus auf seinem Heimweg auf einer Insel landet und dort mit seinen Gefährten von einem Zyklopen gefangen gehalten wird, stellt er sich mit „Niemand“ vor. Nachdem Odysseus später den Zyklopen Polyphem geblendet hat, um ihm zu entkommen und dieser bei seinen Zyklopenfreund*innen um Hilfe bittet, erweist sich dieses Wortspiel als hilfreich, da die Zyklopen Polyphem nicht zu Hilfe eilen, als er ihnen auf die Frage, wer ihn geblendet habe, antwortet: Niemand.

[5] Diese mythologische Analogie ist ebenfalls der Broschüre Namenlos entlehnt.

[6] Namenlos, S. 22 f.

[7] Vgl. https://barrikade.info/article/3468

[8] Zu finden beispielsweise auf der Webseite https://militanz.noblogs.org (Ich empfehle, auf diese Seite nur mit TOR zuzugreifen!)

[9] Konkret würde ich für den Einstieg „Maßnahmen gegen Observation“ und die Bullenpublikation „Kriminaltechnik Expertise“ empfehlen (ACHTUNG: Links verweisen beide auf militanz.noblogs.org. Ich empfehle die Verwendung von TOR).

[10] Ein Beispiel für soetwas ist die Broschüre bzw. das Buch Stein für Stein, die den Kampf gegen den Bau eines Gefängnisses in Belgien dokumentiert und reflektiert.

Corona und die große Panik – Eine anarchafeministische Bestandsaufnahme

Dieser Artikel wurde uns zugeschickt. Er wurde ursprünglich am 18. April 2020 bei Die schönen Rosen veröffentlicht.

Warum die Corona-Krise ein patriarchales, weniger ein medizinisches Problem ist

Eines gleich vorweg: Wir verhöhnen weder Kranke oder Tote, noch leugnen wir mutierte Viren. Wir stellen jedoch die uns so suggerierte vermeintlich hohe Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 in Frage und die daraus erfolgten massiven Freiheitsbeschränkungen sowieso. Und wir wundern uns vor allem, wie leichtfertig ansonsten scharfsinnige, kritische, kluge Frauen und andere Menschen in einer ihnen unheimlichen Situation, auf unbekanntem Terrain auf altbewährte patriarchale Herrschaftsmuster hereinfallen.

Was uns negativ in der Corona-Krise überrascht, sind nicht Regierungen und PolitikerInnen, die Kriegserklärungen abgeben (gegen wen eigentlich?) und zur Solidarität (ausgerechnet!) aufrufen; nicht „Qualitätsmedien“ und Nachrichtenheinis, die die Leute 24/7 mit Corona beschallen, dass man fast gar nicht anders kann, als in Panik und Hysterie zu verfallen; auch nicht die anständigen Staatsbürger, die meinen, Nachbarn und Fremde denunzieren zu müssen wegen zu wenig Abstand oder vielleicht einfach nur zuviel Fröhlichkeit, die aber ansonsten bei jeder Ungerechtigkeit immer schön die Klappe halten; es sind auch nicht Wissenschaftler, die uns überraschen, wenn sie aus fragwürdigen Quellen Geld beziehen – wes Brot ich ess, des Lied ich sing – und/oder in ihrer Eitelkeit Ruhm und Karriere anstreben; geschweige denn reiche Menschen, die bestenfalls selbstgefällig meinen, mit Geld die Welt retten zu können; oder gar Klopapierregaleleerkäufer – von all jenen erwarten wir nichts anderes als Heuchelei, Unaufrichtigkeit, Untertanentum, Machtstreben, Opportunismus – die tiefen Abgründe menschlicher Seelen eben, die deren Besitzer nicht bereit sind, zu bearbeiten. Was uns übel aufstößt, sind aufgeklärte, sonst mutige Menschen, insbesondere Feministinnen, die „Verschwörungstheorie“ und „Aluhüte“ schreien oder die alt-bewährte Nazi-Keule auspacken, sobald es eine wagt, die von früh bis spät vorgekaute Mainstream-Meinung nicht einfach so zu schlucken, sondern das eine oder andere in Frage zu stellen, zu widerlegen, auf dubiose Geldströme hinzuweisen. Als lebten wir eben nicht im Zeitalter des Kapitalismus, in der Kapitalisten aus jeder Situation Kapital zu schlagen versuchten. Als gäbe es nicht einen unguten Filz aus Politik, Geld und Macht. Als gäbe es keinen Dilettantismus. Als gäbe es keine Fälle von Zensur und Faschisierungstendenzen. Als hätte es in der Patriarchatsgeschichte nicht immer wieder Menschen, meistens Männer, mit Allmachtsphantasien gegeben. Mit Verlaub: Das finden wir naiv.

Frauenrechtlerinnen sollten es doch am besten wissen: Eine zugeteilte Aufgabe verpackt mit Schmeichelei und Schleimerei, bleibt eine heimtückische List, ein Wolf im Schafspelz. (Frauen können eben besser putzen, besser Windeln wechseln…) Auch mit Spaltung kennen wir uns sehr gut aus: die lieben und die biestigen Frauen, die schönen und die hässlichen, die Heiligen und die Huren; oder mit Ablenkung, um das eigenen Versagen zu kaschieren: „Warum hast du mich auch provoziert?!…“; oder mit schlechtes-Gewissen-machen: Frauen haben sich gefälligst in die Dienste anderer und eigene Ansprüche zurück zu stellen. Und wir wissen auch sehr gut, dass zugestandene Freiheiten, die von der Gnade eines Gebieters abhängen, keine Freiheit sind, sondern eine Knechtschaft, eine Unfreiheit, ein Gefängnis. Und was passiert jetzt in der Corona-Krise: genau das. Das Patriarchat in Reinkultur.

Was Punkt 1, Geschleime, betrifft, verweisen wir hier auf die Oster-Rede (11. April) von Frank-Walter Steinmeier, dem Architekten der Agenda 2010, der uns -hüstel- Solidarität und Zusammenhalt erklärt, dass uns schwindelig wird. Ganz zu schweigen von dem Balkon-Geklatsche, das eher ein Geschmäckle von Selbstbeweihräucherung hat, oder der neu entdeckten „Systemrelevanz“ (à la: Jetzt seid ihr wichtig, aber ansonsten seid ihr uns scheißegal). Daraus erfolgt dann die Spaltung in die Solidarischen und Unsolidarischen, die Klatscher und Verweigerer, die Systemrelevanten und die Überflüssigen. Das schlechte Gewissen folgt auf dem Fuße: Warum hast Du auch nicht statt 1,50 m nur 1,20 m Abstand gehalten, dann wäre der Mensch noch am Leben. In engen Öffis morgens zur Arbeit fahren, okay, aber sich anschließend mit zwei statt einer Freundin treffen oder gar alleine ein Buch auf einer Parkbank lesen, geht gar nicht, ist unsolidarisch und gefährdet Menschenleben. Die Schuldfrage ist geklärt. Die eigentlichen Schlawiner treten in den Hintergrund.

Wenn jetzt jemand an Luftnot stirbt, dann nicht wegen Luftverschmutzung; nicht wegen dreckiger und gefährlicher Arbeit (Asbestose, Staublunge); nicht wegen ökonomischer und systemischer Zwänge, die Menschenkörper und -seelen stressen, krank machen und voraltern lassen (Erwerbsarbeit); nicht wegen Massentierhaltung (Feinstaub, MRSA, Zoonosen) oder kaputt gesparten, auf Rendite getrimmten Gesundheitssystemen; nein, all das nicht, sondern wegen eines – wie es aussieht mittelmäßig gefährlichen – Virus‘, das von Asozialen, die sich nicht an die Regeln halten, übertragen wurde. Solch Asoziale eben, die Sozialkontakte wie die Luft zum Atmen brauchen, die sich mit ihren Liebsten an den ersten Frühlingsstrahlen erfreuen oder ihren Geburtstag feiern möchten – das sind die wahren Todbringerinnen.

Und Ihr taffen Frauenrechtlerinnen und anderen gescheiten Menschen macht bei diesen Patriarchatsmanövern mit: Ihr lasst Euch einschüchtern und verunsichern, spalten und aufwiegeln, paternalistisch bevormunden. Anstatt dem Übel an die Wurzel zu gehen. Wie leichtfertig Ihr auf diese Haltet-den-Dieb-Taktik hereinfallt, mit der die eigentlichen Täter – die Systemerhalter – mal wieder schön von ihren eigenen Schweinereien ablenken können. Wie widerstandslos Ihr Euch unsere – in der Vergangenheit von unseren Vorgängerinnen hart umkämpften – Freiheiten nehmen lasst. Das zeigt deutlich den Zustand unserer kaputten Gesellschaft, wie tief das Patriarchat selbst in emanzipierten Menschen verankert ist. „Niemand hat das Recht, zu gehorchen“, sagte Hannah Arendt.

Wir wagen mit Blick auf die Todesstatistiken, die sich auch in Italien im Rahmen saisonaler Schwankungen bewegen, auf die Heinsberg-Untersuchungen (Letalität 0,37 %, Mortalität 0,06 %), auf das durchschnittliche Sterbealter (> 80 Jahre) der vorgeblichen Covid-19-Toten (es werden ja nicht alle autopsiert) und deren Vorerkrankungen, die steile These, dass die Gefahr für die Allgemeinheit nicht SARS-CoV-2 heißt. Unabhängig von diesem speziellen Virus müssen Menschen im allgemeinen nun einmal mit Viren leben. Sie gehören zum Leben dazu wie Zecken, Scheidenpilz und letzten Endes auch der Tod. Das ist tragisch, lässt sich aber nicht ändern.

Die eigentliche und viel schlimmere Gefahr liegt mal wieder beim Menschen selber, beim System, in das er sich gebettet hat, dem Patriarchat in all seinen zerstörerischen Facetten. Die Durchseuchungsrate dieses „Virus“ liegt bei 100 %, seine Letalität übersteigt die von SARS-CoV-2 um ein Vielfaches. Die einzigen Heilmittel sind Enttarnung und Distanzierung.

Es bleibt zu hoffen, dass zumindest einige Menschen in diesem von oben verordneten Shutdown vielleicht doch ein Bewusstsein dafür entwickeln, auf welch wackeligen Beinen ihre angebliche Freiheit und ihre Existenz stehen, wo sie überall nicht selber bestimmen dürfen, sondern fremdbestimmt und bevormundet werden und von wem. Wer noch nicht völlig abgestumpft ist, wird vielleicht auch die klarere Luft bemerkt haben, den geringeren Lärmpegel. Angst und Unwissenheit waren noch nie gute Ratgeber, aber schon immer gute Manipulationsinstrumente. Wenn das überwunden ist, kommt der nächste Shutdown von unten.

[FAZ] Wegen alledem

Reaktion auf Artikel im Zündlumpen

Spiegelung der deutschen Fassung des Artikels, Ursprünglich veröffentlicht auf barrikade.info. Eine englische Fassung findet sich dort ebenfalls.

Wir möchten uns im Folgenden mit dem Artikel ’Wozu dann der Name?’ auseinandersetzen, der am 15.1.2020 im anarchistischen Wochenblatt ’Zündlumpen’ veröffentlicht wurde. Wir freuen uns über die ausführliche Auseinandersetzung mit den Texten der Feministischen Autonomen Zellen (FAZ), die prinzipiell positive Wahrnehmung der von den FAZ ausgeführten Aktionsformen und die Veröffentlichung von Gedanken dazu, die es uns ermöglicht, uns damit auseinanderzusetzen und darauf zu reagieren.

Wir entnehmen dem Artikel folgende Hauptstränge:
(1) Kritik an der (ausführlichen) öffentlichen Begründung von Aktionen der FAZ,
(2) Kritik an der Sammlung von Aktionen unter einem Gruppennamen, dem
(3) daraus resultierenden Entstehen von (vermeintlichem) Expert*innenstatus und Bindung von Aufmerksamkeit auf benannte Gruppen und der folgenden
(4) Unsichtbarmachung von Aktionen ohne Gruppennamen.

Anhand ausgewählter Textstellen aus dem Zündlumpen-Artikel möchten wir der Kritik in den Worten der*s Autor*in Platz geben und formulieren anschließend ein paar Gedanken dazu. Der komplette Artikel ist zu finden unter zuendlumpen.noblogs.org/post/2020/01/15/wozu-dann-der-name/, Zündlumpen Ausgabe Nr. 048. Für den englischen Text (s.u.) waren wir so frei, die ausgewählten Textausschnitte möglichst originalgetreu in Wortwahl und Ton zu übersetzen.

(1) „Interessierte [können auf indymedia] ein Bekenntnis einer »Feministischen Autonomen Zelle« (…) nachlesen, dass sich dieser Brandanschlag [Dezember 2019 gegen ein Bosch-Auto in Hamburg, barrikade.info/article/2957] (…) gegen Bosch als Entwickler von Sicherheits- und Überwachungstechnik richtete und zum Glück erlaubt es dieses Bekenntnis (…), Kritik an diesem Angriff zu üben (…) und außerdem fest[zu]stellen, dass unter dem Namen »Feministische Autonome Zelle« (…) noch ganz andere Aktionen stattgefunden haben (…) Spricht ein solcher Angriff nicht für sich? Und wenn nicht: Warum nicht? Zugegeben, ich könnte mir Situationen vorstellen, in denen ich das Bedürfnis haben könnte, einen Angriff kurz zu erläutern. Ein Hinweis auf das Betätigungsfeld eines Unternehmens, die Erkenntnis, dass die*der Besitzer*in eines Autos Politiker*in ist, die Information, dass ein Auto ein Zivilfahrzeug der Polizei ist, usw. Aber spätestens dann, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich ein ganzes Manifest verfassen müsste, um meinen Angriff zu erklären, würde sich mir die Frage stellen, inwiefern mein Angriff als Vorschlag dienen kann, die Herrschaft anzugreifen. Vielleicht soll er das ja gar nicht. Wenn ich häufig die seitenlangen Erklärungen lese, die Personen anlässlich eines Angriffes abgeben, gewinne ich nicht selten den Eindruck, dass diese Angriffe nur Vorwand sind, um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen. Eine Strategie, um Aufmerksamkeit zu erregen, sei es innerhalb einer »Szene« oder auch darüber hinaus. Eine Strategie, die leider viel zu häufig aufgeht.“

(Lange) Bekenner*innenschreiben sind für uns keine Rechtfertigung oder Versuche, unserer Sache abgeneigte Leute für unser Handeln zu erwärmen. Aber: Für uns ist zentral, Aktionen zu wählen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung für sorgfältige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. Dafür betreiben wir ausführliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. Genau so, wie wir Recherchen Anderer nutzen, können dann Weitere von unsrer Arbeit profitieren. Dass das funktioniert, zeigen etwa die Verweise auf die Recherche der FAZ in Bekenner*innenschreiben zu auf unsere folgende Aktionen gegen Bosch. Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklärend, halten wir zudem für eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverständlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden. Niedrigschwellig handeln heißt daher für uns auch, uns nochmal neu darauf zu befragen, was und warum wir Dinge tun, und das sichtbar bzw. lesbar zu machen. Zum Vorwurf, „Angriffe [seien] nur Vorwand (…), um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen“: Nein, denn direkte Aktionen gegen Herrschaft und Unterdrückung sind und bleiben für uns Selbstzweck. Und: Ja, denn natürlich wollen wir mit unseren Aktionen Effekte erzielen – durch die Verbreitung feministischer Ideen, möglichst große Sachschäden, Konsequenzen für unsere Anschlagsziele, z.B. auch durch mediale Aufmerksamkeit, wie etwa die breite öffentliche Kritik an der reaktionären christlichen Politik der ’Tübinger Offensive Stadtmission’ im Anschluss an die FAZ-Aktion um Weihnachten, 2019 https://de.indymedia.org/node/56865), die sogar kirchliche Institutionen teilten.
Queere, arme, „kranke“, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind ständig gezwungen, mehr oder minder öffentliche „Bekenntnisse“, „outings“ zu produzieren. Als Medium für selbstbestimmte Statements über unsere politischen Standpunkte, unsere Handlungen, wird es für uns ein emanzipatorisches Tool. Das umzudrehen und uns deshalb ein „persönliches Geltungsbedürfnis“ (Zitat 2) zu attestieren, steht für uns in einer Tradition der (oh, so projektiven) Pathologisierung von starken Frauenfiguren, insbesondere Frauen of Color, Queers & Feminist*innen. Warum könnt ihr uns nicht ertragen? Und wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort über unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren? Feministische Wehrhaftigkeit und insbesondere feministische Militanz werden immer und immer wieder unsichtbar gemacht und weggeredet. Entweder werden konfrontativen Aktionen feministische Inhalte abgesprochen oder feministische Kämpfe unterliegen dem Dogma der ’Gewaltfreiheit’. Daher finden wir wichtig, dieser Verbindung Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten Zündlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.

(2) „Während ich in einer Erklärung durchaus den Versuch sehen kann, die Hintergründe eines Angriffs zu erklären, scheint mir die Etablierung eines Namens viel eher Ausdruck eines persönlichen Geltungsbedürfnisses oder, wie es eine »Feministische Autonome Zelle« ausdrückte, der insgeheime Wunsh [sic] nach »Status« zu sein. Ich verstehe nicht, warum ein wiederkehrender Name »Kritisierbarkeit« schaffen sollte. Immerhin kann ich einen Angriff ja auch ohne ein solches Namensbekenntnis kritisieren. Egal ob ich meine Kritik mit »Unbekannte haben ein Auto abgefackelt« oder mit »Eine Feministische Autonome Zelle hat ein Auto abgefackelt« einleite, so kann sie doch in beiden Fällen mit »Deshalb halte ich diesen Angriff für fehlgeleitet« enden. Das gleiche gilt übrigens für eine positive Rezeption eines Angriffs. (…) [E]s erscheint mir nicht besonders sinnvoll, meine Meinung zu einer Handlung an einer Identität, an einer Reihe von Handlungen aus der Vergangenheit, die ein Profil einer Person oder gar einer Personengruppe schaffen, festzumachen. Wozu dieser militante »Lebenslauf« mit all seinen Referenzen?“

Im von der*m Autor*in zitierten FAZ-Gründungstext wurden einige Erfahrungen mit verschiedenen Organisierungsformen reflektiert, die mit zur Gründung der Zellen-Struktur geführt haben. Konkret hierzu ist unsere Erfahrung mit Aktionen ohne Gruppennamen – abgesehen von leider seltenen „outings“ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen – ein Schweigen nach außen über Organisierungsformen, Reflexionen und „Problemberichte“ – das sich unserer Ansicht nach über die Notwendigkeiten von Sicherheitskultur hinaus zu einer Art Tabu in der autonomen Szene verselbstständigt hat. Somit gab und gibt es aber auch kaum Erfahrungen, auf die andere und künftige Menschen sich beziehen und von denen sie lernen (oder sich abgrenzen) könnten. Und gleichzeitig wird auch innerhalb einzelner Strukturen meist geschwiegen über Zukunftspläne, größere Sorgen übers Leben und Älterwerden mit militantem Aktivismus. Wenn Gruppen es schaffen, nach außen anonym und ohne Namen zu handeln, aber intern nachhaltige Strukturen aufzubauen, diese stetig zu reflektieren und ihre Erfahrungen zu teilen, dann finden wir das bemerkenswert und toll. Für uns hat aber erst die Arbeit als FAZ ein committment zu langfristiger gemeinsamer Aktion und gegenseitiger Verantwortung – emotional, in Sachen Vertrauensbildung, Antirepression, gemeinsamer Professionalisierung… – bedeutet – und diese Belangen teilweise auch schon verwirklicht. Die Wahl eines öffentlichen Namens soll aber nicht nur Zwecke für uns erfüllen, sondern soll auch Bezugspunkt für Weitere sein und mehr kontinuierliche Gedanken und Diskussionen in der „Szene“ um uns herum anregen. Wann wurden schon mal (solidarisch und abseits der „Militanzdebatte“) einzelne anonyme no-name-Aktion öffentlich bzw. in der „Szene“ diskutiert? Und das auf dauerhafter Basis? Und wurde von den Angesprochenen darauf reagiert? Wir empfinden das als unwahrscheinlich und rar – auch, weil autonome Kleingruppen sich eben meist Event-bezogen oder kürzerfristig bilden, und oft nach einzelnen Aktionen oder spätestens mit dem nächsten „Lebensabschnitt“ ihrer Mitglieder zerfallen.
Was ist gemeint mit Kritisierbarkeit durch einen dauerhaften Namen? Als FAZ können wir unsere Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler über einzelne Aktionen hinaus sichtbar machen – was durch voneinander unabhängige, anonyme Einzeltexte eben nicht in dieser Weise möglich wäre. Und wir können so auch den größten Teil der Arbeit hinter Aktionen, der sonst verborgen bleibt, über einzelne Events hinaus thematisieren und sichtbar(er) machen – und z.B. aktionsunabhängigen Reflexionstexten (z.B. emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Auf-das-Feuer-hinter-den-Zellen-504) und Texten über nicht komplett erfolgreiche Aktionen wie die gegen Vonovia 2019 in Berlin ( emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Flammende-Solidaritat-mit-der-Liebig34-527) mehr Aufmerksamkeit ermöglichen, entgegen der patriarchalen Vorstellung „alles was zählt, ist die Aktion“. Denn: Es zählen auch die internen Prozesse, Emotionen, Umgänge mit Repression, Fehler und Scheitern, Spaß und all die Zwischenschritte, die halt auch verdammt viel Arbeit sind. Schon der Name FAZ positioniert uns feministisch und weist auf die Verbindung von Feminismus und klandestiner Organisierung hin, soll zum Diskutieren und Mitmachen bei explizit feministischen Militanzen anregen. Zudem erlaubt der immer wieder auftauchende Name Lesenden eine Einordnung von Aktionen in eben den theoretischen Rahmen, den die FAZ mit ihren ersten Texten gesetzt haben, sowie dessen Erweiterung und Kritik. Dass Aktionen oder Konzepte unter dem Namen der FAZ nicht nur theoretisch kritisierbar sind, sondern das auch getan wird und hilfreich sein kann, beweist ja der Zündlumpen-Artikel selbst.

(3) „[Solche Dynamiken, dass] ich einem Namen, unter dem bereits viele Angriffe begangen wurden, einen Expert*innenstatus einräume, (…) sind (…) absehbar und – ich behaupte – von denjenigen, die sich einen wiederkehrenden Namen geben, in der Regel gewollt. Wer Angriffe als Handlungsvorschläge versteht – und davon gehe ich aus, wenn von Reproduzierbarkeit und Einfachheit, sowie einem DIY-Charakter die Rede ist –, die*der sollte vielleicht auch darauf achten, dass das eigene Auftreten diesen nicht im Wege steht. (…) [Es geht] (scheinbar) gar nicht darum (…), Angriffe im Allgemeinen, wie sie täglich stattfinden, sichtbar zu machen, sondern eher darum, die eigenen Angriffe in große Worte zu kleiden.(…) [F)ür mich fallen darunter nicht nur die – oft betrunkenen – Bekenntnisse, um anderen zu imponieren oder sie zu beeindrucken, sondern auch die vergleichsweise nüchternen Bekenntnisse unter einem wiederkehrenden Namen. Auch diese Bekenntnisse führen zu einer Idolisierung einer bestimmten Gruppe oder auch nur eines Namens.“

Bestimmt haben Entscheidungen für und gegen Organisierungsformen solche und solche Folgen: Sie ermöglichen Dinge, die wir uns erhoffen, haben aber auch nicht abgesehene oder unerwünschte Nebenwirkungen. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Unterstellung einer absichtlicher Herstellung von Hierarchie mal nicht (nur) feministisch-herrschaftskritischen Strukturen vorgeworfen würden, sondern auch und vor allem eben solchen Polit-Strukturen, in denen Mackertum und Angeberei ganz offen und unhinterfragt bestehen, akzeptiert oder sogar stolz vor sich hergetragen werden. Die hier vorgetragene Argumentationsweise erleben wir oft als Doppelmoral, mit der z.B. queere_feministische Akteur*innen delegitimiert werden. Auf welcher Ebene oder von wo herab wird hier theoretisch kritisiert und wessen Anerkennung sollen wir da erstreben?
In gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen uns Gehorsam vor Autoritäten, Individualismus, Wissenshierarchien und Informationshoheiten als normal und richtig dargestellt werden, läuft emanzipatorischen Projekten alles zuwider. Aber wir probieren es – explizit nicht mit dem Anspruch, „Expert*innenstatus“ innezuhaben, sondern weil wir es ganz notwendig finden, mit dem, was wir eben zum aktuellen Zeitpunkt können und wissen – anzufangen. Wenn wir Dinge herausfinden und lernen, die Anderen helfen können, dann geben wir sie gerne weiter. Wenn wir etwa einzelne Aktionsformen genau beschreiben, dient das dazu, sie niedrigschwelliger zu machen; und bewusst wurden von Zellen auch immer wieder Aktionen mit geringerem Aktionslevel ausgewählt, z.B. die Angriffe auf Amazon Locker mit Farbe und Werkzeug in Freiburg und Berlin 2019 (barrikade.info/article/2517 und emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Auch-Amazon-ist-kein-guter-Nachbar-Amazon-Locker-angegriffen-528).
Unsere Organisierungsform bedeutet für uns viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken und läuft stets anonym. Status, der FAZ-Aktionen vielleicht oder vielleicht auch nicht zugeschrieben wird, werden wir also ohnehin nie persönlich „genießen“ – aller Fame gilt feministischen Ideen und Strategien, aller Aufwand der nachhaltigen Organisation militanten Widerstands gegen die autoritäre, patriarchale Gesellschaft.

(4) „[Beeindruckte Reaktionen auf FAZ-Aktionen scheinen mir] beinahe unvermeidbar, während gleichartige Angriffe, vielleicht sogar kreativere, inhaltlich ausgefeiltere, elegantere und vor allem reproduzierbarere zugleich meist ungehört verhallen.“ (…) „Dadurch, dass sich zu diesem Angriff [auf einen Amazon-Locker mit Farbe in Berlin] als »FAZ« bekannt wurde, erfuhr dieser, so behaupte ich, insgesamt mehr Aufmerksamkeit als viele andere, in dieser Zeit ebenfalls stattfindenden Angriffe ähnlichen Inhalts (…). Indem (…) der eine Angriff unter einen wiederkehrenden Namen gestellt wird, der ihn mit weiteren Angriffen und zum Teil auch einer theoretischen Einbettung bündelt, scheint er mir verhältnismäßig stärker wahrgenommen zu werden. Das liegt meines Erachtens nach daran, dass auch ein Name, unter dem sich zu Angriffen bekannt wird, idolisiert wird. Freilich ist das zumindest auch die Schuld derer, die einem Namen eine solche Autorität zugestehen, aber da ich in einem solchen Namen kaum einen anderen Sinn sehe, denke ich, dass auch diejenigen, die ihre Angriffe mit einem Namen signieren, ihren Teil dazu beitragen.“

Die Hierarchisierung von FAZ-Aktionen gegenüber Aktionen ohne Namen empfinden wir als einen wichtigen Kritikpunkt. Wir stehen zur Diversität von (Organisierungs-)Taktiken und solidarisch mit allen feministisch-herrschaftskritischen Aktionen, auch und gerade, wenn sie anonym verübt werden, und wünschen uns für all diese Aufmerksamkeit und Credit, in der Szene und darüber hinaus. Und uns ist klar (geworden), dass die Arbeit mit Gruppennamen das eher ermöglicht. Das kann für uns aber kein Argument sein, unsere Aktionen (auch) verhallen zu lassen, zumal auf unsere spezielle Position verschiedene Unsichtbarmachungen wirken: etwa als linke gegenüber mainstream-Themen, militante gegenüber bürgerlichen Protestformen, feministische Auseinandersetzungen gegenüber Mackerei und männlich dominierten linken Themen. Wir denken, dass es unermessliche Kräfte mobilisiert, Bezugspunkte zu setzen, an deren Existenz Andere sich freuen, die sie nachmachen, auf die sie sich – jetzt oder in der Zukunft – beziehen können. Wie das Problem der Hierarchisierung lösen, darauf haben wir keine abschließende Antwort – und an solche glauben wir eh nicht. Als einen Versuch, Aufmerksamkeit auf Aktionen besser zu teilen, schließen wir an diesen Text eine Chronik verschiedener feministischer militanter Aktionen der letzten Zeit an.

Abschließend bedanken wir uns bei der*m Autor*in und dem Zündlumpen für die kritische Auseinandersetzung mit FAZ-Themen und deren Veröffentlichung, die uns Anstoß für viele Gedanken und Gespräche gegeben hat. Mit diesem Text hoffen wir, eine verständliche und hilfreiche Sammlung einiger Gedanken dazu bieten zu können, und freuen uns auf künftigen solidarischen Austausch. Gruß und Kuss,

eine Feministische Autonome Zelle

Chronik: Gegen die Unsichtbarkeit – für feministische Militanzen!

Wir haben ein bisschen recherchiert auf chronik, zündlumpen, barrikade, indy und so weiter und einige feministische Aktionen zusammengetragen. Lasst euch inspirieren!

17.12.18 Hamburg, Steine und Farbe gegen die glänzende Fassade eines Neubaus, Soligrüße an die Liebig34
01.02.19 Berlin, Farbe und Glasbruch bei Brasilianischer Botschaft in Solidarität mit dem feministischen, queeren und antifaschistischen Widerstand in Brasilien
01.02.19 Berlin, Farbe gegen İşbank zur Verteidigung der feministischen Revolution in Rojava
11.02.19 Berlin, Zalando Zentrale angegriffen: „Jeder Tag ist queer-feministischer Kampftag!“
07.03.19 München, feministische Graffiti von „Fantifa“ bis „Krieg dem Patriarchat“ in der Nacht vor dem 08. März aufgetaucht
08.03.19 Berlin, Dr. House Fahrzeug angezündet: „Für den polymorphen Angriff auf die patriarchalen Zustände!“ (Liebig34 Soli)
11.03.19 Schmidhausen, Farbe gegen Haus und Auto von antifeministischer AfD-Politikerin Carola Wolle
14.03.19 Frankfurt (aM), als Beitrag zur feministischen Offensive Burschenschaft Arminia mit Farbe angegriffen
18.03.19 Frankfurt (aM), als Beitrag zu der ausgerufenen Feministischen Offensive Katholische Deutsche Studentenverbindung Badenia Straßburg mit Farbe angegriffen
24.03.19 Hannover, im Nachklang des 8. März Buschenschaft „Akademische Landsmannschaft Niedersachsen“ und „Pennälerverbindung Honovere“ mit Farbe angegriffen
06.05.19 Berlin, feministsicher Zusammenhang markiert Fassade von antifeministischen Vereinen und Einzelpersonen
23.04.19 Berlin, wütende Queers zerstören Fassade eines Hauses (Liebig34 Soli)
20.06.19 Berlin, Apostolische Nuntiatur (Deutschlandsitz des Papstes) wird mit Farbe angegriffen
24.06.19 Rheinland, Feministische Baggerbesetzung im Tagebau Hambach
25.06.19 Leipzig, Straßenbaumaschine von Knastbauer Eurovia-Vinci brennt in Leipzig, grüße gehen an die gefangenen Anarchistinnen Anna und Sylvia im Hungerstreik
20.07.19 Berlin, ASW Bürogebäude von FLINT-Aktionsgruppe angegriffen
24.07.19 Berlin, FLTI* Gruppe gegen Verdrängungsakteur Dr. House
25.07.19 Wuppertal, in Solidarität mit Liebig34 Vonovia Transporter angezündet
29.07.19 Berlin, FLINT*-only Gruppe greift ASW zum 3. Mal in kurzer Zeit an
06.08.19 Freiburg, Amazon Locker von einer FAZ zerstört
13.09.19 Berlin, drei Autos der Deutsche Wohnen angezündet – antimilitaristisch, feministisch, antifaschistisch und unverhohlen gegen die Stadt der Reichen
30.09.19 Freiburg, Vonovia Auto angegriffen in Solidarität mit der gefangenen Primbo
01.10.19 Berlin, autonome FLINT*-Gruppe: Farbattacke auf das Amtsgericht Lichtenberg
06.10.19 Berlin, „Einbruch bei Pro Femina e.V. – Für den Feminismus!“
23.10.19 Berlin, Angriffe auf Anwaltsbüro und Immobilienfirma wegen Verdrängung
29.10.19 Berlin, Farbe und Glasbruch auf Baustelle eines Luxusquartiers
02.11.19 Berlin, Randale auf Liebig34 Demo und Angriff auf Bußgeldstelle der Polizei
11.11.19 Berlin, zwei Geldautomaten auf Eigentum von Padovicz flambiert (Liebig34 Soli)
13.11.19 Berlin, Glasbruch und SUV mit Buttersäure zerstört in Aktion gegen Familie Tragsdort, mitverantwortlich für den Liebig34-Verdrängungsversuch
15.11.19 Geisenheim, am Bürogebäude der Rüstungsfirma Ferrostaal Feuer gelegt durch das Kommando Hêlîn Qereçox/Anna Campbell
15.11.19 Berlin, Liebig34-Prozess ein Desaster „Nippel, Blut und Bomben/liebig34 unstoppable“
01.12.19 Hamburg, Bosch Auto von einer FAZ abgefackelt
14.12.19 Berlin, eine FAZ greift in Solidarität mit der Liebig34 ein Vonovia Auto an
08.12.19 Berlin, SPD-Parteizentrale mit Farbe angegriffen, Soli nach Rojava und an die Liebig34
13.12.19 Frankfurt (aM), anlässlich des Prozesses gegen die Liebig34 mit Hammerschlägen und Stinkeflüssigkeit Gewerkschaft der Polizei einen Besuch abgestattet
16.12.19 Berlin, wieder ein Amazon Locker von einer FAZ angegriffen
19.12.19 Berlin, Glasbruch bei der Immobilienagentur Next Estate GmbH in Solidarität mit der Liebig und anderen bedrohten Projekten
20.12.19 Berlin, FLINT only und gemischten Bezugsgruppen greifen in Aktion gegen Verdrängung drei SPD-Büros an
27.12.19 Tübingen, Evangelikale antifeministische TOS von einer FAZ angegriffen
31.12.19 Berlin, Dem Lokalcholeriker den SUV genommen – Antifeminst Gunnar Schupelius muss laufen.
31.12.19 Berlin, Silvester zum Frauen*knast! „Das Patriarchat soll sich an uns die Zähne ausbeißen“
09.01.20 Berlin, Farbanschlag gegen die St. Elisabeth-Kriche für ihre Propaganda zum „Marsch fürs Leben“
26.01.20 Berlin, Fassade des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg in Solidarität mit der Liebig34 beschädigt
28.01.20 Hamburg, Telekom Karre in Hamburg, in Solidarität mit der Liebig34, in die Knäste und an jene in der Klandestinität
28.01.20 Berlin, Soli-Aktion für die Liebig34, einige flauschige Unicorns nutzen Farbe gegen GreyStay Apartments: „Lasst uns mit glitzernden Pflastersteinen ihr Patriarchat einreißen!“
30.01.20: Karre von Padovicz Anwalt (Liebig34-Verdränger) Ferdinand Wrobel geschrottet
30.01.20 In den Morgenstunden vor Räumungsprozess gegen die Liebig34 Glasbruch bei zwei Büros
31.01.20 Berlin, 3 Thyssenkrupp Autos angezündet in Solidarität mit Rojava, den Festgenommenen bei der linksunten-Demo und der Liebig34
02.03.20 Frankfurt (aM), Auto von Pick-Up-Arschloch Marko Mitrovic zertrümmert
08.03.20 Lüneburg, Farbbeutelwürfe bei feministischer FLINT* Sponti
08.03.20 Nürnberg, inspiriert von kämpferischer 08. März Demo mehrere Vonovia-Transporter beschädigt
08.03.20 Frankfurt (aM), Aufruf und erste Aktion: Sexisten beklauen – Sachen mit sexistischem Inhalt klauen
19.03.20 Berlin, Fahrzeug von Bosch in der Ostseestraße angezündet und in der folgenden Nacht ein Fahrzeug von Dr. House Solutions (gehört zum Firmengeflecht Padovicz)
27.03.20 Hannover, Scheiben bei Verdrängungsunternehmen Delta Fonds eingeschlagen

Thesen zum Scheitern der Linken im allgemeinen

Es fällt den fraglichen, radikaleren Linken schwer, sich einzugestehen, bei welchen verheerenden Massnahmen sie gerade als – mindestens – propagandistischer Flügel mitgewirkt haben. So ist es klar, dass all jene, welche diese Massnahmen kritisiert haben, mit irgend einem Label angeschmiert werden müssen, welches sie in eine rechte Ecke stellt. Und wieso nicht Sozialdarwinismus?

Die Konkret hat meinen Artikel „Tod den Statistikern“ in ZL Nummer 64 als „sozialdarwinistisch“ und „links“ eingestuft (1). Beides Etiketten von Ideologien und Bewegungen welche ich ablehne. Ich will hier dabei auf den Artikel antworten, welcher auf Englisch gratis im Netz verfügbar ist. Ich beziehe mich dabei auf die englische Version, da mir das Bezahlen eines Artikels zu blöd und zu teuer ist. Leider bin ich arm, und falls ich mal Geld hätte, sollte ich mich vielleicht lieber um eine Krankenversicherung bemühen als mein Geld für die Konkret hinauszuwerfen.

Der Artikel, in dem die fragliche Anfeindung geschieht, fasst die gegenwärtigen Klischees über was es bedeute, wenn man den lockdown und Co. ablehnt, bestens zusammen. Die Kritik verlässt dabei nicht ein einziges Mal den Bereich der Ideologie, weil es klar ist, dass ausserhalb der Ideologie die Individuen die man in die Kategorie „Risikogruppen“ steckt, durchaus nicht die Profiteure des ganzen Regimes waren, sind und sein werden. Vielmehr steigt statistisch (und mehr als um eine statistische Gruppe handelt es sich ja nicht, auch wenn die hier kritisierten sich vielleicht gern als Repräsentanten sehen würden) das Todes-, Armuts- und Krankheitsrisiko gerade dieser Gruppen zurzeit massiv an. Das kann sich jeder ausrechnen, der die gegenwärtige Gesellschaft auch nur ein bisschen verstanden hat. Und da „im Kampf gegen Corona“ – nur so ganz nebenbei natürlich – eine komplette präventive Konterrevolution stattgefunden hat, sich gerade die Linke bis in ihre radikalen Gefilde selbst für diesen Kampf, das heisst: für die Konterrevolution, mobilisiert und ansonsten grösstenteils demobilisiert hat… Ist davon auszugehen, dass die gegenwärtige Gesellschaft so leider noch etwas weiterbesteht. Zumindest aber wird die Revolution von der Fraktion #stayathome nicht ausgehen, welche in ihrem „Einvernehmen mit der Polis, dem Staat“ (Herbert Marcuse) so solidarisch war, der Polizei und dem Militär die Strasse zu überlassen. Dass die kommenden und stattfindenden Revolten und Aufstände weitergehen werden, dass das Zusammenbruchsszenario, dass sich vor unseren Augen abspielt, nicht aufzuhalten ist… dass jede chaotische Revolte, wenn sie auch katastrophal verläuft, für uns ein Lichtblick sein wird im Vergleich zu den Bürgerkriegs- oder lockdown-Regimes, oder vielleicht sogar dem Weltkrieg (wer lacht da?!), welche jetzt bevorstehen, sei nur so subtil angedeutet. Und auch eine politische Revolution wird daran nichts ändern. Diese ganze Zivilisation sollte endlich im Orkus verschwinden, zu dieser Erkenntnis werden vielleicht bald Milliarden von Menschen gelangen. Welche sich effektiv um die Krankenhausbedingungen in Europa wenig kümmern werden, ebensowenig um den Nationaldünkel gewisser Linker, etc. Denn das tun sie jetzt schon nicht. Sie werden nämlich mehr an ihren Hunger denken und vielleicht auch an ihr komplettes Ausgeschlossensein aus der schönen hygienischen Welt wo die Corona-App oder irgendwas vergleichbares ihnen den Zugang verwehrt. Wer weiss.

Wenn der totale Gesundheitsprotektionismus kritisiert wird, dann muss das ja sozialdarwinistisch sein, sagt die Konkret. Die neueste Stufe der Enteignung, oder zumindest deren aktuelle Formalisierung, nämlich das Verbot, über den eigenen Körper und das gesundheitliche Risiko, welchem man diesen aussetzt, zu verfügen, ist ja eigentlich das, was in meinem Artikel kritisiert werden sollte. Diese Enteignung betrifft ja jetzt gerade alle, nicht nur die sogenannten Risikogruppen, welche man als Grund angibt, und welche davon in der bestehenden Gesellschaft ja immer besonders betroffen waren und sind. Und wie ja auch schon darauf hingewiesen wurde: diese Enteignung war eben auch eines der Motti der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik: „Deine Gesundheit gehört nicht dir„.

Da die nationalsozialistische Art dieser Enteignung sich dabei eben vor allem durch ihre sozialdarwinistische Ideologie und Praxis von der heutigen unterscheidet, ist es wohl eines der letzten Argumente, welche für all die leider all zu realen „Massnahmen“, für diese despotische Masseneinsperrung, hergeholt werden können. Aber leider bleibt der ganze Solidaritätsdiskurs eine lächerliche Heuchelei. Wer es sich immer noch so zurechtreden will, als wäre mit Corona (welches auch Bestandteil der Grippe wäre, wenn es besonders gefährlich wäre – also vielleicht nicht „nur“ (was eine andere Diskussion ist), aber zumindest „eine“ Grippe) eine besonders soziale Phase der gegenseitigen Hilfe eingeleutet worden, der ist schlicht noch geblendet von propagandistischen Manipulationen welche bei linkstümlerischen Menschen scheinbar besonders gut ziehen. Oder er hat sich ein autoritäres Regime schon lange herbeigewünscht?

Zumindest persönlich respektiere ich nur die Basis der Freiwilligkeit als Grundlage zu Beziehung. Ansonsten stellt sich da schnell eine gewisse Feindseligkeit ein. Wenn nun effektiv Leute von mir Verlangen, ich solle mich um ihretwillen „zuhause“ einsperren, und ich mich weigere, und eben letztlich davon absehe, sie zu schlagen, auch wenn ich mein logisches Recht dazu behaupte, dann hat das nichts damit zu tun, dass ich diese als „lebensunwertes Leben“ betrachte. Auch wünsche ich mir keine „Herrschaft der Natur“ über sie, was auch immer das bedeuten soll. Vielmehr fände ich es durchaus schön und bin auch bereit dazu, in einer Welt der gegenseitigen Hilfe zu leben, in welcher die Realität all der „Risikogruppen“ nicht in Heime abgeschoben wird… aber ehrlich gesagt auch eine Welt, in welcher der Tod weder abgeschafft ist noch als Hauptfeind betrachtet wird, sondern als Bestandteil des Lebens. Wahrscheinlich wäre meine Utopie eine Dystopie für Bloch und Stephan Weigand und Rebecca Maskos. Die hoffen auf eine weitere Entwicklung des technologischen Albtraums, in welchem man das Leben fürs Überleben aufopfert, sei’s auf der Arbeit, im lockdown, überall… in welcher Einsperrung ein ewiger Bestandteil ist, als normal und lebenswert gilt. Nein Danke! #stayathome ist wohl in etwa das exakte Gegenteil einer „besseren, befreiten Gesellschaft„. Das „Versprechen des längsten und bestmöglichen Lebens„, ist das Versprechen welches euch das „falsche Ganze der Herrschaft“ (letzte 3 Zitate aus Konkret, Go die!) akzeptieren lässt. So scheint es zumindest.

Im Gegensatz dazu wird die Revolution wie ein Fest sein. Ein Fest das hoffentlich niemals enden wird. An dem alle teilnehmen können, „ob jung oder alt, rollend oder humpelnd, „multimorbid“ oder sehr normal“ (Konkret). Was zählt ist den Bereich der Angst zu verlassen, der Angst vor dem Tod nicht zuletzt. Denn, wie ein Sticker, welcher an vielen Strassenecken hier zu sehen ist, sagt: „Die Angst vor dem Tod raubt uns den Mut zu leben„. Und klar wird dabei gestorben werden. Klar wird dabei auch früh gestorben werden. Aber ohne die Opferung, ohne den Tod im Leben, welcher unser heutiges Leben so oft ausmacht.

Leben, nicht blosses Überleben! Für die Zerstörung der Ökonomie! Für ein Ende mit jeglicher Einsperrung!

(1) Rebecca Maskos/Stephan Weigand – Go die! -Corona crisis shows that social Darwinist ideas are taken up by left wing politic / respektive auf deutsch, laut website: Geht sterben! Die Corona-Krise zeigt, dass auch in der Linken sozialdarwinistisches Gedankengut verbreitet ist. In Konkret 7/2020. Zitate aus dem Text habe ich aus dem Englischen rückübersetzt und mich an Wortwahl nicht allzu sehr aufgehangen, schliesslich kenne ich die exakte Wortwahl nicht…

Im Anarchie-Test durchgefallen …

Eine Antwort auf die Antwort auf eine Kritik (Zündlumpen Nr. 065, „Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen“) von mir an dem Artikel „Neulich im Supermarkt … ‚Der Ball muss rollen‘!“ von nigra.

Vielleicht mag es irrelevant erscheinen, aber ich würde zu Beginn doch gerne etwas zu meinen Ansichten klarstellen. Zu Beginn deines Artikels unterstellst du mir, ich sei „jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und Radikalität für sich gepachtet zu haben scheint.“ Eine Polemik deinerseits, geschenkt, aber wenn du darauf folgend einige Anführungszeichen in meinem ursprünglichen Text deutest, quasi als Beweis dieser These, so muss ich dir sagen, dass du irrst. Nicht dass ich die FdA ernst nehmen würde – um das überhaupt in Erwägung zu ziehen, müsste mir dann doch zuerst einmal irgendwer plausibel erklären, was der Zweck dieser Organisation sein soll, ohne dass diese Erklärung eine Umschreibung des Begriffs „Organisation“ selbst darstellt –, aber das heißt noch längst nicht, dass ich dich oder irgendeine andere Person als Anarchist*in nicht ernst nehmen würde, wenn du/sie erklärt, du/sie sei(st) Anarchist*in. Für mich stellt der Begriff Anarchist*in keine Identität dar und auch wenn ich mich selbst ebenfalls als Anarchist*in bezeichnen würde, stört es mich nicht, dass wir trotz dieses geteilten Labels offensichtlich nicht besonders viele Ideen teilen. Wenn ich einen Begriff wie „FdA-Mitglied“ in Anführungszeichen setze, dann eigentlich vielmehr, weil ich mich eigentlich ein bisschen schlecht fühle, dich auf deine Mitgliedschaft bei der FdA zu reduzieren, was ich ja begrifflich dennoch – aus funktionalen Gründen – unweigerlich tue. Und um das eben ein wenig abzuschwächen setze ich diese lächerlich-identitäre Phrase dann eben in Anführungszeichen. Gleichermaßen gilt das freilich auch für den Begriff „radikale Linke“. Meinetwegen kann sich also durchaus „jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zählen“, mir ist das gleich, nur fühle ich mich ein wenig schlecht, wenn ich über die „radikale Linke“ spreche, als wäre das eine allgemeine Identität und deswegen setze ich das dann eben in Anführungszeichen – nicht die beste Lösung, das gebe ich zu, aber pragmatischerweise dann eben doch häufig das Mittel der Wahl. Ironischerweise zähle ich mich selbst übrigens gar nicht zur „radikalen Linken“. Wenn du also meinen (streng geheimen) „Anarchie-Test“ bestehen wollen würdest – ich wüsste übrigens auch nicht warum du das wollen solltest –, dann hättest du sicherlich bessere Chancen, wenn du dich da auch nicht dazu zählen würdest. ;-)

Was soll nicht alles meine Sache sein?

Nun, nachdem ich nun meine Anführungszeichen-Motivation so ausführlich dargelegt habe, kann ich eigentlich auch gleich etwas zu meiner nicht vorhandenen moralischen Motivation sagen, nach der du fragst. Deine ~grundlegende~ moralische Motivation beschreibst du folgendermaßen „Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden“ und weil ich diese Motivation für mich verneine fragst du dich zurecht, was denn verflucht noch mal meine Motivation, Anarchist*in zu sein ist. „Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufällig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen“, schlägst du vor. Warum nicht? Aber ich denke das ist nicht meine Motivation, sondern vielmehr die Konsequenz daraus. Ich denke ich würde meine Motivation Anarchist*in zu sein recht egoistisch beschreiben, vielleicht mit „Mir geht nichts über Mich!„, naja vielleicht nicht ganz so angestaubt, vielleicht lieber „Meine ~Motivation~ Anarchist*in zu sein ist es selbst ein Leben jenseits von Herrschaft zu führen“? „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!„, mag dir da in den Sinn kommen. Aber ganz ehrlich, bei deiner ~Motivation~ frage ich mich etwas dieser Art: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.

Hmm, jetzt werde ich wieder polemisch … Naja, legen wir den Stirner wieder beiseite, der ist prädestiniert für Polemik, du machst schließlich auch noch ganz gute weitere Vorschläge, was meine ~Motivation~ – oder sagen wir besser eine Konsequenz daraus – sein könnte: „Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist?“ Ich würde vielleicht noch bescheiden ergänzen, dass „Erneuerbare Energien“ die Zivilisation aufrechterhalten und Teil der technologischen Herrschaft sind, aber ansonsten würde ich deinen Vorschlag durchaus übernehmen. Nur die „Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen“, da muss ich passen. Ich denke das Stromnetz zerstören, das wäre da aus meiner Sicht die passendere Perspektive, wenn du schon fragst. Das ist eine „Schwarz-Weiß-Welt“ „ohne Zweifel und Kompromisse“? Du machst dir ja keine Vorstellungen …

Aufbruch in die kybernetische Gesellschaft?

Als du in deinem ursprünglichen Text „Neulich im Supermakt … ‚Der Ball muss rollen'“ schriebst, dass ~unsere~ – wer ist dieses wir?! – Motivation auch jetzt sein sollte, „Leid zu minimieren“ und dabei vorschlugst „Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. Und „zurücknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“, was wolltest du damit zum Ausdruck bringen? Ich warf dir daraufhin in meinem Text (Zündlumpen Nr. 065) vor, zum Gehorsam aufzurufen, was du nun von dir weist, mit den Worten „Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch wenn es mir sicherlich erheblich an „gesundem Menschenverstand“ mangeln muss, weil ich so gar nicht verstehen kann, wie – und ebenso was und warum – es helfen soll, die „Ausbreitung [des Virus] zu verlangsamen“, wenn ich all das von dir vorgeschlagene tue, bin ich es dennoch Leid, hier die tausendste Neuauflage der Diskussion um die „Gefährlichkeit“ des Coronavirus durch die Brille der Wissenschaft zu führen. Ich bin sicher, dass diese Frage in naher Zukunft von all jenen, die diesen Streit so leidenschaftlich führen, zur Genüge aufgeklärt werden wird. Was auch immer dabei herauskommen mag, für mich spielt es nicht den Hauch einer Rolle: Mag sein, dass ich mich selbst anders vor einer Infektion ~geschützt~ hätte, wenn mir eine glaubhafte Statistik vorgelegt worden wäre, die gezeigt hätte, dass die Hälfte oder wenigstens ein Drittel der Infizierten am Virus verrecken, aber unter keinerlei Umständen hätte mich das dazu verleitet, mich selbst zu Quarantänisieren und schon gar nicht, soetwas von anderen einzufordern (was sollte das auch für einen Sinn ergeben). Und eben das ist die Debatte, die wir beide hier führen: Ist es zum Wohle einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Mehrheit der Menschen vertretbar, sich selbst „zurückzunehmen“? Ich hatte ja Eingangs bereits mit Stirners Worten gesprochen, also will ich hier versuchen, das noch einmal mit eigenen Worten zu umschreiben, bzw. meine eigene – sicher graduell unterschiedliche – Perspektive dazu auszuformulieren:  Es ist die herkömmliche Legitimation der Zivilisation – und oft auch des Staates als schlichtender Akteur –, die Interessenskonflikte zwischen Individuen und die „Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten der Freiheit anderer“ auf diese Weise zu beschreiben: Statt zu sagen, diese*r oder jene*r solle sich zum Wohle anderer oder zum Wohle der Allgemeinheit „zurücknehmen“, könnte ich auch sagen „die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ oder irgendeine ähnliche weitverbreitete und doch inhaltsleere Phrase. Ob es nun der Staat ist, der diese „Freiheit“ des Individuums, die als von anderen Individuen bedroht interpretiert wird, „garantiert“ oder eine (anarchistische oder weniger anarchistische) Moral, das scheint mir nur eine Frage der Form zu sein. Es ist aus meiner Sicht auch der am wenigsten interessante Aspekt: Viel wichtiger finde ich die Fragen: Bedrohen die Individuen sich wirklich gegenseitig in ihrer Freiheit? Wie groß ist diese Bedrohung und wie groß ist sie im Verhältnis zur Bedrohung der Freiheit durch die Etablierung einer Moral oder der diskursiven Allgemeinheit? Ich bin überzeugt, dass es immer Konflikte zwischen Individuen geben wird, dass diese Konflikte auch immer wieder mit Gewalt gelöst werden werden und dass das unzivilisierte Individuum immer auch die „Freiheit eines anderen einschränken“ wird, wie es die bürgerlich-demokratische Ideologie beschreibt. Dagegen kann sich ein einzelnes Individuum ebenso wie mehrere Individuen zugleich stets zur Wehr setzen oder auch nicht, ich kann einen Konflikt auf Leben und Tod austragen oder nachgeben, ich kann mich rächen, ich kann auf Rache verzichten, ich kann kämpfen und ich kann sterben. Jedoch aus Angst vor dem ungezähmten Individuum irgendeine Institution, sei es die des Staates oder die der Moral, zu errichten, die über jedem Individuum steht und die die Konflikte zwischen Individuen zivilisiert und in bestimmte Bahnen lenkt, das ist für mich die eigentliche Bedrohung der Freiheit. Denn das ist für mich der Beginn von Herrschaft. Und das (vermeintliche oder tatsächliche) „Wohl der Allgemeinheit“ verweist auf eine ebensolche Institution, nämlich gewissermaßen auf die der Gesellschaft, die der Zivilisation selbst. Und daher kann ich es nur ablehnen, das „Wohl der Allgemeinheit“ als Maßstab für mein Handeln anzuerkennen!

Was sich speziell anlässlich des Coronavirus hier vielleicht noch anmerken lässt, ist, dass sich hier ganz deutlich gezeigt hat, wie die Herrschaft sich solch utilitaristischer Argumentationsmuster ganz bewusst bedient, um ihre Interessen durchzusetzen. Denn auch wenn mir noch immer unklar ist, was das ~vernünftige~ Interesse der Herrschaft gewesen sein soll – aber die Herrschaft handelt ja nicht notwendigerweise ~vernünftig~ –, die Menschen einzusperren und gegen sich aufzubringen – siehe all die Rebellionen und Revolten weltweit –, außer dass man vielleicht ausprobieren wollte, was die Menschen sich alles gefallen lassen und wie weit man gehen kann, so ist doch deutlich erkennbar, dass sich mit der Entscheidung, Ausgangssperren zu verhängen, Mundschutz vorzuschreiben, usw. auch von einem Tag auf den nächsten die – ach so objektiven – wissenschaftlichen Einschätzungen gewandelt haben: War der Mundschutz anfangs noch als kontraproduktiv gebrandmarkt worden – da, als du ihn wohl schon auf Empfehlung spanischer Anarchist*innen getragen hast –, galt er plötzlich als essentiell und all diejenigen, die nicht über Nacht einen solchen parat hatten oder einfach keine Lust verspürt haben, einen zu tragen, wurden in der Öffentlichkeit, von den Medien, der Polizei und den Politiker*innen als potenzielle Mörder*innen behandelt, die „rücksichtslos“ andere infizieren würden. Das ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele weitere, dafür, dass das „allgemeine Wohl“ der Menschen, für das auch du dich so sehr zu interessieren scheinst, eben sehr stark verhandelbar ist, von der Perspektive der*desjenigen, die*der es definiert abhängt und sich dementsprechend hervorragend als Instrument zur Durchsetzung eines persönlichen Programms eignet. Und das Gute daran – aus Sicht der Herrschaft –: Ist es ersteinmal gelungen, irgendetwas als dem „allgemeinen Wohl“ zuträglich darzustellen, so gebietet die (christliche) Moral all ihren Anhänger*innen, unabhängig davon ob diese sich nun als Anarchist*innen, Demokrat*innen, Kaisertreue oder Kapitalist*innen verstehen, danach zu handeln.

Aus dieser Analyse entspringt auch mein Vorwurf, du würdest zum Gehorsam aufrufen und diesen muss ich auch jetzt, wo ich deinen Appell ans „Hirneinschalten“ und den „gesunden Menschenverstand“ lese – was bei mir freilich beides ins Leere laufen muss – wiederholen. Nichts davon ist ein Argument für das „Zurücknehmen“, beides vielmehr eine Rechtfertigung für das Gehorchen! „Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet?“, fragst du. Ja was eigentlich? Ist es nicht die Zivilisation mit ihren Hochgeschwindigkeits- und Massentransportmitteln, mit ihren global angeglichenen Lebensbedingungen, ihren immer sterileren urbanen Lebensräumen, ihrer (industriellen) Verwertbarmachung ihrer Umwelt, ihrem Herrschaftsanspruch über sämtliches Leben auf diesem Planeten, die diese Umstände ausmacht? Aber es ist nicht die Zivilisation, die du mit deinem Vorschlag des sich „Zurücknehmens“ angreifst, im Gegenteil: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen, alles Dinge, die du aufzählst, sind vielmehr der Innbegriff der bereits begonnenen techno-industriellen Zivilisation, die mit ihren kybernetischen Modellen sämtliche Individuen voneinander isoliert, nur um sie technologisch vermittelt und kontrolliert wieder „zusammenzubringen“. Wenn ich deiner Meinung nach nun also „andere Wege finden“ soll, um mich „zu engagieren und aktiv zu sein“ – für mich heißt das „zu leben“, weil ich weder engagiert, noch aktiv bin –, dann – das unterstelle ich dir jetzt einfach, du kannst ja widersprechen, wenn du findest zu Unrecht – meinst du damit einen Schritt hin zu dieser furchtbaren technologischen Dystopie: Du meinst ich soll hinter einem Bildschirm verschwinden, soll, wenn denn überhaupt, andere Individuen nur noch mit maskiertem Gesicht treffen, soll jegliche Wärme zwischenmenschlichen Kontakts (ein Lächeln, eine Umarmung, eine reale Begegnung, usw.) aus meinem Leben verbannen und fortan ein kühles, nüchternes, rationales und vorhersehbares Leben als Teil der Maschine führen. Kurz: Du erwartest von mir genau das selbe wie der Staat, selbst wenn du es anders – aber nicht allzusehr anders – begründen magst. Und wenn du später auch betonst, dass du und deine Gang andere Menschen niemals verurteilt habt, „wenn sie anders als [ihr] gehandelnt haben“, weil ~ihr~ Anarchist*innen seid und „differenziert denken [könnt]“, wenn du nahelegst, dass es in einer „anarchistischen Gesellschaft“ (Anführungszeichen, weil ich mit dem Begriff nichts anfangen kann) keine Quarantäne gäbe, weil sich „in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverständlich in sie begeben“, dann stehen mir vor Schaudern alle Körperhaare zu Berge und ich muss an Huxleys schöne neue Welt denken, aber auch an die strahlenden Utopien der heutigen Vertreter*innen einer transhumanistischen Techno-Gesellschaft und trotz der Angst vor deiner Antwort drängt es mich, dir folgende Frage zu stellen: Begeben sich in dieser ~freien~ Gesellschaft dann auch alle darin sozialisierten Verbrecher*innen gleich nach ihren Taten von selbst und freiwillig in die Knäste oder gibt es gar keine Verbrecher*innen mehr?

Du hältst „Ausgangssperren für falsch“, aber plädierst dafür, dass die Menschen sich – zumindest meistens – selbst und freiwillig in Quarantäne begeben? Was ist das anderes als ein Plädoyer für die kybernetische Gesellschaft in der die materielle Repression des Staates dank der subtileren Institutionen von Herrschaft obsolet geworden ist?!

Noch ein paar Worte zur Wissenschaft

Du fragst mich, ob wissenschaftliche Erkenntnisse zwingend immer falsch sind. Ich denke das ist die falsche Frage. Ich denke Ziel der Wissenschaft ist es, die „Natur“, d.h. die auf diesem Planeten existierenden Lebewesen beherrschbar zu machen, indem das Leben in abstrakte Modelle gepresst wird. „Ist 5 x 5 nicht immer 25?“ Es mag als gigantischer Klugschiss aufgefasst werden, wenn ich das nun verneine und ich bin mir fast sicher, dass du dich – zumindest insgeheim – darüber lustig machen wirst, aber das ist mir egal, denn das Beispiel eignet sich zu gut um zu erläutern, was ich meine. Die Mathematik ist schließlich nichts als ein Hirngespinst. Ein derzeit besonders einflussreiches vielleicht, aber eines, dessen praktischer Nutzen sich mir jenseits der Zivilisation nicht erschließt. In der Realität gibt es nicht mehrere Instanzen von ein und derselben Sache. Wenn ich einen Stein finde und dann noch einen und später vielleicht noch einen, welchen Sinn macht es da, diese Steine zu zählen? Schließlich sind sie alle verschieden und sie zu zählen würde nur dann Sinn machen, wenn ich aus ihrer Abstraktion und deren Anzahl irgendeinen Wert ziehen wollte. Zählen würde ich dann also nicht die konkreten Steine (da habe ich ja von jedem nur einen), sondern irgendein Idealbild von einem Stein. Vielleicht so wie bei Geldmünzen. Auch da ist keine identisch zur anderen, aber weil es darum nicht geht, sondern bloß um das Ideal ihres Wertes ergibt es für mich einen Sinn zu zählen. Eine*r mag nun einwenden, dass es für dieses oder jenes Beispiel vielleicht doch jenseits des Zweckes der Wissenschaft einen tieferen Sinn gibt, etwas zu zählen. Aber selbst wenn: Ich bin überzeugt, dass es eine völlig andere „Mathematik“ – in Anführungszeichen, weil ich etwas institutionalisiertes wie die heutige Mathematik selbst wenn sie eine andere Form hätte, ebenso unbrauchbar fände – sein wird, die sich dann als nützlich erweisen wird. Und wer weiß: Möglicherweise ergibt 5 x 5 dann selbst in der konventionellen Algebra nicht mehr 25.

Vielleicht ist das ein wenig abstrakt, aber die Viren-Frage ist möglicherweise anschaulicher. Vielleicht klammern wir die Frage danach, ob es Viren überhaupt gibt im Wesentlichen aus, dafür beschränke ich mich hier auch auf die wertneutrale Feststellung, dass es zumindest wenn mensch hier den Erkenntnissen der Wissenschaft Glauben schenken will, für die Menschen vor 1892 keine Viren gab. Aber die Frage, ob „Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend“ seien, finde ich eigentlich sowieso spannender: Ich vermute mal in deiner Anarchie sind sie es genauso wie heute auch. Für meine Anarchie ist das schon schwieriger zu beantworten. Und das gar nicht einmal, weil meine Anarchie vor allem ein Raum der Negativität ist. Nein, das ist eine gute Frage: Wenn denn die Zivilisation erst einmal zerstört ist und wir anachronistischerweise einmal annehmen, dass das Konzept eines Virus diese paradoxerweise überdauern wird, dann hängt es doch hochgradig von der Lebensweise der Menschen ab, ob und in welchem Grad Viren (von Mensch zu Mensch) dann noch – in diesem Grad und Sinne – ansteckend sind. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, dass grundsätzlich schon. Eine Pandemie wäre dann doch sehr unwahrscheinlich, wenn es keine Zivilisation mehr gibt, die sowohl ähnliche Umweltbedingungen, als auch effiziente Verbreitungswege garantiert und garantieren würde.

Wusstest du übrigens, dass an Impfungen und anderen Virenmedikamenten zuerst im militärischen Kontext geforscht wurde? Weil es nämlich ein Problem für die Kolonisator*innen war – und natürlich umgekehrt auch für indigene Bevölkerungen, aber für die interessiert(e) sich die medizinische Forschung natürlich nicht –, wenn sie sich mit Viren – gegen die die indigene Bevölkerung längst immun war – ansteckten und daran verreckten oder wenigstens für einige Zeit „kampfunfähig“ waren. Die Deutung dieses Fakts bleibt dann jeder*jedem selbst überlassen.

Es grüßt aus dem „anarchistischen Großstadt-Kiez“ München in die ferne Provinz von Ortenau:
Niemand

Wir wollen das Abenteuer, nicht die Sicherheit

Das Abenteuer ist ein aussergewöhnliches Ereignis, ein gefährliches Unternehmen, das durch die Faszination des Risikos, das es mit sich bringt, verlockt: in ferne und unbekannte Orte vordringen, eine ungewohnte und unvorhergesehene Handlung vollführen, überwältigende Begegnungen machen. Im Grunde enthält die „existenzielle“ Struktur der menschlichen Erfahrung an sich schon die Dimension des Abenteuers. Wenn wir die Geschichte des Menschen betrachten, wie sie sich bildete, so können wir leicht feststellen, wie sie gerade durch die Fähigkeit des Individuums ermöglicht wurde, stets über das Bereits-Gegebene oder das Bereits-Besitzende hinaus zu gehen, in einer beständigen Öffnung gegenüber dem Anderen, dem Noch-nicht-bekannten-und-noch-nicht-ausprobierten, die schon immer die notwendige Bedingung war, damit die Geschichte nicht bloss die langweilige Wiederholung des Selben ist.

Die Sicherheit hingegen charakterisiert sich durch die Abwesenheit des Risikos.

Die Vermehrung der Polizisten und Überwachungssysteme, die von vielen Seiten gefordert wird, folgt einem einzigen Ziel: dass niemals irgendwas geschieht, um sich an eine ewige Gegenwart zu binden, bestehend aus Arbeit, Waren und Gehorsamkeit. Jeder Aufruf zur Sicherheit verurteilt also das Abenteuer und somit das Werden zum Tode. Diese Verherrlichung des Bestehenden ist nicht nur verächtlich aufgrund ihrer Feigheit, sonder auch dumm aufgrund ihrer Sinnlosigkeit: der Krieg unter Armen wird weiterhin seine Opfer fordern, auch unter dem wachsamen Auge der Überwachungskameras, während die einzigen, die von einem allgegenwärtigen Schutz profitieren, die Reichen und Mächtigen in ihren abgeschirmten Villen sind.

Der Mensch ist das einzige Tier, das so töricht ist, die Sicherheit und die Bequemlichkeit eines Zoos dem Risiko und der Freiheit des Dschungels vorzuziehen. Ist er aber dann hinter den Gittern eingesperrt, verbringt er den Rest seines Lebens damit, davon zu träumen, auszubrechen und mittels einer Myiade von Ersatzmitteln das Abenteuer zu suchen. Und so sehen wir, wie er im Chor singt, ein waghalsiges Leben zu wollen, wie er die Kinosäle füllt, wo die Rebellion gegen eine Welt projiziert wird, die auf eine Matrix reduziert ist, und gegen ein Leben, das unter Kontrolle steht und in die Fiktion getaucht ist, wie er sich in Protagonisten von Videospielen hineinversetzt, die immer bizarrer und unglaublicher werden. Was für eine Heuchelei!

Was uns betrifft, wir wollen nicht die Sicherheit. Wir bevorzugen es, das Risiko einzugehen, von einem Dieb bestohlen zu werden, anstatt die Sicherheit zu haben, unter dem Auge der Polizei an Langeweile zu sterben oder uns tagtäglich unserer Intimität beraubt zu sehen. Wir wollen das Abenteuer und wir wollen es jetzt. Es geht nicht um eine exotische Ferienreise, die gebucht werden kann, sondern um eine ganze Welt, die es umzuwälzen gilt. Denn wir halten die aufgezwungene Normalität nicht mehr aus. Denn wir halten das Sicherheits-Konzentrationslager nicht mehr aus. Denn wir halten dieses scheiss Überleben nicht mehr aus, das man als Leben ausgeben will. Denn wir wollen, dass endlich das Unbekannte in die Realität einbricht und diese umwälzt.

Originaltext veröffentlicht in Nummer 4 der italienischen anarchistischen Zeitung „Machete“, publiziert im Juli 2009. Deutsche Erstübersetzung veröffentlicht in „Aufruhr – Anarchistisches Blatt“, Zürich, Nummer 3, Jahr 1

Die Bullen, die Isar und der Tropfen, der alles zum Überlaufen bringt

Dass es an der Isar so nicht weitergehen könne und dass das Konsequenzen haben werde, verkündete Bayerns Oberpatriarch vor einer Woche. Denn trotz Panikschürerei und massiver Repression lassen es sich die Leute nicht nehmen gemeinsam an der Isar zu chillen und Spaß zu haben. Nach den Krawallen in Stuttgart vor zwei Wochen und den oben erwähnten mahnenden Worten unseres so um unsere Gesundheit besorgten Obermackers haben an der Isar (und anderen Orten, an denen Menschen gemeinsam Spaß haben) die Gängeleien durch die Schweine eine neue Dimension angenommen. Massive Polizeipräsenz, (häufig nur mit einer oder zwei Personen besetzte) Wannen mit Flutscheinwerfern, die Patrouille fahren oder „Hotspots“ wie die Wiese am Monopteros vollständig umstellen, Taschenlampenterror, Personalienkontrollen von jeder kleinsten Personengruppe, Räumungen, Kessel, Festnahmen. Gleichzeitig üben sich die Bereitschafts- und USK [1]-Bullen in bisher ungekanntem Ausmaß im „Good Cop“-Spiel, was unter diesen Voraussetzungen immer wieder zu äußerst skurrilen Situationen führt(e).

Dass die Bullen Angst vor einem Krawall nach Stuttgarter Vorbild haben, ist klar. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einige gibt, die das auch in München probieren wollen. In der gewaltbereiten Szene kann Stuttgart einen Vorbild-Charakter haben. Nach dem Motto: Wenn die das im Südwesten schaffen, dann vielleicht auch wir in München“, meinte auch Bayerns Fast-Oberbulle Wilhelm Schmidbauer. Das hat er gut erkannt. Gründe die Schweine und den Staat zu hassen gibt es genug und mit Beginn der „Corona-Krise“ hat der Staat so deutlich wie lange nicht gezeigt, wie es um unsere angebliche Freiheit steht und bei vielen den Hass und die Wut geschürt.

Auch am Baldeplatz kam es letzte Freitag- und Samstagnacht zu Gängeleien durch die Schweine. Dieses Mal blieb dies allerdings nicht unbeantwortet. Während am Freitag die Cops gegen 1 Uhr morgens die am Baldeplatz chillenden Personen kesselten und gegen teils erfolgreiche Ausbruchsversuche zu kämpfen hatten, nutzten eine oder mehrere findige Personen die Ablenkung, um die Scheiben einer der vielen Copkarren, die überwiegend unbewacht in der Nähe standen, zu zerschlagen. Als am Samstag dann nach stundenlangem „Good Cop“-Theater am Baldeplatz eine Person festgenommen wurde, was Auseinandersetzungen mit der Bullerei zur Folge hatte, wurden an der Wittelsbacherbrücke sowie an mehreren anderen Orten in unmittelbarer Nähe zur Isar und dem Englischen Garten mehrere Mülltonnen angezündet. Trotz stundenlanger Fahndung im Anschluss daran konnten die Schweine wohl niemanden für die Taten verantwortlich machen.

Zwei einfache Handlungen des Widerstands haben die Bullen bereits massiv in Stress versetzt. Sie scheuen sich sogar davor selbst davon zu berichten [2]. Aus gutem Grund, denn was würde wohl passieren, wenn sich diese einfachen Handlungen multiplizieren würden? Wenn man sich nichts mehr gefallen lassen würde, wenn man sich nicht als unschuldiges und unrechtmäßiges Opfer von Polizeigewalt betrachtet, der man einfach ausgeliefert ist und wo man nur an die Politik appellieren kann, das doch nicht so weit zu treiben, dass das „unverhältnismäßig“ sei? Was würde passieren, wenn man stattdessen die Polizei und den Staat als den Feind identifiziert, der einem das Leben immer wieder zur Hölle macht und den man gezielt angreifen kann? Bullen haben Autos, Bullen haben Namen und Adressen. Ein Schal oder eine Maske, ein paar Handschuhe (dank Corona jetzt meist eh bereits massenhaft vorhanden und zur Hand), ein Blick auf potenzielle Kameras oder Denunzianten, ein Stein oder ein Feuerzeug und den Willen sich zu wehren, mehr braucht es eigentlich nicht. Schluss mit der Schikane! Schluss mit zivilem (Un-)Gehorsam! Angriff ist die beste Verteidigung.

Endnoten

[1] USK ist die Prügeleinheit der bayerischen Polizei, die dazu ausgebildet ist Massen von Menschen zu kontrollieren und die viel bei Demonstrationen und Fußballspielen eingesetzt wird.

[2] Mittlerweile haben sie das mit einiger Verspätung dann doch noch getan. Sie berichten, dass sie „massiv beleidigt“ und angespuckt wurden. Hoffen wir, dass sie nächstes Mal massiv eins in die Fresse kriegen.

Anarchismus und Kreativität

Die Kreativität kann als Mittel gegen ritualisierte Handlungs- und Denkmuster innerhalb des anarchistischen Milieus dienen, solange sie nicht zum Selbstzweck erhoben wird. Denn der Kreativität um der Kreativität Willen wohnt die Möglichkeit inne ihr anfänglich kritisches Potential in ihr Gegenteil zu verwandeln: Die kreative Passivität gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft. Sie kann dennoch nicht als bloßes Instrument verstanden werden, das einem übergeordneten politischen Ideal zu dienen hat, ansonsten würde sie sich kaum von einer stalinistischen Auffassung der Kreativität unterscheiden. Fasst man hingegen die Kreativität als Bestandteil eines Selbstermächtigungsprozesses des Individuums auf, das jegliche Eingrenzung der anarchistischen Praxis zurückweist, und das Leben als Experimentierfeld versteht, in dem überall verschiedene Möglichkeiten lauern um das Gegebene, oder gar sich selbst in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, eröffnet sie eine ideologiekritische Perspektive: Die Kreativität öffnet die Türe für das Spielen, für die kindliche Naivität, die heutzutage als Schwäche betrachtet wird, weil sie sich von den starren – fast am Ideal des Berufsrevolutionären orientierten – Perspektive vieler GefährtInnen entfernt indem sie sich selbst nicht mehr verkrampft ernst nimmt; sie hat keine Angst Emotionen, Widersprüche und Schwächen zu zeigen oder über ihre eigene Rolle zu lachen, denn sie hat keine statische Identität zu verlieren. Sie versteht sich selbst zugleich als gegenwärtiges, selbstbestimmtes Handeln und als zu entdeckender Prozess. Sie begnügt sich nicht mit der Frage nach den Widersprüchen in der Gesellschaft, sondern sieht diese als an die Widersprüche im handelnden Individuum selbst gekoppelt und trägt dieselben in unterschiedlicher Formen offen zur Schau, teilweise durch eine konkrete Bezugnahme zu Strukturen der Gesellschaft, teilweise durch bloßes Spielen mit der eigenen Rolle. Durch diesen Schritt akzentuiert sich meines Erachtens die Entschlossenheit einer radikalen Perspektive umso mehr, denn sogar anti-autoritäre Diskurse und Praktiken, die verlernt haben in kindlicher Naivität zu spielen oder über sich selbst zu lachen, und festgesetztes Handlungs- und Denkmuster in Endlosschleife reproduzieren, bewegen sich langsam zu einer identitätsstiftenden Doktrin.

Das soll nicht heißen, dass die anarchistische Praxis zu einem spektakulären, existenziellen Projekt werden sollte, vielmehr dient diese Auffassung der Kreativität als Anstoß um die Praxis selbst unter der Prämisse: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ zu verstehen, um nicht eine bestimmte Form der Praxis zu idealisieren. Mehr noch: Die Prämisse, verbunden mit dem Akt des Spielens, begreift zugleich dass das Individuum seine Fähigkeiten noch ausschöpfen muss, das Individuum kann und sollte, auch angriffslustig, mit dem Eingreifen in die Realität experimentieren und sich nicht als durch die gesellschaftlichen Strukturen oder den Ansprüchen einer Ideologie determiniert verstehen und der erlernten Hilflosigkeit und dem Pessimismus verfallen. Solch eine Perspektive würde jedoch ihr eigenes Potential untergraben, wenn sie sich als komplett losgelöst von der Klassengesellschaft versteht, oder gar die Klassen verneint und sich nicht in unterschiedlichen Formen für die Zerstörung derselben organisiert, denn die anarchistische Kreativität der Nicht-SpezialistInnen fungiert nicht als Möglichkeit der
Selbstverwirklichung eines isolierten „Ichs“, sondern als Verneinung der Apathie, als Zurückweisung des entfremdeten Lebens innerhalb kapitalistischer Verhältnisse, im Wissen dass eine emanzipatorische Praxis einerseits kollektiv sein muss und andererseits nicht die entfremdete Formen des Gegebenen reproduzieren darf. Das bewusst handelnde Subjekt muss sich mit anderen Subjekten zusammenschließen und versuchen die soziale Trennung zu durchbrechen, dafür eröffnet die
Kreativität viele Handlungsmöglichkeiten, sie erweitert unser praktisches Vokabular auf dem sozialen Terrain; je breiter die Ausdrucksformen der AnarchistInnen, desto mehr werden wir in der Lage sein Diskurse und Praktiken zu eröffnen oder zu erweitern. Die Individuen können gemeinsam zum Ereignis werden, das die Strukturen umwälzt, daran hege ich keine Zweifel und, obwohl in vielen Gebieten eine revolutionäre Umwälzung ausbleibt und viele mit der Ideologie der kapitalistischen Gesellschaft als endgültiger Zustand der Menschheit widerwillig liebäugeln, darf man nicht in einer defensiven, pessimistischen Lage erstarren. Die eigene Praxis zu entfesseln und zu erweitern, bedeutet den Angriff in seiner kreativen Totalität zu verstehen: Von der Sabotage bis zum Theater, von der Bombe bis zur Zeitung, von der Faulenzerei bis zur Theorie.

Meine Macht (Auszug)

Es dauern die Staaten nur so lange, als es einen herrschenden Willen gibt, und dieser herrschende Wille für gleichbedeutend mit dem eigenen Willen angesehen wird. Des Herrn Wille ist – Gesetz. Was helfen Dir deine Gesetze, wenn sie Keiner befolgt, was deine Befehle, wenn sich Niemand befehlen läßt? Es kann der Staat des Anspruches sich nicht entschlagen, den Willen des Einzelnen zu bestimmen, darauf zu spekulieren und zu rechnen. Für ihn ist’s unumgänglich nötig, daß Niemand einen eigenen Willen habe; hätte ihn Einer, so müßte der Staat diesen ausschließen (einsperren, verbannen usw.); hätten ihn Alle, so schafften sie den Staat ab. Der Staat ist nicht denkbar ohne Herrschaft und Knechtschaft (Untertanenschaft); denn der Staat muß der Herr sein wollen Aller, die er umfaßt, und man nennt diesen Willen den „Staatswillen“ .

Wer, um zu bestehen, auf die Willenlosigkeit Anderer rechnen muß, der ist ein Machwerk dieser Anderen, wie der Herr ein Machwerk des Dieners ist. Hörte die Unterwürfigkeit auf, so wär’s um die Herrschaft geschehen.

Der eigene Wille Meiner ist der Verderber des Staats; er wird deshalb von letzterem als „Eigenwille“ gebrandmarkt. Der eigene Wille und der Staat sind todfeindliche Mächte, zwischen welchen kein „ewiger Friede“ möglich ist. Solange der Staat sich behauptet, stellt er den eigenen Willen, seinen stets anfeindenden Gegner, als unvernünftig, böse usw. dar, und jener läßt sich das einreden, ja er ist es wirklich schon deshalb, weil er sich’s noch einreden läßt: er ist noch nicht zu sich selbst und zum Bewußtsein seiner Würde gekommen, mithin noch unvollkommen, noch beschwatzbar usw.

Jeder Staat ist eine Despotie, sei nun Einer oder Viele der Despot, oder seien, wie man sich’s wohl von einer Republik vorstellt, Alle die Herren, d. h. despotisiere Einer den Andern. Es ist dies nämlich dann der Fall, wenn das jedesmal gegebene Gesetz, die ausgesprochene Willensmeinung etwa einer Volksversammlung fortan für den Einzelnen Gesetz sein soll, dem er Gehorsam schuldig ist, oder gegen welches er die Pflicht des Gehorsams hat. Dächte man sich auch selbst den Fall, daß jeder Einzelne im Volke den gleichen Willen ausgesprochen hätte und hiedurch ein vollkommener „Gesamtwille“ zu Stande gekommen wäre: die Sache bliebe dennoch dieselbe. Wäre Ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil Ich gestern ein Narr war, müßte Ich’s zeitlebens bleiben. So bin Ich im Staatsleben besten Falls – Ich könnte ebensogut sagen: schlimmsten Falls – ein Knecht Meiner selbst. Weil Ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.

Wie zu ändern? Nur dadurch, daß Ich keine Pflicht anerkenne, d. h. Mich nicht binde oder binden lasse. Habe Ich keine Pflicht, so kenne Ich auch kein Gesetz.

„Allein man wird Mich binden!“ Meinen Willen kann Niemand binden, und mein Widerwille bleibt frei.

„Es müßte ja Alles drunter und drüber gehen, wenn Jeder tun könnte, was er wollte!“ Wer sagt denn, daß Jeder Alles tun kann? Wozu bist Du denn da, der Du nicht Alles Dir gefallen zu lassen brauchst? Wahre Dich, so wird Dir Keiner was tun! Wer deinen Willen brechen will, der hat’s mit Dir zu tun und ist dein Feind. Verfahre gegen ihn als solchen. Stehen hinter Dir zum Schutze noch einige Millionen, so seid Ihr eine imposante Macht und werdet einen leichten Sieg haben. Aber wenn Ihr dem Gegner auch als Macht imponiert, eine geheiligte Autorität seid Ihr darum doch nicht, er müßte denn ein Schächer sein. Respekt und Achtung ist er Euch nicht schuldig, wenn er sich auch vor eurer Gewalt in Acht nehmen wird.

Wir pflegen die Staaten nach der verschiedenen Art, wie „die höchste Gewalt“ verteilt ist, zu klassifizieren. Hat sie ein Einzelner – Monarchie, Alle – Demokratie usw. Also die höchste Gewalt! Gewalt gegen wen? Gegen den Einzelnen und seinen „Eigenwillen“. Der Staat übt „Gewalt“, der Einzelne darf dies nicht. Des Staates Betragen ist Gewalttätigkeit, und seine Gewalt nennt er „Recht“, die des Einzelnen „Verbrechen“. Verbrechen also, so heißt die Gewalt des Einzelnen, und nur durch Verbrechen bricht er die Gewalt des Staates, wenn er der Meinung ist, daß der Staat nicht über ihm, sondern er über dem Staate sei.

Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Auszug aus dem Kapitel „Meine Macht“

Ein Polizist, der mich erwürgt // gebannte ZuschauerInnen, die mir die Luft zum Atmen nehmen // unausgelebte Wut, die mich erstickt

Die Regelmäßigkeit der Gewalt lässt mich solange kalt, bis es plötzlich doch ein Mord aus der Reihe der vielen schafft ein Gefühl auszulösen. Der Mord an George Floyd ist so einer, was aber besonders an den wütenden Reaktionen liegt, von denen wir so viel lesen durften. Wie viele Morde und wie viel Elend lasse ich jeden Tag unbeachtet? Wie viele andere auf der Demo in München, bin auch ich zornig. Ich bin verdammt sauer und ich spüre auch, wie das Knie mir in den Nacken drückt, mir die Kehle einquetscht und die Luft immer weniger wird. Aber heute mit ein paar Tagen Abstand zur friedlichen Demo in Andenken an George Floyd und antirassistischem Inhalt, einigem Grübeln, da machen mich noch einige Tatsachen mehr wütend und verursachen einen Kloß im Hals, der da nicht hingehört. Mir bleibt nichts anderes übrig als mit einem gewissen Zynismus zu versuchen etwas auszudrücken, dass mich irritiert, ein wenig ratlos zurücklässt und mich von den Forderungen und den Protestierenden entfernt. Aber der Zynismus liegt eigentlich in der Sache selbst, nämlich, dass über einen Menschen gesprochen werden muss, obwohl derer unzählige existieren; über einen rassistischen Ausrutscher einer rassistischen Polizeibehörde, die für Tote verantwortlich ist, die in dem Moment gerechtfertigt werden, sobald über Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten im Polizeidienst gesprochen wird. Im gewissen Sinne sind Polizisten mit Waffen zu vergleichen: Waffen werden dafür entworfen um zu töten und jemand, der an der Waffe ausgebildet wird, wird für das Töten ausgebildet – ob er oder sie sich aktiv zum/zur Mörder/In macht ist irrelevant – und folglichgesteht man dem Mord seine Richtigkeit zu, wenn man den falschen Mord ihm gegenüberstellt.Die falsche Benutzung zu kritisieren, ist wie die Bedingungsanleitung von irgendeinem Gerät zu lesen: was soll man nicht, wie ist das zu benutzen, welche Garantien, etc., also könnte man auch einfach schweigen. Ein Schweige-Demo machen? Das Instandsetzen, das Befähigen zum Töten, die Erzeugung von Machtgefällen, die das Töten ermöglichen (sollen), das ist zu kritisieren und liegt gewissermassen außerhalb von der Bedienungsanleitung, dem Bedienten und dem stummen und stupiden Be-Diener.Tun wir kurz etwas, das George Floyd jetzt nicht mehr tun kann: stellen wir uns vor, wie ein Beamter in seinem, über uns herausragenden Recht, uns gegen unseren Willen anhält, befragt, fesselt, zu Boden zwingt und uns schließlich sein Knie in unseren Nacken drückt, in unserem Ringen nach Luft, noch einen Atemzug zu tun, sich Panik breit macht und die Angst und die Ahnung das Ganze vielleicht nicht zu überleben um sich greift. Es gibt zwei Protagonisten: George, der gerade dabei ist unter Qualen zu sterben und ein Polizist – und mit ihm aus logischen Gründen: jeder Polizist vor Ort und auf der Welt –, der dabei ist ihn zu ersticken. Unter jene beiden, die ich als Handelnde bezeichnen würde – auch wenn ich nur widerwillig und eher aus argumentativen Gründen den sterbenden George Floyd als Handelnden bezeichne, schließlich wird dieser gegen seinen Willen und Zutun und in entsprechende Richtung Handelnde, durch fremde Hände umgebracht – gesellt sich noch ein weiterer Protagonist. Und in diesem Fall, ist es wieder nicht nur ein Individuum, sondern eine ganze Bevölkerung, die sich in der Betrachtung ergötzt und erschafft: der Zuschauer und die Zuschauerin.

Denn, unser Gedankenexperiment findet nicht versteckt, im Dunkeln statt, sondern tagsüber, auf offener Straße mit Passanten und Menschen, die vermeintlich erleben, was sich vor ihren Augen abspielt, und derer nicht ein oder zwei, sondern potentiell die gesamte Weltbevölkerung, die heute in der Lage ist, sich diese Situation als kurzes Filmchen immer und immer wieder anzuschauen, in jedem beliebigen Augenblick und an jedem Ort dieser Welt. Diese zuschauende Mehrheit ist sogar in die Lage versetzt die besonders unerträglichen Momente zu überspringen, diese ihre Realität einfach zu pausieren und sich einem anderen Erleben zuzuwenden.George Floyd hat weder vorspulen können um es endlich hinter sich zu haben, noch war er fähig das ganze anzuhalten und auszusteigen oder umzuschalten, weil es ihm zu heftig wurde. Während wir in unserem Gedankenexperiment am leben bleiben, weil wir uns unseren Tod nicht vorstellen könnenist die Realität und das direkte Erleben von George Floyd einfach weitergelaufen. Gestorben ist er mit den Knien jedes einzelnen Polizeibeamten einer Gesellschaft im Nacken, die Einzelne in die Macht versetzt andere zu demütigen. Gestorben ist er auch mit Milliarden ZuschauernInnen, die den Moment des letzten Atemzugs abwartend untätig im Kreis stehen und vor ihren Bildschirmen gebannt sitzen… George Floyd – wenn auch als tausendstes Beispiel – ist allein gestorben, als er selbst. Hätte er einen kurzen Zeitpunkt auf Pause drücken können, um sich umzublicken und zu fragen, was die Um-ihn-herum-Abwartenden gedenken zu unternehmen oder zu unterlassen, hätten die ZuschauerInnen, die Befragten, sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie einen Tod verhindern wollen oder ob sie ihn sterben lassen wollen, um ihn dann zu beklagen.

Eine lange Zeit habe ich den Fernsehzuschauer und die Fernsehzuschauerin als das Inbild der Passivität betrachtet, wie hätte man sich auch eine Steigerung dessen noch vorstellbar machen können? Aber der/die heutige Zuschauer/in, hat wieder eigene Augen, bewegt sich durch die Stadt und liegt nicht lethargisch auf der Couch und lässt sich die äußere Welt gefiltert und gekürzt ins eigene Haus liefern. Heute benutzt ein Gros der Zuschauer/innen die eigenen Augen wieder selbst als Filter auf der Suche nach der Story und begibt sich sogar in Situationen um darin vermeintlich zu handeln. Weil die Zugänglich-Machung selbst von Information heute schon als aktives Teilnehmen und Gestalten der Realität erfasst wird, reicht es dem Handelnden bereits aus das Zuschauen zu ermöglichen um sich selbst als Handelnde/r zu sehen. Der Zuschauende denkt er/sie handelt indem er/sie das Zuschauen ermöglicht, vergisst aber dabei des er/sie doppelt zuschaut: als anwesend am Ort des Geschehens, wo ja ein tatsächliches Eingreifen möglich wäre und als abwesend am Ort des Geschehens, weil er/sie sich selbst hinter die Kamera/Smartphone verbannt hat. Und genau das ist die Tendenz der Gesellschaft: sie verkauft die Unbeweglichkeit als Beweglichkeit, gibt die Passivität im falschen Moment als Handlung aus, die immer und auf jeden Moment angewandt werden kann und soll, sie verwandelt das Draußen, das Außerhalb der Couch-TV-Beziehung in ein globales Kino und lässt sogar für den Zweck der Dokumentation und Unterhaltung einen Mord geschehen… das ist die Realität.

Wenn es keine anderen Ideen und Handlungsvorschläge auf einer Demo als Antwort auf einen Polizeimord, abseits der BML-Rufe gibt, dann sehe ich schwarz und denke mir jetzt, nach der Enttäuschung, die ich auf diesem Protest, der eher ein Event gewesen ist, dass die Organisatior/Innen und Besucher/Innen eigentlich zu jenen gehören, die wenn sie nicht aktiv die Luft mitabgedrückt haben, so doch passiv mit zugeschaut haben und den Bullen gewähren haben lassen, wie er vor ihren Augen einen Mensch aus dem Leben gezwang. Wären die konkreten Zuschauer/Innen an diesem Tag an diesem Ort ihrer Einbildung nicht auf den Leim gegangen, müssten wir wahrscheinlich heute, nicht zu tausenden einen Toten beklagen, sondern einen Angriff auf einen Polizeibeamten verteidigen mit dem ein Mord verhindert wurde… Ist das die Schlußfolgerung, oder benötigen wir mehr Tote um auch weiterhin als Betroffene von jedweder Unterdrückung über unsere Unterdrückung sprechen zu dürfen?

Ich, für meinen Teil, verteidige lieber einen Angriff auf Polizisten, als mich bei den Mördern und Mitmördern über einen von ihnen Ermordeten zu beklagen.

kainändae