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Fragmente für einen aufständischen Kampf gegen den Militarismus und die Welt, die ihn benötigt

Die Anarchisten sind schliesslich gegen den Antimilitarismus (oh weh, da habt ihr den Versprecher, seht, ein Versprecher passiert nie völlig zufällig, tatsächlich sind die Anarchisten auch gegen eine gewisse Art von “Antimilitarismus”). Wie auch immer, um unangenehme Missverständnisse zu vermeiden, lasst uns versuchen, deutlicher zu sein. Ich korrigiere mich: die Anarchisten sind gegen den Militarismus. Daran besteht kein Zweifel. Sie sind gegen den Militarismus, und dies nicht im Namen von einer einstimmigen pazifistischen Auffassung. Sie sind vor allem gegen den Militarismus, weil sie eine andere Auffassung des Kampfes haben. Das heisst, sie haben nichts gegen Waffen, sie haben nichts gegen das Konzept der Verteidigung vor der Unterdrückung. Aber sie haben hingegen viel gegen einen bestimmten, vom Staat gewollten und befehligten, und von den repressiven Strukturen organisierten Gebrauch der Waffen. Sie haben viel einzuwenden gegen einen militärischen Gebrauch der Waffen. Während sie aber einverstanden sind, oder zumindest in ihrer überwiegenden Mehrheit einverstanden sind, mit dem Gebrauch der Waffen gegen den Unterdrücker, mit dem Gebrauch der Waffen gegen jene, die unterdrücken und ausbeuten, mit dem Gebrauch der Waffen in einem Befreiungskrieg. Mit dem Gebrauch der Waffen gegen bestimmte Personen, gegen bestimmte Realisierungen der Ausbeutung.

Es ist also falsch, zu sagen: „Die Anarchisten sind Antimilitaristen, was das gleiche ist, wie zu sagen, dass sie Pazifisten sind”. Die Anarchisten sind nicht gegen den Militarismus, weil sie alle Pazifisten wären. Sie haben nichts gegen das Symbol der Waffe, und ebenso wenig können sie eine Verurteilung des bewaffneten Kampfes im Generellen akzeptieren, um hier diesen streng technischen Begriff zu gebrauchen, der eine ausgedehnte Betrachtung verdienen würde. Sie sind hingegen völlig einverstanden mit einem bestimmten Gebrauch der Waffen: Welchen? Jenen, bei dem diese Gegenstände gebraucht werden, um sich zu befreien, da keine Befreiung auf friedliche Weise möglich sein wird. Denn jene, die die Macht besitzen, werden nie so höflich sein, sich in aller Seelenruhe beiseite zu stellen, ohne Widerstand zu leisten und ohne zu versuchen, diese um jeden Preis zu erhalten.

Aus Alfredo Bonanno. »Wie ein Dieb in der Nacht.«

Was ist Krieg? Was ist Militarismus?

Über die unterschiedlichen Epochen haben sich Kriege auf verschiedene Arten und Weisen geäußert. Einige (frühe) Eroberungsfeldzüge, bei denen sich eine zivilisatorische Imperialmacht bisher nur von staatenlosen Gemeinschaften bewohnte Gebiete einverleibt, mögen dabei zumindest seitens der staatenlosen Gemeinschaften anders geführt worden sein, als jene Kriege in denen die Armeen von Monarchen, Aristokraten, Kauf- und Geschäftsleuten, Kirchen oder Nationalstaaten aufeinandertreffen. Möglicherweise haben sie sogar mehr mit bestimmten modernen Formen des Krieges gemein, auf die ich noch zurückkommen werde. Vorerst will ich die Frage danach, was Krieg und Militarismus ist jedoch ausgehend von jenen althergebrachten Konflikten unter den Herrschenden beantworten, in denen sie ihre Armeen aufeinander hetzen, um irgendwelche Herrschaftsansprüche zu klären oder gar persönliche Streits auszutragen.

Der Fürst, der eine eigene Armee befehligt etwa, er mag mannigfaltige Gründe haben, um gegen die Armee eines anderen in den Krieg zu ziehen. Vielleicht wurde er gedemütigt, vielleicht buhlt er damit um die Liebe einer Prinzessin, bzw. vielmehr die Anerkennung und Gunst ihres Vaters, vielleicht behagt ihm der Verlauf einer seiner Reichsgrenzen nicht und er möchte sie ein Stück nach außen verschieben, vielleicht will er einen Schatz erobern oder sich das Recht zur Ausbeutung weiterer Bauern sichern. Manchmal trachtet er einem anderen, höherstehenden Fürsten nach dessen Position, manchmal mag er auch eine Eingebung Gottes gehabt haben oder irgendeinen Mythos allzu ernst genommen haben. Egal was sein Grund ist: Für seine Untertanen und Söldner dürfte dies schwerlich Grund genug sein, ihr Leben und ihre Unversehrtheit für ihn und seine Sache zu geben. Es mag vielleicht sogar den einen oder anderen Untertan geben, der zwar ebenfalls nicht für des Fürsten Sache in den Krieg zieht, allerdings die eigene Sache (einen höheren Posten, einen Anteil der Beute, usw.) mit der des Fürsten verbunden betrachtet. Die Zahl solcher Untertanen wird aber immer gering sein und wie auch der Fürst sind sie selbst ebensowenig bereit, ihren eigenen Kopf hinzuhalten, wenn Schwerter auf Schilde prallen, Pfeile Rüstungen durchbohren und Lanzen an dem zerbersten, was vielleicht einmal der unversehrte Leib eines Menschen gewesen sein mag.

Um eine Armee aufzustellen muss sich der Fürst also etwas einfallen lassen, wie er das Interesse irgendwelcher Untertanen – es müssen ja auch nicht notwendigerweise die eigenen sein – wecken kann, den ihnen zugedachten Platz im Gemetzel einzunehmen und dort – wenn es sein muss – bis zum bitteren Ende zu bleiben. Eine einfache Möglichkeit, dieses Interesse zu wecken besteht darin, seine Krieger*innen zu bezahlen. Der Fürst nennt diese Söldner und er weiß um das Problem, dass diese wankelmütig sein werden. Schließlich hat er sie nur durch Bezahlung oder das Versprechen einer Bezahlung – manchmal auch durch das Versprechen eines Anteils einer reichen Beute, ein äußerst gewiefter Trick, weil er auch gleich das Interesse des Söldners siegreich zu sein weckt – dazu bewegen können, ihm zu dienen. Und der Fürst weiß, dass nicht nur er Geld besitzt, sondern auch sein Feind. Auch kommt es nicht selten vor, dass Söldner angesichts einer feindlichen Streitmacht oder während der Schlacht mit ihr mitsamt ihrem Sold und den an sie ausgegebenen Waffen desertieren, dass sie sich als kampfuntauglich erweisen oder dass sie sich überhaupt weigern, etwas zu tun, wofür sie ihrer Auffassung nach nicht genügend Sold erhalten haben. Söldnerheere sind deshalb nicht besonders beliebt bei unserem Fürst. Das sogenannte Lehnssystem ist ein Versuch, diese rein monetäre Bindung der Söldner um eine Abhängkeit der fortan Vasallen genannten Untertanen zu ersetzen. Im Austausch für das Recht, selbst einmal Despot zu sein und einen kleinen Teil der Ländereien des Fürsten zu verwalten, die darauf lebenden Bauern zu knechten und einen gewissen sozialen Status zu erlangen, leistet der Vasall seinem Fürsten, dem Lehnsherren alle möglichen Dienste, vor allem zieht er für ihn in den Krieg – und verpflichtet auch einige seiner Untertanen dazu. Was der Söldner für das bisschen Sold, das er bekam nicht zu tun bereit war, das tut der Vasall, dieser edle Ritter, nun mit Freuden im Austausch für etwas noch viel schmutzigeres: Eine schmucke Rüstung und eine Position in der Verwaltung des Reiches seines Fürsten. Der Militarismus ist geboren.

Der fortan gepanzerte Vasall wird im Gegensatz zum Söldner nie wieder in der Lage dazu sein, seine eigene Sache zu vertreten, denn wenn er von einem langen, ermüdenden und kräftezehrenden Feldzug an die heimische Feuerstelle zurückkehren wird, dann wird er sich dort um die Verwaltung des Reiches seines Lehnsherren kümmern, er wird den Bauern auf dem von ihm verwalteten Land Steuern abpressen, wird die nötige Bürokratie erledigen und sich auf die nächste Schlacht vorbereiten, denn nach dem Krieg ist für ihn vor dem Krieg. Er mag glauben, dass es seine Sache wäre, für die er hier eintritt, aber er wird zeitlebens höchstens ein betrogener Egoist bleiben.

Sein Lehnsherr dagegen, unser Fürst, er reibt sich in seiner Burg, seiner Pfalz oder seinem Schloss die Hände und stößt auf seinen cleveren Einfall an. Nicht nur, dass er sich fortan nicht mehr darum zu kümmern braucht, seine Ländereien zu verwalten, er kann nun wann immer er will, Kriege führen und seine Vasallen werden ihm beinahe bedingungslos folgen. Schnell werden diese Vasallen, der sogenannte Schwertadel, Untervasallen einsetzen und diese wiederum Untervasallen. Die dabei entstehenden Hierarchien ermöglichen nicht nur die Verwaltung schnell wachsender Reiche, sondern bestimmen auch die Heeresordnug und sichern funktionierende Befehlsketten. Denn nicht nur im Krieg werden Gehorsam und vor allem Disziplin fortan die wichtigste Tugend eines Untertanen sein, auch in Friedenszeiten wird diese militaristische Tugend beständig eingeübt, wenn die Vasallen ihren jeweiligen Herren im zivilen Staatsleben dienen.

Diese militaristische Ordnung bleibt trotz zahlreicher Machtstreitigkeiten, Intrigen und Putsch(versuche) solange bestehen, bis eine neue Klasse nach der Macht greift und dieses System von außen stürzen wird: Das Bürgertum. Spätestens nachdem in Frankreich die Köpfe des Adels rollen, bedarf es auch einer Umstrukturierung des Militärs. Ein sich zur neuen Oberklasse erhobener Mittelstand kann freilich nicht die militärischen Dienste des Adels für sich in Anspruch nehmen und ohnehin wäre dessen Treue nun nicht mehr gesichert, wo wir es nicht länger mit kleinen Despoten in der Gunst eines befehlshabenden Fürsten zu tun haben. Das Bürgertum bedient sich weiterhin der militaristischen Logik, benötigt nun aber neue Untertanen, die für ihre Sache streiten werden. In Frankreich und den USA und später auch in der gesamten westlichen Welt entstehen die ersten Nationen und es wird der Mythos einer nationalen Einheit, der Nationalismus sein, der fortan die Untertanen für die Sache der Herrschenden in den Krieg mobilisieren wird. Können die Vasallen noch als betrogene Egoisten gelten, weil sie geglaubt haben mögen, dass sie für ihre eigene Sache, d.h. für ihre Macht, ihren Einfluss und ihren Status in die Schlacht zogen, so gelingt es dem Bürgertum jeglichen Egoismus im Militärwesen auszurotten. Man zieht fortan für eine fiktive, aber einem eigen geglaubte Nation, fürs Vaterland, in den Krieg, ist bereit, sich fürs Vaterland das halbe Gesicht wegschießen zu lassen, Gliedmaßen weggesprengt zu bekommen oder später auch Giftgas zu inhalieren. Die verwalterische Teilhabe an der Herrschaft, die die Disziplin der Vasallen auch in Friedenszeiten sicherte, entfällt und wird durch etwas viel schrecklicheres ersetzt: Fabriken. Im Takt der Maschine zu funktionieren, das wird fortan die nötige Disziplin des Marschierens im Gleichschritt in Friedenszeiten pflegen. Und während die Vasallen in Friedenszeiten gewährleisten mussten, dass sie allzeit genügend Kriegspferde zur Verfügung hätten, produziert die neue Unterklasse, das sogenannte Proletariat, in den Fabriken schnell auch in Friedenszeiten das Kriegsgerät, mit dem es im Kriege verstümmelt werden wird.

Die organisatorischen zivilen Hierarchien, die in der bürgerlichen Demokratie formell aufgelöst wurden, die aber im Kriege funktionierende Befehlsketten garantierten, werden in den Fabriken eintrainiert, die nicht zufällig nach einer militaristischen Logik organisiert sind. Auch wenn die meisten heutigen Staaten ein stehendes Berufsheer besitzen, das unter diesem Gesichtspunkt betrachtet vielleicht mehr dem Söldnerwesen gleichen mag, das ohnehin nie völlig verschwunden war – Söldner-Hilfstruppen waren oft einfach notwendig, um genügend Soldaten aufbieten zu können –, so zeigen doch die Erfahrungen der Weltkriege, sowie der Kriege der jüngeren Vergangenheit, dass eine Mobilisierung der Arbeiter*innen nicht nur notwendig ist, sondern dank der allgemeinen militaristischen Disziplin und dem antrainierten Gehorsam auch allzu gut funktioniert.

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Aber das Zeitalter der Kriege der Nationen, es scheint sich dem Ende zuzuneigen, ja bis auf wenige Ausnahmen bereits vorbei zu sein. Spätestens mit dem Ende des kalten Krieges haben sich die zwei verbliebenen, militärisch-imperialen Fraktionen in eine internationale Staatengemeinschaft integriert, in der Konflikte weniger über herkömmliche territoriale Kontrolle, sondern zunehmend über Ansprüche auf Ressourcen und weltpolizeiliche Uneinstimmigkeiten entstehen. Das heißt freilich nicht, dass es keine Kriege mehr gäbe. Aber wir müssen unser Verständnis von Krieg aktualisieren, wenn wir heutige Militäroperationen ausreichend verstehen wollen.

Die Kadaver der nationalen Armeen, sie bestehen zwar aus einer Reihe nostalgischer Gründe weiter, werden jedoch in Militärbündnissen wie der NATO zu einem neuen Militär zusammengeschweißt und in internationalen Interventionseinheiten wie den UNO-Blauhelmen für vorrangig weltpolizeiliche Missionen eingesetzt, die der Sicherung von Rohstoffen dienen. Obwohl das internationale Kapital auf dieses staatlich organisierte Militär beinahe beliebig zugreifen kann, stellt es in verschiedenen Teilen der Welt zunehmend auch eigene Sicherheitstruppen auf (beispielsweise in Südamerika), die dort den Ausbau einer extraktivistischen Infrastruktur überwachen und Widerstand dagegen niederschlagen. Wo allerdings der Haupteinsatzzweck eines zunehmend internationaleren Militärs die Niederschlagung von Aufständen, die Intervention in Bürgerkriege und der Schutz wirtschaftlicher Interessen der Kapitalistenklasse ist, da bröckeln auch die nationalistischen Mobilisierungsstrategien. Auch wenn sich offenbar noch immer jede Menge Nazis in den Reihen des Militärs tummeln, die dort ihre Sehnsucht stillen, ihrem Vaterland zu dienen, lässt sich eine Mehrheit der Menschen nicht länger so plump täuschen. Anstatt feindlicher Nationen bedarf es in Zeiten globaler Völkerverständigung und internationaler Staatengemeinschaft nun eines neuen Feindes, gegen den wenigstens die Sympathien der Menschen für die Streikräfte ihres Landes erweckt werden können. Und in Zeiten, in denen das internationale Militär den Einsatz im städtischen Raum trainiert, in denen Bürgerkriegsszenarien und Aufstandsbekämpfung vom Militär eingeübt werden, da ist es auch erforderlich, dass sich dieser Feind unter der Bevölkerung versteckt.

Der Feind heißt spätestens seit 2001, aber nicht erst seitdem, internationaler Terrorismus. Und es ist vermutlich ein genialer Schachzug, dass er so ohne weiteres kaum auszumachen ist. Bereits zuvor erprobte rassistische Motive lassen sich gegen ihn ebenso mobilisieren, wie ordnungspolitische Ängste vor einer anarchistischen oder anderweitig subversiven, aufständischen Verschwörung, die Chaos in eine gleichgeschaltete und im Gleichschritt getaktete Welt bringt. Und natürlich lassen sich Revolten in der Dritten Welt, in denen die Versklavten gegen ihre Ausbeuter*innen aufbegehren, ebenso leicht zu Terrorismus erklären, wie das Regime eines Landes, das sich weigert den Ölinteressen eines Imperiums zu entsprechen.

Wie viele US-Amerikaner*innen können sich mit denen identifizieren, die unter den beiden Bürotürmen des Welthandels begraben worden sind, wie wenige waren es im Vergleich mit den Toten des Afghanistan- und Irakkriegs? Und doch genügt dieses Ereignis und dessen propagandistische Ausschlachtung nicht nur zahlreiche US-Amerikaner*innen, sondern auch unzählige Europäer*innen gegen etwas zu mobilisieren, das es so vermutlich gar nicht gibt, bzw. das rückwirkend betrachtet überhaupt erst durch diese Kriege entstanden ist. Aber der „Krieg gegen den Terror“ hat nicht nur in den entlegenen Regionen der Weltmächte Kriege gegen ein Gespenst ausgelöst, sondern auch eine Kriegsführung gegen die eigenen Bevölkerungen in den Metropolen der Macht begründet. Fortan ist jede*r Bürger*in potenzielle*r Terrorist*in. Und zwar in dem Grade, in dem er*sie „arabisch“ aussieht, muslimischen Glauben praktiziert oder anderweitig rassifiziert werden kann. Die seit 2001 frei drehende US-Flugsicherheitsbehörde TSA etwa ist der Überzeugung Terrorist*innen nicht nur an althergebrachten Rassemerkmalen wie Hautfarbe oder Kopfform zu erkennen, sondern auch an der spezifisch-terroristischen Barthaartrimmung.

Der Krieg gegen internationalen Terrorismus ist auch in Europa die ultimative rassistische Argumentationsstrategie gegen Migration geworden. Wer aus den Kriegsgebieten dieser Welt in Richtung der wohlhabenderen Metropolen flieht, könnte ja ein*e Terrorist*in sein. Wer dagegen in den Metropolen ausrastet und Amok läuft, der*die bleibt der verhältnismäßig harmlose, irregeleitete Amokläufer aus der Nachbarschaft. Ich muss hier sicherlich nicht alle Aspekte der Angst vor dem Terrorismus erläutern, sie dürfte den meisten Leser*innen nur allzu präsent, ihre gezielte Schürung und anschließende Instrumentalisierung durch die Politik in Form von technologischer Aufrüstung der Polizei – die mittlerweile Panzer fährt und Handgranaten zu ihrem Arsenal zählen darf – und des Militärs, sowie ein Ausbau der Grenzregime, ganz besonders in Europa, noch in Erinnerung sein.

Es lässt sich festhalten, dass das Gespenst des Terrorismus, wie es uns heute durch die gehirngewaschenen Köpfe spukt, das ideale und mit großem Aufwand produzierte Feindbild ist, um die Militärstrategien zu legitimieren, die von einem zunehmend global aufgestellten Militär zur Sicherung eines weltumspannenden Imperiums trainiert werden.

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Doch auch dieses modernisierte Verständnis von Krieg muss dieser Tage überdacht werden, erleben wir doch seit mittlerweile mehr als einem Jahr eine neue Form des Kriegs, genauer gesagt, des Bürgerkriegs. Der Terrorismus, er ist weithin obsolet geworden, füllt höchstens noch die Randspalten der Tageszeitungen. Stattdessen füllt ein anderer, noch fiktiverer Feind, die Schlagzeilen: Covid-19. Dieser unsichtbare Superterrorist, der die Menschen unsichtbar und hinterhältig heimsucht, der hinter jeder Brührung, was sage ich, hinter jeder Begegnung, lauert, er ist der ultimative Feind und seine Bekriegung, sie erfordert eine ganz besondere Form der Massenmobilisierung: Die Mobilisierung zur Abwesenheit. Der moderne Kriegsheld, er – oder sie, diese moderne Armee hat nun wirklich jegliche Geschlechterunterschiede überwunden – lümmelt sich zuhause auf dem Sofa, frisst Junkfood in sich hinein und verfolgt gespannt den minütlich über alle Bildschirme flimmernden Frontbericht. Und auch wenn dort mittlerweile längst keine Toten mehr gezählt werden, sondern nur mehr noch von einer wenig aussagekräftigen „Inzidenz“ die Rede ist, fiebern die kriegsbegeisterten Massen noch immer mit. Und alle anderen? „Die Beste Medizin heißt Disziplin“, so oder so ähnlich lautet der Slogan einer der jüngsten Werbekampagnen der Bundesregierung, mit der die Nation zum „Durchhalten“ aufgefordert wird. Und Disziplin ist wahrhaft vonnöten, um als Soldat*in in diesem Krieg zu kämpfen. Der klassische Krieg kannte von Zeit zu Zeit wenigstens einen „Fronturlaub“, ebenso wie wenigstens ein Teil der Bevölkerung gar nicht in den Krieg zu ziehen brauchte, der moderne Virenkrieg dagegen rekrutiert die gesamte Bevölkerung und kennt höchstens eine „Lockerung der Maßnahmen“ und selbst dabei fragt sich die*der aufmerksame Beobachter*in, wie es kommt, dass eine immer weiter verschärfte Maßnahmensituation (Lockdown und Kontaktbeschränkungen sind eigentlich die ganze Zeit geblieben und zuletzt noch um Ausgangssperren erweitert worden) doch immer wieder als „Lockerung“ verkauft werden kann.

Und wer nun aufrichtig behaupten wird, die Kriegsrhetorik bisher nicht bemerkt zu haben und folglich der Ansicht sein mag, dass es sich hier überhaupt nicht um einen Krieg handele, die*der möge mir vielleicht erklären, wie es kommt, dass außgerechnet Rheinmetall und andere Rüstungskonzerne Corona-Schutzmasken produzieren.

Aber es ist freilich nicht bloß die Kriegsrhetorik, sozusagen zum guten Zweck (was auch immer das wäre), mit der wir es hier zu tun haben. Wem auch immer das entgangen sein mag, den*die erinnere ich gerne noch einmal daran, dass wir uns in einem globalen Ausnahmezustand befinden. Ein Ausnahmezustand, der nicht nur die zuvor bestehenden, nationalen Grenzen schloss, sondern der auch ganz neue Grenzregime errichtet hat. Ob globales Freiluftgefängnis (wobei „Freiluft“ mittlerweile als allzu optimistisch entlarvt wurde) oder das von einem philosophierenden Demokraten aufgestellte „Lager als Nomos der Moderne“, das heute gar nicht mehr besonders philosophisch zu sein scheint, die momentane Realität hat etwas von beidem. Auch wenn das Quarantäne-Gefängnis (meist) keine Fenstergitter und Stacheldrahtzäune mehr kennt, sondern hier und da mit elektronischen Fußfesseln auf modernere Instrumente der Einsperrung zurückgreift und anderswo in einem gigantischen Selbstversuch die noch modernere Form der Selbsteinsperrung testet, das Risikogebiet-Lager (oft – es gibt durchaus Ausnahmen) keine allzu festen Grenzen kennt, keine Einzäunung und Flüchtende meines Wissens nach zumindest in Deutschland – Vorfälle in direkten Nachbarstaaten und anderswo auf der Welt stellen das natürlich auch für hier in Aussicht – bisher nicht von Wärtern erschossen wurden, so muss einem die Corona-Maske doch gehörig die Sinne vernebelt haben, wenn man diese Analysen noch immer zurückweist. Dazu kommen jede Menge neuer Papiere, vom Passierschein in Form eines negativen Coronatests und einer Bescheinigung des Arbeitgebers bis hin zum internationalen Ausweisdokument eines elektronischen Impfpasses. Greencard wird das zuweilen unkritisch von der Kriegspropaganda genannt.

Aber während an all den neuen Grenzen wenigstens vorerst noch nicht allzu oft geschossen wird, Grenzübertritte je nach Person und Situation auch einmal geduldet werden und die Bullenschweine immerhin metaphorisch auf 1,5 Meter Abstand bleiben, hat sich die Situation an den Nationalstaatsgrenzen, sowie ganz besonders an den europäischen Außengrenzen noch einmal dramatisch verschärft. Die Situation in den noch viel realeren Lagern vor dem Festland, die weder des Stacheldrahts, noch den scharf schießenden Wachen entbehren, sie verschärft sich immer mehr. Und die ohnehin immer nur humanistische Hilfe der Linken… Sie befindet sich im Lockdown. Meist aus Überzeugung. Als im letzten Jahr die Bilder des brennenden Morias einen Funken Hoffnung aufkeimen ließen, da forderten die Linken ein neues, hygienischeres Lager. Aber was hat das mit dem Krieg zu tun? Leider eine ganze Menge, beweist es doch, dass es in Deutschland erstmals in der Geschichte eine spezifisch Linke Armee gibt. Jene, die früher den „Dienst an der Waffe“ ablehnten und im Zweifel lieber „Zivilidienst“ verrichteten, man hat sie auf ihrem ursprünglichen Metier rekrutiert: In den Krankenhäusern und Pflegeheimen, eben dort, wo man schon früher lieber Patienten den Hintern abwischte, anstatt sich die Waffe aushändigen zu lassen und zu desertieren. Und folglich ist es heute auch nicht das Sturmgewehr, mit dem die Corona-Avantgarde in die Schlacht zieht, sondern die – nur für die größten Idioten harmloser wirkende – Spritze. Das bevorzugte Werkzeug des „Todesengels“, möchte man da fast einwerfen.

Was bedeutet das also für ein anarchistisches Verständnis von Krieg? Fest steht: weniger moderne Formen des Kriegs sind mit diesem modernen Krieg ebensowenig ausgestorben, wie der Krieg gegen den Terrorismus die althergebrachten Staaten- und Bürgerkriege nicht obsolet gemacht hat. Der Virenkrieg, auch wenn einem eigentlich unmissverständlich seine Kriegspropaganda ins Auge springen muss, er wird von vielen gar nicht als Krieg wahrgenommen. In Tradition des Anti-Terror-Kampfes, des „Friedenseinsatzes“ von Blauhelmen und dem „diplomatischen Wert“ der Atombombe verspricht der Virenkrieg ebenfalls Frieden oder schlimmer noch, Gesundheit. Und er scheint dieses Narrativ dadurch sogar zu perfektionieren. Die militaristische Logik der Disziplin, die derzeit jeglichem sozialen Leben auferlegt wird, die irrationale und willkürliche Reglementierung aller sozialen Beziehungen außerhalb der bereits seit Ewigkeiten institutionalisierten Beziehungen der Familie, sie dienen der Rekrutierung einer Armee von Moralist*innen und Denunziant*innen, die fortan effizienter als jede Polizei Delinquent*innen disziplinieren und verfolgen soll.

Der moderne Krieg, er wird also nur noch in den Peripherien mit Waffengewalt ausgetragen, er gibt nur noch die „Unbelehrbaren“, die „Terrorist*innen“, die „Verbrecher*innen“, usw. der vernichtenden Gewalt von Armeen preis und zieht es selbst bei diesen vor, sie zu verhaften, einem Gericht vorzuführen und ins Gefängnis – oder in ein Lager – sperren zu lassen. Unterdessen jedoch kennt er zunehmend weniger eine Unterscheidung zwischen Territorien des Friedens und jenen des Krieges. Ist es die Polizei, die sich zunehmend die Strategien des Militärs aneignet oder ist es vielmehr das Militär, das selbst in den Gebieten des Krieges eine polizeiliche Logik verfolgt? Ich denke schon diese Frage offenbart einen gewaltigen Irrtum: Polizei und Militär sind in Wahrheit ein und das selbe; sind es möglicherweise immer schon gewesen. Die Propaganda des modernen Rechtsstaats mag hier naheliegenderweise ein anderes Bild zeichnen, aber ebenso wie der Krieg von manchen immer schon als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet wurde und wieder andere zu dem Schluss kamen, dass umgekehrt, die Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein müsse, unterscheidet sich die Polizei vom Militär ebenfalls höchstens in den angewandten Mitteln und selbst hier hat die Entwicklung moderner Kriegstechnologien und eine jüngere, militärische Aufrüstung der Polizei diese Unterschiede zunehmend verwischt.

Falsche Verbündete im Kampf gegen den Militarismus

Man muss nicht auf das Manifest der Sechzehn zurückgreifen – in welchem bekannte Anarchisten dazu aufriefen, sich dem Lager Frankreichs wegen seiner revolutionären Tradition anzuschließen und gegen den kaiserlichen Absolutismus Deutschlands zu kämpfen – um angesichts des Krieges Beispiele für den kompletten Verlust der Orientierung und des Gespürs für die involvierten Interessen seitens der Anarchisten zu finden. Der Großteil des heutigen „antifaschistischen“ Diskurses reproduziert im Miniaturformat die gleichen Fehler und spiegelt die Ideen des in den 70er Jahren weit verbreiteten „Antiimperialismus“ wieder: Demokraten vs. Faschisten hier, Staaten der Dritten Welt gegen Staaten des Westens dort. In jüngster Zeit akzeptieren die Unterstützer des Kampfes gegen „den Faschismus“ der Dschihadisten in Syrien sogar die Streitkräfte der US-Luftwaffe im eigenen Lager. Eine Position die bereits während jenes Krieges präsent war, welcher zum Zerfall des ehemaligen Jugoslawien in den 90er Jahren führte. In gleichem Maße verteidigen viele mit gerümpfter Nase die internationalen Interventionen, um die Grausamkeiten einzudämmen, die während der „Bürgerkriege“ in vielen afrikanischen Ländern begangen wurden (bevorzugt die Interventionen der Blauhelme, welche weniger Ablehnung provoziert als die der französischen Fremdenlegion oder die einer Koalition der NATO). Heutzutage hat es fast den Anschein, dass die westlichen Armeen eher freiwillige Rekruten einsetzen, anstatt einer Massenrekrutierung, um ihre Drecksarbeit durchzuführen. Sprich, der einzige Faktor der uns davor verschont zu sehen, wie Libertäre sich in die Armeen einreihen, um die „Bösen“ zu bekämpfen, die noch stärker konter-revolutionär sind, als die Anhänger der kommerziellen Demokratie.

Aus Die Reihen Durchbrechen. Gegen den Krieg, Gegen den Frieden, für die soziale Revolution.

Man sollte meinen, das erübrige sich zu bemerken, dass ein Staat niemals ein Verbündeter im Kampf gegen den Militarismus sein könne. Und doch scheinen vergangene und jüngere Parteinahmen von Antimilitarist*innen dringend einer solchen Klarstellung zu bedürfen. Und wenn ich in diesem Kontext Staat sage, so meine ich auch jede militaristische Bestrebung mit der Absicht, einen Staat zu gründen oder anderweitig staatliche Aufgaben zu übernehmen. Was aus einer antimilitaristischen Perspektive, so wie ich sie verstehe, mindestens unlogisch erscheint, lässt sich mit einer anarchistischen Perspektive dagegen überhaupt nicht vereinbaren. Was sich bereits früher in Solidaritätsbewegungen mit dem bolschewistischen Regime, der Fatah und Hamas oder in der Kuba-Solidaritätsbewegung beobachten ließ, findet seinen Ausdruck dieser Tage beispielsweise bei jenen, die buchstäblich die Fahnen von YPG und YPJ schwenken. Schöne Anarchist*innen und Antimilitarist*innen sind das, die da die Banner militärischer Verbände spazieren tragen, die Verhaftungen durchführen, Gefängnisse und Lager betreiben und von ihren Söldner*innen die militaristische Disziplin des Tötens auf Befehl einfordern.

Aber es ist weniger interessant, die Tatsache, dass dies so ist, festzuhalten, sondern weitaus spannender ist doch die Frage des Warum? Wie kommt es, dass unverhohlen militaristische und autoritäre Organisationen schließlich von ihren eigentlichen Gegner*innen verteidigt werden als „geringeres Übel“ – was noch die ehrlichste Betrachtungsweise ist – oder gar als „Notwendigkeit“ im Krieg gegen den imperialistischen Militarismus. Dass der Antimilitarismus hier als eine Mobilisierungsstrategie für den Militarismus dient, mag wie eine grausame Ironie erscheinen, ich unterstelle jedoch, dass hier vielmehr jene Rekuperationen des Antimilitarismus sichtbar werden, die die Abwesenheit von Krieg, die Ordnung des sozialen Friedens und die repressive Kontrolle über jegliche diese Ordnung störenden Tendenzen zum Ziel eines jeden Antimilitarimus umzudeuten versuchen. Dies mag vielleicht auch das Ziel eines humanistischen, kommunistischen oder demokratischen Antimilitarismus sein, als Ziel eines anarchistischen Antimilitarismus scheint es mir jedoch völlig unzureichend. Spannend finde ich am aktuellen Beispiel der Rojava-Solidarität, die auch unter Anarchist*innen, wenn sie nicht gar unkritisch übernommen wird, so doch weitestgehend unkommentiert bleibt, wie eine bestimmte Art und Weise der Argumentation reproduziert wird, die umgekehrt bei einer staatlichen, kapitalistischen oder nationalistischen Legitimation von und Propaganda für Militarismus zu Recht kritisiert wird. Es ist das Narrativ einer nationalen Verteidigung – auch wenn dieses nationale Motiv vielleicht verschleiert werden mag und sich teilweise hinter identitätspolitisch ansprechenderen Begriffen wie „Frauenrevolution“ (jaja, das Ziel 40% der Posten mit Frauen besetzen zu wollen und die gezielte Präsentation weiblicher Militärs durch die Propaganda scheint da heute bereits zu genügen) oder „ökologischer Revolution“ verbirgt – gegen einen im Anmarsch befindlichen Feind. Ein Narrativ, das sofortige „Lösungen“ verlangt, die oberste Priorität haben und denen folglich alles andere untergeordnet werden muss und wird. Dieses Narrativ dient nicht nur der Legitimation einer Miliz, sondern es soll auch all das Übrige rechtfertigen, was vielleicht durch die Propaganda der neuen Verwaltung anders versprochen wird, in der Praxis jedoch entsprechend autoritär daherkommt. „Noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.“ Eben ganz die Propaganda, derer sich auch etablierte Staaten bedienen, wenn sie im Kriegszustand die Arbeiter*innenschaft zu persönlichem Verzicht zugunsten der Interessen der Nation aufrufen und zugleich die militärischen Operationen im In- und Ausland als dringlich, alternativlos, sowie als Grundvoraussetzung für eine Bearbeitung des entsprechenden Problems in der Zukunft darstellen.

Es mag vielleicht überraschen, dass gerade eine antimilitaristische Bewegung dieses Narrativ nicht als ein klassisches Stilmittel der Kriegspropaganda erkennt und man könnte sicher noch seitenlange Überlegungen niederschreiben, warum das so überraschend vielleicht gar nicht ist. Aber ich will stattdessen zum eigentlichen Thema dieses Textes zurückkommen: Wie könnte eine aufständische Perspektive aussehen, die nicht nur den Militarismus des türkischen Regimes, den der NATO und den des IS angreift, sondern die sich eben auch gegen den Militarismus von YPG und YPJ und ihrer sozialdemokratischen bis leninistischen Parteien, der PYD und der PKK, sowie überhaupt gegen jede Herrschaft, auch gegen die dessen, was Demokratischer Konförderalismus genannt wird und sowieso nur in den Augen eines Trotzkisten, der sich kurzerhand zum Anarchisten erklärt hat, als anarchistisch im Sinne des Begriffs gelten kann, richtet?

Fluchtpunkte einer antimilitaristischen Praxis des Angriffs

(i) Die Kriegsproduktion

Jüngere antimilitaristische Kampagnen, die im Burgfrieden dessen, was manchmal die „Festung Europa“ genannt wird, agierten, haben die Produktion von Waffen, Munition und sonstigem Kriegsgerät als ein Feld der Intervention für sich entdeckt. Wenn der aus dieser Produktion stammende Nachschub die Frontlinien des Krieges, die sich anderswo auf der Welt befinden, nicht mehr erreicht, so würde auch der Krieg zum Erliegen kommen. Und tatsächlich: Ohne eine ununterbrochene Kette an Nachschublieferungen wären die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart unmöglich fortzusetzen (gewesen). Soweit jedenfalls die Theorie des Ganzen.

Gemessen an ihrer Praxis müssen diese Interventionen bislang jedoch als weitgehend gescheitert betrachtet werden. Blockaden vor Produktionsstandorten der Rüstungsidustrie, oft lange im Voraus angekündigt und somit in die Produktionspläne dieser Firmen einplanbar, hielten oft nur wenige Stunden an und lösten sich nicht selten nach einer gewissen Zeit von selbst wieder auf, als die Teilnehmer*innen der Blockade Hunger verspürten oder in die Annehmlichkeit ihrer Nachtlager zurückkehren wollten, oder an die Rückreise denken mussten, um am nächsten Tag wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Ich will mit dieser Beurteilung überhaupt nicht klein reden, dass solche kollektiven Bemühungen des Protests nicht ihren eigenen Wert haben, aber wer glaubt, mit der Teilnahme an einer derart vorhersehbaren, einkalkulierbaren und im höchsten Maße symbolischen Blockade tatsächlich einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kriegsproduktion in dem Maße blockiert wird, dass das irgendeinen Effekt auf die Kriegsführung in den Kriegsgebieten hätte, die*der lügt sich schlicht selbst etwas vor. Aber es gab nicht nur diese Form massenhafter Blockaden: Sabotagen an Gleisen, Brandanschläge auf Firmenfahrzeuge von Rüstungskonzernen und ihren Zulieferern, sowie den Fahrzeugen von Logistikunternehmen, die deren Kriegsgerät verschickten, usw., sowie eine vielleicht noch größere Serie an Farbangriffen auf die Sitze dieser Unternehmen boten und bieten bis heute eine militante Perspektive der Intervention in die Kriegsproduktion.

Und doch: Mir wäre es neu, dass dabei jemals die Nachschublieferungen an die Fronten der Kriege zum Erliegen gekommen wären. Zu geringfügig war die Unterbrechung der Produktion, zu unbedeutend die Sabotage der Logistik. Nichts, was nicht durch eine zusätzliche Nachtschicht aufgeholt hätte werden können. Und der finanzielle Schaden? Nun ja, sagen wir die Geschäftsführungen der betroffenen Unternehmen rechnen in anderen Dimensionen.

Es ist keineswegs meine Absicht, diese Interventionsversuche klein zu reden, Leute zu entmutigen auch dann anzugreifen, wenn der Feind übermächtig zu sein scheint und der eigene Handlungsspielraum im Vergleich zu klein, der eigene Widerstand zu unbedeutend erscheint. All das ist für mich kein Grund, vom Angriff abzusehen. Vielmehr denke ich, dass es sich lohnt, etablierte Strategien von Zeit zu Zeit zu überdenken und gegebenfalls einer Überarbeitung zu unterziehen, wenn sich herausstellt, dass das eigene Handeln in ihnen weitestgehend wirkungslos verhallt oder kalkulierbar wird.

Die heutige Hightech-Produktion – und die Produktion von Kriegsgerät fällt definitiv in diese Kategorie – ist an sich eine äußerst labile Angelegenheit. Sie ist abhängig von zahlreichen teuren und schwer zu beschaffenden Ressourcen – ironischerweise jene Ressourcen um deren Sicherung sich der ein oder andere Krieg dreht – und besteht aus einer langen Produktionskette an Zwischenprodukten und deren Logistik an die Produktionsstandorte, an denen das Endprodukt, sei es nun ein Panzer, ein Militärjet, eine Drohne, ein Raketenwerfer oder irgendetwas anderes, aus tausenden oder Millionen von Einzelteilen zusammengesetzt wird. Die produzierenden Unternehmen durchschauen oft selbst nicht vollständig, wer die Zulieferer ihrer Zulieferer sind und noch weniger, wer deren Zulieferer wiederum beliefert. Das gilt, selbst wenn es in der Rüstungsindustrie – mehr noch, als irgendwo sonst – durchaus Bestrebungen gibt, diese Produktionsketten nachzuvollziehen und – sofern sie für den Produktionsprozess unverzichtbar sind – entsprechend abzusichern, zumindest teilweise auch für die Hersteller von Panzern, Flugzeugen, Drohnen und Co. Es soll in der Geschichte der Produktion von Hightech-Gütern – und auch in der der Rüstungsindustrie – jedenfalls schon das ein oder andere Mal vorgekommen sein, dass Produktionshallen tagelang still standen, weil eine bestimmte Mutter, die nicht ohne weiteres im Baumarkt nachgekauft werden konnte, nicht geliefert worden war oder weil ein Zulieferer Bankrott machte und erst einmal Ersatz für das von ihm gelieferte Bauteil aufgetrieben werden musste. Und als vor einigen Jahren einmal die Weltmarktpreise für seltene Erden explosionsartig in die Höhe schnellten, weil China seine Exporte senkte, da gab es bei den Zulieferern der Autoindustrie – und was man für Autos braucht, das braucht man in der einen oder anderen Form oft auch für gepanzerte Fahrzeuge – erhebliche Lieferengpässe.

Ich will hier aber gar nicht allzu konkret werden. Jedenfalls scheint mir die Möglichkeit interessant zu sein, dass jenseits der oft mit Militärtechnologie überwachten, direkten Produktionsstandorte der Rüstungsindustrie in meist ohnehin unsympathischen Gegenden die vernachlässigte industrielle Peripherie dieser Sparte manchmal entlegen in kleinen Käffern, manchmal am Rande irgendwelcher weitaus sympathischeren Industriegebiete der Großstädte schlummern mag und eine große Menge Potenzial für zündenden antimilitaristischen Ideenreichtum liefert.

Auf eine ähnliche Art und Weise ließe sich vielleicht auch im Bereich der Logistik strategisch nachbessern. Die oftmalige Güterschienennetzanbindung der Produktionsstandorte von Rüstungsunternehmen und die Namen der Logistikunternehmen der die Werkstore passierenden LKWs könnten hier Ansatzpunkte offenbaren, auch wenn ich denke, dass der qualitative Gewinn für eine antimilitaristische Praxis des Angriffs hier vor allem darin bestehen könnte, tatsächliche Frachten an die und von der Rüstungsindustrie auszumachen und zu blockieren/zerstören, wenn nicht gleich das gesamte logistische System, in dem diese verschifft, verladen, mit der Bahn oder dem LKW transportiert werden angegriffen und sabotiert wird, anstatt sich auf – in diesem Sinne eher symbolische – Angriffe auf diese Logistikunternehmen im Allgemeinen zu beschränken, die zwar sicherlich einen finanziellen Schaden anrichten, jedoch effektiv kaum Auswirkungen auf den reibungslosen Betrieb der Kriegsproduktion haben dürften.

Dabei bleibt zu bemerken, dass verschiedene aufständische Projekte der Vergangenheit vor allem dort Erfolge verzeichnen konnten, wo sie entsprechende Schwachstellen in Produktions- und Lieferketten identifizierten und ihre Angriffe auf diese konzentrierten.

(ii) Die Infrastruktur des Krieges

Armeen fürchten seit jeher Wälder, Berge und Wildnis, sprich jene Umgebungen, in die ihre Zivilisation bislang nur spärlich oder überhaupt nicht vorgedrungen ist und in der es ihnen an notwendiger Infrastruktur, sowie oft auch an geografischem Wissen und Erfahrung mangelt, um ihre Umgebung erfolgreich zu kontrollieren. Kein Wunder, dass eigentlich sämtliche Spezialabteilungen des Militärs ihre „Elitesoldaten“ auf – außerhalb einer militärischen Ausbildung Todesmärsche genannte – Expeditionen durch die raue Wildnis schicken, sie entgegen der üblichen militaristischen Logik darin üben, in gewisser Weise eigenverantwortlich zu agieren, eigene Entscheidungen zu treffen und unabhängig von den Bewegungen anderer Einheiten ihrer Armeen zu kämpfen. Diese Spezialabteilungen sind das militärische Instrument, um in Gebiete vorzudringen, die frei sind von einer für die übliche militärische Intervention notwendigen, minimalen Infrastruktur. Aber gewissermaßen handelt es sich bei diesen Einheiten um ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Moderne Kriegstechnologie baut vor allem auf Drohnen, Satteliten, Aufklärungsflüge, (Infrarot-)Überwachungstechnologie, usw., um jederzeit selbst in die entlegensten Gebiete dieser Welt vordringen zu können. Und in den wenigen Fällen, in denen sich in der Vergangenheit die Wildnis als allzu undurchdringbar erwies, wusste man sich mit Pflanzengiften, Napalm und anderen biochemischen Waffen zu helfen. Die römischen Legionen rodeten Wälder, um das geeignete Schlachtfeld für ihre Truppen zu schaffen, die US-Army versprühte das Umweltgift „Agent Orange“, um ihre Feind*innen aus der Deckung zu locken. Das sind natürlich nur zwei der populärsten Beispiele dafür, wie sehr die totale Kontrolle über ihre Umgebung damals wie heute eine bedeutende Rolle für Militärs spielte. Auch wenn die strategische Zerstörung der Umwelt auch heute noch eine wichtige Rolle in diesem oder jenem militärischen Konflikt spielt, so lässt sich doch behaupten, dass die Kriegstechnologie zumindest nach Wegen sucht, Umweltzerstörungen eines solchen Ausmaßes (im Zuge ihres lokalen Einsatzes, denn natürlich zerstört alleine die Rohstoffproduktion für Militärgerät die Umwelt in gigantischem Ausmaß) nach Möglichkeit zu vermeiden und stattdessen mithilfe von HighTech in jeden bislang „toten Winkel“ vorzudringen.

Dabei spielen längst nicht nur die militärischen Technologien eine Rolle, mit denen bislang unbekanntes „Feindesland“ ad hoc während oder im Voraus einer militärischen Intervention erschlossen werden soll, sondern gerade dort, wo sich Kriege vornehmlich gegen einzelne Bevölkerungsgruppen in einem ansonsten erschlossenen Gebiet richten, seien es indigene Bevölkerungen, Rebell*innen, Invasor*innen, das was heute mit dem Begriff Terrorist*innen gemeint ist, oder schlicht verarmte Bevölkerungsteile, die nicht bereit sind, dem Bau einer Mine, einer Fabrik, einer Straße, usw. zu weichen, sind es vielmehr die „zivilen“ Technologien, die den Armeen und/oder der Polizei oder auch privaten Sicherheitskräften den Weg bereiten. Alles was dazu beiträgt, den Raum kontrollierbar zu machen, lässt sich selbstverständlich auch militärisch zu eben jenem Zwecke nutzen. Auf Straßen und Schienen kann das Militär schnell in jeden erschlossenen Winkel vordringen, Brücken helfen dabei, natürliche Hindernisse wie Flüsse, Schluchten und Täler zu überwinden und landwirtschaftlich genutzte Flächen ermöglichen es nicht nur, große Areale von einem einzigen Aussichtspunkt aus zu überblicken, sondern sie erleichtern vor allem auch das Vorrücken abseits der Straßen; soweit dürfte man das schon einmal mitbekommen haben. Tatsächlich sind dies jedoch nur die offensichtlichsten Infrastrukturen derer sich die Armeen bedienen. Für die Schiffahrt mithilfe von Schleusen und Talsperren begradigte und vertiefte Flussläufe ermöglichen einen verlässlichen Transport von Kriegsgerät bis weit ins Inland hinein, Häfen ermöglichen das schnelle Landen von Kriegsgerät, ebenso wie nicht nur Flughäfen militärisch genutzt werden können, sondern auch diverse schnurgerade Autobahnabschnitte als Start- und Landebahnen für Kampfflugzeuge dienen und teilweise auch als solche angelegt sind.

Jenseits einer solchen logistischen Infastruktur benötigt ein modernes Heer natürlich auch eine stabile und verlässliche Kommunikationsinfrastruktur. Eigens militärisch genutzte Sattelitenkommunikation, deren Bodenstationen sich auf Militärbasen überall auf der Welt befinden und vom Militär mobil aufgespannte Ad-Hoc-Funknetzwerke, über die verschiedene Einheiten untereinander und mit ihrem Kommandostab kommunizieren können sind ebenso zu nennen, wie bereits etablierte und durch diverse Funkmasten aufgespannte Behördenfunk- und Mobilfunknetze, die sich selbstverständlich auch zu militärischen Zwecken anzapfen lassen (der Behördenfunk ermöglicht es der Polizei immerhin bereits von beinahe überall nach Verstärkung zu funken). Insbesondere Drohnen und jede andere Form von unbemanntem Vehikel benötigt derartige Funknetze, um Informationen zu übermitteln, sowie Kommandos zu empfangen. Auch das vorrangig für das Internet verlegte Glasfasernetz lässt sich zu militärischer Kommunikation nutzen und ein funktionierendes Stromnetz, das so gut wie überall eine beinahe unbeschränkte Menge an Energie zu liefern vermag erleichtert jede militärische Operation. Nicht zu vernachlässigen ist dabei vor allem auch die in Städten überhand nehmende Beleuchtung, die es selbst Nachts ermöglicht, hunderte Meter weit in Straßenschluchten, Parks, Hinterhöfe, usw. hineinzublicken und aus der Nähe beinahe in jede dunkle Ecke blicken zu können. Und die ebenfalls überhand nehmende Videoüberwachung ermöglich schon jetzt ein immer engmaschigeres Netz polizeilicher Kontrolle.

Wir leben in einer vermessenen und kartographierten Welt, die solange ihre Infrastruktur intakt ist, militärisch leichter zu kontrollieren ist, als dies den Anschein macht, wenn man sich die Berichte über militärisch schwer kontrollierbare Guerilla-Widerstandskämpfer in anderen Teilen der Welt verinnerlicht. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich in dieser Welt jenseits der kontrollierten Pfade bewegen zu lernen, eine Fähigkeit die nicht einfach über Nacht erlernt werden kann, ebenso wie es erforderlich ist, die neuralgischen Punkte ausfindig zu machen, die die kritischen Infrastrukturen zum kollabieren bringen. Und diese – selbst wenn im Detail – nur zu kennen genügt vielleicht nicht, wie in dem Text „Fahrtenbuch“ (Die Reihen durchbrechen) argumentiert wird, es bedarf auch des spezifischen Wissens, wie diese erfolgreich sabotiert werden können, von der Herstellung der dafür erforderlichen „Betriebsmittel“, bis zu deren fachgemäßen bzw. unfachgemäßen Gebrauch.

Ich denke, dass gerade dieser Aspekt des Wissens in Ländern, in denen gerade kein offener Krieg gegen die eigene Bevölkerung geführt wird, oft unterschätzt wird. Umso bedeutender wird dieses Wissen in dem Szenario eines Aufstandes, auf den wir schließlich nicht nur alle gespannt warten, sondern auf den wir uns auch vorbereiten. In einer solchen Situation zu wissen, wie die Infrastruktur des Krieges unschädlich gemacht werden kann, das könnte sich womöglich als entscheidend erweisen.

(iii) Die Kriegspropaganda

Für das Funktionieren des Militarismus und insbesondere für die Mobilisierung nicht nur der Soldat*innen im Kriege, sondern auch jener Teile der Bevölkerung, die einen Krieg immer mittragen, ist in der heutigen Epoche die Propaganda von entscheidender Bedeutung. Vielleicht vergleichbar mit der Weltkriegspropaganda erweist sich heute die Virenkriegspropaganda, die wir seit über einem Jahr erleben. Längst sind alle Medien, von den Zeitungen, übers Radio und Fernsehen bis hin zu den sogenannten sozialen Medien auf eine Art und Weise gleichgeschaltet, die ich persönlich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Und alle machen sie mit, vom wirtschaftsliberalen Tagesblatt bis zur linken Monatszeitschrift, vom Staatsrundfunk bis hin zu Techgiganten wie Google und Facebook, die auf ihren Internetplattformen die staatliche Sicht der Pandemie prominent bewerben und kritische Stimmen entweder algorithmisch abwerten und somit verstecken oder unverhohlen zensieren. Wer hätte das gedacht, dass die Unternehmen, die einst (natürlich zu Unrecht) von sich behauptet hatten, den Arabischen Frühling möglich gemacht zu haben, nun, wo es die westlichen Staaten sind, die (Internet)zensur vorantreiben, sich so bereitwillig als Vollstrecker andienen. Achso, ja, eigentlich stand das zu erwarten.

Die gesamte Kommunikationstechnologie, von der Zeitung über den Rundfunk bis hin zum Cybernetz, sie war schon immer das Mittel der Wahl propagandistischer Indoktrination. Wie sonst könnte man auch die Massen erreichen. Die heute vielfach behauptete Medienvielfalt, sie existiert ebensowenig wie das Internet ein Instrument der Meinungsfreiheit ist. All diese Technologien erweisen sich im Kriegszustand mehr als jemals zuvor als Werkzeuge der Propaganda.

Auch wenn man sicherlich so einiges darüber sagen könnte, mit welchen Strategien die Herrschenden es erreichen, bei einem Großteil der Bevölkerung nicht nur die notwendige Angst vor dem Virus zu schüren, sondern sie auch gleich noch auf die Notwendigkeit des längst tobenden Virenkrieges einzustimmen, so wäre diese Analyse im Endeffekt doch unnötig, würde vielleicht sogar nur den Herrschenden etwas bringen, die ihre Mechanismen dadurch verfeinern könnten. Aus der notwendigen Distanz betrachtet, muss man meines Erachtens nach zu dem Resultat kommen, dass es die schiere Existenz von Massenmedien ist, die diese Kriegspropaganda ermöglicht und folglich eine effektive Bekämpfung dieser nur auf die Zerstörung dieser Massenmedien hinauslaufen kann.

Bis Palo Alto brennt…

Im Januar dieses Jahres hat die französische Gendarmerie zähneknirschend mitgeteilt, dass seit einem Jahr 121 Antennen Sabotagen verschiedener Art zum Opfer gefallen sind. Heute Ende März kam eine neue Kommunikation heraus, über France Info (staatlicher französischer Radiosender) wurde in einer Reportage berichtet, dass es sich mittlerweile um tatsächlich 173 Antennen handelt.

Dass von staatlicher Seite, von Polizei, Innenministerium, Gendarmerie, Richter und Richterinnen und auch von medialer Seite her versucht wird die Sabotagen zu einem Teil dem linksradikalen Spektrum und zum anderen sogenannten VerschwörungstheoretikerInnen zuzulasten, soll uns an dieser Stelle nicht überraschen. Solche Kommunikationsmanöver entspringen der Aufstandsbekämpfungs-Doktrin, die der französische Staat während des Indochina-Krieges entwickelt und seit dem in verschiedenen Konflikten, über den Algerien-Krieg bis hin zu den internen sozialen Bewegungen, weiter ausfeilen konnte. Den aufständischen Feind isolieren und seinen Kampf entpolitisieren. Was jedoch etwas verblüffend wirkt, ist dass eine solche Entpolitisierung mittlerweile sogar von einigen Teilen linksradikaler Kreise verbreitet wird. Das wirft natürlich einige Fragen auf. Wie ist es möglich, dass es heute schier normal erscheint, dass linksradikale mit Begrifflichkeiten wie Verschwörungstheorie so unvorsichtig umgehen. Als Menschen die oft selber gegen etliche Versuche der Entpolitisierung ihres Handelns ankämpfen mussten und heute noch müssen, dürfte man sich eigentlich etwas mehr Feingefühl und reflektiertere Analysen erwarten.

Aber kommen wir doch noch etwas zurück. Seit dem ersten europäischen Lockdown im Frühjahr 2020 hat es in Europa etliche Sabotage-Aktionen auf Funkmastanlagen gegeben. Zur gleichen Zeit etwa zirkulierten im Internet Stimmen, die behaupteten, dass die Ausbreitung des 5G Telefonie-Netzwerkes mitverantwortlich sein würde für die Verbreitung des Corona-Virus. Die Dichtheit der Wellen würde dazu führen, dass der Virus länger in der Luft hängen bleibt und sich somit weiter verbreitet.

Naja oder sowas ähnliches. Schnell wurden diese Theorien von staatlicher und medialer Seite her aufgegriffen, um die Akteure und Akteurinnen der Sabotagen zu diskreditieren. Sowie dies aber von staatlicher Seite aufgegriffen wurde, verbreitete sich diese Rethorik auch schnell in linken Kreisen.

Dass Staatsmächte, die in der Corona-Krise die Chance wahrnehmen die digitale Umstrukturierung kapitalistischer Produktions- und Lebensweise mit Peitschenhieben voranzutreiben und somit, wie der französische Finanzminister Bruno le Maire stolz verkündet hat, einen Sprung von 10 Jahren nach vorne machen konnte, ihr Interesse daran haben jeglichen Widerstand gegen die Digitalisierung unseres Lebens, zu diskreditieren, ist durchaus verständlich. Man müsste ja schon fast enttäuscht sein würden unsere politischen Feinde nicht so handeln. Wieso aber linksradikale zum Teil ins selbe Bockshorn blasen, bleibt ein Rätsel und zeugt von einer unglaublichen Kurzsichtigkeit. Funkmastantennen und Glasfaserkabel werden nicht erst seit der Covid-Krise aus verschiedenen ideologischen und sozialen Milieus als strategisch wichtige Pfeiler der heutigen digitalen Umstrukturierung wargenommen und somit sabotiert. Bereits während der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich waren das beliebte und häufig angegriffene Ziele. Auch aus anarchistischen Kreisen werden diese Ziele bereits seit Jahren immer wieder ausgesucht und vieles wurde bereits dazu geschrieben und kommuniziert.

Dass die digitale Umstrukturierung ein Dreh- und Angelpunkt der Neoliberalen politischen Ausrichtung ist, ist einer sehr breiten Bevölkerungsschicht bewusst. Es genügt als Krankenpflege in einem Spital zu arbeiten oder in einer modernen algorithmisch gelenkten Fabrik am Fliessband zu stehen, oder als Ueber-TramplerIn seine Kilometer abzustrampeln um zu verstehen mit was für einem Monstrum wir es da zu tun haben, und in wie fern dieses Monstrum uns krank macht. In diesem Sinne, auch wenn gewisse dieser sabotierenden UebeltäterInnen tatsächlich daran glauben, dass das 5G-Telefonie-Netzwerk für die Verbreitung des Covid verantwortlich ist, und man mit grosser Warscheinlichkeit behaupten kann, dass diese These falsch ist, ändert das an der Intuition nichts. Sprich die Tatsache, dass es Menschen sind die fühlen und warnehmen wie ihre Leben und ihre Freiheiten immer mehr in Bedrohung geraten, ist das was im Grunde zählt. Die Ziele die anvisiert werden sind die Richtigen. Und somit scheint es uns ein Fehler zu sein diese Aengste und Empfindungen zu entpolitisieren nur weil die intellektuelle Ausarbeitung mit Warscheinlichkeit an der Realität vorbeischiesst. Menschen, die sich entschieden haben sich der gegebenen Ordnung zu widersetzen so leichtfertig in die Ecke der Verschwörungstheorie zu drängen, scheint uns ein Fehler zu sein. Aus dieser Ecke heraus werden es wahrscheinlich dann die rechten oder rechtsradikalen Kräfte sein, die sie mit Händekuss abholen werden.

In diesem Sinne plädieren wir hingegen für eine internationale Verschwörung gegen die Neoliberale Ordnung und bekunden unsere Solidarität mit den verrückten SaboteurInnen dieses digitalen Friedens.

Euer ehrenwerter Freundeskreis Klaus Augenthaler

Die Zeit umdrehen!

„Der Militarismus lässt sich nicht ausblenden, ob es nun um Ökonomie geht oder um sozialen Aufruhr, um internationale Solidarität oder um Umweltzerstörung. Wer das nicht versteht, versteht eine der fundamentalen Rollen des Staates im Kapitalismus nicht.“ Sandra Rein, 2015

Krieg und Frieden in einer Welt am Abgrund

Es gibt aktuell so viele Bürgerkriege und so viele Geflüchtete wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Die fatalen Auswirkungen der Klimakatastrophe, die diese Verhältnisse noch zuspitzen, werden mehr und mehr sichtbar. Um den Horror zu stoppen, müssen wir handeln. Jetzt.

Das Militär, und damit immer eng verknüpft: das Patriarchat, hat eine zentrale Bedeutung in Politik und Wirtschaft. Die Staaten rüsten hoch und Deutschland vorne mit dabei. Die Militärhaushalte des Bundes und der EU steigen. Trotz anderslautender Vereinbarungen im offensichtlich wertlosen Koalitionsvertrag liefert die Bundesregierung Waffen unter anderem an die im Jemen kriegführende Allianz um Saudi-Arabien und an die Türkei, die Teile Rojavas besetzt und eine gelebte Hoffnung in Nahost auf Demokratie, Ökologie, Freiheit, Säkularismus und Frauenbefreiung zerstört. Das ganze Elend resultiert aus Bomben und Panzern u.a. aus deutscher Produktion. Der Bundesregierung geht es dabei nicht um die verhältnismäßig geringe, fast zu vernachlässigende Zahl von Arbeitsplätzen in der Rüstungsindustrie. Sie verfolgt damit geopolitische Interessen: Indem sie ausgewählte Staaten mit Waffen versorgt, kann sie Machtverhältnisse in der Welt mitbestimmen.

Mit den Waffen von Rheinmetall & Co wird Krieg gegen Millionen geführt. Mit der Herstellung und dem Export von Panzern, Geschützen und Bomben nehmen Politik und Konzerne diesen Massenmord in Kauf. Menschen flüchten, wenn sie überhaupt die Möglichkeit dazu haben. Menschen krepieren. Wir hören von der „größten humanitären Katastrophe“.

Nein! Nicht mit uns! Schluss damit! Wir rufen unsere Freund*innen, Genoss*innen, Gefährt*innen auf, sich am Kampf gegen Krieg, gegen das Sterben und den Tod zu beteiligen – nicht um dagegen zu protestieren, sondern um es zu beenden.

In der Defensive lässt sich jedoch nicht gewinnen. Bevor deutsche Waffen Menschen töten und Rojava auslöschen, müssen wir einschreiten, die direkte Konfrontation und den Konflikt mit der Macht suchen. Es müssen Taten folgen.

Gegen Waffenproduktion und Rüstungsexporte sein, heißt für die Menschen sein. Und das lässt eine Perspektive einer anderen Welt aufscheinen, eine Welt, wie sie beispielsweise im Projekt der selbstverwalteten demokratischen Konföderation Nordostsyrien sichtbar wird.

Die Frage von Krieg und Frieden ist eine existenzielle Frage oder, wie man einmal sagte, die Systemfrage. Wir scheitern alle, wenn wir sie nicht stellen. Ihre Antwort lässt sich nicht systemimmanent finden und weißt damit über den Kapitalismus hinaus.

„Für die Strategie des antiimperialistischen Kampfes, für die Vermittlung antiimperialistischer und antikapitalistischer Strategie scheint uns hier jede Möglichkeit gegeben zu sein. Große Teile der Bevölkerung sind gegen die sinnlose Rüstung zu mobilisieren, besonders weil der BRD-Kapitalismus nicht mit der Rüstungsproduktion steht und fällt.“ Rudi Dutschke, 1968

Schafft zwei, drei, viele Camps

Das Rheinmetall-Entwaffnen-Camp in Unterlüß bei Celle in Niedersachsen fand 2019 in unmittelbarer Nähe der Panzer- und Bombenfabriken von Rheinmetall und des riesigen firmeneigenen Übungsgeländes statt, auf dem der Konzern mit Panzern und Geschützen Schießübungen unternimmt, in den 1970ern übrigens auch mit Uranmunition.

Das Camp erinnerte – unter anderem mit der eindrücklichen Rede von Esther Bejarano – an die Schweinereien von Rheinmetall gestern und heute. Neben Antifaschismus war auch Klimagerechtigkeit ein Thema. Ein Schwerpunkt lag auf Feminismus. Verbunden war alles mit der gemeinsamen Klammer der internationalen Solidarität. So waren die Tage von zahlreichen Inhalten und Diskussionen bestimmt, die sich erfrischend von Althergebrachtem unterschieden und damit für viele eine starke Anziehungskraft besaßen.

Praktisch wurden gut organisierte, aktionsfähige Strukturen und Kleingruppen sichtbar, die vielfältig und bunt waren: Rot, pink, grün, blau, lila und schwarz vermummt waren sie unterwegs. Das, so hieß es, seien die Farben einer neuen Antikriegsbewegung, die am Firmament aufgegangen ist.

Tatsächlich waren Ansätze erkennbar, die sich unterscheiden von der traditionellen Friedensbewegung, die zwar Unterschriften sammeln, aber weder Schlagkraft entwickeln noch Druck aufbauen kann. Während der Blockade der Rheinmetallfabrik mit Tripods und allerhand Material setzten die Teilnehmenden auch ihre Körper ein, um sich zwischen die mörderische Produktion und das Leben auf diesem Planeten zu stellen. Sie haben begonnen, sich zu wehren. Und sie haben Ort und Zeit dafür selbst bestimmt.

Insofern nahmen wir dieses Camp als einen Neuanfang wahr, der zugleich an einer Tradition anknüpft, die spätestens mit dem Internationalen Vietnamkongress 1968 in Berlin begann und an Schlaglichter militanter Interventionen außerhalb der traditionellen Friedensbewegung erinnert: der Anschlag auf den NATO-Oberbefehlshaber in Europa und späteren Rüstungskonzernchef Alexander Haig 1979 in Belgien, das Rekrutengelöbnis im Bremer Weserstadion 1980, die Besuche von US-Präsident Reagan 1982 und 1987 in Berlin und seines Stellvertreters Georg Bush 1983 in Krefeld.

Das kommende Rheinmetall-Entwaffnen-Camp schien also sehr vielversprechend. Dann aber kam Corona und mit der Pandemie der große Rückzug der radikalen Linken, der auch an Rheinmetall Entwaffnen nicht spurlos vorbeizog. Statt Fortsetzung und Erweiterung von 2019 auf einem nächsten Camp, war 2020 nicht mehr möglich als eine eintägige Aktion am Rüstungsstandort Kassel.

Die Blockade in Kassel (die Teilnehmerzahl war erneut gestiegen – was wird dann erst nach Corona möglich sein?) hat jedoch auch Grenzen verdeutlicht, an die Rheinmetall Entwaffnen gekommen ist: Die Polizei begrüßt freundlich den Protest und beschränkt sich darauf, den Verkehr zu regeln. Das ist schwer auszuhalten, schließlich will man den Konflikt und nicht eine von Polizei und Rüstungsindustrie geduldete Sitzblockade. Aktionistisch scheint – wie auch schon auf dem Camp – viel mehr möglich, die Chancen werden aber nicht genutzt.

„Die Rede von der Hoffnung auf den Menschen, die Rede von der Hoffnung auf eine bessere Welt, bleibt sentimentales Geschwätz, wird zum Betrug, solange wir uns weigern, von den machbaren materiellen Bedingungen zu reden, auf denen solcherlei Hoffnung verwirklicht oder nicht verwirklicht werden kann. Wer Besseres will, muss schon auch Falsches angreifen wollen!“ Christian Geissler, 1964

Aktionsbild aus der nahen Zukunft

Auf einem der Plakate, die 2017 zu den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg aufriefen, befanden sich Wale – unter als auch über der Wasseroberfläche. Dieses Bild greifen wir auf, indem wir beginnen wieder Wellen zu schlagen. Große Wellen. Dazu werden wir uns zunächst verbünden. Bestenfalls wird sich unser Widerstand zusammensetzen aus Laienschauspieler*innen, Stelzengänger*innen und Riesenpuppen, die die Breite der Bewegung symbolisieren; aus agilen Kleingruppen, die sich auf Sabotageaktionen vorbereitet haben; aus Musikgruppen, die sich vor die Fabriktore setzen und uns mit einem Konzert beglücken; aus Ungehorsamen, die entschlossen Polizeiketten durchfließen und den Weg öffnen zu einer großen Massenaktion; aus Steineschmeißer*innen, die bereit sind, Bullen anzugreifen und in Schach zu halten; aus Christ*innen, die auf das Gelände vordringen und die Produktion stoppen; aus Kletterer*innen, die neue Höhen erklimmen und die Fabrikgebäude in ein neues Ambiente tauchen; aus allen anderen, die zusammen kämpfen wollen und die denen zur Seite stehen, die kämpfen.

Schon Wochen vor dem nächsten Camp brennen eines Nachts in Oberndorf am Neckar Autos von Rheinmetall und einem seiner Dienstleister ab. Die auf Indymedia veröffentlichte Anschlagserklärung endet mit „Rheinmetall Entwaffnen!“ In einem Indymedia-Kommentar wird gefragt, ob das Abfackeln nicht nur von Firmenwagen, sondern auch des Privat-Pkw eines leitenden Angestellten das richtige Aktionsziel sei. Die Mehrzahl der Antwortenden bejaht diese Frage und teilt die Einschätzung, dass solche Aktionen zur Mobilisierung beitragen.

Schon kurz nach Campbeginn ist das Zeltlager tatsächlich gut gefüllt. Alle müssen zusammenrücken. Die Vorbereitung hat nicht mit so vielen Teilnehmenden gerechnet. Entsprechend passiert auch sehr viel. Als die zentrale Aktion des Camps startet, machen sich von überall her jeweils Hunderte auf den Weg zur Rheinmetall-Fabrik. Unvermummte sind darunter ebenso wie solche, die ihr Gesicht nicht zeigen wollen.

Nach noch nicht einmal einer Stunde ist das komplette Werk dicht. Die Blockaden an den Zufahrten und sämtlichen Eingängen stehen. Dazwischen hindern prächtige Materialblockaden Fahrzeuge am Vorbeikommen. Allein auf der zentralen Zufahrtsstraße zum Haupttor der Fabrik stehen und sitzen etwa 1000 Menschen zusammen. Ein Beschäftigter schreit, er wolle durch. Um zur Arbeit zu kommen, stößt er Demonstrant*innen zur Seite, läuft in die Blockade, tritt auf Sitzende ein, um sich einen Weg zu bahnen. Die Blockierer*innen schreien vor Empörung, einzelne Getretene vor Schmerz. Erst entschlossenes Einschreiten der Umstehenden lässt den Arbeitnehmer von seinem Vorhaben abkommen. Er dreht resigniert um. Die Menge jubelt.

Mit der Zeit schwindet die anfängliche Hektik. Die Sonne scheint, die Stimmung ist ausgelassen, die Parolen kreativ. Die Situation wirkt stabil, schon fast statisch. Bald wird es manchen auch etwas langweilig. Als sich herumspricht, dass in den Fabrikhallen noch Betrieb ist, weil Rheinmetall die Produktion nicht ganz herunterfahren wollte, beginnt eine Diskussion. Rheinmetall hat offensichtlich alles dafür getan, um die Fabrikation mit einer Minimalbesetzung sicherzustellen. Ob die dafür notwendigen Beschäftigten auf dem Gelände nächtigen? Nach ersten Gesprächen wird ein Delegiertenplenum einberufen, um mögliche Antworten auf diese Situation zu finden. Mehrere Vorschläge stehen im Raum. Der kollektive Entscheidungsprozess dauert mal wieder länger als erwartet, schließlich überlegen die Aktivist*innen an einer Idee, die eine unkontrollierbare Situation auslösen könnte. Dann ziehen etwa die Hälfte der Aktivist*innen Richtung Fabrikgelände, reißen Zäune nieder, betreten das Gelände, laufen zügig in Richtung Produktionshallen und öffnen zielstrebig die Tore. Die Bullen werden äußerst unruhig, aber bevor sie ihre Kräfte zusammenziehen und die Eindringlinge ausfindig machen können, sind diese schon wieder verschwunden.

„Ich würde mir wünschen, dass es in den Metropolen Bewegungen gäbe, die diesen Krieg angreifen, unmöglich machen. Einfach den Nachschub kappen. Ich weiß, es ist angesichts des Zustands in den Metropolen utopisch. Auch auf längere Sicht wird es so bleiben. Schade, das wäre was. Eine militante Bewegung, die die Kriegsmaschine lahmlegt.“ Andrea Wolf, 1997

Das Böse darf nicht siegen, weil gute Menschen nichts tun

Als sich alle wieder auf dem Camp einfinden, meint man in den fröhlich strahlenden Gesichtern lesen zu können: „Wir wollten handeln und wir haben gehandelt.“ Die Entschlossenheit, die sich in den Aktionen der vergangenen Tage gezeigt hat, ist auf der ganzen Campwiese deutlich spürbar.

„Nach so langer Coronapause, in der wir uns einschränken mussten, aber Rheinmetall weiter tödliche Waffen produzieren und ihre Gewinne steigern konnte, haben wir gezeigt, zu was eine Antikriegsbewegung fähig ist.“ So eröffnet die Moderation das Abschlussplenum des Camps. Tatsächlich waren einige von der Vehemenz der vielen unterschiedlichen Aktionen überrascht oder, wie es auf dem Plenum formuliert wird: Die Aktionstage haben unsere Erwartungen übertroffen. Gerade die Spontanität, mit der auf aktuelle Situationen originell reagiert wurde, sei das bedeutende Neue gewesen.

Denjenigen gegenüber, die sich – vielleicht zum ersten Mal – an einer großen gemeinsamen Aktion beteiligen, wollte man von Beginn an transparent darlegen, was sie erwartet. Dafür stehen der knackige Bündnisaufruf und andere Texte, die erschienen sind. Sie waren eine prononcierte Einladung an alle, sich mit vielfältigen Aktivitäten, die das menschliche Leben schätzen, zu beteiligen. Darin war von Widerstand und Blockaden, von Angriff und Sabotage, von möglicher Repression und Ingewahrsamnahme zu lesen. Und dass keinerlei Bedürfnis existiert, sich von Taten, die gegen Rüstung und Krieg zielen, zu distanzieren. Diese Sätze werden während des Plenums nochmals lobend hervorgehoben, die Geschlossenheit hätte maßgeblich zur Mobilisierung und dem beeindruckenden Verlauf der Tage beigetragen. „Die Rüstungsindustrie steuert nichts zum Überleben der Menschheit bei, im Gegenteil. Wir hatten genug“, sagt eine junge Teilnehmerin, „und wir haben es gewagt, den Worten Taten folgen zu lassen.“

Bei der Auswertung ist man sich in einem Punkt weitgehend einig: Mit dem Verlauf der kreativen Aktionen sind alle sehr zufrieden. Einzelne Aktivist*innen aus der Region fragen sich jedoch, ob die „eindringliche“ Aktion mit unangekündigter Sachbeschädigungen eventuell negative Auswirkungen für ihre Bündnisarbeit und den Rückhalt aus dem wohlwollenden Teil der lokalen Bevölkerung haben wird. Nun, wenden andere ein, über ein Loch im Zaun und etwas Sabotage regen sich die Leute auf, aber über das Sterben der Menschen in Kriegen nicht. „Ja“, heißt es zustimmend, „die Angehörigen der Toten und die Menschen, die die Angriffe der türkischen Armee mit deutschen Waffen überlebt haben, werden sich nicht für die Formen unseres Widerstands interessieren. Sie werden fragen, warum wir Produktion und Export dieser Waffen nicht verhindert haben.“

„Die Kriegsindustrie weiter laufen zu lassen ist gewalttätiger als sie zu sabotieren“, ruft eine Gefährtin dazwischen. Eine andere meldet sich und erinnert – apropos Gewalt – an den inhaltlichen Workshop zum Thema bei Campbeginn: „Gewalt beinhaltet psychologische als auch körperliche Verletzungen. Wenn die Medien jetzt von ‚Ausschreitungen‘ und ‚Gewalt‘ sprechen, dann wollen sie uns nicht verstehen. Uns ging es doch nie um Gewalt oder Gewaltfreiheit, sondern um die Frage, ob wir dahinvegetieren und die Welt dem Sensenmann, dem personifizierten Tod, der die Menschen wie ein Feld dahin mäht, überlassen oder ob wir was tun!“ Zustimmendes Wendeln.

„Unsere Aktionen waren großartig, aber sie reichen nicht aus“, kritisiert ein Redner. „Morgen, wenn wir weg sind, läuft die Produktion wieder an. Einmal im Jahr ist zu wenig, wir müssen unseren Kampf auf permanent stellen.“ „Wir brauchen mehr Biss“, ergänzt eine andere. „Wenn wir mehr riskieren, können wir auch mehr gewinnen.“ Und das gelte ja nicht nur für die Antikriegsbewegung, sondern für alle Kämpfe, die aktuell auf der Straße präsent sind und zusammengenommen das ganze System infrage stellen.

Während der Abenddämmerung serviert die Küfa das Abendessen. Danach spielt auf der Bühne als Überraschungsgast eine Punkband ihre bekannten Songs. Wir sind alle erschöpft, aber alle sind in Bewegung und tanzen zur Musik. Die Erfahrungen dieser Tage werden wir in unseren Alltag, aber auch zum nächsten Rheinmetall-Entwaffnen-Camp mitnehmen.

Gefährt*innen aus der Antikriegsbewegung

Web: rheinmetallentwaffnen.noblogs.org
Twitter: @REntwaffnen

Eine Randnotiz an zwei feuereifrige Influencer aus Dortmund

Mit dem öffentlichen Verbrennen einer Bibel konnte man früher wie heute ja noch ganz gut provozieren, aber ob das Verbrennen einer Zeitung, die sich „Zündlumpen“ nennt, geeignet ist, einen Skandal auszulösen? Ich glaube mit dieser Einstellung werdet ihr es nicht sehr weit bringen im Showgeschäft, ebenso wie ihr euch vielleicht noch einmal überlegen solltet, warum a) das Abbrennen eines Zündlumpens kein Selbstzweck ist und b) warum euer videografisch dokumentierter Versuch so kläglich verlaufen sein könnte … (ein kleiner Tipp fürs nächste Mal: Vorm Anzünden tränkt der*die geübte Brandstifter*in einen Zündlumpen – und zwar nicht in Wasser)

Momenten ist ja viel die Rede davon, ob Corona oder Influenza schlimmer ist, ich will mich da nicht festlegen. Sicher ist aber, dass Influencer überhaupt die allerschlimmsten sind.

Mehr habe ich euch auch gar nicht zu sagen.

Wer sich für Jesus hält, „sollte“ von Anarchie schweigen …

„Denn sie wissen, was sie tun“, das ist der Titel eines Aufrufs, den Zündlumpen, die „in einem Maße technik-feindliche“ Zeitung In der Tat, „dass sie es nicht über sich bringt, ihre Publikation im Internet einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen“, sowie, wenn ich es richtig verstehe, ein Graffito und ein Plakat zu boykottieren. Warum sich die Unterzeichner*innen mit einem seine Lehren der Barmherzigkeit verwerfenden Jesus vergleichen, weiß ich nicht. Aber anders als der ans Kreuz geschlagene Jesus, der seinem Vater, Gott zuruft, seinen Kreuzigern zu vergeben, „denn sie wissen nicht, was sie tun“, dürstet es die Unterzeichner*innen wohl eher nach Vergeltung. Vergeltung für etwas, von dem vermutlich nicht einmal sie selbst so genau wissen, was das sein soll. Aber wen interessiert das schon? Sehen wir uns doch lieber die Bergpredigt dieser Jesusse an, vielleicht enthüllen uns ihre Lehren des Altruismus, der „Solidarität“ und der „überwiegend notwendigen Maßnahmen und Einschränkungen“ ja entgegen aller Erwartungen doch noch irgendwelche Weisheiten.

Das Gleichnis von derjenigen, die lieber an Corona sterben wollte, aber dann doch social distancing betreiben musste

Es stand einmal an einer Mauer – und irgendwo dahinter munkelt man, sei ein Pflegeheim gewesen –, der Spruch „I’d rather die of corona than live in a social coma“, was so viel bedeutet wie „Lieber sterbe ich an Corona, als in einem sozialen Koma zu leben.“ Da ging eine*r vorbei und las dieses Graffito und ärgerte sich sehr. Er*sie war nämlich mäßig begeistert davon, dass da jemand auf die Idee gekommen war, nicht in einem sozialen Koma, sprich einem Lockdown zu leben bzw. leben zu wollen. Überhaupt schien diese Person im Allgemeinen nicht besonders viel Ahnung von irgendetwas zu haben, sie war ja das letzte Jahr kaum vor die Tür gekommen und hatte wohl auch nur sehr wenige soziale Kontakte gehabt. Sonst hätte sie vielleicht gewusst, dass es sehr viele „pflegebedürftige Menschen“ gibt, die gar nicht selbst entscheiden, ihre Kontakte zu „reduzieren“, sondern die in ihren Einrichtungen regelrecht eingesperrt wurden und werden. Aber leider hatte die medial bis zum Erbrechen wiederholte staatliche Propaganda dieser Person so gehörig das Gehirn gewaschen, dass sie glaubte, dass die Eingesperrten im Altersheim doch tatsächlich allesamt freiwillig Gefangene wären. Und mit derartigen Gedanken beschäftigt entging dieser Person sogar, dass es eigentlich gar kein „Vorschlag“ war, der dort an der Wand stand, sondern der individuelle Wunsch der verfassenden Person. Aber individuelle Bedürfnisse waren dieser Person ohnehin fremd. Es ging ihr ja nicht um das Individuum, sondern um etwas ganz anderes … [1]

Das Gleichnis derjenigen, die „Egoismus über ur-anarchistische Werte wie Solidarität, Respekt und gegenseitige Hilfe stellten.“

Zu dieser Zeit begab es sich aber, dass eine Zeitung, die sich bereits voll Stolz aus dem „Spektrum der ernstzunehmenden Projekte“ – zumindest aus Sicht dieser Person – verabschiedet hatte, schrieb, dass wer auch immer fände, dass „die halbe Menschheit, wenn nicht sogar die ganze eingesperrt“ gehöre – denn es ist zwar ein weit verbreiteter, aber dennoch ein Irrglaube, dass Leute, die das finden und bei denen man „angesichts ihres schwächelnden Zustands“ nicht davon absehen mag, von uns nicht „eins auf die Fresse“ bekommen würden –, folgerichtig „eins auf die Fresse verdient hätte“. Und das ärgerte die Person noch viel mehr. Und da dachte sie sich: Wenn ich diese Aussage und die erläuternden Sätze drum herum nur gänzlich verdrehe, dann kann ich sie mit „Euthanasie-Programmen der Nazis“ vergleichen. Und so merkte sie gar nicht, dass sie in ihrem Wahn eigentlich nur wirr redete. Die Einsperrung der Menschheit wird so zu einem „Mindestmaß an Solidarität“ in der „anarchistischen Weltanschauung“ dieser sich allzu altruistisch gebenden Person, die offenbar mindestens noch einmal nachlesen sollte, was die Begriffe „Sozialdarwinismus“, „Egoismus“ und „Euthanasie“ bedeuten.

Das Gleichnis derjenigen, die es nicht über sich brachten ihre Publikation im Internet einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen

Dieses Gleichnis findest du nur in der Printausgabe, es ist aber das Witzigste.

Und die Moral von der Geschicht?

Ach komm, als würde ich eine Geschichte mit einer Moral erzählen.

Manch eine*r findet ja: „Mit Leuten, die diese Grundsätze nicht begriffen haben, kann man als Anarchist*in nicht unter einer Fahne laufen.“ Ich vertrete da eine gänzlich andere Meinung: Wer als Anarchist*in unter einer Fahne läuft … naja, muss ich es wirklich sagen?

Ein*e Anarchist*in


[1] Meine Interpretation ist, dass es dieser Person sowie all den anderen, die die besagte Bergpredigt mit unterzeichnet haben, sozusagen um das Gegenteil geht, nämlich darum eine Art von Moral aufzustellen, mit der die individuellen Bedürfnisse, Sehnsüchte, Verlangen, usw. gebunden werden sollen.

Ein FAQ zu antizivilisatorischen Kritiken

In letzter Zeit erreichten uns auf diversen Wegen zahlreiche Fragen zu antizivilisatorischer Kritik. Fragen, die uns natürlich schon lange bekannt sind, sind es doch häufig nur als Fragen getarnte Diffamierungsversuche. Und doch hat sich in einem Anflug von Belustigung eine Person die Zeit genommen, einige dieser Fragen aus ihrer Sicht mal mehr und mal weniger respektvoll zu beantworten. Also sperrt eure Lauscher auf, ihr heuchlerischen Fragensteller_innen, so ausführlich wird wohl keine_r von uns je wieder auf eine der folgenden Fragen antworten.

1. Frage: Ist es nicht eigentlich ableistisch, gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber bedeutet die Zerstörung der Zivilisation und die Zerstörung der Technologie nicht, dass überlebensnotwendige Medikamente nicht mehr produziert werden können und Menschen, die auf sie angewiesen sind, folglich sterben müssen?

Möglicherweise mag das im Endeffekt so sein, ja. Allerdings sind die Medikamente, die die heutige wissenschaftliche Medizin hervorgebracht hat, ebenso wie diese Medizin selbst keineswegs alternativlos. Unterschiedliche Gemeinschaften haben schon immer auch ohne eine solche Medizin gewährleistet, dass ihre auf Unterstützung angewiesenen Mitglieder gepflegt, versorgt und geheilt werden. Ich empfinde es als müßig, hier nun für jede erdenkliche Erkrankung zu untersuchen, inwiefern das realistisch scheint, sehe mich dazu auch gar nicht in der Lage. Zudem liegt eine solche Untersuchung nicht in meinem Interesse, da ich selbst und mein Umfeld eben nur von bestimmten Erkrankungen betroffen bin/sind und daher auch nur diese in einem solchen Sinne für mich von Relevanz sind. Ich überlasse weitere Untersuchungen gerne denjenigen, die sich damit befassen wollen. Ich kann und will aber auch gar nicht ausschließen, dass eine Zerstörung der Zivilisation, so wie ich sie vertrete, für einige Menschen bedeuten kann, dass sie nicht mehr an überlebensnotwendige Medikamente kommen und in der Folge dessen versterben. Das bedauere ich.

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, dass diese Möglichkeit umgekehrt zu einer Erhaltung der Zivilisation und ihrer Institutionen führen sollte. Sicherlich begrüße ich es, im Prozess der Zerstörung der Zivilisation möglichst viel Rücksicht darauf zu nehmen, was welche Konsequenzen für wen hat und nach Möglichkeit auch alles mögliche zu tun, um diese Konsequenzen möglichst milde zu gestalten, aber die bloße Existenz dieser Konsequenzen ändert für mich nichts an der Tatsache, dass ich die Zivilisation als etwas begreife, das beseitigt werden muss. Man mag mir hier vorwerfen, dass ich mich hierbei nicht übertrieben bemühe, Lösungen zu entwickeln, das Überleben eines jeden einzelnen Menschen zu gewährleisten, damit kann ich aber ganz gut leben. Ist das Ableismus? Ich finde nicht, aber in einer postmodernen Debatte, in der Begriffe wie dieser ohnehin auf eine völlig sinnentleerte Art und Weise gebraucht werden, mag die*der ein oder andere das dennoch behaupten. Aber wenn man diesen Vorwurf nun gegen mich und andere Kritiker*innen der Zivilisation erhebt, die möglicherweise ähnlich argumentieren, so finde ich, dass man diesen Vorwurf dann aber eben auch gegen diejenigen, die die Zivilisation verteidigen, erheben muss. Wobei man hier nicht nur den Vorwurf des Ableismus, sondern auch gleich noch den des Klassismus, des Rassismus und Sexismus erheben müsste. Denn die Medizin als lebenserhaltend zu betrachten ist eine Seite der Medaille, die andere Seite beinhaltet die Degradierung von Menschen zu Versuchsobjekten, an denen die Heilmethoden, die später den Reichen (im globalen Kontext ebenso wie im nationalen) zugute kommen, entwickelt werden. Das trifft nicht nur erkrankte Menschen, sondern dank strukturell kolonialer medizinischer Feldversuche, der Anwerbung von armen Menschen für medizinische Studien, die die Unversehrtheit ihres Körpers gegen ein geringes Entgelt verkaufen müssen (nicht selten auch untentgeltlich anbieten müssen, z.B. in Gefängnissen, Psychiatrien, usw.), sowie verschiedener sexistischer Projektionen auf soziale Mechanismen sowie die Körper der Versuchsopfer eben auch rassifizierte, vergeschlechtlichte und verarmte Menschen. Wer die Medizin also als überlebensnotwendig für die einen verteidigt, nimmt diese körperliche Ausbeutung (nicht selten bis hin zum Tod) anderer Menschen (und Tieren sowieso) dabei immer billigend in Kauf.

Antizivilisatorischen Kritiken in diesem Kontext Ableismus vorzuwerfen, kann ich daher bestenfalls als zynisch verstehen, in der Regel gehe ich aber davon aus, dass dies nur ein vorgeschobenes Argument ist, das alleine der Delegitimierung dieser Positionen dienen soll.

Abgesehen von diesem Aspekt ist natürlich die Zivilisation selbst dafür verantwortlich, dass wir heute so viele „disablete“ Menschen kennen. Gerade mentale Dis_abilities sind jenseits der Zivilisation in der Regel kaum als solche zu verstehen und selbst wenn doch bietet eine nicht-zivilisierte Welt kaum Barrieren für diese Menschen. Mit körperlichen Behinderungen verhält sich das ähnlich: Querschnittsgelähmte Verkehrsopfer, Kriegsversehrte, „Contergan-Kinder“, radioaktivitätsinduzierte Mutationen, Arbeitsunfälle, Asthma und Allergien, Impfschäden, medizinische Verstümmelungen, pardon, „Kunstfehler“ usw., für zahllose körperliche Behinderungen zeichnet die Zivilisation verantwortlich. All das nützt den bereits Versehrten freilich auch nichts mehr. In diesem Sinne ist die Verteidigung der Zivilisation natürlich im wahrsten Sinne des Wortes anti-ableistisch, weil sie eben die Produktion von Disabilities implizit befürwortet. Dem allerdings einen positiven Wert abzugewinnen fällt allen, die sich nicht bereits auf den verschlungensten postmodernen Irrwegen verirrt haben, freilich schwer.

Aber es ist doch zumindest sozialdarwinistisch, wenn ohne Zivilisation nur der Stärkere überlebt …

Wie kommst du denn darauf, dass dem so wäre? Auch ohne Zivilisation könnten Menschen in Gemeinschaften leben, in denen sie aufeinander acht geben, einander unterstützen und gegenseitig voneinander profitieren. Wenn du davon ausgehst, dass ohne Zivilisation, das heißt vor allem ohne eine herrschende Ordnung welcher Ausprägung auch immer, die Menschen einander bekriegen würden, bis nur die Stärksten überleben, dann sagt das etwas über dein Menschenbild aus, aber nichts darüber, wie das tatsächlich verlaufen würde.

Das zum einen, aber wo du mich schon fragst, wie würdest du es nennen, wenn in einer Welt die Mehrheit der Menschen (die Schwächeren) gezwungen ist, ihre Arbeitskraft, ihre Körper zu „verkaufen“, um überleben zu können, während eine Klasse an Stärkeren davon profitiert? Wie würdest du es nennen, wenn an einem Ende der Welt Menschen an Anstrengung, Hunger oder Umweltgiften elendig verrecken, während diejenigen, die von ihrem Tod profitieren, am anderen Ende der Welt förmlich in ihrem Luxus zu ersticken drohen? Ich würde das ja „Survival of the Fittest“ in eben jenem Sinne nennen, in dem man von Sozialdarwinismus sprechen mag.

***

Übrigens ist gerade erst die Übersetzung einer Broschüre gegen die Zivilisation erschienen, namens Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit, in der einige Menschen mit Behinderung und ohne Scheu, diese Identität auch auszuspielen, selbst das Wort ergreifen.

2. Ist es nicht transfeindlich gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber wie sollen trans Personen dann an ihre Hormone kommen?

Nun, die Vorstellung, dass alle trans Personen Hormone nehmen würden, ist schlichtweg falsch, aber ich will das mal nicht als „Transfeindlichkeit“ auslegen.

Ansonsten weiß ich nicht, wie diejenigen trans Personen, die Hormone nehmen, an diese kommen sollen, es interessiert mich auch nicht die Bohne. Personen, die das möchten, können sich ja mit der nicht-zivilisatorischen Herstellung von Hormonen beschäftigen und eine Lösung dafür finden (für die zivilisatorische Herstellung von Hormonen gilt übrigens das, was ich bereits bei Frage 1 geantwortet habe). Vielleicht gibt es ja in den Fabriken der Pharmariesen auch genug Hormonvorräte, um jeglichen Bedarf auf hunderte Jahre zu decken. Hormonbehandlungen sind Teil einer technologischen Herangehensweise an die in den Körpern von trans Personen offenbar werdenden Problematiken einer Vergeschlechtlichung. Zumindest ich vertrete eine Beseitigung des Apparats der Vergeschlechtlichung zusammen mit der Zivilisation. Dass es ohne eine Vergeschlechtlichung, ja ohne überhaupt irgendwelche Subjektkonstruktionen überhaupt noch ein sinnvolles Verständnis des trans-Seins gibt, wage ich zu bezweifeln, aber das bleibt freilich denjenigen zu entscheiden, die sich dann als trans- oder nicht-trans Personen verstehen möchten. In diesem Sinne denke ich, muss ich meine eingangs getätigte Aussage vielleicht wieder revidieren. Transfeindlich würde ich mein Denken zwar nicht nennen, aber ich kann es auch nicht gerade als transfreundlich oder überhaupt transbegünstigend bezeichnen, weil es anstrebt, die in trans Identitäten eingefangenen Subversivitäten des binären Geschlechtersystems auf jegliche Form von Geschlecht auszuweiten. Manch eine*r mag das transfeindlich nennen. Das ist aber ebenso produktiv, wie trans Leute homofeindlich zu nennen, weil sie ja die Geschlechterbinarität unterlaufen und damit das Konzept von Homosexualität untergraben würden.

3. Frage: Willst du zurück ins Mittelalter?

Nein.

Müsste ich mich auf eine Epoche der leviathanischen Geschichtsschreibung festlegen, dann wäre das mit Sicherheit nicht das Mittelalter, sondern die Steinzeit.

Aber schau, ich möchte mich auf überhaupt keine Epoche festlegen, du bist offensichtlich die_derjenige, der_dem es nicht möglich zu sein scheint, dir eine Welt außerhalb des von einer mehr oder weniger abstrusen Geschichtsschreibung bestimmten Zeitstrahls vorzustellen. Das bedeutet letztlich, dass du diese Welt so wie sie ist, bereits so sehr verinnerlicht hast, dass ein anderer Verlauf dir gar nicht mehr vorstellbar zu sein scheint, so wie das schon bei den Herren Marx und dem Gesocks, das sich auf ihn berief, aber auch bei den anderen Befürworter*innen dieser techno-industriellen Zivilisation war. Aus deiner Perspektive lässt sich die Frage nach einer Welt ohne Zivilisation also gar nicht stellen. Das ist bedauerlich, aber du wirst sicher verstehen, dass es nicht in meinem Interesse liegt, dir etwas zu erklären, was du nicht verstehen willst. Als Annäherung bleibe ich daher bei der Epoche der Steinzeit. Wäre also nett, wenn du so freundlich wärst, das Mittelalter in Zukunft rauszuhalten.

Aber warum die Steinzeit? Nun du weißt ja, wie das ist, heute fischen, morgen jagen und niemals arbeiten. Außerdem mag ich Nacktheit, Fellbekleidung und Speere.

4. Frage: Willst du, dass Millionen oder Milliarden von Menschen verhungern und von Seuchen dahingerafft werden?

Nein.

Aber ohne die hygienischen Umgebungen der Zivilisation werden doch überall Seuchen wüten.

Nein.

Die Mobilität und die einander angeglichenen Lebensbedigungen der Zivilisation machen die schnelle und globale Ausbreitung von Krankheitserregern überhaupt erst möglich. Hygienische Umgebungen der Zivilisation sind insofern auch nur in einem zivilisatorischen Kontext ein geeigneter und notwendiger Schutz vor Infektionskrankheiten.

Und ohne die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern.

Das ist tatsächlich eine sehr komplizierte Frage, die ich jedoch gerne von einer anderen Seite her beleuchten würde, nämlich von der Gegenthese ausgehend: Durch die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern. Das ist selbst unter prozivilisatorischen Wissenschaftler*innen, Agrarverbänden, Staaten und neuerdings sogar saatgutpatentierenden Unternehmen Konsens. Gründe dafür gibt es viele, vor allem spielen aber eine schwindende Biodiversität und bedrohte Nahrungsketten, sowie schwindendes Ackerland durch den industriellen Ackerbau eine herausragende Rolle. Auch wenn die Industrialisierung der Landwirtschaft diese Probleme erheblich vergrößert hat, gilt auch für die vorindustrielle Landwirtschaft, dass durch sie viel mehr Energie in die Produktion von Nahrungsmitteln investiert werden muss, als etwa beim Sammeln und Jagen wild wachsender und lebender oder durch nicht-landwirtschaftliche Aussaat angepflanzte Nüsse, Wurzeln und Früchte, sowie in Herden gehütetes Vieh. Auch wenn ich denke, dass man jede landwirtschaftliche Bestrebung zumindest als potenziell zivilisatorisch und herrschaftsbegründend betrachten muss, so denke ich nicht, dass in einer postzivilisierten Welt landwirtschaftsähnliche Aussaat keine Rolle mehr spielen würde, denn klar ist, dass die Biosphäre, die von einem durch die Zivilisation ausgebeuteten Planeten derzeit erhalten bleiben würde, kaum in der Lage ist, alle Menschen oder auch nur einen großen Teil zu ernähren. Ich will ja ohnehin niemandem sagen, wie sie*er sich zu ernähren hat, sondern habe höchstens Vorstellungen davon, inwiefern ich landwirtschaftliche Unterfangen sabotieren will, weil sie die Biosphäre auf eine Art und Weise zerstören, die auch mein Leben beeinträchtigt oder weil sie an die Beanspruchung des Landes (Eigentum) geknüpft ist, ebenso wie ich Vorstellungen habe, wie ich mich gerne ernähren würde und das beinhaltet keine Landwirtschaft.

Ich denke jede_r für sich und seine Community muss und wird einen Weg finden, sich zu ernähren, auch wenn ich der Natur der Sache wegen natürlich weder irgendwem garantieren kann, noch will, dass er*sie nicht von einer Hungersnot betroffen sein wird. Aber wieder einmal gilt auch hier: Wer hier meine Kritik mit einem solch hohen Maßstab misst, die*der sollte freilich auch die Zivilisation an dem selben Maßstabe messen: Irgendwelche Zyniker haben ausgerechnet, wie viele Kinder pro Minute verhungern, irgendwelche Zyniker haben gezählt, wie viele Menschen an chronischer Unterernährung leiden. Das ist die momentane Realität und die Aussichten für die Zukunft, das sagen eben selbst die Zivilisator*innen, werden düsterer, sowie die Grundlagen für die Landwirtschaft aber auch eine natürliche Regeneration der Biosphäre immer mehr schwinden. Und wer mir nun kommt, dass der weltweite Hunger nur an einer Verteilungsungerechtigkeit liege, mag schon recht haben, aber diese Verteilungsungerechtigkeit lässt sich innerhalb einer Zivilisation eben niemals beseitigen, weil jede Zivilisation eine soziale Schichtung und damit auch ein Verteilungsungleichgewicht hervorbringt.

Letzte Frage: Indem du ständig auf die Zivilisation verweist, anstatt dich für Probleme des antizivilisatorischen Denkens zu rechtfertigen, machst du es dir da nicht ein wenig einfach?

Keinesfalls. (Mein) antizivilisatorisches Denken entwickelt sich eben aus genau der Erkenntnis, dass die Zivilisation verantwortlich für Herrschaft und alle möglichen aus ihr resultierende Beziehungen ist. Daher will mein Antizivilisationismus diese eben als eine Ursache beseitigen. All die Fragen, die mir hier gestellt wurden, resultieren jedoch aus einer Moralerei, die eine Beseitigung der Zivilisation durch Abgleich mit einer herrschenden Moral kritisiert, nicht jedoch die Zivilisation selbst mit der selben Moralerei bemisst. Während kritisiert wird, dass Menschen ohne Zivilisation aus diesem oder jenem Grund sterben könnten oder würden, werden die Toten der Zivilisation als gegeben, sozusagen als unvermeidbar ignoriert. Nur so kann diese Moralerei funktionieren und so soll sie freilich auch funktionieren, denn sie dient dazu, die Zivilisation zu rechtfertigen. Wenn ich es mir einfach machen würde, dann würde ich also vielmehr soetwas entgegnen wie „bleib mir mit deiner bürgerlichen/humanistischen/sozialistischen Moral gestohlen“. Stattdessen mache ich mir hier sogar die Mühe, die mir entgegengehaltene Moral in Widersprüche zu verstricken. Und das obwohl ich nichts für diese Moral übrig habe. Du siehst, ich bin hier mehr auf deine Argumente eingegangen, als du auf meine.

Wenn das Draußenchillen zur Ordnungswidrigkeit wird

Rückblick auf ein Jahr Ausgangsbeschränkungen

Seit nunmehr einem Jahr sind wir mit Ausgangssperren unterschiedlichen Ausmaßes konfrontiert. Zum einen die sogenannten „Ausgangsbeschränkungen“, die das Verlassen der eigenen Wohnung – so weit eine solche vorhanden – nur aus „triftigen Gründen“ erlaubt. Von Dezember bis Februar gab es in Bayern zusätzlich eine „nächtliche Ausgangsperre“ zwischen 21 und 5 Uhr. Inzwischen wird diese auf die Regionen beschränkt, die irgendeinen Inzidenzwert überschreiten. Nach nunmehr gut einem Jahr „Ausgangsbeschränkungen“ und zwei Monaten Ausgangssperre wollen wir unsere Erfahrungen mit dieser neuen Situation, wie wir sie in München erlebt haben, rekapitulieren.

„Ausgangssperre“ bzw. dessen Euphemisierung „Ausgangsbeschränkung“; als diese Worte letzten März begannen durch die Presse zu geistern, blickte man entsetzt in andere Länder, die Straßensperren errichteten und das Militär in die Straßen beorderten. Mit Beginn der Ausgangssperre in München fuhren Lautsprecherwagen der Bullen durch die Straßen und verkündeten die neuen Bestimmungen, auch viele Streifen waren zu sehen. An den ersten Tagen waren die Straßen wie leergefegt und die Menschen, die man sah – besonders in Parks tummelten sich an schönen Tagen durchaus die Massen –, waren krampfhaft darum bemüht irgendeinen Sport zu machen, und sei es nur sich einen Frisbee gegenseitig zuzuwerfen. Man war unsicher, wie stark würde die Kontrolle sein, wie sehr würden autoritäre Maßnahmen aufgezogen, würden auch so Scheine eingeführt werden, in denen man aufschreiben muss, wohin man gedenkt zu gehen? Würden Straßensperren errichtet werden, ja würde sogar das bundesdeutsche Tabu gebrochen werden und das Militär auf die Straßen geschickt? Erinnern wir uns an die Diskussionen darum, ob es ernsthaft verboten sei sich draußen alleine auf eine Bank zu setzen, was selbst den so obrigkeitshörigen Deutschen ein bisschen übertrieben schien und durchaus Widerstandsreaktionen – auch am Anfang – hervorrief. Ich erinnere mich an Szenen, wie Bullen versuchten Leute, die zu zweit an einem öffentlichen Tisch saßen, dazu aufzufordern sich zu entfernen, was trotzig verweigert wurde. Oder wie die Bullen zwei Personen, die nebeneinander auf einer Bank saßen, dazu aufforderten den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern, ganz als seien sie Anstandsdamen aus einem früheren Jahrzehnt. Ich erinnere mich, wie ich auf der Polizeiwache saß und sich die Cops gegenseitig darin brieften, „Ausgangsbeschränkung“ zu sagen und nicht „Ausgangssperre“ und wie alle paar Minuten der Funkspruch kam, dass irgendwer irgendwen bezüglich Corona-Maßnahmen verpfiffen hätte.

Heute wissen wir: Zumindest bisher hat sich die deutsche und bayerische Politik dagegen entschieden die Mittel einzusetzen, die nötig wären, um derartige Ausgangsbeschränkungen tatsächlich durchzusetzen. Kein Militär, keine (oder ganz selten sehr punktuelle) Abriegelungen, keine Dauerkontrollen, keine albernen Zettel, die man ausfüllen muss. Stattdessen lieber eine Konzentration darauf Parties jeglicher Ausprägung zu unterbinden und auf die Jagd nach sonstigen größeren und kleineren Menschenansammlungen. Da kommt mir besonders der Sommer in den Sinn, als es jeden Abend, insbesondere am Wochenende, am Isarufer und im Englischen Garten zu massiven Schikanen der Cops gegenüber den Leuten kam.

Auch die nächtliche Ausgangssperre, die die letzten beiden Monate galt, war keine absolute. Menschen, die in der Nacht lohnarbeiteten, durften sich draußen aufhalten, auch medizinische Notfälle und die Versorgung eines Haustieres waren Gründe, die gewichtig genug waren, um vor die eigene Haustüre treten zu dürfen. Das führte dazu, dass die Straßen zwar schon im Vergleich zu früheren Zeiten ab 21 Uhr wie leergefegt waren, man jedoch, solange man (scheinbar) alleine und eher nicht mit dem Auto unterwegs war, von den Cops eigentlich ignoriert wurde. Und so lange man eine gute Ausrede parat hatte, war auch eine Kontrolle kein größeres (wenn auch nerviges) Problem.

Tatsächlich darf man gerade, so weit ich weiß, immer noch nur aus triftigem Grund sein Zuhause verlassen. Heute fühlt sich das allerdings anders an als letzten März. Denn inzwischen ist klar, dass, solange man größere Gruppenbildungen in der Öffentlichkeit vermeidet, man normalerweise unbehelligt bleibt. Dass die Ausgangsbeschränkungen ein Vorwand mehr sein können für mehr oder weniger willkürliche Polizeikontrollen, bleibt natürlich bestehen, was allerdings die vorherige Situation zwar durchaus verschärft, es aber trotzdem nicht zu einem absoluten Novum macht – denn davor durften die Schweine im Umkreis von fünfhundert Metern rund um Bahnhöfe (also quasi überall) anlasslos Menschen kontrollieren; allerdings brauchte man damals natürlich keinen „triftigen Grund“ dafür, sich überhaupt draußen aufzuhalten.

Was sich allerdings verändert hat: die Kontrolle darüber, dass sich keine (zusammengehörigen) Menschenansammlungen bilden und ihren relativen Erfolg. Dass man gerade die letzten Monate den Eindruck bekam, dass die Strategie Erfolg hätte, liegt meiner Ansicht nach allerdings eher am Wetter als an den Maßnahmen. Denn dadurch,dass jede Möglichkeit, sich öffentlich in Räumen zu treffen, durch Schließung der Bars, Cafés, Restaurants, Clubs usw. sehr effektiv verhindert wird, ist bei kalten Temperaturen ein Ausweichen nach draußen, wie es im Sommer der Fall war, nicht sehr verlockend. Die letzten frühlingshaften Tage haben jedoch gezeigt, dass es sich die Leute nicht nehmen lassen, das Wetter draußen zu genießen, Ausgangsbeschränkung hin oder her.

Ansonsten haben die Ausgangsbeschränkungen bei mir dazu geführt, den Raum und meine Position darin anders wahrzunehmen als davor. Denn so deutlich wurde mir und wahrscheinlich auch vielen anderen noch nie vor Augen geführt, dass jede vermeintliche (Bewegungs-)Freiheit nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas Geduldetes, das einem jederzeit entzogen werden kann, wenn es die Herrschenden so wünschen. Für viele war das auch „vor Corona“ schon Realität, alle, die sich „illegal“ in ein Land begeben oder sich in diesem aufhalten, können ein Lied davon singen. Würdest du all deine Papiere verbrennen und dich für staatenlos erklären, würdest du dich dem Eigentumsanspruch eines Staates an dich entziehen, so würdest du spätestens an der Grenze, aber auch bereits bei der ersten Kontrolle feststellen, dass es keinen Ort gibt, an dem du dich überhaupt bewegen darfst. Alle, die versuchen, sich einfach irgendwo niederzulassen, wo es ihnen gefällt, wissen, dass eine solche Freiheit nur dann gegeben ist, wenn man den Eigentumsregeln gehorcht – sich diesen Ort kauft oder mietet und „öffentliche“ sowie „private“ Räume anderer als tabu für die eigene Niederlassung respektiert. Obdachlose etwa werden regelmäßig von den Schlafplätzen, die sie sich eingerichtet haben, vertrieben, ihre Unterkünfte, die sie sich gebaut haben, zerstört. Unsere Umgebung ist eine massiv kontrollierte, Bewegungsfreiheit eine Illusion. Eine so umfassende Einschränkung der Bewegungsfreiheit auch gegenüber der Subjekte eines Staates macht den Duldungscharakter dieser „Freiheit“ lediglich besonders deutlich.

Was allerdings auch deutlich wird: Wie immer ist die Unterwerfung der Menschen und ihre Gefangennahme auch von der Kooperation der Unterworfenen abhängig. Um eine Ausgangssperre durch den Einsatz physischer Gewalt durchzusetzen, müsste ein massiver Polizei- und Militärapparat aufgefahren, müsste jede Straße besetzt, überall Kontrollpunkte eingerichtet oder auch die Überwachungstechnologie massiv ausgebaut werden [1]. Doch das war und ist bis heute in Bayern und Deutschland nicht nötig. Während der nächtlichen Ausgangssperre waren meiner Beobachtung nach nicht mehr Bullen auf den Straßen unterwegs als sonst. Trotzdem waren die Straßen menschenleer. Das hatte bestimmt auch mit dem Wetter zu tun. Ich denke, dass eine nächtliche Ausgangssperre im Sommer anders aussehen würde. Trotzdem war es gespenstisch. Was war für die Durchsetzung einer solchen Ausgangssperre nötig? Wie bekommt man 13 Millionen Menschen dazu nach 21 Uhr nicht mehr hinauszugehen, nicht einmal, um nach dem sogar erlaubten Besuch bei der Freundin einfach heimzufahren? Massives Bombardement durch die Medien und Angst. Angst vor dem Virus und Angst vor der Strafe. Psychische Kontrolle statt physische. Die psychische Kontrolle und die mediale Erreichbarkeit der Menschen geht sogar so weit, dass sich die Herrschenden darauf verlassen können, dass sich die Leute wöchentlich, ja teilweise sogar fast täglich darüber informieren, was gerade erlaubt ist und was nicht und das auch noch für welche Region.

Aber zurück zu meiner Wahrnehmung des Raums und meiner Position darin. Insbesondere städtische Umgebungen zeigen ihren kontrollierten und Kontrolle erleichternden Charakter. Jede Straßenlaterne wird zum Feind, jede Straße macht einem nur bewusst, dass diese den Bullen helfen, sich schneller durch die Stadt zu bewegen und dass einem dort jederzeit Bullen begegnen können. Man begrüßt den Schatten und die Dunkelheit und das bisschen Natur, das es auch in der Stadt noch gibt. Einige Vorteile hatte diese Ausgangssperre immerhin. Denn da sie nicht durch massive physische Kontrolle durchgesetzt wurde, sondern durch psychische, konnte man sich – solange man Streifen aus dem Weg ging – vollkommen unbeobachtet durch die Stadt bewegen und das bereits ab 22 oder 23 Uhr. Auch jetzt noch – da jedes nächtliche Indoor-Angebot immer noch verboten ist – ist man zu vergleichsweise früher Abendstunde häufig ungestört. Die Ausgangsbeschränkungen haben mich gelehrt, mich anders im so deutlich wie nie zuvor als feindlich organisiert sichtbaren Raum zu bewegen. Während ich anfangs das Gefühl hatte, von jedem Fenster aus beobachtet zu werden und es nicht fassen konnte, dass ich jetzt nicht einfach unbefangen nach draußen gehen könnte und mich mit Leuten treffen, hat sich inzwischen eine gewisse Gewöhnung eingestellt, eine gewisse Routine, wenn ich hinausgehe und wenn ich mich mit Leuten treffe. Man hat seine Strategien und seinen Umgang gefunden, hat neue Fähigkeiten erworben.

Ich bin gespannt, was der Frühling und der Sommer uns bringen mag. Momentan schwafeln sie ja schon von einer „dritten Welle“, stellen die Leute bereits darauf ein, dass es über Ostern hinaus so weitergehen wird. Denn der Wille nach draußen zu gehen und Sonne und Wärme zu genießen und auch die Sehnsucht nach menschlichem Kontakt sind stark, trotz unserer tiefen Domestizierung. Die enorme Verkleinerung unseres Käfigs wurde von vielen nur mithilfe des Versprechens, es sei lediglich vorübergehend und nur für ein paar Wochen, akzeptiert. In Düsseldorf haben sie inzwischen ein sogenanntes „Verweilverbot“ erlassen. Man darf draußen nicht mehr stehen bleiben, sich nicht hinsetzen oder hinlegen. Alles, was das Leben noch vom bloßen Funktionieren in dieser Gesellschaft unterscheidet, wird uns genommen. Wie lange lassen es sich die Leute eingehen, dass das Einzige, das zählt, das ÜBERleben ist? Wobei das Motiv des „Überlebens“ und „Leben rettens“ die Rechtfertigung dafür ist, die Herrschaft so auszuweiten wie man will und es als psychologischer Trick dient, um die Leute dazu zu bekommen alles zu akzeptieren und sich zu unterwerfen und zu gehorchen und diese Gesellschaft um jeden Preis aufrechtzuerhalten; eine Gesellschaft, deren Strukturen überhaupt erst für so viele Todesgefahren verantwortlich sind.

Erkämpfen wir uns unseren Raum. Bleiben wir nicht dabei stehen, ihn so zurückzuerlangen, wie er vorher war, sondern befreien wir uns von dieser Kontrolle des Raums, von der Durchdringung jedes Quadratzentimeters durch Herrschaftsbeziehungen, zerschlagen wir unsere Käfige und befreien wir uns von unserer Domestizierung. Denn die Wildnis kennt weder Grenzen noch kontrollierte Umgebungen noch Ausgangsbeschränkungen.

Anmerkungen

[1] Auch wenn natürlich dieser Punkt durchaus seine Verschärfungen in diesem Jahr erfahren hat und der Ausbau technologischer Überwachungsmöglichkeiten unter dem Stichwort „Digitalisierung“ massiv gefördert wird. Stichwort Corona-App, Auswertung von Handydaten zur Nachverfolgung von Infektionsherden, elektronische Meldung ans Gesundheitsamt bei Grenzübergängen, Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Menschenansammlungen etc.

Irrlichter

Über meine Unzufriedenheit mit einigen Tendenzen und Perspektiven der antizivilisatorischen Debatte

Ich stehe in der Dämmerung am Rande eines gigantischen Moors. Was auf der anderen Seite liegt, vermag ich nicht zu erkennen, hinter mir erstreckt sich die Kulisse der techno-industriellen Zivilisation mit ihren Fabriken, Straßen, Schienen, Funkmasten und vor allem ihren von Drohnen überwachten und gesteuerten Getreidefeldern, Nutzwäldern und Futterklee-Wiesen. Aber warum zurückblicken? Die wesentlich relevantere Frage lautet doch: Wie gelange ich durch dieses Moor? Ich habe unzählige Geschichten gehört, von Menschen, die vor mir versucht haben, dieses Moor zu durchqueren, um der zurückliegenden Zivilisation zu entfliehen. Da gab es etwa diejenigen, die beschlossen einen Teil des Moores trocken zu legen, um dort jenseits der Gefilde der Zivilisation zu leben. Sie zogen Entwässerungsgräben und errichteten ein Kloster auf diesem Stück Land. Doch noch bevor sie die kalten Steinmauern dieses Klosters als beengend empfinden konnten, da fanden sie sich – wie von Zauberhand, oder etwa nicht? – inmitten der zivilisierten Welt wieder. Sie hatte sich einfach auf das durch die Entwässerungsgräben wirtlich gewordene Land ausgedehnt und es in Besitz genommen. Und schon kurze Zeit später erinnerte nichts mehr daran, dass dieses Stück Land noch vor kurzer Zeit außerhalb der Mauern der Zivilisation gelegen hatte. Aber von diesen Menschen lohnt es sich kaum zu erzählen. Höchstens als eine kurze Anekdote. Ich will stattdessen meinen Blick auf jene richten, die es gewagt haben, sich auf die geheimen Pfade durch das Moor zu begeben. Auf die gefährlichen und dunklen Pfade, auf denen man leicht versucht ist, dem Schein eines winzigen Lichts zu folgen, dass sich nur allzu oft als Irrlicht entpuppt hat. Und wenn ich hier die Geschichten derer erzähle, von denen man sagt, dass sie sich verirrt hätten, dann nicht um mich über sie zu erheben, sondern vielmehr um mir selbst eine Hilfe dabei zu sein, meine eigenen Pfade durch dieses Moor zu wählen.

I

Kürzlich habe ich ein Pamphlet mit dem recht programmatischen Titel »Anarchismus vs. Primitivismus« gelesen. Eine Übersetzung eines Textes von Brian Oliver Sheppard aus dem Jahr 2003. Nicht Sheppards einziger Text über den »Primitivismus« und auch nicht Sheppards einziger Text mit einem so programmatischen Titel. Bevor es gleich der ganze Anarchismus war, der da von Sheppard gegen den Primitivismus ins Feld geführt wurde, da musste schon Bakunin für den gleichen Zweck herhalten. In einem Erguss mit dem beinahe ebenso episch anmutenden Titel wie der eines popkulturellen Trashfilms namens »Cowboys vs. Aliens«, nämlich »Bakunin vs. the Primitivists« aus dem Jahr 2000. Ich habe mir überlegt, eine Erwiderung auf Brian Oliver Sheppards Text zu schreiben, nicht weil ich Anhänger*in des von ihm kritisierten »Primitivismus« wäre (was auch immer das seiner Definition nach sein soll), sondern weil seine Kritik eigentlich nicht den »Primitivismus« kritisiert, sondern jegliches antizivilisatorische Denken. Aber letztlich ist ein Text, der sich an einer solchen Kritik abarbeitet, vielleicht doch das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben ist. Warum mich in eine Debatte begeben, in der von Anfang an alles über einen Kamm geschoren wird? Eine Debatte, in der »Primitivismus« hauptsächlich als Gegenkonstruktion zum von Sheppard vertretenen Syndikalismus in Erscheinung tritt. Eine Debatte, in der es weniger darum zu gehen scheint, sich mit bestimmten Positionen auseinanderzusetzen und diese zu diskutieren, sondern vielmehr darum Fronten zu bilden (die »Anarchist*innen« auf der einen Seite und die »Primitivist*innen« auf der anderen) und bestimmte Positionen anhand von möglichst polarisierenden – nicht selten aus dem Kontext gerissenen – Zitaten zu delegitimieren. Nein, diese Debatte bringt mich nicht weiter und vermutlich auch niemand anderen. Und doch scheinen es vielfach Debatten dieser Art zu sein, die – nicht nur – im deutschsprachigen Kontext vorherrschen, wenn antizivilisatorische Perspektiven diskutiert werden.

Meiner Einschätzung nach sind all diese Debatten, die sich aus naheliegenden Gründen den »Primitivismus« als Feindbild erwählen, gerde deshalb so uninteressant für die (Weiter-) Entwicklung antizivilisatorischer Positionen, weil sich hinter ihnen ein dogmatischer Pro-Zivilisationismus versteckt, der sich entsprechend an den (zumindest so wahrgenommenen) dogmatischsten antizivilisatorischen Positionen reibt. Sheppards Text bildet da keine Ausnahme. Er beginnt gleich zu Beginn seines Artikels mit einer Sammlung von Zitaten – angeblich repräsentativ für den Primitivismus –, in denen die Auswirkungen der Einführung von Elektrizität in verschiedenen Regionen thematisiert werden. Dabei scheint ihm die Auffassung, dass Elektrizität dabei nicht gerade als positiv befunden wird, so fremd und absurd zu sein, dass das einzige Argument, das er bemüht, um seinen gegensätzlichen Standpunkt zu untermauern, darin besteht, den »Mangel an Elektrizität« als »Kenzeichen der Armut« zu definieren und folglich zu implizieren, jede*r, die Elektrizität anders sähe, müsse entsprechend Armut – ein Begriff, der ja nur im Kontext von Eigentum und vor allem im allgemein vergleichbaren Kontext einer Zivilisation Sinn ergibt – befürworten. Wenn es Sheppard aber gar nicht darum zu gehen scheint, hier eine alternative Kritik an Zivilisation und – in diesem Beispiel – Elektrizität zu elaborieren, sondern er stattdessen einer mehr oder weniger ausformulierten – wenngleich er die Argumentationslinien bestenfalls verfälscht widergibt – Kritik an Elektrizität einfach die Befürwortung von Elektrizität – als Errungenschaft, als Fortschritt sozusagen – entgegenstellt, inwiefern kann seine Haltung dann überhaupt als antizivilisatorisch begriffen werden? Was er selbst wahrscheinlich gar nicht behaupten würde. Aber weiter noch, wenn Sheppard in der Einführung seines Textes den Anarchosyndikalisten Sam Dolgoff zitiert, der es nicht ertragen kann, dass einer »immer barfuß [ging], rohes Essen, meist Nüsse und Rosinen [aß] und [sich] weigerte, einen Traktor zu benutzen, da er gegen Maschinen war und Pferde nicht missbrauchen [wollte] [und] also [selbst] die Erde [umgrub]« und entsprechend zu dem Schluss kommt, dass »solche selbsternannten Anarchist*innen in Wirklichkeit ›Ochsenkarrenanarchist*innen‹ [waren], die sich der Organisation widersetzten und zu einem einfachen Leben zurückkehren wollten«, kann man dann überhaupt davon sprechen, es hier mit einem anarchistischen Text zu tun zu haben? Sicher kann man verstehen, dass sich bei der*dem einen oder anderen immer mal wieder ein gewisser Frust darüber anstaut, dass andere nun nicht den eigenen Analysen folgen oder nicht den gleichen Weg teilen, von dem man glaubt, dass er zur Revolution oder zur Beseitigung der Herrschaft oder wohin auch immer führen mag. Aber wenn sich nun eine*r »der Organisation widersetzt« und man das mit solch harschen Worten – und es geht mir hier freilich nicht um die Worte selbst, sondern um das dahinterliegende Gedankenkonstrukt – ankreidet, ist man dann nicht ein*e Feind*in des Individuums? Und unabhängig davon, in welchem Kontext Dolgoff das vielleicht sagte – und der mir eigentlich auch egal ist –, ist dieses Zitat, für das sich Sheppard hier ja bewusst entschieden hat, nicht zumindest das? Wie soll man das sonst verstehen wenn nicht als Kritik der Art: Wer sich »der Organisation widersetzt«, die*der kann gar kein*e echte*r Anarchist*in sein? Dabei verhält es sich doch eher umgekehrt: Wer ein Individuum zwingen will, in die oder auch eine Organisation (aber ist das nicht vielleicht letztlich das selbe?) einzutreten oder es zumindest dafür verachtet, wenn es das nicht tut, ist sie*er nicht eher autoritär? Und zumindest wenn ich von Anarchismus spreche, dann schließt sich das mit jeder Form des Autoritären notwendigerweise aus!

Ich könnte nun auf diese Art und Weise fortfahren Sheppards Text Abschnitt für Abschnitt zu kommentieren und – so behaupte ich einfach, um das hier abzukürzen – Abschnitt für Abschnitt würde ich zu dem gleich Ergebnis kommen: Sheppards Kritik am Primitivismus, der hier vielfach stellvertretend für antizivilisatorische Positionen im Allgemeinen steht, ist eben einfach pro-zivilisatorisch. Und auch wenn diese Debatte vielleicht ebenfalls spannend sein mag, so wird sie hier doch auf einem Niveau geführt, das sämtliche grundlegenden Kritiken an Zivilisation mit dem Verweis auf die »Autoritäten« von Bakunin oder Kropotkin oder gar Marx beiseite wischt (»Obwohl klassische Anarchist*innen wie Peter Kropotkin und Michail Bakunin von der Beseitigung des Staates durch die Übertragung des Eigentums an den Produktionsmitteln in die Hände der Öffentlichkeit sprachen, haben die Primitvist*innen eine andere Agenda: Sie wollen Industrie und Technologie zerstören und nicht umverteilen«), einem Niveau, an dem ich jedenfalls keinerlei Interesse habe, weil solche Debatten weder die eine, noch die andere Kritik weiterbringen, sondern bloß Fronten bilden, an denen man sich aneinander aufreiben kann, anstatt vielleicht dringlichere Feind*innen – jene, um die sich die jeweils eigene Herrschaftsanalyse dreht – anzugreifen.

II

Was vermag mir die (historische) Wissenschaft über das vorzivilisatorische oder auch außerzivilisatorische Leben von Menschen zu erzählen? Ich persönlich vertrete die Auffassung von Fredy Perlman, dass die Geschichte, seine Geschichte, immer die von Leviathan war, ist und gewesen sein wird. Geschichtsschreibung versucht immer eine Erzählung, die immer aus einer bestimmten Perspektive erzählt und in der Regel auch höchstens von einer Hand voll Menschen, zu abstrahieren und daraus Allgemeingültigkeiten abzuleiten. Das verneint nicht nur die Individuen, von denen eine Erzählung handelt – ein Prozess, der Leviathan immer gelegen kommt –, sondern impliziert unter anderem auch, welche Geschichten erzählt werden (können) und welche nicht.

Ich will das an einer Reihe von Beispielen verdeutlichen: Betrachtet man Leviathans jüngere Geschichte, von der durchaus zahlreiche zeitgenössische schriftliche Überlieferungen von mehreren Individuen vorliegen, sagen wir beispielsweise die Epoche des Nationalsozialismus. Eine Epoche, die gerade einmal 75 Jahre zurückliegt und doch werden wir scheitern, die Geschichten so vieler Menschen zu erzählen … Aber es gibt doch Tagebücher, Akten, Augenzeugenberichte, u.v.m., mag da manch eine*r einwenden. Sicher, aber wessen Tagebücher sind uns heute vorrangig erhalten? Wer hat es überhaupt gewagt, Tagebuch zu führen? Wem war es materiell möglich – etwa weil sie*er Zugang zu Papier und Tinte hatte, oder weil sie*er überhaupt schreiben konnte –, Tagebuch zu führen? Wer hat seine*ihre Tagebücher nicht irgendwann aus Angst verbrannt? Wer hat sie nicht auf der Flucht verloren? Wessen Tagebücher landeten in Archiven, wessen Tagebücher wurden nach ihrem*seinem Ableben von einer*m Angehörigen entsorgt, wer hatte überhaupt noch Angehörige, die sich um seinen*ihren Nachlass hätten kümmern können? Und die Akten? Was soll eine Akte schon über einen Menschen aussagen? Sie ist alleine Zeugnis der Verwaltung eines Menschen. Zu glauben, dass sich aus ihr irgendetwas anderes gewinnen lassen würde, erscheint mir bestenfalls naiv, schlimmstenfalls eine Befürwortung der staatlichen Logik von Menschen als zu verwaltenden Einheiten zu sein. Und die Augenzeugenberichte? Was, wenn es keine Zeug*innen gab? Was, wenn keine*r der Augenzeug*innen überlebte? Was, wenn die Augenzeug*innen sich alle beharrlich ausschweigen?

Andere Beispiele, die ähnlich offensichtlich sind, wären etwa die sowjetrussische Epoche, die Inquisition, die Kolonisierung Amerikas, u.s.w. Aber auch wenn diese Beispiele besonders deutlich zeigen, dass es letztlich eben vor allem die leviathanischen Geschichten sind, die sich heute (noch) erzählen lassen, selbst wenn man sie gelegentlich auch in einem kritischen Tonfall erzählen mag, so gilt doch für jede Epoche, dass in ihr Menschen gelebt haben, deren Geschichten die Historiker nicht erzählen werden. Sei es, weil sie es nicht wollen oder weil sie es nicht können.

Und je weiter eine Epoche zurück liegt, bzw. umso weniger aus ihr überliefert ist, desto weniger lassen sich Geschichten aus ihr erzählen, die nicht leviathanisch sind. Die Archäologie etwa zieht ihre Erkenntnisse zum Beispiel häufig aus Grabbeigaben. Man möge mir vielleicht meine laienhafte Darstellung und möglicherweise auch meine diesbezügliche »Ungebildetheit« verzeihen – oder auch übelnehmen –, aber ich bin nicht der Meinung, dass man daraus, dass in einem Grab zum Beispiel Pfeilspitzen gefunden wurden, schließen kann, dass die*der Begrabene einer Krieger*innenkultur entstammt. Sicher, vielleicht wurden diese Pfeilspitzen einmal als Grabbeigaben mit dem Leichnam beerdigt und sollten irgendetwas ausdrücken, was man als Krieger*innenkultur bezeichnen kann. Aber vielleicht ist die Person in dem Grab auch einfach mit mehreren Pfeilen erschossen worden und bei der Beerdigung hat sich keine*r die Mühe gemacht, die Pfeile – oder nur die Spitzen – vorher zu entfernen. Vielleicht wurden die Pfeilspitzen auch mit ins Grab gelegt, aber eher, weil der*die Begrabene in seiner Community eher ein Sonderling war, der einen Waffen- oder auch Pfeilspitzenfetisch hatte und dies seine liebsten waren. Oder man hat sie mit ins Grab gelegt, weil man sich schon dachte, dass irgendwann irgendwelche Grabräuber daherkommen würden und irgendwelche Spekulationen anstellen würden und da fand man es einfach lustig, sie über Pfeilspitzen sinnieren zu lassen. Oder, oder, oder. Kurz gesagt: Projizieren die Historiker*innen nicht häufig auch einfach das, was sie aus ihrer Epoche kennen – oder manchmal auch irgendwelche Sehnsüchte –, in andere Epochen hinein? Und nicht nur die Historiker*innen. Ist es nicht die gesamte Geschichtswissenschaft/Archäologie/Anthropologie, die Aussagen über ihren Gegenstand immer nur vor dem Hintergrund ihrer eigenen Epoche treffen kann?

Umso erstaunlicher finde ich es, dass historische Erzählungen zusammen mit anthropologischen so oft einen so gewichtigen Platz in antizivilisatorischen Texten einnehmen. Nicht, dass ich es schlimm fände, mich an den Geschichten der Wissenschaft zu bedienen, wo mich diese weiterbringen, aber zuweilen lesen sich Texte vielmehr, als seien sie der Wissenschaft geradezu hörig. Sie scheinen mit den Geschichten auch die Rechthaberei der Wissenschaft zu übernehmen und gerade dort, wo unterschiedliche Ansichten zu einem Thema aufeinanderprallen, wird oft mit der Logik von Beweis und Widerlegung eine Art wissenschaftliche Schlacht ausgetragen, in der es eigentlich nur einen Gewinner geben kann: Leviathans Wissenschaft. Denn auch wenn hier unterschiedliche wissenschaftliche Arbeiten gegeneinander stehen, steht eines scheinbar niemals in Frage: die Autorität der Wissenschaft selbst.

III

Auf der Suche nach den Ursprüngen der Zivilisation, ebenso wie auf der Suche nach Beispielen eines von ihr befreiten Lebens richtet sich die Aufmerksamkeit vieler antizivilisatorischer Debatten auf sogenannte primitive Gemeinschaften, Gemeinschaften außerhalb der Zivilisation also – und zwar gleichermaßen jene, die vor ihrer Entstehung existierten, sowie jene, die sich ihrem Zugriff an ihren Rändern bis heute oder bis in die letzten Jahrhunderte widersetzen konnten. Dabei sind es vor allem die Quellen der Wissenschaft, aus denen dabei die Geschichten über diverse primitive Gesellschaften geschöpft werden, vor allem die Disziplinen der Archäologie und Anthropologie. Aber mit den Geschichten scheint auch ein anderes Konzept der Wissenschaft Einzug in deren Deutung gehalten zu haben: das Bedürfnis danach, diese Geschichten zu systematisieren, sie miteinander in Einklang zu bringen und dabei ein universelles Narrativ des Primitiven zu erschaffen, das dann häufig sogar noch als Vorlage für eine eigene Utopie eines von der Zivilisation befreiten Zusammenlebens herhalten muss.

Dass ein solcher Prozess meines Erachtens nach leviathanische Geschichte begründet, das habe ich bereits zuvor ausgeführt. Hier möchte ich eine andere Auswirkung beleuchten, die eng mit diesem Prozess verbunden scheint, aber doch eine eigene Dynamik entwickelt: die Entstehung einer Utopie (und Ideologie?) von einer einheitlichen, »primitiven« Lebensweise, die zur Blaupause jedes Gedankenspiels eines nichtzivilisierten Lebens wird und als solche Tendenzen einer organisierten Transformation statt einer chaotischen Zerstörung zu begünstigen scheint.

Am Anfang dieses Prozesses steht die Tilgung der Einzigartigkeit einer jeden (primitiven) Gemeinschaft und eines jeden (primitiven) Individuums. Das kommt vielleicht daher, dass der Begriff »primitiv« selbst zunächst als eine Gegenkonstruktion des zivilisierten Menschen durch diesen selbst geprägt wurde und mit dem Begriff womöglich auch mehr dieses ursprünglichen Gedankenkonzepts Einzug in das Denken der Zivilisationsfeind*innen gefunden hat, als einer lieb ist. Jedenfalls vereint dieser Begriff die unterschiedlichsten Gemeinschaften und Individuen, deren Lebensweise kaum unterschiedlicher sein könnte. Was auf der Suche nach Gemeinsamkeiten derer, die ein Leben führ(t)en, das keinerlei zivilisatorische Institutionen hervorbrachte, einen gewissen (allerdings abstrahierenden und wissenschaftlichen) Zweck zu erfüllen scheint, verliert diesen endgültig, wenn nach einem positiven Entwurf eines nichtzivilisierten Lebens gefragt wird.

Nicht nur, dass mir beispielsweise in einer Umgebung, in der so gut wie jedes Großwild ausgerottet wurde oder die verbliebenen Herden – zumindest ohne zivilisatorische Verwaltung – kurz davor stehen, auszusterben, die Gebräuche »primitiver« Jäger*innen-Gemeinschaften selbst angesichts einer in Trümmern liegenden Zivilisation relativ wenig nützen. Bei der heute vielfach beschworenen Einheitlichkeit dieser Gebräuche scheine ich auch Gefahr zu laufen, die aus einer vollständig abstrahierten, ökonomisierten [1] Betrachtungsweise destillierten Gebräuche zu übernehmen, die – auf diese Weise ihrer Zusammenhänge beraubt, beispielsweise einer spirituellen Verbindung zur Natur, etc. – ohnehin nie funktionieren würden. Aber wenn mir dieses Vorbild des »Primitiven« unmittelbar nichts für mein eigenes Leben zu geben vermag, warum mich dann überhaupt daran orientieren? Warum es systematisieren und die einzigartigen, unterschiedlichen Geschichten aus weit voneinander entfernten Regionen ebenso wie Zeitaltern miteinander in Einklang bringen?

Manchmal erscheint mir ein solcher Systematisierungsversuch eine Art wissenschaftliche Neurose zu sein. Kein Wunder, wie viele andere auch, bin auch ich es gewohnt, Geschichten, die mir etwas geben, zu verallgemeinern und ertappe mich gelegentlich dabei, widersprüchliche Geschichten beinahe zwanghaft vor mir selbst als unglaubwürdig darzustellen. Ich denke jenseits dessen, was man dabei vielleicht über sich selbst lernen kann, liegt in einer solchen, rein individuellen Systematisierung kein besonderes Problem. Gelegentlich, vor allem in wissenschaftlichen Analysen und Debatten, die sich besonders stark auf solche berufen, erscheint mir dann aber doch etwas mehr hinter einer solchen Systematisierung zu lauern. Wo Vorschläge unterbreitet werden, wie wir die ganze Welt planvoll in einen Zustand »zurückversetzen« könnten, der dem »ursprünglichen« Zustand, dem, den (idealisierte) »primitive« Gesellschaften vorgefunden hätten, gleicht, da beginnt sich meiner Meinung nach auch eine bestimmte zivilisatorische Logik zu entfalten, nämlich die der Durchorganisierung der ganzen Welt und ihrer Ausrichtung auf ein einheitliches Ziel. Und auch wenn die sich derzeit andeutende, geplante Neuordnung der Welt durch den »grünen Flügel« des Kapitals sicher ganz anders aussieht, als das, was sich manch ein*e Befürworter*in einer reformistischen »Primitivisierung« der Gesellschaft ausgemalt haben mag, so scheint mir die Ähnlichkeit doch irgendwie auffallend zu sein.

Derartige Tendenzen scheinen mir dabei vor allem schon darin angelegt zu sein, dass Geschichten über primitive Gesellschaften systematisiert werden und zu einem primitiven Ideal verwoben werden, das dann wiederum als Blaupause für eine postzivilisierte Welt herhalten soll. Statt mein Handeln an einem derartigen Ideal auszurichten, erscheint es mir sinnvoller von meinem eigenen Zustand, meinen individuellen Möglichkeiten und Sehnsüchten auszugehen. Statt mein Handeln daran zu messen, inwiefern es zu einem (ewig) zukünftigen Ideal beiträgt, will ich im Hier und Jetzt leidenschaftlich meinen von den Fesseln meiner Domestizierung befreiten Sehnsüchten nachgehen, will das zerstören, was mich darin einschränkt und möglicherweise auch dieses oder jenes Überbleibsel der Zivilisation nutzen. Nicht in der Form freilich, die dem Diktat der Zivilisation selbst folgt und diese reproduziert, sondern immer im Blick darauf, meine Freiheit und die anderer zu wahren bzw. wiederherzustellen und Hierarchien und Unterdrückung zu zerstören.

IV

Die Vorstellung davon, dass das System zusammenbreche, dass es kollabiere, gehört für viele antizivilisatorische Kritiker*innen bereits seit Jahren zu den Eckpfeilern ihrer Analyse. Und wer kann es ihnen angesichts von Atommüll, Waffenarsenalen, die die Erde gleich mehrfach zerstören könnten, schwindendem Ackerboden, Erdölreserven, Regenwäldern und steigendem CO2 verdenken, dass sie einen Zusammenbruch des Systems prophezeien. Damit sind sie übrigens keineswegs alleine, auch systemtragende Institutionen wie der Club of Rome vermarkten seit Jahrzehnten mit einigem Erfolg die Vorstellung einer herannahenden Apokalypse durch die Grenzen des Wachstums. Und tatsächlich unterscheiden sich die Kollapsvorstellungen einiger antizivlisatorischer Kritiker*innen im Detail kaum von denen dieser Weltuntergangsprophet*innen im Auftrag des »grünen« Kapitals. Wer hier von wem abgeschaut hat, das lässt sich heute oft nicht mehr restlos aufklären, fest steht aber: Die Weltuntergangsprophet*innen des Kapitals sehen dem von ihnen systematisierten Kollaps nicht in freudiger Erwartung entgegen, sondern beschäftigen sich damit, das technoindustrielle System auch während dieses Zerfalls am Leben zu erhalten. Ihre Einschätzungen finden seit Jahren Beachtung bei internationalen militärischen Sicherheitsgipfeln und dienen als Blaupause für neue Strategien der Aufstandsbekämpfung.

All das kann man den antizivilisatorischen Kollapsvorstellungen sicherlich nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Während die Orakel der Zivilisation und des Kapitals seit Jahrzehnten Regierungen, Unternehmen und andere zivilisatorische Warlords dabei beraten haben, wie sich für einen solchen Kollaps rüsten können – übrigens muss wohl auch die jüngste dieser Kampagnen, der sogenannte »Global Reset« bzw. »Great Reset« auf diese Art und Weise gedeutet werden – sind die antizivilisatorischen Seher*innen dieses Zusammenbruchs erstaunlich passiv geblieben. Wenn man einmal von meist institutionalisierten und oft kommerziell vertriebenen Survivalkursen absieht, erscheinen mir die Strategien in einem solchen Kollaps zu handeln, erstaunlich ausgehöhlt. Diejenigen, die ansonsten das Horten von Nahrungsmitteln als eine Grundbedingung der Entstehung der Zivilisation kritisieren, entwickeln erstaunlich häufig, wer ahnt es, das Horten von Nahrung als wichtigste Perspektive im Hinblick auf einen solchen Kollaps. Ich will hier nicht falsch verstanden werden: Gerade innerhalb der von der Zivilisation zerklüfteten Natur erscheint ein Überleben im Falle eines Zusammenbruchs der Zivilisation und ihrer Nahrungsmittelproduktion nur dank Nahrungsmittelvorräten möglich. Meine Kritik richtet sich entsprechend nicht gegen das Anlegen von Nahrungsmittelvorräten per se, sondern vielmehr dagegen, dass ein solches Projekt schnell zur einzigen Perspektive wird, die jeglichen aktiven Angriff auf die Zivilisation im Hier und Jetzt ersterben lässt.

Denn auch wenn eine Diskussion über Strategien in einem solchen Kollapsszenario sicherlich ihren Wert hat, habe ich vor allem das Gefühl, dass ein zu enger Fokus auf einen Kollaps nichts anderes als ein Passivitätstreiber ist. Wer das eigene Handeln stets danach ausrichtet, was in der Zukunft geschehen mag, die*der verpfändet dabei das eigene Leben in der Gegenwart an diese Zukunft. Wenn ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, seit Jahrzehnten darauf zu warten, dass die Zivilisation endlich zusammenbricht, um dann endlich ein Leben nach meinen eigenen Sehnsüchten zu führen, ist das einzige Stichwort, dass mir dabei in den Sinn kommt: Unbefriedigend! Und die wichtigste Frage escheint mir dabei zu sein: Warum warten? Warum sollte ich als erklärte*r Feind*in der Zivilisation abwarten, bis diese sich eines Tages (vielleicht) selbst abschafft, weil sie kollabiert? Wäre es nicht viel befriedigender, viel weniger passiv und viel besser mit einem Leben nach meinen Sehnsüchten vereinbar, wenn ich stattdessen nach Wegen suche, die Zivilisation zu zerstören? Und erhöht eine zerstörte Zivilisation im Vergleich zu einer kollabierten Zivilisation, die zuvor restlos sämtliche »Ressourcen«, das heißt jegliche Natur, ausgebeutet bzw. zerstört hat, nicht auch die Chance auf ein Leben jenseits der Zivilisation ungemein?

Ungeachtet der Tatsache, dass ich jetzt leben möchte und nicht alle meine Hoffnungen auf ein Leben nach meinen eigenen Sehnsüchten auf eine unbestimmte, von mir kaum beeinflussbare Zukunft richten will, erscheint mir ein Zusammenbruch der Zivilisation tatsächlich relativ unwahrscheinlich. Einerseits lässt sich von kollabierten Zivilisationen der Vergangenheit beinahe durchgängig sagen, dass diese vielmehr von einer anderen, expandierenden Zivilisation verschlungen wurden, anstatt dass diese einfach zerfielen, andererseits lässt sich gerade in den letzten Jahrzehnten beobachten, dass der Apparat, der vielleicht »westliche Zivilisation« genannt werden könnte, enorme Anstrengungen betreibt, um ein Kollabieren aus Gründen beschränkter Ressourcen zu verhindern. Und damit meine ich nicht bloß die aberwitzigen Vorstellungen einer Expansion in die Weiten des Weltraums, die mit mehr Nachdruck als jemals zuvor verfolgt werden. Ich meine durchaus auch das, was von einer Wirtschafts- und Wissenschaftselite gerade als »Chance der Pandemie« verkauft wird: die organisierte Reduzierung des Ressourcenverbrauchs durch die zukünftige bloße Verwaltung der Menschen bei gleichzeitiger Einschränkung dessen, was man bisher euphemistisch als »Freiheiten« bezeichnet haben mag und ihrer Befriedung mithilfe der Technologie.

So oder so: Wer all seine Hoffnungen darauf setzt, dass das techno-industrielle System in naher (oder entfernter) Zukunft von selbst kollabieren wird, die*der scheint sich meines Erachtens nach tendenziell in die Rolle eines*r passiven Beobachter*in zu begeben und sich damit seiner*ihrer eigenen Handlungsmöglichkeiten zu berauben. Anstatt meine Sehnsüchte auf diese Art und Weise in die Zukunft zu verschieben möchte ich diese jetzt leben. Anstatt auf den Zusammenbruch eines Systems zu warten und mich für den darauf folgenden, brutalen Krieg ums Überleben zu rüsten – in dem die vernichtendsten Waffen übrigens noch immer in den Händen meiner Feind*innen (Militärs, Bullen, Politikern, usw.) liegen –, erscheint es mir viel interessanter, nach Möglichkeiten zu suchen, das techno-industrielle System hier und jetzt zu sabotieren und anzugreifen, damit es schließlich weniger kollabiert als durch einen willentlichen Akt bis auf seine Grundmauern zerstört wird.

V

Es muss wohl als einer der größten Erfolge der Vorstellung von (linearer) Zeit verbucht werden, dass Fortschrittlichkeit, Progressivität, im allgemeinen Sprachgebrauch für eine als positiv angesehene Entwicklung steht, während Rückschrittlichkeit, Regressivität eine eher negativ gesehene Entwicklung bezeichnet. Vorankommen will man. Schritt für Schritt voran in Richtung eines Ziels. Ein Rückschritt? Eine Katastrophe! Auf der Stelle treten? Zeitverschwendung. Einen Schritt zur Seite? Undenkbar. Fortschritt oder Rückschritt, etwas anderes scheint es nicht zu geben. Und wo seine gesamte Geschichte auf einem Zeitstrahl angeordnet wird, der Ereignisse, die zuweilen kaum weniger miteinander zu tun haben könnten, in eine gemeinsame Chronologie bringt, die dann wiederum in den verschiedenen Denkschulen des Fortschritts (Kapitalismus, Marxismus, Liberalismus, usw.) dermaßen interpretiert werden, dass der Fortschritt nicht nur die einzig mögliche, historisch-materialistische Richtung sei, sondern sich auch seine ganze Geschichte unausweichlich auf genau diesen Moment der Gegenwart zubewegt hat, da scheint dann auch der einzige nicht progressive Ausweg darin zu bestehen, das Hamsterrad der Zeit zum Stillstand zu bringen, nur um es dann Umdrehung für Umdrehung zurück zu drehen.

Aber ob Fortschritt oder Rückschritt, ob ich das Hamsterrad nun vorwärts drehe oder rückwärts, in jedem Fall scheint mich eine bestimmte Vorstellung von Zeitlichkeit gefangen zu halten und (zumindest gedanklich) vorherzubestimmen, wie mein Leben und seine Umstände auszusehen hätten. Und es ist keineswegs ein Zufall, dass, egal wohin ich mich vielleicht auf diesem Zeitstrahl gerne bewegen möchte, das Vor- oder Zurückdrehen der Uhrzeiger nicht nur eine Anstrengung ist, die enorme Kraft erfordert, wie sie nur von den Institutionen der Zivilisation aufgeboten werden kann, sondern eben entsprechend auch nicht nur mein Leben, sondern das aller innerhalb der Zivilisation betrifft. Man könnte – und müsste sogar – den Akt des Uhrzeigerdrehens (egal ob vor oder zurück) also als einen zivilisatorischen Akt beschreiben, denn er wäre nichts anderes als die Organisation der (menschlichen) Lebewesen in einem künstlichen, an sich leblosen Ungeheuer, das durch sie zum Leben erweckt, die Uhrzeiger in Bewegung setzen würde und damit den Kurs der gesamten Menschheit, der Zivilisation, der Erde (des Universums?) bestimmen würde.

Das heute verbreitete Konzept von Zeit als eine unabhängige, absolute, universelle, streng lineare Institution entwickelte sich parallel zur Entstehung der modernen Wissenschaft und der ebenfalls parallel dazu verlaufenden, sogenannten »Industriellen Revolution« [2]. Nicht nur Galileo Galilei, Isaac Newton und viele andere frühe Vertreter*innen dieser Entwicklung hatten eine Obsession für Zeit. Auch ihre heutigen geistigen Nachfolger*innen pflegen ein geradezu obsessives Verhältnis zu dieser Institution. Der Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa, weltweit führend darin, Menschen in den Logistikzentren seines Konzerns zu Robotern zu degradieren (etwas, das an bestimmte Aussagen der Urväter der modernen Wissenschaft erinnert), lässt derzeit eine Pilgerstätte für Zeitgläubige in einem Berg in West Texas errichten: eine gigantische Uhr, die für die nächsten 10.000 Jahre die Zeit messen soll. Seine Leitmotivation für dieses Projekt mag den*die eine*n oder andere*n überraschen: »As I see it, humans are now technologically advanced enough that we can create not only extraordinary wonders but also civilization-scale problems. We’re likely to need more long-term thinking.« [3] Die Uhr als Symbol der langfristigen Planung also, oder anders ausgedrückt: Zeitlichkeit und langfristige Planung/Organisation als eine der grundlegenden Dimensionen der Zivilisation.

Wo der Transhumanist und Technologieenthusiast Jeff Bezos zweifellos fortschrittliche Planung und technologische Entwicklung meint, scheint jedoch auch eine rückschrittliche Planung und eine technologische Rück-Entwicklung kaum etwas anderes zu bedeuten. Technisch bedarf es lediglich einer minimalen Änderung, etwa dem Hinzufügen oder Entfernen eines Zahnrades, um eine Uhr rückwärts anstatt vorwärts laufen zu lassen. Aber was würde sich dabei ändern? Die Uhr synchronisiert heute vom Handgelenk ihrer Besitzer*innen bzw. neuerdings aus dem Inneren ihrer Smartphones penibel und sekundengenau die zivilisatorischen Anstrengungen einer Armee von Sklavenarbeiter*innen. Sich dieses Instruments zu bemächtigen und die Zeit fortan rückwärts laufen zu lassen in dem Versuch, die Zivilisation wegzuorganisieren, erscheint mir einer fundamentalen Fehlinterpretation dieses Prozesses zu folgen. Ist es nicht die Synchronisation selbst, die die Zivilisation ausmacht, weniger die Richtung, in die diese stattfindet? Eine De-Synchronisation dagegen erscheint mir nur durch die totale Aufgabe eines bestimmten Kurses, durch die restlose Zerstörung der Synchronisationsmechanismen des Zeitlichen und den daraus resultierenden, chaotischen und folglich keineswegs mehr absoluten oder universellen Verlauf von Zeit – sofern man dann überhaupt noch von Zeitlichkeit sprechen kann – möglich zu sein.

 

***

Diese Fragmente einer Kritik an einigen verbreiteten Aspekten antizivilisatorischen Denkens eröffnen ihrerseits keineswegs einen neuen Ausweg. Sie können vielmehr als eine – wenn auch oberflächliche – Kommentierung bestehender Ansätze verstanden werden und somit als Ausgangspunkt einer erneuten Debatte um Strategien, Analysen und Perspektiven, die erst noch geführt werden mag.

Anmerkungen

[1] Ein etwas amüsantes Beispiel: Kürzlich sprach mir jemand von einem ERoI (Energy Return on Investment) von Jäger*innen/Sammler*innen-Gemeinschaften und dass dieser im Vergleich zu zivilisierten Gesellschaften sehr hoch liege. Darüber muss ich bis heute ein wenig schmunzeln. Nicht weil das aus einer (heutigen) ökonomischen Perspektive nicht stimmen mag, sondern vielmehr weil ich mir dabei vorstellen muss, wie man versucht, einer*m Angehörigen einer solchen Jäger*innen/Sammler*innen-Gemeinschaft zu erklären, dass man ihre Lebensweise wegen dieses hohen ERoI bewundere und (vermutlich) auf so gar kein Verständnis stoßen wird. Tatsächlich kann man nicht behaupten, dass die Person, die mir von diesem ERoI erzählte, eine (abstrahierte oder auch spezifische) »primitive« Lebensweise rein ökonomisch betrachten würde, die Aussage ist vielmehr ursprünglich Teil eines wissenschaftlichen Buches, das unter anderem die ökonomischen Vorzüge »primitiver« Gesellschaften untersucht und doch scheint sie mir eben Ausdruck einer Perspektive zu sein, die jegliche Individualität, sowie jegliche einzigartigen Charakteristiken einer Gemeinschaft bereits eliminiert haben muss, um überhaupt zu einer solchen Aussage gelangen zu können.

[2] Eine interessante Abhandlung über diese Entwicklung der Zeit findet sich beispielsweise bei John Zerzan: Das Unbehagen der Zeit. (Die deutsche Übersetzung findet sich ebenfalls in dieser Sammlung auf S. 18 bis 32.)

[3] dt. etwa »So wie ich das sehe sind die Menschen nun technologisch fortgeschritten genug, um nicht nur außergewöhnliche Wunder zu vollbringen, sondern auch Probleme von zivilisatorischem Ausmaß zu verursachen. Daher müssen wir langfristiger denken.«

Eine Verteidigung des Primitivismus gegen seine falschen Kritiker*innen

Wer sich mit primitivistischen Erzählungen auseinandersetzt, die*der mag oft den Eindruck erlangen, dass es sich hier um eine (vermeintlich) säkularisierte Erzählung vom Paradies handelt, aus dem – der in der westlichen – christlichen – Zivilisation verbreiteten Version der Erzählung nach – Adam und Eva einst vertrieben wurden, weil sie gesündigt hatten. Und tatsächlich scheint die Erbsünde, im Primitivismus die Zivilisation, fortan allen Menschen den Zugang zu diesem Paradies zu verwehren. Und so kommt es auch, dass – in der ein oder anderen Form – Christentum ebenso wie Primitivismus die mögliche und doch vom Individuum eher unbeinflussbare Wiederkehr dieses Paradieses in der Zukunft verheißen, freilich nur, wenn es gelingt, ein sündenfreies Leben gemäß den einschlägigen Regeln zu führen. [1]

Was den einen jedoch der industrielle Kollaps ist, das ist den anderen wiederum der technologische Fortschritt. Und während die einen auf einer linearen und scheinbar alternativlosen Zeitschiene zurück wollen, wollen andere nichts anderes als nach vorne. Und zuweilen frage ich mich da, in welche Richtung der Nebel, der die Sicht verschleiert, wohl dichter ist und ob der Blick nicht gerade dort, wo die Sicht eigentlich klar zu sein scheint, eher Zeuge einer Fata Morgana geworden ist. Während ich Wolfi Landstreichers „Eine Kritik, kein Programm: Für eine nicht-primitivistische, antizivilisatorische Kritik“ hinsichtlich des Primitivismus nicht viel hinzuzufügen habe, so scheint es mir dennoch notwendig, jenen, die dem Primitivismus vor allem deshalb zu zürnen scheinen, weil er ihre liebgewonnenen zivilisatorischen „Errungenschaften“ in Frage stellt, eine Verteidigungsrede entgegen zu schleudern.

Vor allem scheint im hiesigen Kontext, an dem viele antizivilisatorische Debatten aus anderen Kontexten bislang weitestgehend spurlos vorbei gegangen zu sein scheinen, der fast nur abwertend gebrauchte Begriff „Primitivismus“ häufig synonym zu antizivilisatorischen Positionen verwendet zu werden. Mit diesem offensichtlichen und selbsterklärenden Irrtum will ich mich eigentlich an dieser Stelle gar nicht weiter befassen und doch deutet diese Verwechslung bereits darauf hin, mit welcher Form der Kritik wir es hier eigentlich zu tun haben, wenn hier oder dort mal wieder ausgiebig über den Primitivismus, der ja einfach „zurück in die Steinzeit“ wolle, gelästert wird.

Nun, dass eine der ausführlichsten verschriftlichten deutschsprachigen Kritiken am Primitivismus als Transkript eines FAU-Vortrags in der weitestgehend pro-zivilisatorischen Zeitschrift Gai Dao veröffentlicht wurde (Kritik des Anarcho-Primitivismus in Gai Dao Nr. 28, 2013), müsste ja nicht notwendigerweise bedeuten, dass diese kompletter Unfug ist. Und doch ist sie es. Der vermeintlichen „Grundannahme“ des Primitivismus, dass „Gesellschaften ohne Technologie prinzipiell egalitär organisiert wären“, wird auf platteste Art und Weise ein „Dem aktuellen Stand der Forschung nach …“ entgegengehalten, dem zwar die sicher plausible Annahme folgt, dass es sowohl egalitäre als auch hierarchische Gesellschaften gegeben hätte, für die jedoch trotzdem jegliche Quellenangabe fehlt (Eine einen Beleg suggerierende Fußnote verweist schlicht ins Nirvana). Da wünscht eine*r den Verfasser*innen dann doch insgeheim eine wütende Debatte mit den ebenfalls forschungs- und expert*innenfixierten Primitivist*innen. Doch der eigentliche Hammer folgt direkt im Anschluss:

„Hinter dieser Annahme steckt das alte Konzept des „edlen Wilden“, welches in der europäischen Aufklärung entstand und davon ausging, dass der Mensch ursprünglich in einem primitiven Naturzustand lebte wie Adam und Eva im Paradies, frei von allen negativen Eigenschaften. Dieses Konzept entbehrt nicht nur jeder faktischen Grundlage, sondern ist auch eine hochgradig eurozentristische und rassistische Zuschreibung, die historisch von Weißen an Nicht-Weiße gerichtet wurde. Diese Zuschreibung wurde unter anderem zur Legitimierung des Kolonialismus genutzt, als Weiße es sich zur Aufgabe machten, die als „Wilde“ betrachteten Menschen zu missionieren, auszubeuten und westlichen Vorstellungen zu unterwerfen. Dies wird von Anarcho-Primitivist*innen zwar nicht befürwortet, die Grundannahme ist jedoch die gleiche.“

Während man Primitivist*innen sicherlich vorwerfen kann, dass sie sogenannte „primitive“ Gesellschaften romantisieren, dass sie die Beziehungen lebender Menschen abstrahieren und zu einem Ideal erheben, dass sie eine paradiesische Vorstellung des unzivilisierten Lebens verbreiten, so ist es doch absurd, sie in Zusammenhang mit der „Legitimierung des Kolonialismus“ zu bringen, wo sie sich doch explizit auf die andere Seite stellen. Aber lassen wir doch die „Primitivist*innen“ – meines Wissens nach nannte sich Fredy Perlman nie selbst so, aber ich lasse mir hier für den Moment eingehen, dass er als solcher bezeichnet werden mag – selbst antworten:

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebräuchlich werden. Er erregt die Gemüter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren Mündern tragen. Er macht die Rüstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die Gefügigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit für sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” für die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die Gefügigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

– Fredy Perlman in „Against His-story, Against Leviathan!“ –

Noch Fragen?

Weiter wird in dem Text kritisiert, der Primitivismus lehne allzu große Gemeinschaften ab, da damit unweigerlich Hierarchien einher gehen würden. Als Gegenbeispiel dient den Verfasser*innen ausgerechnet die „CNT-FAI, die ihre egalitären Strukturen auch mit einer siebenstelligen Mitgliederzahl noch aufrechterhalten“ hätte. So egalitär waren diese Strukturen, dass die CNT-FAI im Jahre 1936 die Regierung stellte. Nun, was soll man dazu noch sagen? Insbesondere wenn „[d]er Autor […] zudem der Meinung [ist], dass die Organisierung großer Menschenmengen auch über weite Entfernungen hinweg durch die Nutzung moderner Kommunikationsmittel wesentlich erleichtert wird.“ Sicher hat er damit recht, aber ist die Organisierung großer Menschenmengen nicht eigentlich eher ein autoritäres Prinzip? Und selbst wenn man das mal nicht unterstellen will, bleibt der Autor eine Erklärung schuldig, warum er gedenkt, dass die „Nutzung moderner Kommunikationsmittel“ die Beziehungen der Menschen nicht, wie sicher jede*r antizivilisatorische Kritiker*in, auch die primitivistischen, argumentieren würde, so sehr prägt und entfremdet, dass man darin sicher keinen Beitrag mehr zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft sehen kann. Oder wenn ich mir hier die Worte von Günther Anders über eine andere Epoche, die von den damals modernen Massenkommunikationsmitteln bestimmt wurde, ausborge:

Der Faschismus wäre ohne Radio nicht möglich gewesen. Allein durch dieses konnten Goebbels und Co. Millionen gleichzeitig zum Hören und das bedeutet: zum Gehorchen zwingen. Die erfolgreiche Herstellung der Menschenmasse (gar der, die garnicht zusammenkommen braucht), verdanken wir den Medien. Technik ist zur Bedingung der Politik geworden.

– Günther Anders in „Die Antiquiertheit der Erfahrung und des Alters“ –

Man könnte sich vermutlich Absatz für Absatz am Text der Ziviliationsverteidiger*innen in der Gai Dao entlanghangeln und jeder Behauptung ein weitaus überzeugenderes Zitat primitivistischer oder anderer Zivilisationskritiker*innen gegenüberstellen. Aber weil es ja nicht so sehr um die konkrete Widerlegung eines einzelnen, armseligen Versuchs der Kritik gehen soll, will ich mich hier auf nur eine weitere, meiner Meinung nach paradigmatische und hochaktuelle Passage beschränken:

„Anarchist*innen sind hingegen überwiegend der Meinung, dass die meisten Technologien genutzt werden können, um das Leben der Menschen zu verbessern, bspw. durch die Verbesserung von Hygiene, Ernährung, medizinischer Versorgung und durch die Reduzierung von Arbeit. Aus diesem Grund ist die Nutzung und Adaption vorhandener Technologien für den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft eine uralte anarchistische Forderung.“

Mag sein, dass irgendwelche Spinner*innen, die sich in den Gefilden der Kadaver von FAU und FdA herumtreiben, überwiegend dieser Auffassung sind. Was ist das aber auch für ein quantitatives Argument? Vorhandene Technologien „für den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft“ zu nutzen und das auch noch ohne zuvor die Zivilisation zu zerstören, das mag vielleicht eine „uralte anarchistische Forderung“ mancher sein, sie ist jedoch ungefähr so naiv, wie der offenbar in der FAU verbreitete Glaube, dass Fabriken nur in die Hände der Arbeiter*innen übergeben werden müssten und schon würden sich alle Probleme der Gesellschaft in Luft auflösen. Technologie ist immer das Produkt der sie umgebenden gesellschaftlich-zivilisatorischen Strukturen und als solche kann sie auch überhaupt nur nützlich sein, diese Strukturen zu reproduzieren. Was nützt mir etwa ein Auto, wenn ich keinerlei Erdöl fördere oder zur Verfügung habe, oder wenn es gar keine Straßen gibt? Was nützt mir ein Kernkraftwerk oder ein Kohlekraftwerk oder auch ein „grünes“ Wasser-, Wind- oder Solarkraftwerk, wenn ich doch gar nicht weiß, was ich mit all der produzierten Energie anfangen soll? Und wenn ich nun Straßen (wieder)errichte, (wieder) Erdöl fördere und mit all der überschüssigen Energie (wieder) irgendwelchen Scheiß produziere, den keine*r braucht, inwiefern unterscheidet sich meine „neue“ Gesellschaft dann noch von der alten? Vielleicht werde ich dann von einem „Arbeiterrat“ statt einem Parlament regiert und verwaltet, – oder schlimmer noch – vielleicht verwalte ich mich sogar selbst, aber in jedem Fall kann ich doch nicht von mir behaupten, dass ich nun „frei“ wäre, oder? Würde sich meine neue „Freiheit“ nicht darauf beschränken, das gleiche wie vorher zu tun und es nur statt „Ausbeutung“ eben „Freiheit“ getauft zu haben?

Aber auch wenn solche prozivilisatorischen Vorbehalte gegenüber dem Primitivismus zu überwiegen scheinen, ist es doch uninteresssant, sich mit ihnen weiter auseinanderzusetzen. Spannender ist es, die Argumente der linken Kritiker*innen des Primitivsimus zu betrachten, die sich selbst tatsächlich als antizivilisatorisch verstehen. Nur tut man sich hier schwer, eine ausformulierte Kritik am Primitivismus zu finden. So findet man beispielsweise in der Einleitung der DELETE von capulcu die Überschrift „Technologiekritik ist Herrschafts- und Zivilisationskritik – Kein Primitivismus!“, sucht dann aber im darauf folgenden Absatz erfolglos nach einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Primitivismus. Mehr noch, man vermisst eigentlich auch jegliche antizivilisatorischen Positionen im darauf folgenden Absatz. Einmal wird das Thema dann doch noch einmal aufgegriffen – oder sagen wir besser: gestreift –, nämlich im Artikel „Strategien im Widerstand“ unter der Unterüberschrift „Alternativen“:

Wir brauchen Alternativen. Wir müssen akzeptieren und verstehen, warum so viele Menschen spezifische Technologien nutzen (wollen). Nur so können wir analoge UND digitale (ja, wir wollen nicht zurück in die Steinzeit) Alternativen aufbauen, die eine Wirkmächtigkeit gegen Lenkung, Entmündigung und Entfähigung entfalten. Für uns sind alternative Infrastruktur, Tools und digitale Selbstverteidigung Teile unseres Widerstands. Aber Alternativen sind nicht rein technischer Natur. Wie verändert der Digitalismus unsere Beziehungen und Kommunikation, unsere Verbindlichkeit und Verlässlichkeit? Wie können wir dem auch ganz analog begegnen?

Was soll diese ständige Abhandlung in Randbemerkungen, Fußnoten und Nebensätzen des Primitivismus? Traut man sich eine differenzierte Abgrenzung nicht zu? Will man diese nicht leisten oder hält man es nicht für nötig? Es ist ja nicht so, dass eine solche bereits irgendwo existieren würde und man sich folglich immer wieder auf diese bezöge. Und wie kommt es, dass „digitale Alternativen“ (zu was eigentlich) hier der „Steinzeit“ gegenübergestellt werden? Vertritt man auch bei capulcu die Theorie, dass die Geschichte ein linearer Zeitstrahl wäre, auf dem man sich entweder voran oder zurück bewegen könne? Zumindest fragt man sich das umso mehr, wenn man den Untertitel der DIVERGE liest: „Abweichendes vom rückschrittlichen ‚Fortschritt'“. Ist man dem Fortschrittsgedanken doch so sehr verbunden, dass man darauf angewiesen ist, den Fortschritt, mit dem man selbst uneinverstanden ist, in Anführungszeichen zu setzen und ihn als „rückschrittlich“ zu bezeichnen? Aber zurück zu der Gegenüberstellung von „digitalen Alternativen“ und der „Steinzeit“. „Alternative Infrastruktur“ und „Tools“, inwiefern sind sie Teil eines Widerstands gegen – sagen wir – Zivilisation? Ich denke das bleibt vor allem deshalb so vage, weil es auch capulcus schwer fällt, diese Begriffe mit Inhalt zu füllen. Ist etwa TAILS als ein „alternatives Tool“ eine Alternative, von der ich wollen kann, dass sie einen von mir gewollten Zerstörungsprozess überdauert? Ich denke nicht, ebensowenig wie ich, auch wenn ich diese für meinen Widerstand benötige, Schusswaffen für eine geeignete „Alternative“ zum Bestehenden halte. Aber ich denke daher kommt auch die falsche Opposition aus Digitalem und Steinzeit. Daher, dass man sich letztlich doch nicht so ganz von der Vorstellung verabschieden will, dass man für eine Zukunft streiten könnte, in der ich nicht mal eben kurz etwas auf Wikipedia nachschlagen kann, ja in der vielleicht sämtliche Bibliotheken auseinandergerissen oder niedergebrannt wurden. Ich will hier gar nicht die unterschiedlichen – mehr oder weniger ausdifferenzierten, konkretisierten und naiven – Zukunftsvisionen des Primitivismus und der, die vielleicht einige capulcus haben könnten, gegeneinander aufwiegen, sondern lediglich die Vermutung äußern, dass diese Haltung gegen den Primitivismus eben nicht aus einer Ablehnung seines utopischen Gehalts an sich, sondern eher aus einer inhaltlich anderen Utopievorstellung resultieren mag.

Was capulcu hier schriftlich festhält, bzw. was ich ihnen unterstelle zu meinen, das beobachte ich besonders verbal ziemlich häufig, ganz besonders in den linken Gefilden des Anarchismus. Und ein ums andere Mal habe ich das Gefühl, dass ein „wir wollen nicht zurück in die Steinzeit“ dafür herhalten muss, spezifische Kritiken des Primitivismus eben nur scheinbar zu widerlegen. Denn nur weil ich nicht „zurück in die Steinzeit“ will, bedeutet das ja mitnichten, dass eine Kritik an Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Sprache und Kultur, usw., wie sie von Primitivist*innen in der Regel herausgestellt wird, falsch ist.

Und auch wenn ich selbst sehr skeptisch gegenüber Erzählungen bin, die statt darzulegen, weshalb diese oder jene Entwicklung die Entstehung von Herrschaft begünstig(t)en, einfach nur einen Abgleich mit einem „primitiven“ Ideal leisten, so gibt es doch auch all die anderen Erzählungen von – selbstbezeichnenden und von außen so bezeichneten – Primitivist*innen, die – meiner Meinung nach – recht plausibel darlegen, warum Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Sprache und symbolisches Denken, etc. die Entstehung von Herrschaft begünstigt haben (könnten). All das – und häufig zusätzlich noch all die anderen antizivilisatorischen Kritiken – einfach in einem Nebensatz à la „wir wollen nicht zurück in die Steinzeit“ beiseitezuwischen, halte ich für eine unwürdige Auseinandersetzung.

Und genau gegenüber diesem – meiner Beobachtung nach weit verbreiteten – Reflex verteidige ich die analytischen Positionen des Primitivismus, genauso wie gegen diejenigen prozivilisatorischen Spinner*innen, die nicht einmal begriffen haben, wovon sie reden!

Endnoten

[1] Bei alldem will ich mich gar nicht darauf einlassen, selbst Stellung dazu beziehen, ob es nun einmal ein „Goldenes Zeitalter“ gegeben haben mag, für das unzählige kulturhistorische Indizien zu existieren scheinen. Kann ja sein, dass das Leben der nichtzivilisierten Menschen einmal paradiesisch war, kann auch sein, dass sie das auch einfach immer schon gerne gehabt hätten und sie das deshalb in ihre Vergangenheit projiziert haben, ich kann das heute nicht mehr sagen und ich will meine Zeit auch nicht damit verschwenden, das herauszufinden. Es geht mir vielmehr darum, dass zumindest eine unmittelbare Wiederkehr eines solchen paradiesischen Zustands durch die Zerstörung der Zivilisation nicht plausibel, nicht realistisch ist und tatsächlich ja auch von Primitivist*innen gar nicht behauptet. Aber wenn ich einer Theorie – der primitivistischen – zufolge auf das Paradies nur als Wiederkehr in hunderten von Jahren zu hoffen vermag, dann gibt mir das keinen Wert, keine Perspektive, keinen Ausgangspunkt. Für eine weitere Ausführung dazu verweise ich auf Wolfi Landstreicher „Eine Kritik, kein Programm: für eine nicht-primitivistische Zivilisationskritik“.

Eingestallt …

Gedanken über Einsperrung, Technologie und reale Beziehungen

(Geschrieben vor der Ankündigung der gegenwärtigen zweiten Welle der Masseneinsperrung, denke ich dass diese Gedanken trotzdem einen gewissen aktuellen wie auch bleibenden Wert haben könnten.)

I

Während der Zuschauer gebannt auf exponentielle Kurven blickte, und sich dabei seine Angst-Lust auf Apokalypse nicht eingestehen durfte, diente er der Macht in der Durchsetzung ihrer feuchten Träume, welche bisher wenige Diktatoren sich erfüllen konnten. Die exponentielle Kurve kam nie zum Höhepunkt, die Katharsis blieb hinausgezögert und der Weltuntergang liess auf sich warten… Kann der Zuschauer so befriedigt sein?

Die strikte Anordnung zur Abwesenheit, lockdown, hat den öffentlichen Beweis der kompletten Aushöhlung des sozialen Lebens erbracht, auf eine Art erbracht, die sogar jene, welche sie immer konstatiert haben, schockieren musste.

Gebannt auf ihre Bildschirme blickend, betrachteten die Zuschauer, wie sie sich selbst anfeuern, zuhause zu bleiben. Die Antiquitiertheit der Masse, der organisierte soziale Tod. Wenn die Türen verschlossen sind, ausser jene in die „virtuelle Welt“, eine kalte „Welt“, welche aus Bildschirmen und Kabeln und Geräten besteht – alle tot.

Wenn „Gesellschaft“ sich auf soziale menschliche Beziehungen basiert, so gibt es die Gesellschaft nicht mehr. Zwar mag ihre Keimzelle wieder zusammengeschweisst – widerlich zusammengeschweisst werden. Aber trotzdem sagt man mit gleicher Berechtigung, wie dass die Menschen in Gesellschaft leben würden, dass sie in Technologie „miteinander“ leben. Das natürlich nicht erst seit gestern. Aber: eben auch noch nicht so.

Die Utopie des Kapitals, eine von grundauf neue Gesellschaft zu erschaffen und sämtliche nicht es selbst seiende Sozietät zu zerstören, abzulösen… vor unseren Augen geht dieses Projekt seiner Verwirklichung entgegen. „Smart planet“? Ein realistischer Vorschlag…

II

Der Pessimismus ist naheliegend. Die Beschleunigung, welche die Macht sich durch diesen rupturistischen Schock gegeben hat, ist enorm. Aber es kann auch gesagt werden: der Punkt ist erreicht, wo man weniger spekulieren muss. Die Macht ist jedem freien Leben feindlich. Überhaupt lebensfeindlich. Die einzigen Einheiten die sie noch akzeptiert, sind jene, welche zu ihrer Reproduktion nötig sind. Und auch das ist wohl noch ein Manko. Dass unvermittelte menschliche Beziehungen überhaupt noch nötig sind – unpraktisch, hält es doch vom kompletten Sprung ins Posthumane noch zurück.

Arbeit, Konsum, Familie und Sport… der Rest ist von nun an ganz offiziell „zur Zeit erlaubt“, will heissen, auf Bewährung. Wobei die Bewährung welche der verwalteten Masse namens Bevölkerung gegeben wird, von dieser nicht eingehalten werden kann, in jenem Sinne, dass sie nicht weiss, was denn der Bewährungsbruch genau wäre (alles könnte einer sein). Selbst der kompletteste Gehorsam garantiert nichts, vor allem nicht, dass nicht ein nächster „Grund“ (und sei es derselbe) erschaffen werden könnte. Betrachtet man sich die gegenwärtige Schöpfung, so ist es klar, das jede Absurdität, die bis vor kurzem noch als normaler Bestandteil menschlichen Lebens gegolten hat, zur Begründung jeder noch so absurden Anordnung herbeigezogen werden kann. Aber auch das ist nichts Neues.

III

Es ist langweilig, bei den Philosophen des Ausnahmezustands um Rat zu suchen. Rechtsstaatlichkeit oder nicht, all dieser Quatsch. Wortspielereien über den wahren und den falschen Ausnahmezustand.
Die technologische Entwicklung geht voran, und die Menschheit, die in dieser Technologie lebt, wird ihr mehr und mehr angepasst oder passt sich ihr an. Wie herum auch immer. Der Horizont, die Totalität dieses Systems zu zerstören, ist unausweichlich. Die Situation, die die Macht geschaffen hat, und in welcher sie sich auch nicht ganz ungefährlich exponiert hat, macht die herrschende Totalität mehr als je sicht- und fühlbar. Sie war für einen Moment nicht zu ignorieren. Es geht nicht um Teilaspekte.

Diesen Moment zu überdecken, zu rechtfertigen und als solchen vergessen zu machen, ist was für die Macht jetzt nötig ist. Die Operation, welche bisher erfolgreich verlief, wird unangenehme Gefühle hinterlassen. Wenn die Anästhesie nicht mehr wirkt, der Höhepunkt des Enthusiasmus verstrichen ist, steht alles ein bisschen auf wackeligen Beinen. Der neue Konsens ist noch nicht ganz stabil.
Im Übrigen ist es kein neuer Konsens, sondern der alte, ohnehin immer bröckelnde, stetig neu zu erschaffende. Nur dass hinzugefügt wird, dass die Macht so weit gehen kann. Das finden noch nicht alle gut. Sie haben eine andere Meinung. Ein bisschen wird sie zwar unterdrückt, aber ebenso klar ist es, dass die Bereitstellung einer falschen Opposition bereits ganz gut gelungen ist. – Die Revolte kommt woanders her…

IV

Irgendwie kommt es mir vor, als würde ich hier Teils uralte Neuigkeiten auffrischen. Es soll hier dem Leser nicht der Gedanke kommen, als wäre „vor Corona“ irgendwie die staatlich-technologische Gefängnisgesellschaft noch nicht gewesen. Die Neigung ist naheliegend, sich bequem auf so eine falsche Vorstellung zurückzuziehen. Doch es würde zu einem höchst oberflächlichen Denken führen, würden einige Aussagen in diesem Text als Überraschungen und Neuheiten dargestellt werden. Der Schritt des lockdowns ist eigentlich ein logischer Bestandteil des technologischen Prozesses, und kann auch nur als solcher verstanden werden. Viele frühere Analysen (anarchistische, aber auch philosophische wie etwa die von Günther Anders) zeigen: was heute offensichtlich und allzu wortwörtlich geschieht, konnte schon als Beschreibung mindestens der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angewandt werden. Was hat das zu bedeuten?

Während damals gewisse Thesen als Übertreibung gelten konnten, steht man heute mit einigem Befremden vor der Tatsache, dass das alles tatsächlich jetzt so kommt. Aber eigentlich müsste gesagt werden: es war bereits so, nur hat man zu wenig tief geblickt. Und gerade dieses Abrutschen in die Behauptung der Neuigkeit, der ausschliesslichen Beschreibung des Neuen als Neues statt als Ergebnis der Vergangenheit und Kontinuität lässt Platz für ein oberflächliches Denken und eine falsche Kritik, welche einen das Vorhergegangene zurückwünschen lässt.

Natürlich ist es wahr, dass es „vorher noch nicht so war“. Mindestens ebenso wahr ist es aber, dass es vorher „auch schon so war“.

V

Es fällt schwer, klar zu sehen. Vielleicht noch schwerer, klar sehen zu wollen.

Es ist vielleicht bequem, sich berieseln zu lassen, und irgendeine Nische in dieser Verschärfung der technologischen Realität zu suchen. Und sind wir nicht alle schon darin? Sind wir nicht alle schon beduselt?

Der Prozess der Derealisierung, als welcher das beschrieben werden kann (und welcher ebensogut als die Realisierung der Technologie beschrieben werden könnte), der menschlichen Derealisierung, er geht vor sich und wir befinden uns nicht ausserhalb davon.
Wie auch?

Auch wir leben in der Technologie. Und das nicht mehr oder weniger, je nach dem, wieviele Geräte wir benutzen oder nichtbenutzen. Womit nicht gesagt sei, dass für die Realisierung, die Verwirklichung des eigenen Aufstands nicht eine gewisse Distanz zur Gerätewelt hilfreich sei. Denn das Aufständische, und vor allem die soziale Revolution, welche der Beginn der Verwirklichung menschlicher Beziehungen… wäre, ist letztlich nichts wirklich über Gerätschaften vermittelbares. Übrigens auch nicht über dieses damit bedruckte Papier.

Das Schwierige ist nur: wie lassen sich solche menschlichen Beziehungen innerhalb der Technologie verwirklichen? Und die Antwort wäre: gar nicht.

Vielmehr ist es gerade, allen Gerüchten und falschen Behauptungen zum Trotz, die reale menschliche Präsenz und Diskussion welche jeden Aufstand ausmacht. Und dass der Aufstand heute in der Technologie stattfindet, und zwar dermassen, dass darin die technologische Kommunikation eine Rolle spielt, sollte nicht zum Fehler verleiten, dass die Geräte, die dabei auch benutzt werden, etwa diesen Aufstand ausmachen würden. Vielmehr macht es den Aufstand gerade aus, dass er sich aus der Technologie herausbewegt. Das zwar immer noch innerhalb der Technologie, aber im Widerspruch zur technologischen Realität. Ein Widerspruch, dessen Bewusstwerdung leider oft auf sich warten lässt, weshalb die gegenwärtigen sozialen Aufstände zumeist vor dieser Frage halt machen. Praktisch halt machen. Während die Mächtigen sich der Situation durchaus bewusst sind, wenn man ihr Geschwafel über „kritische Infrastruktur“ betrachtet.

VI

Die Technologie ist allgegenwärtig. Sie verwirklicht mittlerweile fast alle fantastischen Attribute die man früher der Fiktion von Göttern unterschob (allsehend, ins All fliegend, Alles zerstörend, jede Fantasie abbildend, Telepathie, etc.), und es könnte behauptet werden, dass sie die Verwirklichung der Fantasie des allmächtigen und einzigen christlichen Gottes sei. Die Fiktion „die Menschheit“ bedient dabei die Möglichkeit der Menschen, sich mit der Erschaffung der Technologie zu identifizieren. Allerdings ist es nicht so, als wäre sie unser Diener. Ebensowenig ist sie das Produkt „des Menschen“, sondern spezifischer Menschen und spezifischer Verhältnisse unter ihnen.

Es ist natürlich klar, dass es nicht nur Technologie gibt. Aber die Expansion der Technologie, welche – um gewisse Leute zufriedenzustellen – auch als Expansion der Ware beschrieben werden kann, geht potentiell ins Unendliche. Während sie jetzt schon überall ist, durch alle hindurchgeht und hinein, so kann sie das in Zukunft noch mehr tun. Das ist ihre Expansion. Unsere permanente Entmenschlichung.

VII

Gibt es ein Ausweichen vor der Frage der Zerstörung? Natürlich. Aber worin besteht es? In einer gedanklichen Unehrlichkeit und einer gewissen Form von Feigheit.

Ist die bestehende Totalität der Herrschaft schlimmer als vergangene oder gar besser? Die Frage bleibt irrelevant. Sie ist jene, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Warum, das weiss jeder, der es bereits tut…

Wenn wir innerhalb einer künstlich erschaffenen Umwelt leben, welche von anderen kontrolliert wird und so gebaut ist, dass sie nur auf diese hierarchische Art und Weise kontrolliert werden kann – was bleibt anderes, als diese zu zerstören? Die Unterwerfung und die Akzeptanz.

Die bestehenden Städte, die Infrastruktur, die „virtuelle Realität“, Konsum und Arbeit, Familie und Wohnung – sie beweisen sich als die Grundlagen der realen Gefängnisgesellschaft. Sie zu zerstören, abzubrennen, zu demolieren und zu verlassen ist der einzige Ausweg der bleibt. Die restlichen Wege sind verschlossen, oder führen nur weiter in die Technologie herein.

VIII

Drei Optionen haben sich während der letzten Zeit immer differenzierter am gesellschaftlichen Horizont gezeigt:

a) totaler Gehorsam, stayathome, etc…
b) Demonstrieren und zurücksehnen der alten Rechtsstaatlichkeit – eine illusionäre und kontrollierbare Form des Protests, uninteressant, domestiziert und langweilig…
c) Krawall, Plündern, individuelle und kollektive Brandstiftung – ein schüchterner Anfang…

Der Rest ist nur das Fass, das kurz vor dem Überlaufen ist.
Wann, wenn nicht jetzt?
Wollt ihr auf ewig zuhause vergammeln?
Wollt ihr euch wie Vieh in den Stall treiben lassen?

 

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