Category Archives: Leser*innenbriefe

Ein Leserbrief zu „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ (aus Zündlumpen #074)

Liebe Zündlumpies,

mit Verwunderung habe in euren Text „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ folgendes Zitat gelesen: „[…] dass selbst wenn Covid-19 den Untergang der Menschheit bedeuten würde, ich noch immer die orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung eines Todesvirus der sterilen Langeweile und dem vereinsamten sozialen Massensterben vorziehen würde.“ Ich habe an eurer Kritik und Feindschaft gegenüber der Ausgangssperre und den anderen staatlichen Maßnahmen rein gar nichts auszusetzen, jedoch habe ich mich gefragt, inwiefern ihr denkt, dass Massensterben und Tod irgendein fruchtbarer Boden für ein freiheitliches Leben sind. Ich frage mich, ob die einzige Art und Weise mit einer tödlichen Pandemie anti-autoritär umzugehen und sich im Angesicht dieser zu organisieren diejenige ist, die „freudige Verbreitung eines Todesvirus“ zu betreiben. Ich habe dazu keine Antworten, vor allem da die Möglichkeiten dies auszuprobieren in dieser unterjochten Welt ohnehin sehr begrenzt sind und man wohl nur frei von Herrschaft damit experimentieren kann. Mein Punkt ist vor allem derjenige, dass es mich irritiert, dass ihr einer solchen Perspektive des Massensterbens „freudig“ entgegenzublicken scheint. Wollt ihr den „Untergang der Menschheit“ vorantreiben? Hat ein Massensterben irgendeine revolutionäre Perspektive oder sehnt ihr euch danach von euren Liebsten umringt zu sein und diese krepieren zu sehen? Was ist eure Position zu Ökoterrorismus bzw. -faschismus? Dieses Zitat von euch zeugt entweder von einer generellen Misanthropie oder von Zynismus und Arroganz… ein Boden, welcher nicht besonders fruchtbar ist um soziale Revolten und sozial-revolutionäre Perspektiven zu entwickeln. In meiner Vorstellung von Anarchie ist die Feindschaft und der Angriff gegenüber denjenigen, die mich und andere unterdrücken wollen, stets eng verbunden mit einer Grundeinstellung von Solidarität und Hilfe gegenüber allen unterdrückten Individuen, die sich mir gegenüber ebenso verhalten. Aus dem Antrieb sich von Staat und Kapital befreien zu wollen, diese zu zerstören und dafür so viel Gewalt wie nötig anzuwenden, entspringt ebenso die Idee jegliches unnötige Elend und Leid zu beseitigen und vermeiden… im besten Falle spiegelt sich diese Idee von Solidarität in unseren Beziehungen und Gemeinschaften wider, in der Zärtlichkeit, dem Vertrauen, der gegenseitigen Freude und Freundschaft.

Was unsere (heimlichen) Leser*innen über uns sagen und denken und was sie uns fragen – Teil 2

Sehr geehrte Damen und Herren,

In der Zündlumpenausgabe Nr. 64 ist eine Anleitung, ein „Rezept“ veröffentlicht, mit der Überschrift: „Wie man einen Mobilfunkmasten zerstört“.

Dazu haben wir folgende Fragen an den oder die für den Inhalt verantwortlichen Personen:

1. Warum veröffentlichen Sie diese Anleitung?
2. An wen richtet sich diese Anleitung?
3. Wissen Sie, ob sie benutzt wird? Haben Sie da Rückmeldung?
4. Warum wird appelliert, dies auszuprobieren?
5. Legitimieren Sie das Anzünden von Mobilfunkmasten und Kabelsträngen entlang von Gleisen und wenn ja, warum?

Bitte schicken Sie uns Ihre schriftlichen Antworten bis 01.07.2020.

Mit freundlichen Grüßen
Sabina Wolf
Bayerischer Rundfunk
Redaktion Report München
089.5900.01
Sabina.Wolf@br.de

Sent from my iPad

Hallo Sabina, es klingt vielleicht ein wenig seltsam, weil ich dir damit ja eigentlich so ein bisschen deinen Beruf als Investigativjournalistin erkläre, aber ich bin mir sicher, du findest die Antworten auf all deine Fragen, wenn du noch einmal aufmerksam die Artikel der letzten Ausgaben unserer Zeitung liest. Und für den Fall, dass du dich fragst, warum dir keine*r auf deine E-Mail geantwortet hat: Wir reden nicht mit Journalist*innen, wir befürworten vielmehr den Angriff auf Schnüffler*innen wie dich. Warum? Ich denke wenn du ein bisschen grübelst, kommst du schon drauf.

 

es ist unbegreiflich! ihr habt so einen schaden! ihr seid keinen linken! ihr seid hetzerInnen und demagogInnen. bitte verpisst euch doch einfach von indy.“ – Kommentar bei de.indymedia

 

Mir hat in den letzten Tagen ein linksextremer Lump ein „Anarchistisches Wochenblatt“ in den Briefkasten geworfen.

Diese linksextreme Ressourcenverschwendung und Umweltbelastung heisst „Zündlumpen“, Ausgabe 58, und den Rotz gibts auch Online, ich verlinke aber nicht, wer einen Blick in die verqueren Gedankengänge der Zecken werfen möchte, der google, duckduckgoe oder ixquicke bitte danach.

Nun, einer aus dieser Bande hat sich Gedanken über die Verbreitung von Viren gemacht und das Problem durchaus richtig erkannt: Uneingeschränkte Reisefreiheiten, Globalisierung und inkompetente Politiker.

Aber was schlägt der Typ, er scheint ein kleiner Wagenknecht zu sein, als Lösung vor?

Der Titel lässt es erahnen,

Eine Pandemie endet mit ihrer Zivilisation

natürlich das Abschaffen der Zvilisation.

 

Was unsere (heimlichen) Leser*innen über uns denken, sagen und schreiben (Teil 1)

„Dass sich dieser Schund anarchistisches Wochenblatt schimpfen darf, ist bei dem transportierten Inhalt eine Beleidigung für alle Anarchist*innen. Erinnert mich immer an die Simpsons Folge ‚Homer als Restaurantkritiker‘, da die Artikel auch so klingen, als hätte ein Hund sie geschrieben.“ – NEA, Kommentator*in bei de.indymedia.

Funfact: Wir haben übrigens nie einen formellen Antrag beim Zentralkom… – nee, das war doch was anderes, ach ja, beim Sekretariat, nee, auch nicht, beim Präsidium, nee, beim Propagandaminister…, nee das auch nicht, naja, scheiß drauf, bei dem Dings, das bestimmt, wer und was sich anarchistisch nennen darf, eben – gestellt. Deshalb schimpfen wir uns – naja, wie sagt mensch? – eben einfach so anarchistisch, also weil wir uns das eben einfach rausnehmen, nicht weil wir das erlaubt bekommen hätten. Und wer sich als Anarchist*in davon beleidigt fühlt … Na dem*der steht ja auch noch ein ganz weites Feld anderer Bezeichnungen zur Verfügung, um ihre*seine Identität in (gewichtige) Worte zu kleiden. Wie wäre es zum Beispiel mit „Oberlehrer*in“ oder „Revolutionsführer*in“? Klingt als hätte das ein Hund geschrieben? Naja, mir wurde zwischendurch langweilig, daher habe ich einen zufällig vorbeikommenden Streuner an die Tastatur gelassen, aber wie du siehst macht das gar keinen Unterschied.

„Von Unrechtsbewusstsein oder Aufrufen zu Mäßigung findet sich […] keine Spur, im Gegenteil: Einschlägige Szenepublikationen wie der Zündlumpen listen mit unverhohlener Freude jede einzelne Straftat auf und fordern unverblümt zur Nachahmung auf. Aus den Artikeln spricht zum Teil maßloser Hass gegen jeden andersdenkenden und gegen unseren Staat insgesamt.“ – Joachim Herrmann, Bayerischer Minister des Inneren

Lieber Joachim, ich kann nur für mich selbst sprechen, aber aus meinen Artikeln spricht kein Hass gegen Andersdenkende. Aus meinen Artikeln spricht abgrundtiefer Hass gegen deinen Staat und jede andere Form der Herrschaft und all diejenigen, die sich zur*zum Handlanger*in der Herrschaft machen. Wärst du nicht der Chef des Verfassungsschutz, der Polizei und zudem Politiker und würdest du darauf verzichten, dir mit diesen Ämtern Diskurshoheit zu verschaffen, wir könnten gerne trotz sicherlich fundamental anderer Meinungen miteinander diskutieren. Aber schau, ich für meinen Teil habe aus den Erfahrungen anderer Subversiver mit Menschen wie dir gelernt. Mit einem Tyrann diskutieren? Du musst wissen, ich stehe historisch auf Seiten derer – rein gedanklich, versteht sich ;-) -, die Tyrannen lieber vor ihrer Zeit ins Gras beißen ließen. Und eines sollte dir klar sein, Polizeichefs standen dabei schon immer hoch im Kurs – höher noch, als Kaiser, Zaren und Könige.

„Wie oft trifft sich euer Verein in der Woche zum gemeinsamen Arschficken und Pimmel sauber lutschen? Typisch Faschistischen Hurensöhne, die nur mit Gewalt sprechen können. Und feige noch obendrauf.“ – Markus Vollmer via E-Mail

Hallo Markus, wir treffen uns des öfteren zum  – nunja, wie nanntest du das noch gleich – „gemeinsamen Arschficken und Pimmel sauber lutschen“. Das ist jedes Mal ein großes Vergnügen für alle die mitmachen. Vielleicht solltest du das auch mal probieren. Faschist*innen sind wir allerdings nicht, wir würden uns eher als Anarchist*innen bezeichnen, wie ja auch der Titel unseres Blattes andeutet. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass wir jeder Herrschaft gegenüber feindlich gesinnt sind, während Faschist*innen danach streben, mithilfe des Staates zu herrschen und anderen ihre Vorstellungen aufzwingen wollen. Dabei befürworten wir freilich dennoch Gewalt als ein Mittel zur Befreiung des Individuums, so wie auf der Gegenseite ja auch der Staat auf Gewalt setzt, um die Menschen zu unterwerfen. Wäre es da nicht ziemlich bescheuert, seinerseits auf Gewalt zu verzichten?

„Was seit ihr denn für geistig minderbemittelte??? Bisher hab ich die antifa unterstützt, aber bei euch sitzen scheinbar wikliche idioten.. ihr seit mit solche aussagen keinen deut besser als die scheiss nazis…

Fickt euch….“ – Eine Person via Windows Mail

Ob wir geistig minderbemittelt sind und in welchem Ausmaß, darüber lassen wir gerne Leute wie dich entscheiden, für uns spielt das nämlich überhaupt keine Rolle. Allerdings glauben wir, dass hier ein Irrtum vorliegt: Wir sind nicht ~die ANTIFA~. Wir sind vielmehr die Idioten, die mit diesem Staat und mit jeder Form der Herrschaft brechen wollen, anstatt diese(n) zu bewahren und das unabhängig davon, ob er nun von Faschist*innen oder von Demokrat*innen gelenkt wird. Ob das für dich nun besser oder schlechter ist, als das was ~die Nazis~ wollen, das kannst freilich nur du selbst entscheiden. Auf jeden Fall aber kannst du erleichtert sein und auch in Zukunft ~die ANTIFA~ unterstützen. Denn in einem Punkt kannst du sicher sein: Mit allen, die diesen Staat erhalten oder auch in einen kommunistischen umbauen wollen, haben wir rein gar nichts zu tun.

„Nicht tolerant, sondern borniert, verblendet und krank liest sich diese website. Dadurch wird die Welt nicht besser, sondern schlechter. Möge euch das, was ihr anderen wünscht, selbst doppelt und dreifach ereilen. Die website wird hoffentlich in Kürze dicht gemacht und strafbarer Inhalt auch bestraft. Einfach nur krank.“ – Ein BMW-Fan via E-Mail (vermutlich in Reaktion auf den Artikel „Bei Verdacht auf Corona: Einfach mal eine*n Bull*in anhusten„)

Warum sollten wir auch tolerant gegenüber denjenigen sein, die uns beherrschen? Das ist weder borniert, noch verblendet und krank sowieso nur innerhalb einer Begriffsdefinition die dazu dient, normabweichendes Verhalten zu stigmatisieren und zu unterdrücken. Vielmehr erscheint es mir erstrebenswert, denjenigen, die einer*m ihre Vorstellungen aufzwingen wollen, mit Intoleranz zu begegnen. Ob das die Welt besser oder schlechter macht, das kann und will ich nicht bewerten. Das würde nämlich erfordern, dass mensch nach der Verwirklichung eines Ideals strebt, nach dem die Welt geformt sein sollte. So wie jedoch ich nach meinen Vorstellungen leben will, will ich auch, dass jede*r andere nach seinen*ihren Vorstellungen lebt und ebenso wie ich meine Vorstellungen keiner*keinem aufzwingen will, lasse ich mir auch von keiner*keinem anderen deren*dessen Vorstellungen aufzwingen. Die Einteilung meines Handelns und des Handelns anderer danach, ob dieses eine bessere oder schlechtere Welt schafft, würde eben erfordern, dass ich meine Vorstellung davon, wie diese Welt beschaffen sein sollte, über die anderer stelle. Deshalb genügt es mir vollkommen, nach meinen eigenen Vorstellungen und im Einklang mit meinen Ideen zu handeln. Die bessere bzw. schlechtere Welt, die das in den Augen einer*eines Anderen hervorruft kann mir dabei gestohlen bleiben.

„Die veröffentlichten Texte sind eindeutig anti-staatlich und befürworten den Einsatz von Gewalt“ – Bayerischer Verfassungsschutz

Wir wissen zwar, dass das negativ gemeint sein soll, aber etwas kompromittierendes können wir darin auch nicht gerade erkennen. Insofern: Vielen Dank für die Blumen.

Menschen als Versuchskaninchen

Es mag eine Klugscheisserei sein, aber: wenn Bakunin im 19. Jahrhundert behaupten konnte, dass die Wissenschaftler nur Versuchskaninchen benutzen würden… so hat er – vielleicht zu seinem Glück – das 20. Jahrhundert eben nicht erlebt. Es war in Deutschland, wo die Nazi-Mediziner und Ärzte eben Menschen nicht wie, sondern wirklich als Versuchskaninchen oder eben: Versuchsmenschen benutzt haben. Es waren eben gerade Leute aus der Ärzte- und Medizinerzunft, welche besonders oft und früh die NSDAP unterstützten und 1933 dann auch sofort ihren Spielraum massiv erweitert kriegten.

Das mag ein Klugschiss sein. Vielleicht müsste man diese Fakten aber im Hinterkopf behalten. So würde z.B. die Eugen… ähm… Genetik niemals an dem Punkt sein, an welchem sie heute ist, wenn es die Nazi-Menschenexperimente nicht gegeben hätte. Gleiches gilt für ganz viele, ach so neutrale wissenschaftliche Erkenntnisse. Es ist mir zu blöd, hier im Dreck zu wühlen, welche anderen „Erkenntnisse“ auch noch…

Ich will hier ja niemandem irgendwas unterstellen, aber zumindest sollte man aus dem Nationalsozialismus auch ein gewisses Misstrauen gegenüber den Medizinern und Ärzten gelernt haben.

Und es mag geschmacklos sein, es zu sagen, aber ich kann auch wenig dafür, wenn mir gerade heute das „Deine Gesundheit gehört nicht dir!“ und „Gesundheit ist Pflicht“ der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik in den Sinn kommt. Natürlich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Natürlich: das Gegenteil der Philosophie von „Ausmerze und Auslese“ als Argument und gesundheitspolitische Absicht, aber dennoch… Irgendwie fällt es mir schwer, die Paralelle aus dem Kopf zu kriegen, und – für mich zu behalten.

Ein schwieriger Patient

Leser*innenbrief zum Text „Sie gestatten, ich bin Demokratiefeind*in!“ aus Nr. 014

Der Beitrag „Sie gestatten, ich bin Demokratiefeind*in!“ kann hier nachgelesen werden.

Liebe Genossinnen und Genossen,

ich habe [mir] eure Zeitung […] gerade durchgelesen.

Auch wenn das nur als „Meinung“ tituliert ist, würde ich von euch gerne wissen wie man tatsächlich das Nichtwählen als sinnvolle Maßnahme verteidigen kann.

Natürlich wird sich durch eine Wahl nichts grundlegendes am System ändern können, aber für viele kann eine linkere Politik zumindest das Leben erleichtern. Sollten wir nicht alles in unserer Macht stehende tun, um Missständen in der Gesellschaft entgegenzusteuern?

Auch wenn eine einzelne Stimme fast unbedeutend ist, hat sie trotzdem einen realen Wert und ist nicht nur Schein.
Und wenn das Wählen nur dazu dient die Prozente von rechten Parteien möglichst niedrig zu halten, ist das doch besser als nichts.
Wenn eine Wahl anstehen würde, in der der AfD die Möglichkeit einer absoluten Mehrheit prognostiziert würde, würde der*die Verfasser*in trotzdem nicht wählen?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir eine Rechtfertigung des Nichtwählens genauer erläutern könntet. Alles was ich bis jetzt als Argument gehört habe ist, dass man durchs Wählen das System legitimiert. Aber es ist doch scheißegal ob man wählt oder nicht, das System existiert und beherrscht uns alle. Nichtwählen ist meiner Ansicht nach wenn überhaupt gut für die großen Parteien, also auch im Sinne der Machthabenden.

Auch um den Klimawandel auf einem Minimum zu halten, wäre es enorm wichtig alle Macht die wir haben einzusetzen.

Zum Schluss noch danke für eure Arbeit und wie gesagt, ich würde mich auf eine Antwort von euch freuen.

Antwort der Redaktion:

Hallo,

wir stimmen der*dem Verfasser*in des Artikels als Redaktion insoweit zu, als dass wir Wahlen und Parlamentarismus ablehnen. Für uns sind diese Ausdruck eines Systems, das durch diese Form der Repräsentation per Definition der Berücksichtigung individueller Bedürfnisse und Sehnsüchte entgegensteht. Wir streben stattdessen eine Welt an, in der die Menschen in freier Übereinkunft miteinander leben, Entscheidungen von allen Betroffenen im Konsens getroffen werden und somit Rücksicht auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte aller Menschen genommen wird. Auch wir wählen nicht, vor allem weil wir uns keinerlei Illusionen hingeben möchten. Wir erwarten vom derzeitigen Systems nichts, keine Schadensbegrenzung und erst recht keine Reformen, was würde es für uns also für einen Sinn ergeben zu wählen?

Ansonsten können wir die Argumentation der*des Verfasser*in, dass Wählen das System legitimiert, durchaus nachvollziehen, allerdings auch die deine, dass Nichtwählen an der Existenz des Systems auch nichts ändert. Wir vermuten jedoch, dass die*der Verfasser*in auch nicht sagen wollte, dass es genügt, dem System seine Legitimation durch’s Nichtwählen zu entziehen. Aber dazu antwortet er*sie auch selbst (siehe unten).

Um darauf zurückzukommen, wie wir denn nun zum Wählen stehen, außer dass wir es nicht tun: Wir sehen das recht pragmatisch, soll doch wählen, wer will (und darf natürlich). Allerdings würden wir uns wünschen, dass diejenigen, die sich dafür entscheiden möglichst wenig Aufhebens darum machen, zumindest entsteht in den Fällen, in denen das anders ist bei vielen von uns immer der Eindruck, dass dem Wählen doch irgendwie eine größere Bedeutung beigemessen wird und das halten wir in jedem Fall für staatsaffirmativ.

Für alles Übrige, insbesondere die direkt an die*den Verfasser*in gerichteten Fragen, übergeben wir an die*den Autor*in:

Antwort der*des Autor*in

Hallo,

gerne versuche ich meine Position zum Wählen etwas näher zu erläutern.

Ich beginne damit am besten mit deiner Frage danach, ob ich wählen gehen würde, wenn der AfD die Möglichkeit einer absoluten Mehrheit prognostiziert werden würde. Nein, auch in diesem Fall würde ich nicht wählen gehen: Warum? Ist mir egal, ob die AfD Regierungsverantwortung bekommt? Ist mir egal, ob wir in einer Demokratie oder einem faschistischen System leben? Nun, egal ist es mir nicht, aber gerade deswegen glaube ich nicht, dass Wählen gehen in diesem Fall irgendetwas ändern würde. Die NSDAP, ich vermute auf ein solches Szenario zielt deine Frage ab, wurde 1933 mit 43,9% gewählt. Zuvor war sie mit 18,3% (1930), 37,4% (Juli 1932) und 33,1% (November 1932) gewählt worden. Die Wahlbeteiligung im März 1933 stieg gegenüber der letzten Wahl im November 1932 um 8,2% auf 88,74% an. Die absolute Mehrheit verfehlte die NSDAP – überraschenderweise – trotzdem. Das hat die Nationalsozialist*innen allerdings nicht sonderlich gestört. Meines Erachtens nach zeigt dieses Beispiel ganz gut, dass sich Faschismus nicht an der Wahlurne aufhalten lässt. Aber mensch könnte es ja wenigstens versuchen? Nun, wer daran glauben möchte. Ich zöge es in diesem Fall jedoch vor, die gute alte anarchistische Tradition des Bombenwerfens wiederaufleben zu lassen, denn das haben antifaschistische Bewegungen damals überall bewiesen: Ein*e tote*r Faschist*in ist dann doch eher weniger in der Lage dazu, Pogrome zu verüben und Menschen zu vernichten.

Aber eigentlich halte ich nicht besonders viel von derartigen Beispielen: Sie erscheinen mir konstruiert – womit ich nicht ihre Möglichkeit in Frage stellen möchte, sondern lediglich sagen möchte, dass wir momentan glücklicherweise (noch) nicht vor diesen Fragen stehen – und deshalb ungeeignet, um eine allgemeine Position zu verdeutlichen. Daher Schluss mit diesem Exkurs und zurück zur eigentlichen Frage: Ist es also sinnvoll nicht zu wählen? Oder anders gefragt, ist es denn sinnvoll zu wählen? Nun, dass mensch damit das System legitimiert, hatte ich ja bereits deutlich gemacht und natürlich sehe ich ein, dass nur das Nichtwählen dem System auch nicht gerade in besonderem Maße die Legitimation entzieht. Aber ich möchte mich ungern so verstanden wissen, dass ich im Nichtwählen einen besonders rebellischen Akt sehe. Mein Argument ist vielmehr, dass wir dem System immer und überall unsere Legitimation entziehen müssen. Wir – also ich nicht und du vielleicht auch nicht, aber ein Großteil der Gesellschaft – legitimieren das System beispielsweise jedes Mal, wenn wir die Bull*innen rufen, jedes Mal wenn wir uns von irgendeinem Amt die Erlaubnis für irgendetwas holen, jedes Mal, wenn wir etwas, was wir eigentlich tun wollen würden, bleiben lassen, weil das Gesetz es verbietet, jedes Mal wenn wir irgendeine Person verklagen oder anzeigen, weil wir mit irgendetwas was sie getan hat nicht einverstanden sind, ja gewissermaßen sogar jedes Mal wenn wir Steuern zahlen, usw. Das System braucht diese Legitimation, denn stell dir mal vor, ein Großteil der Menschen würde diese Legitimation nicht freiwillig erteilen. Das System wäre Geschichte. Mir geht es also nicht bloß um einen symbolischen Akt, sondern ich meine es durchaus ernst, dem System um keinen Preis freiwillig Legitimation zu verleihen und irgendwo wäre das doch mehr als unauthentisch, wenn mensch nun gerade bei Wahlen eine Ausnahme machen wollte. Aber ok, angenommen ich irre mich und das mit der Legitimation wäre egal, was wäre dann am Wählen sinnvoll? Hat die einzelne Stimme bei einer Wahl einen Wert? Ich würde sagen das kommt drauf an, was die Stimme sagen möchte. Wenn sie, wie viele andere Stimmen sagen möchte „nur immer weiter so“, dann genießt sie enormes Gewicht, denn dann gehört die Stimme ganz offensichtlich einer*einem Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und hat mit Repräsentation – in aller Regel – kein Problem, denn sie ist ja durch alle großen Parteien, egal wie sie heißen, ob CSU, CDU, SPD, FDP, Grüne oder auch die Linke, repräsentiert und selbst mit der AfD hätte sie in der Regel kein größeres Problem, mensch ist ja flexibel. Kaum bis gar kein Gewicht dagegen hat eine Stimme, die dann doch entweder individuelle Bedürfnisse äußern möchte oder auch für eine marginalisierte Gruppe sprechen möchte. Im besten Fall gelingt es dieser Stimme nicht an irgendeiner Hürde zu scheitern und tatsächlich parlamentarisch repräsentiert zu werden. Allerdings oft nur zusammen mit vielen anderen Stimmen, die allesamt eigentlich auch noch ganz andere Dinge äußern möchten, darauf aber zugunsten eines gemeinsamen Anliegens all dieser Stimmen verzichten müssen. Und selbst für dieses Anliegen sind es zu wenige Stimmen. Nun, zumindest der Wert meiner Stimme dürfte bei einer Wahl dieser Logik zufolge schwerlich größer sein, als wenn ich gleich auf diese Stimme verzichte. Und ich bin sicher, dir wird es da ähnlich gehen.

Also zurück zur Frage: Was ist sinnvoll am Wählen? Kann ich durchs Wählen vielleicht den Missständen in der Gesellschaft entgegensteuern? Meiner Ansicht nach nicht. Zumindest nicht besser, als ich das auch durch gezielte Interventionen jenseits von Wahlen, Parlamentarismus und Politik im Allgemeinen tun kann. Nehmen wir das Beispiel Klimakatastrophe: Wen sollte ich wählen, um da entgegenzusteuern? Die Grünen? HAHAHA, guter Witz. Eine andere Partei? Welche? Zugegeben, ich habe keine Ahnung, ob es nicht vielleicht irgendeine obskure kleine Partei gibt, die ein plausibles Programm gegen die Klimakatastrophe hat, ich muss auch zugeben, ich interessiere mich nicht dafür. Angenommen ich wäre vollkommen einverstanden mit dem Programm einer solchen Partei. Die realen Möglichkeiten einer Kleinpartei da irgendetwas zu bewegen sind ungefähr so groß wie der Einfluss meiner Stimme im Vergleich zur Summe aller Stimmen. Und dann hätte ich ja trotzdem noch irgendwen gewählt, der*die dann in Zukunft für mich zu sprechen beansprucht. Gruselig …

Abgesehen davon glaube ich nicht, dass es eine politische Lösung für die (anstehende) Klimakatastrophe gibt, ich bin der Meinung, dass nur ein radikaler Gesellschaftswandel im Zusammenhang mit einer Zerschlagung der entsprechenden Machtinstitutionen hier überhaupt eine Lösung ermöglicht. So etwas kann mensch in aller Regel nicht wählen. Und wenn irgendwer mir doch soetwas verspricht (z.B. die MLPD – Wahlplakate „Revolution ist kein Verbrechen“), dann bin ich – ich vermute nicht zu Unrecht – äußerst misstrauisch.

Du siehst: Es gelingt mir nicht wirklich, etwas Sinnvolles am Wählen zu finden. Solange mir das nicht gelingt, werden unzweifelhaft die Argumente gegen das Wählen gewinnen. Und neben der ganzen Sache mit der Legitimation gibt es da noch einen ganz gewichtigen Grund: Wenn ich nicht wählen gehe, dann kann ich Sonntags zuhause bleiben, muss keinen Brief verschicken und kann mein Leben überhaupt so verbringen wie ich will, ohne auch nur daran zu denken, wie es mit diesem Staat weitergeht.

Liebe Grüße
Dein*e Nichtwähler*in