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Die Maschine stoppt (Auszug)

Stellt euch, wenn ihr könnt, einen kleinen Raum vor, sechseckig, wie die Wabe eines Bienenstocks. Er wird weder durch ein Fenster noch durch eine Lampe erleuchtet, jedoch ist er von einem sanften Leuchten erfüllt. Es gibt keine Lüftungsschlitze, doch ist die Luft frisch. Es gibt keine Musikinstrumente, und doch, in dem Moment, in dem meine Betrachtung ihren Anfang nimmt, ist dieser Raum mit melodischen Klängen durchpulst. In der Mitte befindet sich ein Armsessel, an seiner Seite steht ein Lesepult – das ist die Möblierung des Zimmers. Und in diesem Armsessel sitzt in Tücher gewickelt ein fleischiger Klops Frau, etwa 1,50 Meter groß, mit einem Gesicht so weiß wie ein Pilz. Ihr gehört der kleine Raum.

Eine elektrische Klingel ertönte.

Die Frau berührte einen Schalter und die Musik erstarb.

„Ich denke, ich sollte sehen, wer das ist“, dachte sie und setzte ihren Sessel in Bewegung. Der Sessel, wie die Musik, funktionierte mechanisch und er rollte auf die andere Seite des Raums, wo die Klingel immer noch aufdringlich läutete.

„Wer ist da?“, fragte sie. Ihre Stimme war gereizt, denn sie war oft unterbrochen worden, seit die Musik begonnen hatte. Sie kannte mehrere tausend Menschen, auf gewissen Ebenen hatten menschliche Beziehungen enorme Fortschritte gemacht.

Aber als sie in den Hörer lauschte, verzog sich ihr weißes Gesicht zu einem Lächeln und sie sagte:

„Sehr gut. Lass uns reden, ich isoliere mich selbst. Ich erwarte nicht, dass in den nächsten fünf Minuten irgendetwas Wichtiges passieren wird – denn fünf volle Minuten kann ich dir widmen, Kuno. Danach muss ich meine Vorlesung über „Musik während des australischen Zeitalters“ halten“.“

Sie berührte den Isolationsknopf, sodass niemand anderes mit ihr reden konnte. Dann berührte sie den Erleuchtungsapparat und der kleine Raum wurde in Dunkelheit getaucht.

„Beeil dich!“, sagte sie, denn ihre Gereiztheit kehrte zurück. „Beeil dich, Kuno; ich sitze hier im Dunkeln und verschwende meine Zeit.“

Aber es dauerte noch ganze fünfzehn Sekunden, ehe die runde Scheibe, die sie in ihren Händen hielt, zu glühen begann. Ein schwaches blaues Licht blitzte kurz darin auf, das sich in ein dunkles Violett verwandelte und dann konnte sie das Bild ihres Sohnes erkennen, der auf der anderen Seite der Erde lebte, und er konnte sie sehen.

„Kuno, wie langsam du bist.“

Er lächelte ernst.

„Ich glaube wirklich, dass du Spaß daran hast herumzutrödeln.“

„Ich habe bereits mehrmals versucht angerufen, Mutter, aber du warst immer entweder beschäftigt oder isoliert. Ich habe dir etwas Besonderes zu sagen.“

„Was ist es, liebster Junge? Beeil dich. Warum konntest du es nicht per Rohrpost schicken?“

„Weil ich es bevorzuge so etwas zu sagen. Ich will…“

„Ja?“

„Ich will, dass wir uns sehen.“

Vashti betrachtete sein Gesicht in der blauen Scheibe.

„Aber ich sehe dich doch!“, rief sie aus. „Was willst du mehr?“

„Ich will dich nicht durch die Maschine sehen,“ sagte Kuno. „Ich will nicht mit dir durch die ermüdende Maschine sprechen.“

„Still!“, sagte seine Mutter leicht schockiert. „Du darfst nichts gegen die Maschine sagen.“

„Warum nicht?“

„Man darf es eben nicht.“

„Du sprichst als hätte ein Gott die Maschine erschaffen“, rief ihr Gegenüber aus. „Ich wette, dass du zu ihr betest, wenn du unglücklich bist. Menschen haben sie gemacht, vergiss das nicht. Große Menschen, aber Menschen. Die Maschine ist viel, aber nicht alles. Ich sehe etwas in der Scheibe, das dir ähnelt, aber ich sehe nicht dich. Ich höre etwas, das dir ähnelt, aber nicht dich. Das ist der Grund dafür, dass ich gerne hätte, dass du kommst. Statte mir einen Besuch ab, so dass wir einander von Angesicht zu Angesicht sehen und über die Hoffnungen reden können, die mir auf dem Herzen liegen.“

Sie entgegnete, dass sie kaum die Zeit für einen Besuch entbehren konnte.

„Das Luftschiff braucht keine zwei Tage, um von dir zu mir zu fliegen.“

„Ich mag Luftschiffe nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich mag es nicht, diese schrecklich braune Erde zu sehen, das Meer und die Sterne, wenn es dunkel ist. Ich bekomme keine Ideen in Luftschiffen.“

„Ich bekomme nur dort welche.“

[…] Er brach ab und sie vermutete, dass er traurig aussah. Sie war sich nicht sicher, denn die Maschine war nicht in der Lage, Gesichtsausdrücke detailliert zu übertragen. Sie übermittelte nur eine relativ allgemein gehaltenes Bild der Leute – ein Bild, das für alle praktischen Zwecke vollkommen ausreichend war, dachte Vashti. Das undurchdringliche Blühen, das eine diskreditierte Philosophie zur eigentlichen Essenz menschlicher Begegnung erklärte hatte, wurde zu Recht von der Maschine ignoriert, so wie auch das undurchdringliche Blühen einer Traube von den Herstellern künstlicher Früchte ignoriert wurde. Etwas „Ausreichendes“ ist seit langem von unserer Spezies akzeptiert worden.

„Die Wahrheit ist“, fuhr er fort, „dass ich die Sterne wiedersehen will. Das sind eigentümliche Sterne. Ich will sie nicht vom Luftschiff aus sehen, sondern von der Erdoberfläche, so wie es unsere Vorfahren getan haben, vor tausenden von Jahren. Ich möchte die Erdoberfläche besichtigen.“

Sie war wieder schockiert.

„Mutter, du musst kommen, und sei es nur, um mir zu erklären, was es schaden kann, die Erdoberfläche zu besichtigen.“

„Es schadet nicht“, entgegnete sie und versuchte sich unter Kontrolle zu behalten. „Aber du hast auch keinen Gewinn. Die Erdoberfläche ist nur Staub und Schlamm, es gibt auf ihr kein Leben mehr und du würdest ein Beatmungsgerät brauchen, sonst tötet dich die Kälte der Außenluft. Man stirbt sofort in den Außenluft.“

„Ich weiß; natürlich würde ich alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen.“

[…] Sein Bild in der blauen Scheibe erlosch.

„Kuno!“

Er hatte sich in Isolation begeben.

Für einen Moment fühlte Vashti sich einsam.

Dann ließ sie Licht erstrahlen, und der Anblick ihres Zimmers, glänzend und vollgestopft mit elektronischen Knöpfen, belebte sie. Es gab überall Knöpfe und Schalter – Knöpfe, um Essen, Kleidung oder Musik zu bestellen. Es gab den Heißbad-Knopf, der, wenn man ihn drückte, einen Wanne aus rosa Marmor(-imitat) aus dem Boden fahren ließ, das bis oben hin mit einer heißen parfümierten Flüssigkeit gefüllt war. Es gab auch einen Kaltbad-Knopf. Es gab einen Knopf, der sie mit Literatur versorgte, und es gab natürlich die Knöpfe, mithilfe derer sie mit ihren Freunden kommunizierte. Der Raum, auch wenn er nichts enthielt, war in Kontakt mit allem, das ihr in der Welt am Herzen lag.

Vashtis nächste Bewegung betätigte den Isolationsschalter, und alles, was sich die letzten drei Minuten angestaut hatte, brach über sie herein. Der Raum war vom Lärm von Klingeln und Sprachnachrichten erfüllt. Wie fand sie das neue Essen? Konnte sie es empfehlen? Hatte sie in letzter Zeit neue Ideen? Hätte sie Interesse an den Ideen anderer? […]

Sie schaltete all ihre Korrespondenten aus, denn es war Zeit für ihre Vorlesung. Das täppische System sich öffentlich zu versammeln, war seit langem aufgegeben worden; weder Vashti noch ihr Publikum bewegten sich aus ihren Räumen. Sie sprach, bequem in ihrem Sessel sitzend, und andere, die ebenfalls in ihren Sesseln saßen, hörten und sahen sie – gut genug. […] Ihre Vorlesung, die zehn Minuten dauerte, kam gut an, und danach lauschten sie und viele ihrer Zuhörer einer Vorlesung über das Meer […]. Dann aß sie, sprach mit vielen Freunden, nahm ein Bad, plauderte wieder, und rief ihr Bett. […]

Sie verdunkelte ihr Zimmer und schlief; sie erwachte und erhellte den Raum; sie aß und tauschte mit ihren Freunden Ideen aus, hörte Musik und besuchte Vorlesungen; sie verdunkelte den Raum und schlief. Über ihr, neben ihr, um sie herum, summte die Maschine ewiglich; sie bemerkte den Lärm nicht, denn sie war mit diesem Geräusch in den Ohren geboren worden. Die Erde, die sie trug, summte, während sie durch die Stille sauste und sie mal zur unsichtbaren Sonne und mal zu den unsichtbaren Sternen drehte. Sie erwachte und erhellte den Raum.

„Kuno!“

„Ich werde nicht mit dir sprechen“, antwortete er, „bis du zu mir kommst.“

Auszug aus „The Machine Stops“ (1909) von E. M. Forster

Sie hätten gerne…

Sie hätten gerne, dass wir uns anpassen.

Unsere Arbeit machen. Irgend so einen Scheiss Job. Hauptsache Arbeit.

Dass wir uns abfinden mit dem kläglichen Alltag zwischen Arbeit, Konsum und Kleinfamilie.

Sie hätten gerne, dass wir vergessen.

Was Leben sein könnte. Und was es heute ist: verkümmert und von Autorität verseucht.

Dass wir vergessen, wie dieser Planet Tag für Tag vor die Hunde geht, auf die gleiche Weise wie die Freiheit, und mit ihr die Freude am Leben vor die Hunde geht.

Vergessen, dass es unser Gehorsam diese ganze Scheisse ermöglicht, und das wir auch ganz anders könnten: das wir „auf schlechte Ideen“ kommen könnten, darüber nachdenken könnten, was hier abgeht, und darüber, dass, wenn wir es sind, die diese Scheisse ermöglichen, es auch wir sein könnten, die sie unmöglich machen.

Vor allem hätten sie gerne, das wir das vergessen das wir etwas verändern können, das Jeder und Jede die Möglichkeit hat anzugreifen. Sich zu wehren. Zu sabotieren. Weil es viel einfacher ist, als sie uns glauben machen wollen…

Was sie gerne hätten, seien sie Bullen, Ämter, Eltern, Lehrer oder Bürger, kann uns am Arsch vorbeigehen. Wenn wir uns fragen was wir wollen, sehen wir schnell, das es etwas ganz anderes ist. Wir müssen nur darauf beharren, und uns nicht kleinkriegen lassen von dieser erdrückenden Gesellschaft. Diejenigen, die uns davon abhalten wollen selbst zu denken und darnach zu handeln, können wir getrost ignorieren, und wenn sie zu aufdringlich werden, können wir uns wehren. Wir können den Ausbruch planen, mit denen, die das auch wollen, wir können die ganze Scheisse angreifen, was es braucht ist nur genügend Hartnäckigkeit! Denn:

Sich nie mehr anpassen und aus der Verantwortungslosigkeit heraustreten, um, gestützt auf das eigene Wollen, diese Gesellschaft anzugreifen, ist und bleibt die einzig würdige Art zu leben. Alles andere wird uns kaputt machen, uns unsere Träume vergessen lassen, bis wir selbst irgendwann im Büro sitzen, das wir doch kurz zuvor noch abfackeln wollten.

 

Was (für Scheisse) in dieser Welt/hier abgeht.
Vergessen, was in der Welt abgeht. In was für einer Welt wir leben, die jeden Tag mehr vor die Hunde geht.///
Dass wir vergessen, dass es immer noch unser Gehorsam ist, der diese Scheisse ermöglicht.
Sie hätten gerne, dass wir nicht auf schlechte Ideen kommen. Nicht nachdenken, über unser Leben, die niederschmetternde Gegenwart. Und schon gar nicht über die Zukunft. Zukunft… wer glaubt schon daran /// Oh, die Zukunft! Alle wissen, sie wird strahlend sein; atomar…
etc!!!

 

Doch wir scheissen darauf, was sie gerne hätten. Selbst wenn sie uns zwingen wollen.

Mit TV, Drogen, Antidepressiva…

Mit Bullen, Knast und Psychi…

Circa 2013 geschrieben, jetzt erstmals veröffentlicht. Die Scheiße geht halt weiter. Wie immer…

Wenn tausend Augen erblinden

Ich werde verfolgt! Überall lauern sie mir auf, mit tausend Augen begleiten sie mich durch die Stadt: An U-Bahnhöfen, an Bürogebäuden, an Stadtvillen, an Tiefgarageneinfahren, an Klingelanlagen, in Bussen, in Trams, in S-Bahnen, in U-Bahnen, an Ampeln, auf Straßenlaternen, im Supermarkt, an Luxusautos, an Hotels, an Gerichtsgebäuden, an Polizeidienststellen, ja sogar an Bull*innen. Überall Kameras! Und du? Du trägst sogar eine mit dir herum. In deinem Smartphone.

Überhaupt macht mich diese smarte Technologie rasend! Autos, die die Bull*innen rufen, Autos, die anfangen zu blinken, wenn ich durch ihre Fenster sehe, E-Scooter, die nervtötend piepsen, wenn ich sie ins Gebüsch schleudere oder umstoße, Kameras an fast jeder Klingelanlage, Kameras überall in den öffentlichen Verkehrsmitteln und überall Leute mit Smartphone, die dir ihre Kameras in die Fresse halten.

Demnächst sollen intelligente Straßenlaternen jeden Winkel der Stadt mit ihren Kameras und Bewegungssensoren erfassen. Bald werden all die E-Scooter ebenfalls Kameras haben – angeblich zum autonomen Fahren zurück zur Ladestation – und die Stadt scannen. Was wenn auch hier bald Lieferdrohnen die Stadt erobern und mit ihren Argusaugen jeden Winkel scannen? Und was ist mit den Carsharing-Autos? Die meisten von ihnen haben Kameras. Wer garantiert mir, dass die mich nicht permanent filmen, wenn ich durch die Stadt laufe?

Diese gesamte smarte Technologie macht mich paranoid. Ich fühle mich beobachtet, ausgespäht, kontrolliert. Schluss damit! Ich werde sie angreifen: Mit Sprühlack lasse ich sie erblinden, mit Hämmern und Steinen steche ich der Bestie die Augen aus und Feuerlöscher und Farbbeutel lassen mich auch die weiter entfernten Ziele erreichen. Tod der smarten Kontrolle!