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Der papierne Mensch

Eine unter vielen Absurditäten des Staatsprinzips ist der Umstand, dass ein Mensch, der nicht von staatlicher Seite aus registriert ist, gar nicht existiert. Dieser Mensch hat keine Unterstützung verdient, dieser Mensch ist aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Wer keine Papiere hat, keinen Personalausweis, ist ein Nichts. Menschen ohne Papiere oder mit den falschen Papieren haben keine Rechte mehr. Ihnen dürfen ihre Besitztümer weggenommen und diese weggeworfen werden, wie es die Menschen, die in München unter diversen Brücken leben, alle paar Monate erleiden müssen. Diese Menschen dürfen drangsaliert, vertrieben und gejagt werden. Offenbar macht nur das richtige Dokument sie zu vollwertigen Menschen, und das haben viele von ihnen nicht. Eigentlich ist der Personalausweis mehr Mensch als die Person, die er repräsentieren soll, er verkündet mehr Wahrheiten, als die, die der korrespondierende Mensch selbst über sich erzählt. Wer dem Augenschein nach nicht mit seinen Ausweisdokumenten übereinstimmt, ist gearscht. Das erleben nicht nur illegalisiert hier lebende Menschen und solche ohne Ausweisdokumente. In unserer cis-normativen Welt, also in einer Gesellschaft, in der automatisch davon ausgegangen wird, dass alle Menschen eine immer gleich bleibende, mit ihren (scheinbaren) biologischen Merkmalen übereinstimmende Geschlechtsidentität haben, die sich nur auf eine anderen Menschen vertraute Art und Weise äußern kann (beispielweise als „augenscheinlicher Mann“ „männlich“), werden die staatlicherseits gespeicherten Daten zur verpflichtenden Identität, der mensch entsprechen muss. Wer das nicht tut, hat seinen Status als Mensch verloren. Trans Personen werden aus Zügen geworfen und von Bull*innen wie Kontrolleur*innen drangsaliert, ihnen nicht geglaubt, sie nicht über die Grenze gelassen, ihr Wille missachtet. Trans Frauen werden ins Männergefängnis gesteckt, ihnen die Wahl ihrer Gender Expression oder Hormone verweigert. Die Daten, die über einen Menschen gespeichert sind, sind dabei fast wie in Stein gemeißelt. Wer diese ändern lassen will, um nicht mehr auf so eine exponierte Art und Weise der Repression ausgesetzt zu sein, muss laut „Transsexuellengesetz“ entwürdigende und teure Gutachten erstellen lassen und ein Gericht über eine sogenannte „Personenstandsänderung“ (um den eingetragenen Namen und den Geschlechtseintrag ändern zu lassen) entscheiden lassen. Eine teure, langwierige und demütigende Prozedur. Es nicht zu tun bedeutet aber, tagtäglich gefährdet zu sein. Papiere zu haben, die ihrer augenscheinlichen Geschlechtsidentität zu widersprechen scheinen, macht sie zu Rechtlosen, zu Vogelfreien. So ist der Umstand, dass es aktuell eine Gesetzeslücke gibt, die trans Personen die Möglichkeit verschafft, unkompliziert und ziemlich billig eine Personenstandsänderung zu erwirken, zwar aus anarchistischer Perpektive kein Grund zur Freude – schließlich ist unser Ziel die Zerschlagung einer derartigen Registrierung und Unterwerfung von Menschen unter ein solch absurdes Konstrukt wie den Staat –, doch für trans Personen ist er ein kleiner Lichtschimmer: Seit Beginn des Jahres können trans Personen bei ihren Hausärzt*innen eine „Variante der Geschlechtsentwicklung“ diagnostizieren lassen. Diese Hausärzt*innen müssen nichts begründen, nur einen Wisch schreiben, auf dem diese Diagnose steht. Anschließend kann beim Standesamt nach § 45b PstG eine Personenstandsänderung mithilfe dieses Wischs beantragt werden. Evtl. ist noch eine zweistellige Bearbeitungsgebühr fällig, fertig.

Genaue Infos findet ihr auf der Webseite vom Schwulen- und Lesbenverband: https://www.lsvd.de/recht/ratgeber/transgender/ratgeber-zum-transsexuellengesetz/hinweis-keine-zwei-gutachten-mehr.html.

Richtig. Falsch. Das sind doch bürgerliche Kategorien

Die Polizei München sah sich in dieser Woche dazu genötigt, in sozialen Medien ein Video zu verbreiten, in dem sie vor falschen Polizist*innen warnt. Über 300 Fälle, in denen sich Personen fälschlicherweise als Bull*innen ausgegeben hätten, seien in drei Tagen bei der Polizei München gemeldet worden.

Warum? Warum sollte mensch sich als Bull*in ausgeben, wenn mensch doch gar keine*r ist? Für viele Leute gehören Bull*innen wohl zu den am wenigsten erträglichen Zeitgenoss*innen dieser Gesellschaft. Und das mit gutem Grund: Bull*innen setzen die Interessen des Staates mit Gewalt durch. Dabei scheinen viele Bull*innen die ihnen vom Staat übertragene Macht auf perfide Weise auszukosten. Sie machen sich scheinbar besonders gerne wichtig und sorgen damit meist erst für Ärger, sie tyrannisieren willkürlich Menschen, ganz besonders häufig Angehörige ohnehin schon marginalisierter Gruppen und wenn sie einmal mit einer Situation konfrontiert sind, in der es tatsächlich einer schlichtenden Instanz bedürfte – nicht dass Bull*innen dafür grundsätzlich geeignet wären –, endet das für die betroffenen Personen entweder tödlich, mit (schweren) Verletzungen, im Knast oder wenigstens mit einer Geldstrafe.

Diejenigen, die sich dennoch fälschlicherweise als Bull*innen ausgeben, haben trotzdem einen guten Grund dazu: Bull*innen genießen vor allem in der Mehrheitsgesellschaft trotzdem einen herausragend guten Ruf. Wenn ein*e Bull*in etwas sagt, gehorchen die Deutschen aufs Wort. Für Bull*innen sind sie bereit, beinahe jede Schikane unhinterfragt hinzunehmen, Bull*innen vertrauen sie alles an, manchmal selbst dann, wenn diese gegen sie ermitteln.

Den Angaben der Münchner Polizei zufolge, geht es den »falschen Polizisten« darum, besonders obrigkeitshörige und trotz allem wohl auch leichtgläubige Personen um deren Wertgegenstände zu erleichtern. Sie gäben meist an, dass sie diese für die Betroffenen verwahren würden, da es Hinweise darauf gebe, dass irgendwelche »Verbrecher« diese sonst stehlen könnten. Bereitwillig geben die Betroffenen dann ihre Wertgegenstände an die vermeintlichen Bull*innen heraus. Das sagt viel über sie aus. Sie gehören offensichtlich nicht zu den Menschen, die in ihrem Leben bei weitem mehr negative als positive Erfahrungen mit Bull*innen gemacht haben. Wenn sie das Wort Polizei hören, schrillen bei ihnen nicht die Alarmglocken. Sollte ich Mitleid mit ihnen haben? Ich finde nicht. Im Gegenteil: Ich finde das Konzept der falschen Polizist*innen eine super Sache! Wer Bull*innen so blind vertraut, dass er*sie ihnen einfach so seine*ihre Wertgegenstände anvertraut, ja sie überhaupt ins Haus lässt, der*dem schadet eine kleine Lektion sicher nicht. Und ganz nebenbei schmälern falsche Polizist*innen auch das Ansehen der echten Bull*innen.

Mir jedenfalls sind 1000 falsche Bull*innen lieber, als ein*e richtige*r!