Category Archives: Nachrichten aus aller Welt

In der Kategorie Nachrichten aus aller Welt berichten wir über ausgewählte Ereignisse mit anarchistischem Bezug weltweit. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem deutschsprachigen Raum.

Die mysteriösen Selbstentfachungen deutscher Funkmasten

[Zusammenfassung der regionalen deutschen Presse vom Jahresanfang]

Keltern, 31. Dezember 2020. In Baden-Württemberg entzündete sich gegen 19:40 Uhr eine 50 Meter hohe Richtfunkantenne an der Regelbaumstraße, in der Nähe von Keltern, wie es eine Streife der Hundeführerstaffel der Pforzheimer Polizei konstatierte, die diesen Brand entdeckt hatte. Es ist schnell klar geworden, dass das Feuer sich bis in den oberen Teil hochgefressen hatte.

An diesem Vorabend zum Neujahr haben sie die Hypothese verworfen, dass es sich sich um Feuerwerkskörper handeln könnte, da der Brand direkt an den Kabeln begonnen habe. Der materielle Schaden an der Antenne wurde von einem Energieversorgungsunternehmen auf mehr als 100 000 € geschätzt. Sie wurde insbesondere von den Mobilfunknetzen O2 (Telefonica) und 1&1 genutzt und die Einwohner*innen der Region blieben zwei Wochen lang ohne Mobilfunk und Internet. Die Polizei begab sich mit insgesamt 7 Fahrzeugen an den Tatort, außerdem kamen noch acht Feuerwehrfahrzeuge aus Keltern und Birkenfeld.

Am 21. Januar 2021, um diese geheimnisvolle Selbstentfachung der Antenne bei Anbruch der Nacht an Sylvester zu erklären, hat ein großer Brandexperte fünfzehn Tage später endlich in der Presse, der Pforzheimer Zeitung, seine Schlussfolgerungen mitgeteilt, was uns den spektakulären Titel einbrachte: „War etwa ein Tier schuld?“ Der Brand soll tatsächlich von offizieller Seite aus durch einen Marderbiss an einem der Kabel verursacht worden sein! Abgesehen vom berühmten „Marder aller Länder, vereinigt euch!“, gibt es dem nicht viel hinzuzufügen, was sicherlich eine weltweite Premiere für dieses charmante Tier wäre, das sicherlich ebenso wie die Menschen einen Sinn für das Datum und seine Uhrzeiten hat… [Anm. d. Übs.: Inzwischen wird übrigens doch wegen Brandstiftung ermittelt.]

Wiesbaden, 02. Januar 2021In Hessen hat sich ein fünfzig Meter hoher Funkmast der Telekom inmitten des Forstes zwischen Wiesbaden und Taunusstein auf der Platter Straße am Samstag, den 02. Januar, entfacht. Ein großer Teil der Kabel ist verbrannt, verkündete ein Sprecher der Feuerwehr, die gegen 15 Uhr gerufen worden war, und die Schäden seien so gravierend, dass alle Kabel ersetzt werden müssten, da das Feuer bis zur Spitze die Kabel zerstört habe.

Das Löschen konnten die rund 20 Feuerwehrleute aus Wiesbaden und Taunusstein zuerst nicht beginnen, da unklar war, an welche Stromquelle der Mast angeschlossen war. Erst nachdem der Strom ausgeschaltet war, konnten mehrere Trupps unter schwerem Atemschutz den Brand löschen. Wegen der Gefahr herunterfallender, brennender Teile wurde die B417 am Nachmittag in beide Richtungen voll gesperrt.

Die Experten müssten die Brandursache in der kommenden Woche genauer ermittelt haben, auch wenn sie momentan auf den berühmten technischen Defekt tippen. In der Lokalzeitung Hessenschau vom 03. Januar bleibt der Sprecher der Feuerwehr trotzdem eher zweifelnd gegenüber dieser einzigartigen versehentlichen Ursache: „Ein brennender Funkmast ist sehr selten. Ich wüsste nicht, dass es so etwas in unserem Einzugsbereich schon einmal gegeben hat.“

Viechtach, 26. Januar 2021. In Bayern hat sich die schwarze Serie der Selbstentfachungen fortgesetzt, und nicht nur ein bisschen, denn es handelt sich um einen schönen Funkmast des Tetra-Netzes, d. h. sie trägt die schwere Bürde die Kommunikation der Behörden und der Organisationen, die mit der Überwachung der Sicherheit beauftragt sind, wie etwa der Polizei, zu übertragen, der gegen 10 Uhr morgens heruntergebrannt ist, mitten im Wald des Weigelsbergs, nahe der tschechischen Grenze.

Die Feuerwehr von Wiesing wurde sofort wegen das Brandalarms des Mastes in den verschneiten Forst über dem Neunussberg entsendet, wo Rauch aus dem Container stieg, den sie mit einem speziellen Schlüssel öffneten. Auch wenn sie sich angesichts des heiklen getroffenen Ziels sehr wortkarg über die Brandursachen äußerten, ist es die Straubinger Kriminalpolizei, die mit den Ermittlungen beauftragt wurde, denn, wie die Lokalzeitung Passauer Neue Presse am 28. Januar verkündete, würden „die Ermittler Brandstiftung nicht ausschließen“. Wenn es sich offenbar um Tetra-Antennen der Behörden handelt, scheinen die spontanen Phänomene und die Marder eher aus den Hypothesen der uniformierten Hohlbirnen ausgeschlossen zu werden…

[Quelle: Sans Nom]


„Spuk in Keltern geht weiter“, so die Pforzheimer Nachrichten am 27. Januar, denn nun hätten Unbekannte auch noch mehrere Telefonanschlusskabel im Ortsteil Dietlingen durchtrennt. Dabei wurden in mehreren Straßen die an den Gebäuden außenliegenden Telefonanschlusskabel in der Nacht auf Sonntag, den 24. Januar, beschädigt. „Was ist nur in Keltern los?“, titelte die Zeitung verzweifelt.

Übrigens haben sich auch in der Region rund um Offenburg in Baden-Württemberg nahe der französischen Grenze in den letzten knapp vier Monaten bereits drei Funkmasten entfacht. Hier wird jedoch von Brandstiftung ausgegangen. Erst vorletzten Sonntag, den 07. Februar, wurde gegen 2 Uhr 30 im Rheinauer Ortsteil Freistett ein Sendemast angezündet. Kurzzeitig soll es so zu einem Totalausfall der Anlage gekommen sein. Zwei Monate vorher, am Abend des 05. Dezember, sei ebenfalls in Freistett in der Stadionstraße ein Funkmast in Brand gesetzt worden. „Nach derzeitigen Erkenntnissen dürften Unbekannte kurz vor Mitternacht mehrere Kabel mittels Brandbeschleuniger entzündet haben. Ein zufällig vorbeifahrender Verkehrsteilnehmer wurde auf die Flammen aufmerksam und verständigte die Feuerwehr. Die Ermittlungen zur Schadenshöhe und zu den Hintergründen der Tat dauern derzeit an.“ Bereits am 20. November war im knapp 40 Kilometer entfernten Gaggenau-Selbach ebenfalls ein Funkmast in Brand geraten.

 

Angriffe auf die technologische Herrschaft

20.11. Provinz von Verona (Italien) Vier Funkmasten (Mobilfunk-, Rundfunk-, Fernsehen) werden mit Farbe attackiert.
30.11. Montreal Island (Kanada) Mehrere autonome Gruppen unterbrechen den Schienenverkehr in der Gegend von Montreal Island. Es werden „Jumper“-Kabel verwendet, die das Signal geben, dass gerade ein Güterzug vorbeifährt, wodurch das Schienennetz an mehreren Schlüsselverbindungen gestört wird. „Arterien, die den Fluss des Kapitals durch den Kontinent ermöglichen, Wege zum Transport von Bitumen und anderen Produkten der Ressourcenausbeutung, Kolonisierung und des Todes. Schienen sind schon immer das Instrument kolonialer Expansion gewesen.“
04.12. British Columbia (Kanada) Sabotage eines Strommastes durch das Lockern einiger Bolzen und das Durchtrennen eines Abspannseils, die Stromlinie dient u. a. auch dazu eine im Bau befindlichen Anlage von LNG Canada (Verflüssigung von Erdgas) mit Strom zu versorgen.
15.12. Narasapura (Indien) Ein Aufstand erschüttert die Wistron IPhone-Fabrik in Narasapura. Fast 2000 Arbeiter*innen begehren dagegen auf nicht den vereinbarten Lohn ausgezahlt bekommen zu haben. Arbeiter*innen legen Feuer, beschädigen Maschinen, werfen Fenster ein und Autos auf dem Parkplatz um. Autos werden angezündet und tausende IPhones entwendet. Der Aufstand zwingt die Fabrik dazu zwei Wochen lang ihre Produktion einzustellen.
31.12. Berlin Während eines nächtlichen Spaziergangs wird ein E-Scooter angezündet und die Fassade des Berliner Firmengebäudes des Software-Konzerns SAP mithilfe von Hammerschlägen zertrümmert.
04.01. Saint-Pierre-la-Palud (Frankreich) Ein Funkmast wird angezündet. Ironischerweise wird durch diesen Brandanschlag das Alarmsystem der lokalen Feuerwehr in acht Kasernen gestört. Die Polizei erklärt, dass das Kabel zwischen dem Mast und der technischen Basisstation Feuer gefangen hätte.

[Massif de l’Étoile] Rundfunkantenne abgefackelt

In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2020 wurde die Rundfunkantenne des französischen Telekommunikationsunternehmens TDF im Massif de l’Étoile in der Nähe von Marseille angezündet. Eine Niederspannungs-Hauptverteiler-Anlage am Fuß der Antenne war in Brand gesetzt worden, nachdem Personen die Tür zur Stromanlage aufgebrochen hatten. Das Feuer hatte sich von dort aus über die „Feeder“ – sehr dicke, schwarze Kabel – an der Antenne hochgefressen. 3,5 Millionen Menschen im französischen Südosten konnten daraufhin 2-3 Tage lang weder Fernsehen noch Radio empfangen. Auch beim 3G- und 4G-Mobilfunk kam es zu Störungen. Bis heute gibt es Einschränkungen im Empfang von Fernsehen und Radio und es wird geschätzt, dass es noch bis zu ein Jahr dauern könne, bis alle Schäden behoben seien. Das Unternehmen TDF betont auf seiner Webseite, dass es so schnell arbeite wie nur irgendwie möglich, da „in der aktuellen gesundheitlichen Lage […] unser Angebot mehr denn je unentbehrlich für die Bevölkerung“ sei. Die 150 Meter hohe Antenne im Massif de l’Étoile ist die zweitwichtigste Antenne in Frankreich. Laut TDF sind seit 2017 über vierzig Masten des Unternehmens sabotiert worden. Momentan investiert TDF „in enger Zusammenarbeit mit dem Staat“ 18 Millionen Euro, um seine Standorte sicherer zu machen.

Sylvester in Corona-Zeiten – einige Schlaglichter

Berlin

„Eigentlich zog ich den Silvesterabend los, um dieses FCK 2020 nicht auch noch in der von Staat und Bullen angeordneten „Wohnhaft“ verbringen zu müssen. Also rechtzeitig auf zum Kotti zur nächsten „Böller Verbotszone“ Hermannplatz. Erwartet habe ich großartig nichts. Rund um den Kotti haben sich jede Menge Bullen positioniert, Lautsprecher- und Kamerawagen in Position, Hubschrauber in der Luft. Es ist weniger los als an anderen Silvester Nächten, dennoch ist der Kiez nicht wie im ersten Lockdown so erschreckend tot, Menschen sind draußen unterwegs, es böllert, Raketen fliegen. Kurz vor Mitternacht rumst es richtig Kottbusser Damm, Wannen rauschen hektisch heran, plötzlich viel Bewegung im Kiez, der showdown beginnt. Behelmte Bullen versuchen in die Sanderstraße einzudringen und stoßen auf massive Gegenwehr: Böller, Raketen, Flaschen, Steine fliegen, sie ziehen sich zurück, gehen nicht weiter gegen die Menschen in der Straße vor. Knapp eine Stunde prasselt ein mächtiges lautes Feuerwerk, Versuche sich der Ungehorsamen zu bemächtigen werden erfolgreich abgewehrt, hier und da sah man in der Dunkelheit auch mal einen Mollie fliegen. Anwohner*innen kommen vermehrt aus den Häusern, klatschen Beifall, genießen das Feuerwerk, genießen diesen Moment. So plötzlich wie es begann, war es dann auch wieder schlagartig vorbei.“

Wien

Nachdem es zu etlichen Sachbeschädigungen durch pyrotechnische Gegenstände in der Gegend um den Reumannplatz gekommen war, rückte die Polizei zu einem Großeinsatz aus. Der Mob beschoss Beamte mit Raketen bzw. Böllern, es kam zu neun vorübergehenden Festnahmen. Die Randalierer schlugen u. a. eine Auslagenscheibe eines Juweliers, eines Bäckers und Eissalons ein. Auch etliche Mülltonnen, Zeitungsständer, Auslagenscheiben, Bänke, Kaugummiautomaten sowie Fensterscheiben durch pyrotechnische Gegenstände zerstört wurden. Weiters wurde ein Christbaum in Benzin getränkt.

Lieuron (Bretagne, Frankreich)

In Lieuron ist eine illegale Techno-Party eskaliert. 2500 Menschen hatten sich Donnerstagabend dort zur Silvester-Party getroffen. Als die Polizei anrückte, um die Party aufzulösen, drehten die Feiernden durch. Die Feiernden warfen Steine und Flaschen auf Beamte, einige Sicherheitskräfte wurden verletzt. Ein Polizeiauto wurde in Brand gesetzt, drei weitere schwer beschädigt. Die Polizei zog sich zurück – und die Raver feierten den ganzen Freitag hindurch weiter. Erst am Samstagmorgen endete die Party.

[Belgien] Urteil des Prozesses und Solidaritätsspaziergang

Gefunden auf Indymedia Brüssel, die Übersetzung ist von panopticon. Panopticon hatten in den letzten Jahren mehrere Artikel zu diesem Fall veröffentlicht der jetzt zum Abschluss gekommen ist, um den ganzen Kontext zu verstehen hier die Texte chronologisch wie sie sie veröffentlicht haben: I;II;III;IV;V;VI

Urteil des Prozesses und Solidaritätsspaziergang

Von 2008 bis 2014 führte der belgische Staat eine umfassende Untersuchung über die Kämpfe durch, die geschlossene Zentren (A.d.Ü., Knäste aller Art, von Jugendlichen, für Abschiebungs, usw.) , Grenzen, Gefängnisse und diese auf Autorität und Ausbeutung basierende Welt angriffen. Im Visier der Justiz: die anarchistische Bibliothek Acrata, anarchistische und antiautoritäre Publikationen (Hors Service, La Cavale und Tout doit partir), Dutzende von Flugblättern und Plakaten, mehr als hundert Aktionen, Angriffe und Sabotage… kurz gesagt, der Kampf gegen die Macht in seinen verschiedenen Ausdrucksformen.Zunächst wegen „Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung“ strafrechtlich verfolgt, kam es schließlich unter dem Vorwurf der „kriminellen Verschwörung“ dazu, dass im April 2019 12 Gefährt*innen vor Gericht kamen. In der ersten Instanz hatte der Richter die Überwachung als „unzulässig“ erklärt und damit die Anklage lächerlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein.

Anfang Oktober 2020 fand der zweite Prozess in einer Kammer statt, die für ihre Grausamkeit bekannt ist. Der Staatsanwalt fühlte sich auch wohl dabei, doppelt so lange Strafen zu fordern wie in der ersten Instanz. Schließlich sprach der Richter am Donnerstag, 12. November, einen der Gefährten vollständig frei, verhängte vier mehrmonatige Bewährungsstrafen und fünf Strafaussetzungen. Also wurde niemand festgenommen. Die Verurteilung bezieht sich auf kriminelle Vereinigung, Sprühereien, Verkehrsbehinderung, Rebellion usw. Auf der anderen Seite scheiterte der lächerliche Versuch, eine Demonstration mit Feuerwerkskörpern vor einem geschlossenen Zentrum in einen Versuch zu verwandeln, es in Brand zu setzen.

Am Abend nach dem Prozess versammelten wir uns zu einer kleinen Solidaritätsaktion. Wir bildeten kleine Gruppen, die Plakate aufhängten und Flugblätter an die Passanten verteilten.
Solidaritätsbotschaften mit den Angeklagten, Plakate gegen die Polizei und das Gefängnis, Aufrufe, der Ausgangssperre zu trotzen, schmückten die Brüsseler Stadtviertel.
Diese Verurteilungen schüren nur unsere Revolten, sie werden uns nicht dazu bringen, unsere Ideen oder unsere Kämpfe aufzugeben!

Nieder mit dem Staat!
Lang lebe die Anarchie!

[Hamburg] Zurück auf der Parkbank – Erklärung der drei verurteilten Anarchist*innen

Nun ist es soweit – die Hauptverhandlung im sogenannten „Parkbank-Verfahren“ ist überstanden, das Urteil der Großen Strafkammer 15 am Hamburger Landgericht ist nach über 50 Verhandlungstagen gesprochen. Vermutlich ist dies nicht das letzte Wort; bis das Urteil rechtskräftig wird, kann es noch einige Zeit dauern.

Aber wir – die nun verurteilten Anarchist*innen – wollen uns zu Wort melden, was wir ja gemeinsam bislang nicht (öffentlich) getan haben.

Zum Verlauf des Verfahrens und den Ermittlungen wird es sicher an anderer Stelle und zu späterem Zeitpunkt mehr geben. Zunächst wollen wir hier Dankbarkeit und Verbundenheit ausdrücken und einige Worte zum Urteil und dem vorläufigen Ende dieser Odyssee verlieren. Aus der Haft wurde sich zwar schon zu verschiedenen Anlässen und Gelegenheiten öffentlich geäußert, aber zur Anklage und zum Spektakel der Verhandlung eben bis zuletzt nicht.

Dies hat auch mit der weitgehenden Verweigerung der Partizipation der uns aufgezwungenen Rolle als Angeklagte zu tun. Aber eben jene Haltung schien und scheint uns der beste Weg, in so einer Situation Würde und Integrität zu wahren. Als Anarchist*innen lehnen wir Gerichte grundsätzlich ab. Sie sind Institutionen der Durchsetzung von Herrschaft.

Das Schweigen in diesem Prozess ist uns nicht immer leicht gefallen angesichts der arroganten, zynischen Frechheiten, mit denen wir das ganze Verfahren über konfrontiert waren. Uns ist allerdings wichtig darauf hinzuweisen, dass wir es hier keineswegs mit aus dem Rahmen fallenden Tabubrüchen zu tun haben. U-Haft als Maßnahme zur Kooperationserpressung, Durchwinken illegaler Ermittlungsmaß­- nahmen … ganz normaler Alltag im Justizsystem. Wir sehen keine Perspektive darin, solche Zustände zu Skandalisieren – wir glauben nicht an die Möglichkeit einer „fairen“ Justiz. Womit wir nicht meinen, dass es unsinnig ist, diese Symptome einer, immer im Interesse der herrschenden Ordnung wirkenden, Institution zu benennen. Wir schlagen auch nicht vor, sich im Zynismus dieser Institution gegenüber einzurichten. Viel wichtiger finden wir aber, der Repression gegenüber einen aktiven, selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang zu finden. Von ihnen haben wir nix zu erwarten, von uns selbst und den Menschen, mit denen wir kämpfen dafür umso mehr!

Wir sind glücklich und stolz zu sagen, dass uns das gut gelungen ist. Sicher, wir werden in der Nachbereitung, in den bisher durch den Knast arg begrenzten Diskussionen, feststellen, dass wir nicht alles wieder genauso machen würden – schlussendlich haben wir den Saal aber erhobenen Hauptes und reinen Herzens verlassen, mit dem Gefühl, unsere Integrität als Anarchist*innen bewahrt zu haben.

Abgesehen von dem durchaus komplexen juristischen Reglement und den Ritualen, die so einen Strafprozess formen, funktioniert das alles nach relativ simplen Gesetzmäßigkeiten – Zugeständnisse oder gar Milde gibt es nur im Tausch gegen Anerkennung und Würdigung der Autorität, Mithilfe bei der eigenen Bestrafung und Reue.

Was wir in der Hauptverhandlung erlebt haben, hat gezeigt, wie sehr diese ganze Herrschaftsinszenierung mit all dem dunklen Holz, den erhöhten Sitzpositionen, den absurden Ritualen und Choreografien und albernen Kostümen auf Angst und Ehrfurcht der Angeklagten angewiesen ist. Mit unserer weitgehenden Verweigerung des Respekts und der Angst hat das Gericht bis zuletzt keinen souveränen, gesichtswahrenden Umgang gefunden. Natürlich haben wir auch Angst vor der Willkür und der Gewalt der Herrschenden, aber wir sind nicht naiv und wissen, dass es sich langfristig nicht auszahlt, ihren Erpressungen nachzugeben. Wenn wir von dem Standpunkt ausgehen, dass die Höhe des Urteils nicht der wichtigste Maßstab für uns ist, sondern andere Dinge wie uns selbst treu zu bleiben, uns nicht brechen zu lassen, und sich davon ausgehend ihren Kategorien zu verweigern, bedeutet das auch mit den daraus resultierenden Konsequenzen einen Umgang zu finden. Und diesen müssen wir individuell als auch kollektiv finden, unter uns und gemeinsam mit unserem Umfeld und mit allen Mitstreiter*innen. Welche Risiken wir dabei einzugehen bereit sind, ist immer ein Aushandlungsprozess, und wir wollen betonen, dass es da kein Ideal, kein Patentrezept gibt. Die Sphäre des Juristischen erlaubt schlicht keinen widerspruchsfreien, kompromisslosen Umgang. Es ist auch eine Frage der kollektiven Bewältigung, wie den Schikanen und der Rache beleidigter Autorität entgegengetreten werden kann.

Wie eingangs schon erwähnt, war also auch unser Umgang nicht frei von taktischen Erwägungen. Wir haben das große Glück, Verteidiger*innen an unserer Seite zu haben, zu deren Selbstverständnis es gehört, Kritik, Sorgen, Risiken klar zu benennen und klare Haltungen solidarisch zu respektieren und mitzutragen. Wir haben uns gemeinsam für einen eher juristisch-technischen Weg der Verteidigung im Prozess entschieden, zumal wir uns mit Vorwürfen menschenverachtender Praxen und so dem Risiko sehr langer Haftstrafen konfrontiert sahen. Die Verteidigung hat dem Gericht mit ihrer Beharrlichkeit und Akribie nicht bloß Nerven gekostet, sondern wesentliche Zugeständnisse abgetrotzt. Einige ihrer Lügen waren nicht mehr zu halten und ihr Konstrukt wurde effektiv abgeschwächt.

Wir wollten nicht, dass das von uns durch die Behörden gezeichnete Bild jenseits der technischen Ebene in der Verhandlung diskutiert wird. Unsere Ideen und wir selbst sind viel zu schön, um an so einem hässlichen Ort erörtert zu werden! Außerdem sind uns Relativierungen und Verharmlosungen zuwider, der Grad hin zur Verleugnung ist mehr als bloß schmal und überhaupt schulden wir diesen Leuten keinerlei Erklärung; sie stehen für alles, was wir ablehnen. Zumal der tendenziöse Schrott, den die Bullen da über uns zusammengeschrieben haben, so flach und durchsichtig war, dass sich inhaltliche Erklärungen ohnehin erübrigten. Und dafür, dass wir Anarchist*innen sind, mit all dem, das den Autoritäten Angst macht, schämen wir uns nicht – im Gegenteil!

Es war zwischenzeitlich auch schräg für uns, den Verhandlungstagen weitgehend passiv beizuwohnen und die Anwält*innen alle Arbeit machen zu lassen. Aber das hatte auch den angenehmen psychologischen Effekt, dass stets eine gewisse Distanz zwischen uns und dem Prozessgeschehen gewahrt blieb und zudem häufig der Eindruck entstand, dass hier nicht wir, sondern die Behörden auf der Anklagebank saßen. Dass dem Gericht die Überforderung mit dieser Situation so sehr anzumerken war, sorgte auch für Momente der Komik und der Genugtuung, ebenso wie die unprofessionelle Reizbarkeit des Oberstaatsanwalts Schakau. Nicht zuletzt hatten wir immer und im wahrsten Sinne des Wortes unsere Leute im Rücken – insbesondere für uns in der Haft waren die Verhandlungstage trotz des absurden Schauspiels von Verbundenheit, Wärme und Abwechslung geprägte Momente, auf die wir uns stets gefreut haben, so kräftezehrend sie auch waren.

Wir haben in diesen knapp 11/2 Jahren viel gelernt. Vieles, was uns und andere Mitstreiter*innen in unseren sozialen revolutionären Kämpfen helfen wird. Was uns stärker und ein Stück bewusster im Konflikt mit der organisierten Unterdrückung und Ausbeutung, mit dem Staat macht. Wir freuen uns darauf unsere Erfahrungen und die all der Mitstreiter*innen, die draußen Kämpfe weitergeführt und entwickelt haben, auszutauschen, gemeinsam an ihnen zu wachsen. Wir haben gesehen, wie viel Stärke in all den über Jahre entwickelten und gepflegten solidarischen, liebevollen Beziehungen steckt. Wir sind auch stolz auf unsere Familien, die auf ihre Herzen hören, die immer hinter uns stehen und an uns und nicht an die Lügen der Bullen glauben. Wir haben mit großer Genugtuung gesehen und gespürt, wie die revolutionäre Solidarität in Form von vielen direkten Aktionen gegen die Polizei, Knastprofiteur*innen, Immobilienhaie und anderen Ausdrücken von Ausbeutung, von Staat und Kapitalismus, ihren Repressionsschlag, unsere Festnahme ins Leere laufen lassen haben, sie zu einer Farce gemacht hat. Dieser Aspekt ist wichtig, denn er trifft verschiedene zentrale Punkte dieser ganzen Geschichte. Wir standen stellvertretend vor Gericht für soziale Kämpfe, deren Ausdruck unter anderem direkte Aktionen, Angriffe und Sabotage gegen Verantwortliche und Mechanismen der sozialen Misere sind. Diese Anklage muss eben dort, wo diese Konflikte bestehen, wo wir leben, zurückgeschlagen werden. Ihre Repression wird diese Konflikte weder befrieden noch ersticken können, sie werden die soziale Spannung nur verstärken.

In diesen knapp 11/2 Jahren ist global, aber auch hier so viel geschehen, dass es den Rahmen sprengen würde, alles zu beleuchten. Viele soziale Revolten und Aufstände haben weltweit die herrschenden Verhältnisse in Frage gestellt. Seien hier beispielhaft nur der monatelange Aufstand in Chile genannt, in Hongkong, die Knastausbrüche während des Anfangs der Corona-Pandemie in zahlreichen Länder der Welt und im speziellen der Knast-Revolten in Italien. Aber auch die Reaktionen, die Feind*innen der Freiheit, haben leider Raum genommen. Rechte, rassistische, antisemitische und patriarchale Morde und Anschläge in Halle und Hanau und weiteren Orten. Fast monatlich wurden Munitions- und Waffendepots bei Militär- und Polizei-Angehörigen entdeckt. Rechte Netzwerke und faschistoides Gedankengut in den Sicherheitsbehörden sowie die Bedrohung durch diese sind allseits bekannt. Die rassistischen Institutionen haben ihre Fratzen offen gezeigt. Natürlich ist dieser Zustand bedrohlich und beunruhigend, wenn auch nicht überraschend. Mut haben uns die Selbstorganisierungen von Opfern und Angehörigen des rechten Terrors gemacht, die sich würdevoll den unerträglichen Zuständen, den Faschos und dem braunen Sumpf der Behörden entgegenstellen. Stellen wir uns an ihre Seite! Auch die anti-rassistischen und anti-kolonialen Kämpfe weltweit haben trotz der allgegenwärtigen Corona-Pandemie wichtige Signale gesendet und Fortschritte gemacht, den Verhältnissen ein Ende zu setzen.

Wir sind voller Vorfreude auf die Straßen zurückzukehren und wieder ohne Mauern, Gitter und Scheiben zwischen uns, Seite an Seite zu kämpfen.

Für die soziale Revolution!
Für die Anarchie!
Freiheit für alle!

Die drei Anarchist*innen,
die im Parkbank-Verfahren verurteilt wurden

Hamburg, November 2020

Veranstaltung zu Kämpfen in Hamburg und ein Brief aus dem Knast

Diesen September haben wir in Marseille eine Diskussion über den Repressionsfall in Hamburg organisiert. Drei Anarchist*innen sind dort angeklagt, brennbare Materialien transportiert und verschiedene Angriffe vorbereitet zu haben. Die Verhaftungen fanden im Juli 2019 statt, seit dem sind zwei von den Angeklagten in Haft, eine dritte Person ist unter Bedingungen freigelassen. Der Prozess begann im Januar 2020 und soll im November 2020 zu Ende gehen (Für weitere Informationen siehe: parkbanksolidarity.blackblogs.org bzw. parkbanksolidarity.noblogs.org).

Die Veranstaltung, die wir organisiert haben, hatte nicht nur zum Ziel Informationen über den Repressionsfall auszutauschen, sondern vielmehr auch den Pfad des Kampfes nachzuzeichnen – die Interventionen, Perspektiven, Projekte und Publikationen mit denen die Gefährt*innen in Hamburg die soziale Konfliktualität im Verlauf der letzten zehn Jahre verschärft haben. Wir haben die drei Gefährt*innen gefragt, ob sie für diese Veranstaltung einen Beitrag schreiben würden, diesen könnt ihr nachstehend lesen.

Einige ungeduldige Anarchist*innen

***

Liebe Gefährt*innen,

wir freuen uns einige Grüße und Gedanken mit euch zu teilen. Wir begrüßen die Initiative, über die Kämpfe und die anarchistischen Interventionen der letzten Jahre in Hamburg zu sprechen. Diese sind uns wichtig und es ist auch der Kontext in welchem wir von Repression getroffen wurden: Wir werden als Anarchist*innen eingesperrt und in einem laufenden Verfahren vor Gericht gebracht.

Hamburg in eine der reichsten Metropolen in Deutschland (mit einer absurden Anzahl an Millionär*innen) und hat eine lange Geschichte sichtbarer sozialer Konflikte und Kämpfe. Mit dem ehemals größten und einem wirtschaftlich wichtigeren industriellen Häfen, ist Hamburgs Reichtum und ökonomische Bedeutung historisch. Wie viele westliche Metropolen, ist sie heute ein touristischer Hotspot und wichtiger Immobilienmarkt. Die Stadtregierung nennt ihr
lukratives Geschäft selbst: “Die Marke Hamburg”.

Mit soviel Ehrlichkeit und einer Tradition stetiger aggressiver kapitalistischer Stadtentwicklung, ist der soziale Krieg hier auf vielfältige Weise sichtbar geworden. Sei es durch Abriss ganzer Wohnblocks und die Zerstörung von Nachbarschaften, die Vertreibung von Drogenkonsument*innen, Sexarbeiter*innen und Obdachlosen von den Straßen, rassistischen Polizeikontrollen gegen People of Colour, explodierenden Mieten … Die Herrschenden haben niemals ein Geheimnis daraus gemacht, für wen die Stadt da ist und wer hier willkommen ist.

Den sozialen Konflikt, auf die sogenannte Gentrifizierung zu reduzieren, heißt zu ignorieren, dass die Autoritäten die Stadt als Labor für (soziale) Kontrolle und s.g. “Sicherheitspolitik” benutzen. Mit einer kreativen Gesetzgebung und einer sich immer weiterentwickelnden Polizeiarmee, sogenannten “Gefahrengebieten”, Öffentlichkeitsfahndung, Polizei-Spitzeln und Sonderkommissionen haben der Staat und seine autoritären Lakaien immer versucht die Stadt in ihrem Interessen zu gestalten. Und dies mit dem Image einer liberalen Sozial-Demokratie.

Als revolutionäre Anarchist*innen, begreifen wir die Stadt nicht als einen neutralen Ort der “zurückgewonnen” werden muss. Die Stadt ist eine Instrument und einer Struktur der Macht, ein Käfig in dem wir leben müssen, in dem jeder Ort ihrer Logik und Ordnung folgend funktionieren soll. Die Projekte und Beziehungen der Subversion, Rebellion und Anarchie die wir erschaffen, funktionieren nicht entlang dieser Logik der Autotrität und Herrschaft. Für sie, sind diese Projekte und Beziehungen blinde Flecken, über die sie keine permanente Kontrolle haben und die zerstört werden müssen.

Wenn wir soziale Konflike getrennt voneinander betrachten, von ihrem Kontext und der Logik der Herrschaft in der sie aufkommen, treten wir in die Falle des Reformismus und der Pazifizierung. Wir reinigen ihre Städte für sie. Die interessantesten Dynamiken und Bewegungen der letzten Jahre, Kontrollverluste für die Autoritäten, waren genau die Momente, in denen
verschiedene laufende Konflikte und Kämpfe sich trafen und zu einem sozialen Konflikt wurden. Bewegungen in denen jene, die sich nicht treffen sollen, getroffen und auf der Straße und in rebellischen Handlungen wiedererkannt haben. Etwa während der lange Nächte voller wilder Demos und direkter Aktionen 2013/2014, während der Kämpfe gegen verschieden Projekte kapitalistischer Stadtentwicklung, rassistischer Polizeikontrollen und selbstorganisierter Kämpfe von Refugees und Immigrant*innen, die in sogenannten “Gefahrengebieten” resultierten (welche am Ende für die Gefahr stehen, die dynamische Momente auf den Straßen für ihre Ordnung bedeuten können). Oder der faktische Kontrollverlust währende der Polizeibelagerung der Stadt, die den OSZE und G20-Gipfel sichern sollte (was nebenbei als Bestrafung für den verletzten Stolz der Autoritäten gelten kann, die daran scheiterten Hamburg an die olympischen Spiele zu verkaufen, und die Stadt zum Gewinner des Kapitalismus zu machen).

Diese Kontrollverluste zeigen die Stärke und die Möglichkeiten die selbstorganisierte soziale Kämpfe haben können. Diese Erfahrungen, sowie viele weitere kleiner Konflikte und eine Kontinuität revolutionärer direkter Aktionen geben denjenigen, die sich nach einem freien Leben ohne jede Herrschaft sehnen, Mut und Vertrauen in Selbstorganisation, Solidarität und direkte Aktion, anstelle dem Schwindel Politik zu verfallen. Seit mehr als 10 Jahren haben informelle Kreise von Anarchist*innen und Antiautoritären in diesem Kontext interveniert, Projekte, Dynamiken und Beziehungen geschaffen. Die Repression, die uns getroffen hat, muss in diesem Kontext als ein kontinuierliches Scheitern der repressiven Kräfte bei dem Versuch gesehen werden, antagonistische Dynamiken zu kontrollieren. Die Repression gegen uns geschieht aus Rache für die Niederlagen der letzten Jahre, die (ihre) Autorität und Macht in Frage gestellt haben.

Wir wissen, dass die Erfahrungen die in Hamburg gemacht wurden, denen von Gefährt*innen an anderen Orten ähneln und wir hoffen, dass es einen interessanten Austausch und Diskussion geben kann. Nach mehr als einem Jahr im Knast, umgeben von Beton, Stahl und Stacheldraht, sozialer Misere und Tod, der von dieser Welt hervorgebracht wird, fühlen wir noch immer die Stärke und die Wärme der Solidarität unserer rebellischen Beziehungen. In diesem Geiste schicken wir eine Umarmung an die Gefährt*innen auf den Straßen, in den Zellen ihrer Gefängnisse und auf der Flucht.

Passt auf euch auf!
Freiheit und Glück!
Anarchist*innen, Hamburg (Deutschland), Juli 2020

[Chile] Der Triumph der Demokratie und der falschen Kritiker*innen

Veröffentlicht am 26.10.2020

Gefunden auf anarquia.info, die Übersetzung ist von panopticon

Während Tausende Chilen*innen den Wahlsieg zur Änderung der Verfassung feiern, führen wir weiterhin Krieg gegen alle Formen der Macht.

Heute feiern der chilenische Staat, die politischen Parteien und die offizielle Presse gemeinsam mit der Bürgerschaft den ekelerregenden Triumph der Demokratie, des institutionellen Weges und der bürgerlichen und republikanischen Kultur, als wäre es der Triumph einer Fussballweltmeisterschaft.Wie werden die „Revoltierenden“, die heute stolze Wähler geworden sind, diesen Widerspruch aufrechterhalten? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen, ist, dass diejenigen, die gestern die „Brutalität“ der Repression anprangerten, heute freundlich an den Wahlurnen empfangen wurden, begleitet von Polizei und Militär.

Was wir auch wissen, ist, dass auf dem frischen Blut des Bürgersteigs, auf dem vor drei Tagen der junge Anibal Villarroel durch Polizeikugeln getötet wurde, heute so idealisierte Menschen tanzen und singen, die von der Demokratie berauchst sind.

Chile gewann, der Staat gewann, die Gesellschaft gewann, und sein Wunsch, unter einem neuen Sozialpakt mit der Herrschaft zu leben, gewann den mehrheitlichen Willen, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu schaffen. Am Ende des Tages, mit mehr oder weniger Barrikaden, siegte dieselbe alte Schrift, die in den Palästen der Macht geschrieben und historisch umgeschrieben wurde, um die Aufstände zu stoppen und die Rebellionen auf institutionelle und parteiische Wege umzulenken.

Und die Macht lacht, lacht und lacht. Sie lacht, weil Institutionen gültig gemacht werden. Sie lacht, weil sie nun „bewusstere“ und demokratischere Bürger*innen zur Verfügung haben wird, die freiwillig mithelfen werden, auf die Störrischen, die Entgegengesetzten, die Aufständischen, die „Verrückten“, die „Gewalttätigen“ hinzuweisen, die sich voller widerlicher Höflichkeit in ihre Veränderungsprozesse einmischen. Die Macht lacht, weil sie weiß, dass selbst mit schuldiger Hoffnung einige der selbsternannten Anarchist*innen an die Urnen gingen, um sich offiziell dem Feind zu ergeben, ihren Ideen abzuschwören, in ihren Überzeugungen zu kapitulieren, die so flüssig und flüchtig sind wie die Erinnerung an das so romantisierte „Volk“.

Wir, die stolze Minderheit der Aufrührer, führen weiterhin Krieg gegen die Macht, ohne Verwirrung zu stiften, indem wir uns im Chaos vervielfältigen und stärken.

Weil unsere Revolte nicht am 18. Oktober begonnen hat und nicht mit einer ekelhaften Volksabstimmung enden wird.

TOD DEM ZUSTAND UND DEM KARNEVAL DER DEMOKRATIE.
DIE ANARCHIE LEBT IN DEM STÄNDIGEN ANGRIFF AUF DIE HERRSCHAFT.
DURCH DEN PERMANENTEN AUFSTAND OHNE ANFÜHRER ODER FÜHRUNG,
MIT UNSEREN TOTEN IN UNSERER ERINNERUNG UND UNSEREN GEFANGENEN IN UNSEREN KÄMPFEN,
WIR BEFINDEN UNS IMMER NOCH IM KRIEG MIT ALLEN FORMEN DER MACHT.

Anárquicxs no pacificadxs del sur de Abya Yala ($hile).
26. Oktober 2020.

[Frankfurt] Steine, Flaschen und Eier für das Bullenpack

Ein bisschen nervös scheint die Polizei in deutschen Innenstädten ja schon zu sein. Wo immer versucht werden soll, Menschenansammlungen durch Präsenz zu unterbinden, da kann es schließlich auch zu Zusammenstößen kommen, zwischen Polizei und jenen Menschen, die eben nicht einfach gehen wollen, jenen, die vielleicht nicht nur, aber immerhin ganz besonders in den letzten Monaten von den Bullen schikaniert wurden.

Und ab und an bricht sich all die angestaute Wut, all der Hass auf die Cops dann eben auch Bahn. So dieses Wochenende wieder einmal in Frankfurt, wo die Bullenschweine bei einer Kontrolle von umstehenden mit Steinen, Flaschen und angeblich auch Eiern beworfen worden sind.

„Für mich ist es unerträglich, wenn sich Personen gegen die Polizei spontan zusammenrotten.“ Kommentierte der Frankfurter Polizeipräsident diese Auseinandersetzung.

Und wo nun der neuerliche Lockdown ohnehin jede Zusammenrottung früher oder später zu einer Zusammenrottung gegen die patroullierende Polizei macht, nichts wie raus auf die Straßen. Machen wir den Cops ihr Leben unerträglich!

[Nigeria] Gefängnisausbrüche, niedergebrannte Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken …

Infolge der Aufstände, die mit der Forderung nach Abschaffung der berüchtigten Special Anti-Robbery Squad (SARS) (dt. etwa Spezialeinsatzkommando für Raubüberfälle; Anm. d. Übers.) Polizeikräfte in Nigeria begann, haben Revolutionär*innen Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken überall im Land niedergebrannt. Revolutionär*innen haben außerdem in den Staaten Ondo und Delta Aktionen durchgeführt, die es Gefangenen ermöglichten zu fliehen.

Am Mittwoch wurde außerdem das Oberste Gericht auf Lagos Island [1] in Brand gesetzt.

Ein großer nigerianischer Fernsehsender mit Beziehungen zu einem Mitglied der regierenden Partei wurde ebenfalls niedergebrannt, während der Palast des ältesten traditionellen Anführers von Lagos geplündert wurde.

Militante widersetzen sich der Ausgangssperre, greifen Banken und das Rathaus von Aba an

Trotz einer 24-Stunden-Ausgangssperre, die von der Staatsregierung von Aba verordnet wurde, setzten Militante der EndSARS-Bewegung am Mittwoch das Rathaus von Aba in Brand, in dem das Sekretariat des Regierungsdistrikts Aba South sitzt.

Vor dem Eintreffen der Protestierenden waren die Beamten der Nigerianischen Sicherheits und Bürgerwehr (NSCDC), einer paramilitärischen Gruppe geflohen.

Militante haben außerdem drei First Generation Banken und ein Einkaufszentrum im Stadtbereich um die Etche-Straße angegriffen.

Die Revolutionär*innen hatten bereits am Dienstag die Polizeiwache der Dragons Squad gestürmt und zwei Polizist*innen der Einrichtung getötet. Zuvor hatten sie die Polizeiwache von Eziama an der Aba-Ikot Ekpene Straße angegriffen.

Die Protestierenden widersetzten sich einer 24 stündigen Ausgangssperre und zogen durch den zentralen Asa-Aba Motor Park von wo sie die Tore zum Rathaus von Aba aufbrachen und es in Brand steckten. Selbst mehrere von der Polizei errichtete Straßensperren um zentrale Straßen in der Stadt, die von Soldat*innen geschützt wurden, konnten die Militanten nicht davon abhalten, öffentliche Gebäude abzufackeln. Die Verkehrskontrollposten der Polizei wurden in den meisten Gebieten der Stadt zerstört.

Zwei Polizeiwachen, die von Ekeaba und Kpiri Kpiri wurden am Dienstag von Revolutionär*innen in Abakaliki, der Hauptstadt von des Staates Ebonyi niedergebrannt.

Über 600 Militante zogen von einem Ort zum Nächsten und sangen dabei Kriegslieder.

Die in den Wachen stationierten Polizist*innen waren aus Angst vor Angriffen geflohen, als sie sie näherkommen hörten.

Unter anderem setzten die Militanten den Hauptsitz des Fernsehsenders Television Continental (TVC), der Lagos Concession Company (LCC) in Lekki, den Lagos BRT Kopfbahnhof in Oyingbo und das Unternehmenshauptquartier der Nigerianischen Hafenaufsicht (NPA), sowie den Palast des Obas (eine Art König, Anm. d. Übers.) von Lagos, HRH Rilwan Akioulu II in Brand.

Polizeiwache von Igando niedergebrannt, Polizist getötet

In Lagos griffen Revolutionär*innen die Polizeiwache von Igando an, brannten sie nieder und töteten einen Polizisten. Ein anderer Polizist, von dem gesagt wurde, dass er der Leiter der Wache sei, wurde zu Brei geschlagen und zum sterben zurückgelassen. Sowohl die Polizeiwachen von Makinde und Ajah, als auch das Gebäude der Regionalentwicklungsbehörde von Ejigbo wurden ebenfalls angegriffen. Die Angriffe waren die Rache für die Ermordung von 12 Protestierenden durch Sicherheitspersonal in der Nacht des Dienstags an der Mautschranke von Lekki.

Der Leiter der Wache wurde mit Holzplanken angegriffen. Eines der Schweine, das auf die Revolutionär*innen schoss, wurde von den Militanten zu Boden geworfen und zu Tode geprügelt. Andere Polizist*innen flohen. Daraufhin stürmten die Kämpfer*innen die Wache und trugen Elektronik und andere Wertgegenstände heraus.

Polizeiwache von Makinde angegriffen

Als die Revolutionär*innen die Division von Makinde angriffen, schlugen sie die Polizist*innen in die Flucht. Schnell stellten sie fest, dass Verstärkungsanforderungen bei anderen Polizeiwachen unbeantwortet blieben, während die militanten Jugendlichen sich auf einige der Polizisten stürzten, in die Wache eindrangen und ihrer Waffen und Uniformen plünderten. Drei Banken der neuen Generation wurden von den Militanten ebenfalls angegriffen.

In Imo wird sich der Ausgangssperre widersetzt und Polizeiwachen niedergebrannt

Im Staat Imo brannten einige Pro-EndSARs Protestierende am Mittwoch einige Polizeiwachen nieder; trotz einer von der Staatsregierung verordneten 24-stündigen Ausgangssperre. Die betroffenen Polizeiwachen umfassen die Polizeiwachen von Nworieubi im Regierungsbezirk Mbaitoli die Polizeiwache der Bezirkspolizei von Orji im Regierungsbezirk Owerri North, sowie im Njaba lokalen Verwaltungsbezirk. Auch die Bezirkspolizeiwache von Umuguma im Regierungsbezirk Owerri West und andere Polizeiwachen wurden von den Protestierenden angegriffen.

Ondo: APC, PDP Büros und SARS Büro niedergebrannt und ein Gefängnisausbruch

In Akure im Staat Ondo drangen Revolutionär*innen in das Sekretariat der Demokratischen Volkspartei PDP ein und setzten sie in Brand. Das passierte nur Stunden nachdem das Sekretariat der regierenden All Progressive Congress-Partei APC des Staates Ondo ebenfalls zerstört worden war. Auch zwei Fahrzeuge wurden von den Militanten in Brand gesteckt. Das Büro der Special Anti-Robbery Squad SARS in der Hauptstadt ebenfalls niedergebrannt. Das PDP Staatssekretariat in Alagbaka in der Metropole von Akure wurde von nicht weniger als 50 Militanten in Brand gesteckt.

Am Donnerstag brachen Militante in das Okitipupa Gefängnis im Staat Ondo ein und befreiten die Gefangenen.

Nicht weniger als 58 Gefangene wurden während des Angriffs befreit.

Ein Fahrzeug wurde abgebrannt und mehrere Gegenstände wurden während des Angriffs zerstört.

Es wird berichtet, dass Protestierende um den Kings Square a, 19. Oktober in der Stadt Benin, der Hauptstadt des Staates Edo die Mauern des Hauptgebäudes des Nigerianischen Staatsgefängnisses eingrissen hätten.

Gefängnisausbruch im Okere Gefängnis in Warri im Staat Delta

In der Strafanstalt von Warri wurde von einem Gefängnisausbruch berichtet, als Revolutionär*innen das Gebäude stürmten und zahlreiche Gefangene aus der Einrichtung entkamen.

Der Angriff der Militanten gab den Gefangenen die Gelegenheit den Gefängniszaun niederzureißen und in die Freiheit zu entkommen.

Ein Teil des Gefändnisses, in dem die Akten der Gefangenen aufbewahrt werden, wurde von den rebellierenden Gefangenen niedergebrannt.

Der äußere Teil des Gefängnisgebäudes wurde von den Militanten ebenfalls in Brand gesteckt.

Revolutionär*innen in Nigeria werden mit großem Mut gegen die Unterdrückungskräfte tätig. Bewaffneter Kampf, der auf die Polizeikräfte abzielt und Handlungen, die es Gefangenen erlauben, in die Freiheit zu entfliehen sind inspirierend für Kämpfe auf der ganzen Welt. Anarchist*innen und Abolitionist*innen sollten ihre internationale Solidarität mit den Aufständen in Nigeria durch Direkte Aktionen zeigen.

Anmerkungen

[1] Lagos Island ist die Hauptinsel von Lagos, der größten Stadt Nigerias. Auf ihr befinden sich die meisten Regierungsgebäude, sowie der Palast des traditionellen Königs von Lagos.

 

Übersetzung eines englischen Berichts bei AMW English vom 23. Oktober 2020.