Category Archives: Allgemein

Hände hoch und Hände weg von unseren Gefährten!

Wenn uns die notwendigen Mittel zum leben und kämpfen fehlen, gibt es nur wenige Möglichkeiten darauf zu reagieren. Wir werden dazu erzogen, das Gesetz zu achten und den Zufall der Geburt als Schicksal an zu erkennen und uns ihm zu unterwerfen. Das heißt: eine zur Verfügung stehende Option ist das Abfinden mit der Scheiße in die wir geboren werden und die die ältere Generation uns vorbereitet hat. Dieses Abfinden ist auch Teil der zweiten Möglichkeit, nämlich des verbitterten und Arbeitens und Erringens von kleinen materiellen Verbesserungen, die die schönen Früchte unseres Strebens/Sterbens sein sollen. Ein Leben für die Arbeit.
Die dritte Möglichkeit – und das ist die einzige tatsächliche Entscheidung, die wir hier treffen können, weil alles andere uns regelrecht nur zustößt – ist die Enteignung. Also der Diebstahl, der Raub, das Besetzen und Schwänzen, die Weigerung und das aktive Aufbegehren gegen die Erwartungen und Gesetzmäßigkeiten wie ein Leben im Idealfall auszusehen hat.

Zum leben und kämpfen benötigen anarchistische Projekte und Anarchisten Geld und die naheliegenste Art sich dieses Geld zu besorgen ist, diejenigen zu überfallen, die es haben und mitverantwortlich für die Misere sind, in der alle Ausgebeuteten und Entrechteten stecken.

Am Mittwoch den 12.06.2019 wurden in Thessaloniki (Griechenland) drei Anarchist/Innen verhaftet, als sie nach einem Überfall auf einen Geldtransporter in ihr Fluchtauto stiegen. Die Geschichte der Banken und des Geldes sind voll von gewaltsamen Brüchen und Versuchen, sich an denen vorbei, die von unserem Elend profitieren, sich die Mittel anzueigenen, die die Ausgebeuteten wie wir benötigen. Nicht selten waren es auch Anarchisten und Anarchistinnen, die solche Schritte unternahmen. Selbst in jüngster Zeit – und das sind nur die Beispiele von denen wir wissen – gab es leider immer wieder Verhaftete und vom Staat Entführte, für die Banken keine heiligen Tempel sind, sondern Orte, die danach rufen entweiht zu werden. Hier gehen Grüße und Kraft an Lisa, die gerade eine lange Haftstrafe, wegen einem Bankraub in Aachen absitzen muss.

Kraft und Solidarität an die in Thessaloniki Verhafteten. Freiheit für Dimitra, Giannis, Kostas!

Und eine dicke Umarmung an den Anarchisten, der es diesen Monat geschafft hat aus einem Gefängnis in Griechenland zu fliehen. Auf dass sie ihn nie wieder in ihre Klauen kriegen.

Überfallen wir das Bestehende! Freiheit für Alle!

Plakat zu Zivibullen in München aufgetaucht

Vergangene Woche ist in München ein Plakat mit Fotos von Zivilpolizist*innen, die sich den Macher*innen zufolge häufig am Rande von Demos und bei anderen Veranstaltungen bewegen aufgetaucht. Unter dem Titel „Know your Enemy“ und dem Motto „Niemand muss Bulle sein“ werben die Macher*innen dafür, dieses Plakat zu verbreiten.

Quelle: Indymedia

Keine Gewalt ist auch keine Lösung

Es scheint eine nie enden wollende Debatte zu sein: Die Frage nach der Legitimation von Gewalt. Das charakteristische an dieser Debatte: Einen Begriff von Gewalt, scheint kaum eine*r, die*der so eifrig an der Debatte teilnimmt zu haben. Insbesondere diejenigen, die Gewaltfreiheit von emanzipatorischen Bewegungen einfordern zu dürfen glauben, schweigen so oft von der Gewalt, in deren Folge diese Bewegungen überhaupt entstehen, ja erkennen diese in so vielen Fällen nicht einmal als Gewalt an.

Der folgende Artikel versteht sich als eine Antwort auf derartige Positionen. Er soll gerade keine differenzierte, moralische Betrachtung der Gewaltfrage leisten, sondern ist vielmehr ein Plädoyer dafür, die verstaubten und herrschaftsaffirmativen Moralkataloge unserer Gesellschaft endgültig über Bord zu werden. Ich möchte damit Gewalt nicht verherrlichen oder fetischisieren, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, dass wir in einer Welt voller Gewalt leben, in der wir ständig freiwillig und unfreiwillig gewaltsam handeln und behandelt werden. Erst die Akzeptanz dieser Tatsache jenseits einer moralischen Bewertung ermöglicht uns eine Reflexion über diese Zustände.

„Gewalt ist keine Lösung“, dieses Dogma bekommen wir seit unserer Kindheit von Erltern, Lehrer*innen, von Medien, von Repressionsbehörden, usw. eingetrichtert. Als Gewalt gilt dabei nicht nur körperliche Gewalt gegen Individuen, sondern auch „Gewalt gegen Sachen“. In aller Regel nicht als Gewalt – oder zumindest nur eingeschränkt – gilt dagegen psychische und verbale Gewalt, die Gewalt der Lohnarbeit oder gar die Gewalt des Staates zur Durchsetzung seiner Interessen. Um diese zum Teil so offensichtliche Gewalt zu kaschieren, hat unsere Gesellschaft eine beeindruckende Reihe von Euphemismen geschaffen: „Unmittelbarer Zwang“ steht etwa dafür, dass Bullen einem ins Gesicht schlagen oder Schmerzgriffe anwenden, um dich zu zwingen, zu tun was sie von dir wollen, „Rückführung“ steht dafür, dass eine Horde bewaffneter Bull*innen in deine Unterkunft eindringt, dich gegen deinen Willen entführt und in ein anderes Land verschleppt, „Untersuchungshaft“ steht dafür, dass Bull*innen dich einsperren, jeden Kontakt zur Außenwelt überwachen, weil sie der Ansicht sind, du könntest gegen das Gesetz verstoßen haben. Ist es dennoch einmal unvermeidlich, bei den Schikanen des Staates von Gewalt zu sprechen, heißt es lapidar, der Staat hätte eben ein „Gewaltmonopol“, er dürfe das also und das Ganze diene dem guten Zweck.

Ebenfalls vom gängigen Gewaltbegriff der Gesellschaft nicht erfasst sind die zahlreichen Diskriminierungen, die Menschen in Form von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Klassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, u.v.m. erleiden. Diese Diskriminierungen haben zum Teil immensen Einfluss auf das Leben Betroffener; sie verhindern die selbstbestimmte Entfaltung betroffener Individuen. Trotzdem gelten sie nicht als Gewalt.

Wer sich jedoch mit Gewalt diesen Diskriminierungen, der Gewalt des Staates, der Gewalt der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse widersetzt, der*die muss mit moralischen Anfeindungen, Kriminalisierung und Repression rechnen. Die Kritik an einer solchen Gewalt stammt dabei vor allem von einem Kreis privilegierter Menschen, die über die Anwendung von Gewalt selbstverständlich erhaben sind. Wozu sollten sie auch Gewalt – nach ihrem Begriffsverständnis – anwenden? Ihre Interessen werden durch den Staat geschützt, Diskriminierungen erfahren sie keine und mit ihrem Leben sind sie mehr oder weniger zufrieden – zumindest reden sie sich das gerne selbst ein. Wer Gewalt anwendet, delegitimiert sich in ihren Augen. Schön für sie.

Aber allzu häufig übernehmen auch wir anderen diese Argumentationsweise. Wir richten uns dabei nach Moralkatalogen, aufgestellt von Religionen, Philosoph*innen, Politiker*innen. Kurz: Von denjenigen, oder im Auftrag für diejenigen, die mit am meisten von diesen Moralvorstellungen profitieren. Dabei neigen auch wir dazu, die Gewalt, die wir täglich selbst erfahren oder beobachten müssen, in unserer Betrachtungsweise außen vor zu lassen, denn ansonsten müssten wir auch unsere Moralvorstellungen über Bord werfen.

Befreien wir uns also von dem Dogma der Gewaltfreiheit und richten wir unser Handeln stattdessen nach unseren eigenen Ansprüchen: Nach dem Anspruch auf ein Leben frei von Herrschaft.

Gewalt kann sowohl Herrschaftsverhältnisse schaffen, als auch zerschlagen. Ich für meinen Teil kann an der Zerschlagung von Herrschaftsverhältnissen und der damit einhergehenden Befreiung von Menschen nichts negatives finden.

Eine Stimmung wie auf einer Beerdigung

Eigentlich wollte ich das nicht mehr tun: Auf eine Demonstration wie diese gehen; auf eine Demonstration, auf der sich Angehörige verschiedener politischer Parteien und anderen Organisationen des demokratischen Prozesses gemeinsam mit pseudo-radikalen Autoritärkommunist*innen selbst feiern. Aber ich tat es doch. Als stille*r Beobachter*in wohnte ich vergangenen Samstag der „#mietenwahnsinn“-Demonstration in München bei.

Deutschlandweit gab es an diesem Tag Proteste gegen Verdrängung und immer weiter steigende Mieten. In Berlin waren an diesem Tag rund 30.000 Menschen auf der Straße, es gab eine Demo und eine Hausbesetzung. Zuvor hatte es eine Aktionswoche zum Thema gegeben, mit zahlreichen Veranstaltungen und vielen direkten Aktionen. In München waren es eher überschaubar viele Menschen im mittleren bis oberen dreistelligen Bereich. Eigentlich halte ich wenig davon, die Qualität eines Protestes an der Teilnehmer*innenzahl zu bemessen, das widerspricht vielen meiner Vorstellungen, aber speziell dieser Protest macht es einer*m schwer, an etwas anderem bemessen zu werden. Und immerhin: Nicht ich bin es, die*der die Größe des Protests als Maßstab ins Spiel bringt, die Veranstalter*innen selbst betonten das immer wieder. Wiederholt schallte es aus den Lautsprechern: „Wir sind mehr!“

Hauptattraktion der Kundgebung in München war eine mit Kirchenglocken und Trauermarschmusik inszenierte Beerdigung. Eine als „Münchner Kindl“ verkleidete Person wurde von sechs Personen in Anzügen und mit gegelten Haaren zur Bühne getragen und dort aufgebahrt. Dort zündeten sich die Träger (zumindest dem Augenschein nach handelte es sich dabei ausschließlich um Männer, während das „Münchner Kindl“, die ohnehin schon objektifizierteste Person des Spektakels eine gelesene Frau war – sicher nur ein Fauxpass der Veranstalter*innen …) Zigarren an, ließen den Korken einer Sektflasche knallen und feierten den Tod des „Münchner Kindls“. Als sei diese Darbietung nicht schon skurril genug und als hätten die Verantwortlichen Zweifel daran, dass bei all den von ihnen zur Schau getragenen Klischees irgendein*e Zuschauer*in nicht verstanden hätte, dass es hier um eine (antisemitische) Personifizierung der Immobilienbranche ging, trugen die Sargträger weiße Schärpen, auf denen die Namen von Immobilienkonzernen standen.

Begleitet wurde dieses Spektakel schließlich von einer Grabrede, in der die dargestellten Konzerne den Tod des „Münchner Kindls“ feierten. In der Menge der Demonstrationsteilnehmer*innen versuchten einige – deutlich, wenngleich wohl eher unfreiwillig als „Animateur*innen“ erkennbare Personen, die Menge gegen die Personen auf der Bühne aufzustacheln. Das gelang ihnen teilweise. Zwar kommentierte die Menge die Aussagen des Redners brav mit Buh-Rufen, als dann aber ein – sichtlich unspotan gebildeter – Mob – oder sagen wir besser ein Möbchen – die Bühne stürmte und die dort befindlichen Personen von dort vertrieb, wollte sich dem kaum eine Person aus dem Publikum anschließen.

Warum berichte ich überhaupt von einer solchen Aktion? Ich habe den Eindruck, dass Wohnraumpolitik derzeit ein Thema ist, das in ganz Deutschland an Bedeutung gewinnt. Überall gehen Menschen gegen Verdrängung und steigende Mietpreise auf die Straße, teilweise werden gar Forderungen nach Enteignung laut – so auch in München. Jedenfalls scheint das Thema die Menschen zu beschäftigen – immerhin betrifft es sie ja auch. Doch die Kritik, die im Rahmen von Protesten wie dem oben beschriebenen zunehmend stärker zu etablieren scheint, halte ich für eine problematische. Einerseits werden Immobilienunternehmen oft verantwortlich gemacht, ohne dass Eigentumsverhältnisse und das Tauschprinzip – sprich kapitalistische Verhältnisse im allgemeinen – kritisiert werden. Ich möchte Immobilienunternehmen hier nicht in Schutz nehmen, im Gegenteil, ich glaube nur, dass eine Kritik an ihnen ohne eine Kritik der kapitalistischen Verhältnisse konservativ und reaktionär ist. Für ebenso konservativ halte ich ein anderes gängiges Argumentationsmuster, bei dem Verdrängung mit dem Argument begegnet wird, betroffene Personen würden schon seit Jahrzehnten dort wohnen. Bedeutet das in der Konsequenz nicht, dass Menschen, die weniger lange irgendwo wohnen oder gerade erst dort hinziehen dann weniger Recht haben, dort zu wohnen?

Ich würde mir wünschen, dass die gerade entstehende Bewegung rund um Verdrängung, steigende Mieten und Gentrifizierung sich kritischer mit verkürzten Formen der Kritik auseinandersetzen würde. Aber vielleicht muss dazu auch mehr interveniert werden.

Die Lifestyleanarchist*in Vol. 03 – Call for Papers

Im Sommer 2019 soll die Lifestyleanarchist*in zum dritten Mal erscheinen.

In der dritten Ausgabe wollen wir uns schwerpunktmäßig mit dem Thema Arbeit und Faulheit auseinandersetzen:

In jeder Gesellschaft fallen Arbeiten an, die zur Befriedigung individueller und kollektiver Bedürfnisse erforderlich sind. Diese Arbeiten werden in aller Regel arbeitsteilig – wobei die Verteilung in aller Regel geprägt von den Hierarchien der Gesellschaft ist – von den Mitgliedern der Gesellschaft erledigt, wobei viele Gesellschaften einen Teil ihrer Arbeiten auch von menschlichen wie nichtmenschlichen Individuen, die nicht (vollwertiger) Teil der Gesellschaft sind, erledigen lassen. Die Verteilung der zum Erhalt einer Gesellschaft erforderlichen Arbeiten und auch deren Definition war in vergangenen Epochen ebenso wie heute ein bedeutendes Herrschaftsinstrument. Menschen wurden und werden – mal mehr subtil, mal weniger – dazu gezwungen, ihre Arbeitskraft in die Dienste anderer Menschen zu stellen, die dann über den damit erzeugten Mehrwert verfügen. Insofern ähneln sich ansonsten ganz und gar unterschiedliche Unterdrückungsmodelle im Zusammenhang mit Arbeit, von Sklaverei und Lehnsherrschaft über frühe Fabrikarbeit, Arbeitslager bis zu moderner Knastarbeit, Zeitarbeit oder auch sogenannter „freier Mitarbeit“.

Dabei sind es keineswegs ausschließlich materielle (ökonomische) Zwänge, die die Menschen dazu verleiten, Teil dieses Systems zu sein. Gerade in modernen Gesellschaften, in denen der Zwang zur Arbeit deutlich subtiler ausfällt, als noch vor einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten, kommt den verbreiteten Arbeitsideologien eine zunehmend bedeutendere Rolle zu. Diese dienen unter anderem dazu, Mitglieder der Gesellschaft, die sich der Arbeit (scheinbar) verweigern, zu stigmatisieren, sie sollen Hoffnung auf Besserung des eigenen Lebens durch Arbeit (reich werden) machen und sie werten bestimmte Arbeiten, vornehmlich reproduktive, ab und bürden diese bestimmten Mitgliedern der Gesellschaft (z.B. Frauen) auf, die diese in der Konsequenz nicht nur ohne Entlohnung verrichten, sondern dafür auch noch eine gesellschaftliche Abwertung erfahren.

Nicht nur, aber ganz besonders in Deutschland herrscht seit einiger Zeit eine ganz besonders absurde Arbeitsideologie. Diejenigen, deren Arbeitskraft in verhältnismäßig großem Maße ausgebeutet wird, fordern nicht etwa ein Ende dieser Ausbeutung, nein sie fordern noch mehr! „Sozial ist, was arbeit schafft“ (CDU/CSU, FDP, INSM), „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (Müntefering, SPD) sind inzwischen gängige politische Parolen der Mehrheitsgesellschaft. Kein Wunder, dass mensch sich da davor ängstigt, dass „Ausländer“ einem die „Arbeitsplätze klauen“.

Trotz der offensichtlichen Existenz einer solchen, von der gesamten Mehrheitsgesellschaft getragenen, Arbeitsideologie verklären auch viele linken Kritiken an Arbeit und Kapitalismus im Allgemeinen die Verhältnisse: Auf der Suche nach klaren Feindbildern müssen entweder einige unbestimmte „Kapitalist*innen“ oder gar das (personifizierte oder auch nicht personifizierte) „Kapital“ als Verursacher*innen herhalten, manchmal sind es gar ganz bestimmte Berufsgruppen – etwa Banker und Manager –, die als Sündenböcke herhalten sollen. Gerade letzteres erinnert – ob gewollt oder ungewollt – an die Federsche Unterscheidung von „schaffendem“ und „raffendem Kapital“ und bedient nicht selten auch andere klassische antisemitische Klischees.

Wir wollen in der kommenden Ausgabe der Lifestyleanarchist*in nach anarchistischen Analysen von Arbeitsideologien und deren Rolle im kapitalistischen System suchen. Dabei wollen wir uns nicht auf ein statisches und aus der Zeit gefallenes Herrscher*innen-Beherrschte-Schema beschränken, sondern versuchen, der hohen Komplexität der (heutigen) Verhältnisse Rechnung zu tragen. Zugleich möchten wir natürlich auch nach Ansätzen suchen, adäquaten Widerstand zu leisten: Wie lassen sich gängige Arbeitsideologien aufbrechen? Wie können wir den Ablauf der Produktivität stören und welchen Erfolg können wir uns davon versprechen?

Wir sind gespannt auf eure Beiträge zu diesem Thema.

Wie immer freuen wir uns aber auch über alle anderen anarchistischen Beiträge. Schickt sie uns per E-Mail an die-lifestyle-anarchistin@riseup.net (vorzugsweise verschlüsselt – PGP Key) oder nutzt unser Kontaktformular.

Einsendeschluss für Beiträge der dritten Ausgabe ist der 26. Mai 2019.

42,2% Mehr …

… Widerstand leisteten (radikale) Linke in München im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr. Das geht aus der von den Bull*innen veröffentlichten „Kriminalitätsstatistik“ hervor. Die Zahl der von den Bull*innen erfassten Straftaten aus dem „Phänomenbereich“ „politisch motivierte Kriminalität – Links“ zählt 593 Delikte. Natürlich sagt das nichts konkretes über das Engagement der radikalen Linken in München aus, aber erfreulich ist es trotzdem, dass diese Zahl wieder so deutlich steigt.

Übrigens macht sich auch die Solidarität mit YPG und YPJ zahlenmäßig bemerkbar: Die entsprechende Zahl stieg um 189,3%.

Wenn die Räder der Herrschaft still stehen …

Komplizenschaft und Solidarität mit den vor kurzem vom Staat entführten anarchistischen Gefährt*innen in der Schweiz und Italien

Zürich, 29 Januar 2019: Ein Gefährte wird in seiner Wohnung verhaftet. Ein weiterer Gefährte ist auf der Flucht. Vorwürfe: Brandanschlag auf mehrere Fahrzeuge der schweizer Armee im September 2015. Brandanschlag auf die Funkstation Waidberg der Stadtpolizei Zürich am 10. Juli 2016. Plakate und ein Zettel im Schaufenster in der anarchistischen Bibliothek Fermento, in denen dazu aufgerufen werde, „Sachbeschädigungen und Gewalt gegen Firmen und Personen zu verüben, die am Ausbau des Gefängnisses Bässlergut in Basel und am Bau des PJZ in Zürich beteiligt sind.“

Turin, 07 Februar 2019: Das besetzte Haus „Asilo Occupato“ wird durch die Operation „Scintilla“ geräumt. Es gibt 7 offene Haftbefehle gegen einige Hausbewohner*innen, die verhaftet werden. Die Vorwürfe: Bildung einer subversiven Vereinigung; Anstiftung zu Verbrechen; Besitz, Herstellung und Beförderung von Sprengkörpern an einen öffentlichen Ort.

Trient, 19 Februar 2019: Operation „Renata“. 50 Hausdurchsuchungen von den ROS (italienisches SEK) und Digos (Verfassungschutz) in verschiedenen Wohnungen. 7 Gefährt*innen werden verhaftet. Der Vorwurf: Bildung einer subversiven und terroristischen Vereinigung zum Umsturz der demokratischen Ordnung (Artikel 270bis) und terroristische Anschläge (Artikel 280)

Es gibt Momente, da bricht der reibungslose Ablauf der Alltäglichkeit einfach zusammen. Manchmal ist niemand für diese Unterbrechung bewusst verantwortlich, dann ist es der Zufall, der den Saft abdreht. So hat zuletzt ein vielleicht unachtsamer Bauarbeiter ganz Köpenick lahm gelegt. Ein „unachtsamer Moment“ oder bewusste Sabotage und der ganze kapitalistische Wahnsinn steht still! Die alltägliche kapitalistische Ausbeutung und Entfremdung funktioniert durch die Infrastruktur – von Stromleitungen über Straßen, Flughäfen und Bahnschienen, bishin zum technologischen Netz. Diese „Adern der Macht“, ob Stromkästen, Glasfaserkabel, Funkmasten…sind angreifbar. Es ist daher kein Wunder, dass die Unversehrtheit dieser Infrastrukturen und ihren sensiblen Stellen eine große Priorität für all jene hat, die von der bestehenden Herrschaft profitieren. All jene, die jeglicher Herrschaft feindlich gegenüberstehen, suchen nach Lücken der Überwachung der Infrastruktur. Mit Entschlossenheit und einem rasendem Herz werden Kabel in Brand gesetzt, die Abschiebemaschinerie und ihre Verantwortlichen angegriffen, faschistische Parteibüros dynamitiert, Antennen unbrauchbar gemacht, Kriegsgerät abgefackelt…dies sind nur einige Beispiele von einem weit größeren Repertoire des Direkten Angriffs gegen die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen, Tiere und der Erde.

Das Diktat von Staat und Kapital bestimmt bis in die intimsten Sphären unser Leben. Eine Funkstille dieser Fremdbestimmung ermöglicht es u.a. einen kurzen Moment selbstbestimmt zu leben, Freiheit zu Atmen, sich eigene Gedanken zu machen, Selbstbestimmt seine Zeit einzuteilen. Jedoch sieht man, wieweit die Entfremdung besteht, wenn von einer Großzahl der Menschen diese Unterbrechungen als Last betrachtet werden. Vielleicht aber wäre die nächste absichtliche oder zufällige Unterbrechung auch eine Gelegenheit, die „freie Zeit“ zu nutzen, um der Frage nach zu gehen wie ein Leben jenseits der kapitalistischen Hektitk aussehen könnte.

Die moralisierende Frage der Gewaltausübung soll keinen Einfluss haben auf die Entscheidung zu Handeln oder nicht. Denn diese Moral ist in ihrem Kern Teil der Herrschaft – die Erziehung zu einem „mündigen“ und apathischen Urnengänger. Das bürgerliche Verständnis von Gewalt entblößt sich im Angesicht der demokratischen Doppelmoral bezüglich der Gewalt im Krieg, in Knästen, vor den Grenzen Europas. So kann ein Akt der Revolte ein lodernder Funkmast sein, der für eine kurze Weile für Stille sorgt, sowie auch langfristige alternative Projekte, um selbstorganisiert Nahrung zu produzieren. Diese Akte der Revolte können und sollten die Autorität in Frage stellen. Die „natürliche“ Antwort des Staates ist fast immer die Gleiche: Repression und Einschüchterung. So ist es plausibel, dass die Menschen, die Handeln um den Staat und die kapitalistische Systematik langfristig zerstören wollen, nicht nur als Staatsfeinde deklariert werden, sondern noch mehr, als Terrorist*innen. Es ist der Staatsjargon, der dazu anzetteln soll, sich eben von solchen „Verräter*innen der Demokratie“ abzuwenden, denn sie sollen das absolut Böse verkörpern. Es ist die moderne Ketzerei, die Häretiker konstruieren muss. Zynischerweise braucht und sucht die bestehende Herrschaft nach solchen „Extremfällen“, um die eigene Macht, Gewalt und Existenz zu rechtfertigen und zu festigen, und gerade, um von den bestehenden sozialen Konflikte in der Gesellschaft abzulenken. Das schlimmste Szenario wäre, sich von solchen Anschuldigungen beeindrucken zu lassen und dieser Provokation zu verfallen. Dann würde man sich auf die Ebene des Anklägers stellen und sich in Rechtfertigungen verlieren.

Eine solidarische Bewegung kann ihre Solidarität auf mehrere Arten zeigen. Interessant wird es dabei vor allem, wenn wir uns nicht auf finanzielle Aktionen beschränken, sondern die Solidarität damit „zeigen“ in dem wir weiter die Ideen in Taten umsetzen. Es ist der Saat, der uns mit der Bezeichnung „Terrorist“ brandmarken und verteufeln will. Somit versucht er die Bewegung zu polarisieren zwischen Guten und Bösen Anarchist*innen, Rebell*innen, Dissident*innen, was auch immer, zu unterscheiden, um einer potenzielle Subversion entgegen zu wirken.

Denn die soziale Isolation oder Unverständlichkeit der anarchistischen Propaganda hemmt die Möglichkeit eines sozialen Aufstandes. Was wäre, wenn die staatliche Brandmarkung von Kriminellen zu Terrorist*innen,keine Rolle spielen würde? Denn kriminell sind jene, die nicht nach den ökonomischen Spielregeln des demokratischen Staates spielen. Und die gegenwärtige Benutzung des Terrors bezieht sich für den Staat auf Menschen, die ihm offensiv und feindlich gegenüberstehen. Der Grund für die Feindlichkeit dafür kann sehr unterschiedlich sein, von z.B. politischen über religiöse Motive. Aus diesem Grund geht es für uns nicht darum, sich auf ein rhetorisches Spiel des Staates einzulassen und auch nicht darum, dessen konstruierte Kategorien von Schuld und Schuld anzuerkennen. Während unsere Gefährt*innen in den Knästen sitzen, verbreiten wir weiter die Idee einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Unsere Solidarität gilt den Angriffen und den Anarchist*innen, denen diese Angriffe vorgeworfen werden.

Freiheit für den anarchistischen Gefangenen in Zürich
Freude, Glück und eine gute Zeit dem Gefährten auf der Flucht
Freiheit für Antonio, Lorenzo, Silvia, Giada, Nico, Beppe (Operation „Funke“)
Freiheit für Giulio, Rupert, Nico, Stecco, Poza, Agnese (Operation „Renata“)
Für eine Gesellschaft ohne Knäste – Feuer allen Knästen!

Feierabendterrorismus

Zu streiken ist immer netter als arbeiten zu gehen und sei es nur für einen Tag. Sich einen Stuhl zu nehmen und sich damit ab 5 vor 12 für den Rest des Tages nach draußen zu setzen, wie das Mobivideo für den „Frauenstreik“ am achten März aufruft, klingt ganz sympathisch, zumindest solange es nicht regnet und wenn mensch keine Kinder hat, die bis dahin schon ein Frühstück gerichtet und ein Pausenbrot geschmiert bekommen haben und zur Schule gebracht wurden, um dann, sobald das Kind abgesetzt wurde, noch halbtags in ein Büro zu hetzen, bis mittags das Kind wieder Vorrang hat. Zum Glück sind immerhin in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg Schulferien, d. h. zumindest viele Elternteile haben wahrscheinlich eh Urlaub und zusätzlich ist ja auch noch Freitag und für einige Lohnarbeitende – egal ob sie Kinder haben oder nicht – wie auch für Schüler*innen ist der Freitag nachmittag eh frei oder lässt sich auch mal freischaufeln. Ein schöner Streik mit erfreulich wenig Potenzial, auch nur irgendjemandem Stress zu machen. Genau wie geplant, denn „tatsächlich führen die Frauen weder einen Staatsstreich im Schilde, noch beabsichtigen sie, unbefristet zu streiken, solange bis allerorten gleiche Rechte gelten“, versichern die Organisator*innen auf ihrer Webseite.

Aber warum nicht? Genug Grund dazu gäbe es ja und was ist verkehrt daran, die eigene Rolle im aktuell HERRschenden System zu verweigern, bis wir endlich auf eine HERRschaftsfreie Art und Weise zusammenleben? So schreit das anarchistische Herz auf, um sodann „Sabotage!“ zu rufen, wenn es irgendwo den Aufruf zum Streik vernimmt. Das Mittel der Wahl zahlreicher Anarchist*innen in ihrem Befreiungskampf. Streik ist zwar durchaus auch schön und gut, doch gerade durch das berechtigte Misstrauen gegenüber „(proletarischen) Massen“ sozialistischer Befreiungsfantasien, vertraut der*die Anarchist*in lieber auf die (spontanen) Befreiungsakte einzelner Individuen und kleiner Gruppen. Ach, jedoch… wie sieht Sabotage in anarchafeministischen Bereichen aus? Die eigene Küche kaputtschlagen? Ins gemeinsame Bett kacken? Das eigene Auto anzünden (wenn mensch denn überhaupt eins hat)? Die Scheiben im Pflegeheim einwerfen? Grundsätzlich ist ein Weg von Anarchist*innen, die HERRschaft ausübenden Institutionen anzugreifen. Wo jedoch sind diese? Einige lassen sich ausmachen. Die Kirche, das Standesamt, der Bundestag, das Bundesamt für Arbeit, das Bundesverfassungsgericht. Wie jedoch da auch gerade den feministischen Standpunkt klar machen? Denn alle genannten Institutionen sind auch so Angriffspunkt anarchistischer Interventionen. Doch der gute alte orthodox-marxistische „Nebenwiderspruch“ der sogenannten „Frauenfrage“ löst sich ebenso wenig in der Abschaffung des Kapitalismus auf wie auch in der Abschaffung des Staates und seiner Institutionen. Sexistische und patriarchale HERRschaftsstrukturen müssen explizit bekämpft und zerschlagen werden. Nur wie? Denn diese HERRschaftsstrukturen strukturieren auch die intimsten Verhältnisse von Menschen zueinander. Sie äußern sich teilweise äußerst subtil, denn es geht dabei auch darum, wem was zugetraut wird, wem zugehört wird, wer ernstgenommen wird, wem welche Aufgaben automatisch übertragen werden oder wer diese auch automatisch übernimmt. Häufig sind diese HERRschaftsverhältnisse den Menschen nicht einmal bewusst. Und jede*r kann sie ausüben, auch wenn nicht jedem gegenüber.

Ein Streik – zumindest wenn er mehr als ein paar Stunden dauert – kann gewisse Automatismen aufdecken und Gewissheiten erschüttern. Die Problematik bleibt, dass eine traditionell weibliche Aufgabe die Care-Arbeit ist, sich also zu kümmern, und zwar um diejenigen, die nicht mehr in der Lage sind mit ihren eigenen Gefühlen wie mit denen anderer umzugehen, als auch insbesondere um diejenigen, die auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sind. Hier zu streiken bedeutet, die von Care-Arbeit abhängigen Menschen alleine zu lassen. Die Druckmittel eines solchen Streiks würden also darin bestehen, dass diese Menschen leiden müssen. Durch die Organisation kollektiver Betreuungsangebote während des Streiks versuchen Initiativen wie die „Frauen*streik“-Menschen eine Vernachlässigung von von Care-Arbeit abhängigen Menschen zu verhindern. Jedoch nehmen sie ihrem Streik dadurch auch die Sprengkraft. Auch eine Verweigerung der Hausarbeit führt erst einmal dazu, dass sich die Lebensqualität der streikenden Person selbst verschlechtert.

Wie Sabotage da größeren Druck aufbauen kann, muss wohl kreativ erforscht werden. Die Möglichkeiten sind, wenn auch weniger gegenüber Freund*innen oder Lebenspartner*innen und in den eigenen vier Wänden, durchaus da: Botschaften an sexistische Clubs oder an Hauswände von sexistischen Personen, Angriffe auf Gebäude, Autos oder sonstigen Mobilien wie Immobilien, die sexistische und patriarchale HERRschaftsverhältnisse aufrechterhalten. Die „Rote Zora“, eine feministische Gruppe, hat sehr erfolgreich gute 20 Jahre lang, von den 70er bis zu den 90er Jahren feministische Sabotageakte verübt. Damals bezeichnete der Verfassungsschutz diese als „Feierabendterrorismus“. Mensch mag nicht mit all ihren Anschlagszielen oder ihren politischen Ansichten einverstanden sein, jedoch haben sie es verstanden Sabotage in ihre feministische Arbeit miteinzubeziehen. Bei den engsten Bekannten jedoch, die vielleicht sogar anarchistisch sind und trotzdem unbewusst sexistische und patriarchale HERRschaftsverhältnisse verinnerlicht haben, ebenso wie die, die von Care-Arbeit abhängig sind, hilft Sabotage wohl nicht weiter. Sabotage ist ein gutes Mittel, um gegen institutionalisierte HERRschaftsverhältnisse aufzubegehren oder auch mal gegen Personen, die es besonders verdient haben. Wenn es aber um verinnerlichte Verhaltens- und Umgangsweisen geht, die jede*r von uns in sich trägt, hilft wohl nur Reden, sich miteinander, auch mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu kritisieren, zu informieren. Schließlich müssen wir Menschen überzeugen und neue Umgangsweisen miteinander ausprobieren und lernen, wenn wir eines schönen Tages Anarchismus wollen.

„Letzte Nacht ist wieder ein Auto abgebrannt …

… Grillkohleanzünder lagen auf dem Vorderreifen“ (Liedzeile aus Gentrification von Mono für alle). In der Nacht auf Sonntag, den 03. März, brannten in Neuperlach gleich zwei Autos der Firma Siemens. Sie waren auf einem privaten Firmenparkplatz abgestellt. Beide Fahrzeuge brannten im Motorraum komplett aus.

Gründe, die Firma Siemens anzugreifen gibt es nun wirklich genug. Die Zusammenarbeit mit autoritären und faschistischen Staaten, die Entwicklung und Verbreitung von Technologien zur Überwachung und Kontrolle von Menschen oder die Tätigkeit als Rüstungsunternehmen sind nur einige Beispiele, die sich die handelnden Aktivist*innen zum Anlass genommen haben könnten.

Angepisste Bullenschweine

Beitrag übernommen von https://insurrectionchroniclemuc.blackblogs.org/de/2019/02/23/bullenauto-angepisst-7-bullen-verletzt-2-personen-in-u-haft/

Gegen einen Baum zu pissen ist ja grundsätzlich nur die zweite Wahl. Besser ist immer ein Bullenauto. Das dachten sich wohl auch einige Personen, die in Sendling gerade eine Party feierten, als uneingeladen eine Bullenstreife vorbei kam. Den Bullen gefiel es jedoch gar nicht, dass da jemensch so respektlos gegen ihr Auto urinierte. Was dann passierte kann sich jede*r ausmalen, der*die schon einmal unfreiwillig die Bekanntschaft in ihrer Ehre gekränkter blau-grüner Söldner gemacht hat. Das wiederum ließen sich die Menschen vor Ort nicht gefallen. Sie gingen zum Gegenangriff über, traten und schlugen die Bullen, die sie mit Pfefferspray angriffen, und bewarfen die 40 zur Verstärkung herbeigerufenen Bullen mit Flaschen.

Leider wurden dabei  insgesamt 7 Personen festgenommen von denen nun wohl zwei in U-Haft sitzen. Immerhin hat es auch den Bullen ein bisschen weh getan. Ebenfalls 7 Bullen wurden Angaben der Polizei zufolge verletzt. Hoffentlich tut’s noch weh.