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[Italien] Coronavirus löst Knastrevolten in 27 Gefängnissen aus

Montag, der 09.03.2020: In den Gefängnissen toben Revolten. Bis zum heutigen morgen sind Proteste von Gefangenen in 27 Gefängnissen bekannt, bei denen einige eine Amnestie anlässlich der Coronavirus-Notlage fordern. Einem offiziellen Bericht zufolge, der nach den Riots der letzten Tage veröffentlicht wurde, starben acht Gefangene: Sechs von ihnen verstarben gestern Nachmittag im Gefängnis von Modena während der Gefangenenrevolte. Eine*r starb den gestrigen Angaben der Einrichtung zufolge an missbräuchlichem Opiatkonsum, ein*e andere*r durch Benzodiazepine und ein*e Dritte*r sei zyanotisch (aufgrund von Sauermangel blau angelaufen) aufgefunden worden, auch wenn der Grund dafür bislang unklar sei. Über die anderen drei verstorbenen Gefangenen gibt es keine Erkenntnisse. Außerdem seien 18 Gefangene in Krankenhäuser eingeliefert worden, die meisten von ihnen wegen einer Intoxikation. Esy wird von zwei weiteren Todesfällen durch eine psychotrope Drogenüberdosis in den Knästen von Verona und Alessandria in der letzten Nacht berichtet. Dem von den Gefängnisbehörden verbreiteten, offiziellen Bericht zufolge seien die beiden Rädelsführer*innen der Proteste gewesen und hätten psychotrope Medikamente von der Krankenstation gestohlen.

Unterdessen findet im Gefängnis von Foggia ein Aufstand statt, bei dem angeblich einige Gefangene in der Lage gewesen seien, zu entkommen, aber kurze Zeit darauf außerhalb des Gefängnis von der Polizei gefasst worden seien. Den Berichten zufolge haben die Gefangenen ein Tor des „Blockhauses“, des Bereichs, der sie von der Straße trennt, eingerissen. Einige Gefangene kletterten auf das Dach, andere warfen Fenster ein und im Eingang des Blockhauses wurde ein Feuer entfacht. Bei Zusammenstößen mit der Polizei erlitt einer der Gefangenen Kopfverletzungen und wurde auf einer Tragebahre weggebracht. In San Vittore-Gefängnis in Milan gab es Proteste auf dem Dach und Feuer im Gefängnis, während in Palermo ein Ausbruchsversuch im Ucciardone-Gefängnis von der Gefängnispolizei vereitelt wurde. Die Straßen um das Gefängnis wurden gesperrt. Letzte Nacht brach auch ein Protest im Pagliarelli, dem zweiten Gefängnis in Palermo aus. Im Rebibbia in Rome griffen angeblich einige Gefangene zusätzlich zum Abfackeln mehrerer Matratzen die Krankenstationen an.

In Pavia sperrte Gefangene zwei Gefängniswärter*innen für einige Stunden ein, stahlen von ihnen die Schlüssel zu den Zellen und veranstalteten einen ausdrucksstarken Protest, indem sie einige der Gefängnisräumlichkeiten zerstörten. Aus zahlreichen Kreisen wird die Forderung nach einer Amnesty laut oder zumindest nach alternativen Bestrafungen für weniger schwerwiegende Verbrechen, aber die Regierung ignoriert diese Forderungen.

Im Iran wurden 70.000 Gefangene vorläufig entlassen, um der Verbreitung der Covid-19 Epidemie entgegenzuwirken. Letzte Woche war bereits verkündet worden, dass 54.000 Gefangene in den Hausarrest geschickt worden seien.

 

Übersetzt aus dem Englischen bei Anarchists Worldwide. Italienische Originalmeldung von Radio Onda d’urto.

Was tun gegen Viren? Flucht in den Autoritarismus?

Wer hat Angst vor dem Coronavirus? Offenbar eine ganze Menge Menschen. Das scheint zumindest im öffentlichen Diskurs über die Thematik einige der widerwärtigsten autoritären Sehnsüchte zu erwecken und zugleich einem blinden Vertrauen in den Staat Vorschub zu leisten. Wohlgemerkt in genau den Staat, der, wenn es ihm nicht gelingt, eine*n vor einer Infektion mit dem Virus zu schützen, nicht davor zurückschrecken wird, eine*n in Quarantäne zu stecken, ganze Städte abzuriegeln und die Menschen darin gefangen zu halten und alle möglichen anderen Freiheitseinschränkungen durchzusetzen.

Nun, ich kann und will dir deine Angst – sofern du denn Angst hast – nicht nehmen. Sicher, ich könnte dich vielleicht mit ein wenig Mathematik beruhigen und dir erzählen, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass du dich ansteckst und wenn, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht deinen Tod bedeuten wird. Aber was nützt es einer*einem, zu wissen, dass 98 Prozent eine Infektion überleben, wenn mensch doch Angst hat, zu den 2 Prozent zu gehören, die diese nicht überleben werden. Es ist nichts falsch daran, Ängste zu haben. Ich zum Beispiel habe immer ein mulmiges Gefühl dabei, wenn ich in ein Auto steige. Rund 250 Menschen sterben in Deutschland jeden Monat bei Verkehrsunfällen. Das sind, wenn mensch nur mal spaßeshalber diesen unqualifizierten Vergleich ziehen will, etwa genausoviele Tote wie nun, fast einen Monat nach Entdeckung des Coronavirus, in China; In Deutschland dagegen sind es sogar rund 250 Tote mehr als Tote durch den Coronavirus. Dennoch steige ich immer wieder in ein Auto und vor allem käme ich niemals auf die Idee, von einer Regierung zu fordern/erwarten, dass sie irgendetwas unternimmt, um die Verkehrstoten zu senken.

Was sollte sie auch tun? Den Autoverkehr verbieten? Den Verkehr an sich abschaffen? Ähnlich ist es auch mit der Ausbreitung eines Virus im Allgemeinen und dem Coronavirus im Speziellen: Was mensch dagegen tun kann, um sicher zu gehen, dass mensch nicht infiziert wird, ist vor allem eines: Sich alleine oder in einer sehr kleinen Gruppe vollständig vom Rest der Gesellschaft abzuschotten, in einer sterilen Umgebung leben und darauf hoffen, dass es dem Virus nicht dennoch gelingt, eine*n zu infizieren. Das will freilich keine*r. Nun könnte mensch recht fatalistisch feststellen, dass das Leben eben gefährlich ist, aber dass es ja auch keinen Spaß macht jede Gefahr zu vermeiden. Aber so ganz wollen das diejenigen, die nun an Staat und Regierung appellieren, wohl nicht wahrhaben. Statt sich selbst einzuschränken, scheinen sie die ultimative Lösung gefunden zu haben: Sie schränken eben die anderen ein, diejenigen, die das Virus bereits in sich tragen, die verdächtigt werden, es in sich zu tragen, die Kontakt mit Menschen hatten, die das Virus vielleicht oder vielleicht auch nicht in sich trugen, die einfach nur zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Region waren, in der es vielleicht oder vielleicht auch nicht einen Verdachtsfall des Virusses gab. Zum Wohle der Mehrheit quasi soll eine Minderheit, wobei die Begriffe Mehrheit und Minderheit hier ja gar nicht quantitativ zu verstehen sind, sondern eigentlich mit Privilegiertheit und Nicht-Privilegiertheit besser beschrieben sind, unterdrückt werden.

Irgendwo habe ich ein Interview mit einem Virologen gelesen, dem bei der Vorstellung, mit welch wirksamen Mitteln ein „autoritärer Staat“ wie China eine Epidemie bekämpfen könne, nämlich indem der Staat einfach alle sozialen Beziehungen kappt, förmlich der Sabber aus dem Mundwinkel tropfte. Ja, da wäre er wohl gerne dabei, dieser Virologe, würde es genießen, die absolute Kontrolle über die Menschen zu haben, um einen Feldversuch zu seinen Viren zu machen, so zumindest las sich das Ganze für mich. Entsprechend kritisierte der Wissenschaftler auch die deutsche Bundesregierung dafür, dass sie seiner Meinung nach zu wenig in Panik verfallen sei, dass sie nicht alle Flüge aus China gestrichen hat, dass sie nicht alle Einreisenden unter Quarantäne gestellt hat, usw. Dabei ist es nicht so, dass wir es hier mit einem durchgeknallten Wissenschaftler zu tun haben, der ein wenig aus der Reihe tanzt. Zusammen mit dem Staat hat die gesamte (medizinische) Wissenschaft schon seit Jahren Masterpläne entwickelt, die im Falle eines Ausbruchs einer Epidemie dazu dienen sollen, eine „Ausbreitung“ dieser Epidemie zu verhindern. Dabei sind es immer dieselben Forderungen nach absoluter Kontrolle über die Menschen. Dabei entspricht das, was zumindest Gerüchten in der hiesigen Presse zufolge, gerade in China umgesetzt wird, nämlich ganze Regionen abgeriegelt werden, Ausbruchsversuche daraus mit Waffengewalt unterbunden werden und Drohnen eingesetzt werden, um die Menschen permanent zu überwachen und zu kontrollieren, ungefähr den Maßgaben dieser Masterpläne. Das hat nichts damit zu tun, dass Chinas Regierung „autoritärer“ wäre, als die hiesige, ja nicht einmal damit, dass sich die Herrschaft des Staates hier in der Regel etwas subtiler ausdrückt, sondern ausschließlich damit, dass das Coronavirus eben in der Stadt Wuhan ausgebrochen ist und nicht etwa hier in München. Denn welche anderen Möglichkeiten als die in China etablierten blieben einem Staat denn, wenn er eine Quarantäne gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen will?

Der Staat, dem die*der eine oder andere gerade am liebsten blind vertrauen würde, von dem gefordert wird, dass er die Ein- und Ausreise noch strenger überwacht als sonst, der jedoch im Wesentlichen nicht in der Lage sein kann irgendetwas zu tun außer Propagandaaktionen wie die medial inszenierte „Rückholung deutscher Staatsbürger*innen“ durch die Bundeswehr, bei der mensch lustigerweise auch gleich den Coronavirus mitgebracht hat (LOL), wird für all diejenigen, die vom Coronavirus infiziert sind oder dessen verdächtigt werden, schnell zum mächtigen Feind. Wer zum Zwecke der vermeintlichen eigenen Sicherheit anderen deren Freiheit rauben (lassen) will, die*der sollte sich vor Augen halten, dass ebenso schnell auch ihr*ihm selbst die Freiheit geraubt werden kann.

Wer derzeit nach China blickt und die dortigen Zustände darauf schiebt, dass der chinesische Staat angeblich im Gegensatz zum deutschen Staat ein autoritärer sei, macht sich nur selbst etwas vor. Auch die in Deutschland erarbeiteten Pläne zur Eindämmung einer Epidemie sehen Ähnliches vor. Ist ja auch logisch: Wer absolute Kontrolle über Menschen erlangen will, die*der muss diese auch mit Gewalt durchsetzen, denn zumindest einige Menschen, mich eingeschlossen, werden sich niemals freiwillig unterwerfen!

In Hong Kong sind zumindest einige Menschen uneinverstanden, dass der Staat unter Vorwand des Coronavirus seine soziale Kontrolle ausweiten will. Bei Protesten gegen die geplanten Quarantänemaßnahmen wurden Straßenbarrikaden errichtet und ein für Quarantänemaßnahmen geplantes Gebäude mit Brandsätzen zerstört. Die rebellierenden Menschen dort wissen, dass es dem Staat ausschließlich darum geht, seine Bevölkerung zu kontrollieren. Vielleicht können sich ja all diejenigen, die Zuflucht beim Staat suchen, ein Beispiel an ihnen nehmen. Denn es ist kein Virus, der ihre Freiheit bedroht.

Zentralisierte Mobilität – eine Kritik am Allheilwundermittel Öffis

Die Umweltverschmutzung, die insbesondere in Städten durch die Abgase überwiegend von Autos verursacht werden, sollen für die meisten linken und grünen Bewegungen, weit bis in radikale Spektren hinein, durch den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und die Reduzierung des Individual(auto)verkehrs gelöst werden. So gibt es nicht wenige, die eine autofreie Innenstadt fordern und einen Ausbau der Öffis, teilweise sogar einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr. Zwar hätte ich jetzt auch nichts gegen eine autofreie Innenstadt und gratis Öffis – auch wenn ich das eigentlich auch heute schon habe, denn natürlich zahle ich dafür wann immer es mir möglich ist nicht, jedoch wäre es schon schön, wenn der Stress durch Kontrolleur*innen gebustet zu werden, wegfallen würde –, jedoch bin ich misstrauisch gegenüber dem Allheilwundermittel „öffentlicher Nah- (und Fern-)Verkehr“.

Denn wenn ich an Öffis denke, dann denke ich an Kontrolleur*innen und daran, dass das Fahren ohne Fahrschein eine Straftat ist. Und dass viele, die die Geldstrafe für das Fahren ohne Fahrschein nicht bezahlen konnten – denn häufig holen sich gerade die Menschen keine Tickets, die halt auch einfach keine Kohle haben –, ersatzweise im Knast dafür sitzen. Ich denke daran, dass bei allen Angeboten am Bahnhof Konsumzwang herrscht und Geld verlangt wird – selbst für die öffentlichen Toiletten – und dass wer kein gültiges Ticket besitzt, sich auch nicht dort aufhalten darf. Und ich denke insbesondere an eine inzwischen fast umfassende Kameraüberwachung, an DB und MVG Securities, an Kontrolleur*innen, an KVR Hilfssheriffs, an „verdachtsunabhängige“ – also meist rassistisch motivierte – Schwerpunktkontrollen durch Bull*innen an Bahnhöfen, an Vertreibungspolitiken gegenüber denjenigen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind, wie beispielsweise Menschen ohne Dach über dem Kopf. Ich denke daran, dass die Bundespolizei an Bahnhöfen sitzt, daran, dass insbesondere im Grenzbereich Bull*innen Züge einfach anhalten und mithilfe von racial profiling nach illegal Einreisenden durchsuchen. Ich denke daran, wie sie im Zuge von groß angekündigten Protesten (z. B. G20, aber auch kleinere Sachen wie der 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg) Züge nach den Leuten, die dort hinfahren wollen könnten, durchsuchen oder die Kund*innenlisten von Fernbussen nach polizeibekannten Namen auschecken oder auch den Leuten an den Bahnhöfen auflauern, am Start- wie am Zielpunkt. Ich denke daran, dass Menschen immer wieder dadurch gebustet werden, dass Bull*innen das Videomaterial des MVV und der MVG durchgucken, um Leute zu identifizieren und herauszufinden, wo sie ihnen am besten auflauern können, indem sie zum Beispiel regelmäßige Routen einer Person auskundschaften.

Und das bringt mich zum Nachdenken darüber, wie einfach die Kontrolle über die Menschen dank öffentlicher Verkehrsmittel wird. Wie sehr mein Weg, den ich wähle, um an mein Ziel zu gelangen, davon geprägt ist, welche öffentlichen Verkehrsmittel mich zu meinem Ziel bringen können. Dass ich gewisse Ziele gar nicht ansteuere oder seltener als ich es eigentlich tun würde, weil diese so beschissen zu erreichen sind. Und zwar nicht weil es eh super weit weg ist, sondern weil die Öffis dahin nur so schlecht fahren. Ich denke darüber nach, dass die angebotenen Öffis eigentlich dazu da sind, Menschen zu ihrer Arbeit und zu den Konsumzentren zu bringen. Ich denke daran, dass meine Wege so vorhersehbar werden, dass sie für überwachende und kontrollierende Instanzen leicht nachzuvollziehen sind.

Überwachung beschränkt sich nicht auf die öffentlichen oder Massenverkehrsmittel, jedoch ist es dort besonders einfach. Und kann besonders gut mit „Sicherheit“s-Argumenten ein- und durchgeführt werden. Öffentliche Verkehrsmittel sind ein Hort der Überwachung und Kontrolle, so sichtbar, wie es sonst selten in Deutschland zu finden ist. Gruseln sich doch noch viele bei der Vorstellung einer umfassenden Videoüberwachung auf Straßen und öffentlichen Plätzen, so sind sie doch bei öffentlichen Verkehrsmitteln bereits an eine solche umfassende Überwachung gewöhnt. Auch sogenanntes „Sicherheits“-Personal ist hier so omnipräsent wie sonst selten irgendwo.

Öffentliche Verkehrsmittel brauchen große Organisationen, seien es der Staat, Unternehmen, Genossenschaften oder die Räterepublik, um realisiert zu werden. Sie schaffen ein Angebot, das ihnen Macht verleiht, das ihnen erlaubt, die Wege von Menschen zu beeinflussen und zu kontrollieren, einigen die Nutzung dieser Verkehrsmittel zu untersagen, andere in der Ansteuerung ihrer Ziele zu bevorzugen. Öffentliche Verkehrsmittel schaffen Hierarchien und begünstigen die Kontrolle über Menschen.

Wozu braucht es eigentlich solche Massentransportmittel? Warum sind Menschen so viel unterwegs, und zu einigen Zeiten so richtig geballt? Durch Schul-und Lohnarbeitszwang, durch den hektischen Rhythmus, den die Wachstumsideologie unseres Wirtschaftssystems vorgibt, hetzen alle dafür von A nach B, kommen nie zur Ruhe. Nur deshalb werden die Wege auch so vorhersehbar, dass sie sich aufs Hervorragendste durch immer gleiche Wege auffangen und steuern lassen. Die Mobilität, wie sie heute erforderlich ist, ist Resultat des Kapitalismus, denn ansonsten gäbe es selten die Notwendigkeit, solche Massen regelmäßig zu irgendetwas transportieren zu müssen. Wir können uns öffentliche Verkehrsmittel ein bisschen wie ein Fließband in einer Fabrik vorstellen, die für den reibungslosen Betrieb unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems verantwortlich sind.

Statt eine andere Mobilität zu fordern oder sich zu erträumen, wie beispielsweise den Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln, sollten wir uns die Frage stellen, wozu es einer solchen Mobilität eigentlich bedarf. Und welchem Zweck sie dient. Ich bin nicht für mehr Autoverkehr. Jedoch betrachte ich öffentliche Verkehrsmittel als herrschaftsvoll und bevormundend, als eine staatliche Lösung. Denn ganz gleich, wer am Ende die Verwaltung der Öffis innehat, folgen öffentliche Verkehrsmittel einer staatlichen Logik, die ich aber zerstören möchte.

Klimacamp Chiemsee

Das Klimacamp Chiemsee wird vom 25. bis 29. September 2019 im Tippidorf am Venusberg in Chieming stattfinden. Frei nach dem Motto „Konsens statt Nonsens“ soll eine Basis für Vernetzung, Informationsaustausch und Aktionen geschaffen werden, in denen alle Teilnehmer*innen Mitwirkende sind. Das Klimacamp ist ein Vernetzungspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung und ein Freiraum, in dem wir Utopien diskutieren und ausprobieren können.

Die Besucher*innen des Camps werden nicht nur über die Ursachen und Folgen der Klimakatastrophe informiert – vielmehr ist das Ziel, neue Lösungen zu formulieren und alte Muster in Frage zu stellen.

Auf dem Camp wird es für Alle möglich sein, sich einen Überblick über verschiedene Facetten direkter Aktionen zu verschaffen und selbst erfinderisch und aktiv zu werden.

Eine bunte Mischung aus Vorträgen, Workshops, Filmvorführungen, Skillsharings und offenem Austausch liefert zahlreiche Informationen über klimafreundliche Lebensweisen, Formen des Widerstandes und alternative Ideen des Zusammenlebens.

Die Erde mit ihren begrenzten Ressourcen kann der vorherrschenden Wachstumslogik nicht länger standhalten, daher ist ein gesellschaftlicher Wandel unumgänglich. Ziel des Camps ist es, die Ursachen für die vorherrschenden lebensfeindlichen Strukturen zu erkennen und nach Alternativen zur aktuellen kapitalistischen Gesellschaft zu suchen, diese zu leben und nachhaltig zu etablieren. Dabei sind Alle Mitwirkende und können frei, spontan und unabhängig von hierarchischen Strukturen ihre Fähigkeiten und ihr Wissen miteinander teilen.

Da es bereits sehr viele aktive Gruppierungen und Personen gibt, liegt ein weiterer Fokus beim Klimacamp darauf, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Motivationen zusammen zu bringen. Es geht um die Vernetzung unter den Gruppen zu einer integrierten Bewegung und um die Vernetzung einzelner Individuen zu bestehenden oder neuen Gruppen. Das gemeinsame Ziel ist es unter anderem, die soziale Ungerechtigkeit der Klimakrise offen zu legen. Klimagerechtigkeit ist soziale Gerechtigkeit!

Alle sind willkommen – egal ob groß oder klein, jung oder alt. Da vor allem junge Menschen mit den Folgen der Klimakrise zurechtkommen müssen, ist es uns wichtig, dass auch sie einen Platz auf unserem Camp haben und mitbestimmen können.

Weitere Informationen auf www.klimacamp-chiemsee.de

Willkommen zurück aus dem Urlaub

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Das bedeutet für viele Menschen das Ende ihres alljährlichen Urlaubs. Aus weit entfernten Ländern oder beliebten Regionen in der weiteren Umgebung des eigenen Wohnortes kehren sie nun zurück an ihre Arbeitsplätze, in die Erziehungsanstalten oder zurück in den beengenden Alltag der Hauswirtschaft. In den dunkelsten Stunden ihrer alltäglichen Existenz zehren sie dort aus den Erinnerungen vergangener Urlaube oder der Vorfreude auf den nächsten Urlaub.

In Urlaub zu fahren ist für die Menschen heute zugleich Statussymbol und Ausbruch aus dem Alltag, der angesichts von monotoner Arbeit, sozialen und familiären Verpflichtungen oder irgendwelchen eigenen oder fremden Bildungszielen für viele Menschen zu einem Gefängnis ihrer eigenen Sehnsüchte geworden ist. Wer es sich leisten kann, fliegt in „exotische“ Gegenden, speist in teuren Restaurants, residiert in luxuriösen Hotels oder berauscht sich an irgendeiner fremden „Kultur“. Tatsächlich ist es für Menschen mit dem richtigen Pass gar nicht unbedingt notwendig, reich zu sein, um entfernte Regionen der Erde zu besuchen. Wer sich teure Hotels nicht leisten kann oder diese ohnehin schnöde findet, die*der versucht sich im sogenannten Rucksacktourismus. Der gute Wechselkurs westlicher Währungen macht das sogar für verarmte Hipster möglich.

So strömen dann während der Juli- und Augustwochen die Bewohner*innen der im internationalen Vergleich privilegierten Länder in Scharen hinaus in die Welt, um sich an den pitoresken Stränden der Welt zu sonnen, irgendeinen Berg zu erklimmen, seltsame Sportarten zu treiben, fremde Städte zu besichtigen oder mit dem eigenen Rucksack und etwas Münzgeld durch ein „exotisches“ Land zu pilgern und sich an der fremden „Kultur“, der Schönheit (scheinbar) unberührter Natur, der Gastfreundschaft der dort lebenden Menschen, dem eigenen Reichtum im Kontrast zur Armut der dort lebenden Menschen und der eigenen Freiheit dorthin gehen zu können, wo mensch möchte, zu berauschen.

Die entfremdende Erfahrung dieses Konzepts von Urlaub, bei dem Tourist*innen einen Ort, zu dem sie keinerlei Bezug haben (dass mensch jedes Jahr dort hinfährt, um sich dort bedienen zu lassen zählt für mich nicht als Bezug), regelrecht heimsuchen und diesen kollektiv nach ihren eigenen Vorstellungen verändern, wird nur von dem Zynismus übertroffen, mit dem die Rückkehrer*innen dann häufig von dem einfachen, harten, aber (angeblich) glücklichen Leben der Menschen berichten, denen sie während ihrer Vergnügungsreise begegnet sind. Es sind jene oberflächlichen Erfahrungen, die heimgekehrte Tourist*innen dann in den Augen ihrer Freund*innen und Bekannten zu Expert*innen für ein fremdes Land oder eine fremde „Kultur“ machen. Dabei könnte mensch die gleichen platten und anmaßenden Erkenntnisse über das Leben in anderen Regionen der Welt ebenso in einem der unzähligen, sogenannten Reiseführer nachlesen.

Auf der anderen Seite wiederum verwandeln sich die vom Tourismus heimgesuchten Regionen dieser Welt häufig Schritt für Schritt in jene Klischees, denn was den Erwartungen der neokolonialen Eroberer*innen entspricht, verkauft sich gut. Zugleich setzen in den Tourismusmetropolen dieser Welt Verdrängungsprozesse ein, die all diejenigen Menschen, die dort leben und es sich nicht leisten können, mit Geld um sich zu werfen wie Tourist*innen, aus ihren Vierteln und Städten, ja manchmal sogar aus ganzen Regionen vertreiben. Zudem bringen Tourist*innen nicht selten heftige Konflikte in eine Region. Wer nur einige Tage oder wenige Wochen an einem Ort verweilt und zudem auf der Suche nach ausschweifenden Erfahrungen ist, die den üblichen tristen Alltag ausgleichen sollen, die*der hat oft kein Interesse daran, Rücksicht auf andere zu nehmen. Laute Partymeilen und völlig enthemmtes, rücksichtsloses Verhalten sind oft ein schaler Beigeschmack von Tourismus. Eben das, was mensch hier in München während der drei Wochen Ende September/Anfang Oktober ansatzweise nachempfinden kann.

Warum das alles? Sind den Menschen, die jedes Jahr so begeistert in Urlaub fahren die Auswirkungen ihres Handelns auf das Leben anderer Menschen derart egal? Fragt mensch nach, kommen meist die immer gleichen Antworten: Der Tourismus sei ja ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für eine Region heißt es dann selbstbewusst von heimlichen Anhänger*innen des Neoliberalismus, mensch selbst betreibe ja nicht diese Form des Tourismus, erklären die ignoranten Rucksack-Hipster und diejenigen, die überzeugt davon sind, dass es ohnehin kein richtiges Leben im Falschen gäbe zucken schuldbewusst die Schultern und erzählen irgendetwas marxistisches von Reproduktion.

Dabei muss mensch sicher nicht Marx gelesen haben, um zu verstehen, dass die beliebte Fahrt in den Urlaub eine Kompensation unerfüllter Sehnsüchte sind. Statt danach zu streben ihr Leben selbst zu bestimmen, die Fesseln der Lohnarbeit abzustreifen und endlich nach den eigenen Vorstellungen zu leben, fahren die modernen Arbeitssklav*innen lieber einmal im Jahr – bzw. so oft sie es sich leisten können – in Urlaub. Was sie befriedet, schafft dabei anderen Menschen zusätzliche Probleme.

Aber wäre es nicht befriedigender, gegen die Zustände, die uns alle gefangenhalten in einem Leben, das nicht unseres ist, zu rebellieren? Wie wäre es, statt im nächsten Jahr das Auto für den Urlaub vollzutanken nur einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer zu kaufen und der eigenen Wut und Kreativität wenigstens einmal im Jahr freien Lauf zu lassen? Umweltschonender wäre es in jedem Fall.

Entfremdung und DIY

100.000 Hochglanzflyer in schickem Design und knalligen Farben. Deutschlandweit verschickt, von hunderten Organisationen unterzeichnet und doch verstauben die Flyer stapelweise in den unterschiedlichen lokalen Lagern, in den gängigen Flyerauslagen, wo wieder einmal viel zu viele dieser Flyer ausgelegt wurden oder werden von denjenigen, denen sie dann doch ausgehändigt wurden, achtlos zur Seite gelegt. Ein Szenario wie es bei fast jeder größeren Massenveranstaltung vorkommt.

Streuverlust nennen das die einen, ich nenne es Entfremdung. Entfremdung nicht nur durch die Entstellung der eigenen Positionen bis zur Unkenntlichkeit durch die Beteiligung an einer Massenorganisation, sondern auch durch die mangelnde Verbundenheit mit diesem Stück Papier, dessen Text von irgendeinem dafür gebildeten, sonst nicht näher bekannten Komitee geschrieben, das von irgendeiner Agentur gelayoutet und irgendeiner Druckerei gedruckt wurde und mir nun von irgendwem lieblos in die Hand gedrückt wurde, mit gestresstem Blick und ohne Zeit für ein kurzes Gespräch darüber. Selbst wenn ich mir die Mühe machen würde, die Webseite zu besuchen, die unten auf dem Flyer abgedruckt ist, würde mich doch nur eine ebenso anonyme Seite erwarten mit irgendeinem Gelaber davon, warum es wichtig sei, sich einer einheitlichen Masse bei einer x-beliebigen Demonstration anzuschließen, um das jeweilige Ziel – z.B. „Klimaschutz“, „Gegen Rechts sein“, usw. – zu erreichen. Vielleicht würde ich noch irgendein professionell produziertes Mobilisierungsvideo finden, in dem irgendwelche Anführer*innenfiguren das gleiche Gelaber noch einmal in eine Kamera sprechen und als ihre Position verkaufen.

Kein Wunder, dass ich nie zu solchen Veranstaltungen gehe. Wenn mir dagegen ein*e Freund*in oder auch nur irgendein*e entfernte*r Bekannte*r einen winzigen Zettel mit einem augenzwinkernden Blick in die Hand drückt, auf dem gerade mal ein Stichwort, eine Uhrzeit und eine Ortsangabe sind, die mensch entweder kennt oder bei der mensch sich eine Wegbeschreibung geben lassen muss, dann bin ich – sofern ich Zeit habe – mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit am Start. Und dutzende andere ebenfalls.

Ebenso ist es auch mit vielem anderen, zum Beispiel mit diesem Text: Wenn ich mir dieses Anliegen von der Seele geschrieben habe, werde ich diesen Text alleine oder mit anderen, die diese Ansichten teilen oder ihre Verbreitung unterstützenswert finden, layouten, drucken und verteilen. Vielleicht wird dieser Text in einer Zeitung erscheinen, aber auch dann weiß ich, dass diejenigen, die diesen Text layouten und drucken meine Werte teilen oder zumindest nicht für unvereinbar mit ihren eigenen halten – sonst würden sie den Text nicht verbreiten – und wenn die Zeitung dann gedruckt ist, werde ich möglicherweise bei ihrer Verteilung behilflich sein.

Das alles ist mir wichtiger, als maximale Professionalität, wichtiger als ein professionelles Lektorat, Layout oder Druck. Dabei bedeutet das nicht, dass diejenigen Dinge, die nach diesem DIY-Prinzip hergestellt wurden, weniger professionell sein müssen, aber selbst wenn sie das sind, finde ich, dass sie meist mehr Aussage haben, als die oft aussagelosen, genormten, professionellen Erzeugnisse. Sie vermitteln ihren Adressat*innen nicht den Eindruck, dass der Inhalt eigentlich egal ist und hinter der Form zurücktritt, sie vermitteln die Lebendigkeit der transportierten Inhalte.

DIY-Erzeugnisse vermitteln nicht den Eindruck, dass mensch es mit einer Autorität, die sich hinter ihnen verbirgt zu tun hat. Egal ob Musik, Text(e), Bilder oder ganz andere Erzeugnisse: Alles bleibt hinterfragbar und jede*r ist in der Lage auf etwas mit eigenen DIY-Beiträgen zu antworten.

Für mich ist das wertvoller, als mit einem professionalisierten und entfremdenden Erzeugnis 100.000 Menschen zu erreichen. Für mich zählt die Qualität, niemals die Masse!

Archipel – Affinität, informelle Organisation und aufständische Projekte (Auszüge)

Originaltitel: „Archipel – Affinité, organisation informelle et projets insurrectionnels“, anonym publiziert in “Salto – Subversion & Anarchie”, Nr. 2. November 2012, Brüssel. Übersetzt aus dem Französischen von Edition Irreversibel, Frühjahr 2014. Im folgenden auszugsweise wiedergegeben.

***

[…]

Keine menschliche Aktivität ist möglich ohne Organisation, zumindest wenn wir unter „Organisation“ die Koordination von mentalen und physischen Anstrengungen verstehen, die für notwendig erachtet werden, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Aus dieser Definition können wir einen wichtigen Aspekt ableiten, der oft vergessen wird: Organisation ist funktional, sie zielt auf die Realisierung von etwas ab, auf Aktion im weitesten Sinne des Wortes. Diejenigen, die heute jeden einfach nur dazu aufrufen, sich zu organisieren, weil ihnen klare Ziele fehlen, jedoch gleichzeitig erwarten, dass sich aus diesem ersten Moment der Organisation der ganze Rest automatisch entwickelt, diejenigen erheben das sich Organisieren zum Ziel in sich. […] [Jedoch ist] eine Organisation fruchtbar, wenn sie nicht von einer banalen quantitativen Präsenz genährt wird, sondern von Individuen, die sie nutzen um ein gemeinsames Ziel zu realisieren. Mit anderen Worten: Es ist es zwecklos zu glauben, dass wir nur indem wir uns organisieren, die Frage des wie, was, wo und warum wir kämpfen durch die Magie des Kollektivs lösen können. Im besten Fall – oder im schlechtesten, abhängig vom Standpunkt – findet man viel, kann man vielleicht auf einen Zug aufspringen, der schon von jemandem gezogen wird und sich einfach mit der eher unangenehmen Rolle des Anhängers abfinden. So ist es nur eine Frage der Zeit bis man der Organisation überdrüssig wird und unbefriedigt mit dieser bricht.

Organisation ist also dem untergeordnet, was man machen will. Für Anarchisten muss es außerdem den direkten Zusammenhang geben, der zwischen dem, was man machen will, dem Ideal für das man kämpft und dem Weg es zu erreichen, existieren muss. Trotz der gegenwärtigen Verschleierung und Wortklauberei, auf mehr oder weniger marxistischen Irrwegen, werden Parteien für ein angebrachtes Mittel gehalten, um politische Parteien zu bekämpfen. Man hört heute immer noch die fortgeschrittene politische Behauptung, dass Produktionskräfte ein Weg sind, um kapitalistische Beziehungen zu beenden, und das in Zeiten, in denen jeder das Ausmaß des industriellen Desasters vor Augen hat. Einige wollen Maßnahmen ergreifen, um alle anderen Maßnahmen überflüssig zu machen. Anarchisten haben nichts mit dieser Art von Zaubertricks zu tun, für sie müssen die Ziele mit den Mitteln übereinstimmen. Autorität kann nicht mit autoritären Organisationsformen bekämpft werden. [Das ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass keine Gewalt angewendet werden kann.] […] Jede menschliche Beziehung ist konfliktreich, was nicht bedeutet, dass sie deshalb zwingend autoritär ist. […]

Wenn wir heute denken, dass Affinität und Affinitätsgruppen die angemessenste Form für den Kampf und anarchistische Intervention in die soziale Konfliktualität sind, liegt das daran, dass eine solche Überlegung sehr stark damit zusammenhängt, wie wir diesen Kampf und diese Intervention verstehen.

Es existieren in der Tat zwei Wege, um dieser Frage zu begegnen, zwei Wege, die zwar nicht diametral entgegengesetzt sind, die aber auch nicht vollkommen übereinstimmen.

Zum einen ist da der nicht zu vernachlässigende Bedarf nach Kohärenz. Es stellt sich demnach die Frage, in welchem Maßstab bestimmte anarchistische Organisationsformen (zum Beispiel Syntheseorganisationen mit Programmen, Deklarationen von Prinzipien und Kongressen, wie anarchistische Föderationen oder anarcho-syndikalistische Strukturen) unserer Idee des Anarchismus entsprechen.

Zum anderen die Frage der Tauglichkeit bestimmter organisatorischer Strukturen. Diese Tauglichkeit setzt die Frage mehr in den Kontext historischer Bedingungen, Ziele die erreicht werden wollen (also der organisatorischen Formen, die man am geeignetsten dafür hält) der Analyse der sozialen und ökonomischen Situation… […]

Wir denken, dass der Beitrag zu aufständischen Brüchen oder deren Entwicklung heute die angemessensten anarchistischen Interventionen sind, um gegen Herrschaft zu kämpfen. Unter aufständischen Brüchen verstehen wir bewusst herbeigeführte Brüche, wenn auch temporärer Natur, in Zeit und Raum der Herrschaft, deshalb notwendigerweise einen gewaltvollen Bruch. Obwohl solche Brüche auch einen quantitativen Aspekt haben (weil soziale Phänomene nicht auf eine beliebige Aktion einer Hand voll Revolutionärer reduziert werden können), zielen sie auf die Qualität der Konfrontation ab. Sie zielen auf Machtstrukturen und -beziehungen, brechen mit deren Zeit und Raum und erlauben durch die Erfahrungen und angewendeten Methoden zur Selbst-Organisation und direkten Aktion immer mehr Aspekte der Herrschaft zu hinterfragen und anzugreifen. Kurz gesagt, erscheinen uns die aufständischen Brüche notwendig auf dem Weg in eine revolutionäre Transformation des Bestehenden.

Aus all dem leitet sich logischerweise die Frage ab, wie Anarchisten sich organisieren können, um zu einem solchen Bruch beizutragen. Ohne die stets wichtige Verbreitung anarchistischer Ideen aufzugeben, geht es unserer Meinung nach heutzutage nicht darum, um jeden Preis möglichst viele Leute um den Anarchismus zu versammeln. Mit anderen Worten denken wir nicht, dass starke anarchistische Organisationen nötig sind, deren Einfluss Ausgebeutete und Ausgeschlossene anzieht, ein quantitatives Vorspiel für diese Organisationen, die wiederum (wenn die Zeit reif ist) das Signal für den Aufstand geben werden. Darüber hinaus denken wir, dass es undenkbar ist, dass heutzutage aufständische Brüche von Organisationen ausgehen können, die die Interessen einer bestimmten sozialen Gruppe vertreten, ausgehend von zum Beispiel mehr oder weniger anarcho-syndikalistischen Formen. Die Integration solcher Organisationen ins demokratische Management entspricht tatsächlich perfekt der heutigen kapitalistischen Ökonomie. Eben diese Integration hat jeden erhofften Übergang von einer defensiven Position zur Offensive unmöglich gemacht. […]

Affinität und Affinitätsgruppen

Viele schrecken vor Affinität zurück. Es ist in der Tat sehr viel einfacher und weniger anstrengend, irgendwo beizutreten – sei es einer Organisation, einer permanenten Versammlung oder einer Szene – und deren formale Charakteristiken aufzunehmen und zu reproduzieren, anstatt eine lange und nie ausgereizte Suche nach Kameraden durchzuführen um Ideen, Analysen und eventuelle Projekte zu teilen. Denn Affinität ist genau dies: Ein wechselseitiges Wissen zwischen Kameraden, geteilte Analysen, die zu Perspektiven der Aktionen führen. Affinität zielt deshalb einerseits auf theoretische Vertiefung und andererseits auf Intervention innerhalb der sozialen Konfliktualität ab.

Affinität ist radikal qualitativ. Ihr Ziel ist das Teilen von Ideen und Methoden und nicht das endlose Wachstum. Dennoch scheint die größte Sorge vieler Kameraden, wenn auch gut versteckt, die Zahl der Mitstreiter zu sein. Wie viele sind wir? Wie können wir handeln um zahlreicher zu werden? Aus der Konzentration auf diese Frage und der Feststellung, dass wir heute nicht sehr viele sind, was auch damit zusammenhängt, dass viele unsere Ideen nicht teilen (nein, auch nicht unbewusst), können wir folgern, dass wir, um zahlreicher zu werden, vermeiden sollten, einen zu starken Akzent auf bestimmte Ideen zu legen. Dieser Tage […] denken [sehr viele], der beste Weg, andere kennenzulernen bestehe in „Konsens“-Aktivitäten, wie zum Beispiel Workshops, Konzerte, selbst verwaltete Bars etc. Sicherlich können solche Aktivitäten ihren Platz haben, aber wenn wir die Vertiefung der Affinität betrachten, geht es um etwas anderes. Affinität ist nicht das gleiche wie Freundschaft. Natürlich schließen sich die beiden nicht aus, aber nur weil man bestimmte Analysen miteinander teilt heißt das nicht, dass man auch miteinander schläft, und umgekehrt. Genau wie es auch nicht bedeutet, auf dem gleichen Weg gegen Herrschaft kämpfen zu wollen, nur weil man die gleiche Musik hört.

Die Suche nach Affinität spielt sich auf zwischenmenschlicher Ebene ab. Es handelt sich also nicht um eine kollektive Angelegenheit, eine Sache der Gruppe, wo es immer einfacher wäre, zu folgen, als selbst zu denken. Die Vertiefung der Affinität ist offensichtlich eine Sache des Gedankens und der Aktion, aber im Grunde ist Affinität nicht das Resultat einer gemeinsam ausgeführten Aktion sondern eher der Ausganspunkt, um zur Aktion zu schreiten. Okay, das haben wir verstanden, werden einige erwidern, aber das heißt dann, dass ich viele Leute nicht kennenlernen werde, die gute Kameraden sein könnten, denn auf gewisse Art und Weise würde ich mich selbst mit meiner Affinitätsgruppe von allen anderen isolieren. Es ist richtig, dass die Suche nach und die Vertiefung der Affinität viel Zeit und Energie erfordern und dass es deshalb nicht möglich ist, sie mit allen Kameraden zu generalisieren. Die anarchistische Bewegung eines Landes, einer Stadt oder sogar eines Viertels kann nicht zu einer großen Affinitätsgruppe werden. Es geht nicht darum verschiedene Affinitätsgruppen mit immer mehr Kameraden zu vergrößern, sondern darum eine Vervielfachung von autonomen Affinitätsgruppen möglich zu machen. Die Suche, die Ausarbeitung und die Vertiefung der Affinität führen zu kleinen Gruppen von Kameraden die einander kennen, Analysen teilen und gemeinsam zur Aktion übergehen.

Der Aspekt „Gruppe“ einer Affinitätsgruppe wurde regelmäßig kritisiert, sowohl zu Unrecht, als auch zu Recht. Oft gibt es Kameraden, die den Gedanken der Affinität teilen. Aber sehr viel komplizierter wird es, wenn wir über „Gruppen“ sprechen, die einerseits über einen zwischenmenschlichen Aspekt hinausgehen, andererseits jedoch das „Wachstum“ begrenzen. Die Einwände bestehen meistens daraus, die schädlichen Mechanismen des „intern / extern“, des „innen / außen“, das solche Affinitätsgruppen generieren können, zu unterstreichen […]. Aber dies sind Probleme, die in jeder Organisation vorkommen und nicht exklusiv mit Affinität einher gehen. Es geht also eher darum, zu reflektieren, wie die Suche nach Affinität eine Expansion, eine Verbreitung und Multiplikation zur Folge haben kann statt eine Stagnation und Paralyse zu verursachen.

Eine Affinitätsgruppe ist nicht das gleiche wie eine „Zelle“ einer Partei oder eine urbanen Guerillaformation. Da die Suche nach ihr permanent ist, entfaltet sich Affinität in Permanenz. Sie kann „wachsen“ bis zu dem Punkt, dass ein gemeinsames Projekt möglich wird, andererseits kann sie sich auch „verkleinern“ bis es unmöglich wird, irgendetwas zusammen zu machen. Das Archipel der Affinitätsgruppen verändert sich deshalb konstant. Auf diese konstante Veränderung wird von Kritikern oft hingewiesen: Man kann nicht darauf aufbauen da es keine stabile Konstellation ist. Wir sind vom Gegenteil überzeugt: man kann nichts rund um organisatorische Formen aufbauen, die sich um sich selbst drehen, weg von den Individuen die Teil davon sind. Denn früher oder später, bei ersten Rückschlägen, werden ohnehin Entschuldigungen und Ausflüchte auftauchen. Der einzig fruchtbare Boden auf dem wir bauen können ist die gemeinsame Suche nach Affinität.

Schlussendlich wollen wir noch aufzeigen, dass ein weiterer Vorteil dieser Form der Organisation ihre starke Widerstandsfähigkeit gegen repressive Maßnahmen des Staates ist, da sie keine repräsentative Basteien, Strukturen oder Namen zu verteidigen hat. […] Affinität ist eine sehr schwer zu korrumpierende Basis, eben weil sie von Ideen ausgeht und sich entlang dieser entfaltet.

Informelle Organisation und Projektualität

Wir glauben, dass Anarchisten die größte Freiheit in Autonomie und Bewegung haben, um in soziale Konflikutalität zu intervenieren, indem sie sich selbst in kleinen auf Affinität basierenden Gruppen organisieren, statt in großen Formationen oder in quantitativen Organisationsformen. Natürlich ist es wünschenswert und oft auch notwendig, dass diese kleinen Gruppen fähig sind zu einem gegenseitigen Verständnis zu gelangen. Und nicht um sich in ein Moloch oder eine Phalanx zu verwandeln, sondern um spezifische und gemeinsame Ziele zu realisieren. Deshalb bestimmen diese Ziele die Intensität der Kooperation, der Organisation. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass eine Afffinitätsgruppe eine Demonstration organisiert, aber in vielen Fällen ist die Koordination zwischen den verschiedenen Gruppen wünschenswert und notwendig um ein spezifisches, zeitlich begrenztes Ziel zu realisieren. Die Kooperation kann auch intensiver sein, im Falle eines mittelfristigen Kampfes, wie zum Beispiel ein spezifischer Kampf gegen eine Machtstruktur (der Bau eines Abschiebezentrums, [etc.]). In diesem Fall könnte man von informeller Organisation sprechen. Organisation, weil es um Koordination von Wille, Mitteln und Kapazitäten der verschiedenen Affinitätsgruppen und Individuen geht, die ein zeitlich begrenztes spezifisches Projekt teilen. Informell, weil es nicht darum geht, irgendeinen Namen zu vermarkten, die Organisation in ihrer Quantität zu stärken, ihr formell beizutreten oder sich einem Programm oder einer Deklaration von Grundsätzen zu verschreiben, sondern um eine agile und lockere Koordination, um den Bedürfnissen eines Projekts des Kampfes gerecht zu werden.

In gewisser Weise findet informelle Organisation auch auf der Basis von Affinität statt, aber sie geht über den interindividuellen Charakter hinaus. Sie existiert nur in der Präsenz einer gemeinsamen Projektualität. Eine informelle Organisation ist deshalb direkt in Richtung Kampf orientiert, und kann nicht unabhängig von ihm existieren. Wie wir vorher erwähnten, hilft sie gewissen Anforderungen eines Projekts des Kampfes gerecht zu werden, die von einer einzelnen Affinitätsgruppe nicht oder nur schwer allein gestemmt werden können. Sie kann beispielsweise die Mittel die wir als notwendig erachten, zugänglich machen. Deshalb hat die informelle Organisation nicht das Ziel, alle Gefährten unter einer Flagge zu vereinen, oder die Autonomie der Affinitätsgruppe und Individualitäten zu reduzieren, sondern dieser Autonomie einen Dialog zu ermöglichen. Es geht bei informeller Organisation nicht darum, alles gemeinsam zu machen, sie ist vielmehr ein Werkzeug, um einem gemeinsamen Projekt durch die spezifischen Interventionen von Affinitätsgruppen und Individualitäten Gestalt zu geben.

Was bedeutet es ein Projekt zu haben? Anarchisten wollen die Zerstörung jeder Autorität, wir können also davon ausgehen, dass sie permanent Wege suchen, um dieses Ziel zu erreichen. Mit anderen Worten, ist es sicherlich möglich Anarchist und aktiv zu sein, ohne ein spezifisches Projekt des Kampfes zu haben. Tatsächlich ist es das, was im Allgemeinen passiert. Entweder Anarchisten folgen den Anweisungen der Organisation, der sie angehören (das scheint der Vergangenheit anzugehören), oder sie warten auf Kämpfe, an denen sie teilnehmen können, oder sie versuchen so viele anarchistische Aspekte wie möglich in ihr tägliches Leben einzubringen. Keine dieser Haltungen lässt die Anwesenheit einer realen Projektualität vermuten – was, um es klarzustellen, diese Gefährten nicht weniger anarchistisch macht. Ein Projekt basiert jedoch auf der Analyse des sozialen, politischen und ökonomischen Kontextes, in dem man sich selbst befindet, und von dem ausgehend man eine Perspektive entwirft, die einem erlaubt, kurz- oder mittelfristig zu intervenieren. Deshalb umfasst also ein Projekt Analysen, Ideen und Methoden, koordiniert um ein Ziel zu erreichen. […] Man kann sich [beispielsweise] dazu entscheiden, gegen Abschiebungen zu kämpfen, gegen die Verschlechterung der Überlebensbedingungen, gegen Knäste… weil all diese Dinge einfach unvereinbar mit seinen Ideen sind. Ein Projekt zu entwickeln würde eine Analyse erfordern um zu verstehen, wo eine anarchistische Intervention am interessantesten wäre, welche Methoden zu nutzen wären, wie man sich vorstellen könnte, einen Impuls oder eine Intensivierung der konfliktuellen Spannung in einer bestimmten Zeitspanne auszulösen. Es ist selbstverständlich, dass solche Projekte oft der Anlass sind, sich informell, in einer Koordination der verschiedenen Gruppen und anarchistischen Individualitäten, zu organisieren.

Deshalb kann eine informelle Organisation nicht gegründet, gebildet oder abgeschafft werden. Sie wird auf einem komplett natürlichen Weg geboren, erfüllt die Bedürfnisse eines Projekts des Kampfes und verschwindet wenn das Projekt realisiert ist oder es als nicht mehr möglich oder nicht mehr angemessen zu realisieren bewertet wird. Sie stimmt nicht mit der Gesamtheit des gerade stattfindenden Kampfes überein: die vielen organisatorischen Formen, die verschiedenen Treffpunkte, die Versammlungen etc. die vom Kampf produziert wurden, werden unabhängig von der informellen Organisation weiterexistieren, was nicht heißt, dass Anarchisten nicht auch dort präsent sein können.

***

[…]

Kurz

Wenn es nicht mehr darum geht, wie man Menschen für den Kampf organisieren kann, ist die neue Frage, wie man den Kampf organisieren kann. Wir denken, dass Archipele aus voneinander unabhängigen Affinitätsgruppen, die gleiche Perspektiven und konkrete Projekte des Kampfes haben, der beste Weg sind, um direkt in die Offensive zu gehen. Diese Konzeption bietet die größte Autonomie und das breiteste Spektrum möglicher Aktionen. Im Rahmen aufständischer Projekte ist es nötig und möglich, Wege der informellen Organisation zu finden, die die Auseinandersetzung zwischen Anarchisten und anderen Rebellen erlauben, Formen der Organisation, die nicht dazu gedacht sind fortzudauern, sondern auf ein spezifisches und aufständisches Ziel ausgerichtet sind.

Ich arbeite nicht mehr, ich klaue mein Leben zurück

Ich stehe in der Warteschlange einer ALDI-Kasse. Semmeln für 1,20 € und eine Dose Tomaten für 39 ct habe ich auf das Kassenband gelegt. Der Rest meiner Einkäufe befindet sich in meinem Rucksack, gut versteckt vor den neugierigen Blicken der Mitarbeiter*innen und Kund*innen. „Das macht dann 1,59 €“ verkündet mir die*der Kassierer*in. Ich bezahle, verabschiede mich freundlich und steuere auf den Ausgang zu. Natürlich habe ich mich vorher vergewissert, dass dort kein bulliger Secu den Durchgang blockiert.

Zuhause packe ich meinen Rucksack aus: Frisches Bio-Gemüse, Süßigkeiten, Nudeln, CousCous, Olivenöl, … Warum sollte ich mich schlechter ernähren, nur weil ich weniger Geld als andere habe?

Heute kommt Judith zum Essen. Judith kann momentan nicht mehr klauen, weil sie auf Bewährung ist. Also teilen wir alle mit Judith, damit sie trotzdem nicht arbeiten muss. Als Judith damals verurteilt wurde, hat sie bei der Roten Hilfe um Unterstützung gebeten, aber den großen Antikapitalist*innen dort war Judiths Ladendiebstahl nicht politisch genug gewesen, um es wert zu sein unterstützt zu werden. Egoistisch sei dieser Diebstahl gewesen und eher schädlich für die Sache, als gut. Für welche Sache, fragten wir uns damals alle. Heute wissen wir: Sich zu nehmen, was mensch zum Leben braucht ist nur dann in Ordnung, wenn wir das als proletarische Massenbewegung tun, wenn wir uns jedoch selbst ermächtigen, uns zu nehmen, was wir brauchen, dann ist das für die moralisch integren Revolutionsführer*innen verwerflich. Seitdem nennen wir uns mit Stolz Egoist*innen, denn wir folgen weder einem Gott, noch einer*einem Herr*in!

Auch meine Mutter findet es nicht gut, dass ich mir nehme, was mir gefällt. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagte sie mir einmal. Wo hatte sie diesen Wahlspruch der Sozialdemokratie nur wieder her? Ich jedoch esse trotzdem, erstens weil ich es muss und zweitens weil ich es will! Ganz ähnlich hatte auch die Richterin Judith damals erklärt: „Wenn Sie arbeiten gehen, dann können Sie sich auch Bücher leisten und müssen diese nicht stehlen.“ Zu zehnt liefen wir damals im Gericht von Toilette zu Toilette und klauten dort das Toilettenpapier. Was wir damals aus Rache taten, das mache ich heute einmal alle zwei Wochen und so muss ich jedes Mal wenn ich mir den Hintern abwische mit leiser Freude daran denken, dass jetzt vielleicht ein*e Richter*in ohne Toilettenpapier auf dem Klo sitzt.

Es klingelt an der Tür. Judith hat Ina und Vroni mitgebracht. Auch den beiden fällt es schwerer zu stehlen. Ina wird von den Verkäufer*innen, Secus und Bull*innen ohnehin immer argwöhnisch angekuckt. Schon öfter wurde sie beim Verlassen des Ladens durchsucht, auch wenn sie brav bezahlt hat. Mensch nennt das racial profiling, denn Ina ist nicht weiß, wie die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Scheiß Rassist*innen! Vroni dagegen fällt es schwer zu stehlen, weil sie panische Angst hat erwischt zu werden. Oft übernimmt sie deshalb eine beobachtende Rolle und warnt uns anderen vor herumlungernden Secus, während wir zusammen unsere Wochen“einkäufe“ machen. Jede*r nach seinen*ihren Möglichkeiten, Jeder*m nach ihren*seinen Bedürfnissen. Ist es nicht seltsam, dass wir diese Marx’sche Utopie zumindest teilweise auch ohne die proletarischen Massen verwirklichen konnten?

Nach dem Essen geht es noch in den Baumarkt, denn für heute Nacht haben wir uns noch etwas vorgenommen. Ina packt ihren Rucksack voll mit Sprühdosen, während ich eine Packung Einmalhandschuhe in meinem Umhängebeutel verschwinden lasse. Zu dritt verlassen wir den Laden ohne zu bezahlen, während Judith noch immer von einem Verkäufer gemansplained bekommt, welche Farbe geeignet ist, um ihr Wohnzimmer zu streichen. Haha, welches Wohnzimmer überhaupt.

Und wenn du nun glaubst, ich und meine Freund*innen leben im Luxus, dann hast du nichts verstanden: Wir nehmen uns täglich was wir zum Leben brauchen, denn wir wurden ungefragt in eine Welt geboren, die uns diese Dinge verweigert. Wir haben keine Lust unsere Arbeitskraft zu verkaufen, wir wollen unbeschwert leben ohne die Sorgen des Geldes. Und wenn auch du keine Lust mehr hast, dieses Spiel mitzuspielen, jeden Morgen früh aufstehen und doch nichts vom Tag zu haben, dann solltest auch du anfangen dir einfach zu nehmen, was du zum Leben brauchst. Lass uns gemeinsam gegen diese Welt revoltieren, indem wir auf deren Regeln scheißen!

Und unterdessen dämmert der Morgen in München. Die ersten Arbeitssklav*innen sind bereits auf den Beinen. Und an den Fassaden der prunkvollsten Häuser in allen Straßen steht eine Botschaft an sie geschrieben:

Geht stehlen, statt wählen!

War starts here – Kampagne gegen die kriegerische Normalität Markieren, blockieren und sabotieren

Im Jahr 2011, vor acht Jahren, wurde von verschiedenen autonomen Gruppen die Kampagne „War starts here – let‘s stop it here“ initiiert. Im Aufruf hieß es damals:

„Wir rufen auf, aktiv einzugreifen in die kriegerische Normalität und die zahllosen zivilmilitärischen Verflechtungen. Der Fokus unserer Kampagne liegt auf der erweiterten Infrastruktur und der ideologischen Legitimierung von militärischer Gewalt. Wir wollen die verschiedenen Facetten dieser Herrschaftssicherung sichtbar machen, stören und angreifen. Das Vorbereiten, Üben und Koordinieren von Krieg, das Produzieren, Transportieren, Forschen, Werben und Rekrutieren für den Krieg findet direkt vor unseren Augen statt.

Doch es geht uns um mehr als direkt militärisch erkennbare Rüstungsindustrien, Bundeswehreinrichtungen und -geräte, Truppenübungs- und Umschlagplätze. Patriarchale und neokoloniale Ideologien und Denkmuster müssen in den eigenen Köpfen als Teil von Militarisierung und Kriegsführung erkennbar gemacht werden. Wir wollen auch zivile Orte und Institutionen – Schulen, Arbeitsagenturen, Universitäten, Berufsmessen – als Orte markieren, in die militärische Formierung und Rekrutierung tagtäglich eindringt. […]

Das militärische Führen und Kontrollieren von Konflikten wird in immer mehr Situationen offensiv als alternativlos propagiert. Krieg wird weiter normalisiert, ob humanitär etikettiert, mit Doktrin der „responsibility to protect“ (Verantwortung zu schützen) oder offen ökonomisch begründet zur Durchsetzung von freien Rohstoff- und Handelsströmen. […]

Die Sicherung von staatlicher Herrschaft und die Durchsetzung ökonomischer Interessen machen den Kriegszustand allgegenwärtig. Ob völkerrechtlicher Angriff oder innerstaatliches Verbrechen, ob Kombattant oder Krimineller, ob Krieg oder Frieden: die überkommenen Begriffe verlieren ihre Trennschärfe und damit ihre Relevanz‘ (Schäuble, Jan 2007). Unterschiede zwischen Innen und Außen, militärische und zivil, Polizei und Militär, Krieg und Frieden verlieren ihre Konturen.“

An dieser Beschreibung hat sich bis heute wenig geändert. Deutsche Soldat*innen sind an gleichen Kriegsschauplätzen präsent wie noch vor zehn Jahren, einige neue sind dazu gekommen. Der sogenannte „Antiterror“-Einsatz in Mali z.B. dient dabei vor allem der militärischen Migrationskontrolle.

Die EU-Militärmission „Sophia“ zur angeblichen Bekämpfung von „Schleppern“ ist dagegen eingestellt worden, was neben der Stilllegung von NGO-Rettungsschiffen und der Ausrüstung sogenannter libyischer Küstenwachen dazu führt, dass immer mehr Flüchtende im Mittelmeer ertrinken oder ihrem Schicksal in einem libyschen Sklavenlager überlassen werden. Der Exportstopp für Waffenlieferungen nach Saudi Arabien dauerte gerade einmal ein paar Monate und ist inzwischen schon wieder Geschichte. Deutschland ist seit Jahren immer unter den Top Five der globalen Rüstungsexportnationen. Inzwischen steht auch eine neue Runde globaler atomarer Aufrüstung bevor.

Die antimilitaristischen Mobilisierungen der letzten Jahre gegen Rüstungsexporte, Kriegseinsätze, Rekrutierungen und Militarisierung der Gesellschaft sind leider kaum mehr wahrnehmbar. Um hier wieder „in die Offensive“ zu kommen, schlagen wir vor, die Kampagne neu zu beleben und dabei den Zusammenhang von Ausbeutung der globalen Ressourcen für die kapitalistische Produktion, Krieg und Flucht in den Mittelpunkt zu stellen. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse und die Verfestigung staatlicher Macht produzieren diesen Kreislauf und eine politische Lösung der globalen Probleme sind unter diesen Verhältnissen unmöglich. Viele, vor allem junge Menschen wissen das und scheinen nicht mehr bereit zu sein, in Ruhe abzuwarten und sich von den Regierenden weiter belügen zu lassen. Die globale Ausbeutung von Menschen und Natur ist nichts anderes als ein Krieg, und der beginnt hier, im globalen Norden, in Europa, in Deutschland. Der Krieg um den Zugang zu Rohstoffen und Absatzmärkten beginnt hier, der Krieg gegen Migration und Flucht beginnt hier. Hier können wir diesen Krieg auch bekämpfen.

Ein Slogan der ersten „War starts here“-Kampagne war: „Markieren, Blockieren, Sabotieren!“ Der ist im Rahmen der antimilitaristischen Mobilisierungen aufgegriffen und vielfältig umgesetzt worden. Inzwischen kann dieser Slogan auch ein wesentlicher Handlungsrahmen der Klimabewegung werden. Daran wollen wir anknüpfen.
Zum Thema Krieg existiert bereits ein Plakat, dass unter dem Motto – Krieg beginnt hier – einige Rüstungsstandorte in München markiert und darauf wartet, durch entsprechende Verantwortliche des globalen Klimawandels, erweitert zu werden. Dazu zählen, neben dem von den SWM betriebenen Kohlekraftwerk im Münchner Norden*, diverse Luftfahrt-Konzerne wie Airbus Defence and Space (früher EADS) und MTU, die im zivilen wie auch im militärischen an der weltweiten Zerstörung der Erde beteiligt sind. Die Energiekonzerne EO.N und RWE haben hier ihre Fillialen. Auch der Technologiekonzern Siemens, der erst durch die Machtergreifung der NSDAP zum weltgrößten Unternehmen im Bereich der Elektrotechnik wurde, hat seinen Hauptsitz in München.

Als ein Profiteur der Automobilindustrie hat die BMW Group ebenfalls ihren Hauptsitz in München. Die Autos werden hier in Massen produziert und weltweit verfrachtet, um den Reichtum weniger Profiteure zu vermehren. Die direkten Folgen, die durch CO2-Emissionen verursacht werden sind Dürren und Umweltkatastrophen im globalen Süden und somit der Tod Hundertausender.

Krieg und Klimazerstörung beginnen hier – und sind hier aufzuhalten.

* Das trotz eines erfolgreichen Bürgerentscheids bis Ende 2030 am Netz bleiben wird

„Deckname Jenny“ in München

Wann

  • Samstag den 13.07.2019, 17:00 – 19:30
  • Montag den 15.07.2019, 17:00 – 19:30

Wo

Werkstattkino
Fraunhoferstr. 9
80469 München

Sondervorführung im wunderbaren „werkstattkino“ mit Regie/Buch von Deckname Jenny.

In Kooperation mit Vertreter*innen von „Seebrücke München und „Klimacamp Chiemsee“ – Film- & Publikumsgespräch im Anschluß

DECKNAME JENNY 108min

Rechtsruck in Europa. In Deutschland morden die Nazis wieder. Ertrunkene Menschen im Mittelmeer. Und die EU kriminalisiert eine Kapitänin die Menschen gerettet hat. Der Klimawandel wird von der Politik ausgesessen.

Jennys Bande reichts. Sie schaut nicht mehr zu. Und handelt. Doch als Jennys Vater deren militante Ambitionen herausfindet, muss er sich seiner eigenen Vergangenheit als Mitglied einer Stadtguerillagruppe stellen. Und nun wird es für alle Beteiligten eng…

hochaktuell * generationsübergreifend * mit Augenzwinkern * subversiv * anarchistisch * aus einem queeren & feministischen Blickwinkel *

Ein politischer Spielfilm von Aktivist*innen, kritischen Schauspieler*innen und Filmemacher*innen. Jenseits jeder Mainstreamproduktion ein professioneller Film aus der Bewegung!

Trailer gibts hier:
https://jenny.in-berlin.de/