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Sie hätten gerne…

Sie hätten gerne, dass wir uns anpassen.

Unsere Arbeit machen. Irgend so einen Scheiss Job. Hauptsache Arbeit.

Dass wir uns abfinden mit dem kläglichen Alltag zwischen Arbeit, Konsum und Kleinfamilie.

Sie hätten gerne, dass wir vergessen.

Was Leben sein könnte. Und was es heute ist: verkümmert und von Autorität verseucht.

Dass wir vergessen, wie dieser Planet Tag für Tag vor die Hunde geht, auf die gleiche Weise wie die Freiheit, und mit ihr die Freude am Leben vor die Hunde geht.

Vergessen, dass es unser Gehorsam diese ganze Scheisse ermöglicht, und das wir auch ganz anders könnten: das wir „auf schlechte Ideen“ kommen könnten, darüber nachdenken könnten, was hier abgeht, und darüber, dass, wenn wir es sind, die diese Scheisse ermöglichen, es auch wir sein könnten, die sie unmöglich machen.

Vor allem hätten sie gerne, das wir das vergessen das wir etwas verändern können, das Jeder und Jede die Möglichkeit hat anzugreifen. Sich zu wehren. Zu sabotieren. Weil es viel einfacher ist, als sie uns glauben machen wollen…

Was sie gerne hätten, seien sie Bullen, Ämter, Eltern, Lehrer oder Bürger, kann uns am Arsch vorbeigehen. Wenn wir uns fragen was wir wollen, sehen wir schnell, das es etwas ganz anderes ist. Wir müssen nur darauf beharren, und uns nicht kleinkriegen lassen von dieser erdrückenden Gesellschaft. Diejenigen, die uns davon abhalten wollen selbst zu denken und darnach zu handeln, können wir getrost ignorieren, und wenn sie zu aufdringlich werden, können wir uns wehren. Wir können den Ausbruch planen, mit denen, die das auch wollen, wir können die ganze Scheisse angreifen, was es braucht ist nur genügend Hartnäckigkeit! Denn:

Sich nie mehr anpassen und aus der Verantwortungslosigkeit heraustreten, um, gestützt auf das eigene Wollen, diese Gesellschaft anzugreifen, ist und bleibt die einzig würdige Art zu leben. Alles andere wird uns kaputt machen, uns unsere Träume vergessen lassen, bis wir selbst irgendwann im Büro sitzen, das wir doch kurz zuvor noch abfackeln wollten.

 

Was (für Scheisse) in dieser Welt/hier abgeht.
Vergessen, was in der Welt abgeht. In was für einer Welt wir leben, die jeden Tag mehr vor die Hunde geht.///
Dass wir vergessen, dass es immer noch unser Gehorsam ist, der diese Scheisse ermöglicht.
Sie hätten gerne, dass wir nicht auf schlechte Ideen kommen. Nicht nachdenken, über unser Leben, die niederschmetternde Gegenwart. Und schon gar nicht über die Zukunft. Zukunft… wer glaubt schon daran /// Oh, die Zukunft! Alle wissen, sie wird strahlend sein; atomar…
etc!!!

 

Doch wir scheissen darauf, was sie gerne hätten. Selbst wenn sie uns zwingen wollen.

Mit TV, Drogen, Antidepressiva…

Mit Bullen, Knast und Psychi…

Circa 2013 geschrieben, jetzt erstmals veröffentlicht. Die Scheiße geht halt weiter. Wie immer…

»In München hasst mittlerweile fast jede*r die Polizei«

… so fasste kürzlich eine zufällig vorbeikommende Beobachterin einer der zahlreichen Bullenkontrollen in der Nähe der Isar die Situation in München, wie ich finde sehr treffend, zusammen. Und ergänzte dann im Verlaufe eines sich spontan ergebenden Gesprächs unter Leidensgefährt*innen noch »das haben sie [die Bullen] sich in den letzten Wochen aber auch redlich verdient«. Auch wenn ich finde, dass Bullen sich schon immer den Hass der Menschen »redlich verdient« haben, kann ich sehr gut verstehen, was die Person meinte: Die ständigen Schikanen und Kontrollen der Bullen in den letzten Wochen an der Isar, im Englischen Garten, am Gärtnerplatz und überall sonst, wo sich am Wochenende Menschen zusammenfinden, haben viele Menschen, die bisher von der Polizei weitestgehend verschont geblieben waren, mit der Realität bekannt gemacht, dass Draußen Gefahrengebiet ist, eine Zone des Konflikts zwischen einer straff organisierten, uniformierten und bewaffneten Gang, die nach totaler Kontrolle strebt und den einzelnen Individuen und Gruppen von Menschen, nicht uniformiert, nicht organisiert und höchstens mit Glasflaschen und Steinen bewaffnet, die eigentlich nur eines wollen: Von den Cops in Ruhe gelassen werden.

Und weil ihnen allen dies nicht vergönnt ist, weil es mittlerweile kaum mehr möglich ist, zu dritt an der Isar zu sitzen, ohne dass einer ein aufdringlicher Wichser mit einer Hochleistungstaschenlampe in die Fresse leuchtet, weil selbst der Spaziergang – mit oder ohne Hund – nicht selten in einer »verdachtsunabhängigen Intensivkontrolle« endet, weil an den »Brennpunkten« der Stadt uniformierte Aufsichten rumlungern, mit ihren Autoscheinwerfern und Blaulichtern ein dystopisches Ambiente verbreiten oder ab einer bestimmten Uhrzeit die Runde machen, um Musikboxen »einzusammeln«, weil es für all diejenigen, die sich dem nicht in vorauseilendem Gehorsam fügen, nicht nur eine Flut an lächerlichen Anzeigen hagelt, sondern ab und an auch Prügel mit dem Schlagstock, Nächte in Gewahrsamszellen und all das übrige, bislang vor allem den »üblichen Verdächtigen« bekannte Repertoire an Repression: Deshalb liegt überall dort, wo die Cops auftauchen, eine knisternde Spannung in der Luft, deshalb warnen sich einander völlig unbekannte Personen gegenseitig vor den Bullen, deshalb sind „Fick die Cops“ oder „Scheiß Bullen“ mancherorts so eine Art allgemeiner Gruß bzw. allgemein gebrauchte Floskeln, um die Stille zwischen zwei Gesprächen zu überbrücken, geworden, deshalb werden Barrikaden und gesmashte Bullenwägen mit allgemeinem Jubel begrüßt und deshalb passiert es mittlerweile fast täglich, dass auch die Bullen mal wieder eins auf die Fresse kassieren, dass festgenommene Personen von anderen befreit werden und dass sich einander völlig unbekannte Personen spontan gegen die Bullen verbünden. »Sobald die Polizei auftaucht, gibt es ein neues Feindbild: die Polizei«, titelte jüngst sogar die Süddeutsche und beschreibt damit ausnahmsweise einmal treffend die Situation an Wochenenden in der Münchner Innenstadt und an der Isar. Und selbst die Cops scheinen wenigstens ein bisschen Angst zu haben, wenngleich noch lange nicht genug: Das ständige Pendeln zwischen totaler Deeskalation – etwa wenn USK-Beamt*innen in voller Montur geradezu auf den Knien betteln, dass ihren Anweisungen doch bitte Folge geleistet werde – und totaler Eskalation – wenn die gleichen Cops dann nach einer halben Stunde behelmt und mit Schlagstock in der Hand wiederkommen, um ihre unerhörten Bitten dann doch mit physischer Gewalt durchzusetzen – offenbart in meinen Augen die Unsicherheit der Münchner Polizei, die sich sichtlich schwer damit tut, modernere Polizeitaktiken umzusetzen, bei denen sie eben nicht jeden Gesetzesverstoß ahnden, um eine potenziell gefährliche Menschenmasse im Großen und Ganzen im Griff zu behalten. In Bayern und München im Besonderen ist man es seitens der Polizei eben gewohnt, Stärke zu zeigen und um jeden Preis für Ordnung zu sorgen, das lässt sich nicht so ohne weiteres ablegen.

Dabei könnte eben diese nervige Angewohnheit der Bullen uns vielleicht doch einmal zum Vorteil gereichen: Denn wer überall für Ordnung sorgen will, verliert in den Momenten, in denen an mehreren Orten zugleich chaotische Situationen entstehen selbst dann die Kontrolle, wenn eigentlich eine Übermacht an Bullen im Einsatz ist – was zusätzlich auch mächtig an den polizeilichen »Personalressourcen« zehrt. Wenn die Cops gegen 12 damit beginnen, Feiernde an der Isar aufzuscheuchen, kreieren sie gewissermaßen selbst eine solche chaotische Situation, denn nur weil eine*n die Bullen von irgendwo vertreiben, ist der Abend selbstverständlich noch lange nicht vorbei. Und warum nicht auf dem Heimweg noch schnell ein paar Müllcontainer auf die Straße ziehen, um wenigstens die Mobilität der Bullen einzuschränken oder seinem Frust durch ein kleines Feuerchen Luft machen? Beides konnte mensch an den vergangenen Wochenenden beobachten und beides sorgte für sichtliche Irritationen bei den Cops, denen vielleicht langsam dämmert, dass ihnen die Kontrolle über die Situation zunehmend entgleitet.

Und an all die Krawalltouristen und wütenden Jugendlichen da draußen, die ihr überall in der Stadt auf die Eskalation lauert: Ihr seid nicht alleine, lasst uns gemeinsam überall in der Stadt unkontrollierbare Situationen schaffen.

 

[Libanon] Chronik der Revolte gegen die durch Corona noch weiter verschärfte Wirtschaftskrise

Bericht vom 28.04. – Die Revolte ist stärker als ihre Ausgangssperre

Im Libanon, auch wenn die Quarantänebestimmungen [confinement], die am 14. März eingerichtet worden waren, diesen Montag ihr Ende nahmen, sind die Maßnahmen der „Entquarantänisierung“ [dé-confinement] nicht weniger drastisch, insbesondere mit der Einrichtung einer Ausgangssperre. Dies konnte dennoch nicht verhindern, dass sich die Straßen entflammten (insbesondere die Banken). Am Abend des Montags, den 27. April in Tripolis, im Norden des Landes, haben tausende Personen den Quarantänebestimmungen und der Ausgangssperre getrotzt, indem sie auf die Straße gingen, um zahlreiche Banken anzuzünden und sich den bewaffneten Milizen des Staates zu stellen. Mindestens ein Militärfahrzeug brannte durch den Wurf eines Molotowcocktails ab. Die Repression durch die Armee ist  heftig: 40 Personen mussten ins Krankenhaus und ein junger 26-jähriger Mann starb, nachdem er während Auseinandersetzungen mit den Militärs durch eine Kugel verletzt worden war.

Männer, Frauen und Kinder marschierten in den Straßen und schrien „Revolution! Revolution!“. Die Protestierenden wurden in dem Moment von der Armee zurückgedrängt, als sie zum Haus eines Parlamentariers wollten, demgegenüber sie feindlich sind. Einige haben Steine geworfen, die Armee antwortete mit Schüssen in die Luft, um die Menge in der Zone rund um den Al-Nour-Platz zu zerstreuen. Unter anderen wurden ein Jeep der Armee und mehrere Bankfilialen durch den Wurf von Molotow-Cocktails in Brand gesetzt.

Am selben Abend wurden die Räume der Zentralbank in Sidon (im Süden) Ziel von Stein- und Böllerwürfen, wie die nationale Informationsagentur berichtete. In derselben Stadt war bereits am Samstag abend ein Sprengsatz gegen eine Bank geworfen worden.

Die letzten Tage hatte es tagsüber mehrere Demonstrationen gegeben, insbesondere durch Autokolonnen in der Hauptstadt, trotz der Quarantänebestimmungen, die am 14. März durch die Autoritäten ins Lebens gerufen worden waren, die auch eine nächtliche Ausgangssperre etablierten.

Am Abend des 26. April wurden mehrere libanesische Banken in Tripolis und Mina (im Norden) durch Unbekannte angegriffen. Diese Angriffe bildeten die Fortsetzung von ähnlichen Ereignissen in Tyr und Saïda im südlichen Libanon, im Laufe des Wochenendes, während der Libanon mit seiner schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit 30 Jahren konfrontiert ist. Des Nachts hat ein Gruppe Personen die Fassade der Bank Byblos in Mina angegriffen, ehe sie die Flucht ergriff. Im Zentrum von Tripolis, sind es die Filialen der BLOM Bank und der BBAC, die Ziel von Molotow-Cocktails wurden, die Männer, die Schutzmasken trugen, warfen. […]

„Die Politiker lenken unsere Aufmerksamkeit mit dem Coronavirus ab, um weiter stehlen zu können“, skandierten am 16. April Demonstrierende, ehe sie von den Streitkräften der Armee niedergeprügelt wurden.

Der Libanon hatte am 17. Oktober 2019 eine große Bewegung der Revolte erlebt, bei der der Al-Nour-Platz in Tripolis während langer Monate das Nervenzentrum der Revolution vom 17. Oktober gewesen war: an bestimmten Tagen waren Hunderttausende im ganzen Land auf die Straße gegangen, um ihre Wut herauszuschreien und danach zu handeln. Die Banken wurden regelmäßig Ziel, von der Straße der Komplizenschaft mit der politischen Macht beschuldigt und beschuldigt zur ungebremsten öffentlichen Verschuldung und dem Staatsbankrott beigetragen zu haben. Seit Monaten grassiert eine sehr schwere Wirtschaftskrise im Libanon, die durch die Coronapandemie und die Präventionsmaßnahmen, die darauf folgten, noch verschlimmert wurde.

Circa 45 % der Bevölkerung lebt laut offiziellen Schätzungen inzwischen unter der Armutsgrenze. 2020 sollte die Wirtschaft laut internationalem Währungsfond eine massive Schrumpfung von 12 % erleben. Der Libanon erfährt auch eine Abwertung seiner nationalen Währung im Vergleich zum Dollar, was eine heftige Inflation zur Folge hatte.

Der Coronavirus ist die geringste aller Sorgen der Libanes*innen, die verhungern. Die Gesamtanzahl an Personen, die sich seit dem 21. Februar am Virus angesteckt haben, beläuft sich auf 672. Und bisher gab es 21 Tote.

[Überwiegend vom „L’Orient-Le Jour“ vom 28.04.2020 übernommen, mit einigen Ergänzungen von Démesure.]

Aus dem Französischen übersetzt von Sans Attendre Demain.

Bericht vom 29.04. – Hin zu einer Ansteckung der Revolte? (28. April 2020, aktualisiert)

Diesen Dienstag, den 29. April, haben sich die Meutereien am zweiten Tag in Folge in Tripolis fortgesetzt. Am Vorabend hat die Nachricht vom Tod eines Demonstranten, Fawaz Fouad Samman, der am Vorabend von Kugeln während Auseinandersetzungen mit der Armee getötet wurde, die Feuer der Revolte in mehreren Städten geschürt, insbesondere im Süden des Landes, wie in Beyruth und in Saïda. Diese neue Nacht der Zusammenstöße soll 81 Verwundete unter den Sicherheitskräften (51 Militärs allein schon in Tripolis verwundet, darunter 6 Offiziere) verursacht haben. Um die zwanzig Personen wurden in Tripolis verhaftet.

In Tripolis, der zweitgrößten Stadt des Landes, hatten sich mehrere Tausend Menschen auf den Al-Nour-Platz eingefunden, unter dem Slogan „Das wird verheerend sein“, Anspielung auf die Natur der Demonstration: hunderte junge Leute haben die Straßen verbarrikadiert, zahlreiche Banken geplündert und angezündet (insbesondere die der libano-französischen Bank), Pflastersteine aus den Gehsteige gerissen, um sie auf die Militärs zu werfen und zwei Militärfahrzeuge abgefackelt. Sie sind mithilfe von Tränengas und Gummikugeln auseinandergetrieben worden. Die Soldat*innen haben ebenfalls die Verfolgung einiger Individuen aufgenommen, die mehrere Fahrzeuge der Armee beschädigt haben. Diese Unruhen haben direkt nach der Beerdigung des jungen Familienvaters stattgefunden, die am frühen Nachmittag organisiert worden war, inmitten einer angespannten Menge, die gekommen war, um ihm die letzte Ehre zu erweisen trotz der Bedrohung durch den Coronavirus. Auf dem Bahsas-Platz wurden zwei Soldaten durch Steinwürfe verletzt und ein Militärfahrzeug ist beschädigt worden.

Bevor die Spannung auf dem Al-Nour-Platz stieg, hatten Demonstrant*innen Steine auf die Residenz des ehemaligen Premierministers Nagib Mikati à Mina geworfen. Die Armee und die Sicherheitskräfte, groß eingesetzt, setzten massiv Gas ein, um die Demonstrierenden zu vertreiben. Daraufhin zerschlugen Protestierende die Fassaden von Bankfilialen in der Nähe.

„Ich will meine Stimme gegen den Hunger, die Armut, die Inflation und die Ungerechtigkeit erheben“, rief ein 41-jähriger Demonstrant aus, Khaled. Dieser Ersatzteilverkäufer für Motorräder sagt, dass er nicht mehr in der Lage sei, die Bedürfnisse seiner drei Kinder zu befriedigen, seit er seine Arbeit verloren hat, innerhalb einer Situation, die mit der Pandemie immer schlimmer geworden ist.

Am anderen Ende des Landes, in Saïda (Süden) fand eine Versammlung vor dem Sitz der Bank des Libanons (BDL) statt, wo ein bisschen später Demonstrant*innen erst Böller, dann circa ein Dutzend Molotow-Cocktails in Richtung des Gebäudes warfen, was mehrere kleine Brände verursachte und die Armee auf den Plan rief. Nach der Intervention der Armee zum Schutz der BDL verteilten sich die Meuternden im Stadtzentrum und zerstörten die Fassaden von mindestens einem Dutzend Banken. Um die fünfzehn Fahrkartenautomaten wurden ebenfalls zerstört. Auch in Beyruth kam es zu Demonstrationen, die in Steinwürfen gegen die BDL endeten.

Seit Beginn der Quarantänemaßnahmen trifft die Misere mit voller Wucht die libanesische Bevölkerung. Das Land erlebt eine noch nie dagewesene Steigerung der Inflation in wenigen Wochen (+ 150 %). Der Wirtschaftsminister Raoul Nehmé meldete eine allgemeine Preiserhöhung um 55 %, ohne zu präzisieren, in Bezug auf welche Periode diese stattfinde.

[Zusammengesetzt aus Meldungen der libanesischen und französischen Presseagenturen, 28. und 29.04.20]

Quelle: Sans Attendre Demain, stellenweise gekürzt

Bericht vom 30.04. – Die Bewegung der Revolte setzt sich fort

Am dritten Tag in Folge sind tausende Menschen in mehreren Städten im Libanon gegen die Verantwortlichen der immer weiter wachsenden Misere (Banken, Politiker,…) auf die Straße gegangen, obwohl die Lockerung der Quarantänemaßnahmen ab Montag eingeleitet worden war. Im Gegensatz zum Vortag kam es ein bisschen überall mit Einbruch der Nacht zu Demonstrationen und Meutereien, so wie in Tripolis.

In Tripolis, Epizentrum der Bewegung, stellten sich hunderte Demonstrant*innen dem Militär am Mina-Kreisverkehr. Des Weiteren blockierten sie die Straße, die zum Al-Nour-Platz führt, mit brennenden Reifen und forderten die Freilassung von Menschen, die am Vortag verhaftet worden waren (ungefähr zwanzig Personen).

Die Armee von ihrer Seite aus berichtet, dass 23 Soldaten während der Zusammenstöße in Tripolis (Norden) und Saïda (Süden) verletzt worden sind, darunter einer, dem mehrere Finger amputiert werden mussten.

In vielen Städten protestierten Menschen, zündeten Bankfilialen an, warfen Böller und Molotow-Cocktails auf die Armee. „Wir haben die Monopole und die Diebstähle durch die Geschäftsleute satt“, skandierten Demonstrant*innen in Beyruth.

Die Bewegung der Revolte, die seit mehreren Monaten in mehreren Regionen am Köcheln ist, ist aufs schönste in diesen letzten Tagen vor dem Lockern der Quarantänemaßnahmen seit letztem Montag wieder aufgeflammt.

[Via L’Orient-Le Jour aus Meldungen der iranischen Presseagenturen, 29. und 30.04.2020]

Quelle: Sans Attendre Demain, stark gekürzt

 

[Italien] Coronavirus löst Knastrevolten in 27 Gefängnissen aus

Montag, der 09.03.2020: In den Gefängnissen toben Revolten. Bis zum heutigen morgen sind Proteste von Gefangenen in 27 Gefängnissen bekannt, bei denen einige eine Amnestie anlässlich der Coronavirus-Notlage fordern. Einem offiziellen Bericht zufolge, der nach den Riots der letzten Tage veröffentlicht wurde, starben acht Gefangene: Sechs von ihnen verstarben gestern Nachmittag im Gefängnis von Modena während der Gefangenenrevolte. Eine*r starb den gestrigen Angaben der Einrichtung zufolge an missbräuchlichem Opiatkonsum, ein*e andere*r durch Benzodiazepine und ein*e Dritte*r sei zyanotisch (aufgrund von Sauermangel blau angelaufen) aufgefunden worden, auch wenn der Grund dafür bislang unklar sei. Über die anderen drei verstorbenen Gefangenen gibt es keine Erkenntnisse. Außerdem seien 18 Gefangene in Krankenhäuser eingeliefert worden, die meisten von ihnen wegen einer Intoxikation. Esy wird von zwei weiteren Todesfällen durch eine psychotrope Drogenüberdosis in den Knästen von Verona und Alessandria in der letzten Nacht berichtet. Dem von den Gefängnisbehörden verbreiteten, offiziellen Bericht zufolge seien die beiden Rädelsführer*innen der Proteste gewesen und hätten psychotrope Medikamente von der Krankenstation gestohlen.

Unterdessen findet im Gefängnis von Foggia ein Aufstand statt, bei dem angeblich einige Gefangene in der Lage gewesen seien, zu entkommen, aber kurze Zeit darauf außerhalb des Gefängnis von der Polizei gefasst worden seien. Den Berichten zufolge haben die Gefangenen ein Tor des „Blockhauses“, des Bereichs, der sie von der Straße trennt, eingerissen. Einige Gefangene kletterten auf das Dach, andere warfen Fenster ein und im Eingang des Blockhauses wurde ein Feuer entfacht. Bei Zusammenstößen mit der Polizei erlitt einer der Gefangenen Kopfverletzungen und wurde auf einer Tragebahre weggebracht. In San Vittore-Gefängnis in Milan gab es Proteste auf dem Dach und Feuer im Gefängnis, während in Palermo ein Ausbruchsversuch im Ucciardone-Gefängnis von der Gefängnispolizei vereitelt wurde. Die Straßen um das Gefängnis wurden gesperrt. Letzte Nacht brach auch ein Protest im Pagliarelli, dem zweiten Gefängnis in Palermo aus. Im Rebibbia in Rome griffen angeblich einige Gefangene zusätzlich zum Abfackeln mehrerer Matratzen die Krankenstationen an.

In Pavia sperrte Gefangene zwei Gefängniswärter*innen für einige Stunden ein, stahlen von ihnen die Schlüssel zu den Zellen und veranstalteten einen ausdrucksstarken Protest, indem sie einige der Gefängnisräumlichkeiten zerstörten. Aus zahlreichen Kreisen wird die Forderung nach einer Amnesty laut oder zumindest nach alternativen Bestrafungen für weniger schwerwiegende Verbrechen, aber die Regierung ignoriert diese Forderungen.

Im Iran wurden 70.000 Gefangene vorläufig entlassen, um der Verbreitung der Covid-19 Epidemie entgegenzuwirken. Letzte Woche war bereits verkündet worden, dass 54.000 Gefangene in den Hausarrest geschickt worden seien.

 

Übersetzt aus dem Englischen bei Anarchists Worldwide. Italienische Originalmeldung von Radio Onda d’urto.

Was tun gegen Viren? Flucht in den Autoritarismus?

Wer hat Angst vor dem Coronavirus? Offenbar eine ganze Menge Menschen. Das scheint zumindest im öffentlichen Diskurs über die Thematik einige der widerwärtigsten autoritären Sehnsüchte zu erwecken und zugleich einem blinden Vertrauen in den Staat Vorschub zu leisten. Wohlgemerkt in genau den Staat, der, wenn es ihm nicht gelingt, eine*n vor einer Infektion mit dem Virus zu schützen, nicht davor zurückschrecken wird, eine*n in Quarantäne zu stecken, ganze Städte abzuriegeln und die Menschen darin gefangen zu halten und alle möglichen anderen Freiheitseinschränkungen durchzusetzen.

Nun, ich kann und will dir deine Angst – sofern du denn Angst hast – nicht nehmen. Sicher, ich könnte dich vielleicht mit ein wenig Mathematik beruhigen und dir erzählen, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass du dich ansteckst und wenn, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht deinen Tod bedeuten wird. Aber was nützt es einer*einem, zu wissen, dass 98 Prozent eine Infektion überleben, wenn mensch doch Angst hat, zu den 2 Prozent zu gehören, die diese nicht überleben werden. Es ist nichts falsch daran, Ängste zu haben. Ich zum Beispiel habe immer ein mulmiges Gefühl dabei, wenn ich in ein Auto steige. Rund 250 Menschen sterben in Deutschland jeden Monat bei Verkehrsunfällen. Das sind, wenn mensch nur mal spaßeshalber diesen unqualifizierten Vergleich ziehen will, etwa genausoviele Tote wie nun, fast einen Monat nach Entdeckung des Coronavirus, in China; In Deutschland dagegen sind es sogar rund 250 Tote mehr als Tote durch den Coronavirus. Dennoch steige ich immer wieder in ein Auto und vor allem käme ich niemals auf die Idee, von einer Regierung zu fordern/erwarten, dass sie irgendetwas unternimmt, um die Verkehrstoten zu senken.

Was sollte sie auch tun? Den Autoverkehr verbieten? Den Verkehr an sich abschaffen? Ähnlich ist es auch mit der Ausbreitung eines Virus im Allgemeinen und dem Coronavirus im Speziellen: Was mensch dagegen tun kann, um sicher zu gehen, dass mensch nicht infiziert wird, ist vor allem eines: Sich alleine oder in einer sehr kleinen Gruppe vollständig vom Rest der Gesellschaft abzuschotten, in einer sterilen Umgebung leben und darauf hoffen, dass es dem Virus nicht dennoch gelingt, eine*n zu infizieren. Das will freilich keine*r. Nun könnte mensch recht fatalistisch feststellen, dass das Leben eben gefährlich ist, aber dass es ja auch keinen Spaß macht jede Gefahr zu vermeiden. Aber so ganz wollen das diejenigen, die nun an Staat und Regierung appellieren, wohl nicht wahrhaben. Statt sich selbst einzuschränken, scheinen sie die ultimative Lösung gefunden zu haben: Sie schränken eben die anderen ein, diejenigen, die das Virus bereits in sich tragen, die verdächtigt werden, es in sich zu tragen, die Kontakt mit Menschen hatten, die das Virus vielleicht oder vielleicht auch nicht in sich trugen, die einfach nur zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Region waren, in der es vielleicht oder vielleicht auch nicht einen Verdachtsfall des Virusses gab. Zum Wohle der Mehrheit quasi soll eine Minderheit, wobei die Begriffe Mehrheit und Minderheit hier ja gar nicht quantitativ zu verstehen sind, sondern eigentlich mit Privilegiertheit und Nicht-Privilegiertheit besser beschrieben sind, unterdrückt werden.

Irgendwo habe ich ein Interview mit einem Virologen gelesen, dem bei der Vorstellung, mit welch wirksamen Mitteln ein „autoritärer Staat“ wie China eine Epidemie bekämpfen könne, nämlich indem der Staat einfach alle sozialen Beziehungen kappt, förmlich der Sabber aus dem Mundwinkel tropfte. Ja, da wäre er wohl gerne dabei, dieser Virologe, würde es genießen, die absolute Kontrolle über die Menschen zu haben, um einen Feldversuch zu seinen Viren zu machen, so zumindest las sich das Ganze für mich. Entsprechend kritisierte der Wissenschaftler auch die deutsche Bundesregierung dafür, dass sie seiner Meinung nach zu wenig in Panik verfallen sei, dass sie nicht alle Flüge aus China gestrichen hat, dass sie nicht alle Einreisenden unter Quarantäne gestellt hat, usw. Dabei ist es nicht so, dass wir es hier mit einem durchgeknallten Wissenschaftler zu tun haben, der ein wenig aus der Reihe tanzt. Zusammen mit dem Staat hat die gesamte (medizinische) Wissenschaft schon seit Jahren Masterpläne entwickelt, die im Falle eines Ausbruchs einer Epidemie dazu dienen sollen, eine „Ausbreitung“ dieser Epidemie zu verhindern. Dabei sind es immer dieselben Forderungen nach absoluter Kontrolle über die Menschen. Dabei entspricht das, was zumindest Gerüchten in der hiesigen Presse zufolge, gerade in China umgesetzt wird, nämlich ganze Regionen abgeriegelt werden, Ausbruchsversuche daraus mit Waffengewalt unterbunden werden und Drohnen eingesetzt werden, um die Menschen permanent zu überwachen und zu kontrollieren, ungefähr den Maßgaben dieser Masterpläne. Das hat nichts damit zu tun, dass Chinas Regierung „autoritärer“ wäre, als die hiesige, ja nicht einmal damit, dass sich die Herrschaft des Staates hier in der Regel etwas subtiler ausdrückt, sondern ausschließlich damit, dass das Coronavirus eben in der Stadt Wuhan ausgebrochen ist und nicht etwa hier in München. Denn welche anderen Möglichkeiten als die in China etablierten blieben einem Staat denn, wenn er eine Quarantäne gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen will?

Der Staat, dem die*der eine oder andere gerade am liebsten blind vertrauen würde, von dem gefordert wird, dass er die Ein- und Ausreise noch strenger überwacht als sonst, der jedoch im Wesentlichen nicht in der Lage sein kann irgendetwas zu tun außer Propagandaaktionen wie die medial inszenierte „Rückholung deutscher Staatsbürger*innen“ durch die Bundeswehr, bei der mensch lustigerweise auch gleich den Coronavirus mitgebracht hat (LOL), wird für all diejenigen, die vom Coronavirus infiziert sind oder dessen verdächtigt werden, schnell zum mächtigen Feind. Wer zum Zwecke der vermeintlichen eigenen Sicherheit anderen deren Freiheit rauben (lassen) will, die*der sollte sich vor Augen halten, dass ebenso schnell auch ihr*ihm selbst die Freiheit geraubt werden kann.

Wer derzeit nach China blickt und die dortigen Zustände darauf schiebt, dass der chinesische Staat angeblich im Gegensatz zum deutschen Staat ein autoritärer sei, macht sich nur selbst etwas vor. Auch die in Deutschland erarbeiteten Pläne zur Eindämmung einer Epidemie sehen Ähnliches vor. Ist ja auch logisch: Wer absolute Kontrolle über Menschen erlangen will, die*der muss diese auch mit Gewalt durchsetzen, denn zumindest einige Menschen, mich eingeschlossen, werden sich niemals freiwillig unterwerfen!

In Hong Kong sind zumindest einige Menschen uneinverstanden, dass der Staat unter Vorwand des Coronavirus seine soziale Kontrolle ausweiten will. Bei Protesten gegen die geplanten Quarantänemaßnahmen wurden Straßenbarrikaden errichtet und ein für Quarantänemaßnahmen geplantes Gebäude mit Brandsätzen zerstört. Die rebellierenden Menschen dort wissen, dass es dem Staat ausschließlich darum geht, seine Bevölkerung zu kontrollieren. Vielleicht können sich ja all diejenigen, die Zuflucht beim Staat suchen, ein Beispiel an ihnen nehmen. Denn es ist kein Virus, der ihre Freiheit bedroht.

Zentralisierte Mobilität – eine Kritik am Allheilwundermittel Öffis

Die Umweltverschmutzung, die insbesondere in Städten durch die Abgase überwiegend von Autos verursacht werden, sollen für die meisten linken und grünen Bewegungen, weit bis in radikale Spektren hinein, durch den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und die Reduzierung des Individual(auto)verkehrs gelöst werden. So gibt es nicht wenige, die eine autofreie Innenstadt fordern und einen Ausbau der Öffis, teilweise sogar einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr. Zwar hätte ich jetzt auch nichts gegen eine autofreie Innenstadt und gratis Öffis – auch wenn ich das eigentlich auch heute schon habe, denn natürlich zahle ich dafür wann immer es mir möglich ist nicht, jedoch wäre es schon schön, wenn der Stress durch Kontrolleur*innen gebustet zu werden, wegfallen würde –, jedoch bin ich misstrauisch gegenüber dem Allheilwundermittel „öffentlicher Nah- (und Fern-)Verkehr“.

Denn wenn ich an Öffis denke, dann denke ich an Kontrolleur*innen und daran, dass das Fahren ohne Fahrschein eine Straftat ist. Und dass viele, die die Geldstrafe für das Fahren ohne Fahrschein nicht bezahlen konnten – denn häufig holen sich gerade die Menschen keine Tickets, die halt auch einfach keine Kohle haben –, ersatzweise im Knast dafür sitzen. Ich denke daran, dass bei allen Angeboten am Bahnhof Konsumzwang herrscht und Geld verlangt wird – selbst für die öffentlichen Toiletten – und dass wer kein gültiges Ticket besitzt, sich auch nicht dort aufhalten darf. Und ich denke insbesondere an eine inzwischen fast umfassende Kameraüberwachung, an DB und MVG Securities, an Kontrolleur*innen, an KVR Hilfssheriffs, an „verdachtsunabhängige“ – also meist rassistisch motivierte – Schwerpunktkontrollen durch Bull*innen an Bahnhöfen, an Vertreibungspolitiken gegenüber denjenigen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind, wie beispielsweise Menschen ohne Dach über dem Kopf. Ich denke daran, dass die Bundespolizei an Bahnhöfen sitzt, daran, dass insbesondere im Grenzbereich Bull*innen Züge einfach anhalten und mithilfe von racial profiling nach illegal Einreisenden durchsuchen. Ich denke daran, wie sie im Zuge von groß angekündigten Protesten (z. B. G20, aber auch kleinere Sachen wie der 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg) Züge nach den Leuten, die dort hinfahren wollen könnten, durchsuchen oder die Kund*innenlisten von Fernbussen nach polizeibekannten Namen auschecken oder auch den Leuten an den Bahnhöfen auflauern, am Start- wie am Zielpunkt. Ich denke daran, dass Menschen immer wieder dadurch gebustet werden, dass Bull*innen das Videomaterial des MVV und der MVG durchgucken, um Leute zu identifizieren und herauszufinden, wo sie ihnen am besten auflauern können, indem sie zum Beispiel regelmäßige Routen einer Person auskundschaften.

Und das bringt mich zum Nachdenken darüber, wie einfach die Kontrolle über die Menschen dank öffentlicher Verkehrsmittel wird. Wie sehr mein Weg, den ich wähle, um an mein Ziel zu gelangen, davon geprägt ist, welche öffentlichen Verkehrsmittel mich zu meinem Ziel bringen können. Dass ich gewisse Ziele gar nicht ansteuere oder seltener als ich es eigentlich tun würde, weil diese so beschissen zu erreichen sind. Und zwar nicht weil es eh super weit weg ist, sondern weil die Öffis dahin nur so schlecht fahren. Ich denke darüber nach, dass die angebotenen Öffis eigentlich dazu da sind, Menschen zu ihrer Arbeit und zu den Konsumzentren zu bringen. Ich denke daran, dass meine Wege so vorhersehbar werden, dass sie für überwachende und kontrollierende Instanzen leicht nachzuvollziehen sind.

Überwachung beschränkt sich nicht auf die öffentlichen oder Massenverkehrsmittel, jedoch ist es dort besonders einfach. Und kann besonders gut mit „Sicherheit“s-Argumenten ein- und durchgeführt werden. Öffentliche Verkehrsmittel sind ein Hort der Überwachung und Kontrolle, so sichtbar, wie es sonst selten in Deutschland zu finden ist. Gruseln sich doch noch viele bei der Vorstellung einer umfassenden Videoüberwachung auf Straßen und öffentlichen Plätzen, so sind sie doch bei öffentlichen Verkehrsmitteln bereits an eine solche umfassende Überwachung gewöhnt. Auch sogenanntes „Sicherheits“-Personal ist hier so omnipräsent wie sonst selten irgendwo.

Öffentliche Verkehrsmittel brauchen große Organisationen, seien es der Staat, Unternehmen, Genossenschaften oder die Räterepublik, um realisiert zu werden. Sie schaffen ein Angebot, das ihnen Macht verleiht, das ihnen erlaubt, die Wege von Menschen zu beeinflussen und zu kontrollieren, einigen die Nutzung dieser Verkehrsmittel zu untersagen, andere in der Ansteuerung ihrer Ziele zu bevorzugen. Öffentliche Verkehrsmittel schaffen Hierarchien und begünstigen die Kontrolle über Menschen.

Wozu braucht es eigentlich solche Massentransportmittel? Warum sind Menschen so viel unterwegs, und zu einigen Zeiten so richtig geballt? Durch Schul-und Lohnarbeitszwang, durch den hektischen Rhythmus, den die Wachstumsideologie unseres Wirtschaftssystems vorgibt, hetzen alle dafür von A nach B, kommen nie zur Ruhe. Nur deshalb werden die Wege auch so vorhersehbar, dass sie sich aufs Hervorragendste durch immer gleiche Wege auffangen und steuern lassen. Die Mobilität, wie sie heute erforderlich ist, ist Resultat des Kapitalismus, denn ansonsten gäbe es selten die Notwendigkeit, solche Massen regelmäßig zu irgendetwas transportieren zu müssen. Wir können uns öffentliche Verkehrsmittel ein bisschen wie ein Fließband in einer Fabrik vorstellen, die für den reibungslosen Betrieb unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems verantwortlich sind.

Statt eine andere Mobilität zu fordern oder sich zu erträumen, wie beispielsweise den Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln, sollten wir uns die Frage stellen, wozu es einer solchen Mobilität eigentlich bedarf. Und welchem Zweck sie dient. Ich bin nicht für mehr Autoverkehr. Jedoch betrachte ich öffentliche Verkehrsmittel als herrschaftsvoll und bevormundend, als eine staatliche Lösung. Denn ganz gleich, wer am Ende die Verwaltung der Öffis innehat, folgen öffentliche Verkehrsmittel einer staatlichen Logik, die ich aber zerstören möchte.

Klimacamp Chiemsee

Das Klimacamp Chiemsee wird vom 25. bis 29. September 2019 im Tippidorf am Venusberg in Chieming stattfinden. Frei nach dem Motto „Konsens statt Nonsens“ soll eine Basis für Vernetzung, Informationsaustausch und Aktionen geschaffen werden, in denen alle Teilnehmer*innen Mitwirkende sind. Das Klimacamp ist ein Vernetzungspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung und ein Freiraum, in dem wir Utopien diskutieren und ausprobieren können.

Die Besucher*innen des Camps werden nicht nur über die Ursachen und Folgen der Klimakatastrophe informiert – vielmehr ist das Ziel, neue Lösungen zu formulieren und alte Muster in Frage zu stellen.

Auf dem Camp wird es für Alle möglich sein, sich einen Überblick über verschiedene Facetten direkter Aktionen zu verschaffen und selbst erfinderisch und aktiv zu werden.

Eine bunte Mischung aus Vorträgen, Workshops, Filmvorführungen, Skillsharings und offenem Austausch liefert zahlreiche Informationen über klimafreundliche Lebensweisen, Formen des Widerstandes und alternative Ideen des Zusammenlebens.

Die Erde mit ihren begrenzten Ressourcen kann der vorherrschenden Wachstumslogik nicht länger standhalten, daher ist ein gesellschaftlicher Wandel unumgänglich. Ziel des Camps ist es, die Ursachen für die vorherrschenden lebensfeindlichen Strukturen zu erkennen und nach Alternativen zur aktuellen kapitalistischen Gesellschaft zu suchen, diese zu leben und nachhaltig zu etablieren. Dabei sind Alle Mitwirkende und können frei, spontan und unabhängig von hierarchischen Strukturen ihre Fähigkeiten und ihr Wissen miteinander teilen.

Da es bereits sehr viele aktive Gruppierungen und Personen gibt, liegt ein weiterer Fokus beim Klimacamp darauf, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Motivationen zusammen zu bringen. Es geht um die Vernetzung unter den Gruppen zu einer integrierten Bewegung und um die Vernetzung einzelner Individuen zu bestehenden oder neuen Gruppen. Das gemeinsame Ziel ist es unter anderem, die soziale Ungerechtigkeit der Klimakrise offen zu legen. Klimagerechtigkeit ist soziale Gerechtigkeit!

Alle sind willkommen – egal ob groß oder klein, jung oder alt. Da vor allem junge Menschen mit den Folgen der Klimakrise zurechtkommen müssen, ist es uns wichtig, dass auch sie einen Platz auf unserem Camp haben und mitbestimmen können.

Weitere Informationen auf www.klimacamp-chiemsee.de

Willkommen zurück aus dem Urlaub

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Das bedeutet für viele Menschen das Ende ihres alljährlichen Urlaubs. Aus weit entfernten Ländern oder beliebten Regionen in der weiteren Umgebung des eigenen Wohnortes kehren sie nun zurück an ihre Arbeitsplätze, in die Erziehungsanstalten oder zurück in den beengenden Alltag der Hauswirtschaft. In den dunkelsten Stunden ihrer alltäglichen Existenz zehren sie dort aus den Erinnerungen vergangener Urlaube oder der Vorfreude auf den nächsten Urlaub.

In Urlaub zu fahren ist für die Menschen heute zugleich Statussymbol und Ausbruch aus dem Alltag, der angesichts von monotoner Arbeit, sozialen und familiären Verpflichtungen oder irgendwelchen eigenen oder fremden Bildungszielen für viele Menschen zu einem Gefängnis ihrer eigenen Sehnsüchte geworden ist. Wer es sich leisten kann, fliegt in „exotische“ Gegenden, speist in teuren Restaurants, residiert in luxuriösen Hotels oder berauscht sich an irgendeiner fremden „Kultur“. Tatsächlich ist es für Menschen mit dem richtigen Pass gar nicht unbedingt notwendig, reich zu sein, um entfernte Regionen der Erde zu besuchen. Wer sich teure Hotels nicht leisten kann oder diese ohnehin schnöde findet, die*der versucht sich im sogenannten Rucksacktourismus. Der gute Wechselkurs westlicher Währungen macht das sogar für verarmte Hipster möglich.

So strömen dann während der Juli- und Augustwochen die Bewohner*innen der im internationalen Vergleich privilegierten Länder in Scharen hinaus in die Welt, um sich an den pitoresken Stränden der Welt zu sonnen, irgendeinen Berg zu erklimmen, seltsame Sportarten zu treiben, fremde Städte zu besichtigen oder mit dem eigenen Rucksack und etwas Münzgeld durch ein „exotisches“ Land zu pilgern und sich an der fremden „Kultur“, der Schönheit (scheinbar) unberührter Natur, der Gastfreundschaft der dort lebenden Menschen, dem eigenen Reichtum im Kontrast zur Armut der dort lebenden Menschen und der eigenen Freiheit dorthin gehen zu können, wo mensch möchte, zu berauschen.

Die entfremdende Erfahrung dieses Konzepts von Urlaub, bei dem Tourist*innen einen Ort, zu dem sie keinerlei Bezug haben (dass mensch jedes Jahr dort hinfährt, um sich dort bedienen zu lassen zählt für mich nicht als Bezug), regelrecht heimsuchen und diesen kollektiv nach ihren eigenen Vorstellungen verändern, wird nur von dem Zynismus übertroffen, mit dem die Rückkehrer*innen dann häufig von dem einfachen, harten, aber (angeblich) glücklichen Leben der Menschen berichten, denen sie während ihrer Vergnügungsreise begegnet sind. Es sind jene oberflächlichen Erfahrungen, die heimgekehrte Tourist*innen dann in den Augen ihrer Freund*innen und Bekannten zu Expert*innen für ein fremdes Land oder eine fremde „Kultur“ machen. Dabei könnte mensch die gleichen platten und anmaßenden Erkenntnisse über das Leben in anderen Regionen der Welt ebenso in einem der unzähligen, sogenannten Reiseführer nachlesen.

Auf der anderen Seite wiederum verwandeln sich die vom Tourismus heimgesuchten Regionen dieser Welt häufig Schritt für Schritt in jene Klischees, denn was den Erwartungen der neokolonialen Eroberer*innen entspricht, verkauft sich gut. Zugleich setzen in den Tourismusmetropolen dieser Welt Verdrängungsprozesse ein, die all diejenigen Menschen, die dort leben und es sich nicht leisten können, mit Geld um sich zu werfen wie Tourist*innen, aus ihren Vierteln und Städten, ja manchmal sogar aus ganzen Regionen vertreiben. Zudem bringen Tourist*innen nicht selten heftige Konflikte in eine Region. Wer nur einige Tage oder wenige Wochen an einem Ort verweilt und zudem auf der Suche nach ausschweifenden Erfahrungen ist, die den üblichen tristen Alltag ausgleichen sollen, die*der hat oft kein Interesse daran, Rücksicht auf andere zu nehmen. Laute Partymeilen und völlig enthemmtes, rücksichtsloses Verhalten sind oft ein schaler Beigeschmack von Tourismus. Eben das, was mensch hier in München während der drei Wochen Ende September/Anfang Oktober ansatzweise nachempfinden kann.

Warum das alles? Sind den Menschen, die jedes Jahr so begeistert in Urlaub fahren die Auswirkungen ihres Handelns auf das Leben anderer Menschen derart egal? Fragt mensch nach, kommen meist die immer gleichen Antworten: Der Tourismus sei ja ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für eine Region heißt es dann selbstbewusst von heimlichen Anhänger*innen des Neoliberalismus, mensch selbst betreibe ja nicht diese Form des Tourismus, erklären die ignoranten Rucksack-Hipster und diejenigen, die überzeugt davon sind, dass es ohnehin kein richtiges Leben im Falschen gäbe zucken schuldbewusst die Schultern und erzählen irgendetwas marxistisches von Reproduktion.

Dabei muss mensch sicher nicht Marx gelesen haben, um zu verstehen, dass die beliebte Fahrt in den Urlaub eine Kompensation unerfüllter Sehnsüchte sind. Statt danach zu streben ihr Leben selbst zu bestimmen, die Fesseln der Lohnarbeit abzustreifen und endlich nach den eigenen Vorstellungen zu leben, fahren die modernen Arbeitssklav*innen lieber einmal im Jahr – bzw. so oft sie es sich leisten können – in Urlaub. Was sie befriedet, schafft dabei anderen Menschen zusätzliche Probleme.

Aber wäre es nicht befriedigender, gegen die Zustände, die uns alle gefangenhalten in einem Leben, das nicht unseres ist, zu rebellieren? Wie wäre es, statt im nächsten Jahr das Auto für den Urlaub vollzutanken nur einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer zu kaufen und der eigenen Wut und Kreativität wenigstens einmal im Jahr freien Lauf zu lassen? Umweltschonender wäre es in jedem Fall.