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Die Lifestyleanarchist*in Vol. 03 – Call for Papers

Im Sommer 2019 soll die Lifestyleanarchist*in zum dritten Mal erscheinen.

In der dritten Ausgabe wollen wir uns schwerpunktmäßig mit dem Thema Arbeit und Faulheit auseinandersetzen:

In jeder Gesellschaft fallen Arbeiten an, die zur Befriedigung individueller und kollektiver Bedürfnisse erforderlich sind. Diese Arbeiten werden in aller Regel arbeitsteilig – wobei die Verteilung in aller Regel geprägt von den Hierarchien der Gesellschaft ist – von den Mitgliedern der Gesellschaft erledigt, wobei viele Gesellschaften einen Teil ihrer Arbeiten auch von menschlichen wie nichtmenschlichen Individuen, die nicht (vollwertiger) Teil der Gesellschaft sind, erledigen lassen. Die Verteilung der zum Erhalt einer Gesellschaft erforderlichen Arbeiten und auch deren Definition war in vergangenen Epochen ebenso wie heute ein bedeutendes Herrschaftsinstrument. Menschen wurden und werden – mal mehr subtil, mal weniger – dazu gezwungen, ihre Arbeitskraft in die Dienste anderer Menschen zu stellen, die dann über den damit erzeugten Mehrwert verfügen. Insofern ähneln sich ansonsten ganz und gar unterschiedliche Unterdrückungsmodelle im Zusammenhang mit Arbeit, von Sklaverei und Lehnsherrschaft über frühe Fabrikarbeit, Arbeitslager bis zu moderner Knastarbeit, Zeitarbeit oder auch sogenannter „freier Mitarbeit“.

Dabei sind es keineswegs ausschließlich materielle (ökonomische) Zwänge, die die Menschen dazu verleiten, Teil dieses Systems zu sein. Gerade in modernen Gesellschaften, in denen der Zwang zur Arbeit deutlich subtiler ausfällt, als noch vor einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten, kommt den verbreiteten Arbeitsideologien eine zunehmend bedeutendere Rolle zu. Diese dienen unter anderem dazu, Mitglieder der Gesellschaft, die sich der Arbeit (scheinbar) verweigern, zu stigmatisieren, sie sollen Hoffnung auf Besserung des eigenen Lebens durch Arbeit (reich werden) machen und sie werten bestimmte Arbeiten, vornehmlich reproduktive, ab und bürden diese bestimmten Mitgliedern der Gesellschaft (z.B. Frauen) auf, die diese in der Konsequenz nicht nur ohne Entlohnung verrichten, sondern dafür auch noch eine gesellschaftliche Abwertung erfahren.

Nicht nur, aber ganz besonders in Deutschland herrscht seit einiger Zeit eine ganz besonders absurde Arbeitsideologie. Diejenigen, deren Arbeitskraft in verhältnismäßig großem Maße ausgebeutet wird, fordern nicht etwa ein Ende dieser Ausbeutung, nein sie fordern noch mehr! „Sozial ist, was arbeit schafft“ (CDU/CSU, FDP, INSM), „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (Müntefering, SPD) sind inzwischen gängige politische Parolen der Mehrheitsgesellschaft. Kein Wunder, dass mensch sich da davor ängstigt, dass „Ausländer“ einem die „Arbeitsplätze klauen“.

Trotz der offensichtlichen Existenz einer solchen, von der gesamten Mehrheitsgesellschaft getragenen, Arbeitsideologie verklären auch viele linken Kritiken an Arbeit und Kapitalismus im Allgemeinen die Verhältnisse: Auf der Suche nach klaren Feindbildern müssen entweder einige unbestimmte „Kapitalist*innen“ oder gar das (personifizierte oder auch nicht personifizierte) „Kapital“ als Verursacher*innen herhalten, manchmal sind es gar ganz bestimmte Berufsgruppen – etwa Banker und Manager –, die als Sündenböcke herhalten sollen. Gerade letzteres erinnert – ob gewollt oder ungewollt – an die Federsche Unterscheidung von „schaffendem“ und „raffendem Kapital“ und bedient nicht selten auch andere klassische antisemitische Klischees.

Wir wollen in der kommenden Ausgabe der Lifestyleanarchist*in nach anarchistischen Analysen von Arbeitsideologien und deren Rolle im kapitalistischen System suchen. Dabei wollen wir uns nicht auf ein statisches und aus der Zeit gefallenes Herrscher*innen-Beherrschte-Schema beschränken, sondern versuchen, der hohen Komplexität der (heutigen) Verhältnisse Rechnung zu tragen. Zugleich möchten wir natürlich auch nach Ansätzen suchen, adäquaten Widerstand zu leisten: Wie lassen sich gängige Arbeitsideologien aufbrechen? Wie können wir den Ablauf der Produktivität stören und welchen Erfolg können wir uns davon versprechen?

Wir sind gespannt auf eure Beiträge zu diesem Thema.

Wie immer freuen wir uns aber auch über alle anderen anarchistischen Beiträge. Schickt sie uns per E-Mail an die-lifestyle-anarchistin@riseup.net (vorzugsweise verschlüsselt – PGP Key) oder nutzt unser Kontaktformular.

Einsendeschluss für Beiträge der dritten Ausgabe ist der 26. Mai 2019.

Die Überwindung allen seins

Wer gerne lieber gestern als heute den Kapitalismus, Geschlechterrollen, Faschismus, Arbeits- und Herrschaftsideologien überwunden hätte, muss immer wieder feststellen, dass – abgesehen davon, dass sich die meisten Menschen echt verdammt schwer davon überzeugen lassen, dass alle oben genannten Dinge und noch viel mehr nicht so cool sind und dass es ohne das alles doch viel schöner wäre – sogar mensch selbst immer wieder an den eigenen Ansprüchen scheitert. Es ist aber auch echt nicht einfach. Denn was bedeutet es konkret, sich von den „Fesseln der Gesellschaft“ zu befreien?

Wenn ich zu der Überzeugung gelange, dass dies oder jenes zu überwinden ist, was muss ich an meinem Verhalten, an den Verhältnissen ändern, dass tatsächlich ein „freierer“ Zustand erreicht ist? Zum Beispiel zeigt der Neoliberalismus, wie einfach es ist Träume von Autonomie und Unabhängigkeit in die kapitalistische Logik zu integrieren und neue Ausbeutungsverhältnisse zu schaffen, die noch schwieriger zu bekämpfen sind. Oder wie das Aufbäumen gegen die Norm der monogamen Ehe häufig auch dazu führte, dass Grenzen von Menschen überschritten und Gefühle verletzt wurden, und dass eine neue Norm der sexuellen Unverbindlichkeit die alte ersetzte.

Wenn es um Freiheit bzw. um Befreiung geht, stehen wir auch vor dem Problem, dass diese Befreiung immer nur in Bezug auf die Norm stattfinden kann, gegen die wir aufzubegehren gedenken. Unser Befreiungsversuch ist also immer Reaktion auf eine Norm und bleibt ihr damit immer auch verhaftet. Wenn wir beispielsweise gegen die monogame Ehe aufbegehren und neue Formen der Auslebung von Liebe suchen, bleiben wir dem Konzept der „Liebe“ immer noch verhaftet – ein Konzept, das es nicht in allen Gesellschaften auf diesem Planeten gibt, das aber in unserer eigenen Gesellschaft selten infrage gestellt wird.

Durch unser Aufwachsen in einer Gesellschaft sind wir maßgeblich von ihr geprägt. Wir haben in unserer Kindheit gelernt, die Welt durch eine bestimmte „Brille“ wahrzunehmen, sie zu deuten. Die Sprache und alle mit ihr verbundenen Bezeichnungen für Dinge, die nur durch ihre Benennung irgendwie real werden – „Liebe“, „Güte“, „Großzügigkeit“, etc. – beeinflusst, was wir uns überhaupt vorstellen können. Eine neue Sprache (kennen) zu lernen kann da zu manchen Entdeckungen führen, deshalb erfinden Menschen auch immer wieder neue Begriffe, um gewisse Dinge überhaupt erst vorstellbar zu machen. Deshalb gibt es das ganze linksradikale, queerfeministische, anarchistische Vokabular, das das Verständnis für viele Neueinsteiger*innen schwierig macht: Emanzipation, Diskriminierung, Anarchismus, Kapitalismus, Ideologie, Binarität, um nur einige zu nennen.

Wer zusätzlich gewisse Dinge überwinden will, macht häufig auch mal den Fehler, diese Dinge einfach wegzuleugnen bzw. zu denken, dass sich gegen diese Dinge auszusprechen bereits reicht, um sie überwunden zu haben. Ein anderer Fehler, der oben bereits häufiger angeklungen ist, ist eine Norm durch eine andere Norm zu ersetzen. Wenn ich von Leuten zum Beispiel erwarte, dass sie sich nicht ihrer Geschlechterrolle entsprechend kleiden und all diejenigen, die das trotzdem tun, dafür verachte, dann habe ich eine Norm durch eine andere ersetzt: nämlich die Norm, sich entgegengesetzt der eigenen Geschlechterrolle zu kleiden. Wenn wir schon bei der Überwindung von Geschlechterrollen sind: wie sieht eine solche eigentlich aus? Teil des binären Geschlechtersystems ist auch, dass eigentlich jede Art der Körpergestaltung und der Ausdrucksweise, jedes Verhalten, jede Eigenschaft, jede Farbe usw. usf. entweder dem Weiblichen oder dem Männlichen zugeordnet wird. Blau, grün, braun, Stärke, Haus bauen, Hose: männlich. Gelb, rosa, violett, türkis, Schwäche, Haus hüten, Kleid: weiblich. Damit wird es quasi unmöglich „Geschlecht“ als Kategorie so weit abzuschaffen – zumindest für die nächsten Jahrhunderte –, dass mensch eine geschlechtsunabhängige Ausdrucksweise finden kann. Ich kann mich eigentlich nur in diesem Spektrum positionieren, kann damit spielen, kann versuchen, möglichst androgyn zu sein.

Jedoch ist ja eigentlich auch Ziel, sich selbst zu finden, unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen. Jedoch was bin „ich“ in dem ganzen Wirrwarr an gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen? Wenn ich aus Protest das Gegenteil von dem mache, was den gesellschaftlichen Normen entspricht, bin das dann „ich“? Habe ich mich befreit, habe ich bereits die richtige Kritik gefunden, wenn ich vor alle Normen ein Minus setze und genau das Gegenteil mache? Ja wohl auch nicht.

„Überwindung“ und „Befreiung“ kann mensch natürlich auch anders betrachten. Nämlich in dem Anspruch, dass mensch die Freiheit hat, das leben zu können (z. B. in Bezug auf Verhalten, Ausdruck und Körpergestaltung), das in einer*m selbst am meisten Resonanz hat. Das kann mal entgegen der gängigen Rollen, mal ganz abseits oder auch vordergründig in Einklang mit diesen sein, und kann sich auch im Laufe der Zeit ändern.

Vermutlich bleibt uns nichts anderes übrig, als immer wieder neu nach internalisierten Herrschaftsstrukturen, Normen, diskriminierenden Verhaltensweisen in uns und anderen zu suchen, immer wieder Fehler zu machen, dabei bereit sein, Kritik anzunehmen und an sich weiterzuarbeiten, herauszukristallisieren, welche Dinge es konkret anders zu machen gilt, zu analysieren, was dem Anspruch eines herrschaftsfreien Miteinanders entgegensteht, kreativ zu sein. Dazu gehört besonders auch anderen zuzuhören, denn gerade durch einen Austausch, wenn mensch viele unterschiedliche Perpektiven, Erfahrungen und Erlebnisse kennenlernt, die den durch die eigene Sozialisation bedingten Tellerrand sichtbar machen, ist es möglich zu einem herrschaftsfreieren Miteinander zu kommen.

Antifa-Proteste gegen Homofeindlichen und Rechten Balletttänzer

Kisten mit verfaultem Gemüse und Steinen präsentieren den Besucher*innen der Abendvorstellung mit Polunin jede Menge Material für ihre Kritik.

Am 25. März protestierten Antifaschist*innen mit einer Kunstaktion vor der Münchner Oper gegen den Auftritt von Balletttänzer Sergej Polunin. Polunin war in den vergangenen Monaten wiederholt durch homofeindliche, sexistische und antisemitische Äußerungen, sowie Gewaltphantasien gegenüber dicken Personen aufgefallen. Die Intendanz des Bayerischen Staatsballets hielt trotz dieser Äußerungen an Polunin fest. Am 25. März trat Polunin als Spartacus im Münchner Nationaltheater auf.

Zwei große Kisten stehen auf den Stufen zum Bayerischen Nationaltheater. In der einen sammelt sich allerlei verdorbenes Obst und Gemüse. Ein Pappschild erklärt den Zweck: “Für Theaterkritik”. Selbst Einweghandschuhe stehen bereit – für diejenigen, die sich vor dem verfaulten Gemüse “ekeln”, erklärt ein Flyer, den eine Gruppe von Antifaschist*innen unter den herbeiströmenden Besucher*innen der Abendvorstellung verteilen. In der anderen Kiste befinden sich mehrere faustgroße Steine. “Für konsequenten Antifaschismus”, erklärt ein Pappschild dazu.

Anlass für dieses Spektakel ist der Auftritt des gefeierten Ballettänzers Polunin, der in den vergangenen Monaten durch allerlei diskriminierende und rechte Äußerungen aufgefallen war. So habe er etwa “Dicke” für deren angebliche “Faulheit” “ohrfeigen” wollen und antisemitische Verschwörungstheorien einer “New-World-Order” verbreitet. Ebenfalls für Kritik sorgten ein Putin-Tattoo, dass sich Polunin jüngst stechen ließ, sowie ein Kolovrat, ein vierachsiges Hakenkreuz, das Polunin schon vor Jahren auf seinen Bauch tättowieren ließ.

Die Antifaschist*innen kritisierten zudem die Stellungnahme der Intendanz des Bayerischen Staatsballets, namentlich Bachler und Zelensky, die im Januar dieses Jahres Polunins Äußerungen entschuldigten mit den Worten er hätte “mit seinen Kommentaren in den sozialen Medien provozieren und dadurch größere Aufmerksamkeit für Themen wie zum Beispiel Gesundheitsgefährdungen durch Übergewicht erzeugen” wollen. Dies komme nach Ansicht der Antifaschist*innen einer Verhöhnung der Opfer von Polunins Diskriminierungen gleich.

Den Besucher*innen der Abendvorstellung schlagen die Antifaschist*innen daher vor, Polunin auf der Bühne mit verfaultem Obst und Gemüse zu bewerfen oder, falls sie der Umgang der Intendanz mit Polunins menschenverachtenden Äußerungen noch wütender gemacht hat, zu den Steinen zu greifen, und damit “Scheiben, Mobiliar, Spiegel und alles mögliche andere zu zerschlagen”, um damit ihrem “antifaschistischen Protest etwas mehr Nachdruck zu verleihen”.

Der vollständige Text des Flyers lautet:

Polunin darf weiter beim Staatsballett auftreten!

Wann hast du das letzte Mal Eier und verfaultes Gemüse in Theater, Oper oder Ballett auf die Bühne geworfen, etwa weil dir eine Darbietung nicht gefallen hat? Noch nie? Sag bloß du gehörst zu denjenigen, die immer brav applaudieren, wenn der Vorhang fällt, auch dann wenn die Darbietung grausig war?

Nun, es gibt für alles ein erstes Mal: Vor dem Eingang zur Oper haben wir eine Kiste mit fauligem Gemüse aufgestellt, vielleicht greifst du da einfach rein und nimmst dir eine handvoll Material mit. Nur für den Fall …

  Zu eklig? Keine Ausreden! Wir haben auch Einmalhandschuhe.

Aber warum gerade heute? Heute steht der Balletttänzer Sergej Polunin als Spartakus auf der Bühne. Polunin fiel im letzten halben Jahr wiederholt durch diskriminierende und menschenverachtende Aussagen auf: „Dicke“ wollte er wegen derer angeblichen „Faulheit“ „ohrfeigen“, er beklagte, dass es im Ballett keine „richtigen Männer“ mehr gäbe und führte dies darauf zurück, dass diese keine Frauen „ficken“ würden (dafür kritisiert wollte Polunin in dieser Aussage keine Homofeindlichkeit erkennen) und er verbreitete über seinen Instagram-Account antisemitische Verschwörungsideologien von einer One-World-Order/New-World-Order, die er gemeinsam mit Trump und Putin aufzuhalten gedenke. Auf seine Brust ließ er sich gar das Konterfei des Despoten Putin tättowieren und bereits seit Jahren ziert ein Kolovrat (ein vierachsiges Hakenkreuz) seinen Bauch. Polunin schreibt diesem Symbol, das auch bei Neonazis in Russland beliebt ist, spirituelle Kräfte zu.

Während der internationale Kulturbetrieb auf Polunins Ausfälle kritisch reagierte und die Pariser Oper deshalb folgerichtig gar kurzerhand eine Vorstellung mit ihm absagte, erklärten Zelensky und Bachler für das bayerische Staatsballet im Januar, dass sie weiterhin an Polunin festhalten wollen. Sie verhöhnten die Opfer von Polunins diskriminierenden Äußerungen gar noch, indem sie statuierten, Polunin hätte „mit seinen Kommentaren in den sozialen Medien provozieren und dadurch größere Aufmerksamkeit für Themen wie zum Beispiel Gesundheitsgefährdungen durch Übergewicht erzeugen“ wollen.

 Wenn dich all das nun doch ziemlich wütend gemacht hat und es ein bisschen mehr sein darf, als nur ein bisschen verfaultes Gemüse: Wir haben auch eine Kiste mit Steinen. Die eignen sich hervorragend, um Scheiben, Mobiliar, Spiegel und alles mögliche andere zu zerschlagen und damit deinem antifaschistischen Protest etwas mehr Nachdruck zu verleihen.

Wir wünschen viel Spaß!

Deine ANTIFA

Flyer der Antifaschist*innen zu ihrer Aktion

Schauläufe der Massen

Oder: Die Konstruktion eines kollektiven „Wir“ als Bestandteil emanzipatorischer Bewegungen?

Versammlungen sind innerhalb der radikalen Linken ein gern genutztes Mittel der Meinungskundgabe. Es gibt sie in allen Facetten: Stehende Kundgebungen mit verschwindend geringer Teilnehmer*innenzahl, wütende Spontandemonstrationen, Scherbendemos, als Demonstration getarnte Freilichtkonzerte, der Vernetzung dienende Vorabenddemonstrationen, Zubringerdemonstrationen zu Blockaden, Infostände oder langweilige Latschdemos für irgendeinen „guten Zweck“. Dabei ist das Ausdrucksmittel der Demonstration zu einem so vielgenutzten und universalen Mittel der Protest- und Meinungskundgabe geworden, dass sich nur noch sehr selten Gedanken um die konkrete Zielsetzung, die mit einer Demonstration erreicht werden soll, gemacht werden.

Bündnispolitik statt Inhalte

Vielmehr als die Zielsetzung einer Demonstration scheint oft die Größe zu wiegen. So werden nicht selten (Aktions-)Bündnisse mit dubiosen, teils rechten Organisationen eingegangen, oft unter dem Stichwort „breiter und vielfältiger Protest“. Prominente Beispiele dafür aus München sind etwa die noPAG- und #ausgehetzt-Demonstrationen (Unter anderem mit im Bündnis: Die Grünen, die SPD, die LINKE, die ÖDP, und viele weitere) in 2018, die Anti-Integrationsgesetzdemonstration 2016 (Mit im Bündnis: Die SPD, die das bundesweite „Integrationsgesetz“ mitverantwortete), die alljährlichen Anti-SIKO-Proteste (wobei die Beteiligung autonomer Gruppen hier schon seit längerer Zeit zu Recht deutlich abgenommen hat), aber auch viele weitere, oft auch bedeutend kleinere Bündnisse.

Nicht alle Argumente autonomer Linker für die Beteiligung an solchen Bündnissen sind absurd: Eine verbreitete Idee ist es, das Mobilisierungspotenzial einflussreicher Organisationen (wie Parteien, Gewerkschaften, usw.) zu nutzen, um eigene Positionen einem größeren Kreis von Menschen zugänglich zu machen. (Groß-)Demonstrationen werden also als Chance begriffen, durch eigene Blocks, Flyer und Redebeiträge eine deutlich größere Zielgruppe als üblich zu erreichen. Sicherlich lässt sich dabei darüber streiten, inwiefern ein*e Teilnehmer*in, die*der von der SPD mobilisiert wurde, eine geeignete Zielgruppe für beispielsweise anarchistische Positionen ist, doch das soll nicht Teil meiner Überlegungen sein.

Doch es gibt auch andere Beweggründe für derartige „breite und vielfältige“ Bündnisse. Ein im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen Neonazis und extreme Rechte häufig beschriebener und gefühlt noch häufiger von irgendeiner*irgendeinem Wichtigtuer*in in eine Kamera geäußerter Beweggrund für solche Bündnisse ist das Argument der „Vielen“ gegen „Wenige“. So feierten sich im vergangenen Jahr etwa in Berlin anlässlich einer Demonstration gegen die AfD 70.000 Menschen unter dem Slogan „AfD wegbassen. Reclaim Club Culture“ für ihre Überzahl. Dass sich unter ihnen zahlreiche Rassist*innen, Sexist*innen und Menschen mit anderweitig autoritären, neoliberalen und konservativen Positionen, die sie auch offen zur Schau trugen, befanden, störte dabei offenbar ebensowenig wie die Tatsache, dass sie Teil einer riesigen Marketing-Kampagne (für Clubs) wurden. Das dabei zu beobachtende, gesteigerte kollektive Bewusstsein der „Demonstrierenden“ ist keineswegs einzigartig, sondern ist bei ähnlichen Veranstaltungen in fast beliebiger Größe erkennbar.

Ein anderes Beispiel, bei dem das Prinzip des #wirsindmehr bereits der Name der ganzen Aktion war, fand ebenfalls im letzten Jahr in Chemnitz statt. Nachdem es bei einem Aufmarsch von Nazi-Hools zu Hetzjagden vermeintlich nicht deutsch aussehender Personen gekommen war, lud ein Bündnis unter dem Namen #wirsindmehr zum (öffentlichen) Konzert mit Bands wie den „Toten Hosen“, „K.I.Z.“, „Kraftklub“ und ähnlichen. Im Aufruf dazu heißt es: „Wir freuen uns, wenn sich noch viel mehr Menschen ihr Herz/ihre Eier fassen und auf die Straße gehen […]“.

Antifaschismus in diesem Sinne ist, wenn Anhänger*innen der SPD mit autoritären Kommunist*innen und Anarchist*innen zu einem „wir“ verschmelzen und gemeinsam „Alerta Antifascista“ grölen. Mensch möchte kotzen!

Aber es sind nicht nur die Bündnisse mit der SPD und ähnlichen Organisationen, die aus meiner Sicht stärker überdacht werden sollten. Immer wieder gehen antiautoritäre Linke Bündnisse mit autoritären, kommunistischen Organisationen ein, immer wieder werden Parolen des „Zusammenhalts“ und gegen jede „Spaltung“ ausgegeben. Dabei sollten doch wir alle, die wir eben keine Lust auf eine Einheitspartei und die damit verbundenen, autoritären Zumutungen haben, eine klare Grenze denen gegenüber ziehen, die schon heute autoritäre Umgangsformen pflegen, Parteilinien festlegen und sich in autoritären Strukturen organisieren. Ich zumindest sehe keine gemeinsamen Ziele, die ich mit solchen Organisationen und ihren Angehörigen haben könnte.

Demonstrationen als staatlich legitimiertes Mittel des Protests

Neben der in meinen Augen oft verfehlten Wahl der Bündnispartner*innen als Konsequenz der (auch uneingestandenen) Sehnsucht nach einer Massenbewegung, stellt sich jedoch auch die Frage, wann eine Demonstration denn eigentlich das richtige Mittel des Protests oder der Meinungskundgabe ist. Lassen sich anarchistische Positionen und Ideale überhaupt durch klassische Formen der Demonstration verwirklichen/vermitteln? Und worauf kommt es dabei an?

Grundsätzlich nicht vergessen darf mensch dabei, dass brav angezeigte Demonstrationen immer auch eine Zusammenarbeit mit dem Staat darstellen. Sie sind eine Form der Meinungs- oder Protestkundgabe unter staatlicher Aufsicht, meist mehr oder weniger auch zu den Bedingungen des Staates. Das muss selbstverständlich nicht bedeuten, dass diese Demonstrationen per se immer staatsaffirmativ wären und auch nicht, dass es bei jeder Form der Meinungskundgabe immer auch darum gehen muss, sich dem Staat um jeden Preis zu widersetzen. Dennoch sollte dieser Umstand meiner Meinung nach nicht in Vergessenheit geraten und zumindest in die Überlegungen einfließen.

Letztlich bleibt also immer abzuwägen, wie das jeweilige Ziel bestmöglich erreicht werden kann. Dass dabei nur so wenig wie unbedingt nötig mit staatlichen Institutionen zusammengearbeitet wird, halte ich für selbstverständlich. Aber wie viel Zusammenarbeit bedeutet „so wenig wie unbedingt nötig“? Wahrscheinlich lässt sich diese Frage pauschal nicht beantworten, sondern jede*r muss dabei für sich eine Antwort finden.

Insgesamt jedoch scheint es mir erforderlich, diese Frage bei der Organisation von Demonstrationen wieder stärker zu berücksichtigen.

Ich habe einen Spalthammer und ich werde ihn benutzen!

Ein mechanischer Prozess wird in der (radikalen) Linken von vielen sehr ungern gesehen: die Spaltung. Dahinter steht der Gedanke, dass eine starke, einheitliche Linke sich nach außen präsentieren müsse, um gesellschaftliches Gewicht zu haben. Doch was ist diese „Linke“ überhaupt? In welchen Einheitsbrei wird mensch da hineingezogen? Und ist eine Linke, die einheitlich an einem Strang zieht, nicht ein höchst gruseliges Konzept, in dem Individuen sich einer einheitlichen Idee unterordnen müssen, um durch das Diktat der Vielen gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen? Ein höchst demokratisches Konzept. Und damit eines, das ich als Anarchistin entschieden ablehne.

Als Anarchistin ordne ich mich durchaus der radikalen Linken zu. Jedoch frage ich mich manchmal warum. Denn wenn ich sehe, wer sich alles unter diesem Label versammelt, hat das mit meinen Positionen überhaupt nichts zu tun. Entscheidende Basis meiner politischen Einstellung ist die Ablehnung jeglicher Form von Herrschaft. Andere, die sich im Dunstkreis der radikalen Linken bewegen und sich als eine solche verstehen, erstreben eine Diktatur des Proletariats und haben die gesammelten Werke vom sowjetischen Diktator Stalin und vom nordkoreanischen Diktator Kim Il-Sung in ihrem Bücherregal stehen, verlangen von ihren Mitgliedern eine „proletarische Herkunft“ oder zumindest eine „proletarische Gesinnung“ und sind ganz offenbar der Meinung, dass einige Menschen (nämlich „Proletarier*innen“ – wer auch immer das sein soll) gleicher seien als andere. Der Verlauf der chinesische Kulturrevolution wird allerhöchstens mal als „widersprüchlich“ bezeichnet, die DDR wird verklärt und Herrschaft als Mittel zum Zweck betrachtet. Diese Menschen hängen Ideologien bzw. Ideolog*innen an, die noch nie gezögert haben, Anarchist*innen dann, wenn sie sich ihren Herrschaftsfantasien widersetzten, zu verraten, zu verfolgen, aus dem Weg zu räumen. Sie scheuen sich auch nicht offen zu äußern, dass sie Anarchist*innen „nach der Revolution“ an die Wand stellen wollen. Die Rede ist von auoritären Kommunist*innen (im Gegensatz zu libertären und anti-autoritären Kommunist*innen) und mit diesen habe ich einfach nichts gemein und je größer mein Spalthammer ist, um diese Menschen auf Distanz zu halten und auch um sie an der Verbreitung ihrer Propaganda zu hindern, desto besser. Ich bin nicht Teil derselben Bewegung wie sie. Anarchismus und autoritärer Kommunismus sind nicht miteinander in Einklang zu bringen. Spätestens als Marx Bakunin aus der Internationalen mobbte, weil er keine Kritik an seinen autoritären Einstellungen hören wollte, gingen Anarchismus und autoritärer Kommunismus getrennte Wege.

Wer heute noch – nach der Sowjetunion, nach Nordkorea, der DDR oder China und Milliarden von Toten – den Ideen Lenins, Stalins oder Kim Il-Sungs oder allgemein der Idee einer „Befreiung“ der Menschheit durch eine Diktatur nachhängt, der*die ist mir (fast) genauso suspekt wie Faschist*innen. Dass jedoch eine Distanzierung zu solchen Gruppierungen nicht Konsens in der „radikalen Linken“ ist, sondern diese sogar als Teil desselben politischen Dunstkreises verstanden werden und Kritik an ihnen als „interne Streitereien“ betrachtet werden, die es „unter sich“ zu klären gilt und nicht nach außen getragen werden dürfen, ist schockierend – mensch erinnere sich an diese denkwürdige 8. Mai-Demo 2017, als Menschen dafür kritisiert wurden, dass sie sich öffentlich gegen die offizielle (!) Bündnispartnerin SDAJ (Sozialisitische deutsche Arbeiterjugend) gestellt hatten und ihnen „Spaltung der Linken“ vorgeworfen wurde. Bitte, ich wünsche mir mehr solcher Spaltungen! Ich wünsche mir eine kritische Haltung zu dem Denken, dass nach außen das Bild einer geschlossenen (Arbeiter-) Einheitsfront aufrechterhalten werden soll. Besonders aber wünsche ich mir eine kritische Distanz gegenüber autoritären Gruppierungen – egal ob von rechts oder von links – und zwar nicht nur bei der üblichen Plenumslästerei über andere Gruppen oder privat für sich, sondern auch in der politischen Arbeit. Offenbar finden viele, die in autonome(re)n, also nicht den klassischen kommunistischen Gruppen organisiert sind, die häufig zumindest bis zu einem gewissen Grad antiautoritäre Haltungen vertreten, die politischen Haltungen von Autoritärkommunist*innen nicht so schlimm oder teilen sie sogar teilweise. Natürlich ist es jeder*m selbst überlassen zu entscheiden, mit wem eine Zusammenarbeit noch ok ist und mit wem nicht. Manchmal kann ich die Gründe auch nachvollziehen, warum sich Menschen mit solchen Gruppen in ein Bündnis setzen. Jedoch geht es hier um mehr, nämlich um die Konstruktion einer kollektiven linken „Familie“, zu der Autoritärkommunist*innen wie Anarchist*innen gehören sollen. Diese sollen dann gefälligst ihren Zwist unter sich klären und ansonsten Schulter an Schulter geschlossen heroisch gegen Faschismus, gegen Kapitalismus etc. marschieren. Welche Horrorvorstellung! Ohne mich!

Widerständigkeiten

Ich habe mich früher immer wieder gefragt, warum Menschen, die gute Sachen gesagt haben, später, wenn sie älter werden, diese revidieren. Freud zum Beispiel, der zuerst davon ausging, dass Homosexualität schlicht und einfach Sexualität sei und nichts Krankhaftes, später aber das Gegenteil behauptete. Oder Charlotte Brontë, die in ihrem ersten Roman soziale Klassenunterschiede und klassische Geschlechterrollen über Bord warf, um ihre beiden Hauptcharaktere zusammenzubringen, in späteren Büchern aber dann langweilige Klischees zur Beziehung von Männern und Frauen auspackte, ganz ihrer Zeit gemäß. Gängig ist die Behauptung, junge Menschen seien hitzköpfiger, radikaler, aber eben unrealistisch und träumerisch, während in späteren Jahren Menschen kompromissbereiter, gesetzter, realistischer seien, à la „Wer mit 20 kein*e Kommunist*in/Anarchist*in ist, der*die hat kein Herz, wer mit 40 noch Anarchist*in ist …“, ach, lassen wir das. Natürlich ist das Quatsch! Jedoch ist klar, dass, wenn mensch radikale, weitreichende Kritik an der Gesellschaft übt, in der mensch lebt, eine Kritik, die gängige soziale Normen komplett auf den Kopf stellt, der Widerstand aus dieser Gesellschaft enorm ist. Nach inzwischen mehreren Jahren anarchistischen Aktivismus merke ich, wie dieser Gegenwind an mir nagt. Nicht, dass ich an meinen Überzeugungen zweifeln würde. Im Gegenteil, meine Argumente waren noch nie so gut! Jedoch stelle ich fest, dass ich immer häufiger, wenn ich mit nicht anarchistischen Menschen zu tun habe, genau auf das achte, was ich sage, ihnen das über mein Leben erzähle, was sie hören wollen (es ist so einfach das zu tun! Furchtbar wie vorhersehbar jedes Gespräch dann wird!), seltener diskutiere, wenn Menschen beschissene politische Ansichten äußern. Auch unsere „wehrhafte Demokratie“ trägt ihren Anteil dazu bei, dass ich mich bedeckter halte. Ich verstehe inzwischen andere Menschen besser, über die ich mich früher so gewundert habe. Wer weiß, wie es in ihnen drin aussah. Aber mindestens nach außen hin haben sie das Spiel irgendwann mitgespielt. Insbesondere wenn du keine Community hast, keine Menschen um dich herum, die die gleichen Träume, die gleiche Sehnsucht haben wie du, die ebenfalls versuchen, Dinge anders zu tun, sich nicht anzupassen, nicht den vorgegeben Wegen dieser Gesellschaft zu folgen (die so deprimierend sind, aber je größer der Druck von außen, doch auch immer verlockender), muss es schwer sein, den eigenen Widerstand aufrechtzuerhalten. Zum Glück gibt es solche Communities. Selbst wenn mensch sich ständig streitet, ist es doch vergleichsweise angenehm dort und mensch hat nicht den Eindruck, vollkommen ver_rückt zu sein. Mit ein paar Freund*innen ist Anarchismus halt noch viel schöner.