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Ethischer Konsum?

Hast du heute schon etwas Gutes getan? Etwas, um die Welt zu retten? Vielleicht einen Fair Trade Kaffee getrunken oder den guten veganen Bio-Brotaufstrich aus nachhaltigem Ackerbau gefrühstückt? Achtest du immer darauf, dass die Produkte, die du kaufst aus nachhaltiger Bio-Produktion stammen, fair gehandelt und natürlich möglichst nicht in Plastik verpackt sind? Bestimmt bezahlst du, wenn du etwas bestellst oder eine Reise machst immer gerne auch ein paar Cent mehr, damit deine Lieferung oder dein Ausflug klimaneutral ist. Und wie ist es mit dem Strom? Klebt auf deinem Stromzähler auch ein Siegel von Greenpeace, das für besten Strom aus erneuerbaren Energiequellen garantiert? Herzlichen Glückwunsch, du bist ein wahrhaft guter Mensch. Nein, ehrlich!
Dein Problem ist eher: Du bist zu leichtgläubig, viel zu leichtgläubig.

Zugegeben, kaum etwas wäre schöner, als wenn sich die Probleme dieser Gesellschaft durch ein paar Spenden hier und da und ein wenig „kritischen Konsum“ lösen würden. Wir könnten unser Leben einfach weiter führen wie bisher, in Freiheit, Gleichheit und Sicherheit! Doch so funktioniert das nicht, ganz bestimmt nicht sogar, und wenn mensch so recht darüber nachdenkt, ist es gar nicht so leicht, einem Leben in dieser Gesellschaft etwas uneingeschränkt positives abzugewinnen, oder?

Aber warum lassen sich die Probleme dieser Gesellschaft nicht durch „kritischen Konsum“ lösen, wenn alle Menschen mehr darauf achten würden, was sie kaufen, wären die Unternehmen gezwungen, ethisch verantwortungsvoll zu handeln, oder nicht? Diese Ansicht setzt zunächst einmal vorraus, dass das bestehende Wirtschaftssystem sich tatsächlich über die Parameter von „Angebot und Nachfrage“ organisieren würde, sie setzt außerdem vorraus, dass es im Interesse aller, oder zumindest der Mehrheit aller Menschen liegt, die Verhältnisse zu verbessern, auch dann, wenn das bedeutet, persönliche Einschränkungen hinnehmen zu müssen und schließlich setzt sie vorraus, dass die weltweit herrschenden Problematiken tatsächlich alle etwas mit der Art und Weise, wie wir wirtschaften zu tun hätten. Zusätzlich neigen Vertreter*innen dieser Ansicht dazu, zu moralisieren, also insbesondere Personen, die nicht bereit oder nicht in der Lage dazu sind, „kritisch“ zu konsumieren, für ihr Handeln zu kritisieren und zu stigmatisieren.

Ein wesentlicher Irrglaube ist, dass vor allem die Nachfrage nach einem Produkt das Angebot regelt. Die moderne kapitalistische Wirtschaft funktioniert längst nicht mehr vorrangig oder gar ausschließlich nach diesem Aspekt. Die Automobilbranche beispielsweise produziert meist einen enormen Überschuss an Neuwägen, für die dann eigens Felder angemietet werden, auf denen diese abgestellt werden. Und das nicht etwa, um diese später an Endkund*innen zu verkaufen: Die meisten Fahrzeuge rosten an solchen Orten nur so vor sich hin. In der Lebensmittelproduktion ist das ähnlich: Auch hier gibt es eine enorme Überproduktion. Was nicht verkauft werden kann, wird einfach weggeworfen. Das ist billiger, als bedarfsgerecht zu produzieren.

Wie soll sich ein solches System durch „kritischen Konsum“ reformieren lassen? Sehen wir uns einmal an, wie bestehende Formen von „kritischem Konsum“ die Produktpalette, die Produktion und gesellschaftliche Problematiken verändern.

In der Lebensmittelbranche beispielsweise finden seit einigen Jahren zunehmend mehr „Bio“-Produkte Anklang bei den Käufer*innen. Natürlich fallen dabei viele Beweggründe zusammen, insgesamt lässt sich jedoch unterstellen, dass viele Käufer*innen von „Bio“-Produkten diese auch deshalb kaufen, weil sie damit zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen wollen. Die Produktpalette hat das Ganze bereits verändert. Mittlerweile kann mensch in fast jedem Supermarkt auch „Bio“-Fleisch und Gemüse, „Bio“-Milchprodukte, „Bio“-Fertiggerichte und „Bio“-Konserven kaufen. Im Vergleich zu den nicht-„Bio“-zertifizierten Produkten sind diese Produkte in aller Regel teurer, teilweise sogar um ein Vielfaches. Interessanterweise sind vor allem „Bio“-Produkte häufiger in Plastik verpackt. Während mensch Tomaten, Paprika, Gurken, Zucchini, Zitronen, usw. im Supermarkt meist ohne Verpackung erwerben kann, wenn mensch zu nicht-„Bio“-Produkten greift, sind die entsprechenden „Bio“-Ausführungen in aller Regel in Plastik eingeschweist. Der „kritische Konsum“ von „Bio“-Produkten hat also dazu geführt, dass weitaus mehr Plastikverpackungen verwendet werden. Ob das so gut ist für die Umweltbilanz von „Bio“-Produkten? Nebenbei hat sich auch das Design von Verpackungen verändert. Statt leuchtenden Farben werden nun häufig Holzverpackungen immitiert. Auch zusätzliche Papierverpackungen, die das im Inneren dennoch in Plastik verpackte Produkt verbergen sollen, sind üblich geworden. Ökologischer macht das die Produkte aber wohl auch eher nicht. In der Produktion hat sich durch den „kritischen Bio-Konsum“ nur wenig geändert. Kunstdünger wurde vielfach durch biologische Düngmittel abgelöst, synthetische Pflanzenschutzmittel wurden durch biologische Pflanzenschutzmittel abgelöst. In der Tierhaltung hat sich der Platz, den bestimmte Tierarten eingeräumt bekommen, etwas vergrößert und die Futtermittel werden etwas anders zusammengesetzt. Die großen Probleme der Landwirtschaft haben sich durch den „kritischen Bio-Konsum“ kaum verändert. Auch weiterhin gibt es eine hohe Belastung von Gewässern, die Böden werden immer unfruchtbarer, weil sie zu intensiv bestellt werden und die Artenvielfalt ist ebenfalls nicht nennenswert größer geworden. Der Konsum von „Bio“-Produkten ist zudem nur wohlhabenderen Menschen möglich, weil diese je nach Produkt und Grad der Umsetzung typischer ökologischer Forderungen ein vielfaches des Preises von nicht-„Bio“-Produkten kosten.

Ähnlich wie mit „Bio“-Produkten verhält es sich auch mit „Fair Trade“-Produkten, oder „Veganen“-Produkten, sprich mit allen Produkten, bei denen irgendein Aspekt angeblich besonders ethisch, nachhaltig oder gerecht sein soll.

Woran liegt das? Das liegt vor allem daran, dass das kapitalistische System in dem wir leben auf Ungleichheit und Konkurrenz basiert. Innerhalb dieses Systems scheint eine freiere, gerechtere Welt kaum möglich, insbesondere nicht, da das System erstaunlich anpassungsfähig ist. Ganz unterschiedliche Initiativen, die ursprünglich entstanden, um innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems für eine gerechtere Verteilung oder wenigstens geringere Ausbeutung zu sorgen, wurden vom System vereinnahmt. So können Veganer*innen heute beispielsweise vegane Fleischersatzprodukte von großen Flesichproduzent*innen kaufen, wer Kleidung aus fair gehandelter Baumwolle möchte, bekommt diese von den gleichen Unternehmen, die Fabrikarbeiter*innen wie Sklaven behandeln – und naja, nur weil die Baumwolle fair gehandelt ist – wobei es ja auch durchaus unterschiedliche Auffassungen von fair gibt –, muss das nicht für die Arbeiter*innen, die die Kleidung zusammen nähen, gelten. Und wer sich ein Smartphone, einen Laptop oder irgendein anderes elektronisches Gerät anschafft, die*der mag zwar in der Lage sein, darauf zu achten, dass dieses besonders energiesparend ist, manchmal sogar, dass es nicht in den Fabriken von Foxconn hergestellt wurde, in denen „freundlicherweise“ Netze über Abgründen aufgehängt wurden, um die extrem hohe Rate von Personen, die im Zuge ihrer „Beschäftigung“ in der Fabrik Freitod begehen, zu mindern, aber er*sie wird immer damit leben müssen, dass einige im Gerät verwendete Elemente aus Minen stammen, in denen Menschen gezwungen sind, als Sklaven zu arbeiten, in denen Menschen willkürlich ermordet werden, damit andere Profit machen.

All das wird „kritischer Konsum“ niemals ändern. Um diese Herrschaftsverhältnisse und Unterdrückungsstrukturen aufzuheben, bedarf es einer Abschaffung des kapitalistischen Systems, eine Abschaffung jeglicher Herrschaft!

Mensch und Umwelt – Ein apriorisches Herrschaftsverhältnis

Umweltschutz, Umweltaktivismus, Umweltbewegung, Umweltfreundlich, Umweltgerecht, Umweltkatastrophe … Was ist eigentlich diese Umwelt, von der so oft gesprochen wird? Was ist eine Umweltkatastrophe und wie schützt mensch diese Umwelt davor, oder geht es darum überhaupt? Und wenn nicht, worum geht es dann?

Ähnlich wie mit dem Begriff Natur wird mit dem Begriff Umwelt eine – oft unbestimmte – Ganzheit bezeichnet, die in der Regel alle nichtmenschlichen Lebewesen, deren typischen Lebensraum und deren Beziehungen zueinander meint. Dabei werden die Begriffe Natur und Umwelt häufig gar synonym verwendet; statt Umweltschutz sagen manche auch Naturschutz, eine Umweltkatastrophe wird häufig auch als Naturkatastrophe bezeichnet. Tatsächlich ähneln sich diese beiden Begriffe sehr stark.

Der Naturbegriff fasst die Gesamtheit nichtmenschlicher Lebewesen und deren – von Menschen bestenfalls unberührten – Lebensraum als eine ahistorische Gegebenheit, d.h. eine Gegebenheit, die nicht Ergebnis eines Prozesses ist, sondern mehr oder weniger schon immer so war, auf. Diese weitestgehend ahistorische Betrachtungsweise ist vermutlich auf den starken Einfluss der kreationistischen christlichen Mythologie auf die eurozentrische Philosophie zurückzuführen: Obwohl das Konzept der Evolution mittlerweile weitestgehend akzeptiert ist, wird die Natur üblicherweise auch weiterhin als eine Ganzheit betrachtet, die es zumindest in der bestehenden Form zu bewahren gelte. Dabei knüpfen auch scheinbar entgegengesetzte Naturbegriffe, die die Geschichte der Menschheit als Kampf gegen die Natur ansehen, an ähnliche Ideologiefragmente an. Auch sie betrachten „die Natur“ als eine (unveränderliche) Ganzheit. Lediglich der Schluss ist ein anderer, nämlich dass diese Ganzheit schädlich sei und beseitigt, statt geschützt werden müsse.

Der Umweltbegriff konstruiert die gleiche Ganzheit, ändert jedoch das Bezugssystem. Der Naturbegriff geht von einer*m Schöpfergött*in aus, der Umweltbegriff, bestimmt „den Menschen“ zu seinem Ausgangspunkt, denn Um | welt beschreibt die welt schließlich aus einer Perspektive, die ausschließlich von der*dem Betrachter*in abhängt: Umwelt ist demnach die Welt, die den Menschen umgibt, aber noch mehr: sie existiert nur dadurch, dass der Mensch sie betrachtet. Wenn der Mensch sich selbst in den Mittelpunkt seiner Welt stellt, nennt mensch das auch anthropozentrisch.

Das offenbart bereits das wesentliche zugrundeliegende Herrschaftsverhältnis des anthropozentrischen Umwelt-/Naturbegriffs: Gegenüber allen nichtmenschlichen Lebewesen erfährt „der Mensch“ dabei eine klare Aufwertung, aber das ist nicht alles: Während Menschen gemeinhin als Individuen betrachtet werden, verschmelzen alle anderen Lebewesen zu einer Gesamtheit, die nur als Einheit Beachtung findet. Das ist keineswegs ausschließlich begrifflich so zu verstehen, sondern spiegelt sich beispielsweise sehr deutlich in sogenannten Artenschutzbewegungen wider: Artenschützer*innen geht es nur selten um den Schutz eines einzelnen Individuums, ihnen geht es vielmehr darum, eine Art zu bewahren. Das erinnert mich persönlich oft an ein populäres Märchen aus einem der wohl bekanntesten Märchenbücher der Welt. Darin gibt es einen Schöpfergott, der erzürnt über einige Individuen seiner Schöpfung ist. Deshalb will er seine gesamte Schöpfung vernichten. Weil er danach aber einen Neustart wagen möchte und sich den Akt der Schöpfung wohl nicht mehr so ohne weiteres zutraut, befielt er seinem Diener, ich glaube er heißt Noah, eine Arche zu bauen und von jeder Tierart – übrigens auch von der menschlichen Spezies – zwei Individuen vor der zur Vernichtung allen übrigen Lebens geplanten Sintflut zu retten. Noah wäre demzufolge der erste Artenschützer gewesen.

Nun, in der Geschichte von Noah und seinem notorisch wütenden Schöpfergott werden zwar pflanzliche Lebewesen mehr oder weniger ignoriert, dafür werden menschliche und nichtmenschliche tierische Lebewesen zumindest relativ gleich behandelt – auch wenn es ausschließlich menschliche Lebewesen waren, die den Schöpfergott erzürnten und die tierischen Lebewesen für sie mitbüßen müssen, aber das ist vielleicht ein spezifisches Problem eines Gottes, der keine Blitze schleudern kann: Eine Sintflut ist nun einmal eine Massenvernichtungswaffe und nimmt per se wenig Rücksicht auf Individuen.

Heute ist das anders: Heute werden Menschen als Individuen behandelt, während andere Lebewesen in der gängigen Vorstellung nur sehr wenige bis gar keine individuellen Rechte besitzen. Das etabliert ein Herrschaftsverhältnis, bei dem der Mensch über alle anderen Lebewesen herrscht. Diverse Umweltschutzbewegungen haben es sich zum Ziel gemacht, dieses Herrschaftsverhältnis aufzubrechen – auch wenn Umweltschutz von Vielen erklärtermaßen nur im Interesse der Menschheit betrieben wird, etwa um eine „Umweltkatastrophe“, die unsere Lebensbedingungen zerstören würde, zu verhindern. Doch inwiefern lässt sich ein Herrschaftsverhältnis aufbrechen, bei dem die Beherrschten nicht oder nur eingeschränkt als Individuen betrachtet werden?

Eine Stimmung wie auf einer Beerdigung

Eigentlich wollte ich das nicht mehr tun: Auf eine Demonstration wie diese gehen; auf eine Demonstration, auf der sich Angehörige verschiedener politischer Parteien und anderen Organisationen des demokratischen Prozesses gemeinsam mit pseudo-radikalen Autoritärkommunist*innen selbst feiern. Aber ich tat es doch. Als stille*r Beobachter*in wohnte ich vergangenen Samstag der „#mietenwahnsinn“-Demonstration in München bei.

Deutschlandweit gab es an diesem Tag Proteste gegen Verdrängung und immer weiter steigende Mieten. In Berlin waren an diesem Tag rund 30.000 Menschen auf der Straße, es gab eine Demo und eine Hausbesetzung. Zuvor hatte es eine Aktionswoche zum Thema gegeben, mit zahlreichen Veranstaltungen und vielen direkten Aktionen. In München waren es eher überschaubar viele Menschen im mittleren bis oberen dreistelligen Bereich. Eigentlich halte ich wenig davon, die Qualität eines Protestes an der Teilnehmer*innenzahl zu bemessen, das widerspricht vielen meiner Vorstellungen, aber speziell dieser Protest macht es einer*m schwer, an etwas anderem bemessen zu werden. Und immerhin: Nicht ich bin es, die*der die Größe des Protests als Maßstab ins Spiel bringt, die Veranstalter*innen selbst betonten das immer wieder. Wiederholt schallte es aus den Lautsprechern: „Wir sind mehr!“

Hauptattraktion der Kundgebung in München war eine mit Kirchenglocken und Trauermarschmusik inszenierte Beerdigung. Eine als „Münchner Kindl“ verkleidete Person wurde von sechs Personen in Anzügen und mit gegelten Haaren zur Bühne getragen und dort aufgebahrt. Dort zündeten sich die Träger (zumindest dem Augenschein nach handelte es sich dabei ausschließlich um Männer, während das „Münchner Kindl“, die ohnehin schon objektifizierteste Person des Spektakels eine gelesene Frau war – sicher nur ein Fauxpass der Veranstalter*innen …) Zigarren an, ließen den Korken einer Sektflasche knallen und feierten den Tod des „Münchner Kindls“. Als sei diese Darbietung nicht schon skurril genug und als hätten die Verantwortlichen Zweifel daran, dass bei all den von ihnen zur Schau getragenen Klischees irgendein*e Zuschauer*in nicht verstanden hätte, dass es hier um eine (antisemitische) Personifizierung der Immobilienbranche ging, trugen die Sargträger weiße Schärpen, auf denen die Namen von Immobilienkonzernen standen.

Begleitet wurde dieses Spektakel schließlich von einer Grabrede, in der die dargestellten Konzerne den Tod des „Münchner Kindls“ feierten. In der Menge der Demonstrationsteilnehmer*innen versuchten einige – deutlich, wenngleich wohl eher unfreiwillig als „Animateur*innen“ erkennbare Personen, die Menge gegen die Personen auf der Bühne aufzustacheln. Das gelang ihnen teilweise. Zwar kommentierte die Menge die Aussagen des Redners brav mit Buh-Rufen, als dann aber ein – sichtlich unspotan gebildeter – Mob – oder sagen wir besser ein Möbchen – die Bühne stürmte und die dort befindlichen Personen von dort vertrieb, wollte sich dem kaum eine Person aus dem Publikum anschließen.

Warum berichte ich überhaupt von einer solchen Aktion? Ich habe den Eindruck, dass Wohnraumpolitik derzeit ein Thema ist, das in ganz Deutschland an Bedeutung gewinnt. Überall gehen Menschen gegen Verdrängung und steigende Mietpreise auf die Straße, teilweise werden gar Forderungen nach Enteignung laut – so auch in München. Jedenfalls scheint das Thema die Menschen zu beschäftigen – immerhin betrifft es sie ja auch. Doch die Kritik, die im Rahmen von Protesten wie dem oben beschriebenen zunehmend stärker zu etablieren scheint, halte ich für eine problematische. Einerseits werden Immobilienunternehmen oft verantwortlich gemacht, ohne dass Eigentumsverhältnisse und das Tauschprinzip – sprich kapitalistische Verhältnisse im allgemeinen – kritisiert werden. Ich möchte Immobilienunternehmen hier nicht in Schutz nehmen, im Gegenteil, ich glaube nur, dass eine Kritik an ihnen ohne eine Kritik der kapitalistischen Verhältnisse konservativ und reaktionär ist. Für ebenso konservativ halte ich ein anderes gängiges Argumentationsmuster, bei dem Verdrängung mit dem Argument begegnet wird, betroffene Personen würden schon seit Jahrzehnten dort wohnen. Bedeutet das in der Konsequenz nicht, dass Menschen, die weniger lange irgendwo wohnen oder gerade erst dort hinziehen dann weniger Recht haben, dort zu wohnen?

Ich würde mir wünschen, dass die gerade entstehende Bewegung rund um Verdrängung, steigende Mieten und Gentrifizierung sich kritischer mit verkürzten Formen der Kritik auseinandersetzen würde. Aber vielleicht muss dazu auch mehr interveniert werden.

Mit der Linken Brechen

Links – dieser Begriff stammt von den linken Plätzen im Parlament. Im Parlament sitzen zu wollen bzw. Politik machen zu wollen – können das Anarchist_innen wollen? Auch als radikale Linke, als außerparlamentarsiche Linke, als militante Linke – der Fokus bleibt die Politik, sprich die Verwaltung von Massen, das Anbieten von Lösungen, das Taktieren und Spielen mit macht — können das Anarchist_innen wollen? Gegenmachtskonzepte, Aufbau von Parteien und Massenorganisationen, Mitglieder und Anhänger sammeln und erziehen — wie war das nochmal mit anti-autoritär? Weltweit und teils seit dutzenden Jahrzehnten versuchen Anarchist_innen Projekte auf einer autonomen Basis aufzubauen, unabhängig von der Linken und gegen jede Politik. Nur in Deutschland scheint es noch Gang und Gebe zu sein, dass sich Anarchist_innen als Linke betrachten, als Teil einer linken Massenbewegung. Warum? Hier ein paar Stichpunkte, warum wir nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis mit der Linken brechen müssen:

  1. Die Ablehnung einer politischen Auffassung von sozialen Kämpfen; die Anerkennung, dass der revolutionäre Kampf kein Programm, sondern eher ein Kampf für die individuelle und soziale Wiederaneignung der Ganzheit des Lebens ist. Als solcher ist er von sich aus anti-politisch. Mit anderen Worten, er steht entgegengesetzt zu jeglicher Form von sozialer Organisation – und jeder Methode des Kampfes – in welcher die Entscheidungen darüber wie Mensch lebt und kämpft von der Ausführung dieser Entscheidungen getrennt sind, unabhängig davon, wie demokratisch und teilnehmend dieser getrennte Entscheidungsfindungsprozess auch sein mag.
  2. Die Ablehnung des Organisationismus; was heißen soll, die Ablehnung der Idee, dass irgendeine Organisation ausgebeutete Individuen oder Gruppen, soziale Kämpfe, die Revolution oder die Anarchie repräsentieren kann. Somit auch die Ablehnung aller formellen Organisationen – Parteien, Gewerkschaften, Föderationen, usw. – welche, auf Grund ihrer programmatischen Natur, solch eine repräsentative Rolle übernehmen. Es bedeutet nicht, die Möglichkeit zur Organisation, der für den revolutionären Kampf notwendigen Aktivitäten abzulehnen, sondern die Unterordnung von Aufgaben und Projekten unter den Formalismus eines organisatorischen Programms durch die Organisation abzulehnen. Die einzige Aufgabe, die je eine formelle Organisation begründet hat, ist der Aufbau und die Verwaltung einer formellen Organisation.
  3. Die Ablehnung der Demokratie und der quantitativen Illusion; Die Ablehnung der Ansicht, dass die Anzahl der Anhänger einer Sache, Idee oder eines Programms die Stärke eines Kampfes widerspiegelt. Im Gegenteil ist der qualitative Wert der Praxis eines Kampfes entscheidend, als eine Attacke gegen die Institutionen der Vorherrschaft und als eine Wiederaneignung des Lebens. Die Ablehnung jeder Institutionalisierung oder Formalisierung der Entscheidungsfindung und auch von jeder Konzeption der Entscheidungsfindung als ein vom Leben und von der Praxis getrennter Moment. Ebenfalls die Ablehnung der evangelistischen Methode, die bestrebt ist, die Massen zu gewinnen. Solch eine Methode unterstellt, dass das theoretisches Erkunden am Ende angelangt ist, dass jemand die eine Antwort hat, der alle anhängen müssen und dass folglich jedes Mittel akzeptabel ist, um die Botschaft zu verbreiten, selbst wenn diese Mittel dem widerspricht, was wir sagen. Es führt dazu, dass jemand eher eine Anhängerschaft sucht, die seine/ihre Position akzeptiert, anstatt Gefährt_innen und Kompliz_innen zu finden, mit welchen man die eigenen Entdeckungen fortführen kann. Anstatt eine Praxis anzustreben, mit welcher die eigenen Projekte so gut ausgeführt werden können, wie man selbst es kann, in einer Art, die vereinbar mit den eigenen Ideen, Träumen und Bedürfnissen ist; und damit potentielle Komplizen anzuziehen, mit welchen man Beziehungen der Affinität entwickeln und die Praxis der Revolte erweitern kann.
  4. Die Ablehnung von Forderungen an die Machthaber; anstatt eine Praxis von direkter Aktion und Attacke zu wählen. Die Ablehnung der Idee, dass wir unser Bedürfnis nach Selbstbestimmung durch Stück-für-Stück Forderungen, die bestenfalls eine temporäre Verbesserung der schädlichen, sozialen Ordnung des Kapitals bringen, realisieren können. Die Anerkennung der Notwendigkeit zum Angriff auf diese Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, um ein praktisches und theoretisches Bewusstsein für die Totalität, die zerstört werden muss. Folglich auch die Fähigkeit das zu sehen, was potentiell revolutionär ist – was jenseits der Logik von Forderungen und allmählichen Veränderungen geht. Dies in verschiedensten sozialen Kämpfen, denn im Grunde ist jeder radikale, aufständische Ausbruch durch einen Kampf entzündet worden, der als Versuch begonnen hat, bestimmte Forderungen zu gewinnen, sich jedoch von der Praxis der Forderung nach dem Verlangten dahin bewegt hat, das Verlangte und mehr zu ergreifen.
  5. Die Ablehnung der Idee des Fortschritts; der Idee, dass die jetzige Ordnung das Ergebnis eines fortdauernden Prozesses der Verbesserung ist, den wir weiterführen können, möglicherweise bis zu seiner Vergötterung, wenn wir fleissig genug sind. Die Anerkennung, dass die momentane Bahn – welche die Herrschenden und ihre loyalen Reformisten und die „revolutionäre“ Opposition als „Fortschritt“ bezeichnen – von sich aus schädlich für die individuelle Freiheit, den freien Umgang, für gesunde, menschliche Beziehungen, für die Gesamtheit des Lebens und den Planet selbst ist. Die Anerkennung, dass diese Bahn gestoppt werden muss und neue Wege des Lebens und Zusammenseins entwickelt werden müssen, wenn wir volle Autonomie und Freiheit erreichen wollen. (Dies führt nicht notwendigerweise zu einer totalen Ablehnung von Technologie und Zivilisation und solch eine Ablehnung bildet nicht den Endpunkt eines Bruchs mit der Linken. Jedoch bedeutet die Ablehnung des Fortschritts mit Sicherheit den Willen zur ernsthaften und kritischen Auseinandersetzung mit Fragen der Zivilisation und der Technologie, im Speziellen dem Industrialismus. Diejenigen, die nicht bereit sind solche Fragen zu stellen, werden mit Sicherheit am Mythos des Fortschritts festhalten.)
  6. Die Ablehnung der Identitäts-Politik; Die Anerkennung, dass obwohl verschiedene Gruppen ihre Enteignung in der Art ihrer spezifischen Unterdrückung erfahren und die Analyse dieser Ausprägungen notwendig ist, um ein volles Verständnis darüber zu erlangen, wie Herrschaft funktioniert. Nichts desto trotz ist Enteignung grundlegend das Stehlen der Fähigkeit von uns als Individuen unsere Leben nach unseren eigenen Bedingungen und in freiem Umgang mit anderen zu schaffen. Die Wiederaneignung des Lebens sowohl auf einer sozialen, wie auch auf einer individuellen Ebene, kann nur stattfinden, wenn wir damit aufhören, uns selbst in erster Linie auf Grund unserer sozialen Identitäten zu identifizieren.
  7. Die Ablehnung des Kollektivismus; der Unterordnung des Individuums unter die Gruppe. Die Ablehnung der Ideologie der kollektiven Verantwortung (eine Ablehnung, die nicht eine Zurückweisung von Sozialen- oder Klassenanalysen bedeutet, sondern vielmehr versucht, moralische Urteile auf Grund solcher Analysen zu vermeiden. Das bedeutet auch einen Ablehnung der gefährlichen Praxis, Individuen für Aktivitäten zu verurteilen, die im Namen oder vermutlich von einer sozialen Kategorie ausgeführt wurden, der diese Individuen angeblich angehören, darüber aber keine Wahlmöglichkeit hatten: z.B. „Juden“, „Zigeuner“, „Männer“, „Weisse“, etc.) Die Ablehnung der Idee, dass jemand sowohl auf Grund von „tatsächlicher“, als auch von vermuteter Zugehörigkeit zu einer bestimmten, unterdrückten Gruppe, unkritische Solidarität von irgendeinem Kampf oder einer Bewegung „verdient“ und das Bewusstsein, dass solch ein Konzept eine grosse Behinderung für jeden ernsthaften, revolutionären Prozess ist. Das Schaffen von kollektiven Projekten und Aktivitäten, die den Bedürfnissen und Wünschen der involvierten Individuen dienen und nicht umgekehrt. Die Anerkennung, dass die durch das Kapital auferlegte grundlegende Entfremdung nicht auf der hyper-individualistischen Ideologie basiert, die es verbreitet, sondern vielmehr vom kollektiven Projekt der Produktion abstammt, die es uns auferlegt, welches unsere kreativen Fähigkeiten enteignet um seine Ziele zu erreichen. Die Anerkennung der Befreiung von jedem Individuum zur Bestimmung der Bedingungen ihrer oder seiner Existenz in freiem Umgang mit Anderen ihrer oder seiner Wahl – d.h. die individuelle und soziale Wiederaneignung des Lebens – als das primäre Ziel der Revolution.
  8. Die Ablehnung von Ideologie; die Ablehnung von jedem Programm, jeder Idee, Abstraktion, Ideal oder Theorie, welches über das Leben und die Individuen gestellt wird, um ihm zu dienen. Folglich auch die Ablehnung von Gott, dem Staat, der Nation, der Rasse, etc. aber auch vom Anarchismus, Primitivismus, Kommunismus, Freiheit, Vernunft, dem Individuum, etc. wenn diese zu Idealen werden, für welche der einzelne sich selbst, seine Bedürfnissen, seine Sehnsüchte, seine Träume opfern muss. Die Benutzung von Ideen, theoretischen Analysen, der Fähigkeit zur Vernunft, zum abstrakten und kritischen Denken als Werkzeuge zur Realisierung der eigenen Ziele, für die Wiederaneignung des Lebens und zum handeln gegen alles, was im Weg dieser Wiederaneignung steht. Die Ablehnung von einfachen Antworten, die als Scheuklappen für die eigenen Versuche, die Realität mit der man konfrontiert ist zu ergründen, anstatt fortwähren Fragen zu stellen und theoretische Erkundungen zu unternehmen.

Meiner Meinung nach stellt dies einen echten Bruch mit der Linken dar. Wo eine dieser Ablehnungen fehlt – sei es in Theorie oder in der Praxis – bleiben Überreste der Linken bestehen und das ist ein Hindernis für unser Projekt der Befreiung. Da dieser Bruch mit der Linken auf der Notwendigkeit basiert, die Praxis der Anarchie von den Grenzen der Politik zu befreien, ist er mit Sicherheit keine Umarmung der Rechten oder irgendeines anderen Teils des politischen Spektrums. Er ist das Bewusstsein, dass ein Kampf für die Veränderung der Gesamtheit des Lebens, ein Kampf um jedes unserer Leben in einer kollektiven Bewegung für die individuelle Realisierung zurückzunehmen, nur behindert wird durch politische Programme, „revolutionäre“ Organisationen und ideologische Konstrukte, die unsere Mitarbeit verlangen, denn diese Dinge verlangen, genau wie Staat und Kapital, dass wir unsere Leben an sie geben, anstatt unsere Leben als unser Eigen zu nehmen. Unsere Träume sind viel zu gross, für die engen Grenzen der politischen Modelle. Es ist höchste Zeit, dass wir die Linke hinter uns zurücklassen und auf unserem fröhlichen Weg dem Unbekannten des Aufstands und der Schaffung von erfüllten und selbst-bestimmten Leben entgegen gehen.

[Aserbaidschan] Anarchist*innen nach Haftentlassung kampfeslustig

Zwei anarchistische Genoss*innen, die seit drei Jahren im Knast saßen und gefoltert wurden, sind am 17. März überraschend zusammen mit 50 weiteren politischen Gefangenen entlassen worden. Die beiden Anarchist*innen hatten 2016 aus Protest gegen das politische Regime die Statue des ehemaligen Präsidenten Aserbaidschans mit dem Slogan „Alles Gute zum Sklaventag!“ verschönert und waren daraufhin in einem Schauprozess wegen angeblichen Drogenbesitzes zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Für die beiden Anarchist*innen ist die Amnestie überraschend, aber kein Zeichen für eine Verbesserung der politischen Lage und sie zeigen sich weiter kampfeslustig: „Es gibt keine besondere Veränderungen. Wir kommen wieder zurück zum Kampfplatz. Das Gefängnis hat meine Überzeugungen und Denkweisen verstärkt“.