All posts by Zündlumpen

Sie hätten gerne…

Sie hätten gerne, dass wir uns anpassen.

Unsere Arbeit machen. Irgend so einen Scheiss Job. Hauptsache Arbeit.

Dass wir uns abfinden mit dem kläglichen Alltag zwischen Arbeit, Konsum und Kleinfamilie.

Sie hätten gerne, dass wir vergessen.

Was Leben sein könnte. Und was es heute ist: verkümmert und von Autorität verseucht.

Dass wir vergessen, wie dieser Planet Tag für Tag vor die Hunde geht, auf die gleiche Weise wie die Freiheit, und mit ihr die Freude am Leben vor die Hunde geht.

Vergessen, dass es unser Gehorsam diese ganze Scheisse ermöglicht, und das wir auch ganz anders könnten: das wir „auf schlechte Ideen“ kommen könnten, darüber nachdenken könnten, was hier abgeht, und darüber, dass, wenn wir es sind, die diese Scheisse ermöglichen, es auch wir sein könnten, die sie unmöglich machen.

Vor allem hätten sie gerne, das wir das vergessen das wir etwas verändern können, das Jeder und Jede die Möglichkeit hat anzugreifen. Sich zu wehren. Zu sabotieren. Weil es viel einfacher ist, als sie uns glauben machen wollen…

Was sie gerne hätten, seien sie Bullen, Ämter, Eltern, Lehrer oder Bürger, kann uns am Arsch vorbeigehen. Wenn wir uns fragen was wir wollen, sehen wir schnell, das es etwas ganz anderes ist. Wir müssen nur darauf beharren, und uns nicht kleinkriegen lassen von dieser erdrückenden Gesellschaft. Diejenigen, die uns davon abhalten wollen selbst zu denken und darnach zu handeln, können wir getrost ignorieren, und wenn sie zu aufdringlich werden, können wir uns wehren. Wir können den Ausbruch planen, mit denen, die das auch wollen, wir können die ganze Scheisse angreifen, was es braucht ist nur genügend Hartnäckigkeit! Denn:

Sich nie mehr anpassen und aus der Verantwortungslosigkeit heraustreten, um, gestützt auf das eigene Wollen, diese Gesellschaft anzugreifen, ist und bleibt die einzig würdige Art zu leben. Alles andere wird uns kaputt machen, uns unsere Träume vergessen lassen, bis wir selbst irgendwann im Büro sitzen, das wir doch kurz zuvor noch abfackeln wollten.

 

Was (für Scheisse) in dieser Welt/hier abgeht.
Vergessen, was in der Welt abgeht. In was für einer Welt wir leben, die jeden Tag mehr vor die Hunde geht.///
Dass wir vergessen, dass es immer noch unser Gehorsam ist, der diese Scheisse ermöglicht.
Sie hätten gerne, dass wir nicht auf schlechte Ideen kommen. Nicht nachdenken, über unser Leben, die niederschmetternde Gegenwart. Und schon gar nicht über die Zukunft. Zukunft… wer glaubt schon daran /// Oh, die Zukunft! Alle wissen, sie wird strahlend sein; atomar…
etc!!!

 

Doch wir scheissen darauf, was sie gerne hätten. Selbst wenn sie uns zwingen wollen.

Mit TV, Drogen, Antidepressiva…

Mit Bullen, Knast und Psychi…

Circa 2013 geschrieben, jetzt erstmals veröffentlicht. Die Scheiße geht halt weiter. Wie immer…

„Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant“ – ein wirklicher guter Spruch

Ein wolkenloser, sonniger Tag. Da so etwas in diesem am Ende der Welt und fern ab von allem gelegenen Landstrich so gut wie nie vorkommt, ist es somit eigentlich ein exzeptionell netter Nachmittag. Die Fenster des großen Raumes stehen offen, die Vögel zwitschern, die Blätter der Bäume bewegen sich in einem lauen Lüftchen, ich kann die Sonne und den Himmel sehen. Das Zimmer ist ziemlich leer und angenehm ruhig, bis auf zwei Menschen, die an Schreibtischen sitzen und mich immer mal wieder mustern.

Es wäre also alles ganz in Ordnung; bis auf den Umstand, und, zugegeben, dies verdunkelt diesen Tag ein beträchtliches bisschen, dass ich mit Handschellen an eine Bank gekettet bin wie ein Hund, mich in einer Bull*innenenwache befinde, und die Leute an den Schreibtischen Arschlöcher Cops sind, beschäftigt damit, meine „Daten zu erfassen”, während ich mich langweile. Zum Glück ist eine Uhr nicht weit, sodass ich die Sekunden zählen kann, bis sie mich dann endlich wieder gehen lassen. Meine Wut über die plötzliche Festnahme, die mich noch auf der Fahrt zur Wache vollkommen ausfüllte, ist verraucht. Seit geraumer Zeit versuche ich nun schon aus purer Langeweile irgendwie die Handschellen zu öffnen (auch wenn mir die Nutzlosigkeit dieses Unterfanges inzwischen vollkommen bewusst ist), als ein*e Passant*in Eintritt verlangt.

Nun muss ich sagen, Menschen, die freiwillig Bull*innenwachen aufsuchen sind mir seit jeher suspekt. Genauer gesagt, ich mag sie nicht. Noch genauer gesagt, empfinde ich so ein subtiles Hassgefühl gegen jede*n, die*der glaubt, die „Hilfe” einer Polizei in Anspruch nehmen zu wollen. Momentan habe ich ja nicht sonderlich viel zu tun, sodass ich sogar kurz so etwas wie Dankbarkeit für die Abwechslung empfinde. Eines der Arschlöcher bemüht sich auch schon zum Eingang, um die Person in einem Nebenzimmer zu empfangen. Weil die Tür halb offen steht, kann ich alles mithören.

Ich finde es immer wieder krass mitzuerleben, mit welcher Diskrepanz Cops Leute behandlen; zu welcher Scheinheiligkeit sie fähig sind. Arschloch 1 war sich, zusammen mit Arschloch 2, gerade noch in brutalen Gewaltfantasien ergangen, was sie mit mir anstellen würden, sollte es mir tatsächlich gelingen, aus den Handschellen zu schlüpfen. Innerhalb von wenigen Sekunden legt er den Schalter um: „Was können wir für Sie tun?”, säuselt er dem Menschen entgegen, der vor ihm steht, aller Ansicht nach aufgeregt, in so was Tollem wie einer Bull*innenwache zu stehen. Nun, es stellt sich heraus, er will eine „Meldung machen”. An einer Straßenecke sei ihm gerade versucht worden, Drogen zu verkaufen. Arschloch 1 zeigt sich sehr interessiert, fragt, ob die besagte Person noch immer dort sei. (Ja). Mit der Aufforderung, sich wieder zurück an die Straßenecke zu begeben, und einer Streife, die eilends hinzubeordert werden soll, diese Person zu zeigen, läuft der Mensch freudig von dannen.

Und ich wollte und konnte es irgendwie nicht glauben. Ja, klar wusste ich vorher schon theoretisch, dass es solche Leute gibt. Nur war es mir bisher so abstrakt, so unvorstellbar vorgekommen, sodass ich trotzdem weiterhin geglaubt habe, dass Leute, die eine Anzeige erstatten gehen, weil der Impfpass des Hundes geklaut wurde, das Ende der Fahnenstange sind. Die Wut, die ich erloschen geglaubt habe, lodert wieder auf, stärker als je zuvor. Wie kann mensch auf solch eine Idee kommen, erfüllt von einer ominösen “Bürgerpflicht”, eifrigst andere zu denunzieren?! Ist doch scheißegal, wenn da wer Drogen verkauft, du musst sie ja nicht kaufen, wenn du nicht willst!! Aber nein, der*die brave Bürger*in rennt zu den Cops! SAG MAL, GEHTS NOCH??? WAS IST EIGENTLICH LOS MIT DIR??

Später habe ich dann in einem anderen Kontext von einer Gefährtin den Satz „Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant” gehört und sah sofort wieder diesen beglückten Menschen von der Wache vor mir. Seitdem begleitet dieser Ausspruch mich. Ja, schon während der sogenannten Coronamaßnahmen hat es mich unglaublich wütend gemacht, zu lesen, dass Menschen andere Leute, die noch nicht vor Angst gelähmt waren und sich nicht einsperren lassen wollten, froh und fröhlich und in dem Gewissen „nur das Richtige zu tun”, anzeigen. Es nun aber hautnah mitzuerleben, das war doch noch was anderes und hat meiner Wut noch einmal ordentlich Zündkraft verliehen.

WAS ist denn bitte los mich euch?! Wie kommt ihr auf den absurden und skurrilen Gedanken, andere Menschen bei den Bullen anzuschwärzen? Ich finde keine Worte für den Hass, den ich dafür empfinde. Und ich verstehe es auch nicht. Euer „Gewissen” würde es von euch „verlangen”, anderen Leuten Repression, Folter, manchmal Mord, kurzum, den Bull*innen
auszuliefern? Das will nicht in meinen Kopf. Ich hasse euch dafür. Andere Menschen den Cops auf dem Silbertablett zu servieren, und sich dann noch darüber zu freuen, eine „ gute Tat” vollbracht zu haben… Löst eure Konflikte gefälligst selbst!! Hau den Leuten in die Fresse, wenn sie dich ärgern. Oder halt auch nicht! Verschwöre dich mit deine Freund*innen! Plant zusammen, was ihr tun wollt. Rede. Räche. Prügel. Ignoriere. Mir egal. ABER. RUF. NICHT. DIE. BULLEN.

„Ich habe doch nur meine Bürgerpflicht erfüllt!” Mensch findet diesen Satz in allen möglichen Ausführungen, Sorten und Geschmacksrichtungen. Am schönsten ist es, wenn er garniert wird mit einem „eigentlich will ich das ja nicht, aber…!” Er wird dann von Lehrer*innen benutzt: „Kind, mir bleibt leider gar nichts anderes übrig, als deinen Eltern zu sagen, dass du gespickt hast!”, von Kolleg*innen: „mir sind die Hände gebunden, ich muss der Chefin sagen, dass du immer zu spät kommst,” und, mein persönlicher Favorit, auch von Bull*innen: „Wenn du dich wehrst,
müssen wir eine Widerstandsanzeige schreiben, und das wollen wir nicht!”

Es ist der schlimmste Satz, den es für mich gibt. Denn du hast immer, immer, immer eine Wahl – wenn du nicht denunzieren willst, dann tue es nicht. Schluss. Aber dieses höhere-Moral-anrufen, dieses, ich muss es für das größere Wohl von ja, wem eigentlich? tun, das ist extrem scheiße. Es gibt keine höhere Moral. Es gibt kein Universalrecht, keine Bürgerpflicht, es gibt keine göttlichen Gesetze, wenn es du es nicht willst; es gibt nur dich und das, was du willst. Wenn du denunzieren willst (wofür ich dir ordentlich in die Fresse hauen werde) dann tue es wenigstens, weil du es willst, und schieb nicht irgendwas vor. Das ist einfach nur pathetisch und absolut zum Kotzen. Klar will dein*e Lehrer*in dich anschwärzen. Klar will dein*e Kolleg*in dich verpetzen, und KLAR wollen die Bullen dich anzeigen! Dieses sich Ducken hinter vermeintlichen moralischen Überlegenheitsgründen, hinter “Recht und Ordnung”, ist für mich das Schlimmste, was es gibt.

Die Person von der Bullenwache? Sie hätte sich auf ne Parkbank setzen und die Sonne genießen können. Mit Freund*innen eine Runde spazieren gehen, den Wolken zusehen oder Eis essen. Aber für was entschied sie sich, ihre Zeit auszugeben? Für in eine Bull*innenenwache gehen und Leute anschwärzen. Wegen Recht und Ordnung. Ich merke, dass ich schreie, dass ich auf die Tastatur haue vor Wut. Und dass ich Leute, die so etwas tun, so tief dafür verabscheue und so verachte, dass ich keine Worte
übrig habe, es zu beschreiben.

Bye-Bye, Moria

[[Hastige Übersetzung eines – eher aktivistischen – Textes, der angesichts des brennenden Morias einige Fragen der Solidarität aufwirft, die angesichts der hießigen „Solidaritätsdemonstrationen“ und karitativen Forderungen auch tausende Kilometer entfernt einige Relevanz zu besitzen scheinen.]]

Wenn ein Gefängnis niederbrennt können diejenigen von uns, die auch nur für einen kurzen Moment den Zustand des Eingesperrt-Seins erlebt haben, nur vor Freude beben. Ungeachtet dessen, ob nach seiner Zerstörung ein neues errichtet werden wird und ungeachtet dessen, ob die Zellen nach der Flucht einiger Gefangener aufs neue gefüllt werden, kann uns die Tatsache einer Flucht nur mit Freude erfüllen. Schließlich ist der Kampf für die Beseitigung jedes Gefängnisses Teil des Kampfes für individuelle und soziale Befreiung, genau hier und jetzt.

Am Abend des Dienstag, den 8. September 2020 ging eines der meistgehassten Gefängnisse in Europ in diea in Flammen auf. Es war nicht das erste Mal, dass einige Personen versucht hatten, das Konzentrationslager von Moria niederzubrennen. Beinahe täglich brachen kleinere Feuer aus, als Resultat der Entrüstung oder der explosiven Zustände, unter denen die Menschen dort lebten. Dieses Mal jedoch, war es nicht das Gleiche. Die Herzen der Menschen waren versteinerter denn je zuvor und ihre temporären Besitztümer sahen eher aus wie Brandbeschleuniger, als wie Waren. Am selben Tag kam es wieder einmal zu sich ausbreitenden Zusammenstößen, als die Polizei-Ärzt*innen eintrafen, um die vollständige Abschottung des gesamten Camps und die Isol in dieation von Insass*innengruppen innerhalb des Camps anzuordnen. Nur wenige Tage zuvor hatte der Staat entschieden, eine Mauer zu errichten, die all die Slums um das Camp Moria einschließen sollte. Noch ein paar Tage zuvor hatte der UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) entschieden, die ohnehin schon geringe finanzielle Unterstützung für die Insass*innen zu kürzen. Einige Monate zuvor wurden in dem Camp Einschränkungen im Namen der öffentlichen Gesundheit verordnet. Seit Jahren schon gibt es im Camp keinerlei Perspektive mehr. All das und noch viel mehr führte dazu, dass sich die Gefangenen mit Steinen bewaffneten und sich den Löschfahrzeugen in den Weg stellten, um sicherzustellen, dass die Flammen ihre gesamte Hölle ergreifen würden. Raum für Raum öffneten sie die bürokratischen Strukturen des Prokrustes und brannten sie nieder, wieder und wieder, sowie am nächsten Tag und am Tag danach, bis sie sichergestellt hatten, dass diese nie wieder zurückkommen würden.

Diejenigen, die Angst vor Veränderungen haben, werden alles tun, um die vorherige Situation wiederherzustellen. Wir alle, die weißen Europäer*innen, die aufmachen, um zur Arbeit zu gehen und in der täglichen Routine verhältnismäßigen Überflusses und antizipierter Emotionen gefangen sind, sind von der gewalttätigen Effektivität des Feuers verstört. Wir sind verstört davon, wie leicht und schnell sich das verändert, was so unverwüstlich gewirkt hatte. Die Kapitalinteressen der Menschen benannten eine Reihe von Dämonen als Verantwortliche für das Feuer. Türkische Agent*innen, verborgene Herrscher*innen, Jihadist*innen, lokale Faschist*innen, Faschist*innen aus dem Ausland stolzierten durch die Fantasien der Spießbürger*innen, in dem Versuch zu befrieden und zu vermitteln. Es ist dieses dunkle Gewebe, mit dem wir unsere Augen verbinden, um der Realität nicht ins Auge sehen zu müssen, um nicht damit konfontiert sein zu müssen, Stellung zu beziehen. Egal, welcher Teufel das Feuer gelegt hat, kann dieser Akt doch nicht von dem Kinderlachen, den Jubelschreien der Menge, die sich wie in Extase von ihrem Gefängnis verabschiedete, getrennt werden. Dieser Akt kann nicht getrennt werden von den Steinen, die bis heute, eine Woche danach, in Richtung der Folterknechte geworfen werden. Dieser Akt steht in Zusammenhang mit der Weigerung der Menschen, sich in ein neues Konzentrationslager zu begeben, ihrer Weigerung gefüttert zu werden, ihrer Weigerung, die Wohltätigkeit der „Weißen“ anzunehmen.

Eine Woche später sind 13.000 Menschen auf einen Bereich der Straße beschränkt, die zum Hafen führt. Tag und Nacht fliegen Polizei- und Militärflugzeuge hunderte von Spezialkräften mit jeder erdenklichen Ausrüstung ein. Von Schiffen werden Wasserwerfer und andere Spezialfahrzeuge entladen. Löschflugzeuge fliegen beständig umher, um die von Aufständischen entfachten Feuer zu löschen, die entweder dazu dienen, das was übrig geblieben ist niederzubrennen, die Versuche ein neues Gefängnis zu errichten zu sabotieren oder um sich selbst von den hunderten Tränengasgranaten zu schützen, die von der Polizei abgefeuert werden. Zugleich fliegen am Himmel von Mytilene alle Arten von Drohnen und Helikoptern, die ihre Bewegungen beobachten und die Repression zu organisieren, von der Stunde um Stunde erwartet wird, dass sie ihren Höchststand erreicht.

Sicher sind nicht all diese Menschen vereint und genausowenig können wir sie alle als Rebell*innen bezeichnen. Ihre rassistischen und internen Konflikte wurden nicht zuletzt auch durch die miserablen Bedingungen unter denen sie gelebt hatten, geschürt. Dennoch können wir eine bedeutende revoltierende Menge beobachten, die keinen Schritt zurück akzeptiert. Sie sehen ihre Zukunft im Feuer und kämpfen Stein für Stein um ihre Freiheit. Die gleichen Menschen sind an direkten Aktionen beteiligt, zum Beispiel daran, agressiv Nahrung zu verweigern, agressiv Humanitäre Hilfe abzulehnen oder sich agressiv dem neuen Narrativ der Macht zu verweigern. Betrachtet man die Sorge einiger „weißer“ Menschen hinsichtlich der Nahrung und den Annehmlichkeiten der Aufständischen, genügt es, ihre Slogans anzuhören: „Wir wollen kein neues Camp, wir wollen Freiheit“, „Wir wollen keine Nahrungsmittel, wir wollen Freiheit“.

Beachtet man das oben genannte, ist es wichtig, die Sackgassen, in die sich solidarische Menschen und Anwohner*innen verrannt haben, zu bemerken. Die Bmühungen um ein humanitäres Management der chaotischen Situation, die auf die Aufstände folgten, ersetzte die anfängliche Benommenheit, die die solidarischen Menschen überkommen hatte. Die ersten Gedanken drehten sich um Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft, Sicherheit vor Faschist*innen, usw. Dieser Ansatz kann zumindest als überholt betrachtet werden, wenn wir an die tausenden Portionen Essen denken, die aufgrund der Weigerung der Aufständischen zur vorherigen Normalität des humanitären Managements zurückzukehren im Müll landeten. Seit nunmehr fünf Jahren hat sich auf der Insel ein Multimillionengeschäft etabliert, durch das verschiedene systemische und nicht-systemische Akteur*innen reich werden und das die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse der Gefangenen übernahm. Schlimmer noch, professionelle humanitäre Organisationen sind besorgt über eine Situation, die ihre Investitionen bedroht und schlagen mit ihrer aktiven Beteiligung am Wiederaufbau eines neuen Camps in Zusammenarbeit mit Polizei und Militär eine Rückkehr zur Vergangenheit vor. Wenn wir all das zusammenfügen stehen wir vor der zeitlosen Sackgasse  einer Solidarität, die mit Wohltätigkeit und der Logik der Viktimisierung flirtet, anstatt sich dem Kampf der Aufständischen anzuschließen und sie auf eine Art und Weise zu stärken, die ihre Forderungen aktiv vertritt.

Auf der anderen Seite hat eine Gruppe lokaler Anwohner*innen, die kontinuierlich die Schließung des Camps Moria forderten, ungeachtet ihres rassistischen Ansatzes eine effektivere Antwort auf die Forderungen der Aufständischen gefunden, indem sie eine Blockade errichteten und die Ankunft von Maschinen verhinderten, die das niedergebrannte Areal säubern sollten, so dass es wieder in Betrieb genommen werden könne. Sie richteten ihre Agression auch gegen den Minister für Immigration, den sie nicht passieren ließen. Der Kampf der Anwohner*innen kann tatsächlich als Spannungsfeld zwischen Hoffnungslosigkeit, Täuschung, persönlichen Ambitionen und Sackgassen betrachtet werden. Angesichts des Menschenhandels, den die globalen Interessensvertreter*innen offen aufbauen und angesichts der gigantischen staatlichen Aufrüstung sind sie Schritt für Schritt durch die Sackgasse humanitärer Verwaltung hin zur rassistischen Krankheit gelangt. Sie sind der Führung durch Politiker*innen mit geheimen Agenden und ehrgeizigen Anführer*innen, die im Strudel der Interessen nach oben gelangen, überlassen und schon bald werden die Ergebnisse genau das Gegenteil davon sein, was die Menschen erwarten.

Diejenigen von uns, die die griechische Gesellschaft seit Dekaden kennen, können von ihrem offensichtlichen Konservatismus nicht überrascht sein. Rassismus, Nationalismus, Patriarchat und Befriedung sind tief in der grichischen Gesellschaft im Allgemeinen verankert. Selbst wenn sich einige bourgeoise „gute Manieren“ während der kurzen Periode eines temporären Wohlstands der Gesellschaft etablierten, so waren doch Distanzierung und Gleichgültigkeit nichts weiter als eine künstliche Tarnung des obigen. Angesichts der derzeitigen Situation ist es heuchlerisch über 10 bis 100 Faschist*innen zu reden oder über das Verhalten einer politischen Partei. Das ganze „demokratische Spektrum“ in Lesbos begegnete dem großen Fest des brennenden Morias entweder mit Tränen oder sprach direkt von einer Jauchegrube. Eine Jauchegrube, die die Medien nicht verpassten, aufzubauschen, bis sie die entferntesten Gehirnzellen erreichte. Die Information wird im Sinne der Nationalen Bedrohung behandelt, unterstützt von denen mit den Gesundheits-Bomben. Die Sondereinheiten der Polizei und des Militärs, die die Migrant*innen daran hindern, sich dem Hafen zu nähern, haben sich im Gegensatz dazu, was vor einigen Monaten passiert ist, dieses Mal in ihre Beschützer*innen verwandelt, die sie vor den infizierten Zombies, die das türkische Regime gesandt habe, beschützen. Aber wir alle sind für diese Bilder im Hintergrund verantwortlich. Als wir unter dem Kittel des Arztes nicht die Uniform des Bullen erkannt haben, als die Wissenschaftlichkeit Konzepte wie Selbstbestimmung und Selbstverwaltung unterdrückte, als wir es vermieden gegen den Tanz der Millionen zu kämpfen, der darauf abzielte, Gefangenschaft und Repression zu erzeugen. Als wir es vermieden, so zu sprechen, dass wir uns nicht mit denjenigen, die wir Faschist*innen nannten, identifizieren mussten. Als wir den Rassismus der Gesellschaft unterschlugen, indem wir 10-100 extreme Rechte beschuldigten. Als wir uns mit dem medizinischen Klerus einverstanden erklärten und unsere Augen vor dem heuchlerischen Management, das in den Konzentrationslagern stattfand, verschlossen.

Die Einzige Lösung, die von den Aufständischen geäußert wird, ist keine Lösung. Und wir müssen diese mit all unseren Mitteln und allem in unserer Macht stehenden unterstützen. Während Staaten und humanitäre Organisationen nach Wegen suchen, diese erbärmliche Situation zu verwalten, ist die einzige Rolle, die wir dabei spielen können, sie zu sabotieren. Keine Lösung steht dem Konzept der Vermittlung entgegen. Weil jede Verwaltung durch ein zentrales System der Macht nur teilen, einsperren und isolieren kann.

Wieder einmal müssen wir über die Bedeutung von Solidarität nachdenken. Welche Form der Solidarität erwarten die Aufständischen von uns? In einem Kampf, in dem die Aufständischen ihre Körper geben und materielle Güter den Flammen übergeben, kann Solidarität nicht ein Teller Essen, ein Zelt oder einen Bullen bedeuten. Angesichts des großen Feuers, das Moria niedergebrannt hat, sind kleine Funken der einzige Weg, um mit den Aufständischen zu kommunizieren. Unsere Herzen wurden von den großen Feuern erwärmt, die die Hölle von Moria dem Erdboden gleich machten. Wie immer in solchen Momenten enthüllen die Monster ihre Absichten auf die deutlichste Art. Lasst uns auf ihre Schwächen zielen, bis jede Lösung endgültig zusammenbricht. Bis wir unendlich zerbrechliche Gesellschaften der Gleichheit und Solidarität errichten. Bis jedes Gefängnis dem Erdboden gleich gemacht ist, sowohl innen, als auch außen.

Übersetzung der englischen Version des Textes „Bye-Bye Moria“ bei Indymedia Athen.

Alkoholverbot statt Ausgangssperre: Was der Staat aus dem ersten Lockdown gelernt hat

Während ich diesen Text schreibe, versucht sich die Münchner Politik daran, ihre neue Strategie der sozialen Isolation und Kontrolle zu verfeinern. Ein allgemeines Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen ab 23 Uhr, sowie ein Alkoholverkaufsverbot außerhalb der Gastronomie ab 21 Uhr wurden mittlerweile gerichtlich gekippt, mit dem Hinweis, dass es ja genüge, diese Verbote auf sogenannte „Hotspots“ zu beschränken, dass ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen – zeitlich und örtlich beschränkt (auf die Plätze auf denen die Asis abhängen?!) – aber grundsätzlich ja schon rechtens – und angemessen – sei. Und während das Bürgermeisterarschloch und seine Büttel an einer entsprechenden Umsetzung zu arbeiten scheinen, kommen andere Politiker*innenarschlöcher mit Vorschlägen, die neben offensichtlichen Lächerlichkeiten wie „Füllstandsanzeigen für öffentliche Plätze“ (als ob ich eine solche Anzeige bräuchte, um zu beurteilen, ob mir an einem Ort zu viele Menschen sind oder nicht – manchmal frage ich mich ja, ob Politiker*innen wirklich so weltfremd sind oder ob sie sich nicht eher einen Wettkampf liefern, wer den Menschen den dümmsten Vorschlag schmackhaft machen kann) auch bauliche Veränderungen zur „Isolation von Menschengruppen“ beinhalten. Kurz gesagt: Die Politik arbeitet an nichts anderem, als an der subtilen – oder auch weniger subtilen, aber im Vergleich zu Ausgangssperren doch erheblich subtilisierten – und permanenten Umstrukturierung der Gesellschaft mit dem Ziel die Menschen voneinander zu isolieren und die Arten und Weisen, auf die wir miteinander in Kontakt treten noch stärker zu kontrollieren.

Dass das Ganze wenig bis gar nichts mit Corona zu tun hat, brauche ich vermutlich niemandem zu sagen, aber wer daran wirklich zweifelt, die*der kann sich ja mal die Frage stellen, inwiefern es im Sinne eines „Infektionsschutzes“ sei, wenn der Alkoholkonsum im Freien verboten wird, während er in Gaststätten erlaubt ist. Letztlich ist das aber sowieso egal, es verdeutlicht höchstens die Herrschaftsverhältnisse all denjenigen besser, die sich absichtlich oder unabsichtlich dann doch immer wieder in moralischen Erwägungen verirren, die letztlich eben doch immer nur Herrschaft zur Legitimation verhelfen.

Sowieso scheint sich die ganze Debatte um Corona, mit der noch vor wenigen Monaten ein Ausgangs- und Kontaktverbot legitimiert wurde, mittlerweile höchstens noch abstrakt der Legitimation von Einschnitten seitens des Staates zu dienen. Ein auch nur halbwegs kausaler Zusammenhang bleibt mittlerweile so gut wie immer aus. Und obwohl langsam den meisten dämmern dürfte, dass Corona eben nicht die Pest ist, ja zukünftige Datenerhebungen Covid-19 viel wahrscheinlicher als eine kleinere Grippewelle charakterisieren werden, spielen Einschätzungen zur „Gefährlichkeit“ des Virus überraschenderweise gar keine Rolle mehr. Alles was zu zählen scheint ist, dass die Zahl der Infektionen klein bleibt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die momentan verschärfte Einsperrung auf nicht absehbare Zeit anhalten wird und zumindest logisch betrachtet ausschließlich mit der Entwicklung eines Impfstoffs beendet werden kann. Aber wie sollte der Staat auch von irgendetwas anderem sprechen? Als der erste Lockdown durchgesetzt wurde, wurde das schließlich damit begründet, dass die Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht ausreichen würden, wenn sich das Virus stark verbreitet. Abgesehen davon, dass auf vielen eigens eingerichteten Corona-Stationen – eingerichtet auf Kosten der übrigen Krankenhauskapazitäten – vor allem eines fehlte, nämlich die Patient*innen und gleichzeitig Patient*innen mit anderen Gebrechen und Krankheiten als Corona keine Behandlung erhielten, hat sich aber bis heute nichts an den Krankenhauskapazitäten verändert. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Gesundheit der Menschen nun wirklich das Letzte ist, worum es bei all dem Corona-Autoritarismus geht. Und nun, wo das Argument der Intensivbettenkapazität nicht noch einmal genutzt werden kann – zumindest nicht ohne dass es peinlich wird –, um die Menschen zu Hause einzusperren, da vertraut man offenbar darauf, dass bestimmte Narrative, die sich in den letzten Monaten medial eingespielt haben, wie das der steigenden Infektionszahlen, einfach weiterfunktionieren.

Mit all dem will ich keineswegs nahelegen, dass eine Einsperrung aus den „richtigen“ Gründen weniger autoritär wäre, dass es weniger angemessen wäre, gegen eine Einsperrung aus den „richtigen“ Gründen zu revoltieren und dass nicht jede*r, die*der (weiterhin) eine Einsperrung aus den „richtigen“ Gründen fordert, unterstützt, plant oder befürwortet (*hust* Linke *hust*) ebenso eins auf die Fresse verdient hat, wie diejenigen, die uns derzeit scheinbar zum Selbstzweck einsperren (wollen). Nein, wenn ich hier die Logik der Argumente für unsere Einsperrung untersuche, dann nur um zu beweisen, wie idiotisch das Ganze ist, ohne dabei zu verschleiern, dass selbst wenn Covid-19 den Untergang der Menschheit bedeuten würde, ich noch immer die orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung eines Todesvirus der sterilen Langeweile und dem vereinsamten sozialen Massensterben vorziehen würde.

Aber diese Frage stellt sich momentan nicht, denn der Feind ist weder Covid-19, noch irgendein anderer Virus. Der Feind ist weiterhin der Staat und die Zivilisation, der Kapitalismus, die Technologie und das Patriarchat. Der Feind sitzt in den Parlamenten, patroulliert in den Straßen und lauert in der virtuellen Armut des Internets, die mehr denn je danach trachtet, die Realität abzulösen. Und letztlich wittert das gerade jede*r, die*der sich trotz des „reichhaltigen“ Angebots des Internets, trotz Online-Konzerten, Online-Raves und Online-Zusammenkünften unter Freund*innen dennoch hinaus wagt, auf die „gefährliche“ Straße, um die Gesellschaft anderer Menschen zu suchen, um wenigstens für ein Bier der sterilen Langeweile und der emotionalen Armut der modernen Gefägniszelle namens Zuhause zu entfliehen.

Für den Staat ist die Befriedigung dieses Bedürfnisses unterdessen zu einem fast schon subversiven Akt geworden. „Unvernünftig“ sei das, „verantwortungslos“, „egoistisch“, usw. Vielleicht ist es das ja. Egoistisch sowieso, warum sollte es auch meine Sache sein, was der Staat gerne hätte? Verantwortungslos auch, wieso sollte ich Verantwortung übernehmen, mich selbst einzusperren? Und die Unvernunft ist doch ohnehin der beste Ratgeber in einer Welt, in der die „Vernunft“ regiert.

Nachdem noch vor einigen Wochen Verbote die Mittel des Staates waren, die allgemeine Einsperrung durchzusetzen, wurden diese zunehmend durch moralische Parolen und Appelle abgelöst, in der Hoffnung, dass sich die Menschen gegenseitig kontrollieren würden. Nachdem das nun zumindest bei einigen Individuen, die einen Dreck für diese Moral übrig haben, gescheitert ist, sollen Verbote und Zwang es wieder richten. Aber nicht mehr gegen alle, sondern gezielt gegen diejenigen, die ein wenig mehr aus der Reihe tanzen als andere. Und natürlich sind das zuallererst die Armen, sprich diejenigen, die es sich nicht leisten können, sich mit ihren Freund*innen in der Bar zu betrinken, sondern diejenigen, die sich auch bei Regen und Kälte draußen treffen. Meist weniger weil sie das wollen, sondern vielmehr weil das Bier in der Bar einfach zu teuer für sie ist.

Es ist die gleiche Vertreibungspolitik wie eh und je: Wenn alle Zuhause eingesperrt werden sollen, dann müssen diejenigen, denen Zuhause die Decke auf den Kopf fällt oder diejenigen, die soetwas wie ein Zuhause gar nicht besitzen, bekämpft werden, denn sie stören diesen Prozess. Und während der Staat seinen Krieg gegen diese Menschen führt, braucht er seitens derer, die Zuhause genügend Platz haben und die es sich problemlos leisten können, ihre Bewegungsfreiheit um Restaurants, Bars, private Gartenanlagen, Ferienhäuser und Urlaubsreisen zu erweitern, keinen Widerstand zu befürchten, sondern kann sich vielmehr auf allgemeine Zustimmung einstellen, wenn „endlich einmal jemand was gegen diese zwielichtigen Gestalten“, „gegen den Partylärm“ oder „gegen die Schandflecken Münchens“ tut.

Aber all diejenigen, die wissen, dass das Bier nirgendwo so gut schmeckt wie draußen in Gesellschaft anderer, egal ob es regnet, stürmt oder die Sonne scheint und dass das Bier noch viel besser schmeckt, wenn es geklaut wurde, die sind angesichts dieses erneuten staatlichen Angriffs gut beraten, sich nicht ein weiteres Mal wegzuducken und zu warten, bis der Sturm vorrüberzieht.

Und auch wenn das Auftreten der schwer bewaffneten Schlägertrupps, das sich für die kommenden Wochen bereits abzeichnet oft einschüchternd wirken mag, solltest du eines niemals vergessen: Die wirksamste Waffe hältst du bereits seit Jahren in deiner Hand: Eine leere Bierflasche.