Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 6

Der phönizische Krake und seine späteren griechischen, venezianischen und anderer Herkunft Nachkommen werden als etwas vollständig vom assyrischen Lindwurm Verschiedenes erachtet werden. Es wird selbst jene geben, die den Kraken als eine Form der menschlichen Freiheit betrachten werden. Ich möchte hier zeigen, daß es sich um eine Täuschung handelt.

Es gibt keinen Zweifel, daß sich die zwei Leviathane unterscheiden. Des künstlichen Drachen Klauen und Fänge, seine Heere, sind gewöhnlich dem Körper angefügt, dahingegen die Fangarme des künstlichen Kraken sich vom Körper lösen und als sich frei bewegend bezeichnet werden können, besonders, wenn es sich bei den Tentakeln um Schiffe handelt. Der Lindwurm ist meistens zu Lande, der Krake eher zu Wasser.

Zweifelsohne stehen hier auch zwei verschiedene Arten in Frage. Bedeutsam ist dabei, daß diese nicht die Arten menschlicher Gemeinschaft, sondern die Arten des Leviathans betreffen. Beide sind sie, was Hobbes später „künstliche Menschen“ nennen würde. Jeder von ihnen ist ein Automat, eine Maschine, und wie andere Maschinen es vermögen, läßt sich jede manchmal verändern oder anpassen an das Verhalten der jeweilig anderen.

Der hauptsächliche Unterschied zwischen ihnen liegt weder in der Weise, wie sie die Arme bewegen, noch im Medium, darin sie sich bewegen, noch in der Größe des Kopfes, sondern eher in der Weise, wie sie mit dem bereits oben erwähnten Überschuß umgehen. Beide leben von den Überschuß-Produkten der Arbeit ihrer Zeks. Der Drache jedoch nutzt den Großteil seines Überschusses, um seinen Kopf und Körper zu vergrößern, seine Behörden und Heere, während der Krake den Mehrteil seines Überschusses durchgehend zwischen verschiedenen Zielen und Quellen hin und her fließen läßt.

Diese unterschiedlichen Behandlungen des Überschusses bergen jeweils einen spezifischen Vorteil. Der eine neigt dazu, größeren Wohlstand, der andere dazu, größere Macht zu besitzen. Ein tauglicher und beweglicher Krake, und die Phönizischen Städte scheinen beides gewesen zu sein, ist befähigt, sich mit seinen Tentakeln einen ungleich größeren Teil Mutter Erdes einzuverleiben. Die Phönizier konnten nicht nur einen enormen Teil der geraubten und ihrer Natur entrissenen Biosphäre mithilfe ihrer Schiffe transportieren, sondern taten das offenbar auch. Doch mit all seinem Reichtum stand der Phönizische Krake dem Assyrischen Drachen hinsichtlich dessen Macht nach, wie ein einziger Feldzug unter Leitung Tiglat-Pilesers III. erzeigte.

Die Leichtigkeit der Assyrischen Eroberung wird uns überraschen. Wir werden denken, daß die Reichen ihre Macht so leichtfertig erstehen können, wie es den Mächtigen gelingt, Reichtum zu erlangen. Wir werden an das Britische Imperium denken, einen Kraken mit der Macht eines Lindwurmes, oder das Amerikanische Imperium, einen Lindwurm mit den Fangarmen eines Kraken.

Die Phönizier erstehen durchaus Armeen. Einige Enkel Levis begreifen sich in der Tat als Söldner dieser Armeen. Doch die Armeen verzehren den Überschuß in den Schiffsräumen, und die Oberhäupter der Händlersfamilien wissen, daß all der Wohlstand Phöniziens darin gründet, Dinge in Schiffsräumen an Orte zu bringen, wo diese wertvoll sind, und darin, die Schiffsäume mit Billigem zu füllen, das andernorts teuer gehandelt wird. Die Händler wissen auch, daß große Heere unersättlichen Appetit entwickeln, und daher drohen, all die Dinge in den Schiffsräumen zu verschlingen. Und natürlich haben die Händler damit recht.

Als das Kriegsgerät Tiglat-Pileser III. die Phönizischen Tore sprengt, erhalten die Assyrer kein Weltreich der schwimmenden Fangarme.

Die Assyrischen Militärs haben es nicht nötig, die Phönizischen Händler zu vertreiben, und könnten nicht einmal dem schwimmenden Weltreich ein Ende setzen wollen. Doch im Moment, als die hungrigen Armeen die Schiffsräume plündern, bricht das Phönizische Imperium zusammen. Alles, was bleibt, sind die Teilstücke der Fangarme außerhalb der Reichweite der Assyrer, Ausleger an den Ufern des Mittelmeers und des Atlantiks. Der Urheber all dieser Ausleger verrottet wie die leeren Schiffe in seinen Häfen. Die Schiffe, deren Schiffsräume nur noch die Überbleibsel dessen enthalten, was einst ein satter Mittelmeerwald war, werden schließlich sinken. Die Bäume in den Schiffsräumen werden keine Abkommen haben, weil der Boden, darauf sie wuchsen, ins Meer ausgeschwemmt ward, von dem Tag an, als er seinen Schutz verlor. Dieser Boden, noch reich an Organismen, wird den versunkenen Schiffen auf dem Grund des Mittelmeers nachfolgen, wo sich beide nach und nach zu Erdöl verwandeln.

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Der Phönizische Meeres-Krake war ursprünglich nichts als ein Fangarm oder Auswuchs der Sumerischen oder Ägyptischen Land-Drachen, und man mag sich wundern, wie es dem Kraken gelang, so lange ungehindert zu bleiben, vor allem in Anbetracht seiner militärischen Unterlegenheit im Antlitz des Assyrischen Ungeheuers.

Wir werden uns erinnern müssen, daß nur in einem Hobbes‘schen Wunschdenken der Wurm zu Lande ein zusammenhängendes und taugliches Wesen darstellt. Der andauernde Verfall ist der Normalzustand künstlicher Würmer im Felde. Jene zu Federn und Rädern erniedrigten Menschen werden niemals aufhören, sich dieser Erniedrigung zu widersetzen. Die Feldzüge gegen sowohl die äußeren, als auch die inneren Feinde – namentlich seine Versuche, den Verfall aufzuhalten – sind tatsächlich der Stoff Seiner Geschichte.

Der Verfall war ebenso der Normalzustand des Assyrischen Leviathans in der zehn oder zwanzig Generationen währenden Blütezeit der Phönizier.

Als der Hethitische Leviathan zusammenbrach, hieß der Assyrerkönig Tukulti Ninurta sein Heer, jene Tausenden verlorenen Soldaten der gefallenen Reiche zu ergreifen und zu versklaven, möglicherweise in dem Gedanken, auf diese Weise so viel Macht zu erlangen, wie der Gegner verloren hatte. Doch Assyrien wuchs nicht an dieser Gefangennahme, und die plötzliche Knappheit an Tafeln der Prahlerei in diesem Zeitraum legt nahe, daß Assyrien mit dem Versuch, sein vergrößertes Heer zu ernähren, die Fähigkeit verlor, sich zu erhalten. Sowohl Babylonien als auch Elam entflohen dem Ungeheuer im Osten, und als dann Tiglat-Pileser I. diese Verluste zurückgewann, suchten verbündete Stämme der Muški den Westen Assyriens zu stürmen. Den Urgroßvätern der Medes und der Perser sagt man eine Beteiligung an diesen zürnenden Muški nach.

Der Versuch Assyriens, sich seine äußersten Glieder unter Einsatz militärischer Mittel zu erhalten, schlug scheinbar fehl; die Schrifttafeln sprechen von Hungersnöten und Rückzügen. Muški von Hurritischer Sprachangehörigkeit richteten sich in einer Festung im armenischen Gebirge, Urartu, ein, und selbst die assyrischen Zeks von semitischer Sprachangehörigkeit, Aramäer und Chaldäer, begannen sich aus den Arbeits-Banden und dem Heer zurückzuziehen. Assurnasipal II. bewegte das Haupt des Assyrischen Leviathans von Nineve nach Kalah, um den Festungen der Aufständischen näher zu sein, doch sein Nachfahre, Salmanassar III. sah sich einem noch größeren Widerstand gegenüber – dieser Zwingherr der Zivilisation mußte dann Nineve und Assur dem Erdboden gleichmachen, um die Pax Assyriana wiederherzustellen.

Doch selbst dann waren die Ungemache der Assyrer nicht vorüber. Die Hurriter von Urartu griffen Assyrien an, im Verbund mit den Zeks, welche Assyrien im Inneren unterwanderten, so daß Assurdan III. zu erleiden hatte, was in Assyrischen Augen die größte Schmach sein mußte: militärische Niederlagen an jeder Front. Sein Nachfolger jedoch, Assurnirari IV., mußte noch größere Schmach erdulden, als er durch Aufstände in seiner eigenen Hauptstadt, Kalah, gestürzt ward. Aus diesen Gründen begann der Assyrische Leviathan seinen Werdegang als Verschlinger aller seiner Gegner nicht einmal, bis zehn oder zwanzig Generationen nach der Gefangennahme der verlorenen Hethiten verstrichen waren.

Tiglat-Pileser III., von seinen Zeitgenossen Pulu der Wiederhersteller genannt, war ein weiterer jener großen Neuerer auf dem langen Wege von der Barbarei zur Zivilisation. Unmenschliche Grausamkeiten wurden von Zivilisierten auch vorher bereits geübt. Die Neuerung dieses fortschrittlichen Monarchen war es, ganze Bevölkerungen aus ihren ursprünglichen Heimstätten an seltsame Örter zu deportieren, wo sie selbst in Nahrungsdingen von der Großzügigkeit ihrer Bezwinger abhängig waren.

Hiram II. von Tyros erwähnen Assyrische Schrifttafeln als einen willfährigen Vasallen; scheinbar hatte dieser Hiram versucht, seine Begnadigung von dem assyrischen Tyrannen zu erkaufen. Wir haben gesehen, wie viel diese Begnadigung Tyros und die anderen Phönizischen Städte kosten würde.

Damaskus, Edom und der kleine Staat Israel mit seiner Hauptstadt in Samarien versuchten, sich des Wiederherstellers zu erwehren, doch König Ahas von Judäa und sein Heer dienten ihm als Hilfstruppen, willens, Assyrien bei der Niederwerfung seiner Gegner zur Seite zu stehen. Viele Nachfahren von Moses, Menschen wie Propheten, begehrten gegen dieses Machwerk auf, und Hesekiah trat die Nachfolge Ahas‘ an, der sein Königreich gegen die Assyrer abschottete. Bis zu diesem Tage waren durch den Nachfolger Pulus‘, Salmanasser IV., bereits alle unabhängigen mittelmeerischen Leviathane zerschlagen oder zu Vasallen gemacht worden, als dessen Nachfolger wiederum, Sargon II., Samarien gewann und wohl dessen ganze Bevölkerung von 27000 Menschen deportierte. Als letzter unabhängiger Leviathan des Mittelmeers verblieb nun Judäa.

Die Herrschaft Sargons II. bedeutet einen weiteren großen Satz vorwärts für die Zivilisation. Mit seiner Technologie des Todes, seiner unmenschlichen Grausamkeit und seiner schieren todbringenden Kraft ist er seinem akkadischen Namensvettern weit voraus. Wie dieser begibt er sich in die Welt, um sie zu erobern. In Khorsabad läßt er einen Palast errichten, der durch unsere Zeitgenossen ausgegraben werden wird: Seine unnahbare, bedrohlich-hierarchische Plastik und Bauweise ist Ausdruck von Abscheulichkeiten und Grauen ohnegleichen.

Sargon, wie auch sein Namensvetter, bringen Kräfte in Bewegung, die seine Nachfolger verschlingen würden. Bereits zu Zeiten seiner Herrschaft verbinden sich Chaldäer und Aramäer auf dem Rückzuge, mit Elamiten, erwählen sich einen Vorkämpfer, den früheren Zek Merodach-Baladan, um den Assyrern keine Ruhe zu lassen.

Sennacherib, Sargons Nachfolger, brandschatzt und schlachtet, von andauernden Aufständen bedroht, die meisten Einwohner seines Reiches hin. Während der Regentschaft dieses Wahnbesessenen zwingen die Assyrer zumindest das Königreich Judäa nieder, deportieren einen Großteil seiner Einwohner, nehmen die leeren Schiffe der Phönizier in Beschlag und morden schließlich die Chaldäischen und Aramäischen Aufständischen in ihrer Babylonischen Festung.

Unter der Führung Essarhaddons vernichten die Phönizier Sidon, belagern das verarmte Tyros, und schreiten fort, nach Ägypten einzufallen.

Assurbanipal, der letzte Tyrann Assyriens, erbt ein Reich, das die ganze derzeitige Leviathanische Welt umfaßt, muß allerdings endlich erleben, wie dies Reich sich wieder auf die Größe verringert, die es zu jener Zeit besaß, als Pulu sich noch nicht angeschickt hatte, es wiederherzustellen, und tröstet sich darüber damit hinweg, daß er sich als Schriftgelehrter, der in Tausenden Schrifttafeln, welche er in Ninive sammelt, gepriesenen einstigen Größe seines Königreiches, zuwendet. Damit ist er der Vorreiter all jener Geschichtsschreiber, die in ihren Bibliotheken einen ähnlichen Trost finden werden.

Ägypten, das Mittelmeer und Babylonien erstehen aus dem verfallenden, zu Grunde gerichteten Assyrischen Leviathan.

Etwas anderes ersteht, etwas, das durch die Kriegsmaschinerie Assyriens, die der ganzen Welt Gewalt antat, in Bewegung versetzt ward: ein Bündnis der Stämme aus den Steppen und Gebirgen.

Die Verkörperungen dieses neuen Angriffs von außen sind die Medes, welche sich mühelos im vollkommen zerstörten Elam einrichten. Im Rücken der Medes stehen die Verbündeten verschiedener Türkischer und Iranischer Zungen, welche die Griechen später Scythier und Perser nennen würden. Diese Neuerstandenen schlagen sich auf die Seite Naboplassers des Chaldäers, um die Assyrer von Babylon aus zu verjagen, um dann der Geschichte des Assyrischen Leviathans ein endgültiges Ende zu bereiten.

Naboplassar der Chaldäer, ein Mann der Waffen, welcher seine Jugend in der Assyrischen Kriegsmaschinerie zubrachte, scheint zu vermeinen, daß die Neulinge aus den Eurasischen Steppen erschienen wären, um ihn dabei zu unterstützen, Babylon zum Ruhme des gefallenen Nineve zu verhelfen. Er zerstörte die Relikte der Assyrischen Macht in Abramsstadt, Harran, und fährt schließlich nach der Mittelmeerküste.

Der nächste Chaldäer, Nebukadnezar I., König über ein Babylon des gleißenden Reichtums und der bitteren Armut, verkleinert die nun verarmten Städte des Mittelmeers und setzt Zedekia von Judäa, seine Marionette, als Statthalter von Tyros, Sidon, Moab und auch Judäa ein, doch als jener dem Pharao Ägyptens ähnliche Dienste anbietet, überfallen die babylonischen Chaldäer Tyros, brennen Jerusalem nieder und verbringen die verbleibenden Juden des Mittelmeers nach Babylon.

Soweit vermochten die Chaldäer, ihren neo-Babylonischen Leviathan auszudehnen. Nabonidus, der letzte Erbe Neboplassars, ist, gleich dem letzten Assyrer Assurbanipal, ein Schriftgelehrter. Die Neuerstandenen aus den Steppen bringen schließlich alle Festungen der Sumerer, Akkadier, Assyrer oder Neo-Babylonier zu Fall.

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