Der Staat und die Revolution

Alle modernen Gesellschaften bauen auf der Konzeption einer über dem Menschen, und damit außerhalb, überhalb der menschlichen Kollektivität stehenden Autorität auf. In der Epoche, in der die Religion herrschte, Meisterin des Geistes und der Dinge, nannte sich das Göttliches Recht. Die Autorität war von einem sakralen Charakter durchdrungen. Gehorsam war eine Pflicht, die Macht ein heiliges Amt. Der Machthaber war nur Gott Rechenschaft schuldig, von dem er eingesetzt worden war.

Dieser Zustand dauerte bis zur französischen Revolution an, die das Recht dem Himmel entriss um es dem Menschen zurückzugeben. Ab ’89 war der Staat nicht mehr der Repräsentant des Göttlichen Rechts, sondern der Repräsentant des menschlichen Rechts, der Gesellschaft. Die Zustimmung des Volkes, die allgemeine Zustimmung, angenommene oder tatsächliche, wurde seine Basis. Das ließ sich hören als das Organ der Gesellschaft zu sein, in ihrem Namen zu handeln und zu befehlen, zum Besten ihrer angeblichen Interessen.

Im Prinzip war diese Revolution gigantisch und schien endlich die Lösung zu sein. Tatsächlich hat sie überhaupt nichts gelöst, und die Erfahrungen der achtzig Jahre, die seit dem Ballhausschwur vergangen sind, dienen uns zumindest dazu das im Überfluss zu beweisen.

Tatsächlich hatte man, auch wenn man die Quelle des Staatsrechts verändert hatte, dieses Recht noch immer anerkannt.

Auch wenn er sein Recht nicht mehr von Gott erhielt; so wie er es nun vom Volkswillen erhalten sollte, oder es sogar auch real erhielt, fand sich in der Praxis alles nur wenig verändert wieder.

Der Staat sprach im Namen des Volkes, statt im Namen Gottes zu sprechen, das ist wahr; – man hatte die Allmacht von der metaphysischen Welt in die irdische Welt transportiert, aber diese Allmacht blieb unangetastet. – Ob er nun vom Herrn gesalbt wurde oder gewählter Mandatsträger der sogenannten nationalen Souveränität ist, der Staat, repräsentiert durch einen Menschen oder eine Versammlung, hat nicht minder dieselben Vorrechte, dieselbe Allmacht. Vom Moment an, an dem das Volk, mit mehr oder weniger Kenntnis über die Sachlage, „Ja“ sagte, war alles zwischen dem Volk und der Macht beendet.

Das Volk, bekannt für seine Unfehlbarkeit, allmächtig, heilige Quelle der Autorität, des Rechts, hatte alle seine Rechte, all seine Autorität, seine Allmacht und seine Unfehlbarkeit der Macht übertragen. – Der Staat war also nicht weniger von der Nation, von der Gesellschaft getrennt, war nicht weniger außerhalb von ihr, über ihr.

Der alte Respekt vor der Autorität, die alte Bevormundung einiger über alle war nicht verschwunden. Unter anderem Namen war es immer noch dasselbe. – Anstatt rechts abzubiegen war man links abgebogen, aber man war am am selben Punkt herausgekommen und das Ergebnis hatte sich nicht geändert.

Der Fehler, der, zweifellos, unvermeidbare Fehler, bevor man die Erfahrung gemacht hatte, war zu glauben, dass, indem man die Amtseinsetzung der Macht veränderte, indem man den Fatalismus des göttlichen Rechts mit der Zustimmung des Volks ersetzte, indem man den aristokratischen und vererbbaren Modus mit dem Wahl- und Repräsentationsmodus ersetzte , man die Essenz der Macht verändern würde.

Das Übel ist nicht, dass der Staat im Namen dieses oder jenen Prinzips handelt, – sondern dass er existiert!

Das Übel ist nicht, dass man mich im Namen Gottes und der Willkür oder im Namen der Gesellschaft und des Volkswillens unterdrückt, – sondern dass man mich unterdrückt.

Ob das Volk seine angeblichen Repräsentanten über  allgemeine Wahl ernennt, oder ob es von einigen durch Geburt oder Vermögen Privilegierte beherrscht wird – total egal. Das Volk ist seinen Repräsentanten nicht weniger ausgeliefert, die, gewählt oder auch nicht, von dem Moment an, an dem sie an die Macht kommen und zum Staat werden, vom Volk getrennt sind, außerhalb des Volks, über dem Volk, Feinde des Volks.

Was schlecht ist, was zerstört werden, oder sich verändern muss, wenn man das bevorzugt, sind nicht diejenigen, die beauftragt werden der Staat zu werden, in seinem Namen zu handeln und zu herrschen, – es ist die Konzeption des Staates, denn ihr könnt noch so sehr die Menschen auswechseln, die Art und Weise wie sie gewählt werden verändern, sie zwingen vor ihre Handlungen Im Namen des Volkes! zu setzen –, das Volk wird dadurch nicht freier, wird nicht weniger die Sache, die man beherrscht; das ist der Ort, an dem die Wunde sich befindet, nirgendwo anders.

Der Staat, welcher er auch sei, welchen Namen auch immer man ihm gibt, Diktatur eines Mannes oder einer Versammlung, Republik oder Monarchie, absolut oder konstitutionell, kann weder demokratisch noch revolutionär noch sogar liberal sein, da er DIE MACHT repräsentiert, die notwendigerweise, in ihrer Essenz, despotisch und reaktionär ist, noch kann er die Freiheit, die Gleichheit verkörpern, da er DIE AUTORITÄT verkörpert, etwas, das herrscht, das regiert, das die Gesellschaft führt und in der Konsequenz sie unterdrückt und zerquetscht, das ihren Willen mit dem seinen austauscht, das vorgibt meine Interessen zu verwalten, das über mein Wohlergehen wacht, mir beibringt, was ich tun, denken und wie ich handeln soll an meinem Ort und Platz.

Er kann auch weder die Gerechtigkeit sein, noch die Wahrheit: – die Gerechtigkeit, weil er der erste der Privilegien ist, weil er das Gesetz macht und es anwendet ohne ihm selbst zu unterliegen: – die Wahrheit, weil er zwangsläufig das exakte Abbild der Leidenschaften, der Erleuchtungen, der Vorurteile und der Fähigkeiten derjenigen ist, in denen er sich verkörpert.

Wenn ihr Gesetze macht, wie man es seit achtzig Jahren versucht, um euch gegen den Staat und seine Allmacht zu schützen. erkennt ihr, dass ihr euch vor ihm schützen müsst! – Was ist das also für ein Beschützer, vor dem man sich schützen muss? Und wenn ihr euch nun vor ihm schützen müsst, heißt das, dass er gefährlich ist? Aber wer wird damit beauftragt werden, diese Gesetze mit Vorsichtsmaßnahmen vor dem Staat anzuwenden? Natürlich der Staat, denn schließlich habt ihr ihm alles anvertraut, alles übertragen!

Wer sieht hier nicht, dass es hier im Prinzip selbst einen Teufelskreis gibt?

Tatsächlich ist es sogar noch viel schlimmer.

Es gibt, egal, was man auch tut, eine Logik, die alles beherrscht, und das, was existiert, was Leben in sich trägt, wird durch ein allgemeines, legitimes Gesetz versuchen, sein Leben zu entwickeln und die Hindernisse zu beseitigen, die es stören. – Der Staat existiert, er will also leben und sich entwickeln. – Er wird also die Hindernisse bekämpfen, die ihr ihm in den Weg stellen werdet. Er wird versuchen sie zu zerstören, und da ihr Kraft hinein investiert habt, da ihr entwaffnet seid, wird er obsiegen.

Da diese Situation gegeben ist und das Prinzip gesetzt, seid ihr zu unendlichen wie sterilen Revolutionen verdammt.

Öffnet die Geschichte und seit achtzig Jahren in Frankreich, in dem sich das Problem zuerst in seiner ganzen Klarheit präsentiert hat, seht ihr den geführten Kampf zwischen dem Volk und dem Staat.

Das Volk, das nicht mehr an das göttliche Recht glaubt, dem man beigebracht hat den Staat als seine Repräsentation zu betrachten, der geschaffen wurde um seine Bedürfnisse zu befriedigen, empfindet dem Staat gegenüber nicht mehr den verzagten Respekt, diese stupide Resignation, die ihm damals der in seinem Ursprung provinzielle Glaube auferlegte. Also diskutiert er ihn, und, der Fiktion geschuldet, die ihn als verantwortlich für das Wohlergehen und die Interessen des Volkes deklariert, verlangt letzterer von ihm Wohlergehen und die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Der Staat versagt darin, weil er es nicht will und nicht kann. Das Volk erhebt sich, verändert die Menschen, ändert die Namen. Statt Karl X. gibt es Louis-Philippe, statt Napoleon III., der der wahre Feind gewesen ist, gibt es die Versailler Republik. Doch es waren weder Karl X. noch Louis-Philippe noch Napoleon III., die die wahren Feinde waren, und es ist nicht, weil siebenhundert Männer im Namen der Republik anstatt im Namen des Kaisers Gesetze erlassen werden, dass die Dinge sich ändern werden.

„Ich sage euch, geradeheraus, unser Feind ist unser Meister!“ [1]

Wer ist also dieser Meister? – Es ist der Staat, das heißt dieses Fantasieprodukt, dem ihr das Recht anvertraut habt, über euch und eure Güter zu verfügen, über die Gegenwart und die Zukunft eurer Heimat, in der ihr euch entwickelt. Das Übel, unter dem ihr leidet,  ist, dass ihr abdankt, mal unter einer Form, mal unter einer anderen, aber dass ihr immer abdankt und von anderen erwartet, was ihr nur euch selbst verlangen könnt. Das, was euch auffrisst, das, was euch töten wird, wenn ihr es nicht bekämpft, ist, dass ihr etwas über euch habt, das nicht ihr selbst ist, das in der Folge anders denkt und handelt, als ihr denkt und ihr handeln würdet, das, auch mit den besten Absichten auf der Welt, eure Interessen nicht kennen kann, eure Bedürfnisse nicht so fühlen kann, wie ihr sie kennt, wie ihr sie empfindet, sie nicht befriedigen kann, wie ihr sie selbst befriedigen könntet.

Und verstehet dieses gut, – benachteiligte Klassen, Arbeiter, gutwillige Menschen aller Ränge, die ihr ein Ideal von Gerechtigkeit, die Liebe zum Wahren in euch tragt, – wenn, anstatt von Witzfiguren, Clowns und jenen Ehrgeizigen, die in großer Mehrheit ihre Ernennung eurer Ignoranz verdanken, wenn, statt diesem Torf aus Abschaum, Intriganten und Idioten, euren Feinden aus Kasteninteresse oder aus einfacher Dummheit heraus, wenn ihr ausschließlich Arbeiter, absolut reine und aufopfernde Menschen ernennen würdet, – außer wenn diese Menschen ihren kurzen Gang zur Macht sofort dazu nutzen den Staat so, wie er existiert, zu beseitigen, werden diese Menschen am morgigen Tag eure Feinde sein, ob sie es nun wollen oder nicht, und ihr hättet nichts aus diesem Wechsel gewonnen.

Wenn sie die Macht behalten würden, werden sie tatsächlich die Macht selbst. Der Staat würde sich in ihnen verkörpern, und, angenommen es handelt sich um eine Auswahl an aufrechten und genialen Menschen, wo man zugeben muss, dass ihre privaten Tugenden das Gewicht der Kette versüßen, wäret ihr doch immer noch in Ketten…

Arthur Arnould, Auszug aus seinem Schluss der „Historie populaire et parlementaire de la Commune de Paris“ [„Volks- und parlamentarische Geschichte der Pariser Kommune“], Januar 1872 – Januar 1873, gefunden in Avis de Tempête n° 6, 15. Juni 2018.

Endnoten

[1] Berühmter Vers der Fabel Der Greis und der Esel von Jean de La Fontaine [Anm. v. Avis de Tempête]

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