[Wien] Wo die Awaremacht für Recht und Ordnung sorgt …

Nachdem es am Donaukanal und am Karlsplatz in Wien wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen ist, setzt die Stadt Wien auf eine neue Strategie. Kurzerhand rekrutierte sie eine andere Art von Bullen: Ein Awarenessteam.

Wir haben uns als Stadt dazu entschieden, mit dem Einsatz der Awareness-Teams im öffentlichen Raum bei Konfliktsituationen deeskalierend zu wirken. Denn klar ist, solange die Nachtgastronomie nicht wieder öffnet – ohne Sperrstunde und ohne fixe Zuteilung der Sitzplätze – nutzen junge Menschen vermehrt den öffentlichen Raum, um zu tanzen und zu feiern.

Und feiern, das weiß schließlich jede*r Besucher*in eines linken Kulturzentrums, lässt es sich noch immer am Besten mit einem Awarenessteam. Denn während die waffentragende Polizei zwar mit ihrem Blaulicht wenigstens für die geeignete Clubatmosphäre zu sorgen vermag,  …  nun … fragt man sich, welchen Beitrag ein Awarenessteam zu einer gelungenen Party leisten kann? Fragen wir es doch selbst:

Wir haben ein sehr gutes erstes Wochenende hinter uns und haben von unseren Gesprächspartnerinnen und -partnern viele positive Rückmeldungen zu unserer Arbeit bekommen. Der grundsätzliche Tenor in den Gesprächen war, dass solche Eskalationen wie am Wochenende davor zu vermeiden sind.

Achso? Ein Befriedungskomitee also, das die Menschen davon abhält, auf die klassischeren Bullenschweine loszugehen?

Eingeschritten wird nach Einschätzung des Teams zum Beispiel bei grober Verschmutzung, Lärmbelästigung, Diskriminierung oder Gewaltausschreitungen. Dabei tausche man sich eng mit anderen Organisationen wie Streetworker sowie mit der Polizei aus. Ab nächstem Wochenende werden die Teams zudem mit erkennbaren Lastenfahrrädern unterwegs sein und je nach Situation auch Warnwesten tragen, um sichtbarer zu sein.

Dass Awarenessteams neben dem Angebot, eine Anlaufstelle für Personen zu bieten, die aufgrund des übergriffigen oder diskriminierenden Verhaltens anderer Unterstützung benötigen, häufig sittenpolizeiliche Aufgaben übernehmen, ist eine ebenso oft geäußerte, wie von Seiten der Verfechter*innen einer solchen Institution als „antifeministisch“ und „privilegiert“ zurückgewiesene Kritik und wenn solche Dynamiken von Awarenessteams dann doch einmal nicht mehr zu leugnen sind, so heißt es, dies seien Ausnahmen. Dabei wird innerhalb der Awarenesssekten und ihrer Tempel, den sogenannten Safe Spaces, schon seit langem rege diskutiert, wie auch eine Zusammenarbeit mit der Polizei zu gestalten wäre, wenn sich das etwa eine betroffene Person wünsche. Keine*r, die*der die von führenden Awarenesspriester*innen verbreiteten Materialien [1] der letzten Jahre gelesen hat, sollte überrascht darüber sein, dass einer dort beobachtbaren Aufweichung des Grundsatzes, nicht mit den Bullen zusammenzuarbeiten nun die offene Zusammenarbeit mit den Bullen, als Bullen logisch folgt, ebenso wie die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen im Sinne der (Aufstandsbekämpfungs-)Interessen des Staates die logische Fortsetzung einer Tendenz ist, sich seine Awareness-Arbeit nicht nur vom Staat finanzieren und vergüten zu lassen, sondern diese Förderung auch auf seinen Materialien zu vermerken [2]. Und wundert es eine*n da überhaupt noch, dass das in Wien bestellte Awarenessteam AwA_wien „einschreiten“ soll, wenn „grobe Verschmutzung, Lärmbelästigung […] oder Gewaltausschreitungen“ vorliegen? Sprich: Statt einer Anlaufstelle vielmehr klassische sittenpolizeiliche Aufgaben übernehmen soll?

Auseinandersetzungen, die in der Vergangenheit mit Awarenessteams stattgefunden haben, haben sich ja meist selbst dann gewaltsamer Mittel nicht bedient, wenn selbst die autoritärsten Dinge von einem Awarenessteam umgesetzt wurden. Vielleicht weil man irgendwie dann doch noch einen Unterschied gemacht hat zwischen einer Möchtegern-Awareness-Polizei und den echten Cops. Dieser Unterschied jedoch: Im Falle des AwA_wien existiert er wohl nicht länger. Und so denke ich, dass ich hier guten Gewissens mit einem Bildzitat aus der zu diesem Thema mehr als lesenswerten Broschüre „I survived Awareness“, bestellbar beim Maschinenstürmer Distro, enden kann:


[1] Etwa das von awareness.ch verbreitete „Merkblatt zur Awareness-Arbeit an Events“, in dem es zu „Betroffene Person möchte, dass die Polizei gerufen wird“, heißt: „→ erklären, dass die Polizei nicht viel helfen wird. Es kann auch schlimmer, traumatischer werden. Ausser wenn ein Übergriff beweisbar ist. Wir müssen ihr klar machen, dass das auftreten der Polizei eine chaotische Situation auslösen kann resp. wird. Wir können jedoch anbieten, die Person zum nächsten Posten zu begleiten.“ oder auch in den ebenfalls von awareness.ch verbreiteten „9 Prinzipien wie du eine*n Überlebende*n sexualisierter Gewalt unterstützen kannst“: „Möchte [die Person], dass die Polizei gerufen wird? Diese Entscheidungen sind besonders schwierig, also brauchst du als Unterstützer*in* Geduld. Hilf der betroffenen Person, Entscheidungen zu treffen. Krankenhäuser und Polizei können traumatisierende und unsichere Orte darstellen, insbesondere für People of Colour oder Transmenschen. Du als Unterstützer*in* solltest der betroffenen Person helfen, sich der Folgen einer solchen Entscheidung klar zu werden. Die betroffene Person hat aber immer das letzte Wort in einer solchen Abwägung, auch wenn du nicht mit ihrer Wahl einverstanden bist.

[2] So beispielsweise die vom „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ und dem „Amt für Migration und Integration Freiburg“ finanzierte Broschüre „Awareness … in Theorie und Praxis“ des A-Teams Freiburg, in der im Übrigen auch die Zusammenarbeit mit der Polizei zumindest nicht vollkommen ablehnend diskutiert wird.