Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 3

Das Mehrprodukt, der berühmte Gewinn, verhalf Leviathan nicht zu seinem Aufstieg. Im Gegenteil: Es ist Leviathan, der den Gewinn ermöglicht. Gemeinschaften von Menschen brauchten diesen Gewinn kein bisschen mehr als Gemeinschaften von Wölfen.

Bienen benötigen einen Gewinn, um ihre Königin zu ernähren. Der Leviathan benötigt einen Gewinn, nicht nur um seine Götter und ihre Schreinwärter*innen zu ernähren, sondern vor allem um den Lugal, die Ensis und die Schriftgelehrten, sowie die Federn und Räder, mit denen Kriege geführt werden, zu verpflegen.

Der erste Leviathan revolutionierte nicht die materiellen Produktionsbedingungen, sondern begründete sie; er ist an sich synonym zu den materiellen Produktionsbedingungen. Der erste Leviathan revolutionierte die Bedingungen der Existenz selbst und nicht bloß die der menschlichen Wesen, sondern die aller lebendigen Wesen und der von Mutter Erde selbst.

Das Mehrprodukt taucht zusammen mit den Gefäßen auf, in denen es gelagert wird. Menschliche Gemeinschaften besaßen bereits seit langem Körbe und Vasen, wenngleich kaum mehr als sie von ihren Winterlagern in ihre Frühlingslager transportieren konnten. Sie benötigten sie nicht. Mit dem Aufstieg des ersten Leviathans findet eine buchstäbliche technologische Revolution in der Gefäßherstellung statt. Turner und vor ihm Mumford haben die rapide Vermehrung von Eimern, Vorratsgefäßen und Tontöpfen erwähnt, die nun auftauchen.

Tatsächlich ist das von Mauern eingeschlossene und mit Korn gefüllte Ur an sich ein großes Fass, ein stadtgroßer Vorratsspeicher.

Mehrprodukt ist bloß ein anderer Name für Leviathans materiellen Inhalt, für seine Eingeweide. Es kann für sich kaum existieren, der Luft ausgesetzt ist es “reif” dafür, dass sich um es der Kadaver des Ungetüms formt.

Gemeinschaften freier Menschen haben üblicherweise genug Essen aufbewahrt, um durch einen durchschnittlichen Winter zu kommen und obwohl einige ihrer Träumer*innen exzellente Meteorologen waren, mussten sie häufig knausern und sparen, wenn der Himmel die*den Träumer*in überlistete.

Der erste Leviathan lagerte erst genug für den schlimmsten vorstellbaren Winter und dann für mehrere, da die freien Menschen nicht mehr die Arbeit verrichten. Ein lebendiges Wesen, das so vollgestopft wäre, würde ersticken oder platzen. Es gibt Massen von jedem vorstellbaren Produkt. Und wo es Massen gibt, da gibt es Handel.

Handel ist sehr alt. Im Naturzustand ist Handel etwas, das die Menschen mit ihren Feinden treiben. Sie handeln nicht mit ihrer Sippschaft.

Eine Person gibt Dinge, ebenso wie sie Lieder oder Geschichten oder Visionen an ihre Sippschaft weitergibt. Die*der Empfänger*in mag sich oder mag sich nicht bei einer anderen Gelegenheit revanchieren. Das Geben ist die Quelle der Zufriedenheit. Wir mögen davon so weit entfernt sein, dass wir das nicht verstehen werden. Das ist unsere Unzulänglichkeit, nicht ihre.

Sie handelt nur mit Feinden. Wenn eine feindliche Gruppe, egal ob nah oder fern, etwas hat, das sie möchte, geht sie und einige gut bewaffnete Cousinen mit etwas zu den Feind*innen, das diese wollen könnten. Sie bietet ihr Geschenk an und die Feinde bieten lieber auf der Stelle das Ding an, das sie will oder sie wird ihr Geschenk sofort zurück in ihr Dorf tragen.

Kurz nach dem Aufkommen des ersten Urs nimmt der Handel überhand. Beinahe Jede*r ist nun Jedermans Feind*in. Wenn du jemandem ein Geschenk gibst, dann erwartest du das zu bekommen, für das du gekommen bist; du führst peinlich genau Buch darüber auf deiner Tontafel und wehe dem, der das unterlässt.

Der bloße Anblick der Massen lässt eine neue menschliche Eigenschaft entstehen. Diese Eigenschaft wird sich so weit verbreiten, dass wir nicht mehr glauben werden, dass sie nicht schon immer existierte: Gier.

Du kannst sehen, dass über die Hälfte des Korns in den Speichern jedes Jahr ungenutzt verrottet. Und du weißt, dass es im Zagros-Gebirge und in der Levante Lager von Fremden gibt, die kaum genug Essen lagern, um sich durch einen harten Winter zu bringen. Die im Zagros-Gebirge tragen wunderschöne Fellbekleidung und die in der Levante gewinnen einen violetten Farbstoff aus Muscheln.

Du, der Bruder einer*s Priester*in und der Cousin einer*s Ensis, ziehst mit vierzig Wagenladungen Korn, dem Jahresertrag von vierzig Zeks, in das Zagros-Gebirge. Du startest gegen Ende eines langen, harten Winters. Du bekommst zehn Pelzgewänder für jede Wagenladung. Du kehrst mit dem, was nach einer kleineren Ladung aussieht nach Ur zurück, aber als du erst einmal in Ur bist, sind die Menschen bereit, dir für jedes Gewand eine Wagenladung Korn und mehr zu geben. Bald schon hast du mehr Gewänder und Korn als jeder andere Mann in Ur.

Aber eines Winters erreichst du das Lager der Fremden und sie weigern sich, dir zehn Gewänder für eine Wagenladung zu geben. Sie behaupten, dass sie nicht so viele Felle hätten. Vielleicht ist ihnen gedämmert, dass sie ausgeplündert werden, dass die Beziehung, die sie mit dir eingegangen sind, keine Beziehung zwischen ihren Fellen und deinem Korn ist, sondern zwischen ihnen und den Zeks, die das Korn ernten und dass du ein Dieb bist, der von beiden stiehlt.

Also stürzt du mit deinem Korn zurück nach Ur und kehrst mit deiner*m Cousin*e der*dem Ensi und einer Bande gut bewaffneter Männer ins Lager der Fremden zurück. Die Männer der*s Ensis streifen die Gewänder von den Rücken der Fremden ab. Doch es gibt immer noch nicht genügend Gewänder, also kehren die Männer der*s Ensis mit einigen der Söhne und Töchter der Fremden nach Ur zurück.

Ur hat die Stufe des Außenhandels erreicht.

***

 

Es gibt einige Hinweise dafür, dass die sumerischen Händler*innen ihrer Gier in den Osten bis nach Indien und in den Westen bis nach Anatolien und vielleicht sogar bis in die Ägäis, sowie bis zum ersten oder zweiten Wasserfall des Nils in den Süden gefolgt sind. Bevor ich über ihre Reisen spekuliere, muss ich auf ein anderes Thema eingehen, da die modernen Vorurteile mit den wenigen Hinweisen, die es gibt, Schindluder getrieben haben.

Viele, wenn nicht die meisten der frühen Archäolog*innen waren aufgeklärte, fortschrittliche und unverfrorene Rassist*innen. Das Aufkommen der mörderischen Leviathane war für sie ein großer Moment und sie behaupteten, dass der Leviathan der entsprechenden Rasse der Vater all der anderen Leviathane wäre.

Ein wenig später, während der Ära der Völkergemeinschaft, wurde der Rassismus ein klein wenig gedämpft. Es wurde gesagt, dass die Menschen in Ägypten sowie die in Persien und Indien alle mit dem Genie ausgestattet gewesen wären, um Maschinen des permanenten Krieges zu entwickeln, dass sie durch Zufall alle ihre eigenen Leviathane während der gleichen paar Generationen unabhängig voneinander entwickelt hätten.

Die Meisterleistung einen Leviathan zu erschaffen wird als ein Zeichen von Genie betrachtet. Aber ist diese Heldentat ein Zeichen von Genie oder eines der Geisteskrankheit? Wer außer Schwachköpfen würde ohne einen guten Grund dafür den Naturzustand verlassen und sich in die Eingeweide des Kadavers eines künstlichen Wurmes begeben? Die Annahme, dass zahlreiche menschliche Gemeinschaften dieser Idiotie zu einem bestimmten Zeitpunkt, jede aus ihrer eigenen Initiative, unterliegen, ist weder plausibel noch wohlwollend. Es bedarf vielmehr einer Genialität, um das Ungeheuer von sich fern zu halten.

Es gibt viele Wege, das Monster von sich fern zu halten. Unglücklicherweise für die menschlichen Gemeinschaften, führen nicht alle diese Wege zu einer sicheren Zuflucht. Um mich kurz zu fassen, werde ich diese Wege auf zwei beschränken: Die Gemeinschaft kann sich selbst physisch außer Reichweite des Ungeheuers halten, oder sie kann bleiben wo sie ist und versuchen, dem Ungeheuer standzuhalten.

Die frühesten Tafeln zeichnen die Bewegungen von Gemeinschaften außerhalb des Gebiets von Sumerien nicht auf. Es wird angenommen werden, dass die letzten Immigrant*innen des Double-Kontinents auf der anderen Seite der Erde von Ur, die Inuit-Stämme, um ungefähr die Zeit beginnen, von Siberien nach Alaska und Grönland überzusiedeln, als sich der erste Leviathan in Bewegung setzt. Es wird keinen Beweis dafür geben, dass diese Menschen von anderen in einer frühen Version der heute berühmten Analogie fallender Dominosteine verdrängt werden. Tonybee und andere werden solche Bewegungen in späteren Zeitaltern dokumentieren, als die Feldzüge chinesischer Generäle Menschen, die an der chinesischen Mauer lagerten, verdrängten, die wiederum alle anderen vor sich herschoben, durch ganz Eurasien bis vor die Tore Roms. Wir werden wissen, dass eine große Anzahl eurasischer Gemeinschaften sich erfolgreich außerhalb der Reichweite des Ungeheuers halten, bis der Leviathan namens UdSSR in unserer Zeit die letzte von ihnen verschlingen wird.

Physisches Entfernen, also fliehen oder wie wir sagen werden, herausfallen, entzieht eine*n effektiv der Reichweite des Ungeheuers. Aber schließlich wird niemand endgültig fliehen, da der Leviathan die Größe der Welt schrumpfen und alle Zufluchtsorte in freie Felder verwandeln wird.

Und nicht alle Gemeinschaften wollen fliehen. Ihre Täler, Haine und Oasen, die Orte an denen ihre Vorfahren begraben sind, sind mit vertrauten und oft freundschaftlichen Geistern erfüllt. So ein Ort ist geweiht. Er ist das Zentrum der Welt. Die Landmarken dieses Ortes sind die Orientierungsprinzipien der Psyche des Individuums. Ohne sie hat das Leben keine Bedeutung. Für eine solche Gemeinschaft ist das Verlassen ihres Ortes gleichbedeutend mit einem gemeinschaftlichen Selbstmord.

Also bleiben sie, wo sie sind. Und sie werden von den bizarren Lippen des Monsters geküsst. Artefakte sumerischen Ursprungs werden in frühen ägyptischen sowie indischen Stätten gefunden werden. Wir werden nicht wissen, wer diese Artefakte trägt, aber wir werden wissen, dass es im Zeitalter des ersten Urs einfacher ist von Mesopotamien zum Nil zu laufen, selbst nachdem Urlugal damit beginnt, die Region in eine “sich verdunkelnden Ebene, weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht, wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen” zu verwandeln. Verglichen mit dem, was moderne Leviathane mit dieser Region machen werden, ist die sich verdunkelnde Ebene aus Urlugals Zeitalter ein friedlicher Garten und der Cousin einer*s Ensis würde keine Probleme haben, in ihm zu wandeln.

Von den weiter entfernten Orten werden wir wissen, dass als die Meeres- und Landkarawanen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Indien erstmals in den Aufzeichnungen erwähnt werden, diese nicht als etwas Neues, sondern als etwas sehr Altes erwähnt werden und die erste Erwähnung der Seidenstraße nach China wird keine Antrittsrede sein.

Leviathane werden irgendwann riesig, so groß wie Kontinente. Aber wir sollten diese ungeheuren Ausmaße nicht auf die frühen Tage projizieren und von diesen ersten Kontakten annehmen, dass diese häufig stattfanden und viele Menschen umfassten. Unter bestimmten Umständen kann ein Kiesel an einer Quelle den Verlauf des gesamten Flusses verändern. Wir kennen alle den späteren Reisenden Marco Polo, der auf den Geschmack chinesischer Pizza, Spaghetti und Ravioli kam und diesen Geschmack über die gesamte Länge von Eurasien brachte und damit den Speiseplan Italiens vollständig umkrempelte. Ich würde vermuten, dass nur zwei Besuche, der erste von dem kaufmännischen Cousin des Ensis und der zweite vom Ensi und seiner Strafexpedition, einen starken Eindruck auf jede Gemeinschaft im Naturzustand machen würde. Und sumerische Kaufleute reisten weit, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, an entferte Orte, die sie Dilmun, Magan und Meluhha nannten.

Ich lasse die*den Leser*in über die Details solcher Begegnungen spekulieren. Ich werde nur sagen, dass nachdem die Kinder der Schuldner*innen von den speerbewaffneten Schlägertypen gekidnappt worden sind, ein Mitglied der Gemeinschaft, das von den positiven Wundern der Zivilisation spricht, ein Trottel ist, nicht nur in den Augen seiner Sippe, sondern auch in den unseren.

***

Hier stoßen wir auf ein Problem, das die Menschen seit dem Zeitalter des ersten Urs geplagt hat, das Problem des Widerstands. Einige von uns werden sich rückblickend wünschen, dass die Gemeinschaften in Reichweite Urs das erste Monster in seinem Unterschlupf zerstört hätten, solange es isoliert und noch nicht besonders groß gewesen ist.

Offensichtlich haben zahlreiche Gemeinschaften im Zagros-Gebirge und den persischen Ebenen genau das versucht, aber sind gescheitert.

Andere, weniger zuversichtlich, vielleicht der Macht ihrer Götter angesichts des Anblicks von Panzern und Rädern weniger gewiss, machen das Zweitbeste nach dem Fliehen; sie mauern sich ein und damit die Klauen des Monsters aus. Die Mauern beschützen diese Widerstandleistenden vor den Klauen Urs, aber halten die Widerständler*innen nicht aus Leviathans Eingeweiden heraus.

Warum scheitern die Widerständler*innen? Das ist eine wichtige Frage, die Frage des Lebens gegen den Tod. Norman O. Brown macht das zum Titel eines sehr informativen Buches.

Vorstaatliche Gemeinschaften waren Zusammenkünfte lebendiger, aber sterblicher Individuen. All ihre Geheimnisse, all ihre Gepflogenheiten wurden direkt weitergegeben, durch das gesprochene Wort. Wenn die Verwahrerin wichtiger, unkommunizierter Geheimnisse starb, starben ihre Geheimnisse mit ihr. Feindschaften und Grolle starben mit ihren Inhaber*innen. Die Visionen und die Gepflogenheiten waren so verschieden wie die Individuen, die sie erlebten und ausübten; deshalb gab es einen solchen Reichtum. Aber die Visionen und Gepflogenheiten waren ebenso sterblich wie die Menschen. Sterblichkeit ist ein untrennbarer Teil des Lebens: Sie ist das Ende des Lebens.

Wir projizieren noch immer moderne Institutionen in den Naturzustand. Es gab keine Institutionen im Naturzustand.

Institutionen sind unpersönlich und unsterblich. Sie teilen diese Unsterblichkeit mit keinem lebenden Wesen unter der Sonne. Natürlich sind sie keine lebendigen Wesen. Sie sind Segmente eines Kadavers. Institutionen sind kein Teil des Lebens, aber ein Teil des Todes. Und der Tod kann nicht sterben.

Ensis sterben und Zeks sterben, aber die Arbeitskolonnen “leben” weiter. Generäle und Soldat*innen sterben, aber Urs Armee “lebt” weiter und wächst sogar an und wird tödlicher. Das Gefilde des Todes wächst, aber die Lebenden sterben. Das erzeugt Probleme, mit denen die Widerständler*innen bisher nicht in der Lage gewesen sind umzugehen.

Diejenigen, die versuchen, den ersten Leviathan zu zerstören, indem sie seine Mauern erstürmen, die Guti und andere aus dem Zagros-Gebirge, die Elamiten von den persischen Ebenen, die Kanaaniten und andere Semiten aus der Levante können keine einfache Kriegspartei mit einem inoffiziellen Stammesführer entsenden wie in den alten Tagen. Eine Kriegspartei aus einem einzigen Lager würde nicht einmal die Vororte von Ur erreichen. Sie müssen sich mit anderen Lagern verbünden, mit so vielen wie möglich, bevor sie überhaupt einen ernsthaften Überfall erwägen können. Und wenn sie sich erst einmal verbündet haben und angreifen, können sie sich nicht einfach zerstreuen und zu dem dörflichen Leben zurückkehren, wie sie es zuvor immer gekonnt hatten. Sie mögen sogar Urs Hauptarmee besiegen, aber noch bevor ihre Siegesfeier endet, erreicht sie die Kunde, dass Urs unsterbliche Armee bereits weitere ihrer Sippe niedergemetzelt hat.

Da sie sich also die Mühe gemacht hatten, sich zu verbünden, blieben sie verbündet. Die jungen Männer legen ihre Speere nicht ab. Das ist bisher ungekannt, aber wie sonst sollen sie dem Monster Widerstand leisten? Sie haben sich selbst dazu verpflichtet zu bleiben und sie fühlen sich genötigt, die schrecklichen Konsequenzen zu ertragen.

Ihre bewaffneten Männer verfahren mit den Fremden so, wie die Fremden mit ihnen verfahren sind. Sie kehren mit gefangenen Sumerern zurück und die Gefangenen werden für lokale Schreine und Befestigungsanlagen an die Arbeit geschickt.

Die Technologie schreitet rasant voran. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Bald gibt es viele Leviathane. Es gibt Elam in den persischen Ebenen, es gbt Mari und Ebla und andere in der Levante und es ist die Rede von einem Leviathan der Guti irgendwo in den Bergen. Die mutigen Kämpfer*innen waren nur erfolgreich darin, sich selbst zu besiegen.

***

Diejenigen, die sich selbst einmauern, tappen in eine ähnliche Falle.

Gemeinschaften haben schon früher Mauern errichtet, zum Beispiel in Jericho. Aber sie haben die Mauer nur einmal errichtet. Mauerbauen war bei ihnen keine Institution. Die draußen lagernden Feind*innen waren nicht die unsterbliche Armee des Urlugals. Sie waren eine andere Gemeinschaft, die entweder an einen anderen Ort zog oder die unter denen von Jericho Ehemänner und Ehefrauen fanden und aufhörten Feind*innen zu sein.

Das ist nicht mehr der Fall für die Erbauer*innen der Mauern an den Ufern des Nils, für diejenigen, die das ummauerte Mohenjo Daro an den Ufern des Indus errichteten, für diejenigen, die sich selbst geringfügig später in Festungen in Zentralanatolien einschlossen.

Die leviathanischen Invasor*innen sind keine Gemeinschaften freier Sterblicher. Sie sind Abgesandte von etwas, das weder weggeht noch stirbt. Selbst ihre Erinnerungen sind nicht menschlich, sondern bestehen aus Steinen, die in Beuteln getragen werden. Jerichos Mauern reichen nicht länger. Die Mauen müssen hoch und stark sein und sie müssen ebenso oft repariert werden wie die Dämme von Erech.

Die Jahreszeiten vergehen und die Generationen gehen dahin, und immer noch müssen die Mauern gewartet werden. Und Generation für Generation repariert sie.

Die Seherin, die von der Notwendigkeit dieser Mauern geträumt hatte, hat ihre letze wichtige Vision erlebt. Von diesem Tag an hat ihre Sippe ihr nur spärlich Aufmerksamkeit gewidmet; sie hat ihren Bruder, Pharao, umschwänzelt, der in seiner Person die Ämter des sumerischen Priesters und des sumerischen Lugals vereint.

Mauern können nicht dauerhaft mit einer vorübergehenden Arbeitsteilung in Stand gehalten werden. Zunächst werden die Besteller*innen des Bodens eingeladen, beim Bau der Mauer zu helfen, im Austausch gegen anregende Visionen sowie Korn, das von den Männern Pharaos von anderen Bauern geplündert worden ist. Und die freien Bauern bauen, offenbar aus eigenem Antrieb, erhabene wunderschöne Mauern und Säulen und Schreine, mit Oberflächen, die reich mit gemeißelten und gemalten Motiven geschmückt sind, die jeder*m am Nil etwas bedeuten.

Aber eine permanente Arbeitsteilung ist zwanghaft, schlicht weil sie dauerhaft ist und Zwang ist an den Ufern des Nils bald so gewöhnlich wie an denen des Tigris. Was von einer Generation freiwillig getan wurde, wird von der nächsten erwartet und ihr aufgezwungen. Ägypten ist nicht länger ein Ort, an dem die Menschen Gepflogenheiten teilen; es ist nun ein Ort, an dem einige anderen Gesetze auferlegen. Gepflogenheiten waren immer Lebensweisen; Gesetze sind keine Gepflogenheiten freier Menschen. Gesetze sind die Gepflogenheiten Leviathans.

Die Arbeiten, die für Pharao verrichtet werden, sind nicht frei gewählt; es sind aufgezwungene Aufgaben, erzwungene Arbeit.

Und wie ein lebendiger Wurm, der sich selbst aus einem einzigen Segment wiederherstellt, wird vom Haushalt das Pharaos ein vollständiger Leviathan ausgeschieden. Die Erbauer*innen und Handwerker sind nicht länger eingeladen. Pharao führt nun Armeen nach Norden an, nach Sinai und in der Levante, in den Süden nach Nubien. Er kehrt mit Gefangenen zurück. Er legt denen, die nicht gefangen genommen werden, schwere Tribute auf und lässt Tribut-Eintreiber*innen in entfernten Garnisonen zurück. Wie der Lugal hat er nun Schriftgelehrte, die Aufzeichnungen über die Tribute führen und er entsendet Strafexpeditionen.

Auch Pharao hat nun ein künstliches Gedächtnis, eine Datenbank, wie wir sie nennen würden. Seine Schriftgelehrten haben ihrerseits eine Schrift entwickelt, ebenso wie die Schriftgelehrten im entfernten Mohenjo Daro am Indus. Die Zeichen und Materialien sind verschieden, aber das Ziel ist das gleiche. Und Pharaos Schriftgelehrte, wie die des Lugals, haben ein künstliches Jahr entwickelt, einen Kalender, die früheste Form einer Uhr, um die Tage vorherzusehen, wenn die Feldfrüchte der Schuldner*innen reif werden.

Wie traurig! All das wird getan, um die alten Gewohnheiten vor dem Angriff eines Ungeheuers mit “einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” zu bewahren. All das wird wegen der Geister des Tals gemacht, für die Gottheiten der alten Gemeinschaft.

Wir müssen uns erinnern, dass aufgeklärte Fortschrittliche, die all das für die Produktivkräfte, für die Wissenschaft und Technologie, für den Leviathan selbst tun, noch nicht geboren wurden. Vielleicht findet man in den beeindruckend säkularen Städten Sumeriens bereits die Vorgänger*innen moderner Fortschrittlicher, aber selbst dort kommt der Gott im Tempelturm zuerst.

In Ägypten gibt es nicht einmal einen Funken fortschrittlicher Aufklärung und für mindestens hundert Generationen wird es dort auch keinen geben. Dort ist das Ziel all der Gewalt, der Gefangennahme von Fremden, dem Zerfleischen von Gemeinschaften, die alte Gemeinschaft zu bewahren, das Leben gegen den großen Kadaver zu verteidigen. All das Morden der Überfälle, Invasionen und Kriege ist geheiligtes Morden. Es wird im Namen des Lebens getan, im Namen der Geister der Tiere, der Pflanzen, des Flusses, der Unterwelt und des Himmels.

Aber die Welt der Geister schrumpft, wie sie es in Sumerien getan hat, und wird auf den Tempel eingeschränkt, der in Ägypten zugleich auch der Haushalt des Pharaos ist.

Unglücklicherweise für die Ägypter kann das Leben nicht in einem abgedichteten Gefäß bewahrt werden. Es verkümmert und schließlich stirbt es.

Der traurige, langsame Tod kann auf den Gemälden Ägyptens, seinen Skulpturen, in seinen Überlieferungen und in seinen Schreinen gesehen werden.

Die frühesten Maler*innen und Bildhauer*innen atmen offensichtlich noch immer die Luft der Gemeinschaft, die Pharaos Haushalt als intakt zu bewahren beabsichtigt. Diese Menschen sind noch immer in Kontakt mit Frauen, die ihre Körper verlassen und die Unterwelt besuchen, mit Männern, die sich selbst gen Himmel strecken und fliegen, mit Menschen, die tatsächlich mit dem Schakal und dem Steinbock sprechen, da sich die Götter noch immer unter die Menschen mischen. Pharaos erste Handwerker kennen noch solche Seher*innen, aber nicht sehr viele und die nächste Generation kennt nur noch weniger.

Es gibt noch immer Seher*innen, die Visionen und Offenbarungen haben, aber wer weiß, welche Fremden sie inspiriert haben? Schließlich kann nur noch den Visionen des Pharaos vertraut werden und Pharao sich selbst auf die Visionen der Alten zu beschränken.

Die Götter hören von dem Tag an, an dem Pharao sich vornimmt, die Götter zu verteidigen und zu bewahren, auf, sich unter die Menschen zu mischen. Und ungeachtet aller Anstrengungen Pharaos sterben die Götter. Ich denke es liegt an seinen Anstrengungen, dass sie sterben. Ich behaupte nicht, viel über Gottheiten zu wissen, aber es scheint, dass sie Leviathane ebensowenig gutheißen können, wie die Menschen Plagen gutheißen; Götter sind unter den ersten Opfern des Kadavers, das Ungeheuer ist gottesmörderisch.

Der Tod der ägyptischen Götter ist dokumentiert. Nach zwei oder drei Generationen unter Pharaos Schutz springen oder fliegen die Figuren auf den Mauern und Säulen des Tempels nicht länger; sie atmen nicht einmal mehr. Sie sind tot. Sie sind leblose Kopien der vormals lebenden Figuren. Die Kopist*innen sind exakt, wir würden sagen pedantisch; sie scheinen zu glauben, dass gewissenhaftes Kopieren der Originale die Kopien zum Leben erwecken wird.

Ein ähnlicher Tod und Verfall muss auch die Lieder und Zeremonien verblassen lassen. Was einst eine vergnügliche Feier, selbstaufgebende, orgiastische Kommunion mit dem Jenseitigen war, schrumpft auf leblose Rituale, offizielle Zeremonien, die vom Kopf des Staates und seinen Beamten geleitet werden, zusammen. Es wird alles zu einem Theater und alles ist inszeniert. Es geht nicht länger um Teilen, sondern um die Show. Und es erfasst die*den Teilnehmer*in nicht länger, die*der nun zu einer*m bloßen Zuschauer*in wird. Er fühlt sich von der Macht des Haushalts von Pharao vermindert, eingeschüchtert und verängstigt.

Unsere Gemälde, Musik, Tänze, alles, was wir Kunst nennen, wird das Erbe dieser todgeweihten spirituellen Aktivität sein. Was wir Religion nennen, wird ein weiteres totes Erbe sein, aber auf einer so fortgeschrittenen Ebene der Verwesung, dass ihre einst lebendige Quelle nicht länger erahnt werden kann.

***

Während die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft im Tempel dahinschmachtet und einen langsamen und qualvollen Tod erleidet, verlieren die Menschen außerhalb der Bezirke des Tempels, aber innerhalb derer des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist in ihnen dörrt aus. Sie werden zu beinahe leeren Hüllen. Wir haben gesehen, dass dies sogar in Leviathanen passiert, die, zumindest ursprünglich, aufgebrochen waren, um einem solchen Schwund Widerstand zu leisten.

Während die Generationen dahingehen, werden die Individuen innerhalb der künstlichen Eingeweide des Kadavers, die Ensis ebenso wie die Zeks, das Bedienungspersonal der Segmente des großen Wurmes, zunehmend den Federn und Rädern, die sie bedienen, ähnlicher; so sehr, dass sie später irgendwann als nichts anderes als Federn und Räder erscheinen. Sie werden niemals vollständig zu Automaten reduziert; Hobbes und seine Nachfolger*innen werden das bedauern.

Menschen werden niemals vollständig zu leeren Hüllen. Ein Funken Leben bleibt in den gesichtslosen Ensis und Zeks zurück, die eher wie Federn und Räder erscheinen als wie Menschen. Sie sind potenzielle Menschen. Sie sind schließlich die lebendigen Wesen, die dafür verantwortlich sind, dass der Kadaver zum Leben erwacht, sie sind diejenigen, die den Leviathan reproduzieren, abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts anderes als ein geborgtes Leben; weder atmet er, noch vermehrt er sich; er ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; er ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die ihn ausscheiden.

Die zwanghafte und obligatorische Reproduktion des Lebens des Kadavers ist das Thema von mehr als einem Essay. Warum machen die Menschen das? Das ist das große Rätsel des zivilisierten Lebens.

Es genügt nicht zu sagen, dass die Menschen dazu gezwungen sind. Die ersten eingefangenen Zeks mögen es nur deshalb tun, weil sie physisch gezwungen werden, aber physischer Zwang erklärt nicht mehr, warum die Kinder der Zeks sich an ihren Schalthebeln festklammern. Nicht dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber etwas anderes passiert, etwas, das den physischen Zwang ersetzt.

Zuerst wird die auferlegte Aufgabe als Bürde betrachtet. Der neu eingefangene Zek weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier Kanaanäer ist, der bis zum Rand mit ekstatischem Leben gefüllt ist, da er noch immer die Geister der Berge und Wälder der Levante in sich pulsieren fühlt. Das Klempnern ist etwas, das er auf sich nimmt, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trägt, wie eine schwere Rüstung oder eine hässliche Maske. Er weiß, dass er die Rüstung abwerfen wird, sobald der Ensi ihm den Rücken zuwendet.

Aber die Tragödie dessen ist, dass je länger er die Rüstung trägt, desto weniger ist er in der Lage sie zu entfernen. Die Rüstung klebt an seinem Körper. Die Maske wird mit seinem Gesicht verklebt. Versuche die Maske zu entfernen werden zunehmend schmerzhaft, da die Haut dazu neigt, sich mit ihr abzulösen. Es gibt immer noch ein menschliches Gesicht unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potentiell freien Körper unter der Rüstung gibt, aber ihre bloße Enthüllung erfordert beinahe übermenschliche Anstrengung.

Und als ob all das nicht schlimm genug wäre, beginnt auch noch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie die lebendigen Geister der ehemaligen Gemeinschaft schrumpften und starben, als sie in den Tempel eingesperrt wurden, so schrumpft und stirbt auch der lebendige Geist des Individuums innerhalb der Rüstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen Gefäß nicht besser atmen, als die Götter es konnten. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schwindet, lässt es eine wachsende Leere zurück. Der klaffende Abgrund wird so schnell wieder gefüllt, wie er sich auftut, aber nicht mit Ekstase, nicht mit lebendigen Geistern. Die Leere wird mit Federn und Rädern gefüllt, mit toten Dingen, mit der Substanz des Leviathan.

***

Der einst freie Mensch wird zunehmend zu dem, von dem Hobbes denken wird, dass er es ist. Die Rüstung, die einst außen getragen worden ist, hüllt sich um das Innere des Individuums. Die Maske wird zum Gesicht des Individuums. Oder wie wir sagen werden: Die Einschränkung wird verinnerlicht. Das ekstatische Leben, die Freiheit schrumpft zu einer bloßen Möglichkeit. Und Möglichkeit ist, wie Sartre hervorheben wird, Nichts.

Diese Reduzierung wird in den Städten Sumers am sichtbarsten, an den Leviathanen, die in dieser Hinsicht auch erstaunlich modern sind. Sie wird so sichtbar, dass die Sumerer*innen sie selbst zu bemerken beginnen. Es sind nicht die zunehmend betäubenden Ritualisierungen der Aktivitäten des Tempels, die sie plagen, und genausowenig die sogar noch auffälligere innere Leere der Ensis und ihrer Familien. All das scheint als Konsequenzen akzeptiert zu werden, die aus dem Bedarf an einer verlässlichen Quelle an Wasser und Zeks resultieren. Was sie plagt, ist, dass die Nachfahren der ersten Sumerer selbst zu Zeks reduziert werden. Das wichtigste Werkzeug dieser Reduzierung ist der Handel, oder wie wir es nennen würden, das Geschäft. Die sumerische Stadt ist mehr als jeder andere frühe Leviathan ein Paradies für Geschäftsleute.

Ein Geschäftsmann ist ein Mensch, der seiner lebendigen Menschlichkeit vollständig entleert wurde. Er ist der Definition nach eine Person, die in und durch die körperlichen Eingeweide des Leviathans gedeiht. Menschen, die zu Dingen reduziert sind, sind unter den Objekten in den Eingeweiden des Ungeheuers und sie sind offensichtlich Freiwild für diese Jagd nach Profit. Die Maxime der Geschäftsleute ist, schon lange bevor Adam Smith sie publizieren wird: Jeder Mensch für sich selbst und die Götter gegen alle.

Wir haben bereits gesehen, wie der sumerische Geschäftsmann eine Gemeinschaft von Fremden zu Schuldner*innen, dann zu Zahlungsunwilligen und schließlich zu Zeks reduzierte. Er wendet nun die gleich ökonomische Weisheit gegen die Fremden innerhalb Sumers an und schließlich hört er damit auf, zwischen Fremden und Sumerern zu unterscheiden.

Die Reduzierung geht zur Zeit der Herrschaft von Urukagina so weit, dass selbst der Lugal davon gestört wird. Und dieser Lugal entscheidet, etwas dagegen zu unternehmen, oder veröffentlicht zumindest eine Tafel, die eine solche Intervention behauptet.

Dieser Urukagina, der das Amt des Lugals von Lagesch zu einer Zeit ausübt, als seine südlichen Nachbar*innen bereits die Ufer des Nils mit den ersten Pyramiden verziert hatten, mag nicht der erste Reformer gewesen sein. Er ist der erste dokumentierte Reformer. Er ist der Erste von Vielen, die das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das Wohlergehen eines einzelnen Segments stellen. Er kann sehen, dass die gierigen Profitsuchenden, die bloß ein Segment des Ganzen ausmachen, den Zusammenhalt des Kadavers beeinträchtigt hatten, seine Fähigkeit sich zu bewegen, indem sie seine gesamten Eingeweide aufgefressen hatten. Er proklamiert, dass die Vipern “keine Früchte im Garten des armen Mannes sammeln sollten”, sie sollten die Sumerer nicht zu Zeks reduzieren.

Indem er das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das seines angeschwollenen Segments stellt, entfesselt dieser Lugal, wie viele seiner liberalen Nachfolger*innen, Kräfte, die ihn erdrücken. Sich auf die Erinnerung an frühere Phasen der Existenz des Wurmes verlassend, nimmt er an, die beste oder geeignetere Anordnung der Segmente des Wurmes zu kennen.

Der erste Urlugal maßte sich an die Hierarchie der Götter zu kennen und kam mit seiner Anmaßung durch, weil die Götter bereits schwach waren und im Sterben lagen.

Urukagina kommt nicht durch, weil das Segment, das er angreift, obwohl es der Definition nach tot ist, nicht schwach ist. Vergeltung folgt in Form einer Invasion aus Umma. Urukagina wird von Lugalzaggizi aus Umma seines Amtes enthoben. Urukagina wird wie seine liberalen Ensis und die meisten ihrer Zeks getötet und Lagasch wird dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt Umma ist weder für ihre Macht noch ihren Mut bekannt und sie erwirbt diese Fähigkeiten nicht plötzlich. Ihr Machthaber Lugalzaggizi erobert Lagasch nicht mit Ummas Streitkräften. Die notwendigen Armeen ebenso wie die benötigte Technologie für eine solche Invasion stammen von dem Segment, das Urukagina angegriffen hatte. Lugalzaggizi ist das Instrument für den Sturz des Reformers, nicht nur weil er die Mächtigen verficht, sondern auch weil er etwas weiß, dass Urukagina nicht wusste.

Lugalzaggizi versteht, dass der Kopf des Leviathans sich nicht dort befindet, wo er sich ein Jahr oder eine Generation zuvor befunden hat und genausowenig dort, wo Urukagina denkt, dass er sein sollte. Ebenso wie der Gott des Lugals stets der Gott in der phallusförmigen Zikkurat [Tempelturm] ist, so ist auch das mächtigste Segment des Leviathans immer sein Kopf. Das ist leviathanisches Recht, und Lugalzaggizi, nicht Urukagina, ist der wahre Verteidiger des Wurmes.

Lugalzaggizis Eintreten für die Mächtigen verschafft ihm Verbündete in allen sumerischen Städten. Vielleicht sind sie alle von Reformern befallen, die eine Nostalgie für eine frühere leviathanische Ordnung haben. Lugalzaggizis Armeen überrollen sie alle.

Bevor all die Leichen begraben werden, ist Lugalzaggizi der Lugal von Umma, Lagasch, Ur und Erech. Seine Schriftgelehrten beschreiben ihn als den Mann von Erech, den Einen und Einzigen. Das Tal von Tigris und Euphrat wird von einem einzigen Leviathan besetzt. Sumer ist zum ersten Mal eins. Der Wurm hat all seine Vorgänger aufgefressen. Lugalzaggizis Schriftgelehrte beschreiben ihn auch als den Lugal der Lugals, ein Ausdruck, den seine semitisch-sprechenden Subjekte als König der Könige und Herr der Herrscher übersetzen.

Aber die Tage selbst dieses Allmächtigen sind gezählt. Ebenso wie die Sumerischsprechenden nicht länger nur Priester und Ensis sind, sind die Semitischsprechenden nicht länger nur Zeks. Durch Heirat, physische Tüchtigkeit und Kriecherei befinden sich die Großenkel der Zeks im Palast und im Tempel. Die im Tempel wagen es, den sumerischen Gottheiten die Namen der vor langem vergessenen, semitischen Gottheiten zu verleihen und geben der Tochter des Mondes den landesüblichen Namen Ischtar. Die sumerischsprechenden Priester*innen scheint das nicht weiter zu kümmern; viele von ihnen müssen wissen, dass die sumerischen Götter nicht länger mehr als Namen sind. Zudem sind viele der Brüder der semitischsprechenden Priester*innen Ensis – tatsächlich sind es so viele, dass es leichtsinnig wäre, darauf zu bestehen, dass Ischtars eigentlicher Name Inanna ist. Zudem sind in den entlegenen Städten entlang des Weges von Sumer zur Levante und dem Sinai nicht nur semitischsprechende Ensis, sondern sogar einige, die das Amt des Lugals ausüben. Ein solcher ist Sargon, der Akkade.

Sargon ist in jeder Hinsicht sumerisch, außer in seiner Sprache. Er begann seine Karriere offensichtlich als ein Ensi des Lugals von Ur, für den er die Steuern einer Provinz in der Levante eingetrieben hatte. Als Ur Lugalzaggizi unterlag, nannte Sargon seine Provinz Akkad und nahm den Posten des Lugals ein. Er hatte Lugalzaggizis fetten Leviathan, etwas, das wir ein Imperium nennen würden, eine ganze Generation lang beobachtet. Plötzlich versteht er etwas, das selbst Lugalzaggizi nicht weiß; seine Schriftgelehrten sagen, dass ihm das von Ischtar gesagt worden sei. Sargon weiß, dass der phallusförmige Kopf des Leviathan allen Mächtigen gehört, nicht nur den sumerischsprechenden Mächtigen.

All die Mächtigen, die sich auch nur das kleinste bisschen herabgewürdigt fühlen, sehen in Sargon einen Helden. Dem Vorbild Lugalzaggizis folgend nimmt er seinen Mentor gefangen und fegt durch die Städte, die die ersten Leviathane hervorgebracht haben.

Ein einziger Leviathan, so lang wie der Nil und um einiges länger, erstreckt sich nun über den gesamten Fruchtbaren Halbmond. Seine Eingeweide umfassen das mesopotamische Umma, Ur, Lagasch und Erech, sowie all die Städte entlang der Straßen in der Levante.

Sargon, der seine Karriere als Steuereintreiber begonnen hatte, weiß so wie jeder Pharao oder Lugal, was der Wurm am Besten kann. Er frisst Abgaben, nicht nur um den Lugal und seine Ensis zu ernähren, die nun semitische Namen haben, sondern vor allem um die zunehmend gewaltsamen Götter im Tempel zu ernähren, Götter, die so tot sind wie der Leviathan selbst und ebenso hungrig.

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Die Taten und Schicksale von Urukagina, Lugalzaggizi und Sargon sind der Gegenstand dessen, was wir “Geschichte” nennen. Mary Jane Shoultz hat dieses Wort entmystifiziert. Wenn wir von tatsächlicher Geschichte, Geschichte im eigentlichen Sinne sprechen, meinen wir seine Geschichte. Sie ist eine exklusiv maskuline Angelegenheit. Wenn Frauen in ihr auftauchen, dann tun sie das eine Rüstung tragend und ein Phallussymbol handhabend. Solche Frauen sind maskulin.

Diese gesamte Angelegenheit dreht sich um Phallussymbole: den Speer, den Pfeil, die Zikkurat [Tempelturm], den Obelisk, den Dolch und später natürlich das Projektil und die Rakete. All diese Objekte sind zugespitzt und sie sind alle dazu geschaffen, einzudringen und zu töten. Die mesopotamische Zikkurat [Tempelturm] und der ägyptische Obelisk, männergemachte Berge, die in den Himmel weisen, sagen den Tag voraus, an dem Männer die Ozonschicht der Atmosphäre zerreißen und sich selbst in den luftleeren Raum schießen werden, in dem einst nur Götter zu fliegen vermochten.

Viele, von Euripides bis Bachofen, Schultz, Grass und Turner werden sich fragen, warum seine Geschichte so exklusiv maskulin ist. Sie werden sich an die Zuchthengst-artige Rolle des menschlichen Mannes im Naturzustand erinnern und sich fragen, ob die leviathanischen Kunststücke, die seine Geschichte ausmachen, die Rache der Männer sind.

Mit dem Aufstieg der Leviathane werden Frauen entwürdigt, domestiziert, missbraucht und instrumentalisiert und dann fahren die Schriftgelehrten fort, die Erinnerung daran auszulöschen, dass Frauen einmal wichtig gewesen waren. Diamond sagt, dass die Literatur, die Shoultz männliche Literatur nennt, bestenfalls dazu geeignet ist, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu tilgen.

In den alten Gemeinschaften erinnerte sich an das, was eine*r der Ältesten vergaß, wahrscheinlich ein*e andere*r und Traditionen konnten nur schwer verloren gehen, außer die gesamte Gemeinschaft wurde ins Unheil gestürzt.

Aber sobald sich das soziale Gedächtnis auf den Schriftrollen und Tafeln der Schriftgelehrten einnistet, konnte eine einzelne Weisung des Pharaos oder Lugals einen ganzen Abschnitt der Vergangenheit oder sogar die gesamte auslöschen. In Ägypten werden viele frühe Kartuschen und Namenstafeln gefunden werden, die den kaum wahrnehmbaren Namen einer Frau tragen, der Matriarchin; auf allen von ihnen ist der Name der Frau von späteren Schriftgelehrten ausradiert, die dann den Namen eines Mannes in der Kartusche platzierten.

Die Frau ist die Mutter; sie ist die Erde; sie gebärt das Leben. Aber der Mann fühlt sich nicht länger unterlegen; er hat sich im Leviathan eingelebt, der geschlechtslos ist und kein Leben gebiert, der aber kein Leben zu gebären braucht, da er unsterblich ist. Durch die leviathanische Rüstung ermächtigt schlagen die Männer zurück.

Turner wird eine der Gutenachtgeschichten, die von den sumerisierten Akkadianern, die die Macht mit Sargon teilen, erzählt wurden, zitieren. Sie erinnern sich noch immer an die ursprüngliche Mutter, Tiamat, die erste Spenderin des Lebens. Aber nun verstehen sie sie als ebenso tot wie Leviathan, indem sie sagen, dass der Himmel und die Erde selbst aus ihrem zergliederten Kadaver geformt sind. Marduk, Sargons Gott, ist ihr Zergliederer. In Turners Worten “zertrümmert” Marduk “ihren Schädel, teilt ihren Körper wie eine Auster und die folgsamen Winde blasen ihr Blut fort.” Turner wird hervorheben, dass der gewaltsame Marduk eine lange Linie erdhassender Nachfahren haben wird; unser zeitgenössischer Lugal Reagan wird versuchen der letzte von ihnen zu sein.

Seine Geschichte ist eine Chronik der Taten der Männer am Phallus-Ruder von Leviathan und in ihrer weitesten Bedeutung ist sie die “Biografie” dessen, was Hobbes den Künstlichen Mann nennen wird. Es gibt so viele seiner Geschichten, wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte neigt dazu, zu einer einzigen zu werden, aus demselben Grund, aus dem Sumerien und nun der gesamte Fruchtbare Halbmond zu einem Einzigen wird. Der Leviathan ist ein Kanibale. Er frisst seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Vorfahren. Er liebt eine Vielfalt von Leviathanen ebensowenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte wird mit Ur geboren, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie waren nicht von dem unsterblichen Kadaver umfasst, der der Gegenstand seiner Geschichte ist. Eine solche Gemeinschaft war eine Vielheit an Individuen, eine Ansammlung von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen, die von Interesse waren. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine “Biografie”, keine Geschichte [His-story].

Nichtsdestotrotz besitzt der Leviathan eine Biografie, eine künstliche. “Der König ist tot, lang lebe der König!” Generationen sterben, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem verliehen wird; der Rest hat langweilige Biografien, einander so ähnlich wie die ägyptischen Kopien einst wunderschöner Originale. Was nun von Interesse ist, ist die Geschichte Leviathans, zumindest für seine Schriftgelehrten und His-toriker.

Für andere, wie Macbeth wissen wird, ist die Geschichte Leviathans, wie die seiner Herrscher, “eine Erzählung, die von einem Idioten erzählt wird, voller leerem Schall, die nichts bedeutet.” Der Herrscher wird von einem Invasor oder einem Thronräuber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurms endet, wenn er von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist der Gegenstand der Weltgeschichte [World His-story], die schon in ihrem Namen einen einzigen Leviathan prophezeit, der die gesamte Erde in seinen Eingeweiden eingeschlossen hat.

***

Rückzüge menschlicher Gefangener aus den Eingeweiden toter Würmer sind schließlich ebenso häufig wie das Verschlingen kleiner Leviathane durch größere. Die Menschen revoltieren nicht nur. Die Menschen verlassen, fliehen, entkommen tatsächlich. Sie versuchen das die ganze Zeit. Sie haben häufig Erfolg.

Sargons Herrschaft war lang. Sein Imperium überdauerte zwei Generationen. Es endete, als “alle Lande gegen ihn revoltierten und ihn in Akkad heimsuchten”, in den Worten einer Keilschrifttafel. Nichts bleibt von dem enormen Leviathan übrig, der sich über den gesamten Fruchtbaren Halbmond erstreckte.

Unglücklicherweise blieben Segmente des zersetzten Wurmes über das Land verstreut und jedes Segment neigt dazu, sich selbst wieder zu einem vollständigen Wurm zusammenzusetzen. Tote Dinge haben Mächte, die lebendigen Wesen fehlen. Biolog*innen werden versuchen, den Lebenden diese seltsame Fähigkeit des Toten durch einen Prozess, der Klonen genannt wird, zu verleihen.

Einige der Fragmente, diejenigen, die die Reichen und Mächtigen enthalten, haben Erfolg darin, einen neuen Wurm zum Leben zu erwecken und ein neuer Leviathan straft die Desserteure, indem er sie zu unverhohlener Sklaverei, zu immerwährendem Zektum erniedrigt. Sargons Nachfolger Rimusch erweitert den Kadaver des Wurms sogar noch um die Elamiter in den persischen Ebenen.

In allen Gegenden gibt es Revolten und schließlich wird Rimusch von seinen eigenen Wachen getötet. Ihm folgt Naram-sin nach, von seinen eigenen Schriftgelehrten “Gott von Akkad” genannt, aber das Imperium dieses Gottes befindet sich in einem fortwährenden Zerfall. Die Gefangenen in den Eingeweiden dieses Leviathans laden königlose Nomaden aus allen Gegenden ein, ihnen zu helfen, das Ungeheuer von innen zu zerreißen.

Die Intestinalkriege [Eingeweidekriege] dauern bis lange in die Herrschaft des nächsten Nachfolgers an. Schließlich ziehen sich die Elamiter zurück, ziehen sich die Ladaschianer zurück und dann zerbricht das gesamte Ungeheuer in kleine Stücke. Die Zeks verlassen sogar die Kanäle.

Der große Leviathan ist zerstört, für manche Menschen dauerhaft. Ein ähnlicher Leviathan wird in diesem Teil der Welt erst vier Generationen später wiederauferstehen. Anarchie kehrt zum Fruchtbaren Halbmond zurück.

Unglücklicherweise ist dies nicht die Anarchie eines früheren Zeitalters. Die Menschen, die sich vom Leviathan zurückgezogen haben, sind verkrüppelt. Ihre Rüstung lässt sich nicht ablösen. In vielen bleibt die Möglichkeit menschlich zu sein Nichts. Die Gegend selbst ist von den kriegführenden Leviathanen in eine unwirtliche Wüste verwandelt worden. Und einige der Verbündeten, beispielsweise die Gutianer*innen, die eingeladen worden waren, den großen Wurm zu stürzen, versuchen ihrerseits einen eigenen Wurm zum Leben zu erwecken, der auf dem Vorbild derer von Lugalzaggizi und Sargon basiert. Nichtsdestotrotz ziehen sich die Gefangenen zurück, offensichtlich bevorzugen sie diese beschädigte Anarchie der leviathanischen Ordnung.

Während eben jener Generation, in der die Anarchie ins ehemalige Sumer-Akkadien zurückkehrt, kehren sich die Wehrpflichtigen des Pharaos von ihren Pyramiden- und Palastbau-Anweisungen ab und wenden sich gegen den Pharao und gegen all die offiziellen Bräuche seiner Priester*innen und stellen ebenfalls einen gewissen Grad von Anarchie im Niltal wieder her. Die Zeks des Pharaos kehren zu ihren Dörfern zurück und versuchen das Leben so fortzusetzen, wie es in den alten Tagen gelebt worden war. Frakturierte Segmente des Ungeheuers, das vom Memphis-Monarchen angeführt worden war, liegen verstreut an den Ufern des Nils. Die ehemaligen Agenten des gefallenen Pharaos versuchen einige dieser Segmente wieder zum Leben zu erwecken. “Siebzig Könige in siebzig Tagen“ offenbaren den Grad ihres Erfolgs.

Und eine oder zwei Generationen nach dem Zusammenbruch dieser beiden Giganten (Archäolog*innen sind sich uneinig hinsichtlich der Chronologie) scheitert ein dritter Versuch, einen Leviathan zu begründen. Mohenjo Daro am Indus wird von seinen Insass*innen verlassen. Die Details dieses Rückzugs werden nicht bekannt sein, weil die Schrift nicht entschlüsselt werden wird. Dieser Rückzug wird für Menschen mit zivilisierten Gehirnen ein Rätsel sein und seine Gründe werden in Fluten, Dürren, Invasionen und sogar einer “tektonischen Verschiebung” gesucht werden. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Menschen niemals die Eingeweide der Zivilisation verlassen würden, dann muss man sich in tektonische Verschiebungen flüchten um zu erklären, warum die Menschen fliehen. Aber wenn man nicht so überzeugt davon ist, dann ist das Rätsel nicht, warum die Menschen fliehen, sondern warum sie so lange in ihr bleiben, wie sie es tun.

Die Menschen am Indus bleiben viele Generationen lang davon verschont, von einem Staat gefesselt zu werden. Diejenigen am Tigris und am Nil bleiben nicht so lange verschont.

Hier sollte hervorgehoben werden, dass die Segmente zersetzter Leviathane einen ungerechten Vorteil gegenüber Gemeinschaften freier Menschen haben. Die Segmente sind wie Maschinen. Wenn sie bloß verlassen worden sind und nicht allzu eingerostet sind, können sie von jedem guten Mechaniker geölt und wieder in Betrieb genommen werden. Die Segmente, die tote Dinge sind, mögen rosten; sie sterben jedoch nie.

Aber menschliche Gemeinschaften bleiben tot, wenn sie erst einmal tot sind. Gemeinschaften lebendiger Wesen sind in dieser Hinsicht klar unterlegen. Um es etwas anders auszudrücken: Der Tod steht immer auf Seiten der Maschinen.

Das hat tragische Konsequenzen für diejenigen, die schließlich erfolgreich darin waren, sich von dem schweren Kadaver zu entlasten. Sie können nicht in ihre alten Gemeinschaften zurückkehren, da diese durch Generationen des Plünderns, Kidnappings und Mordens von Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht fortfahren; sie müssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Gepflogenheiten, die wir Kultur nennen werden, und die über tausende Generationen genährt und kultiviert wurden, über Nacht regeneriert werden könnten. Es mag gut sein, dass solche Gepflogenheiten die Kultivierung vieler Generationen erfordern.

Aber die Menschen, die darum kämpfen, einen Neustart zu machen, haben kein Zeitalter, in dem sie das tun könnten. Sie befinden sich inmitten leviathanischer Segmente, Maschinen, die jede*r gute Mechaniker*in reaktivieren und dazu nutzen kann, die Anstrengungen einer ganzen Generation in einem einzigen Feldzug ins Nichts zu stürzen.

Das ist genau das, was passiert. Am Nil werden in Theben und Herakleopolis Segmente des zersetzten Leviathans instand gesetzt und beide wachsen zu vollständigen Würmern heran. Im Tigris-Euphrat-Tal, genauer gesagt, in Erech, erlangt der Machthaber Utukhegal die Kontrolle über den schwerfälligen Wurm, den die Guti zum Leben erweckt haben, nur um von seinem eigenen Stellvertreter enttrohnt zu werden; aber sein Stellvertreter, Urnammu, hat Erfolg darin, den gesamten sumerisch-akkadischen Leviathan wieder zum Leben zu erwecken und ihn erneut von der Levante bis nach Elam auszudehnen. All die Anstrengungen, einen Neubeginn zu starten, werden zunichte gemacht; sie werden nicht unterbrochen; sie werden vernichtet.

Nach zwei Generationen ziehen sich die Gefangenen des wiedererweckten Ungeheuers erneut zurück. Dieses Mal wird der sumerisch-akkadische Leviathan für alle Zeiten verlassen. Aber gepanzerte Ssumerianisierte Semiten bestehen darauf, die Segmente zu flicken und bei Aschschur erwecken sie einen neuen Wurm zum Leben, der mit Zeks von neuen semitischen Fremden bemannt ist, den Amoritern.

Fünf Generationen später starten die Nachfahren der Amoriter-Zeks in Babylon einen eigenen Leviathan, wobei sie fortfahren, die Bosse der Arbeiter-Gangs “Aufseher von Amoritern” zu nennen. Und fünf Generationen danach dehnt der Amoriter Hammurabi den babylonischen Wurm über die antiken Gefilde Urukaginas aus, während die ehemaligen Herren der Amoriter, die Assyrer, ihren Wurm über die westlichen Provinzen von Lugalzaggizis Gefilde ausdehnen.

Unterdessen haben unbekannte Menschen aus den Wäldern und Bergen der Guti Teile der mesopotamischen Rüstung durch ganz Eurasien nach China getragen, von denen gesagt wird, dass sie der Ursprung der Yang-Shao-Kultur seien. Nur zwei Generationen später gibt es eine Schrift und eine Xia-Dynastie, deren Gründer, Yû, die Bereitstellung einer verlässlichen Wasserversorgung zugeschrieben wird.

Im Westen des Fruchtbaren Halbmonds, in Anatolien, wo die Frauen viele Generationen lang fortfahren werden, die unbegrenzte Fruchtbarkeit der Erde zu feiern, befinden sich an zwei oft von assyrischen Händlern besuchten Orten bereits aufkommende Würmer, die den Ägyptern und Assyrern später als Hethiter bekannt sein werden.

Jedes neue Modell besitzt Zusätze, die seinen Vorgängern fehlten. Die Segmente, die vom Zerfall von Sargons Ungeheuer in der Levante übrig geblieben sind, werden generalüberholt in mobile, oktopusähnliche Monströsitäten, die den phönizischen Handel an Orte bringen, die weit außerhalb der Reichweite stationärerer Würmer liegen. Die phönizischen Händler*innen in Byblos und Ugarit überholen sogar die hyroglyphischen und keilförmigen Schriften zu einem weitaus effizienteren kommerziellen Werkzeug, dem Alphabet.

Menschliche Gemeinschaften entwickeln sich zurück, während die Würmer fortschreiten. Die größte Errungenschaft des Leviathans ist es, wie L. Mumford behaupten wird, Menschen zu Dingen zu reduzieren, sie zu effizienten mechanischen Kampfeinheiten umzuarbeiten.

All das ist deprimierend. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Und da der Tod sich zum Leben verhält wie die Nacht zum Tage, schrumpft das Leben zusammen, während sich das Gefilde des Todes ausbreitet. Die unmenschliche Erzählung bedeutet wahrhaft nichts menschliches.

Nachdem ich einige der Hauptprotagonisten genannt habe, die sich gegen menschliche Gemeinschaften und gegen Mutter Erde selbst in Stellung brachten, wende ich mich einer kleinen Gruppe von Menschen zu, die sich den Eingeweiden eines der großen Leviathane entzogen. Diese Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer Entziehung für alle außer sich selbst unbedeutend und wären unbedeutend geblieben, wenn ihre jüdischen, christlichen und muslimischen Erben nicht den Schatten ihrer Entziehung in jedes vormals sichere Refugium auf dem Globus getragen hätten.

Diese Menschen sind natürlich die Israeliten, die sich der ägyptischen Zivilisation entzogen und an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich von dem gepanzerten Fragensteller überrascht bin, der selbstgefällig die positiven Wunder der Zivilisation in mein Gesicht schleuderte, da ein Teil seines Panzers aus den Überbleibseln dieser kleinen Gruppe besteht, die vor den Wundern floh.

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