Mistkäfer-Philosophie

„Volenti non fit iniuria!“ sagte einer der Alten – das heißt: dem Wollenden (dem, der es so haben will) geschieht kein Unrecht. Dieser harmlos klingende Satz ist eine jener Halbwahrheiten, welche noch schlimmer als alle handgreiflichen Lügen seit Urzeiten die Welt verpestet und vergiftet, eine Generation von Sklaven und Knechten nach der andern geholfen haben, zu erziehen!

„Du mußt wollen, was Eltern und Erzieher (in jedem Falle also: die Gewalt über Dich haben!) von Dir verlangen, – predigen tagtäglich vertrocknete „Pädagogen“ dem Kinde, das noch unverdorben, unbefangen, oft wild wie ein unbändiges Füllen durch das hell und ungetrübt vor ihm liegende Leben dahinstürmen möchte – ach, wie bald fallen dunkle Schatten über seinen Weg, und aus diesem mutwilligen Füllen wird ein armseliges Weidetier, an einen Pfahl angekettet, das zwar eine gewisse „Bewegungsfreiheit“ – wenn man es so nennen will – besitzt – aber nur so weit die Kette reicht – ein eng begrenzter Kreis – darüber hinaus ist seine Welt zu Ende, – und kein noch so brennender Wunsch vermag ihm fort zu helfen in die Weite – da lernen denn bald auch die Wünsche halt machen – Passivität und Resignation beginnen einzusetzen – man nennt das „Erziehung“! –

„Man muß wollen, was das Leben fordert – wir müssen wollen, was der Allbeherrscher, der „Staat“, von uns verlangt! Dem Wollenden fällt das Gehorchen leicht – und Gehorchen ist eine Tugend, ist Moral und Religion!“ so redet aufdringliches Pfaffengeschwätz derselben „Pädagogen“ und ihresgleichen immer und immer wieder auf den jungen Menschen ein, der, nunmehr die Kinderschuhe abstreifend, abermals aufschäumt und sich aufbäumt im instinktiven Drange gegen jegliche „Autorität“ und Gewalt – sie nennen es die „Sturm- und Drangperiode“ – beim Durchschnitt beträgt sie bestenfalls ein paar kurze Jahre – nur Wenige sind es, die Bösewichte, an denen Hopfen und Malz verloren ist, für welche diese Zeit eine für’s Leben fortzeugende, ewig sich verjüngende Kraft besitzt, die kurz gesagt immer im „Sturm und Drang“ bleiben, niemals altern und verdorren über Akten und Beamtenweisheit – diese sind im Sinne des guten Bürgers hoffnungslos verloren – die Andern aber: nur eine kleine Weile, und sie lenken auch in die Bahn des guten Staatsbürgers ein – sie haben ausgeschäumt, beginnen Embonpoint anzusetzen und gehorchen weil sie müssen – nein, weil sie wollen – oder sich doch vorreden zu wollen, weil man es ihnen selbst so lange vorgeredet und suggeriert hat – nun haben sie resigniert, ohne es selbst eigentlich zu wissen, üben Selbstbeschränkung aller Enden – versteht es recht: geistige Selbstbeschränkung, materiell leiden sie oft keine Not, denn der Staat pflegt bis zu einem gewissen Grade die Bravheit zu belohnen, wenn auch nicht immer – genug, sie finden in einer Fiktion Befriedigung!

Ja, eine Fiktion kann in der Tat Befriedigung gewähren! Ein Beispiel: Wer kennt nicht das Märchen des Dänen Hans Chr. Andersen, vom Mistkäfer im Marstall des Kaisers, der goldene Hufeisen haben wollte, und als er sie nicht bekam, sich damit begnügte, sich in die Mähne des kaiserlichen Leibrosses zu setzen, in der Einbildung, daß dieses die goldenen Hufeisen um seinetwillen bekommen habe, um ihn als Reiter zu tragen?
Als ich während des Krieges meiner Überzeugung halber unter dem famosen alten preußischen Regime im Gefängnis saß (heute freilich ist das bei uns anders: der Militarismus ist tot, es lebe der Militarismus!), da brachte mir ein Freund zur Erholung und Ausspannung für meinen gequälten Geist das Märchenbuch von Andersen – und ich hatte Muße genug, die Geschichte vom Mistkäfer recht eingehend zu lesen und drüber nachzudenken – da habe ich herausgefunden, daß die Weisheit des Mistkäfers; die Anpassung an gegebene Verhältnisse, die Beschränkung alles Wollens auf Erreichbares, die Selbstgenügsamkeit und satte Zufriedenheit – die Philosophie unserer ganzen Durchschnittsmenschheit, unseres gesamten, gebildeten und ungebildeten Spießertums ist!

„Habe den Willen zu gehorchen, und Du fühlst nicht mehr, daß du gehorchen mußt! Strebe nur nach dem Erreichbaren, passe Dich an! Füge Dich ein!“

Und die Kette? Fühlt Ihr sie wirklich nicht mehr, hört Ihr sie nicht klirren?

Bleibt mir fern mit Euerer Mistkäfer-Weisheit, Ihr Zufriedenen, Selbstgerechten, Ihr, die Ihr im Gehorchen, im willigen Sichfügen, Tugend erblickt! Mich soll keine Kette binden an engen Raum – Wunsch und Gedanken fliegen weit zum neuen, schönern Menschenland – und ob es heut noch in den Wolken liegt, – was tut’s? Noch alles Große, Wahre war einmal Utopie!
Kein Beschränken, kein Fügen und Genügen – nur vorwärtsstürmen – und sei’s ein Sturz, durch tausend Himmel –
Ich grüße Dich, Land Utopia! – Anarchie.

[Alarm. 2. Jahrgang 1920 Nummer 35]