Katastrophismus XXIII

Die Expertenbürokratie, welche zusammen mit der Entwicklung der Planung auftauchte, stellt für alle Verwalter der Herrschaft eine gemeinsame Sprache und die Repräsentationen her, mittels welcher die Letzteren ihre eigene Aktivität verstehen und rechtfertigen. Mit ihren Diagnosen und Voraussagen, formuliert in der Neosprache der rationalen Kalkulation, kultiviert sie die Illusion einer technowissenschaftlichen Kontrolle von „Problemen“. Das Programm eines vollständig verwalteten Überlebens zu verteidigen ist ihre Aufgabe. Es ist diese Bürokratie, die regelmässig Alarmsignale und Warnungen herausgibt. Dabei zählt sie darauf, dass die Notlage, welche sie ausruft, sie befähigt direkter in die Verwaltung der Herrschaft eingebunden zu werden. In ihrer Kampagne für die Schaffung eines Ausnahmezustands hat ihr niemals die Unterstützung von linken Staatsanhängern und anderen bürgerbewegten [citizenists] gefehlt, und hat künftig also kaum Widerstand von den Verwaltern der Wirtschaft zu erwarten, da die meisten von ihnen die Perspektive einer endlosen Katastrophe als eine permanente Wiederauferstehung der Produktion durch die Suche nach „Ökokompatibilität“ betrachten. Eine Sache ist nun klar: wenn die Zeit für das alte Keynesianische Rezept der öffentlichen Wohlfahrtsprogramme – zusammengefasst in der Formel „Löcher graben um diese wieder aufzufüllen“ – gekommen ist, wird es genügend bereits gegrabene „Löcher“, zu reparierende Verheerungen, Abfälle zum recyclen, Verschmutzung zu reinigen, etc. geben. („Wir werden das reparieren müssen, was nie zuvor repariert wurde, verwalten, was niemand zuvor verwaltet hat“, Hervé Juvin, Produire le monde. Pour une croissance écologique, 2008).

Die Ausbildung dieses neuen „Labour Corps“ bedeutet bereits Kriegsfuss. So wie der New Deal die Unterstützung praktisch aller linken Intellektuellen und Aktivisten in den USA erhalten hat, mobilisiert der neue ökologische Kurs des bürokratischen Kapitalismus alle „gutherzigen Apparatschiks“ auf Weltebene. Letztere sind jung, Spezialisten, enthusiastisch, kompetent und ehrgeizig: kampferprobt in den NGOs und anderen Vereinen, in Führung und Organisation, fühlen sie sich fähig „die Dinge voranzutreiben“. Überzeugt, dass sie die höheren Interessen der Menschheit verkörpern und die Geschichte auf ihrer Seite haben, sind sie mit einem absolut reinen Gewissen ausgestattet und, als wäre das noch nicht genug, dem Wissen, dass die Gesetze auf ihrer Seite sind: die Gesetze die bereits in den Büchern stehen und all jene, welche sie zu verkünden hoffen. Denn sie wollen mehr Gesetze und Vorschriften, und hier ist es, wo sie mit dem Rest der Progressiven, „Anti-Liberalen“ und Militanten der Partei des Staates übereinstimmen, für welche „Gesellschaftskritik“ – ganz im Stile Bourdieus – darin besteht, die „Regierten“ dazu aufzurufen, „den Staat“ gegen seine „neoliberale Demontage“ „zu verteidigen“.

Nichts macht die Art und Weise klarer, in welcher der Katastrophismus der Experten etwas anderes ist als eine „Bewusstwerdung“ über die reale Katastrophe des entfremdeten Lebens, als die Art in welcher er versucht jeden Lebensaspekt und jedes Detail des persönlichen Verhaltens zu einem Gegenstand der Staatskontrolle zu machen, Regeln, Vorschriften und Verboten gemäss. Jeder zum Katastrophismus konvertierte Experte weiss, dass er ein Verwahrer des wahren Glaubens ist, der unpersönlichen Rationalität, welche das grundlegende Ideal des Staates ist. Wenn er seine Anklagen und Empfehlungen an politische Führer richtet, ist sich der Experte der Tatsache bewusst, dass er das höhere Interesse der kollektiven Verwaltung repräsentiert, die Imperative des Überlebens der Massengesellschaft. (Er wird vom „politischen Willen“ sprechen, der nötig ist, wenn er sich auf diesen Aspekt des Themas bezieht.) Die Verwaltung durch die Experten ist nicht nur aufgrund ihres Habitus etatistisch, da nur ein verstärkter Staat ihre Lösungen anwenden kann: sie ist strukturell etatistisch, in all ihren Methoden, ihren intellektuellen Kategorien und ihren „Mitgliedschaftskriterien“. Diese „Jesuiten des Staates“ haben ihren Idealismus (ihren „Spiritualismus“ wie es Marx nannte), die Überzeugung, dass sie für die Erlösung des Planeten arbeiten; aber dieser Idealismus fällt in der alltäglichen Praxis oft einem vulgären Materialismus anheim, in dessen Augen es nicht eine einzige spontane Lebensäusserung gibt, die nicht auf den Zustand eines passiven Objekts reduziert werden könnte, empfänglich dafür verwaltet zu werden: um das Programm der bürokratischen Verwaltung („Natur produzieren“) aufzuerlegen, ist es notwendig alles zu bekämpfen und zu eliminieren was unabhängig, ohne Hilfe der Technologie, existiert und das folglich irrational sein muss (wie es, bis gerade gestern noch, die Kritiken an der industriellen Gesellschaften waren, die ihr voraussehbares Verhängnis verkündeten).
Der Kult der unpersönlichen wissenschaftlichen Objektivität, des Wissens ohne Subjekt, ist die Religion der Bürokratie. Und unter ihren Lieblingsfrömmigkeiten ist – aus offensichtlichen Gründen – die Statistik, die Staatswissenschaft par excellence, welche diesen Status im Grunde im militaristischen und absolutistischen Preussen des 18. Jahrhunderts erreichte, welches auch – wie [Lewis] Mumford beobachtete – die erste Gesellschaft war, welche die Uniformität und die Unpersönlichkeit des modernen öffentlichen Schulsystems im grossen Massstab auf die Erziehung anwandte. So wie in Los Alamos das Labor in ein Gefängnis verwandelt wurde, ist das, was das Weltlabor nun ankündigt, so wie es die Experten darstellen, eine Barackenökologie. Der Datenfetischismus und der kindliche Respekt für alles was in Form einer Gleichung präsentiert werden kann, hat nichts mit der Angst vor dem Irrtum zu tun, sondern vielmehr mit der Angst vor der Wahrheit, die der Nichtexperte ohne Rückgriff auf irgendwelche Zahlen formulieren kann. Das ist der Grund wieso der Nichtexperte erzogen und informiert werden muss, so dass er sich im Vorhinein der ökologisch-wissenschaftlichen Autorität fügen kann, welche ihm die neuen Regeln diktieren wird, die so notwendig für das geschmeidige Funktionieren der sozialen Maschine sind. In den Stimmen jener, die leidenschaftlich die Statistiken wiederholen, welche von der katastrophistischen Propaganda verbreitet werden, ist es nicht die Revolte die widerhallt, sondern Unterwerfung unter die Ausnahmezustände im Voraus, die Akzeptanz der kommenden Disziplinarregimes, und die Unterstützung für die bürokratische Macht die vorgibt durch den Gebrauch von Zwangsmassnahmen das kollektive Überleben sicherzustellen.

[Übersetzung eines Kapitels aus dem Buch: „Catastrophism, disaster management and sustainable submission“ von René Riesel und Jaime Semprun, Roofdruk Edities, April 2014. Das Original von 2008 (!) ist französisch und heisst „Catastrophisme, administration du désastre et soumission durable“, Edition de l`encyclopédie des nuisances]