Anarchismus und Egoismus

Es ist unter den Anarchisten noch vielfach der Aberglaube verbreitet, dass der Egoismus der Anarchie feindlich gegenüber stehe. Dass diese Annahme vollständig irrthümlich ist, wollen wir hier kurz zu beweisen suchen.
Der Egoismus ist die Triebfeder aller menschlichen Handlungen. Ein jedes Lebewesen überhaupt sucht sich zu behaupten und zu geniessen. Welche Schranken setzt nun der Anarchismus dem Egoismus? Der Anarchismus hat nur ein Gebot: Du sollst nicht herrschen. Dies ist die einzige Schranke, welche der Anarchismus dem Egoismus bietet. Dagegen wird der Anarchismus dem Egoismus tausend Freiheiten gewähren, welche in der heutigen Gesellschaft verboten sind. Es wird daher im Interesse des Egoismus sein, wenn die Anarchie erstehen wird, und daher kann er sie nur willkommen heissen.
Ja, wir erwarten die Anarchie von dem Interesse der Menschen; wir denken nicht, dass die Anarchie aus der Nächstenliebe erstehen wird. Wenn wir uns gegen die heutige Gesellschaft empören, so geschieht es aus einem egoistischen Grunde: weil wir von ihr ungerecht behandelt werden, und uns selbst behaupten wollen.
Es ist nicht der Egoismus an und für sich, welcher unserer Propaganda im Wege steht, es ist die Unwissenheit und die übergrosse Duldsamkeit. Wenn doch die Arbeiter so egoistisch werden wollten, und die Ausbeuter nicht mehr länger anerkennen würden! Wenn doch die Arbeiter so gescheidt würden, um ihre wirklichen Feinde zu erkennen! Wenn sie doch so egoistisch würden, um sich gegen ihre Tyrannen zu empören!
Die Früchte des Egoismus richten sich je nach der Intelligenz des Menschen. Der Egoismus eines beschränkten Kopfes wird immer eine beschränkte Gestalt annehmen; der Egoismus eines Genies wird immer eine geniale Form annehmen. Und wenn es auch dem Pfennigfuchser und dem religiösen Sektirer unverständlich bleibt, die Wahrheit bleibt immer die selbe: dass alle Handlungen dem Egoismus entspringen.
Unsere Aufgabe ist daher nicht, den Egoismus zu bekämpfen; dies wäre ebenso erfolglos wie zwecklos. Wir können nur die Unwissenheit bekämpfen, wir können den Arbeitern zeigen, wie sie um ihre Arbeit betrogen und bestohlen werden, und dass die Polizei und Militär nur Handlanger der Unterdrücker sind. Ist das Proletariat einmal zu dieser Erkenntniss gekommen, dann wird der Egoismus das richtige Ziel nicht verfehlen.
Viele Leute denken, das Ziel des Egoismus sei ein gefüllter Geldsack oder ein Schmorbauch, etc. Dies sind jedoch nur Auswüchse wie sie unter den heutigen Verhältnissen gezeitigt werden. Der Egoismus bestrebt das Wohl und die Eigenheit des Individuums. Und hierfür giebt es keinen besseren Boden als die Anarchie.

E i n   a n a r c h i s t i s c h e r   E g o i s t.

[Londoner Arbeiter-Zeitung No. 5; 25. Januar 1896]