Wer sich für Jesus hält, „sollte“ von Anarchie schweigen …

„Denn sie wissen, was sie tun“, das ist der Titel eines Aufrufs, den Zündlumpen, die „in einem Maße technik-feindliche“ Zeitung In der Tat, „dass sie es nicht über sich bringt, ihre Publikation im Internet einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen“, sowie, wenn ich es richtig verstehe, ein Graffito und ein Plakat zu boykottieren. Warum sich die Unterzeichner*innen mit einem seine Lehren der Barmherzigkeit verwerfenden Jesus vergleichen, weiß ich nicht. Aber anders als der ans Kreuz geschlagene Jesus, der seinem Vater, Gott zuruft, seinen Kreuzigern zu vergeben, „denn sie wissen nicht, was sie tun“, dürstet es die Unterzeichner*innen wohl eher nach Vergeltung. Vergeltung für etwas, von dem vermutlich nicht einmal sie selbst so genau wissen, was das sein soll. Aber wen interessiert das schon? Sehen wir uns doch lieber die Bergpredigt dieser Jesusse an, vielleicht enthüllen uns ihre Lehren des Altruismus, der „Solidarität“ und der „überwiegend notwendigen Maßnahmen und Einschränkungen“ ja entgegen aller Erwartungen doch noch irgendwelche Weisheiten.

Das Gleichnis von derjenigen, die lieber an Corona sterben wollte, aber dann doch social distancing betreiben musste

Es stand einmal an einer Mauer – und irgendwo dahinter munkelt man, sei ein Pflegeheim gewesen –, der Spruch „I’d rather die of corona than live in a social coma“, was so viel bedeutet wie „Lieber sterbe ich an Corona, als in einem sozialen Koma zu leben.“ Da ging eine*r vorbei und las dieses Graffito und ärgerte sich sehr. Er*sie war nämlich mäßig begeistert davon, dass da jemand auf die Idee gekommen war, nicht in einem sozialen Koma, sprich einem Lockdown zu leben bzw. leben zu wollen. Überhaupt schien diese Person im Allgemeinen nicht besonders viel Ahnung von irgendetwas zu haben, sie war ja das letzte Jahr kaum vor die Tür gekommen und hatte wohl auch nur sehr wenige soziale Kontakte gehabt. Sonst hätte sie vielleicht gewusst, dass es sehr viele „pflegebedürftige Menschen“ gibt, die gar nicht selbst entscheiden, ihre Kontakte zu „reduzieren“, sondern die in ihren Einrichtungen regelrecht eingesperrt wurden und werden. Aber leider hatte die medial bis zum Erbrechen wiederholte staatliche Propaganda dieser Person so gehörig das Gehirn gewaschen, dass sie glaubte, dass die Eingesperrten im Altersheim doch tatsächlich allesamt freiwillig Gefangene wären. Und mit derartigen Gedanken beschäftigt entging dieser Person sogar, dass es eigentlich gar kein „Vorschlag“ war, der dort an der Wand stand, sondern der individuelle Wunsch der verfassenden Person. Aber individuelle Bedürfnisse waren dieser Person ohnehin fremd. Es ging ihr ja nicht um das Individuum, sondern um etwas ganz anderes … [1]

Das Gleichnis derjenigen, die „Egoismus über ur-anarchistische Werte wie Solidarität, Respekt und gegenseitige Hilfe stellten.“

Zu dieser Zeit begab es sich aber, dass eine Zeitung, die sich bereits voll Stolz aus dem „Spektrum der ernstzunehmenden Projekte“ – zumindest aus Sicht dieser Person – verabschiedet hatte, schrieb, dass wer auch immer fände, dass „die halbe Menschheit, wenn nicht sogar die ganze eingesperrt“ gehöre – denn es ist zwar ein weit verbreiteter, aber dennoch ein Irrglaube, dass Leute, die das finden und bei denen man „angesichts ihres schwächelnden Zustands“ nicht davon absehen mag, von uns nicht „eins auf die Fresse“ bekommen würden –, folgerichtig „eins auf die Fresse verdient hätte“. Und das ärgerte die Person noch viel mehr. Und da dachte sie sich: Wenn ich diese Aussage und die erläuternden Sätze drum herum nur gänzlich verdrehe, dann kann ich sie mit „Euthanasie-Programmen der Nazis“ vergleichen. Und so merkte sie gar nicht, dass sie in ihrem Wahn eigentlich nur wirr redete. Die Einsperrung der Menschheit wird so zu einem „Mindestmaß an Solidarität“ in der „anarchistischen Weltanschauung“ dieser sich allzu altruistisch gebenden Person, die offenbar mindestens noch einmal nachlesen sollte, was die Begriffe „Sozialdarwinismus“, „Egoismus“ und „Euthanasie“ bedeuten.

Das Gleichnis derjenigen, die es nicht über sich brachten ihre Publikation im Internet einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen

Dieses Gleichnis findest du nur in der Printausgabe, es ist aber das Witzigste.

Und die Moral von der Geschicht?

Ach komm, als würde ich eine Geschichte mit einer Moral erzählen.

Manch eine*r findet ja: „Mit Leuten, die diese Grundsätze nicht begriffen haben, kann man als Anarchist*in nicht unter einer Fahne laufen.“ Ich vertrete da eine gänzlich andere Meinung: Wer als Anarchist*in unter einer Fahne läuft … naja, muss ich es wirklich sagen?

Ein*e Anarchist*in


[1] Meine Interpretation ist, dass es dieser Person sowie all den anderen, die die besagte Bergpredigt mit unterzeichnet haben, sozusagen um das Gegenteil geht, nämlich darum eine Art von Moral aufzustellen, mit der die individuellen Bedürfnisse, Sehnsüchte, Verlangen, usw. gebunden werden sollen.