Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 2

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

2.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurück? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre Pflüge weg und kehren zu Grabstöcken zurück? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenüber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurück.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater für spekulierende Geschäftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie über seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, über eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische Vorgänger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hätten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glänzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine Geringschätzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche Geringschätzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nächste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natürlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fühlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum Präsidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wählten.

Später würden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionäre Geschäftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollständig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fügte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels änderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darüber die Anführer*innen und Anhänger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer Länder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehämmert werden.

Natürlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die Hände gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das Gedächtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhängt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflüchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu überlassen. Der Archäologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der Wohlanständigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jüngsten eindeutigen Beweisen füllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurück, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in Notfällen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche Notfälle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklärt natürlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die Erklärung ist einfach, klar, tatsächlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun müssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irreführenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen würde. Für Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein Gefäß für Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfür den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der Produktivkräfte. Derselbe Apparat ist verantwortlich für das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstäblich der Boden selbst, den Füßen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische Eigentümer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den Füßen der Kapitalisten auf eine ähnliche Weise entgleiten würde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste Morgendämmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefähr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen günstig für etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstäblich füttert, die nun möglich geworden ist: Könige, Armeegeneräle, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hätte diese Träume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafür reif waren. Und sobald sie reif dafür geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nächsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und überprüfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer übertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzählt werden, weil sie ein Märchen ist. Ich habe nichts gegen Märchen. Aber die Verfechter*innen dieses Märchens behaupten, dass es etwas anderes wäre; sie verachten Märchen.

***

Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fürs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke für Greise. Ihre Vielfalt und Komplexität belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die Zentralität solcher Dinge ist für uns kein Beweis dafür, dass Menschen im Naturzustand um Früchte, Nüsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch über ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nützlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen früher weitaus vielfältiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die Früchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die Früchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer Gerätschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der Flüsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von Flößen und Kanus, um wie Enten und Schwäne zu schwimmen. Sie lagerten Nüsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke Zähne und Kiefer. Die Menschen schärften Stöcke und Steine. (Unsere Archäologen stellen sie dar, als hätten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplätten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem Abblätten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne Gräber haben selbst die Überbleibsel altertümlicher Städte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die später Shanidar, Jericho, Catal Höyük, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine Städte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder Vorgänger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hätten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitären Antrieb. Aber welche Befriedigung würde es einem verschaffen, Züchtungen parasitärer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich würde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren Aktivitäten zurück. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren Aktivitäten ungestört nachzugehen.

Was die überschüssigen Erzeugnisse, die berümten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hätten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in üppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von Überschüssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze Fülle, die auf die Erde fiel und Triebe des nächsten Frühjahrs düngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es während eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die Überschüsse sind seit der ersten Morgendämmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafür verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den günstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den üppigen Wäldern der Great Lakes oder den ergiebigen Wäldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

Gräber haben tatsächlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird später Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklären, warum Esel Schwänze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so günstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die Flüsse treten jährlich über ihre Ufer, düngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die Häuser mit sich fortträgt. Im nächsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich müssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die günstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurückzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit für erfreulichere Aktivitäten hatten.

Aber sie sind hartnäckig. Die Großmütter rufen die alten Männer zu einem Rat zusammen. Diese Männer hatten geträumt. Die Frauen ermahnten die Männer von einer verlässlichen Wasserversorgung zu träumen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die Männer sind offensichtlich beleidigt wegen solcher Banalitäten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie müssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer während einer Hungersnot.

Die alten Männer reagieren träge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlässliche Wasserversorgung gewährleisten. Sie träumen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, Kanäle und Entwässerungsgräben wären. Aber wer würde diese errichten? Sicherlich nicht die alten Männer. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen Männer zusammen und erklären den Traum.

Die jungen Männer haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmütige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten Männer mögen oder mögen nicht die Pläne erträumt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsächliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wählten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten Männer kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurück.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die Pläne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwählt worden?

Als die Gräben und Kanäle gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurück, stolz, aber noch nicht hochmütig. Nichts hat sich bisher verändert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spült die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten Männer zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wählen die Ältesten einen noch stärkeren jungen Mann aus und drängen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu träumen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfänglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und Dämme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hätten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hätten werdenkönnen; Nun müssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

Frühlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, Tänze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die Bewässerungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er äußert sich über andere Dinge als Deiche. Er wird hochmütig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlässliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwählt, ein weniger hochmütiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis für irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurück zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre Bewässerungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr überfluteten die Entwässerungsgräben von Lagasch die Kanäle von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wütend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anführte. Die erzürnte Jugend von Ur zerstörte die Bewässerungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die Wüste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, Wüstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere Bürde auf. Die Menschen von Ur forderten Entschädigung von den Lagaschiern, die ihre eigenen Bewässerungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfähig wären, eine solche Bürde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick über all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnäckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick über die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der Männer des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick über die besten Zeiten, um die Dämme zu reparieren, zu behalten. Die Männer des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten Morgendämmerung zu füllen. Für die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den Anfängen nicht so gering, wie sie später für die Christen sein wird. Die zähen Sumerer schätzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hängen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amüsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den Wäldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurück, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzählen. Die Jäger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem Erzähler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den Männern des Urlugals während des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stärksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzuführen. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprünglichem Überfall rächten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen führen würde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg über Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. Tatsächlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurück mit den gefangengenommenen Tierherden werden die Männer von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurück und fliehen in Unordnung zurück nach Ur.

Ganz Ur schäumt vor Wut. Jemand erinnert die wütende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stärksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger über Lagasch würden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie würden nicht die Fliegen für Spinnen sein, die nicht in Städten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrängt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wütenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden Späher voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf Rädern; der Lugal kann so seine Stärke für den eigentlichen Kampf aufsparen und die Männer von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurück – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurückgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, Tänze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, Männer und Frauen bringen den Geistern und Mächten, die diesen Sieg möglich machten, großzügige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurück. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr für Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hätten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den Kanälen geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafür lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die Jäger und Reisenden aus Ur zu bedrängen. Aber die Nachrichten ihrer Überfälle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal führt häufige Expeditionen gegen die unverständlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine Einwände mehr gegen diese Expeditionen und beschränken sich umsichtigerweise auf visionäre und philosophische Aktivitäten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die Kanäle jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen früherer Expeditionen für Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die Häuser alter Männer und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und beständigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die für die Nährung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsächliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort für König, Herrscher, Kaiser oder Präsident besitzt, besitzt sie auch kein Wort für Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische Erklärung bereits verworfen. Günstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verändern und seitdem haben sie sich rapide verändert.

Pierre Clastres würde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rückblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her ändert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frühe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebären noch immer nicht als Maschinen für die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen Männer, besonders die älteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. Tatsächlich widmen sie sich ihrer Suche vollständiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hätten. Nun widmen sie all ihre Energie den Tänzen, Festivals und Zeremonien. Sie müssen sich nicht länger mit den Banalitäten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die Banalitäten werden allesamt für sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine Männer den Geistern weitaus großzügigere Geschenke dar, als jemals zuvor hätte gegeben werden können. Die Männer des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine für alle Geister und Mächte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie Gärten angelegt und diese mit all den Kreaturen der Wüste und des Waldes gefüllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die für das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den größten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmütigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner Hochmütigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verärgern, lässt sie sie nun mit einem gewissen Stolz lächeln. Dank ihm können sie sich so vollständig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenüber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen würden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurückzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht länger alle aus Sumerien. Tatsächlich existieren die goldenen Sumerer gemäß einiger späterer wissenschaftlicher Erzählungen überhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die Anhänger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der Entwässerungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen Paläste, die Helden der militärischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand übrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussäen oder einige der Männer, die nicht mehr jagen oder das Vieh hüten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurück zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die Gärten, die die Männer des Lugals anlegen und für die Bewohner*innen des Tempels füllen.

Diese Tempelgärten sind rätselhaft üppig für kleine Städte, die von nichtstädtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu Wäldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlägt, die Welt außerhalb der Städte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfältig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen würde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die Wüste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen Männern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen Städte umgeben, die Szenen der Überfälle und Gegen-Überfälle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

Während die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer Größe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschäftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verständlich für uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht länger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt Generäle und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule für Schriftgelehrte. Und alles läuft wie ein Räderwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrückt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spätere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrückt: Es sind Siege über rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, überstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La Boétie werden sich über Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hält die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltägliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas über den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbünden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder Wünschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gänzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht überrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der Aktivitäten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige Aktivitäten vollständig zum Erliegen kamen, selbst während der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der Aktivitäten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das Räderwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. Für ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis führen nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks überhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darüber nachzugrübeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel späteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht länger im Naturzustand befindet, es nicht länger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

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Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »künstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur geträumt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein künstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser künstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und Räder bewegen, wie das eine Uhr tut) ein künstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht länger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele Räder …?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen künstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, während sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch späteren Dichter Yeats darin übereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betätigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthält, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestürzt werden würde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wäre.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein künstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und Rädern und anderen technologischen Gerätschaften übersät ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und Räder bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsächlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hätten, oder wie er es ausdrücken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hätte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprünglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie überhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die Kanäle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wäre lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kümmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem künstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine Verträge.

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