Stürme der Revolte

[E]s ist nicht die subversive Propaganda, nicht die Bildung einer revolutionären Organisation, die die Revoltierenden auf die Straße treibt. Es ist das Elend, materiell und emotional, dieses Lebens, das wir täglich mit uns schleppen. Wenn dies bereits in der Vergangenheit wahr war, dann stimmt es heute noch viel mehr, da hinter den Hügeln keine Sonne der Zukunft mehr zu erahnen ist, sondern vielmehr die Nacht des urweltlichen Chaos. Angesichts dieser Dunkelheit verschließen sich die Militanten weiterhin im eigenen Kloster, aus Angst, mit dem gewöhnlichen Gesindel verwechselt zu werden, während sich die Intellektuellen weiterhin die Frage stellen über die Krise der Repräsentanz. Doch es gibt nichts zu verurteilen oder zu verherrlichen in den modernen Revolten, diese Revolten, die unsere gewöhnlichen Orientierungskompasse außer Funktion setzen. Es gibt alles zu konfrontieren. […] Am Horizont zeichnet sich ein schwarzer Himmel ab, der nur heftige Stürme verspricht.Senken wir die Segel und werfen wir die Anker aus, entschlossen, stehen zu bleiben, weil die Gefahr, einen Schiffbruch zu erleiden, zu groß ist, oder stärken wir unser Boot so gut wie möglich und lösen wir die Taue?

Aus „Das Unvorhergesehene. Vom Zentrum zur Peripherie“. Hourriya Nr. 3.

Spanien Nach der Verhaftung des stalinistischen Rappers Pablo Hasél wegen Beleidigung des Königshauses und Verherrlichung von Gewalt am 15. Februar kommt es bereits seit zwei Wochen in verschiedenen Städten in Spanien, insbesondere in Pablos Heimatstadt Barcelona zu Demonstrationen und Ausschreitungen. So wurde etwa in Barcelona unter anderem eine Copkarre abgefackelt. Dabei sympathisieren die Menschen nicht unbedingt mit den Ansichten des Rappers, sein Fall ist wohl nur – wie so oft – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So ist eine zentrale Forderung vieler Teilnehmer der Demonstrationen das Recht auf freie Meinungsäußerung. In den Medien wird dennoch über das Ausmaß der Wut und die Motivationen der Randalierer gerätselt. Dass die Wut über die Verhaftung von Pablo Hasél hinausgeht, ist wohl offensichtlich. Wie unerklärlich aber ist eine Wut, während wir in einem Freiluftgefängnis leben, einem Staat und dem Kapitalismus unterworfen sind und jegliche Lebensgrundlage immer weiter zerstört wird?

Chile Infolge der Ermordung einer Person durch die Cops am hellichten Tag im Stadtzentrum der Kleinstadt Panguipulli – ein Straßenjongleur hatte sich geweigert sich einer Identitätskontrolle unterziehen lassen und wurde daraufhin „in Notwehr“ erschossen – am 5. Februar – eine weitere Ermorderung durch die Cops von vielen in Chile – kommt es zu Ausschreitungen in Panguipulli, die insbesondere das Rathaus und mehrere institutionelle Gebäude in Ruinen zurücklassen. Daraufhin brechen auch in der Hauptstadt Santiago Riots aus, wo die Kommissariate in Maipú und Puente Alto angegriffen worden und in den folgenden Tagen drei Busse des RED-Netzes (ex-Transantiago) in rauchende Skelette verwandelt werden, nachdem man den Chauffeur und die Passagiere aussteigen lassen hat.

Niederlande Am Samstag, den 23. Januar tritt erstmals eine nächtliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 4 Uhr 30 in Kraft. „Doch gewaltbereite Jugendliche halten sich nicht daran und ziehen randalierend durch die Straßen“, berichten die Medien. Samstagnacht kommt es zu den ersten Krawallen, Sonntagnacht kommt es dann in etwa zehn Städten – darunter Amsterdam, Den Haag und Rotterdam – zu schweren Unruhen, ebenso Montagabend. Die Cops sprechen von den schwersten Unruhen seit 40 Jahren. Kurz vor Beginn der Ausgangssperre versammeln sich die Leute im Stadtzentrum und ziehen dann in großen Gruppen plündernd und randalierend durch die Straßen. Feuer werden gelegt, Autos zerstört, Bushaltestellen demoliert und Geschäfte geplündert. Cops werden mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen. In der Stadt Urk wird ein lokales Coronavirus-Testzentrum angezündet.

Tunesien Mitte Januar kommt es über gut zwei Wochen im ganzen Land zu gewaltsamen Ausschreitungen. Die Ausschreitungen beginnen mit dem zehnten Jahrestag der Flucht des tunesischen Herrschers Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar. Trotz Ausgangssperre gehen insbesondere junge Menschen auf die Straßen, errichten Barrikaden, bewerfen die Cops mit Steinen und Molotowcocktails, plündern Geschäfte. Viele der Proteste kommen aus den Arbeitervierteln. Um die 1000 Menschen werden im Laufe dieser Proteste verhaftet. Ein Demonstrant stirbt, nachdem er von einer Tränengasgranate getroffen wurde. In einigen Städten wird das Militär auf die Straßen geschickt, um die Unruhen zu ersticken. In Tunesien haben die Menschen mit einer durch die Corona-Krise noch verschärften Wirtschaftskrise, mit Korruption und einer hohen Armut zu kämpfen und das Misstrauen gegen die herrschende Elite und die etablierten Parteien ist weit verbreitet.

Brüssel, Belgien Am 9. Januar stirbt ein 23-jähriger schwarzer Mann in Polizeigewahrsam infolge einer Corona-Kontrolle. Bei Protesten vor der entsprechenden Polizeistation am 13. Januar eskalieren diese. Die Polizeistation wird angezündet, Copkarren werden beschädigt, Cops mit Steinen beworfen, Mülleimer angezündet und Straßenbarrikaden errichtet. Mehr als hundert Menschen werden vorläufig verhaftet.