Wilde Medizin

Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen künstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n Aussätzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre Kuriosität, als ich ihnen erzählte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fühlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wäre, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hält. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfühlt, als gäbe es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmütigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, Wasserläufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumüllt. Sie verfüttert gesundheitsschädliche getötete Tierkörper an stationäre Herzpatient*innen, die später weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wählerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fühle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung über Autounfälle, Wohnungsbrände, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. Während die präzivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefährlichen Risiken bereithielt, verblassen die frühen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende Bedürfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an täglicher Fürsorge für Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt für mindestens eine Dekade Fürsorge, um mit einem verkümmerten Arm, einem beschädigten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu überleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kümmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

Frühe Menschen kümmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen Bedürfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El Sidrón-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine beständige Ernährung aus Pappeln zu sich nahm, die das natürliche Schmerzmittel Salicylsäure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. Frühere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primäre Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet über primitive Weisheit. Gesundheits-Animalität wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurück in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. Während fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst früherer Zeiten besonders für Kinder übertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids für alle wert? Ich habe das Gefühl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die Rückgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

 


Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.