Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 1

Against His-story, Against Leviathan! von Fredy Perlman aus dem Jahr 1983 ist ein recht einflussreiches Buch für die (Weiter-)Entwicklung spezifisch antizivilisatorischer Positionen im Anarchismus gewesen. Eine deutsche Übersetzung des Werkes suchte man jedoch bislang vergebens.

Umso mehr freuen wir uns, dass wir nun die Möglichkeit haben, im Zündlumpen einen Vorabdruck einer gerade entstehenden deutschen Übersetzung zu veröffentlichen. In dieser und den kommenden Ausgaben werden wir dieses Werk in einer vorläufigen deutschen Fassung kapitelweise abdrucken, bevor das Ganze dann wohl irgendwann im nächsten Jahr in Buchform erscheinen wird.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan!

1.

Und hier sind wir, wie auf einer sich verdunkelnden Ebene

weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht,

wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen. (M. Arnold)

Hier kann man weder stehen, noch liegen, noch sitzen

Dort ist nicht einmal Stille in den Bergen

Aber trockener, steriler Donner ohne Regen … (T.S. Eliot)

Die sich verdunkelnde Ebene ist hier. Das ist das Ödland: England, Amerika, Russland, China, Israel, Frankreich …

Und wir sind hier als Opfer, oder als Zuschauer, oder als Täter der Folter, Massaker, Vergiftungen, Manipulationen, Plünderungen.

Hic Rhodus! Dies ist der Ort zum Springen, der Ort zum Tanzen! Das ist die Wildnis! Gab es jemals eine andere? Das ist die Brutalität! Nennst du sie Freiheit? Das ist Barbarei! Der Kampf ums Überleben findet genau hier statt. Haben wir das nicht immer schon gewusst? Ist das nicht ein offenes Geheimnis? War das nicht schon immer das große offene Geheimnis?

Es bleibt ein Geheimnis. Es ist allgemein bekannt und doch unausgesprochen. Öffentlich gibt es die Wildheit anderswo, die Barbarei ist im Ausland, die Wildheit spiegelt sich im Gesicht der*des Anderen wider. Der trockene, sterile Donner ohne Regen, die verworrenen Rufe des Kampfes und der Flucht werden nach außen projiziert in das große Unbekannte, jenseits der Meere und der Gebirge. Wir befinden uns auf der Seite der Engel.

Ein Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen,

Ein Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne,

Bewegt seine langsamen Schenkel … (W.B. Yeasts)

… bewegt seine langsamen Schenkel in Richtung der projizierten Wildheit, in Richtung des Spiegelbilds der Barbarei, in Richtung des brutalen Gesichts, das einer*m aus dem Teich entgegenblickt, seine Bewegung legt den Teich trocken, zerreißt seine Ufer und lässt einen ausgedörrten Krater zurück, wo zuvor das Leben blühte.

In einem wunderbar erhellenden Buch mit dem Titel Jenseits der Geographie, einem Buch das auch über die Geschichte, die Technologie und die Zivilisation hinausweist, lichtet Frederick W. Turner (nicht zu verwechseln mit Frederick Jackson Turner, dem Advokaten der Grenzer) die Vorhänge und flutet die Bühne mit Licht.

Schon vor Turner lichteten andere die Vorhänge; sie waren es, die das Geheimnis zu einem bekannten machten: Tonybee, Drinnon, Jennings, Camatte, Debord, Zerzan – unter den Zeitgenoss*innen, deren Lichter ich mir ausleihe –, Melville, Thoreau, Blake, Rousseau, Montaigne, Las Cases – unter den Vorgänger*innen – Lao Tze aus der Zeit, bis zu der die schriftliche Überlieferung zurückreicht.

Turner borgt sich das Licht der menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation, um über die Geographie hinaus zu blicken. Er sieht mit den Augen der Enteigneten dieser einst wunderschönen Welt, die auf dem Rücken einer Schildkröte ruht, auf diesen Double-Kontinent, dessen Tümpel trockengelegt, dessen Ufer zerrissen und dessen Wälder ausgedörrte Krater wurden, von dem Tag an, an dem er Amerika getauft wurde.

… Ein gewaltiges Bild aus dem Zeitgeist

verdeckt meine Sicht …

Sich auf das Bild konzentrierend, fragt Yeats,

Und welche grobe Bestie, deren Stunde schließlich gekommen ist,

latscht da gen Bethlehem, um geboren zu werden?

Die Vision ist für Turner so klar, wie sie es auch für Yeats war:

Die Dunkelheit breitet sich erneut aus; aber nun weiß ich

Dass zwanzig Jahrhunderte des Tiefschlafs,

durch eine schaukelnde Wiege zum quälenden Albtraum wurden.

Die Seher*innen von damals kehrten zurück, um ihre Visionen mit ihren Gemeinschaften zu teilen, ebenso wie die Frauen ihr Getreide teilten und die Männer ihre Jagdbeute.

Aber es gibt keine Gemeinschaft mehr. Die bloße Erinnerung an die Gemeinschaft ist nur ein verschwommenes Bild des Zeitgeistes.

Der Seher von heute schüttet seine Vision auf Papierblättern aus, an den Ufern ausgedörrter Krater, an denen bewaffnete Schläger Wache stehen und nach dem Passwort fragen: Eindeutiger Beweis. Keine Vision kann durch ihre Tore gelangen. Das einzige Lied, das passieren darf, ist ein Lied so trocken und verwest wie die Fossilien im Sande.

Turner, seines Zeichens nach selbst ein Wächter, ein Professor, hat den Mut eines Bartolomé de Las Casas. Er stürmt die Tore, weigert sich das Passwort zu sagen und er singt, er lärmt, ja er tanzt beinahe.

Die Rüstung fällt. Auch wenn sie nicht nur wie Kleidung oder Masken getragen wird, auch wenn sie an Körper und Gesicht geklebt ist, auch wenn Haut und Fleisch mit ihr weggerissen werden müssen, die Rüstung fällt dennoch.

In letzter Zeit haben viele die Tore gestürmt. Erst kürzlich sang einer, dass das Netz der Fabriken und Minen der Archipel Gulag sei und alle Arbeiter*innen Zeks (namentlich Wehrdienstpflichtige, Gefangene und Arbeits-Gang-Mitglieder). Ein anderer sang, dass die Nazis zwar den Krieg verloren hätten, aber ihre neue Ordnung gesiegt hätte. Die Unruhestifter sind heutzutage zahlreich. Zieht ein Sturm auf? Ist das das Zwielicht einer neuen Dämmerung? Oder ist es das Zwielicht, in dem Minervas Eule sehen kann, weil der Tag vorbei ist?

***

Turner, Tonybee und andere konzentrieren sich auf das Ungeheuer, das die einzige bekannte Heimat lebender Wesen zerstört.

Turner untertitelt sein Buch mit “Der Westliche Geist gegen die Wildnis”. Mit Westlichem Geist meint er die Einstellung oder Haltung, die Seele oder den Geist der westlichen Zivilisation, heute bekannt als Zivilisation.

Turner definiert Wildnis auf dieselbe Art und Weise, wie sie auch der Westliche Geist definiert, nur dass der Begriff für Turner positiv ist, wohingegen er für den Westlichen Geist negativ ist: Wildnis umfasst sämtliche Natur und alle menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation.

In Eine Studie über die Geschichte drückt Arnold Tonybee seinen Enthusiasmus für Geschichte und Zivilisation aus. Nachdem er den Aufstieg und Fall des nationalsozialistischen Dritten Reiches sah und all die Raffiniertheiten, die es mit sich brachte, verlor Tonybee seinen Enthusiasmus. Er drückte diesen Verlust in einem Buch mit dem Titel Menschheit und Mutter Erde aus. Die Vision in diesem Buch ist ähnlich der von Turner: Die Menschheit zerfleischt Mutter Erde.

Tonybees Begriff Menschheit umfasst den Westlichen Geist sowie die menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation und sein Begriff Mutter Erde umfasst alles Leben.

Ich borge mir Tonybees Begriff Mutter Erde. Sie ist die erste Protagonistin. Sie lebt, sie ist das Leben selbst. Sie empfängt und gebärt alles, das wächst. Viele nennen sie Natur. Die Christen nennen sie Wildnis. Tonybees alternativer Name für sie lautet Biosphäre. Sie ist das trockene Land, das Wasser und der Erdboden, die unseren Planeten umhüllen. Sie ist der einzige Lebensraum menschlicher Wesen. Tonybee beschreibt sie als eine dünne, empfindliche Haut, nicht höher als Flugzeuge fliegen können und nicht tiefer als Minen gegraben werden können. Kalkstein, Kohle und Öl sind Teil ihrer Substanz, sie sind Materie, die einst lebte. Sie filtert die Strahlung der Sonne selektiv, auf genau solche Art und Weise, auf die sie verhindert, dass das Leben verbrennt. Tonybee nennt sie einen Auswuchs, einen Heiligenschein oder Rost auf der Oberfläche des Planeten und er spekuliert, dass es keine anderen Biosphären geben könnte.

Tonybee sagt dass die Menschheit, menschliche Wesen, in anderen Worten wir, sehr machtvoll geworden sind, machtvoller als jedes andere lebende Wesen und schließlich machtvoller als die Biosphäre. Die Menschheit besitzt die Macht, die empfindliche Kruste zu zerstören, und sie tut genau das.

Es gibt viele Arten von einer Falle zu sprechen. Sie kann vom Standpunkt der selbst ausgeglichenen Umgebung, vom Standpunkt der*s Fallensteller*in oder des gefangenen Tieres beschrieben werden. Sie kann sogar vom Standpunkt der Falle selbst beschrieben werden, also namentlich vom objektiven, wissenschaftlichen und technologischen Standpunkt.

Es gibt ebenso viele Arten von der Zerstörung der Biosphäre zu sprechen. Vom Standpunkt einer einzelnen Protagonistin, der Erde selbst, kann gesagt werden, dass sie Selbstmord begehe. Mit zwei Protagonistinnen, der Menschheit und Mutter Erde, kann gesagt werden, dass wir sie ermorden. Diejenigen von uns, die diesen Standpunkt akzeptieren und sich vor Scham krümmen, mögen wünschen, dass wir Wale wären. Aber diejenigen von uns, die den Standpunkt des gefangenen Tieres einnehmen, werden Ausschau nach einer dritten Protagonistin halten.

Tonybees Protagonistin, die Menschheit, ist zu unscharf. Sie umfasst die gesamte Zivilisation, sowie alle Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation. Allerdings haben diese Gemeinschaften, wie Tonybee selbst zeigt, mit anderen Lebewesen seit tausenden von Generationen koexistiert, ohne der Biosphäre irgendeinen Schaden zuzufügen. Sie sind nicht die Fallenstellerinnen, sondern die Gefangenen.

Wer ist dann der Zerstörer der Biosphäre? Turner zeigt auf den Westlichen Geist. Das ist der Held, der den Kampf gegen die Wildnis aufnimmt, der zu einem Vernichtungskrieg des Geistes gegen die Natur, der Seele gegen den Körper, der Technologie gegen die Biosphäre, der Zivilisation gegen Mutter Erde und Gottes gegen sie alle aufruft.

Marxist*innen zeigen auf die kapitalistische Produktionsweise, manchmal nur auf die Klasse der Kapitalist*innen. Anarchist*innen zeigen auf den Staat. Camatte zeigt auf das Kapital. Neue Lärmer*innen zeigen auf die Technologie oder die Zivilisation oder beide.

Wenn Tonybees Protagonistin, die Menschheit, zu unscharf ist, sind viele der anderen zu eng gefasst.

Die Marxist*innen sehen nur das Staubkörnchen im Auge des Feindes. Sie ersetzen ihren Bösewicht mit einem Helden, der antikapitalistischen Produktionsweise, der revolutionären Errungenschaft. Sie sind nicht in der Lage zu erkennen, dass ihr Held genau derselbe “Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen und einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” ist. Sie sehen nicht, dass die antikapitalistische Produktionsweise nur danach strebt, ihren Bruder darin zu übertreffen, die Biosphäre zu zerstören.

Anarchist*innen sind so vielfältig wie die Menschheit. Es gibt staatliche und kommerzielle Anarchist*innen, ebenso wie einige käufliche. Einige Anarchist*innen unterscheiden sich von Marxist*innen nur darin, dass sie weniger gut informiert sind. Sie wollen den Staat mit einem Netzwerk von Rechenzentren, Fabriken und Minen, die “von den Arbeiter*innen selbst” oder einer Anarchistischen Union verwaltet werden, ersetzen. Sie würden diese Konstellation nicht einen Staat nennen. Die Namensänderung würde das Ungeheuer bannen.

Camatte, die neuen Lärmer*innen und Turner behandeln die Bösewichte der Marxist*innen und Anarchist*innen als bloße Kennzeichen der wahren Protagonist*innen. Camatte gibt dem Monster einen Körper; er tauft das Monster Kapital, indem er sich den Begriff von Marx leiht, ihm aber eine neue Bedeutung gibt. Er verspricht die Ursprünge und die Entwicklung des Monsters zu beschreiben, aber dieses Versprechen hat er bislang nicht eingelöst. Die neuen Lärmer*innen haben sich das Licht von L. Mumford, J. Ellul und anderen geliehen, aber sind meines Wissens nach nicht weiter gekommen als Camatte.

Turner geht weiter. Sein Ziel ist es, nur des Monsters Geist zu beschreiben, aber er weiß, dass es der Körper des Monsters ist, das die Körper der menschlichen Gemeinschaften und den Körper von Mutter Erde zerstört. Er sagt viel über den Ursprung des Monsters und seine Entwicklung und er spricht oft von seiner Rüstung. Aber es ist jenseits seines Zieles, dem Monster einen Namen zu geben oder seinen Körper zu beschreiben.

Mein Ziel ist es, vom Körper des Monsters zu sprechen. Denn es besitzt einen Körper, einen monströsen Körper, einen Körper der mächtiger geworden ist als die Biosphäre. Es mag ein Körper sein, der selbst keinerlei Leben besitzt. Es mag ein totes Ding sein, ein riesiger Kadaver. Es mag seine langsamen Schenkel nur dann bewegen, wenn lebende Wesen es bewohnen. Dennoch ist es sein Körper, der die Zerstörung verursacht.

Wenn die Biosphäre ein Auswuchs auf der Oberfläche des Planeten ist, so ist das Ungeheuer, das sie zerstört, ebenfalls eine Wucherung. Der Erdzerstörer ist Rost oder ein Heiligenschein auf der Oberfläche einer menschlichen Gemeinschaft. Er ist kein Auswuchs jeder Gemeinschaft oder der Menschheit. Tonybee selbst macht eine kleine Minorität, sehr wenige Gemeinschaften verantwortlich. Möglicherweise war das verweste Ungeheuer über all die Myriaden der Auswuchs nur einer Gemeinschaft.

***

Das verweste Ungeheuer, das von einer menschlichen Gemeinschaft ausgeschieden wird, ist jung, es ist höchstens zwei- oder dreihundert Generationen alt. Bevor ich mich ihm zuwende, werfe ich einen Blick auf menschliche Gemeinschaften, da diese viel älter sind, sie sind tausende Generationen alt.

Uns wird erzählt, dass sogar menschliche Gemeinschaften jung sind, dass es eine Zeit gab, als alles Wasser war, bis eine Bisamratte auf den Meeresgrund tauchte und die Erde auf den Rücken der Schildkröte brachte. So erzählt man uns.

Angeblich waren die ersten Wandelnden, die von den Anstrengungen der Bisamratte profitierten, Giganten oder Götter, die heutzutage Dinosaurier genannt werden.

Moderne Grabräuber*innen haben die Knochen dieser Götter ausgegraben und präsentieren die Knochen in Glasvitrinen des Eindeutigen Beweises. Die Grabräuber*innen nutzen diese Knochenschaukästen, um alle Geschichten außer ihrer eigenen aus der menschlichen Erinnerung zu tilgen. Aber die Geschichten der Grabräuber*innen sind dumpfer als eine Myriade anderer Geschichten und ihre Schaukästen der Knochen werfen bloß Licht auf die Grabräuber*innen selbst.

Die Geschichten sind so verschieden wie ihre Erzähler*innen. In vielen der Geschichten zieht sich die Erinnerung bis hin zu einer Zeit, als sie, die Erinnerung, in einer Großmutter wohnte, die die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen und die Geher*innen als ihre Verwandten kannte, da sie nicht häufiger auf ihren Hinterbeinen lief als sie.

In einem altertümlichen Bericht fiel die erste Großmutter durch ein Loch im Himmel auf die Erde.

In einer modernen Erzählung war sie ein Fisch mit einer Schnauze, die, weil sie spielerisch das Atmen geübt hatte, als sie ihre Schnauze aus dem Wasser streckte, dank dieses Tricks überlebte, als ihr Tümpel austrocknete.

In einer anderen altertümlichen Erzählung verschluckte die Biosphäre mehrere Großmütter, bevor die allgemeine Vorfahrin auftauchte und es wird erwartet, dass die Biosphäre die Urgroßenkel dieser Vorfahrin verschlingen wird. Es könnte sich herausstellen, dass Tonybee falsch lag bezüglich des Machtverhältnisses der beiden Protagonistinnen.

Viele Geschichten handeln von Miniaturversionen von Großeltern, Winzlingen; eine moderne Erzählung nennt sie Spitzhörnchen.

Diese Winzlinge bevölkerten die Erde, als die Giganten, die Dinosaurier, im Tageslicht herumliefen. Kluge Spitzhörnchen kletterten bei Nacht die Bäume herab, um sich an den Insekten gütlich zu tun, nicht weil die Giganten gemein waren, sondern wegen ihres Größenungleichgewichts. Viele der Spitzhörnchen waren mit diesem Arrangement zufrieden und sie blieben Spitzhörnchen. Einige, zweifellos eine kleine Minderheit, wollte bei Tageslicht umherlaufen.

Glücklicherweise für die Umtriebigen waren die Dinosaurier unter den Großmüttern, die von der Biosphäre verschluckt wurden. Die ehemaligen Spitzhörnchen konnten sich an der Sonne wärmen oder im hellen Sonnenlicht tanzen und spielen ohne befürchten zu müssen, zertrampelt zu werden. Eine Minderheit unter diesen wurde erneut unruhig; einige wollten kriechen, andere fliegen. Die selbstgefällige, konservative Mehrheit, die glücklich mit ihren Bedürfnissen war, die von ihren Umgebungen erfüllt wurden, blieben, was sie waren.

***

Die Verwalter*innen der Gulag-Inseln erzählen uns, dass die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen, die Geher*innen und die Flieger*innen ihre Leben damit verbrachten, zu arbeiten, um zu essen.

Diese Verwalter*innen verbreiten ihre Kunde zu früh. Die verschiedenen Wesen sind bislang nicht alle ausgerottet worden. Du, Leser*in, musst dich nur unter sie mischen oder sie aus der Ferne betrachten, um zu sehen, dass ihre aufgeweckten Leben voller Tänze, Spiele und Feste sind. Selbst die Jagd, das Anschleichen und Verstellen und Hervorspringen ist nicht das, was wir Arbeit nennen, sondern das, was wir Spaß nennen. Die einzigen Lebewesen, die arbeiten, sind die Insass*innen der Gulag-Inseln, die Zeks.

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebräuchlich werden. Er erregt die Gemüter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren Mündern tragen. Er macht die Rüstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die Gefügigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit für sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” für die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die Gefügigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

Selbst das allgemeine Wörterbuch hält dieses Geheimnis nur halb versteckt. Es beginnt damit, zu sagen, dass frei Bürger bedeutet! Aber dann sagt es, “Frei: a) nicht von irgendetwas jenseits der eigenen Natur oder des eigenen Wesens bestimmt b) vom Willen der*s Handelnden oder seinen Wünschen bestimmt …”

Das Geheimnis ist gelüftet. Vögel sind frei, bis Menschen sie in Käfige sperren. Die Biosphäre, Mutter Erde selbst, ist frei, wenn sie sich selbst befeuchtet, wenn sie sich in der Sonne räkelt und auf ihrer Haut verschiedenfarbige Haare sprießen lässt, wenn sie vor Kriecher*innen und Flieger*innen nur so wimmelt. Sie wird von nichts außer ihrer eigenen Natur oder ihres Wesens bestimmt, bis eine andere Sphäre gleichen Ausmaßes mit ihr zusammenstößt oder bis ein verwestes Ungeheuer in ihre Haut schneidet und ihr die Eingeweide herausreißt.

Bäume, Fische und Insekten sind frei, wie sie vom Samen bis zur Reife wachsen, jeder sein eigenes Potenzial erkennt und seine Wünsche – bis die Freiheit des Insekts von der des Vogels gestutzt wird. Das gegessene Insekt schenkte seine Freiheit der Freiheit des Vogels. Der Vogel seinerseits fällt und düngt die Saat der Lieblingspflanze des Insekts und steigert die Freiheit der Nachfahren des Insekts.

Der Naturzustand ist eine Gemeinschaft der Freiheiten.

Ein solcher war die Umgebung der ersten menschlichen Gemeinschaften und ein solcher blieb es für tausende von Generationen.

Moderne Anthropologen, die das Gulag in ihren Köpfen umhertragen, reduzieren solche menschlichen Gemeinschaften auf die Handlungen, die am meisten wie Arbeit aussehen und geben Menschen, die ihre liebsten Speisen pflücken und manchmal lagern, den Namen Sammler. Ein Bankangestellter würde solche Gemeinschaften Sparkassen nennen!

Die Zeks einer Kaffeplantage in Guatemala sind Sammler und der Anthropologe ist eine Sparkasse. Ihre freien Vorfahren hatten wichtigere Dinge zu tun.

Die !Kung Leute überlebten wundersamerweise als eine Gemeinschaft freier menschlicher Wesen bis in unsere eigene, vertilgende Zeit. R.E. Leakey beobachtete sie in ihrer üppigen afrikanischen Waldheimat. Sie haben nichts außer sich selbst kultiviert. Sie machten sich selbst zu dem, was sie sein wollten. Sie wurden von nichts außer ihrer eigenen Existenz bestimmt – nicht von Weckern, nicht von Schulden, nicht von Befehlen von Vorgesetzten. Sie schlemmten und feierten und spielten in Vollzeit, außer wenn sie schliefen. Sie teilten alles mit ihren Gemeinschaften: Essen, Erfahrungen, Visionen, Lieder. Große persönliche Zufriedenheit, tiefe innere Freude resultierten aus dem Teilen.

(In der heutigen Welt erleben Wölfe noch immer die Freuden, die vom Teilen kommen. Vielleicht zahlen Regierungen deswegen Abschussprämien an die Mörder von Wölfen.)

S. Diamond beobachtete andere freie menschliche Wesen, die bis in unsere Zeit überlebten, ebenfalls in Afrika. Er sah, dass sie keine Arbeit verrichteten, aber konnte sich nicht dazu durchringen, das auf Englisch zu sagen. Stattdessen sagte er, dass sie keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Spielen machten. Meint Diamond, dass die Aktivität der freien Menschen in einem Moment als Arbeit betrachtet werden kann, und als Spiel im nächsten, abhängig davon wie sich der Anthropologe fühlt? Meint er wir, du und ich, Diamonds gepanzerte Zeitgenoss*innen können ihre Arbeit nicht von ihrem Spiel unterscheiden?

Wenn die !Kung unsere Büros und Fabriken besucht hätten, hätten sie vielleicht gedacht, dass wir spielen. Warum sollten wir sonst dort sein?

Ich denke Diamond wollte etwas Tiefgreifenderes sagen. Ein Zeit-und-Bewegungs-Ingenieur, der einen Bär neben einem Beerenfeld beobachtet, würde nicht wissen, wann er seine Stechkarte stempeln solle. Beginnt der Bär zu arbeiten, wenn er zum Beerenfeld spaziert, wenn er die Beere pflückt, wenn er sein Maul öffnet? Wenn der Ingenieur nur eine Gehirnhälfte hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär keinen Unterschied zwischen Arbeit und Spiel macht. Wenn der Ingenieur Phantasie hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär Freude von dem Moment an erlebt, in dem die Beeren ihre tiefrote Farbe bekommen und dass keine der Bewegungen des Bärs Arbeit sind.

Leaky und andere schlagen vor, dass die allgemeinen Vorfahren der menschlichen Wesen, unsere frühesten Großmütter, aus den üppigen afrikanischen Wäldern irgendwo in der Nähe der Heimat der !Kung stammen. Die konservative Majorität, zutiefst zufrieden mit der üppigen Großzügigkeit der Natur, glücklich mit ihren Errungenschaften und zufrieden mit sich selbst und der Welt, hatte keinen Grund, ihre Heimat zu verlassen. Sie blieben.

Eine unruhige Minderheit ging auf Wanderschaft. Vielleicht folgten sie ihren Träumen. Vielleicht trockneten ihre Lieblingstümpel aus. Vielleicht zogen ihre Lieblingstiere fort. Diese Menschen waren sehr tierlieb; sie kannten die Tiere als ihre Cousinen.

Von den Wanderern wird gesagt, dass sie zu jedem flachen und an einem See gelegenen Waldgebiet in Eurasia gezogen wären. Sie seien zu beinahe jeder Insel gegangen oder geschwommen. Sie wanderten über die Landbrücke beim nördlichen Eisland bis zur südlichsten Spitze des Double-Kontinents, der Amerika genannt werden würde.

Die Wanderer gingen durch heiße und kalte Regionen, in Gebiete mit viel Regen und mit wenig. Vielleicht hatten manche Heimweh, nach der warmen Heimat, die sie verlassen hatten. Falls dem so war, kompensierte die Präsenz ihrer Lieblingstiere, ihrer Cousinen, ihren Verlust. Wir können noch immer die Huldigung, die manche von ihnen diesen Tieren zollten, an Höhlenwänden von Altamire, an Felsen in Abrigo del Sol im Amazonastal sehen.

Einige der Frauen lernten von Vögeln und vom Wind, Samen auszusähen. Einige der Männer lernten von Wölfen und Adlern zu jagen.

Aber keine*r von ihnen arbeitete jemals. Und jede*r weiß das. Die gepanzerten Christen, die diese Gemeinschaften später “entdeckten”, wussten, dass diese Menschen nicht arbeiteten und dieses Wissen erregte die christlichen Gemüter, es wurmte sie, es ließ die Kadaver hervorscheinen. Die Christen sprachen von Frauen, die “gespenstische Tänze” in ihren Feldern aufführten, anstatt sich auf die Arbeit zu beschränken; sie sagten die Jäger*innen vollführten eine Menge teuflischen “Hokuspokus”, bevor sie die Bogensehne spannten.

Diese Christen, frühe Zeit-und-Bewegungs-Ingenieure konnten nicht sagen, wann das Spiel endete und die Arbeit begann. Seit langem vertraut mit der Plackerei als Zeks, wurden die Christen von den gespenstischen und teuflischen Heiden abgestoßen, die vorgaben, dass der Fluch der Arbeit nicht auf ihnen lag. Die Chisten setzten dem “Hokuspokus” und den Tänzen ein schnelles Ende und sorgten dafür, dass niemand mehr daran scheitern würde, den Unterschied zwischen Arbeit und Spiel zu erkennen.

Unsere Vorfahren – ich borge mir Turners Bezeichnung und nenne sie die Besitzenden – hatten wichtigere Dinge zu tun, als um ihr Überleben zu kämpfen. Sie liebten die Natur und die Natur erwiderte ihre Liebe. Wo immer sie auch waren, sie fanden Überfluss, wie Marshall Sahlins in seinem Steinzeitökonomie zeigt. Pierre Clastres La société contre l’état besteht darauf, dass der Kampf ums Überleben unter den Besitzenden nicht belegbar ist; er ist belegbar unter den Enteigneten in den Gruben und an den Rändern der progessiven Industrialisierung. Leslie White kommt nach der überfliegenden Durchsicht von Berichten aus entfernten Orten und Zeiten, einer Sichtung der “Primitiven Kultur als Ganzes”, zu dem Ergebnis, dass “es genug zu essen für ein reichhaltiges Leben gibt, wie es unter den ‘Zivilisierten’ nur selten vorkommt.” Ich würde das Wort Primitiv nicht für Menschen mit einem Reichtum des Lebens gebrauchen. Ich würde das Wort Primitiv nutzen, um mich auf mich selbst und meine Zeitgenoss*innen mit unserer zunehmenden Armut des Lebens zu beziehen.

***

Der größte Teil unserer Armut ist, dass der Reichtum des Lebens der Besitzenden für uns kaum zugänglich ist, selbst für diejenigen von uns, die ihre Phantasie nicht in Ketten gelegt haben.

Unsere Professoren sprechen von Früchten und Nüssen, Tierfellen und Fleisch. Sie zeigen auf unsere Supermärkte, die voll sind von Früchten und Nüssen. Wir haben einen Überfluss, von dem unsere Vorfahren nicht zu träumen gewagt hätten, q.e.d. Dies sind letztlich die wahren Dinge, die Dinge, die von Bedeutung sind. Und wenn wir mehr als Früchte und Nüsse wollen, können wir ins Theater gehen und Stücke ansehen, wir können uns sogar vor dem Fernseher ausstrecken und das gesamte weltweite Spektakel konsumieren. Hallelujah! Was könnten wir mehr wollen?

Dank unserer Professoren haben wir kaum Zugang zu unseren gefährlichen, dämonischen, besitzenden Vorfahren, die dachten, dass Früchte und Nüsse nicht die wahren Dinge wären, sondern Belanglosigkeiten, die sich selbst an Visionen, Mythen und Zeremonien verloren haben. Dank unserer Professoren wissen wir nun, dass Visionen persönliche Wahnvorstellungen sind, Mythen Märchenerzählungen und Zeremonien Schau-spiele, die wir jederzeit in Filmen sehen können.

Wir wissen sogar eine Menge über Besitz. Besitz ist Eigentum. Wir besitzen Häuser und Garagen und Autos und Stereoanlagen und wir streben konstant danach mehr zu besitzen; es gibt keine Grenzen darin, was wir besitzen wollen. Sicher muss man sagen, dass Besitz unser zentrales Ziel ist, nicht ihres.

Die Professoren, die sich, wie Mircea Eliade, selbst von der gepanzerten Vision befreien und hinter die eisernen Vorhänge der Umkehrung und Verzerrung blicken, sind selten. Und selbst Eliade verschleiert, was er sieht, dadurch, dass er behauptet, Analogien und Überbleibsel in unserer Welt zu finden. Die Meerenge, die uns von der anderen Küste trennt, hat sich seit dreihundert Generationen vergrößert und was auch immer von der anderen Küste kannibalisiert wurde, ist nicht länger eine Spur deren Aktivität, sondern eine Absonderung der unseren: Es ist Scheiße.

Von der Schule zu leeren Tafeln reduziert, können wir nicht wissen, wie es wäre, als Erb*in tausender Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung aufzuwachsen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, zu lernen die Pflanzen wachsen zu hören und das Wachstum zu fühlen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, den Samen im Mutterleib zu fühlen und zu lernen den Samen im Mutterleib der Erde zu fühlen, zu fühlen, wie die Erde fühlt, und schließlich sich selbst aufzugeben und die Erde einen besitzen zu lassen, die Erde zu werden, zur ersten Mutter allen Lebens zu werden. Wir sind wahrlich arm. Tausende Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung wurden ausradiert.

Anstatt dass wir uns selbst aufgeben, anstatt dass wir das wenige, was wir von ihren Kräften auskosten können genießen, definieren und kategorisieren wir.

Wir sprechen von Matri-archat. Der Name ist ein schwacher Ersatz für die Erfahrung. Es ist ein Schnäppchen und wir sind immer auf der Suche nach Schnäppchen. Wenn der Name erst einmal an einer Türe steht, kann die Tür geschlossen werden. Und wir wollen, dass die Türen geschlossen bleiben.

Der Name Matri-archat steht an der Türe zu einer Zeit, in der Frauen sich selbst kannten und von Männern gekannt wurden als Empfängerinnen, als die Schöpferinnen des Lebens, als Verkörperungen des ersten Wesens, als erste Wesen.

Den Namen an der Türe zu kennen, bedeutet nichts zu wissen. Wissen beginnt auf der anderen Seite der Schwelle. Selbst der Name an der Tür ist falsch. Matri bezieht sich auf Mutter, aber Archy stammt aus einem ganz anderen Zeitalter. Archy bezieht sich auf Regierung, auf künstliche im Gegensatz zu natürlicher Ordnung, auf eine Ordnung, in der der Archon stets ein Mann ist. An-archy wäre ein besserer Name für die Tür. Das griechische Präfix “an” bedeutet “ohne”.

Auf der anderen Seite der Schwelle kehrt die besitzende Mutter zurück zu ihrem Körper und fährt fort, ihre Erfahrung mit ihrer Sippschaft zu teilen, ebenso wie sie Früchte und Nüsse teilt.

Unsere Lippen werden nach den Früchten und Nüssen gieren. Aber ihre Schwestern, Cousinen, Nichten und Neffen sind hungrig nach der Erfahrung.

Wenn die Mutter ihre Erfahrung teilt, teilt sie auch die tausenden Generationen der Vision, des Verständnisses und der Weisheit, die dazu beitrugen, ihre Erfahrung so bedeutend zu machen, so furchtbar tiefgründig. Sie nutzt keine Kreide auf einer Tafel. Sie schreibt kein Lehrbuch. Sie hüpft. Sie singt. Sie beginnt den “gespenstischen Tanz”, die “Orgie”, die eines Tages die Christen erschrecken wird.

Ihre Cousinen und Nichten tanzen mit ihr. Sie lassen sich gehen, sie verlieren sich selbst in ihren Liedern, ihren Bewegungen. Sie lassen sich selbst vom Geist der Erde besitzen. Sie erfahren ebenfalls die größte vorstellbare Freude.

Die Neffen verlieren sich auch selbst; auch sie werden bessessen, bereichert. Aber wenn die Zeremonie vorbei ist, fühlen sie, dass sie weniger haben, das sie erwarten können, als ihre Schwestern. Sie wissen, dass sie nicht die Schöpfer des Lebens, nicht die ersten Wesen sind. In Der Butt beschreibt Günther Grass lebhaft diesen Minderwertigkeitskomplex dieser Neffen, dieser Männer im Naturzustand. Sie sind Zuchthengste. Sie sind sexuelle Objekte. Sie sind diejenigen, die sich glätten und schmücken, um sich wie Pfauen, Enten und andere Cousins von ihnen für die Frauen attraktiv zu machen.

Die Neffen nehmen phallusförmige Speere und Pfeile mit in den Wald und kehren mit Fleisch in das Dorf zurück. Aber sie wissen, dass Fleisch, auch wenn es nicht so gewöhnlich ist wie Früchte und Nüsse, noch immer bedeutungslos ist, verglichen mit den Trips der Besessenheit und Selbstaufgabe ihrer Tanten, da solche Trips eine von Angesicht zu Angesicht den Ursprüngen des Seins gegenüberstellen.

Auch die Neffen suchen nach Visionen. Auch sie sind Erben von tausend Generationen der Beobachtung und Weisheit. Ihre Onkel sorgten dafür. Sie wissen, dass der Wald nicht das ist, was er für uns geworden ist: Ein Fleischgehege, eine Holzfabrik. Sie wissen um den Wald als ein lebendes Wesen, das vor lebenden Wesen nur so wimmelt. Auch sie, wie ihre Tanten, verlieren sich selbst, lassen sich selbst vom Geist eines Baumes besitzen, eines Ortes, eines Tieres. Wenn sie viel gelernt haben und gut, sehen sie sogar auf, über den Wald. Sie streben nach dem Himmel. Und bei seltenen Gelegenheiten ergreift der Geist des Himmels Besitz von ihnen. Sie fliegen. Sie werden zum Himmel, empfinden all seine Emotionen, spüren all seine Absichten. Sie werden zum Himmel, der sich mit der Erde vereinte und das Leben zur Welt brachte. Ein Mann, der zu seinem Dorf mit solchen Neuigkeiten zurückkehrt, ist mehr und hat viel zu teilen, mehr als bloß Fleisch.

Was für Trips müssen das gewesen sein! Solche tiefgründigen Feiern des Lebens haben kein Gegenstück, keine Analogie in dem, was Turner “die enge, geschlechtslose, anthropozentrische Version dessen, womit die Westliche Zivilisation unbehaglich vertraut geworden ist …”, nennt.

Wie weit uns der Fortschritt gebracht hat, wird deutlich durch einen gewöhnlichen Touristen, der einem Seher begegnet. Der Tourist hört dem alten Mann, der irgendwie von der anderen Seite in unser Zeitalter geschlüpft ist, zu. Der Tourist sitzt zappelnd in einer – wie er es nennt – “Sitzung” und knippst Fotos. Am Ende von all dem macht der Tourist ein Foto, das beweist, dass der Seher nicht geflogen ist, sich nicht einmal von seinem Platz erhoben hat. Und der Tourist geht, glücklich überzeugt davon, dass sie, nicht er, Betrogene und Schwachköpfe sind.

Fotografien zeigen, woran wir am meisten Interesse haben: An der Oberfläche der Dinge. Sie zeigen keine Qualitäten, keine Geister.

Einige der Menschen, die die menschlichen Gemeinschaften verlassen haben, erinnerten sich an einige der Qualitäten. Sie erinnerten sich an einige der Freuden des Besitzes – nicht des Besitzes von Dingen, sondern des Besitzes des Seins.

Sie erinnerten sich – aber nur vage und verschwommen. Umgeben von Dingen verloren sie die Fähigkeit die Qualitäten auszudrücken. Sie wussten, dass die Zeit, die sie verlassen hatten, wertvoller, reiner, schöner war, als alles, was sie seitdem vorgefunden hatten. Aber ihre Sprache war verarmt. Sie konnten von dem, was sie verloren hatten, nur durch den Vergleich mit Dingen ihrer Welt sprechen. Sie nannten das vergessene Zeitalter das Goldene Zeitalter.