Ich bin keine Maschine, ich bin ein Mensch!

Technologie als Vermittlung

mit selbst-gewählten Provokationen von Jerry Mander*

… es stieß mir auf, dass zwischen mir und all dem ein Film war. Ich konnte die spektakuläre Aussicht „sehen“. Ich wusste, dass sie spektakulär war. Aber die Erfahrung endete mit meinen Augen. Ich konnte sie nicht in mir aufnehmen. Ich fühlte nichts. Irgendetwas war mit mir schief gelaufen. Ich erinnere mich an Momente aus meiner Kindheit, als der bloße Anblick des Himmels, des Grases oder der Bäume Wellen physischer Zufriedenheit in mir auslöste. Aber nun … Ich fühlte mich tot. Ich hatte den Drang, eine Phrase, die unter meinen Freunden beliebt war, zu wiederholen: „Die Natur ist langweilig“. Was daran aber erschreckend war, war, dass ich wusste, dass ich das Problem war, nicht die Natur. Die Natur war für mich irrelevant geworden, sie war aus meinem Leben verschwunden. Durch das bloße Fehlen ihrer Einwirkung und der Übung hatte ich die Fähigkeit verloren, sie zu fühlen, mich in ihr zu verlieren oder mich für sie zu interessieren. Das Leben war dafür nun zu schnell geworden …

Ich bin mir ziemlich unsicher, wo Ich (im rein egoistischen Sinne) ende und alles andere beginnt. Das ist irgendwo vage und formlos und, tja, subjektiv. Ich habe nicht vor hier wie ein verdammter Hippie zu klingen, aber während ich nach einem authentischen und unvermitteltem Leben frei (oder zumindest stark reduziert) von (mich von mir, anderen und der Welt um uns herum) entfremdenden Umständen suche, müssen die Ecken und die Essenzen dessen, wer ich bin (und wer ich nicht bin) untersucht werden. Eine Sache, die ich mit ziemlich großer Überzeugung sagen kann, ist, dass ich keine Maschine bin… Ich möchte jenes, mit dem ich intim verbunden bin, nicht auf jene Menschen beschränken, mit denen ich eine formelle Beziehung habe, noch ausschließlich auf Menschen, noch auf jene Tiere, die Wirbel besitzen, noch auf das, was wir typischerweise als „lebendig“ betrachten – wie einige vorgeschlagen haben, „Steine können sprechen“ und deshalb liegt es im Bereich des Möglichen, dass sie auch zuhören, handeln und ihre Gefühle zeigen könnten. Mich erfüllt es mit einem begeisterten Schauer diese Möglichkeiten und Besonderheiten zu erkunden. Wenn es allerdings um „Technologie“ [1] geht oder die Abgestorbenheit des Raumes, den diese kontrolliert (physisch, psychologisch und institutionell), hege ich keinerlei Illusion (noch futuristische orgasmische Erleuchtungen) der Verbindung mit ihr, noch über ihre angenommene gutartige Neutralität (noch Natürlichkeit). Ich werde die technologische Infrastruktur und einige ihrer Segmente benutzen, wo und wann ich das Gefühl habe, dass ich, oder eine kollaborative Bemühung, einen momentanen Nutzen daraus ziehen kann, für einen augenblicklichen oder einen langfristigen Prozess, innerhalb, oder trotz, der allgegenwärtigen und unvermeidbaren technologischen Vorherrschaft und Zersetzung (z. B. einen Computer zu benutzen, um eine Publikation herauszubringen, die Zivilisation kritisiert und Strategien dagegen entwickelt). Letztlich ist es unmöglich die Idee zu verwerfen, dass Technologie ein ungesundes Konglomerat oder System an Werkzeugen ist, das nicht zu meiner Unterstützung oder für meine Gesundheit entwickelt wurde, und das von einer unorganischen und anthropozentrischen Mentalität der Kontrolle, Effizienz und Ordnung kontrolliert wird und davon motiviert ist. Sie ist ein unglaublich machtvolles Netzwerk der Herrschaft, realisiert durch das Konzept des Fortschritts und der Trennung. Technologie hat die Lebensverhältnisse unserer Welt mehr bestimmt als jeder andere einzelne Faktor (Kapitalismus, Rassismus, Staatlichkeit, Theologie, etc.). Sie erschafft wortwörtlich das physikalische, soziale und psychologische Spielfeld, in welchem alle Formen der Herrschaft tätig sind. Sie stellt die Regeln auf und schreibt sie beständig gemäß ihrer eigenen selbstreferenziellen Logik um. Technologie ist die Religion unserer Zeit, und da sie eine unglaublich allumfassende Kontrolle über unseren Verstand, unsere Körper und unseren Geist ausübt, muss sie zerstört werden [2], wenn wir ein unmittelbares und ungezügeltes Leben leben wollen.

Der verheerende Einfluss der Technologie ist umfassend, doch um der Kürze und des Fokusses willen, habe ich mich entschieden nicht bei der ökologischen Verwüstung zu verweilen, die von der Produktion, der Entwicklung, dem Funktionieren und der Aufrechterhaltung der technologischen Gesellschaft verursacht wird, noch bei der Vergiftung, die diese kreiert (jene, die uns auf zellulärer und genetischer Ebene umbringt). Die Auswirkungen in diesem Bereich sind gut dokumentiert und verstanden, und das weitverbreitete Verständnis für diese Faktoren, so extrem relevant sie auch sind, hat (ernüchternderweise) nicht im Mindesten die Flugbahn dieses technologischen Albtraums verändert. Tatsächlich scheinen diejenigen, die ausschließlich im Bereich der „Umweltbelastung“ verweilen, am Besten darin zu sein, lediglich für eine „nachhaltigere“, „grünere“ und „mitfühlende“ Technologie zu argumentieren – einen solarbetriebenen Polizeistaat, der nie die Grundannahmen zivilisierter Beziehungen infrage stellt. Das stärkt nur die technologische Gesellschaft, indem sie ihre Infrastruktur (oder auch nur ihre Fassade) an populäre Trends und Strömungen anpasst und so ihre Existenz ausweitet. Und auch wenn die Aspekte der Produktion in einer technologiegesteuerten Gesellschaft sowie die Manipulation und das Hineinzwingen der Arbeiter*innen in ihre Funktionsweise ein anderer wertvoller Gegenstand sind, den es zu erforschen gilt, ist das Thema riesig, und, wie ich gerne ergänzen möchte, eines, mit dem sich bereits mit mehr Kraft und Unmittelbarkeit befasst wurde als ich anzubieten vermag.

Die Fragen, die ich lieber stellen möchte, haben mehr mit den Auswirkungen und den Effekten der Technologie auf das Persönliche und das Soziale in Bezug auf Entfremdung zu tun, mit technologischer Abhängigkeit und Sucht, mit seelischer und emotionaler Gesundheit, Veränderungen in der Wahrnehmung von Raum und Zeit, Automatisierung, der immer stärkeren Kontrolle der Technologie und dem Weg in Richtung eines kybernetischen Neo-Lebens. Die Widersprüche, mit denen wir konfrontiert sind, sowie kommende mögliche Richtungen zu erkennen, ist von immenser Wichtigkeit für unsere besondere Position als zivilisierte Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die sich nach einer vollkommen anderen, nicht-technokratischen Welt sehnen.

Als Menschen haben wir uns in vollkommen künstliche Umgebungen bewegt, unser direkter Kontakt mit und unser Wissen über den Planeten wurde unterbrochen. Unverbunden, wie Astronauten, die im Weltall schweben, können wir oben von unten nicht unterscheiden oder die Wahrheit von Fiktion. Die Verhältnisse sind der Implantierung arbiträrer Realitäten dienlich.

Entfremdung ist die Methode oder der Zustand, in dem wir von etwas (oder allem) getrennt wurden, mit dem wir einst (oder intrinsisch) verbunden waren. Persönliche und soziale Entfremdung ist dem technologischen Prozess inhärent. Diese Trennung vom Leben ist die primäre Quelle unseres Zustands der Domestizierung, ohne welche es deutlich schwieriger wäre (sogar unmöglich) uns zu manipulieren und zu kontrollieren. Das ist immer schon der Hauptkontrollmodus gewesen. Trenne Menschen von ihrem Land und rekontextualisiere sie mithilfe von Methoden, Prozessen und Techniken, die ihnen nicht vertraut sind; isoliere sie von dem, wer sie sind. Es ist eben weil wir durch die Welt schweben ohne Verbindung zu dem, was wirklich das Leben ausmacht, dass wir an externe Agenden und künstliche Push-und-Pull-Prinzipien gebunden sind und davon gelenkt werden. Technologie ist die primäre Quelle dieser Entfremdung, in jedem Aspekt unseres Lebens. In einem immer expandierenden Prozess ist die Welt so gebaut worden, dass unsere Verbindungen außerhalb der technologischen Weltanschauung begrenzt werden. Welche Aspekte unseres Lebens sind nicht direkt mit dem technologischen Prozess verbunden? Gibt es irgendwelche Arten der „Verbindung“ zwischen Personen, die nicht über technologische Hilfsmittel vermittelt werden?
Auf persönlicher Ebene werden unsere Leben mithilfe von Uhren, Arzneimitteln, Mikrowellenherden, industriell verarbeiteten Lebensmitteln, Fernsehen, weißes Rauschen, Beton, Maschinen, Computern, elektrischem Licht, Klimaanlagen,… entfremdet. Auf sozialer Ebene werden wir einander mithilfe von Telefonen, E-Mail, Popkultur, IPods, Autobahnen, Wohnsiedlungen, Wahlkabinen, Spektakeln,… entfremdet. An diesem Punkt des Verlaufs der Zivilisation ist es für die meisten schwierig eine unmittelbare (und nicht-technologische) Existenz überhaupt zu begreifen; insbesondere da jene, die sich solch eine Realität noch vorstellen können, als Schwurbler und Extremisten verschrieen werden. Innerhalb der Logik dieses technologischen Albtraums allerdings sind jene von uns, die trotz alledem in der Lage sind, sich eine andere Form von Beziehungen vorzustellen, wahrhaft verrückt, und die einzige Antwort darauf muss, laut seiner Weltanschauung, extrem sein. Innerhalb eines anderen Kontextes aber, das einer unzivilisierten Realität, sind wir vernünftig und gewöhnlich. Wir sind Menschen, die sind.

Was wir von dieser Welt sehen, hören, berühren, schmecken, riechen, fühlen und verstehen, wurde für uns verarbeitet. Unsere Erfahrungen mit dieser Welt können nicht mehr länger direkt oder primär genannt werden. Das sind sekundäre, vermittelte Erfahrungen… Wir sind von einer neu gebauten Welt umgeben, von der es schwierig ist zu realisieren, wie frappierend anders als die Welt von vor lediglich hundert Jahren sie eigentlich ist, und die praktisch keine Ähnlichkeit mit der Welt mehr hat, in der Menschen vier Millionen Jahre lang vor all dem gelebt haben… In dem Moment, in dem die natürliche Umgebung jenseits dessen verändert wurde, das man persönlich beobachten konnte, begannen die Definitionen von Wissen selbst sich zu verändern. Nicht mehr länger auf direkter Erfahrung beruhend, begann Wissen von wissenschaftlichen, technologischen, industriellen Beweisen abzuhängen… Heute sagen sie uns, was Natur ist, was wir sind, in welchem Verhältnis wir zum Kosmos stehen, was wir zu unserem Überleben und für unser Glück brauchen, und wie wir am Angemessensten unsere Existenz organisieren… Während wir uns weiterhin von der direkten Erfahrung unseres Planeten trennen, schreitet die Hierarchie der Ideologie der Technowissenschaft voran… Die Frage nach dem natürlichen Gleichgewicht ist nun nachrangig. Evolution wird nicht mehr im Hinblick auf den planetarischen Prozess definiert, sondern im Hinblick auf den technologischen Prozess.

Eine technologische Abhängigkeit und Sucht zu erzwingen ist der Modus Operandi der techno-gesteuerten Gesellschaft, die wir bewohnen. Abhängigkeit ist der Zustand, von etwas anderem als man selbst beeinflusst oder bestimmt zu werden, sich darauf zu verlassen und davon bedingt zu sein. Sucht ist die Auf- oder Übergabe an eine externe Quelle. Innerhalb der technologischen Gesellschaft geben wir uns selbst auf. Wir verkaufen unser Leben für eine losgelöste Realität, für etwas, von dem uns erzählt wird, dass es die besseren Zeiten sind. Sicherheit und Komfort. Neu und verbessert. Das erste gratis. Mit jedem neuartigen Schritt, der uns weiter trägt. Hoch und hoch und weg. Bis wir nicht mehr ohne die vorherigen Schritte leben können. Wir können uns keine Welt ohne sie vorstellen. Wir sind angefixt. An Fortschritt gewöhnt, werden wir coabhängig von Technologie. Wir vertrauen unserer Intuition und unseren Instinkten nicht länger. Unsere persönlichen Beobachtungen werden suspekt, nicht nur gegenüber der Logik des Systems, sondern sogar uns gegenüber, sofern sie nicht von den wissenschaftlichen und technologischen Institutionen bekräftigt werden. Aber was nötigt uns dazu mehr von einem technisierten Leben zu wollen? Welche persönliche Leere treibt dies an? Welcher soziale Druck pusht das? Gibt es eine physische Abhängigkeit? Und, vielleicht am wichtigsten, ist Genesung möglich?

Die wachsende Anzahl an Fällen von psychischer Krankheit heutzutage könnten teilweise durch den Fakt erklärt werden, dass die Welt, die wir real nennen und von der wir von den Leuten erwarten, in dieser zu leben und sie zu verstehen, selbst anfechtbar ist. Die Umgebung, in der wir leben, ist nicht länger mit dem planetarischen Prozess verbunden, der uns alle auf die Welt gebracht hat. Sie ist ausschließlich das Produkt menschlicher mentaler Prozesse… Wir haben keinen Referenzrahmen mehr, der von menschlicher Interpretation unberührt ist.

Die vorherrschende geistige und emotionale Kränklichkeit ist ein klarer Indikator dafür, dass der aktuelle Aufbau an den Menschen versagt. Geistig und emotional starke und lebendige Wesen, die in der Lage sind, tiefe, unabhängige und kollektive Verbindungen mit der Welt aufzubauen, werden von einer mechanistischen, utilitaristischen und materialistisch gesteuerten Welt entmutigt. Wir finden unser Essen in hygienischen Supermärkten, unser Wasser in Flaschen oder gechlort in Rohren aus Kläranlagen, unsere emotionale Unterstützung bei Spezialist_innen mit Diplomen an den Wänden und in Internet-Chatrooms, und unsere sexuelle Befriedigung auf Pornoseiten oder beim Online-Dating (oder gar nicht). Unsere Gefühle werden entweder von überallher sporadisch da und dorthin gezerrt oder zu einem trägen Nichts abgestumpft; während Spiritualität perverserweise in ideologische und dogmatische Institutionen kanalisiert wird anstatt in reale Lebenserfahrung. Die Robustheit und der Reichtum des Lebens wurden durch die Monotonie der kalten Routine und des Rituals ersetzt. In unserem schizophrenen Zustand müssen wir uns zwischen einer Welt, zu der wir keine authentische Verbindung haben, einer Welt, die für uns arbiträr konstruiert zu sein scheint, und einer Welt außerhalb dieser Prozesse, isoliert von der technologischen Gesellschaft, entscheiden. Doch mit unserer domestizierten Logik, der es nicht erlaubt wurde sich auf eine organische und verbundene Art und Weise zu entwickeln, ist das schmerzhaft schwierig, was oft Stimmungsumschwünge verursacht, die von grundloser Euphorie zu tiefer Depression reichen. Verwirrung, Desillusion, Apathie, Isolation und Masochismus sind die Folgen beider Seiten dieses Dilemmas. Wir bleiben voller Schmerz zurück und fragen uns (wenn wir denn in der Lage sind mit unserer Hektik zu brechen oder aus unserem Stumpfsinn zu erwachen), „Was fehlt?“ Welche sozialen Faktoren treiben das an? Was sind die Implikationen? Gibt es Hoffnung außerhalb von Selbsthilfephilosophien und New-Age-Pseudo-Wundermitteln?

Es ist offensichtlich, dass Pflanzen mehr oder weniger auf die gleiche Art lebendig sind wie Menschen und andere Tiere. Unser Versagen Pflanzen als Lebewesen anzusehen und uns selbst als eine Art beschleunigte Pflanze anzuerkennen, ist das Ergebnis unserer begrenzten menschlichen Wahrnehmung, ein Zeichen für die Begrenztheit unserer Sinne oder für den Grad, in dem wir ihr Verkümmern zugelassen haben… Wir haben unser Leben zu sehr beschleunigt, um die langsameren Rhythmen anderer Lebensformen wahrzunehmen. Prätechnologische Völker müssen keinen Verlangsamungsprozess durchmachen. Umgeben von der Natur, mit allem Lebendigen überall um sie herum, entwickeln sie eine automatische Intimität mit der natürlichen Welt… Kein Sinn erhält sich selbst aufrecht, wenn er nicht benutzt wird. Wenn ein Sinn nicht benutzt wird, verkümmert er.

Veränderungen in unserer Wahrnehmung von Raum und Zeit verlagern sich mit der Expansion der technologischen Gesellschaft. Da Zeit lediglich eine abstrakte Einteilung unserer Leben in „brauchbare“ Portionen ist, determiniert der Kontext, von dem aus sie gemessen wird, ihre Charakteristika. Die Zeitlichkeit der Domestizierung ist linear und bewegt sich dabei weg von der zyklischen Zeitlichkeit der Erde und von uns selbst. Rhythmen verändern sich von vielschichtig und auf komplexe Weise kontrastreich und stärkend zu mechanistisch, scharf und singulär. Die technologische Gesellschaft ist in einem konstanten Beschleunigungsmodus, mit dem Impuls aller vorangegangenen Entwicklungen im Rücken. Mit der Kraft dieses Schubs wird es jeden Moment schwieriger langsamer zu werden. Auch wenn es zu Ruhemomenten kommt, sind diese lediglich wie Seifenblasen, nach deren Zerplatzen die genickbrechende Geschwindigkeit der technologischen Infrastruktur fortdauert. Wir sind so sehr an diese konstante Beschleunigung gewöhnt, dass sie sich für uns normal anfühlt. Wir fühlen uns immer mehr mit dem Tempo und der Methodologie der Technologie wohl. Wir fangen an, immer mehr die künstlichen Systeme zu imitieren, die unsere Welt „bewohnen“. Der Computer wird immer mehr ein System, zu dem wir mehr eine Beziehung aufbauen als zu jedem biologischen. Unsere Autos werden unsere Freunde, und unsere Handys eine Verlängerung unserer selbst. Wir fangen an sie als unentbehrlich zu betrachten. Kommunikation ist rund um den Globus in Echtzeit möglich und verzerrt damit alle Beziehungen und bringt unsere Wahrnehmung von belebtem Raum zum Kollabieren. Wir können mit jemandem in Brasilien chatten, den wir nie treffen werden, oder wir können in wenigen Stunden in Japan Sushi essen. Wir erleben Raum nicht nur so wie noch nie zuvor, sondern auch unsere Reise von Ort zu Ort wird zu exobiologischen Punkten, eingezeichnet auf einer Karte, statt eine gelebte erfahrene Verbindung durch die Welt. Unsere Wahrnehmung dieser Veränderungen verwischen immer mehr, da auch unsere Beziehung zur Zeit an Geschwindigkeit zunimmt. Unser Leben tickt immer schneller weg, jedoch scheint nichts schnell genug für uns zu geschehen und es gibt so viele Orte, wo man noch hinwollte. Wir sind zutiefst entwurzelt. Welche Auswirkungen hat diese immer schnellere und schrumpfende Perspektive auf die Welt auf unser Leben und unsere Beziehungen? Wie verwandelt und verdreht sie unsere inneren Rhythmen?

Es würde zu weit gehen, unsere modernen Büros Entzugskammern für sinnliche Erfahrungen zu nennen, aber sie sind sicherlich Kammern zur Reduzierung sinnlicher Erfahrung. Sie mögen keine Gehirnwäsche betreiben, aber die Eliminierung von sinnlichen Stimuli erhöht definitiv den Fokus auf die zu bearbeitende Aufgabe, auf die Arbeit, die erledigt werden muss, darauf, alles andere auszuschließen.

Die Bewegung von der lebensbasierten Zeit der unendlichen Gegenwart hin zu der geplanten Zeit permanenter Zukunft, Automatisierung und Spezialisierung ersetzt Spontaneität und geteilte Erfahrung. Durch Automatisierung tritt Technologie an die Stelle von authentischen Erfahrungen und Beziehungen. Automatisierung kontrolliert und begrenzt durch einen systematischen Apparat oder Prozess und verwandelt so Handlung von einer willentlichen und freien Regung in eine mechanische und unfreiwillige Reaktion. Sie entfernt alles Leben aus der Aktivität. Mit der Expansion der Massengesellschaft generiert die instrumentelle Vernunft noch ausgefeiltere Formen der Arbeitsteilung. Die Standardisierung und Mechanisierung der Welt wird die Norm, während organische Gemeinschaften nach menschlichem Maßstab, die auf Interaktionen von Angesicht zu Angesicht und direkten Beziehungen basieren, verschwinden. Wir werden Zahnräder oder Spezialisten in einer größeren Maschine. Teile müssen sich der Logik des Ganzen unterwerfen. Unser Leben wird eine Serie an Aufgaben, die wir erfüllen müssen. Wir verlieren die Perspektive auf alles, das außerhalb dieser kurzfristigen und systemdefinierten Ziele liegt. Wir fangen an unsere Fähigkeit zu verlieren, uns überhaupt vorstellen zu können, sich der Welt außerhalb dieser Methode anzunähern, wie auch die Fähigkeit selbstständig und unabhängig vom System zu sein. Können wir uns überhaupt nur im Geringsten vorstellen, was wir eventuell in diesem automatisierten Prozess verlieren?

Alles, das mit natürlicher („wilder“) Achtsamkeit in Zusammenhang steht, muss lächerlich gemacht und eliminiert werden, und jede Erfahrung muss innerhalb kontrollierter künstlicher Umgebungen eingegrenzt werden. In einer größeren Gesellschaft ist Technologie ein guter Standardisierer und Einsperrung funktioniert am besten, wenn Technologie bereits fest verankert wurde… Mit der Entwicklung der Technologie hat diese Schritt für Schritt Grenzen zwischen Menschen und ihre Verbindungen zu größeren, nichtmenschlichen Realitäten platziert. Während das Leben immer technologischere Umwicklungen erhalten hat, wurden die menschliche Erfahrung und das Verständnis eingesperrt und verändert… bis die Köpfe der Menschen und ihre Lebensmuster so getrennt sind, dass es keine Möglichkeit mehr gibt Realität und Fantasie zu unterscheiden. An solch einem Punkt angelangt hat man keine Wahl als Führung zu akzeptieren, so willkürlich sie auch sein mag… Autokratie muss überhaupt nicht in Form einer Person auftreten, oder sogar als eine artikulierte Ideologie oder bewusste Verschwörung. Autokratie kann in der Technologie selbst existieren. Technologie kann ihre eigene unterworfene Gesellschaft produzieren.

Die Kontrolle der Technologie über uns hat den Status eines Supergotts erreicht. Es reicht nicht länger sich die Frage zu stellen, „Sollten wir Technologie haben?“, oder ihre positiven oder negativen Eigenschaften zu untersuchen. Sie ist tief in jedem von uns verwurzelt in jedem Aspekt unseres Lebens, von der Geburt bis ins Grab. Und es gibt sogar jene, die sich danach sehnen sich auch nach ihrem Tod dieser Gottheit zu unterwerfen. Wir verbeugen uns, oft unwissend, aber sicherlich mit einer entstellten Erwartung, vor diesem techno-theokratischen Altar. Jede Kreation, jede Lösung, jedes Gefühl, jede soziale Organisation wird mithilfe eines technologischen Prinzips erarbeitet, das sich immer selbst rückkoppelt. So müssen wir nicht überzeugt davon werden „den Glauben nicht zu verlieren“, da das alles ist, das für uns erreichbar ist. Kontrolle ist omnipräsent, sodass rohe Gewalt selten notwendig ist. Für die meisten erscheint Widerstand zwecklos. Können wir überhaupt erkennen, wie tief der Kaninchenbau ist? Und falls wir das können, reicht unsere Wahrnehmung aus, um aus ihm auszubrechen? Ist es möglich ein nicht-technologisches Leben innerhalb dieser Welt zu führen?

Als sie bemerken, dass die Realität und ihre Definitionen inzwischen die Sphäre des Spiels betreten haben und noch zu haben ist, werden sie besser in diesem Spiel als jeder andere, beuten es aus, geben zerrütteten, entwurzelten Köpfen eine neue Form und bestellen einen neuen Acker auf dem mentalen Boden, aus dem unvermeidlich Monster wachsen werden.

Die Entwicklung in Richtung eines kybernetischen Neo-Lebens ist nicht ausschließlich das Verlangen nach Selbsterhaltung und Wachstum durch jene, die die technologische Gesellschaft kontrollieren, sondern auch von ihren Lakaien, die glauben, dass sie Teil des Super-Gotts und der Intelligenz der Technologie sein können. Kybernetik bewegt sich auf eine alles durchdringende Kontrolle (sowohl informationell als auch physisch) über die Realität zu, da sie natürliche Neuroprozesse vollkommen übergeht (sie jedoch künstlich imitiert). Sie wird die Basis für einen Hybrid aus biologischen, mechanischen und virtuellen Systemen. Während wir uns auf eine allumfassende Umweltkrise zubewegen und die Ressourcen, die notwendig sind, um das technologische System am Laufen zu halten, zu schwinden beginnen (oder zumindest weniger effizient und profitabel werden), wird der Wechsel in eine Welt, die weniger durch materielle Elemente eingeschränkt ist (und immer noch von menschlichen Grenzen geplagt ist), die zukünftige Richtung. Mithilfe kybernetischer Forschung, zusammen mit Biotechnologie, wird das Vorantreiben eines kolossalen Sprungs in der Evolution vorgeschlagen, und die meisten machen mit, entweder weil sie davon überzeugt sind, dass das der nächste logische Schritt ist, dass das unvermeidlich ist oder dass es bereits zu spät ist. Wir sind bereits Zeug*innen der einleitenden Phasen und die meisten sind relativ offen gegenüber diesem Prozess. Ist das die letzte Hoffnung der Zivilisation oder ihr Endpunkt? Was sind die Konsequenzen des Ganzen? Warum akzeptieren die Menschen dieses Szenario?

In einer Generation, einer von hunderttausenden in der menschlichen Evolution, ist Amerika die erste Kultur geworden, die [fast vollständig] direkte Erfahrungen der Welt mit sekundären, vermittelten Formen der Erfahrung ersetzt hat. Interpretationen und Repräsentationen der Welt wurden als Erfahrung akzeptiert, und der Unterschied zwischen den beiden war für die meisten von uns nicht mehr erkennbar.

Für jene von uns, die nach einem ent-technifizierten Leben suchen, ist der Widerspruch, gleichzeitig innerhalb der technologischen Gesellschaft und außerhalb von ihr zu leben, fast unvermeidlich. Jenseits dessen, in einer technologisch omnipräsenten Welt in Survival-Manier in den Wald zu rennen (was immer noch einmal das Problem mit sich bringt, unser domestiziertes Ich in diese Situation zu versetzen, und einmal, dass in einer schrumpfenden Welt die Flucht immer weniger möglich wird), müssen wir diese Situation in Einklang bringen, um manövrieren und ihre Zerstörung suchen zu können. Wie Bankräuber*innen, die Kleidung und Haare verändern, Tattoos abdecken, Make-Up tragen und die Funktionsweise und die Sicherheitsvorkehrungen des Finanzinstituts kennen müssen, das sie im Visier haben, so müssen wir eventuell das technologische System mehr beobachten, sachkundig in einigen seiner Operationen werden und zeitweise „hineinpassen“. Da technologische Prozesse und Apparate so verwurzelt in jedem Aspekt unseres Lebens sind, ist es für uns essenziell, diesen Prozessen gegenüber zwar kritisch zu sein, uns jedoch auch dazu zu entscheiden, in welchen wir Fähigkeiten erwerben wollen, um sie für temporäre Ziele zu nutzen. Das kann schmerzhaft sein und kann eine*n möglicherweise auf Abwege führen, etwa zu technologischer Abhängigkeit oder dessen Fetischisierung als negative Möglichkeiten. Auf einer theoretischen und kritischen Ebene gibt es nichts an Technologie, das für die menschliche Erfahrung eine Bereicherung ist. Auf praktischer Ebene hingegen scheint es irgendwo notwendig, mit einem Bein in dieser Welt zu stehen, wenn auch mit extremem Zynismus und Vorsicht, und sicherlich nicht ausschließlich, auf Kosten der authentischen unvermittelten Erfahrung und Praxis. Wir müssen auch darauf vorbereitet sein uns zu fragen, was das bedeutet, was die Konsequenzen dessen sind, diesen Widerspruch zu leben? Und wie er letztendlich zerstört werden kann?

Wenn Leute die Vorstellung vollkommen akzeptieren, dass jede Realität nur in ihren Köpfen existiert, und das nichts außerhalb ihrer Köpfe definitiv und konkret real ist, dann hat jede Person unbegrenzte persönliche Macht, um die Realität zu erschaffen und zu definieren. Sie ist heute noch zu haben. Es gibt keine Ursache. Es gibt keine Wirkung. Beziehungen existieren nicht… In dieser Leugnung der alltäglichen, weltlichen Realität werden alle Realitäten vollkommen arbiträr und kreieren so die perfekte Voraussetzung für das Auferlegen egal welchen „Realitätsgrunds“ innerhalb dieser Leere. Auch wenn es unsinnig oder fantastisch ist; jede Realität ist akzeptabel… Die Realität wird nur innerhalb der Mauern eines geistigen Rahmens willkürlich. Menschen, die in direktem Kontakt mit dem Planeten selbst leben, brauchen sich nicht mit solchen Fragen zu beschäftigen.

Wie können wir anfangen in unserer aktuellen Realität anders zu leben? Wie könnte eine weniger vermittelte, weniger technologie-abhängige Welt für uns im Hier und Jetzt aussehen? Können wir den direkten Kontakt zu unserer Welt wiedererlangen? Bedeutet dies nur Flucht und Isolation? Wie können wir postmoderne Bequemlichkeit vermeiden? Kann es einen Übergang geben? Das sind alles essenzielle Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn wir den Weg einschlagen, diesen technologischen Alptraum, der jede Mikrosekunde schlimmer wird, zu kritisieren, dagegen Widerstand zu leisten und ihn hinter uns zu lassen. Auch wenn einfach „zurückgehen“ keine Möglichkeit ist, denn der Virus ist entfesselt worden und die Techno-Logik ist überall, ist es doch ermutigend, dass Menschen die meiste Zeit auf diesem Planeten in direkter Verbindung mit unserer Welt gelebt haben, ohne die vermittelnden Faktoren von Technologie und instrumentellem Denken. Vielleicht liegen unsere bedeutsamsten Lektionen dort. Trotz der düsteren Aussicht ist unsere Zukunft immer noch ungeschrieben und solange ich immer noch ein Fünkchen Stärke und freien Willen in mir habe, solange ich noch aus Fleisch und Blut bin und immer noch meine Leidenschaften und Träume entdecken und eine Verbindung zu ihnen aufbauen kann, bin ich sicher, dass ich keine Maschine bin, ich bin ein Mensch.

Anmerkungen

[*] Alle oben verwendeten kursiven Zitate stammen aus „Argument One: The Mediation of Experience“, enthalten in Jerry Manders Four Arguments for the Elimination of Television (William Morrow and Company, Inc. 1977). Während das Buch veraltet ist und einige liberale Vorstellungen von demokratischen Prozessen enthält, beschäftigt sich Mander mit der durchdringendsten, beliebtesten und schädlichsten Technologieform seiner Zeit, das Fernsehen, das sehr einfach als der Vorgänger eines noch viel zerstörerischeren und entfremdenderen Aspekts des technologischen Systems betrachtet werden kann, das Internet. Der erste Teil seines Buchs, „Argument One“, ist der beeindruckendste Teil, da er sich wenig mit Fernsehen an sich beschäftigt, sondern sich mit der deutlich umfangreicheren Frage nach den unvermeidbaren Vermittlungsqualitäten der Technologie beschäftigt.

[1] „Technologie“ wird hier in Anführungszeichen verwendet, weil es kein einfaches Wort mit einer einfachen Definition ist, trotz jener, welche sich danach sehnen, diese, auf ihrem eigenen einseitigen Geschichtsverständnis basierend, für alle festzulegen. Selbst im allgemeinen Sprachgebrauch gibt es viele Inkongruenzen. Auch wenn dieser Essay den besonderen Gebrauch der*s Autors*in erhellt, wirkt die Bedeutung immer noch irgendwo formlos und kontextabhängig. In diesem Kontext wird es generall gebraucht, um das komplexe System aus Werkzeugen und Techniken zu beschreiben, die uns von der direkten Erfahrung trennen, sowie die ideologische und institutionelle Logik, die diese Systeme fortführt und aufrechterhält. Sie ist eine Ideologie der Technik, der systematischen Verfahren und der progressiven industriellen Wissenschaft.

[2] Es ist klar, dass „Technologie“ nicht nur in einem physischen Sinne zerstört werden kann, wie du ein Auto oder einen Fernseher zerstören kannst. „Technologie zerstören“ bedeutet alle institutionellen, kulturellen und personellen Manifestierungen des technologischen Systems zu analysieren, zu verstehen, zu kritisieren, aufzugeben und anzugreifen. Das wird kein Zuckerschlecken.

Übersetzt aus dem Englischen: I Am Not A Machine, I Am A Human Being von Mia X. Kursions in Green Anarchy #22, 2006