Eine ausgeglichene Bilanz der Welt: Ein kritischer Blick auf die wissenschaftliche Weltanschauung

Der Ursprung der modernen Wissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert stimmt mit den Ursprüngen des modernen Kapitalismus und des Industriesystems überein. Von Anfang an passten die Weltanschauung und die Methoden der Wissenschaft perfekt mit der Notwendigkeit des kapitalistischen Sozialsystems zusammen, die Natur und die überwältigende Mehrheit der Menschen zu beherrschen. Francis Bacon stellte klar, dass Wissenschaft nicht der Versuch sei die Natur so zu verstehen wie sie ist, sondern sie so zu beherrschen, dass sie für die Zwecke der Menschheit – in diesem Fall sind jene die derzeitigen Herrscher der sozialen Ordnung – verändert werden könne. In diesem Licht muss Wissenschaft notwendigerweise durch jede_n, der die gegenwärtige soziale Realität infrage stellt, einer sozialen Analyse unterworfen werden.

Wissenschaft ist nicht einfach eine Art die Welt zu beobachten, mit ihren Elementen zu experimentieren und daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Ansonsten müssten wir Kinder, sogenannte Primitive und eine große Anzahl an Tieren als exzellente Wissenschaftler_innen anerkennen. Doch den praktischen Experimenten, die von uns allen jeden Tag durchgeführt werden, fehlen einige notwendige Faktoren, von denen der erste und wichtigste das Konzept des Universums als eine einzelne Entität ist, die sich an universelle, rationale, erfahrbare Gesetze hält. Ohne dieses Fundament kann Wissenschaft nicht als solche agieren.

Natürlich kam die Vorstellung von universellen Naturgesetzen bereits im antiken Griechenland auf, ungefähr zur selben Zeit, zu der schriftliche Gesetze zum Regieren der Stadtstaaten und geldbasierter Handel aufkamen. Aber die griechisch-antike Perspektive unterschied sich erheblich von der der modernen Wissenschaft. Die universellen Naturgesetze der griechischen Philosophie waren fundamental relational, parallel zu den politischen und ökonomischen Institutionen der griechisch-antiken Gesellschaft. So tendierte diese Wahrnehmung dazu Mäßigung zu propagieren – Aristoteles‘ „goldener Mittelweg“ – und die Vermeidung von Hybris, Züge, die sehr deutlich nicht ihr Äquivalent in der modernen wissenschaftlichen Perspektive finden.

Zwischen der Zeit der griechisch-antiken Philosophen und dem Beginn der modernen Wissenschaft beeinflussten zwei bedeutende historische Ereignisse die westliche Sicht auf die Welt. Das erste war das Aufkommen des Christentums als der zentrale bestimmende Faktor im westlichen Denken. Diese Weltanschauung ersetze das Konzept vielfacher Gottheiten, die Teil der Welt waren, mit einem Gott außerhalb des Universums, der dieses erschaffen hätte und der es kontrolliere. Zusätzlich erklärte sie, dass die Welt zum Gebrauch von Gottes Lieblingskreatur, dem Menschen, geschaffen worden sei, der diese unterwerfen und beherrschen solle. Das zweite bedeutende Ereignis war die Erfindung der ersten automatischen Maschine, die eine bedeutende Rolle im öffentlichen Sozialleben spielte: der Uhr. Die volle Bedeutung der Erfindung der Uhr in der Entwicklung des Kapitalismus, insbesondere in seiner industrialisierten Form, ist eine Geschichte für sich, aber mein Interesse hier ist spezifischer. Durch die Materialisierung des Konzepts einer nicht-lebendigen Sache, die sich nichtsdestotrotz von selbst bewegen konnte, schuf die Uhr für die Bevölkerung eine verständliche Basis für ein neues Verständnis des Universums. Zusammen mit der Vorstellung eines Schöpfers außerhalb des Universums stellte sie die Basis dafür, die Einsheit des Universums als ein Uhrwerk zu betrachten, das durch den großen Uhrmacher erschaffen worden war. In anderen Worten, sie war essenziell mechanisch.

So legten Religion und eine technologische Entwicklung die Basis für die Entwicklung einer mechanistischen Sicht auf das Universum und damit auf moderne Wissenschaft. Wenn man anerkennt, wie wichtig Religion für die Entwicklung dieses Systems ist, dann sollte es niemanden überraschen, dass die meisten frühen Wissenschaftler Geistliche waren, und dass die Leiden von Galileo und Kopernikus Ausnahmen waren, nützlich, um die Mythologie der Wissenschaft als eine Kraft der Wahrheit zu entwickeln, die den Obskurantismus von Aberglaube und Dogma bekämpft. Tatsächlich arbeiteten die frühen Wissenschaftler:innen im Allgemeinen für die eine oder andere der verschiedenen Staatsmächte als integraler Teil der Machtstrukturen, und folgten demselben Pfad wie einer der Meistbekannten unter ihnen, Francis Bacon, der kein Problem damit hatte, Leute wie Giordano Bruno den kirchlichen Autoritäten zu melden, weil sie ‚ketzerische‘ Ideen verbreiten würden.

Doch die Wissenschaftsskandale, wie die Skandale der Kirche, des Staates oder des Kapitals, sind nicht das wesentliche Problem. Dieses liegt in den ideologischen Fundamenten der Wissenschaft. Im Wesentlichen relationale Sichtweisen auf das Universum – ob das legalistische der antiken Griechen oder die fluideren Sichtweisen der Menschen, die außerhalb der Zivilisation lebten – implizieren, dass ein Verständnis vom Universum daher kommen würde, zu versuchen es so holistisch wie möglich zu betrachten, um die Beziehungen zwischen den Dingen, die Verbindungen und die Interaktionen zu beobachten. Solch ein Sichtweise funktioniert für jene gut, die kein Verlangen haben, das Universum zu beherrschen, sondern lieber lediglich herausfinden wollen, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren können, um ihre Wünsche zu erfüllen und ihr Leben zu erschaffen. Aber der kapitalistische Bedarf an industrieller Entwicklung verlangte eine andere Sichtweise.

Wenn das Universum eine Maschine ist und kein Beziehungsgeflecht von Myriaden an Wesen, dann erlangt niemand durch simple Beobachtung und direkte Experimente ein Verständnis davon. Stattdessen bedarf es einer spezialisierten Form des Experimentierens. Man kann kein Verständnis darüber erlangen, wie eine Maschine funktioniert, indem man sie einfach nur beobachtet, wie sie in ihrer Umgebung funktioniert. Man muss sie in ihre Teile zerlegen – die Zahnräder, die Räder, die Kabel, die Hebel, etc. –, um herauszufinden, welcher Teil was tut. Ein fundamentaler Aspekt der Methode der modernen Wissenschaft ist also die Notwendigkeit, alles in seine Teile zu zerlegen, mit dem Ziel die grundlegendste Einheit zu finden. In diesem Licht versteht man, warum Wissenschaftlerinnen denken, dass es möglich ist mehr über das Leben herauszufinden, indem sie im Labor einen Frosch aufschneiden, als indem sie am Teich sitzen und Frösche und Fische und Mücken und Seerosenblätter dabei beobachten, wie sie tatsächlich zusammenleben. Das Wissen, das Wissenschaft verfolgt, ist quantitatives Wissen, mathematisches Wissen, utilitaristisches Wissen – eine Art von Wissen, das die Welt in die Maschine verwandelt, von der sie behauptet, dass die Welt diese sei. Diese Art von Wissen kann nicht durch freie Beobachtung in der Welt erworben werden. Es braucht die Sphäre des Labors, wo mit Teilen experimentiert werden kann, außerhalb des Kontextes des Ganzen, und innerhalb des Systems der ideologischen Fundamente mathematischer und mechanistischer Weltanschauungen. Nur Teile, die auf diese Art getrennt worden sind, können so wieder zusammengebaut werden, dass sie die Bedürfnisse derjenigen befriedigen, die bestimmen.

Natürlich sind die ersten Teile, die von diesem mechanistischen Ganzen getrennt werden müssen, die Wissenschaftler selbst. Der Faktor, der die Experimente von Tieren, Kindern, unzivilisierten und nicht ausgebildeten Menschen innerhalb der modernen Welt unwissenschaftlich macht, ist unser Mangel an sogenannter Objektivität; wir sind zu sehr Teil, immer noch in intimer Beziehung zu dem, mit dem wir experimentieren. Die Wissenschaftler:in hingegen wurde dazu ausgebildet sich selbst außerhalb dessen zu platzieren, mit dem sie experimentieren will, und die kalte Rationalität der Mathematik zu nutzen. Jedoch unterscheidet sich diese Objektivität tatsächlich nicht von der Trennung des Königs, einer Kaiserin oder eines Diktators von den Menschen, die jene beherrschen. Der Wissenschaftler kann nicht in irgendeinem wortwörtlichen Sinne aus der natürlichen Welt heraustreten, was ihm erlauben würde, diese von außerhalb ihrer Grenzen zu betrachten (für alle praktischen Vorhaben und Zwecke hat dieses Universum keine Grenzen). Eher wie ein Kaiser von den Höhen seines Thrones aus proklamiert die Wissenschaftlerin aus ihrem Labor heraus dem Universum: „Du wirst dich meinen Befehlen unterwerfen.“ Die wissenschaftliche Weltanschauung kann wirklich nur auf diese Art verstanden werden. Die Auffassungen von der Natur des Universums, die von der modernen Wissenschaft hervorgebracht wurden, sind weniger beschreibend als vorschreibend, Erlasse, die proklamieren, in was die natürliche Welt gezwungen wird sich zu verwandeln: mechanische Teile mit regelmäßigen, voraussehbaren Bewegungen, die so zum Funktionieren gebracht werden können, wie es die herrschende Klasse, die die wissenschaftliche Forschung finanziert, wünscht. Es sollte nicht überraschen, dass die Sprache der Wissenschaft die gleiche Sprache ist wie die der Wirtschaft und der Bürokratie, eine leidenschaftslose Sprache ohne konkrete Verbindung zum Leben, die Sprache der Mathematik. Welche bessere Sprache konnte man finden, um das Universum zu beherrschen – eine Sprache, die zur selben Zeit sowohl ganz und gar willkürlich als auch ganz und gar rational ist?

Also entwickelte sich moderne Wissenschaft mit einem spezifischen Zweck. Dieser Zweck war nicht die Suche nach der Wahrheit oder gar Wissen außer im aller utilitaristischsten Sinne, sondern eher die Atomisierung und Rationalisierung der natürlichen Welt, sodass sie in ihre Bestandteile zerlegt werden kann, die dann in neue, regulierte, bemessene Beziehungen gezwungen werden können, die nützlich für die Entwicklung techologischer Systeme sind, die mehr und mehr Bestandteile zur Reproduktion dieser Systeme extrahieren können. Schließlich war es das, was die Herrscher wollten, und sie waren die Förderer (und so finanziell auch die Begründer) der modernen Wissenschaft.

Mit der Mathematisierung aller Dinge verschwindet alles, das einzigartig an einem Ding ist, denn das, was einzigartig ist, steht außerhalb jeder Abstraktion und folglich außerhalb der Mathematik. Wenn das, was einzigartig an Wesen und Dingen ist, verschwindet, verschwindet auch die Basis für leidenschaftliche Beziehungen, für Beziehungen des Verlangens. Wie misst man schließlich Leidenschaft? Wie kalkuliert man Verlangen? Die Vorstellung der instrumentellen Vernunft bietet wenig Raum für irgendeine andere Leidenschaft als diese verformte Art der Gier, die danach aus ist, mehr und mehr der standardisierten, in Waren verwandelten Gegenstände, die auf dem Markt erhältlich sind, zu akkumulieren, ebenso wie das Geld, das sie im striktesten mathematischen Sinne gleich macht.

Die verschiedenen Klassifikationssysteme der Wissenschaft – die Parallelen zu Systemen aufweisen, die von staatlichen Bürokratien verwendet werden – spielten mit Sicherheit eine bedeutende Rolle in dem Prozess, das Einzigartige aus den Gefilden der Wissenschaft zu verbannen. Doch die Wissenschaft nutzt eine andere heimtückischere und irreparable Methode, um das Einzigartige zu zerstören. Sie versucht, alles in seine kleinstmöglichen Komponenten zu zerteilen – erst jene Einheiten, die sich alle Entitäten eines besonderen Typs teilen, und dann jene, die von allen Entitäten, die existieren, geteilt werden –, denn Mathematik kann nur bei homogenen Einheiten angewendet werden, Einheiten, die äquivalent sei können. Wenn frühe Wissenschaftler*innen dazu tendierten häufig mit toten Tieren, Menschen eingeschlossen, zu experimentieren, dann lag das daran, dass im Tod ein Hund oder ein Affe oder ein Mensch ziemlich so ist wie jeder andere. Wenn sie mit aufgeschnittenen Körpern auf einem Brett im Labor aufgepinnt sind, sind Frösche dann nicht alle äquivalent geworden? Doch das nimmt Dinge noch nicht aduäquat auseinander. Sicherlich erlaubten es solche Experimente, ob mit toten Organismen oder mit nicht-organischer Materie, der Wissenschaft, die Welt in Bestandteile zu zerlegen, die sie so gestalten konnte, dass sie in ihre wohlbemessene, kalkulierte, mechanistische Perpektive passten, ein notwendiger Schritt in der Entwicklung industrieller Technologie. Jedoch waren Mathematik und ihre korrespondierende mechanistische Weltanschauung immer noch relativ klar Ideen, die einer unwilligen und widerständigen Welt aufgezwungen wurden – insbesondere (oder vielleicht nur am deutlichsten) der menschlichen Welt, der Welt der Ausgebeuteten, die nicht wollten, dass ihre Leben in Arbeitsstunden abgemessen werden, getimed durch die industriell akkuraten Uhren des Bosses, die Ausgebeuteten, die nicht jeden Tag damit verbringen wollten, die gleiche repetitive Aufgabe zu verrichten, die gleichzeitig auch von hunderten – oder vielleicht tausenden – anderen im selben Gebäude oder in einem, das identisch mit diesem ist, verrichtet wird, um das allgemeine Äquivalent zu verdienen, um das eigene Überleben zu kaufen.

Physik war schon immer die Wissenschaft gewesen, die sich an vorderster Front bemühte, Mathematik zur inhärenten Basis der Realität zu machen. Wenn man dem Mythos Glauben schenken will, brachte der Umstand, dass Newton der Apfel am Kopf traf, ihn angeblich auf die Idee, mathematische Gleichungen aufzustellen, die mathematisch die Anziehung und die Abstoßung von Objekten erklärten. Aus irgendeinem Grund soll uns das davon überzeugen, dass er ein Genie war und nicht etwa ein kleinkarierter, berechnender Geschäftsmann/Wissenschaftler. (Er war Aktionär der berühmten East India Company, die die finanzielle Basis für so viele britische imperialistische Bemühungen gestellt hat und war eine gewisse Zeit Direktor der Bank of England). Aber das Newtonsche Gravitationsgesetz, Galileos Trägheitsgesetz, die Gesetze der Thermodynamik, etc. begegnen einer als mathematische Konstrukte des menschlichen Gehirns, die dem Universum auferlegt werden, so wie auch ihre technologischen Ergebnisse – das industrielle System des Kapitalismus –, diese rationalisierte Weltanschauung, den ausgebeuteten Klassen im Alltag auferlegt wurde.

Davon ausgehend sollte klar sein, dass die wissenschaftliche Methode nie die empirische Methode war. Letztere basierte ausschließlich auf Erfahrung, Beobachtung und Experimenten innerhalb der Welt ohne Vorannahmen, weder mathematische noch sonstige. Die wissenschaftliche Methode auf der anderen Seite beginnt mit der Notwendigkeit dem Universum mathematische, instrumentelle Rationalität aufzuerlegen. Um diese Aufgabe ausführen zu können, mussten, wie ich bereits sagte, spezifische Bestandteile von ihrer Umgebung getrennt und in die sterile Umgebung eines Labors transferiert werden, damit dort dann an ihnen herumexperimentiert werden kann, um herauszufinden, wie sie an diese instrumentelle, mathematische Logik angepasst werden können. Weit entfernt von der sinnlichen Erforschung der Welt, die eine wahrhaft empirische Untersuchung darstellen würde.

Moderne Wissenschaft war nicht in der Lage sich weiterzuentwickeln, weil sie den Weg dahin eröffnet, Wissen zu vergrößern, sondern weil sie darin erfolgreich war, die Aufgabe zu erfüllen, für welche der Staat und die herrschende Klasse sie finanzierte. Moderne Wissenschaft sollte nie dazu dienen, wahres Wissen über diese Welt zur Verfügung zu stellen – das hätte ein Eintauchen in die Welt erfordert, nicht die Trennung davon –, sondern eher dazu eine bestimmte Perspektive auf das Universum aufzuerlegen, die jenes in eine Maschine verwandeln könne, die der herrschenden Klasse nützlich ist. Das industrielle System ist der Beweis für den Erfolg der Wissenschaft, diese Aufgabe zu erfüllen, aber nicht für den Wahrheitsgehalt ihrer Weltanschauung. In diesem Licht können wir die „Fortschritte“ untersuchen, die die „neue Physik“ genannt werden – Relativitätsphysik, Atomphysik und Quantenphysik, denn es ist diese post-Newton’sche Physik, der es gelingt, die mathematische Konzeption des Universums zu solch einem Grad aufzuerlegen, dass beide als eins angesehen werden. In der Newton’schen Physik ist das Universum eine materielle Realität, eine Maschine, die aus verschiedenen Teilen zusammengebaut ist, deren Interaktionen mathematisch „erklärt“ werden können (auch wenn, tatsächlich, nichts wirklich erklärt ist). In der „neuen“ Physik ist das Universum ein mathematisches Konstrukt – bei der Materie einfach Teil der Gleichung ist –, das aus Informationsteilchen besteht. In anderen Worten, die „neue“ Physik hat eine kybernetische Sicht auf das Universum.

Die Relativitätsphysik mathematisiert das Universum auf einer makrokosmischen Ebene. Laut ihrer Theorie ist das Universum ein „Raum-Zeit-Kontinuum“. Aber was bedeutet das? Das „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist tatsächlich ein rein mathematisches Konstrukt, der multidimensionale Graph einer komplexen Gleichung. So ist dieses komplett außerhalb einer empirischen Observation – seltsamerweise wie ein Cyberspace. Oder nicht seltsamerweise, wenn man das Erstere als Vorbild für das Letztere betrachtet. Noch einmal, es ist wenig von Bedeutung, ob dieses Bild des Universums wahr ist. Es funktioniert auf einer technologischen und wirtschaftlichen Ebene, und eine korrekte Summe unter dem Bilanzstrich ist schon immer die einzige Wahrheit gewesen, für die sich die Wissenschaft interessierte.

Die „endgültige Realität“, die dieses „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist – diese „Realität“ jenseits unserer Sinne, von der uns die Expertinnen erzählen, sie sei realer als unsere tägliche Erfahrung (und wer zieht sie noch in Zweifel in dieser entfremdeten Welt?) –, ist aus Informationsteilchen konstruiert, die Quanten genannt werden. Das ist der Mikrokosmos der totalen Mathematisierung des Universums, das Reich der Quantenphysik. Die Quantenphysik ist besonders interessant wegen der Art, auf die sie das Projekt der modernen Wissenschaft offenbart. Quantenphysik soll die Wissenschaft über subatomare Partikel sein. Zuerst gab es davon nur drei: das Proton, das Elektron und das Neutron. Diese erklärten das atomare Gewicht, Elektrizität, etc. und erlaubten die Entwicklung von Nukleartechnologie und moderner Elektronik. Aber zu viele mathematische Diskrepanzen taten sich auf. Die Quantenphysik hat sich dieser Diskrepanzen mit der konsistentesten wissenschaftlichen Methode, die es gibt, angenommen; sie hat neue Gleichungen formuliert, um die Diskrepanzen wegzukalkulieren und hat diese mathematischen Konstrukte neu entdeckte sub-atomare Partikel genannt. Wieder einmal gibt es nichts, das wir mithilfe unserer Sinne beobachten könnten – selbst mithilfe von Werkzeugen wie dem Mikroskop. Wir sind von der Behauptung von Experten abhängig. Aber Expertinnen für was? Offensichtlich sind sie Expert·innen darin, Gleichungen mit Lückenfüllern zu bauen, die die mathematische Konzeption des Universums aufrechterhalten, bis die nächste Diskrepanz aufkommt – und funktioniert so auf eine Weise, die parallel zum Kapitalismus selbst verläuft.

Die Relativitätsphysik und die Quantenphysik werden oft als „reine Wissenschaften“ dargestellt (als ob so etwas jemals existiert hätte), theoretische Erkundungen ohne irgendwelche instrumentalen Überlegungen. Und ohne überhaupt die Rolle dieser Wissenschaftszweige in Betracht zu ziehen, die sie in der Entwicklung von Nuklearwaffen und nuklearer Macht gespielt haben, in der Kybernetik, der Elektronik, und so weiter, wird diese Behauptung auch durch die ideologischen Interessen der Mächte, denen sie dienen, widerlegt. Zusammen präsentieren diese wissenschaftlichen Perspektiven eine Konzeption der Realität, die sich komplett außerhalb der Sphäre empirischer Beobachtung befindet. Die endgültige Realität liegt vollkommen jenseits dessen, was wir durch unsere Sinne erfahren können und existiert komplett innerhalb der Sphäre komplexer mathematischer Gleichungen, die lediglich jene mit Zeit und Bildung – das heißt die Expert_innen – lernen und manipulieren können. Dementsprechend bewirbt die „neue“ Physik – wie die alte, aber mit mehr Nachdruck – die Notwendigkeit, an die Experten zu glauben und ihrem Wort mehr als der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Außerdem wird die Idee beworben, dass die Realität aus Informationsteilchen besteht, die mathematisch verbunden sind und die nach Wunsch von denen manipuliert werden können, die in die Geheimnisse eingeweiht sind, die Zauberer unseres Zeitalters, die Wissenschafts-Techniker.

Relativitäts- und Quantenphysik waren darin erfolgreich das zu tun, wovon jeder Zweig der Wissenschaft träumt; sie haben ihre Wissenssphäre komplett vom Reich der Sinne getrennt. Wenn die Realität lediglich eine komplexe mathematische Gleichung ist, die aus Informationsteilchen besteht, dann sind Gedankenexperimente sicherlich mindestens genauso verlässlich wie Experimente an materiellen Objekten. Es sollte inzwischen offensichtlich sein, dass das von Anfang an ein Ideal der modernen Wissenschaft gewesen ist. Die Trennung der Wissenschaftlerin von der Sphäre des Alltags, das sterile Labor als die Umgebung für Experimente, die eklatante Verachtung der frühen Wissenschaftler·innen für alltägliche Erfahrung und für das, was man allein über die Sinne lernen kann, sind klare Indizien für die Haltung und die Richtung der Wissenschaft. Für Bacon, für Newton, für die moderne Wissenschaft als Ganzes sind die Sinne – wie die natürliche Welt, deren Teil sie sind – auf der Suche nach Herrschaft über das Universum zu überwindende Hindernisse. Mit der Welt auf sinnlicher Ebene zu interagieren könnte sehr wahrscheinlich Leidenschaft erwecken, und die Vernunft der Wissenschaft ist eine kalte, kalkulierende Vernunft, nicht die leidenschaftliche Vernunft des Verlangens. Entsprechend passt die Welt der nicht-materiellen Experimente, die die „neue“ Physik eröffnet hat, gut in die Entwicklung der Wissenschaft.

Während einige versuchten haben, die Konzepte der Relativitäts- und der Quantenphysik als einen Bruch mit der mechanistischen Weltanschauung, die die Wissenschaft jener Zeit hochhielt, zu beschreiben, ist tatsächlich diese „neue“ Sicht auf die Welt als reines mathematisches Konstrukt, das aus Informationsteilchen besteht, exakt das Ziel der Wissenschaft. Sie entwickelte ihre materielle Manifestation in der kybernetischen Technologie. Die industrielle mechanistische Weltanschauung machte der deutlich totalisierenderen kybernetischen mechanistischen Weltanschauung Platz, denn letztere dient den Zwecken der Wissenschaft und ihrer Herr*innen besser als erstere. Die Entwicklung kybernetischer Technologie und insbesondere der virtuellen Realität eröffnete die Möglichkeit des nicht-materiellen Experimentierens für jene Wissenschaftszweige, für welche dieses vorher unmöglich gewesen ist, insbesondere für die Lebens- und die Sozialwissenschaften. Diese Welt liefert nicht nur Möglichkeiten zum Lagern, Organisieren, Kategorisieren und Manipulieren von Werten und Informationen, die während der Experimente und Forschung in der physischen Welt gesammelt werden; sie liefert eine virtuelle Welt, in der man mit virtuellen organischen Wesen und Systemen experimentieren kann, mit virtuellen Gesellschaften und Kulturen. Und wenn das Universum nicht mehr als austauschbare Informationsteilchen ist, die in mathematischer Beziehung zueinander stehen, dann sind solche Experimente auf der gleichen Ebene wie jene, die in der physischen Welt gemacht werden. Tatsächlich sind sie verlässlicher, da die Hindernisse, die durch die Sinne aufkommen und durch die Möglichkeit, eine mitfühlende Beziehung zu jenen zu entwickeln, mit denen der Wissenschaftler experimentiert, keine Rolle spielen. Nicht nötig, sich über den Fakt Sorgen zu machen, dass alles, das mathematisch kalkulierbar und entsprechend programmierbar ist, in der virtuellen Sphäre passieren kann; das zeigt lediglich die unendlichen technologischen Möglichkeiten, die in der Manipulation von Informationsteilchen liegen.

Es lohnt sich festzustellen, dass die DNA lediglich einige wenige Jahre vor dem Beginn dessen, was einige das „Informationszeitalter“ genannt haben, „entdeckt“ wurde. Natürlich hatten Kybernetik und Informationstechnologien schon seit einiger Zeit existiert, doch es war in den frühen 70er Jahren, dass diese Technologien begannen, in ausreichendem Ausmaß in die allgemeine soziale Sphäre einzudringen, so dass sie beeinflussen konnten, wie Leute die Welt sahen. Da wir bereits durch die Anforderungen des industriellen Systems von jeder tiefen, direkten Beziehung zur natürlichen Welt getrennt worden sind, erreicht uns das meiste Wissen über die Welt indirekt. Es ist nicht wirklich überhaupt irgendein Wissen, sondern Informationsteilchen, die wir durch Glauben akzeptieren. Es ist folglich nicht so schwierig, Menschen davon zu überzeugen, dass Wissen tatsächlich nicht mehr ist als eine Anhäufung dieser Teilchen, und dass die Realität einfach die komplexe mathematische Gleichung ist, die sie umschließt. Es ist nur ein kurzer Weg von dem zu der genetischen Perspektive, dass das Leben einfach die Beziehung zwischen Teilchen kodifizierter Informationen ist. Die DNA liefert genau diese austauschbaren Teilchen, die die notwendige Basis dafür sind, und liefert dadurch die Basis für die Digitalisierung des Lebens.

Wie wir gesehen haben, ist Wissenschaft nie lediglich ein Versuch gewesen, das zu beschreiben, das existiert. Stattdessen strebt sie danach, die Realität zu beherrschen und sie den Zwecken derer, die Macht besitzen, anzupassen. Demzufolge hat die Digitalisierung des Lebens und des Universums den ausdrücklichen Zweck, alles auf austauschbare Teilchen herunterzubrechen, die von jenen, die in diesen komplexen Techniken ausgebildet sind, manipuliert und angepasst werden können, um die spezifischen Erfordernisse der herrschenden Ordnung zu erfüllen. In dieser Perspektive gibt es keinen Platz für eine Vorstellung von Individualität, die sich aus dem eigenen Körper, dem eigenen Geist, den eigenen Leidenschaften, den eigenen Wünschen und den eigenen Beziehungen in einem einzigartigen Tanz durch die Welt zusammensetzt. Stattdessen sind wir nicht mehr als eine Serie an anpassbaren Bio-Teilchen. Diese Vorstellung hat eine soziale Basis. Die kapitalistische Entwicklung, insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwandelte Bürger (bereits Teil des Apparates des Nationalstaats) in Produzenten-Konsumenten, austauschbar mit allen anderen, je nach Bedarf der sozialen Maschine. Dank der bereits erfolgten Erschütterung der Integrität des Individuums ist es kein großer Schritt, jedes lebendige Wesen in eine reine Speicherbank für nützliche genetische Teile, in eine Ressource für die Entwicklung der Biotechnologie zu verwandeln.

Nanotechnologie wendet die gleiche Digitalisierung auf anorganische Materie an. Die Chemie und die Atomphysik lieferten die Vorstellung von Materie als ein Konstrukt von Molekülen, die wiederum ein Konstrukt von Atomen sind, die ein Konstrukt von subatomaren Partikeln sind. Das Ziel der Nanotechnologie ist die Konstruktion von mikroskopischen Maschinen auf der Molekularebene, die im Idealfall so programmiert sind, dass sie sich selbst durch die Manipulation von molekularen und atomaren Strukturen vermehren. Wenn man die verarmte Vorstellung des Lebens akzeptiert, die die Genwissenschaft und die Biotechnologie vorantreibt, wären diese Maschinen nachvollziehbarerweise „lebendig“. Wenn man einige der Ziele untersucht, von denen ihre Entwicklerinnen hoffen, dass sie diesen dienen könnten, scheint es, dass sie, wie Genmodifikationen, in der Umwelt auf eine Weise funktionieren, die der von Viren ähnelt. Andererseits erwecken einige der Beschreibungen der selbstvermehrenden Funktion, die in sie hineinprogrammiert werden soll, die furchteinflößende Idee von vom Wind verbreiteten, aktiven Krebszellen.

Die Bio- wie auch die Nanotechnologie können Horrorvision hevorrufen: groß- und kleinformatige Monster, seltsame Krankheiten, totalitäre Genmanipulation, mikroskopische vom Wind verbreitete Spionagegeräte, intelligente Maschinen, die ihren menschlichen Anhang nicht mehr benötigen. Doch dieser potentielle Horror trifft nicht das Herz des Problems. Diese Technologien reflektieren eine Sicht auf die Welt, die trocken gelegt wurde, ohne Staunen, ohne Freude, Verlangen, Leidenschaft und Individualität, eine Sicht auf eine Welt, die in eine Rechenmaschine verwandelt wurde, das Weltbild des Kapitalismus.

Die frühesten modernen Wissenschaftler:innen waren überwiegend devote Christen. Ihr mechanisches Universum war eine Maschine, die von Gott hergestellt worden war, mit einem Zweck jenseits ihrer selbst, bestimmt von Gott. Diese Idee eines höheren Zwecks ist vor langer Zeit aus der wissenschaftlichen Theorie verschwunden. Das kybernetische Universum dient keinem anderen Zweck als sich selbst aufrechzuerhalten, um den Fluss der Informationsteilchen aufrechtzuerhalten. Auf sozialer Ebene, wo es sich auf uns in unserem Leben auswirkt, bedeutet das, dass jedes Indiviuum lediglich ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen sozialen Ordnung ist und wenn nötig angepasst werden kann, um den Informationsfluss aufrechtzuerhalten, der dieser Ordnung erlaubt sich selbst zu reproduzieren, Informationen, die präziser Warenbörse genannt werden können.

Und hier ist die reale Funktion der Wissenschaft enthüllt. Wissenschaft ist der Versuch ein System zu schaffen, das eine Bilanz aller Ressourcen im Universum präsentieren kann, um sie dem Kapital zugänglich zu machen. Deshalb muss sie das Universum in seine kleinsten Teilchen herunterbrechen, Teilchen, die einen ausreichenden Grad an Identität und Austauschbarkeit haben, damit sie als allgemeine Äquivalente dienen können. Deshalb muss sie das Universum dazu zwingen, einem mathematischen Konstrukt zu entsprechen. Deshalb ist letztlich ein kybernetisches Modell das Geeignetste für die Funktionsweise von Wissenschaft. Der reale Zweck der modernen Wissenschaft war es von Beginn an, das Universum in eine riesige Rechenmaschine zu verwandeln, die ihre eigenen Ressourcen bilanziert. Folglich ist die Funktion der Wissenschaft schon immer gewesen, der Wirtschaft zu dienen, und ihre Entwicklung war die Suche nach den effizientesten Mitteln, um dies zu erfüllen. Doch die wissenschaftlichen Buchhalterinnen mit ihren Kalkulationen, Graphen, Grafiken und Geschäftsbüchern sind unaufhörlich mit einer widerspenstigen Realität konfrontiert, die aus Entitäten besteht, die nicht zu Nummern oder Messungen passen, aus Individuen, die sich der Austauschbarkeit widersetzen, aus Phänomenen, die sich nicht wiederholen lassen – in anderen Worten, aus Dingen, die unaufhörlich die Bilanz nicht aufgehen lassen. Wissenschaftler*innen mögen sich in ihre Laboratorien zurückziehen, in ihre Gedankenexperimente, in die virtuelle Realität, aber hinter den Türen, jenseits ihrer Gedanken, jenseits der Sphäre des Cyberspaces, wartet immer noch das nicht Bilanzierbare/Verlässliche. So wird die Wissenschaft, wie die kapitalistische soziale Ordnung, der sie dient, ein System der Verlegenheitslösungen, der beständigen Anpassung angesichts eines Chaoses, das droht die Wirtschaft zu zerstören. Die Welt, die sich die Wissenschaft ausmalt – die, von der sie behauptet, sie sei real, während sie versucht, sie durch qualvolle technologische Sklaverei und Tortur zu erschaffen – ist eine ökonomisierte Welt, und solch eine Welt ist eine trocken gelegte Welt, ohne Staunen, Freude und Leidenschaft, entwässert von allem, das sich nicht messen lässt, von allem, das über sich keine Bilanz erstellen wird.

Folglich ist der Kampf gegen den Kapitalismus der Kampf gegen die moderne Wissenschaft, der Kampf gegen ein System, das danach strebt, die Welt nur in Form von messbaren Ressourcen kennenzulernen, die einen Preis haben, in Form von austauschbaren Teilchen mit einem bestimmten ökonomischen Wert. Für jene von uns, die die Welt leidenschaftlich kennen lernen wollen, mit einem Sinn fürs Staunen, sind andere Formen der Wissensaneignung essenziell, Formen, die nicht auf Herrschaft abzielen, sondern auf Vergnügen und Abenteuer. Dass es möglich ist, das Universum auf andere Weise zu studieren und zu erforschen als auf die der modernen Wissenschaft, wurde oft genug bewiesen, durch die Überlegungen einiger Naturphilosophen im antiken Griechenland, durch das Wissen, das polynesische Seefahrer über das Meer haben, durch die Liedzeilen der australischen Aborigines und durch die besten Entdeckungen einiger Alchemist_innen und Ketzer·innen wie Giordano Bruno. Aber ich interessiere mich nicht für Vorbilder, sondern für das Eröffnen von Möglichkeiten, das Sich öffnen für Beziehungen mit der Welt um uns herum, die maßlos sind – und die Vergangenheit eröffnet nie etwas; bestenfalls zeugt sie davon, dass das, was existiert, nicht unvermeidlich ist. Eine bewusste Revolte jener, die sich nicht mäßigen lassen, könnte eine Welt voller Möglichkeiten eröffnen. Das ist ein Risiko, das sich einzugehen lohnt.

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfi Landstreicher. A Balanced Account of the World: A Critical Look at the Scientific Worldview in Killing King Abacus Anthology.