Ein Leserbrief zu „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ (aus Zündlumpen #074)

Liebe Zündlumpies,

mit Verwunderung habe in euren Text „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ folgendes Zitat gelesen: „[…] dass selbst wenn Covid-19 den Untergang der Menschheit bedeuten würde, ich noch immer die orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung eines Todesvirus der sterilen Langeweile und dem vereinsamten sozialen Massensterben vorziehen würde.“ Ich habe an eurer Kritik und Feindschaft gegenüber der Ausgangssperre und den anderen staatlichen Maßnahmen rein gar nichts auszusetzen, jedoch habe ich mich gefragt, inwiefern ihr denkt, dass Massensterben und Tod irgendein fruchtbarer Boden für ein freiheitliches Leben sind. Ich frage mich, ob die einzige Art und Weise mit einer tödlichen Pandemie anti-autoritär umzugehen und sich im Angesicht dieser zu organisieren diejenige ist, die „freudige Verbreitung eines Todesvirus“ zu betreiben. Ich habe dazu keine Antworten, vor allem da die Möglichkeiten dies auszuprobieren in dieser unterjochten Welt ohnehin sehr begrenzt sind und man wohl nur frei von Herrschaft damit experimentieren kann. Mein Punkt ist vor allem derjenige, dass es mich irritiert, dass ihr einer solchen Perspektive des Massensterbens „freudig“ entgegenzublicken scheint. Wollt ihr den „Untergang der Menschheit“ vorantreiben? Hat ein Massensterben irgendeine revolutionäre Perspektive oder sehnt ihr euch danach von euren Liebsten umringt zu sein und diese krepieren zu sehen? Was ist eure Position zu Ökoterrorismus bzw. -faschismus? Dieses Zitat von euch zeugt entweder von einer generellen Misanthropie oder von Zynismus und Arroganz… ein Boden, welcher nicht besonders fruchtbar ist um soziale Revolten und sozial-revolutionäre Perspektiven zu entwickeln. In meiner Vorstellung von Anarchie ist die Feindschaft und der Angriff gegenüber denjenigen, die mich und andere unterdrücken wollen, stets eng verbunden mit einer Grundeinstellung von Solidarität und Hilfe gegenüber allen unterdrückten Individuen, die sich mir gegenüber ebenso verhalten. Aus dem Antrieb sich von Staat und Kapital befreien zu wollen, diese zu zerstören und dafür so viel Gewalt wie nötig anzuwenden, entspringt ebenso die Idee jegliches unnötige Elend und Leid zu beseitigen und vermeiden… im besten Falle spiegelt sich diese Idee von Solidarität in unseren Beziehungen und Gemeinschaften wider, in der Zärtlichkeit, dem Vertrauen, der gegenseitigen Freude und Freundschaft.