Heile Welt

Und es ist mal wieder so weit. Man darf nur noch vier Menschen treffen. Oder zwei Haushalte. Maskenpflicht nun auch auf der Straße. Nur in der Innenstadt bisher, aber mal schauen für wie lange. Vorher durfte man übrigens nur zehn Leute treffen. Das wusste ich gar nicht. Immerhin ein Trost, denn das bedeutet, dass mich keiner in den letzten Wochen darauf aufmerksam gemacht hat. Doch jetzt ist München „Risikogebiet“. Andere Gefahrenlage. Nicht ganz so wie im März, aber es geht in eine ähnliche Richtung. Meine Reaktion allerdings ist heute anders als damals. Kein Schock mehr, keine Wut, keine Fassungslosigkeit, eher ein müdes Achselzucken, ein leicht amüsiertes Lächeln, eventuell gerade noch ein Kopfschütteln. Maskenpflicht auf offener Straße, ja warum nicht? Ist was Neues, hatten wir noch nicht. Inzwischen bin ich stolze*r Besitzer*in von mehreren Stoffmasken und vielen Papiermasken – lassen sich leicht zocken, denn es gibt sie endlich überall. „Faceshields“, Stoffmasken mit eingebauten Filtern, so seltsame Plexiglasmasken, die nur Mund und Nase bedecken (keine Ahnung wie die heißen), für jeden Geschmack ist was dabei. Einbahnstraßensysteme in Geschäften, Bibliotheken und sonstigen öffentlichen Einrichtungen. Den*die Fahrer*in in Bus und Tram darf man heute endgültig nicht mehr ansprechen, nun wird es einer*m sogar physisch unmöglich gemacht. Und jedes Mal, wenn ich ein Gebäude betrete – ob öffentlich oder nicht –, überkommt mich der Reflex eine Maske aufziehen zu wollen – ehe ich mich besinne und einmal tief und befreit – maskenlos – ein- und ausatme, wenn mir wieder einfällt, dass es mir an jenem Ort (noch) nicht aufgezwungen wird. Inzwischen krieg ich schon Atemnot, wenn ich das Ding auch nur in die Nähe meines Gesichtes bewege und meine Ohren jucken. Auch wenn ich wo ich nur kann vermeide, das Ding zu tragen, trage ich es doch viel zu oft. Ein netter Nebeneffekt: Vermummter Ladendiebstahl, also das behalte ich bei, solange es geht, selbst wenn doch irgendwann einmal – Ende 2021 meinen einige, doch wird das wirklich je wieder geschehen? – die Maskenpflicht in Läden aufgehoben wird. Normalität hat sich eingeschlichen. Masken tragende Menschen fallen mir nicht einmal mehr auf. Vage erinnere ich mich noch an die Zeiten, als ich noch jedes Mal verwundert den Kopf geschüttelt habe, wenn ich eine Person mit Mund-Nasen-Schutz herumlaufen sehen habe (nicht dass ich damals – ja damals, vor gerade einmal einem halben Jahr – wusste, dass man das Ding „Mund-Nasen-Schutz“ nennt, und wie normal ist es heute). Abstand, AHA-Regel, Risikogruppe, Risikogebiet, Infektionsgemeinschaft, Zoom. Hygiene-Hysterie. Fand ich schon immer hart übertrieben, aber wer hätte gedacht, dass das so weit gehen kann und wird? Also ich nicht. Irgendwo ist das alles superwitzig. An manchen Orten sind so viele Pfeile auf dem Boden und an der Wand und so viele Schilder überall, dass man nur noch total verwirrt ist. Die Masken konkurrieren in gegenseitiger Hässlichkeit und die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist in greifbare Nähe gerückt. Bestimmt haben wir bald „smarte“ Masken, die laufend Fieber messen und den Speichel auf Coronaviren testen und die Ergebnisse in Echtzeit an irgendwelche Institute übermitteln. Eine App gibt es ja immerhin schon. Man braucht niemandem etwas zu implantieren, damit er zum Cyborg mutiert.

Plexiglas-Käfige überall und Absperrband, an direkten Kontakt ist man ja gar nicht mehr gewöhnt, so ohne Plexiglas, wie war das eigentlich früher gewesen? Keine Ahnung. Da München jetzt Risikogebiet ist, darf man an viele Orte nicht mehr hinfahren, es sei denn, man legt zwei negative Corona-Tests vor. 14 Tage Quarantäne, Knast quasi, ist alternativ auch ok. „Quarantäne-Verweigerer“ wurden übrigens teilweise zwei Wochen lang von Bullen in Hotels eingesperrt. Totale Entmündigung? Mei, waren wir eigentlich auch schon immer gewöhnt, jetzt ist es nur noch ein bisschen offensichtlicher als sonst. Wenn halt auch die Leute so scheiße unvernünftig sind! Wollen Spaß am Leben haben, wollen leben, nicht nur vegetieren, wo hat man denn so was schon gehört? These unresponsible party people, what the fuck! Da muss man ja zu ihrem Schutz eingreifen, das geht einfach gar nicht. Besser jede*r stirbt vereinsamt in seinem Plexiglas-Käfig an Langeweile und an Zoom-Kaffekränzchen als an Corona. Dass jede Woche etwas anderes gilt, ist auch schon normal. Zum Glück sagen uns die Zeitungen und das Internet, was gerade gilt. Stell dir vor, das Internet wäre kaputt und die Medien niedergebrannt, wie würden wir dann wissen, welches Verhalten gerade von Nöten ist, um dem Virus Einhalt zu gebieten und welche Strafe droht bei Nichteinhaltung? Dann müssten wir selbst denken und handeln und uns mit unserer unmittelbaren Umgebung auseinandersetzen, hinausgehen in diese virusverseuchte Welt! Ein Skandal! Ein schöner Traum, wäre er umsetzbar? – Übrigens: Es gibt auch noch andere Viren, noch viel mehr Viren, wie haben wir es bisher nur geschafft uns in dieser Virenschleuder-Welt masken-, Plexiglas- und schutzlos zu bewegen? Wir waren so verantwortungslos, haben so viele Menschen getötet mit unserem Leichtsinn. Waren jedes Mal, wenn wir jemanden umarmt haben, unsolidarisch. Berührung außerhalb unserer Infektionsgemeinschaft, wie konnten wir das nur tun? Uns dicht gedrängt in einer Menschenmasse aufhalten, wie hat sich das eigentlich noch mal angefühlt? Dass wir nicht ausgerastet sind, weil wir gespürt haben, wie alle möglichen Viren sich sammeln und auf uns einstürmen, um uns zu zerstören. Wie konnten wir nur?

Doch nun leben wir ja glücklicherweise in einer heilen Hygiene-Welt, die so richtig heil wäre, wenn nicht diese verantwortungslosen party people wären! Wer sind eigentlich diese Leute, die positiv auf Corona getestet werden, wie viele von denen machen freiwillig diese fucking Tests, die dann diese Statitisken ermöglichen? Aber wie wir ja schon in der Schule gelernt haben: Glaube nur einer Statistik, die du auch selbst gefälscht hast, vielleicht ist das auch einfach scheißegal. Man sorgt sich ja nur um die Gesundheit aller. Dass auch jemand als krank gilt, der keine Symptome hat, das wundert uns inzwischen auch nicht mehr. Es reicht, dass jemand das Virus hat, dass es in einem drin (kurzzeitig) wohnt, um in die Zahlen aufgenommen zu werden. Wer macht so einen Test, obwohl er gar nichts merkt? Ja ja, die Reiselust, der Arbeitszwang, die Freizeitindustrie, wenn wir Zugang dazu wollen, dann müssen wir uns schon testen lassen. Wie konnten wir das früher übersehen, dass viel mehr Leute eine Krankheit haben als es von außen bemerkbar ist? Immerhin, für einige reicht es auch zu wissen, dass du keine Symptome hast. Wenn du in manche Läden willst, musst du dir nur vorher Fieber messen lassen, musst keine zwei Corona-Tests vorlegen. Das ist schon unverantwortlich, oder? Wir werden erst sicher sein, wenn wir wirklich überall zwei negative Corona-Tests (aktuelle natürlich!) vorlegen müssen. Oh, vielleicht auch erst dann, wenn wir zu niemandem sonst mehr Kontakt haben. Und nicht mehr rausgehen, sondern uns alleine in unserem klinisch desinfizierten Raum aufhalten. Und uns täglich von einer App auschecken lassen. Dauerkontrolle unserer körperlichen Vorgänge. Ist eh dringend nötig, denn wie gesagt, was alle vergessen, es gibt noch mehr Viren als Corona! Und Bakterien! Und Krebs! Und Unfälle! Und…! Und…!

Wie schnell sich alles verändern kann. Früher gab es keine Viren, zumindest nicht so wie heute. Heute spüre ich, wie sie überall auf mich lauern. Die schützende Hand des Staates spüre ich auch so deutlich wie nie zuvor. Wie sie versucht, die Viren von mir fernzuhalten. Aber ich spüre auch, dass dieser Schutz nie vollkommen sein wird. Dass es immer Verantwortungslose geben wird, die – und sollte das Netz der Kontrolle auch noch so dicht werden – immer wieder durch die Maschen schlüpfen werden und machen, was sie wollen. Ich spüre, dass jede Verordnung, und war sie anfangs auch noch so stark, mit der Zeit ihre Wirkung verliert, wie nach anfänglicher Starre alles wieder anfängt sich zu bewegen. Die Drohung von heute gerät morgen in Vergessenheit. Die Maßnahmen werden subtiler. Lokaler. Flexibler. So verwirrend, dass keiner mehr folgen kann und keiner den Überblick behalten. So wie unsere schöne neue Hygiene-Welt zur Normalität geworden ist, so jagen die Drohungen auch nicht mehr denselben Schrecken ein wie vor einem halben Jahr. Denn Leben ist Chaos und Bewegung, nicht Starre und Kontrolle. Maximal vier Leute treffen dürfen, da kann ich nur noch lachen. Vor einem halben Jahr habe ich mich nicht daran gehalten, heute werde ich es auch nicht tun. Und im Gegensatz zu damals beim ersten Lockdown, habe ich es nicht mehr mit etwas absolut Neuem zu tun. Ich habe meine ersten Schritte in dieser neuen Weltordnung bereits getan. Ich habe mich gesammelt. Noch einmal lasse ich mich nicht überrumpeln!