An die Suizidalen

Eine Übersetzung eines offenen Briefes aus dem Jahre der ersten Finanzkrise des 21. Jahrhunderts, 2008, welcher heute – angesichts der nun kontrolliert eingeleiteten „Krise“ inklusive Masseneinsperrung wieder topaktuell ist. Vielleicht aktueller denn je, wird doch die Realität, in welcher wir nun zu Leben gezwungen sind, verständlicherweise noch manchen Lebenswillen ersticken… so lange wir uns noch zwingen lassen.

An die Suizidalen…

Es wird viel über Suizid geredet heutzutage, weil die Zeiten hart sind… Die Restrukturierung des Kapitalismus, Massenentlassungen, die Verbannung der Industrie, die steigenden Kosten von Konsumgütern, Soziale Hilfeleistungen die immer exklusiver werden, etc…. Man könnte glauben dass es der Zusammenbruch des Kapitalismus ist, aber das Kapital verstärkt bloss seine Fundamente ein bisschen mehr mit der Welle der Selbstmorde unter den Angestellten von France Telekom, Peugeot, Renault, der Zunahme von Berufskrankheiten, dem Konsum von Antidepressivas und Psychotropikas um die Ausbeutungspille ein bisschen ringer runterzuwürgen. Man hört sogar hin und wieder, dass Arbeiter in den vier Enden der Welt revoltieren, dass sie oft zu isoliert sind um ihre Kämpfe zur Vollendung zu bringen, dass sie manchmal in einem Meer von Blut ertränkt werden. Wenn viele hartnäckig sind und nicht aufgeben, so resignieren andere, und manchmal, suizidal, machen sie die ultimative Entscheidung.

Wenn wir diese Worte an euch wenden, Männer und Frauen, die von allem angeekelt sind und die ihr von Nichts und Niemandem mehr abgehalten werden könnt von eurem tragischen Schicksal, ist es nicht um euch an eine inexistente Pflicht zu erinnern, angesichts eines Lebens, welches den Aufwand nicht mehr wert ist.

Es mangelt uns nicht an Respekt für eure Entscheidung, weil nur ihr und ihr allein den Schmerz und die Beklemmung ermessen könnt, welche euer Leben verderben. Wer auch immer diesen Schmerz nicht fühlt, diese Beklemmung, wer nie von diesen Dingen berührt wurde, weil sie vom Glück geküsst oder vom Glauben verblendet sind, hat kein Recht eure fatale Entschlossenheit zu rügen.

Wir wollen euch also keine Predigt halten, noch euch davon abhalten, euren Vorsatz umzusetzen. Wir haben nur die Absicht euch um einen Gefallen zu bitten, ein kleiner Gefallen von denen von euch, die entschieden haben diese Welt zu verlassen, aber einer der uns – die wir, für den Moment, entschieden haben zu bleiben – eine immense Freude bereiten würde. Da ihr entschlossen seid, die grosse Reise zu beginnen, könntet ihr, während ihr auf eurem Weg seid, nicht eure Aufmerksamkeit auf einige von den Widrigkeiten richten, welche eure Tage auf dieser Erde so untragbar gemacht haben?

Den letzten Schritt allein machen zu wollen ist verständlich, ist menschlich. Aber ihn mit Begleitung zu machen ist erhaben, göttlich. Ausserdem, was hast du zu fürchten? Für einmal wird niemand kommen um dich zu behelligen, dir die Konsequenzen deiner Geste vorzuwerfen. Um ein Beispiel zu machen könntest du dein Gift erst schlucken, nachdem du es dem Abgeordneten gefüttert hast, welcher es dich über Jahre trinken liess. Willst du dir ein bisschen Kugeln ins Gehirn jagen? Gut, aber nicht bevor du sie in den Kopf des Bankdirektors gejagt hast, welcher dich ruinierte. Wenn du einen Strang um deinen Hals ziehen willst, wieso nicht vorher am Hals des Industriebarons üben, welcher dich entlassen hat? Bevor du ins jenseits gehst könntest du den Bischof überraschen, der dein Gewissen exkommunizierte, indem du ihm ein unmittelbares Treffen mit dem höchsten Meister arrangierst. Und wieso nicht den Bullen, der neben dir auf den Zug oder die U-Bahn wartet, mit unter die Räder nehmen? Es würde ihn endlich seine Unsitte die Freiheit anderer einzusperren verlieren lassen. Fühle dich nicht angegriffen, aber wir haben nie verstanden wieso das Gericht oder die Börse die Vorstellungskraft von verzweifelten Leuten wie dir nicht derart anregen, wie es Schulen in der USA zu tun scheinen: ein Zielschiessen auf Richter, auf Finanzspekulanten, wäre ein berührendes Abschiedsgeschenk für deine Unglücksgefährten.

Kannst du dir vorstellen was passieren würde wenn nur ein Fünftel der kompromisslosen Selbstmörder von jedem Land ihren letzten Atemzug mit dem eines niederträchtigen Machtmenschen vereinigen würden? Zu eurem Verdienst – ihr, die gewöhnlich verunglimpften Selbstmörder – würden wir eine Anhebung des moralischen Bewusstseins erleben; in den höchsten Kreisen würden sie zweimal darüber nachdenken bevor sie andere menschliche Wesen in die Verzweiflung treiben, welche die eure ist.

Vielleicht würden wir Feiglinge, unfähig eine Revolution zu machen, die Kraft finden euer Werk – welches ihr grosszügigerweise begonnen habt – zu einem Ende zu bringen.
Wir bitten euch, wir flehen euch an, um Gnade, ihr grossen Verzweifelten der fünf Kontinente, habt ein letztes Mal ein Herz.
Sterbt nicht alleine und ignoriert, verspottet die Schlussfolgerung einer Existenz die schon jetzt jeder Freude beraubt ist.
Wählt eine institutionelle Grösse und sterbt gemeinsam.
Statt diese Zeitung auf die Strasse zu schmeissen, ersticke einen Wächter damit.

[Übersetzung von zwei leicht unterschiedlichen Texten, einmal: Lettera agli aspiranti suicidi; in: Machete n. 2, aprile 2008; bzw. To the Aspiring Suicides; A tabula rasa (Flyer)]