Alkoholverbot statt Ausgangssperre: Was der Staat aus dem ersten Lockdown gelernt hat

Während ich diesen Text schreibe, versucht sich die Münchner Politik daran, ihre neue Strategie der sozialen Isolation und Kontrolle zu verfeinern. Ein allgemeines Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen ab 23 Uhr, sowie ein Alkoholverkaufsverbot außerhalb der Gastronomie ab 21 Uhr wurden mittlerweile gerichtlich gekippt, mit dem Hinweis, dass es ja genüge, diese Verbote auf sogenannte „Hotspots“ zu beschränken, dass ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen – zeitlich und örtlich beschränkt (auf die Plätze auf denen die Asis abhängen?!) – aber grundsätzlich ja schon rechtens – und angemessen – sei. Und während das Bürgermeisterarschloch und seine Büttel an einer entsprechenden Umsetzung zu arbeiten scheinen, kommen andere Politiker*innenarschlöcher mit Vorschlägen, die neben offensichtlichen Lächerlichkeiten wie „Füllstandsanzeigen für öffentliche Plätze“ (als ob ich eine solche Anzeige bräuchte, um zu beurteilen, ob mir an einem Ort zu viele Menschen sind oder nicht – manchmal frage ich mich ja, ob Politiker*innen wirklich so weltfremd sind oder ob sie sich nicht eher einen Wettkampf liefern, wer den Menschen den dümmsten Vorschlag schmackhaft machen kann) auch bauliche Veränderungen zur „Isolation von Menschengruppen“ beinhalten. Kurz gesagt: Die Politik arbeitet an nichts anderem, als an der subtilen – oder auch weniger subtilen, aber im Vergleich zu Ausgangssperren doch erheblich subtilisierten – und permanenten Umstrukturierung der Gesellschaft mit dem Ziel die Menschen voneinander zu isolieren und die Arten und Weisen, auf die wir miteinander in Kontakt treten noch stärker zu kontrollieren.

Dass das Ganze wenig bis gar nichts mit Corona zu tun hat, brauche ich vermutlich niemandem zu sagen, aber wer daran wirklich zweifelt, die*der kann sich ja mal die Frage stellen, inwiefern es im Sinne eines „Infektionsschutzes“ sei, wenn der Alkoholkonsum im Freien verboten wird, während er in Gaststätten erlaubt ist. Letztlich ist das aber sowieso egal, es verdeutlicht höchstens die Herrschaftsverhältnisse all denjenigen besser, die sich absichtlich oder unabsichtlich dann doch immer wieder in moralischen Erwägungen verirren, die letztlich eben doch immer nur Herrschaft zur Legitimation verhelfen.

Sowieso scheint sich die ganze Debatte um Corona, mit der noch vor wenigen Monaten ein Ausgangs- und Kontaktverbot legitimiert wurde, mittlerweile höchstens noch abstrakt der Legitimation von Einschnitten seitens des Staates zu dienen. Ein auch nur halbwegs kausaler Zusammenhang bleibt mittlerweile so gut wie immer aus. Und obwohl langsam den meisten dämmern dürfte, dass Corona eben nicht die Pest ist, ja zukünftige Datenerhebungen Covid-19 viel wahrscheinlicher als eine kleinere Grippewelle charakterisieren werden, spielen Einschätzungen zur „Gefährlichkeit“ des Virus überraschenderweise gar keine Rolle mehr. Alles was zu zählen scheint ist, dass die Zahl der Infektionen klein bleibt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die momentan verschärfte Einsperrung auf nicht absehbare Zeit anhalten wird und zumindest logisch betrachtet ausschließlich mit der Entwicklung eines Impfstoffs beendet werden kann. Aber wie sollte der Staat auch von irgendetwas anderem sprechen? Als der erste Lockdown durchgesetzt wurde, wurde das schließlich damit begründet, dass die Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht ausreichen würden, wenn sich das Virus stark verbreitet. Abgesehen davon, dass auf vielen eigens eingerichteten Corona-Stationen – eingerichtet auf Kosten der übrigen Krankenhauskapazitäten – vor allem eines fehlte, nämlich die Patient*innen und gleichzeitig Patient*innen mit anderen Gebrechen und Krankheiten als Corona keine Behandlung erhielten, hat sich aber bis heute nichts an den Krankenhauskapazitäten verändert. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Gesundheit der Menschen nun wirklich das Letzte ist, worum es bei all dem Corona-Autoritarismus geht. Und nun, wo das Argument der Intensivbettenkapazität nicht noch einmal genutzt werden kann – zumindest nicht ohne dass es peinlich wird –, um die Menschen zu Hause einzusperren, da vertraut man offenbar darauf, dass bestimmte Narrative, die sich in den letzten Monaten medial eingespielt haben, wie das der steigenden Infektionszahlen, einfach weiterfunktionieren.

Mit all dem will ich keineswegs nahelegen, dass eine Einsperrung aus den „richtigen“ Gründen weniger autoritär wäre, dass es weniger angemessen wäre, gegen eine Einsperrung aus den „richtigen“ Gründen zu revoltieren und dass nicht jede*r, die*der (weiterhin) eine Einsperrung aus den „richtigen“ Gründen fordert, unterstützt, plant oder befürwortet (*hust* Linke *hust*) ebenso eins auf die Fresse verdient hat, wie diejenigen, die uns derzeit scheinbar zum Selbstzweck einsperren (wollen). Nein, wenn ich hier die Logik der Argumente für unsere Einsperrung untersuche, dann nur um zu beweisen, wie idiotisch das Ganze ist, ohne dabei zu verschleiern, dass selbst wenn Covid-19 den Untergang der Menschheit bedeuten würde, ich noch immer die orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung eines Todesvirus der sterilen Langeweile und dem vereinsamten sozialen Massensterben vorziehen würde.

Aber diese Frage stellt sich momentan nicht, denn der Feind ist weder Covid-19, noch irgendein anderer Virus. Der Feind ist weiterhin der Staat und die Zivilisation, der Kapitalismus, die Technologie und das Patriarchat. Der Feind sitzt in den Parlamenten, patroulliert in den Straßen und lauert in der virtuellen Armut des Internets, die mehr denn je danach trachtet, die Realität abzulösen. Und letztlich wittert das gerade jede*r, die*der sich trotz des „reichhaltigen“ Angebots des Internets, trotz Online-Konzerten, Online-Raves und Online-Zusammenkünften unter Freund*innen dennoch hinaus wagt, auf die „gefährliche“ Straße, um die Gesellschaft anderer Menschen zu suchen, um wenigstens für ein Bier der sterilen Langeweile und der emotionalen Armut der modernen Gefägniszelle namens Zuhause zu entfliehen.

Für den Staat ist die Befriedigung dieses Bedürfnisses unterdessen zu einem fast schon subversiven Akt geworden. „Unvernünftig“ sei das, „verantwortungslos“, „egoistisch“, usw. Vielleicht ist es das ja. Egoistisch sowieso, warum sollte es auch meine Sache sein, was der Staat gerne hätte? Verantwortungslos auch, wieso sollte ich Verantwortung übernehmen, mich selbst einzusperren? Und die Unvernunft ist doch ohnehin der beste Ratgeber in einer Welt, in der die „Vernunft“ regiert.

Nachdem noch vor einigen Wochen Verbote die Mittel des Staates waren, die allgemeine Einsperrung durchzusetzen, wurden diese zunehmend durch moralische Parolen und Appelle abgelöst, in der Hoffnung, dass sich die Menschen gegenseitig kontrollieren würden. Nachdem das nun zumindest bei einigen Individuen, die einen Dreck für diese Moral übrig haben, gescheitert ist, sollen Verbote und Zwang es wieder richten. Aber nicht mehr gegen alle, sondern gezielt gegen diejenigen, die ein wenig mehr aus der Reihe tanzen als andere. Und natürlich sind das zuallererst die Armen, sprich diejenigen, die es sich nicht leisten können, sich mit ihren Freund*innen in der Bar zu betrinken, sondern diejenigen, die sich auch bei Regen und Kälte draußen treffen. Meist weniger weil sie das wollen, sondern vielmehr weil das Bier in der Bar einfach zu teuer für sie ist.

Es ist die gleiche Vertreibungspolitik wie eh und je: Wenn alle Zuhause eingesperrt werden sollen, dann müssen diejenigen, denen Zuhause die Decke auf den Kopf fällt oder diejenigen, die soetwas wie ein Zuhause gar nicht besitzen, bekämpft werden, denn sie stören diesen Prozess. Und während der Staat seinen Krieg gegen diese Menschen führt, braucht er seitens derer, die Zuhause genügend Platz haben und die es sich problemlos leisten können, ihre Bewegungsfreiheit um Restaurants, Bars, private Gartenanlagen, Ferienhäuser und Urlaubsreisen zu erweitern, keinen Widerstand zu befürchten, sondern kann sich vielmehr auf allgemeine Zustimmung einstellen, wenn „endlich einmal jemand was gegen diese zwielichtigen Gestalten“, „gegen den Partylärm“ oder „gegen die Schandflecken Münchens“ tut.

Aber all diejenigen, die wissen, dass das Bier nirgendwo so gut schmeckt wie draußen in Gesellschaft anderer, egal ob es regnet, stürmt oder die Sonne scheint und dass das Bier noch viel besser schmeckt, wenn es geklaut wurde, die sind angesichts dieses erneuten staatlichen Angriffs gut beraten, sich nicht ein weiteres Mal wegzuducken und zu warten, bis der Sturm vorrüberzieht.

Und auch wenn das Auftreten der schwer bewaffneten Schlägertrupps, das sich für die kommenden Wochen bereits abzeichnet oft einschüchternd wirken mag, solltest du eines niemals vergessen: Die wirksamste Waffe hältst du bereits seit Jahren in deiner Hand: Eine leere Bierflasche.