Es geht durch

„Ich muss mir unbedingt einen verfickten Rucksack zocken“

Am Vortag habe ich alles gut ausgekundschaftet. Ich habe den Rucksack ausgesucht, den ich mitnehmen will; denjenigen, viel billiger, von dem ich das Etikett nehmen will; die Kameras und ihre toten Winkel; die Fressen der Zivi-Dektektive und die Anzahl der Securities in Uniform.
Ich verstecke das Fahrrad in einer kleinen Straße, 200 Meter entfernt. Man weiß ja nie, falls man rennen muss. Aber kurz bevor ich reingehe, merke ich, dass meine neuen Lederschuhe meine Zehen spalten. Und meine pseudo-eleganten Jeans, die man mir geliehen hat, sind ziemlich eng.
„Man hat mir die Beine eingegipst, verdammt!“
OK, ich sehe zwar seriöser aus als in Jogginghose und Turnschuhen, aber es könnte ziemlich schwierig werden zu rennen. Auch mit Fahrrad. Ein langer Atemzug, dieser lange und langsame, der auf einen Schlag die Lunge und den Magen aufbläht. Die automatischen Türen öffnen sich wie ein Theatervorhang. Licht. Ich lege die ersten Meter entschlossenen Schrittes zurück und spiele den 0815-Konsumenten, kreuze den Blick des Securities am Eingang, grüße und hoffe, dass ich es nicht übertreibe.

„Hallo, ich komme, um dich auszuplündern, fetter Bastard.“

Ich verbringe eine Viertelstunde damit, durch die Gänge zu spazieren, um die Atmosphäre zu spüren, zu überprüfen, dass ich nicht verfolgt werde, mich zu entspannen, tief einzuatmen, noch stärker auszuatmen. Ich setze mein Schauspiel fort, bis die beiden Bausteine, die mir als Treter dienen, mir mit Amputation drohen. Auf in Richtung Gang mit den Wanderrucksäcken. Am Badeeck vorbei und das Gefängnisfeld vermeiden.
Schnell mach ich mich an die Arbeit: ich reiße das Etikett, das an einer Plastikschnur hängt, vom Rucksack für 15 Mäuse ab, mache dann drei Tänzelschritte nach rechts – als wäre ich eine im Decathlon lebende Krabbe –, um mich vor das Objekt meiner Begierde zu platzieren.

„Scheiße, verfickte Scheiße, was sollen alle diese Etiketten, verdammt?“

Am Vortag hatte es nur eins gehabt. Heute ist der Rucksack damit bedeckt: Rabattetikett, Etikett mit Gebrauchsanweisung des Herstellers, angenähtes Etikett mit einem Barcode, Quechua-Sticker, vollkommen durcheinander. Ich verliere keine Zeit und scheiße auf die Feinheiten: ich reiße alle ab und passe dabei auf, meine Hände die ganze Zeit im Regal zu lassen, damit die Kamera nicht checkt, was ich da mache. Ich verstecke das ganze Papier in einem anderen Rucksack und mache mehr schlecht als recht das Etikett für den 15-Euro-Rucksack um einen Gurt. Ich packe ihn und steuere direkt die Kassen an. In der Schlange werfe ich zwei, drei flüchtige Blicke auf den Security am Eingang, um zu schauen, ob er mir zwei, drei flüchtige Blicke zuwirft. Tango-Charlie, negativ.

„Es geht durch, es geht durch, es geht durch…“

Die Kassiererin nimmt den Rucksack, dreht ihn um, dreht ihn nochmal um, betrachtet ihn genauer, dreht ihn wieder um. Sie sucht den Barcode, der angenäht gewesen war, gibt dann auf und scannt letztendlich das Etikett, das ich am Ende des Nylonfadens hinzugefügt habe. Ich atme aus. „Das macht dann 15,99 € bitte.“
Nur noch zehn Meter und ich bin draußen. Ich schaue den Security nicht an, aus Angst, dass er meine Gedanken lesen könnte. Einfach geradeaus gehen, mit einem halb-entschlossenen, halb-dümmlichen Auftreten.

2 Meter.
1,5 Meter.
Ich piepse an den Türmen!
„Wie blöd bin ich. Gottverdammte, verfickte Scheiße!“

– „Guten Tag, mein Herr, kann ich bitte Ihren Kassenzettel sehen?“
– „Natürlich, hier.“
Das Schwein holt sein IPhone raus und gibt die Nummer des Kassenzettels ein. Was treibt er da, verdammt? Ich überlege die Beine in die Hand zu nehmen, aber er versperrt mir den Weg und die Türen sind zu. Ich glotze flüchtig auf seinen Bildschirm, wo – Überraschung der Moderne – das Foto des ersten Rucksacks angezeigt wird, des Rucksacks, bei dem ich das Etikett geklaut habe.

„OK, das war’s, Ende des Spiels. Ich habe nicht die Kohle, um den Rucksack zu bezahlen. Das ist das dritte Mal, dass ich in diesem Laden erwischt werde. Ich bin erledigt, werde Frikassee und Reis aus einem Sodexo-Tablett in einer Zelle der Maison Poulaga [1] fressen müssen.
Nicht schlimm, ich bereite mich vor… und los geht’s.“

Der Security schaut das Foto auf dem Bildschirm an, senkt den Blick und vergleicht es mit dem Rucksack, der zwischen meinen Füßen steht. Er schaut wieder auf seinen Bildschirm, um noch einmal zu vergleichen. Er macht das drei Mal. Das Herz ist in die Schläfen umgezogen; dieses sanfte Empfinden, dass man sie mit mit einem Schlagbohrer zermalmt. Die Sekunden ziehen sich unendlich in die Länge und dieser verdammte Security nimmt sich lange Zeit, wie um ein Fehlersuchbild zu lösen…

Er reicht mir den Kassenzettel.
– „Noch einen schönen Tag, mein Herr.“
– „Ihnen auch einen schönen Tag.“ = „Fick dich, du blöder Wichser.“

WASISTDAPASSIERT?

Tatsächlich hatte der Rucksack nichts mehr, das ein Piepsen hätte verursachen können, es war der Security, der die Türme mit der Fernbedienung, die er in seiner Tasche hatte, zum Piepsen gebracht hat (sie machen das oft, um rechtfertigen zu können, dass sie den Kunden anhalten, den sie verdächtigen). Ich habe Glück gehabt, weil der erste Rucksack, von dem ich den Barcode geklaut hatte, dem anderen, den ich haben wollte und der sich zwischen meinen Beinen befand, als der Security beide verglich, sehr ähnlich sah (Farbe und Form). Auch bemerkenswert: auf seinem IFlop ist das Bild des Produkts wirklich winzig und der Security kann es nicht wirklich detailliert anschauen. Wenn beide Produkte sich sehr ähnlich sehen wie in meinem Fall, ist es schwer für ihn, sie auseinanderzuhalten…

Übersetzt aus dem Französischen, „Ça passe“ aus der Broschüre „La Broschourre – Petit manuel de vol à l’étalage“

Anmerkungen der Übersetzung

[1] „Maison Poulaga“ ist eine kleine französische Fast-Food-Restaurant-Kette für Hähnchengerichte, die ihr Corporate Design an das der Bullen angelehnt hat: die Angestellten tragen Uniformen, die denen der Bullen ähneln, ihre Lieferfahrzeuge ähneln Bullenfahrzeugen, im Restaurant befindet sich die Kasse hinter Gitterstäben usw.