»In München hasst mittlerweile fast jede*r die Polizei«

… so fasste kürzlich eine zufällig vorbeikommende Beobachterin einer der zahlreichen Bullenkontrollen in der Nähe der Isar die Situation in München, wie ich finde sehr treffend, zusammen. Und ergänzte dann im Verlaufe eines sich spontan ergebenden Gesprächs unter Leidensgefährt*innen noch »das haben sie [die Bullen] sich in den letzten Wochen aber auch redlich verdient«. Auch wenn ich finde, dass Bullen sich schon immer den Hass der Menschen »redlich verdient« haben, kann ich sehr gut verstehen, was die Person meinte: Die ständigen Schikanen und Kontrollen der Bullen in den letzten Wochen an der Isar, im Englischen Garten, am Gärtnerplatz und überall sonst, wo sich am Wochenende Menschen zusammenfinden, haben viele Menschen, die bisher von der Polizei weitestgehend verschont geblieben waren, mit der Realität bekannt gemacht, dass Draußen Gefahrengebiet ist, eine Zone des Konflikts zwischen einer straff organisierten, uniformierten und bewaffneten Gang, die nach totaler Kontrolle strebt und den einzelnen Individuen und Gruppen von Menschen, nicht uniformiert, nicht organisiert und höchstens mit Glasflaschen und Steinen bewaffnet, die eigentlich nur eines wollen: Von den Cops in Ruhe gelassen werden.

Und weil ihnen allen dies nicht vergönnt ist, weil es mittlerweile kaum mehr möglich ist, zu dritt an der Isar zu sitzen, ohne dass einer ein aufdringlicher Wichser mit einer Hochleistungstaschenlampe in die Fresse leuchtet, weil selbst der Spaziergang – mit oder ohne Hund – nicht selten in einer »verdachtsunabhängigen Intensivkontrolle« endet, weil an den »Brennpunkten« der Stadt uniformierte Aufsichten rumlungern, mit ihren Autoscheinwerfern und Blaulichtern ein dystopisches Ambiente verbreiten oder ab einer bestimmten Uhrzeit die Runde machen, um Musikboxen »einzusammeln«, weil es für all diejenigen, die sich dem nicht in vorauseilendem Gehorsam fügen, nicht nur eine Flut an lächerlichen Anzeigen hagelt, sondern ab und an auch Prügel mit dem Schlagstock, Nächte in Gewahrsamszellen und all das übrige, bislang vor allem den »üblichen Verdächtigen« bekannte Repertoire an Repression: Deshalb liegt überall dort, wo die Cops auftauchen, eine knisternde Spannung in der Luft, deshalb warnen sich einander völlig unbekannte Personen gegenseitig vor den Bullen, deshalb sind „Fick die Cops“ oder „Scheiß Bullen“ mancherorts so eine Art allgemeiner Gruß bzw. allgemein gebrauchte Floskeln, um die Stille zwischen zwei Gesprächen zu überbrücken, geworden, deshalb werden Barrikaden und gesmashte Bullenwägen mit allgemeinem Jubel begrüßt und deshalb passiert es mittlerweile fast täglich, dass auch die Bullen mal wieder eins auf die Fresse kassieren, dass festgenommene Personen von anderen befreit werden und dass sich einander völlig unbekannte Personen spontan gegen die Bullen verbünden. »Sobald die Polizei auftaucht, gibt es ein neues Feindbild: die Polizei«, titelte jüngst sogar die Süddeutsche und beschreibt damit ausnahmsweise einmal treffend die Situation an Wochenenden in der Münchner Innenstadt und an der Isar. Und selbst die Cops scheinen wenigstens ein bisschen Angst zu haben, wenngleich noch lange nicht genug: Das ständige Pendeln zwischen totaler Deeskalation – etwa wenn USK-Beamt*innen in voller Montur geradezu auf den Knien betteln, dass ihren Anweisungen doch bitte Folge geleistet werde – und totaler Eskalation – wenn die gleichen Cops dann nach einer halben Stunde behelmt und mit Schlagstock in der Hand wiederkommen, um ihre unerhörten Bitten dann doch mit physischer Gewalt durchzusetzen – offenbart in meinen Augen die Unsicherheit der Münchner Polizei, die sich sichtlich schwer damit tut, modernere Polizeitaktiken umzusetzen, bei denen sie eben nicht jeden Gesetzesverstoß ahnden, um eine potenziell gefährliche Menschenmasse im Großen und Ganzen im Griff zu behalten. In Bayern und München im Besonderen ist man es seitens der Polizei eben gewohnt, Stärke zu zeigen und um jeden Preis für Ordnung zu sorgen, das lässt sich nicht so ohne weiteres ablegen.

Dabei könnte eben diese nervige Angewohnheit der Bullen uns vielleicht doch einmal zum Vorteil gereichen: Denn wer überall für Ordnung sorgen will, verliert in den Momenten, in denen an mehreren Orten zugleich chaotische Situationen entstehen selbst dann die Kontrolle, wenn eigentlich eine Übermacht an Bullen im Einsatz ist – was zusätzlich auch mächtig an den polizeilichen »Personalressourcen« zehrt. Wenn die Cops gegen 12 damit beginnen, Feiernde an der Isar aufzuscheuchen, kreieren sie gewissermaßen selbst eine solche chaotische Situation, denn nur weil eine*n die Bullen von irgendwo vertreiben, ist der Abend selbstverständlich noch lange nicht vorbei. Und warum nicht auf dem Heimweg noch schnell ein paar Müllcontainer auf die Straße ziehen, um wenigstens die Mobilität der Bullen einzuschränken oder seinem Frust durch ein kleines Feuerchen Luft machen? Beides konnte mensch an den vergangenen Wochenenden beobachten und beides sorgte für sichtliche Irritationen bei den Cops, denen vielleicht langsam dämmert, dass ihnen die Kontrolle über die Situation zunehmend entgleitet.

Und an all die Krawalltouristen und wütenden Jugendlichen da draußen, die ihr überall in der Stadt auf die Eskalation lauert: Ihr seid nicht alleine, lasst uns gemeinsam überall in der Stadt unkontrollierbare Situationen schaffen.