Im Anarchie-Test durchgefallen …

Eine Antwort auf die Antwort auf eine Kritik (Zündlumpen Nr. 065, „Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen“) von mir an dem Artikel „Neulich im Supermarkt … ‚Der Ball muss rollen‘!“ von nigra.

Vielleicht mag es irrelevant erscheinen, aber ich würde zu Beginn doch gerne etwas zu meinen Ansichten klarstellen. Zu Beginn deines Artikels unterstellst du mir, ich sei „jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und Radikalität für sich gepachtet zu haben scheint.“ Eine Polemik deinerseits, geschenkt, aber wenn du darauf folgend einige Anführungszeichen in meinem ursprünglichen Text deutest, quasi als Beweis dieser These, so muss ich dir sagen, dass du irrst. Nicht dass ich die FdA ernst nehmen würde – um das überhaupt in Erwägung zu ziehen, müsste mir dann doch zuerst einmal irgendwer plausibel erklären, was der Zweck dieser Organisation sein soll, ohne dass diese Erklärung eine Umschreibung des Begriffs „Organisation“ selbst darstellt –, aber das heißt noch längst nicht, dass ich dich oder irgendeine andere Person als Anarchist*in nicht ernst nehmen würde, wenn du/sie erklärt, du/sie sei(st) Anarchist*in. Für mich stellt der Begriff Anarchist*in keine Identität dar und auch wenn ich mich selbst ebenfalls als Anarchist*in bezeichnen würde, stört es mich nicht, dass wir trotz dieses geteilten Labels offensichtlich nicht besonders viele Ideen teilen. Wenn ich einen Begriff wie „FdA-Mitglied“ in Anführungszeichen setze, dann eigentlich vielmehr, weil ich mich eigentlich ein bisschen schlecht fühle, dich auf deine Mitgliedschaft bei der FdA zu reduzieren, was ich ja begrifflich dennoch – aus funktionalen Gründen – unweigerlich tue. Und um das eben ein wenig abzuschwächen setze ich diese lächerlich-identitäre Phrase dann eben in Anführungszeichen. Gleichermaßen gilt das freilich auch für den Begriff „radikale Linke“. Meinetwegen kann sich also durchaus „jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zählen“, mir ist das gleich, nur fühle ich mich ein wenig schlecht, wenn ich über die „radikale Linke“ spreche, als wäre das eine allgemeine Identität und deswegen setze ich das dann eben in Anführungszeichen – nicht die beste Lösung, das gebe ich zu, aber pragmatischerweise dann eben doch häufig das Mittel der Wahl. Ironischerweise zähle ich mich selbst übrigens gar nicht zur „radikalen Linken“. Wenn du also meinen (streng geheimen) „Anarchie-Test“ bestehen wollen würdest – ich wüsste übrigens auch nicht warum du das wollen solltest –, dann hättest du sicherlich bessere Chancen, wenn du dich da auch nicht dazu zählen würdest. ;-)

Was soll nicht alles meine Sache sein?

Nun, nachdem ich nun meine Anführungszeichen-Motivation so ausführlich dargelegt habe, kann ich eigentlich auch gleich etwas zu meiner nicht vorhandenen moralischen Motivation sagen, nach der du fragst. Deine ~grundlegende~ moralische Motivation beschreibst du folgendermaßen „Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden“ und weil ich diese Motivation für mich verneine fragst du dich zurecht, was denn verflucht noch mal meine Motivation, Anarchist*in zu sein ist. „Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufällig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen“, schlägst du vor. Warum nicht? Aber ich denke das ist nicht meine Motivation, sondern vielmehr die Konsequenz daraus. Ich denke ich würde meine Motivation Anarchist*in zu sein recht egoistisch beschreiben, vielleicht mit „Mir geht nichts über Mich!„, naja vielleicht nicht ganz so angestaubt, vielleicht lieber „Meine ~Motivation~ Anarchist*in zu sein ist es selbst ein Leben jenseits von Herrschaft zu führen“? „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!„, mag dir da in den Sinn kommen. Aber ganz ehrlich, bei deiner ~Motivation~ frage ich mich etwas dieser Art: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.

Hmm, jetzt werde ich wieder polemisch … Naja, legen wir den Stirner wieder beiseite, der ist prädestiniert für Polemik, du machst schließlich auch noch ganz gute weitere Vorschläge, was meine ~Motivation~ – oder sagen wir besser eine Konsequenz daraus – sein könnte: „Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist?“ Ich würde vielleicht noch bescheiden ergänzen, dass „Erneuerbare Energien“ die Zivilisation aufrechterhalten und Teil der technologischen Herrschaft sind, aber ansonsten würde ich deinen Vorschlag durchaus übernehmen. Nur die „Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen“, da muss ich passen. Ich denke das Stromnetz zerstören, das wäre da aus meiner Sicht die passendere Perspektive, wenn du schon fragst. Das ist eine „Schwarz-Weiß-Welt“ „ohne Zweifel und Kompromisse“? Du machst dir ja keine Vorstellungen …

Aufbruch in die kybernetische Gesellschaft?

Als du in deinem ursprünglichen Text „Neulich im Supermakt … ‚Der Ball muss rollen'“ schriebst, dass ~unsere~ – wer ist dieses wir?! – Motivation auch jetzt sein sollte, „Leid zu minimieren“ und dabei vorschlugst „Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. Und „zurücknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“, was wolltest du damit zum Ausdruck bringen? Ich warf dir daraufhin in meinem Text (Zündlumpen Nr. 065) vor, zum Gehorsam aufzurufen, was du nun von dir weist, mit den Worten „Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch wenn es mir sicherlich erheblich an „gesundem Menschenverstand“ mangeln muss, weil ich so gar nicht verstehen kann, wie – und ebenso was und warum – es helfen soll, die „Ausbreitung [des Virus] zu verlangsamen“, wenn ich all das von dir vorgeschlagene tue, bin ich es dennoch Leid, hier die tausendste Neuauflage der Diskussion um die „Gefährlichkeit“ des Coronavirus durch die Brille der Wissenschaft zu führen. Ich bin sicher, dass diese Frage in naher Zukunft von all jenen, die diesen Streit so leidenschaftlich führen, zur Genüge aufgeklärt werden wird. Was auch immer dabei herauskommen mag, für mich spielt es nicht den Hauch einer Rolle: Mag sein, dass ich mich selbst anders vor einer Infektion ~geschützt~ hätte, wenn mir eine glaubhafte Statistik vorgelegt worden wäre, die gezeigt hätte, dass die Hälfte oder wenigstens ein Drittel der Infizierten am Virus verrecken, aber unter keinerlei Umständen hätte mich das dazu verleitet, mich selbst zu Quarantänisieren und schon gar nicht, soetwas von anderen einzufordern (was sollte das auch für einen Sinn ergeben). Und eben das ist die Debatte, die wir beide hier führen: Ist es zum Wohle einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Mehrheit der Menschen vertretbar, sich selbst „zurückzunehmen“? Ich hatte ja Eingangs bereits mit Stirners Worten gesprochen, also will ich hier versuchen, das noch einmal mit eigenen Worten zu umschreiben, bzw. meine eigene – sicher graduell unterschiedliche – Perspektive dazu auszuformulieren:  Es ist die herkömmliche Legitimation der Zivilisation – und oft auch des Staates als schlichtender Akteur –, die Interessenskonflikte zwischen Individuen und die „Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten der Freiheit anderer“ auf diese Weise zu beschreiben: Statt zu sagen, diese*r oder jene*r solle sich zum Wohle anderer oder zum Wohle der Allgemeinheit „zurücknehmen“, könnte ich auch sagen „die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ oder irgendeine ähnliche weitverbreitete und doch inhaltsleere Phrase. Ob es nun der Staat ist, der diese „Freiheit“ des Individuums, die als von anderen Individuen bedroht interpretiert wird, „garantiert“ oder eine (anarchistische oder weniger anarchistische) Moral, das scheint mir nur eine Frage der Form zu sein. Es ist aus meiner Sicht auch der am wenigsten interessante Aspekt: Viel wichtiger finde ich die Fragen: Bedrohen die Individuen sich wirklich gegenseitig in ihrer Freiheit? Wie groß ist diese Bedrohung und wie groß ist sie im Verhältnis zur Bedrohung der Freiheit durch die Etablierung einer Moral oder der diskursiven Allgemeinheit? Ich bin überzeugt, dass es immer Konflikte zwischen Individuen geben wird, dass diese Konflikte auch immer wieder mit Gewalt gelöst werden werden und dass das unzivilisierte Individuum immer auch die „Freiheit eines anderen einschränken“ wird, wie es die bürgerlich-demokratische Ideologie beschreibt. Dagegen kann sich ein einzelnes Individuum ebenso wie mehrere Individuen zugleich stets zur Wehr setzen oder auch nicht, ich kann einen Konflikt auf Leben und Tod austragen oder nachgeben, ich kann mich rächen, ich kann auf Rache verzichten, ich kann kämpfen und ich kann sterben. Jedoch aus Angst vor dem ungezähmten Individuum irgendeine Institution, sei es die des Staates oder die der Moral, zu errichten, die über jedem Individuum steht und die die Konflikte zwischen Individuen zivilisiert und in bestimmte Bahnen lenkt, das ist für mich die eigentliche Bedrohung der Freiheit. Denn das ist für mich der Beginn von Herrschaft. Und das (vermeintliche oder tatsächliche) „Wohl der Allgemeinheit“ verweist auf eine ebensolche Institution, nämlich gewissermaßen auf die der Gesellschaft, die der Zivilisation selbst. Und daher kann ich es nur ablehnen, das „Wohl der Allgemeinheit“ als Maßstab für mein Handeln anzuerkennen!

Was sich speziell anlässlich des Coronavirus hier vielleicht noch anmerken lässt, ist, dass sich hier ganz deutlich gezeigt hat, wie die Herrschaft sich solch utilitaristischer Argumentationsmuster ganz bewusst bedient, um ihre Interessen durchzusetzen. Denn auch wenn mir noch immer unklar ist, was das ~vernünftige~ Interesse der Herrschaft gewesen sein soll – aber die Herrschaft handelt ja nicht notwendigerweise ~vernünftig~ –, die Menschen einzusperren und gegen sich aufzubringen – siehe all die Rebellionen und Revolten weltweit –, außer dass man vielleicht ausprobieren wollte, was die Menschen sich alles gefallen lassen und wie weit man gehen kann, so ist doch deutlich erkennbar, dass sich mit der Entscheidung, Ausgangssperren zu verhängen, Mundschutz vorzuschreiben, usw. auch von einem Tag auf den nächsten die – ach so objektiven – wissenschaftlichen Einschätzungen gewandelt haben: War der Mundschutz anfangs noch als kontraproduktiv gebrandmarkt worden – da, als du ihn wohl schon auf Empfehlung spanischer Anarchist*innen getragen hast –, galt er plötzlich als essentiell und all diejenigen, die nicht über Nacht einen solchen parat hatten oder einfach keine Lust verspürt haben, einen zu tragen, wurden in der Öffentlichkeit, von den Medien, der Polizei und den Politiker*innen als potenzielle Mörder*innen behandelt, die „rücksichtslos“ andere infizieren würden. Das ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele weitere, dafür, dass das „allgemeine Wohl“ der Menschen, für das auch du dich so sehr zu interessieren scheinst, eben sehr stark verhandelbar ist, von der Perspektive der*desjenigen, die*der es definiert abhängt und sich dementsprechend hervorragend als Instrument zur Durchsetzung eines persönlichen Programms eignet. Und das Gute daran – aus Sicht der Herrschaft –: Ist es ersteinmal gelungen, irgendetwas als dem „allgemeinen Wohl“ zuträglich darzustellen, so gebietet die (christliche) Moral all ihren Anhänger*innen, unabhängig davon ob diese sich nun als Anarchist*innen, Demokrat*innen, Kaisertreue oder Kapitalist*innen verstehen, danach zu handeln.

Aus dieser Analyse entspringt auch mein Vorwurf, du würdest zum Gehorsam aufrufen und diesen muss ich auch jetzt, wo ich deinen Appell ans „Hirneinschalten“ und den „gesunden Menschenverstand“ lese – was bei mir freilich beides ins Leere laufen muss – wiederholen. Nichts davon ist ein Argument für das „Zurücknehmen“, beides vielmehr eine Rechtfertigung für das Gehorchen! „Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet?“, fragst du. Ja was eigentlich? Ist es nicht die Zivilisation mit ihren Hochgeschwindigkeits- und Massentransportmitteln, mit ihren global angeglichenen Lebensbedingungen, ihren immer sterileren urbanen Lebensräumen, ihrer (industriellen) Verwertbarmachung ihrer Umwelt, ihrem Herrschaftsanspruch über sämtliches Leben auf diesem Planeten, die diese Umstände ausmacht? Aber es ist nicht die Zivilisation, die du mit deinem Vorschlag des sich „Zurücknehmens“ angreifst, im Gegenteil: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen, alles Dinge, die du aufzählst, sind vielmehr der Innbegriff der bereits begonnenen techno-industriellen Zivilisation, die mit ihren kybernetischen Modellen sämtliche Individuen voneinander isoliert, nur um sie technologisch vermittelt und kontrolliert wieder „zusammenzubringen“. Wenn ich deiner Meinung nach nun also „andere Wege finden“ soll, um mich „zu engagieren und aktiv zu sein“ – für mich heißt das „zu leben“, weil ich weder engagiert, noch aktiv bin –, dann – das unterstelle ich dir jetzt einfach, du kannst ja widersprechen, wenn du findest zu Unrecht – meinst du damit einen Schritt hin zu dieser furchtbaren technologischen Dystopie: Du meinst ich soll hinter einem Bildschirm verschwinden, soll, wenn denn überhaupt, andere Individuen nur noch mit maskiertem Gesicht treffen, soll jegliche Wärme zwischenmenschlichen Kontakts (ein Lächeln, eine Umarmung, eine reale Begegnung, usw.) aus meinem Leben verbannen und fortan ein kühles, nüchternes, rationales und vorhersehbares Leben als Teil der Maschine führen. Kurz: Du erwartest von mir genau das selbe wie der Staat, selbst wenn du es anders – aber nicht allzusehr anders – begründen magst. Und wenn du später auch betonst, dass du und deine Gang andere Menschen niemals verurteilt habt, „wenn sie anders als [ihr] gehandelnt haben“, weil ~ihr~ Anarchist*innen seid und „differenziert denken [könnt]“, wenn du nahelegst, dass es in einer „anarchistischen Gesellschaft“ (Anführungszeichen, weil ich mit dem Begriff nichts anfangen kann) keine Quarantäne gäbe, weil sich „in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverständlich in sie begeben“, dann stehen mir vor Schaudern alle Körperhaare zu Berge und ich muss an Huxleys schöne neue Welt denken, aber auch an die strahlenden Utopien der heutigen Vertreter*innen einer transhumanistischen Techno-Gesellschaft und trotz der Angst vor deiner Antwort drängt es mich, dir folgende Frage zu stellen: Begeben sich in dieser ~freien~ Gesellschaft dann auch alle darin sozialisierten Verbrecher*innen gleich nach ihren Taten von selbst und freiwillig in die Knäste oder gibt es gar keine Verbrecher*innen mehr?

Du hältst „Ausgangssperren für falsch“, aber plädierst dafür, dass die Menschen sich – zumindest meistens – selbst und freiwillig in Quarantäne begeben? Was ist das anderes als ein Plädoyer für die kybernetische Gesellschaft in der die materielle Repression des Staates dank der subtileren Institutionen von Herrschaft obsolet geworden ist?!

Noch ein paar Worte zur Wissenschaft

Du fragst mich, ob wissenschaftliche Erkenntnisse zwingend immer falsch sind. Ich denke das ist die falsche Frage. Ich denke Ziel der Wissenschaft ist es, die „Natur“, d.h. die auf diesem Planeten existierenden Lebewesen beherrschbar zu machen, indem das Leben in abstrakte Modelle gepresst wird. „Ist 5 x 5 nicht immer 25?“ Es mag als gigantischer Klugschiss aufgefasst werden, wenn ich das nun verneine und ich bin mir fast sicher, dass du dich – zumindest insgeheim – darüber lustig machen wirst, aber das ist mir egal, denn das Beispiel eignet sich zu gut um zu erläutern, was ich meine. Die Mathematik ist schließlich nichts als ein Hirngespinst. Ein derzeit besonders einflussreiches vielleicht, aber eines, dessen praktischer Nutzen sich mir jenseits der Zivilisation nicht erschließt. In der Realität gibt es nicht mehrere Instanzen von ein und derselben Sache. Wenn ich einen Stein finde und dann noch einen und später vielleicht noch einen, welchen Sinn macht es da, diese Steine zu zählen? Schließlich sind sie alle verschieden und sie zu zählen würde nur dann Sinn machen, wenn ich aus ihrer Abstraktion und deren Anzahl irgendeinen Wert ziehen wollte. Zählen würde ich dann also nicht die konkreten Steine (da habe ich ja von jedem nur einen), sondern irgendein Idealbild von einem Stein. Vielleicht so wie bei Geldmünzen. Auch da ist keine identisch zur anderen, aber weil es darum nicht geht, sondern bloß um das Ideal ihres Wertes ergibt es für mich einen Sinn zu zählen. Eine*r mag nun einwenden, dass es für dieses oder jenes Beispiel vielleicht doch jenseits des Zweckes der Wissenschaft einen tieferen Sinn gibt, etwas zu zählen. Aber selbst wenn: Ich bin überzeugt, dass es eine völlig andere „Mathematik“ – in Anführungszeichen, weil ich etwas institutionalisiertes wie die heutige Mathematik selbst wenn sie eine andere Form hätte, ebenso unbrauchbar fände – sein wird, die sich dann als nützlich erweisen wird. Und wer weiß: Möglicherweise ergibt 5 x 5 dann selbst in der konventionellen Algebra nicht mehr 25.

Vielleicht ist das ein wenig abstrakt, aber die Viren-Frage ist möglicherweise anschaulicher. Vielleicht klammern wir die Frage danach, ob es Viren überhaupt gibt im Wesentlichen aus, dafür beschränke ich mich hier auch auf die wertneutrale Feststellung, dass es zumindest wenn mensch hier den Erkenntnissen der Wissenschaft Glauben schenken will, für die Menschen vor 1892 keine Viren gab. Aber die Frage, ob „Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend“ seien, finde ich eigentlich sowieso spannender: Ich vermute mal in deiner Anarchie sind sie es genauso wie heute auch. Für meine Anarchie ist das schon schwieriger zu beantworten. Und das gar nicht einmal, weil meine Anarchie vor allem ein Raum der Negativität ist. Nein, das ist eine gute Frage: Wenn denn die Zivilisation erst einmal zerstört ist und wir anachronistischerweise einmal annehmen, dass das Konzept eines Virus diese paradoxerweise überdauern wird, dann hängt es doch hochgradig von der Lebensweise der Menschen ab, ob und in welchem Grad Viren (von Mensch zu Mensch) dann noch – in diesem Grad und Sinne – ansteckend sind. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, dass grundsätzlich schon. Eine Pandemie wäre dann doch sehr unwahrscheinlich, wenn es keine Zivilisation mehr gibt, die sowohl ähnliche Umweltbedingungen, als auch effiziente Verbreitungswege garantiert und garantieren würde.

Wusstest du übrigens, dass an Impfungen und anderen Virenmedikamenten zuerst im militärischen Kontext geforscht wurde? Weil es nämlich ein Problem für die Kolonisator*innen war – und natürlich umgekehrt auch für indigene Bevölkerungen, aber für die interessiert(e) sich die medizinische Forschung natürlich nicht –, wenn sie sich mit Viren – gegen die die indigene Bevölkerung längst immun war – ansteckten und daran verreckten oder wenigstens für einige Zeit „kampfunfähig“ waren. Die Deutung dieses Fakts bleibt dann jeder*jedem selbst überlassen.

Es grüßt aus dem „anarchistischen Großstadt-Kiez“ München in die ferne Provinz von Ortenau:
Niemand