Anarchismus und Kreativität

Die Kreativität kann als Mittel gegen ritualisierte Handlungs- und Denkmuster innerhalb des anarchistischen Milieus dienen, solange sie nicht zum Selbstzweck erhoben wird. Denn der Kreativität um der Kreativität Willen wohnt die Möglichkeit inne ihr anfänglich kritisches Potential in ihr Gegenteil zu verwandeln: Die kreative Passivität gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft. Sie kann dennoch nicht als bloßes Instrument verstanden werden, das einem übergeordneten politischen Ideal zu dienen hat, ansonsten würde sie sich kaum von einer stalinistischen Auffassung der Kreativität unterscheiden. Fasst man hingegen die Kreativität als Bestandteil eines Selbstermächtigungsprozesses des Individuums auf, das jegliche Eingrenzung der anarchistischen Praxis zurückweist, und das Leben als Experimentierfeld versteht, in dem überall verschiedene Möglichkeiten lauern um das Gegebene, oder gar sich selbst in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, eröffnet sie eine ideologiekritische Perspektive: Die Kreativität öffnet die Türe für das Spielen, für die kindliche Naivität, die heutzutage als Schwäche betrachtet wird, weil sie sich von den starren – fast am Ideal des Berufsrevolutionären orientierten – Perspektive vieler GefährtInnen entfernt indem sie sich selbst nicht mehr verkrampft ernst nimmt; sie hat keine Angst Emotionen, Widersprüche und Schwächen zu zeigen oder über ihre eigene Rolle zu lachen, denn sie hat keine statische Identität zu verlieren. Sie versteht sich selbst zugleich als gegenwärtiges, selbstbestimmtes Handeln und als zu entdeckender Prozess. Sie begnügt sich nicht mit der Frage nach den Widersprüchen in der Gesellschaft, sondern sieht diese als an die Widersprüche im handelnden Individuum selbst gekoppelt und trägt dieselben in unterschiedlicher Formen offen zur Schau, teilweise durch eine konkrete Bezugnahme zu Strukturen der Gesellschaft, teilweise durch bloßes Spielen mit der eigenen Rolle. Durch diesen Schritt akzentuiert sich meines Erachtens die Entschlossenheit einer radikalen Perspektive umso mehr, denn sogar anti-autoritäre Diskurse und Praktiken, die verlernt haben in kindlicher Naivität zu spielen oder über sich selbst zu lachen, und festgesetztes Handlungs- und Denkmuster in Endlosschleife reproduzieren, bewegen sich langsam zu einer identitätsstiftenden Doktrin.

Das soll nicht heißen, dass die anarchistische Praxis zu einem spektakulären, existenziellen Projekt werden sollte, vielmehr dient diese Auffassung der Kreativität als Anstoß um die Praxis selbst unter der Prämisse: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ zu verstehen, um nicht eine bestimmte Form der Praxis zu idealisieren. Mehr noch: Die Prämisse, verbunden mit dem Akt des Spielens, begreift zugleich dass das Individuum seine Fähigkeiten noch ausschöpfen muss, das Individuum kann und sollte, auch angriffslustig, mit dem Eingreifen in die Realität experimentieren und sich nicht als durch die gesellschaftlichen Strukturen oder den Ansprüchen einer Ideologie determiniert verstehen und der erlernten Hilflosigkeit und dem Pessimismus verfallen. Solch eine Perspektive würde jedoch ihr eigenes Potential untergraben, wenn sie sich als komplett losgelöst von der Klassengesellschaft versteht, oder gar die Klassen verneint und sich nicht in unterschiedlichen Formen für die Zerstörung derselben organisiert, denn die anarchistische Kreativität der Nicht-SpezialistInnen fungiert nicht als Möglichkeit der
Selbstverwirklichung eines isolierten „Ichs“, sondern als Verneinung der Apathie, als Zurückweisung des entfremdeten Lebens innerhalb kapitalistischer Verhältnisse, im Wissen dass eine emanzipatorische Praxis einerseits kollektiv sein muss und andererseits nicht die entfremdete Formen des Gegebenen reproduzieren darf. Das bewusst handelnde Subjekt muss sich mit anderen Subjekten zusammenschließen und versuchen die soziale Trennung zu durchbrechen, dafür eröffnet die
Kreativität viele Handlungsmöglichkeiten, sie erweitert unser praktisches Vokabular auf dem sozialen Terrain; je breiter die Ausdrucksformen der AnarchistInnen, desto mehr werden wir in der Lage sein Diskurse und Praktiken zu eröffnen oder zu erweitern. Die Individuen können gemeinsam zum Ereignis werden, das die Strukturen umwälzt, daran hege ich keine Zweifel und, obwohl in vielen Gebieten eine revolutionäre Umwälzung ausbleibt und viele mit der Ideologie der kapitalistischen Gesellschaft als endgültiger Zustand der Menschheit widerwillig liebäugeln, darf man nicht in einer defensiven, pessimistischen Lage erstarren. Die eigene Praxis zu entfesseln und zu erweitern, bedeutet den Angriff in seiner kreativen Totalität zu verstehen: Von der Sabotage bis zum Theater, von der Bombe bis zur Zeitung, von der Faulenzerei bis zur Theorie.