Ein Polizist, der mich erwürgt // gebannte ZuschauerInnen, die mir die Luft zum Atmen nehmen // unausgelebte Wut, die mich erstickt

Die Regelmäßigkeit der Gewalt lässt mich solange kalt, bis es plötzlich doch ein Mord aus der Reihe der vielen schafft ein Gefühl auszulösen. Der Mord an George Floyd ist so einer, was aber besonders an den wütenden Reaktionen liegt, von denen wir so viel lesen durften. Wie viele Morde und wie viel Elend lasse ich jeden Tag unbeachtet? Wie viele andere auf der Demo in München, bin auch ich zornig. Ich bin verdammt sauer und ich spüre auch, wie das Knie mir in den Nacken drückt, mir die Kehle einquetscht und die Luft immer weniger wird. Aber heute mit ein paar Tagen Abstand zur friedlichen Demo in Andenken an George Floyd und antirassistischem Inhalt, einigem Grübeln, da machen mich noch einige Tatsachen mehr wütend und verursachen einen Kloß im Hals, der da nicht hingehört. Mir bleibt nichts anderes übrig als mit einem gewissen Zynismus zu versuchen etwas auszudrücken, dass mich irritiert, ein wenig ratlos zurücklässt und mich von den Forderungen und den Protestierenden entfernt. Aber der Zynismus liegt eigentlich in der Sache selbst, nämlich, dass über einen Menschen gesprochen werden muss, obwohl derer unzählige existieren; über einen rassistischen Ausrutscher einer rassistischen Polizeibehörde, die für Tote verantwortlich ist, die in dem Moment gerechtfertigt werden, sobald über Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten im Polizeidienst gesprochen wird. Im gewissen Sinne sind Polizisten mit Waffen zu vergleichen: Waffen werden dafür entworfen um zu töten und jemand, der an der Waffe ausgebildet wird, wird für das Töten ausgebildet – ob er oder sie sich aktiv zum/zur Mörder/In macht ist irrelevant – und folglichgesteht man dem Mord seine Richtigkeit zu, wenn man den falschen Mord ihm gegenüberstellt.Die falsche Benutzung zu kritisieren, ist wie die Bedingungsanleitung von irgendeinem Gerät zu lesen: was soll man nicht, wie ist das zu benutzen, welche Garantien, etc., also könnte man auch einfach schweigen. Ein Schweige-Demo machen? Das Instandsetzen, das Befähigen zum Töten, die Erzeugung von Machtgefällen, die das Töten ermöglichen (sollen), das ist zu kritisieren und liegt gewissermassen außerhalb von der Bedienungsanleitung, dem Bedienten und dem stummen und stupiden Be-Diener.Tun wir kurz etwas, das George Floyd jetzt nicht mehr tun kann: stellen wir uns vor, wie ein Beamter in seinem, über uns herausragenden Recht, uns gegen unseren Willen anhält, befragt, fesselt, zu Boden zwingt und uns schließlich sein Knie in unseren Nacken drückt, in unserem Ringen nach Luft, noch einen Atemzug zu tun, sich Panik breit macht und die Angst und die Ahnung das Ganze vielleicht nicht zu überleben um sich greift. Es gibt zwei Protagonisten: George, der gerade dabei ist unter Qualen zu sterben und ein Polizist – und mit ihm aus logischen Gründen: jeder Polizist vor Ort und auf der Welt –, der dabei ist ihn zu ersticken. Unter jene beiden, die ich als Handelnde bezeichnen würde – auch wenn ich nur widerwillig und eher aus argumentativen Gründen den sterbenden George Floyd als Handelnden bezeichne, schließlich wird dieser gegen seinen Willen und Zutun und in entsprechende Richtung Handelnde, durch fremde Hände umgebracht – gesellt sich noch ein weiterer Protagonist. Und in diesem Fall, ist es wieder nicht nur ein Individuum, sondern eine ganze Bevölkerung, die sich in der Betrachtung ergötzt und erschafft: der Zuschauer und die Zuschauerin.

Denn, unser Gedankenexperiment findet nicht versteckt, im Dunkeln statt, sondern tagsüber, auf offener Straße mit Passanten und Menschen, die vermeintlich erleben, was sich vor ihren Augen abspielt, und derer nicht ein oder zwei, sondern potentiell die gesamte Weltbevölkerung, die heute in der Lage ist, sich diese Situation als kurzes Filmchen immer und immer wieder anzuschauen, in jedem beliebigen Augenblick und an jedem Ort dieser Welt. Diese zuschauende Mehrheit ist sogar in die Lage versetzt die besonders unerträglichen Momente zu überspringen, diese ihre Realität einfach zu pausieren und sich einem anderen Erleben zuzuwenden.George Floyd hat weder vorspulen können um es endlich hinter sich zu haben, noch war er fähig das ganze anzuhalten und auszusteigen oder umzuschalten, weil es ihm zu heftig wurde. Während wir in unserem Gedankenexperiment am leben bleiben, weil wir uns unseren Tod nicht vorstellen könnenist die Realität und das direkte Erleben von George Floyd einfach weitergelaufen. Gestorben ist er mit den Knien jedes einzelnen Polizeibeamten einer Gesellschaft im Nacken, die Einzelne in die Macht versetzt andere zu demütigen. Gestorben ist er auch mit Milliarden ZuschauernInnen, die den Moment des letzten Atemzugs abwartend untätig im Kreis stehen und vor ihren Bildschirmen gebannt sitzen… George Floyd – wenn auch als tausendstes Beispiel – ist allein gestorben, als er selbst. Hätte er einen kurzen Zeitpunkt auf Pause drücken können, um sich umzublicken und zu fragen, was die Um-ihn-herum-Abwartenden gedenken zu unternehmen oder zu unterlassen, hätten die ZuschauerInnen, die Befragten, sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie einen Tod verhindern wollen oder ob sie ihn sterben lassen wollen, um ihn dann zu beklagen.

Eine lange Zeit habe ich den Fernsehzuschauer und die Fernsehzuschauerin als das Inbild der Passivität betrachtet, wie hätte man sich auch eine Steigerung dessen noch vorstellbar machen können? Aber der/die heutige Zuschauer/in, hat wieder eigene Augen, bewegt sich durch die Stadt und liegt nicht lethargisch auf der Couch und lässt sich die äußere Welt gefiltert und gekürzt ins eigene Haus liefern. Heute benutzt ein Gros der Zuschauer/innen die eigenen Augen wieder selbst als Filter auf der Suche nach der Story und begibt sich sogar in Situationen um darin vermeintlich zu handeln. Weil die Zugänglich-Machung selbst von Information heute schon als aktives Teilnehmen und Gestalten der Realität erfasst wird, reicht es dem Handelnden bereits aus das Zuschauen zu ermöglichen um sich selbst als Handelnde/r zu sehen. Der Zuschauende denkt er/sie handelt indem er/sie das Zuschauen ermöglicht, vergisst aber dabei des er/sie doppelt zuschaut: als anwesend am Ort des Geschehens, wo ja ein tatsächliches Eingreifen möglich wäre und als abwesend am Ort des Geschehens, weil er/sie sich selbst hinter die Kamera/Smartphone verbannt hat. Und genau das ist die Tendenz der Gesellschaft: sie verkauft die Unbeweglichkeit als Beweglichkeit, gibt die Passivität im falschen Moment als Handlung aus, die immer und auf jeden Moment angewandt werden kann und soll, sie verwandelt das Draußen, das Außerhalb der Couch-TV-Beziehung in ein globales Kino und lässt sogar für den Zweck der Dokumentation und Unterhaltung einen Mord geschehen… das ist die Realität.

Wenn es keine anderen Ideen und Handlungsvorschläge auf einer Demo als Antwort auf einen Polizeimord, abseits der BML-Rufe gibt, dann sehe ich schwarz und denke mir jetzt, nach der Enttäuschung, die ich auf diesem Protest, der eher ein Event gewesen ist, dass die Organisatior/Innen und Besucher/Innen eigentlich zu jenen gehören, die wenn sie nicht aktiv die Luft mitabgedrückt haben, so doch passiv mit zugeschaut haben und den Bullen gewähren haben lassen, wie er vor ihren Augen einen Mensch aus dem Leben gezwang. Wären die konkreten Zuschauer/Innen an diesem Tag an diesem Ort ihrer Einbildung nicht auf den Leim gegangen, müssten wir wahrscheinlich heute, nicht zu tausenden einen Toten beklagen, sondern einen Angriff auf einen Polizeibeamten verteidigen mit dem ein Mord verhindert wurde… Ist das die Schlußfolgerung, oder benötigen wir mehr Tote um auch weiterhin als Betroffene von jedweder Unterdrückung über unsere Unterdrückung sprechen zu dürfen?

Ich, für meinen Teil, verteidige lieber einen Angriff auf Polizisten, als mich bei den Mördern und Mitmördern über einen von ihnen Ermordeten zu beklagen.

kainändae