Über ein Spektakel, das keines sein sollte

Am 1. Mai wurde ein siebenköpfiges Kamerateam des ZDFs, davon drei Securities, nach einer Demonstration, von 15-25 vermummten Menschen in Berlin-Mitte angegriffen. Sechs der Angegriffenen mussten direkt ins Krankenhaus. Die Angreifer*innen waren verschwunden als die Bullen am Tatort eintrafen. Soweit so gut. Etwas später wurden jedoch in der Nähe sechs verdächtige Personen vorläufig festgenommen. Nun wird davon ausgegangen, dass es sich bei mindestens zwei der Verdächtigten um Leute aus dem „linken Spektrum“ handelt.

Es ist schon lustig zu sehen, wie ein Vorfall dieser Art für Aufruhr sorgt und es zu einem breit diskutierten Spektakel konstruiert wird: Bürgerliche Journalist*innen flippen aus, weil sie sich anscheinend trotz und durch ihrer kollegialen Konkurrenz persönlich angegriffen fühlen. Etliche (radikale) Linke entrüsten sich über eine derartige Gewalt gegen Pressevertreter*innen und drücken ihre Solidarität den Opfern gegenüber auf Twitter, Facebook etc. aus. Nazis freuen sich, dass der, aus ihren Augen linken Medienmaschinerie, etwas entgegengesetzt wird oder sind vorerst froh, dass doch nicht wie anfangs vermutet, Rechte dahinterstecken. Politiker*innen fabulieren über das Grundrecht der Pressefreiheit und fordern im gleichen Atemzug ein härteres repressives Vorgehen ihres Rechtsstaates. Viele davon suchen nach einer Motivation oder Erklärung weshalb – anscheinend – Linke so etwas tun sollten und verurteilen gleichzeitig die Tat.

Mich wundert es nicht, wenn sich Menschen verabreden, um den öffentlichen Massenmedien zu zeigen, was sie von ihnen halten. Unabhängig davon wer die Täter*innen sind oder was ihre Motivation ist, möchte ich dennoch hier festhalten: Schön, dass die bürgerliche Presse mal wieder eins aufs Maul bekommen hat.

Wie das Arschloch von Seehofer konsequenterweise zu dem Vorfall erklärt hat, ist „[d]ie Freiheit der Presse […] eine Säule [der] Demokratie.“ Eine Säule, die notwendigerweise zerstört werden muss, um sich von der Herrschaft der Demokratie befreien zu können. Dies wird meines Erachtens sehr oft von sogenannten Linksradikalen, aber auch von Anarchist*innen grundlegend verkannt. Ich entledige mich nicht von einem Staat durch Übernahme, geschweige denn durch Verteidigung einer seiner Institutionen. Die bürgerliche Presse ist unweigerlich mit den Machstrukturen eines Staates verflochten. Hierbei möchte ich nur einen Punkt anführen, der dem Pressegeschehen, als auch der heutigen Demokratie strukturell inhärent ist: Die Repräsentation. Durch einen ideologisch genährten Blick auf die Realität, auf das wirkliche Leben, wird versucht, Aspekte daraus herauszugreifen und diese repräsentativ den Massen zur Schau zu stellen. Sei es in der Tageszeitung oder von einem Regierungssprecher. Das führt zwangsläufig zu einer verschobenen, wenn nicht gar entwerteten Sicht der Dinge. Dass die heutige Demokratie mit ihren Wahlen und Politiker*innen ohne Repräsentation nicht möglich wäre, brauche ich nicht weiter zu erläutern.
Die Pressefreiheit ist kein Gut an sich, dass zu schützen – von wem auch immer – es wert wäre, sondern ein institutionelles Instrument der bürgerlichen Herrschaft über das Individuum. Das könnte daran liegen, weil es sich dabei um eine vermeintliche Freiheit des Schreibens, Berichterstattens und Publizierens handelt. Auch wenn theoretisch vieles gesagt werden dürfte, ist fast alles was gesagt wird, einem politisch-ideologischen Spektrum, nämlich dem der kapitalistisch-demokratischen Sphäre zuzuordnen. Die bürgerliche Presse ist nur innerhalb der Grenzen ihres rechtsstaatlich strukturierten Konsens frei und verortet sich selbst bewusst darin. Was soll das für eine Freiheit sein, die sich an solche imaginären Grenzen hält? In der IDT#7 [1] wird darauf hingewiesen, dass die Tradition der Pressefreiheit eine grundlegende Plage der Zivilisation ist, die „seit der Zeit der „aufgeklärten“ absoluten Regimes die Bevölkerung durch Zwangsmaßnahmen in ihrer Lebensführung anzugleichen sucht.“ Einer Presse die ideologisch hinter der Existenz eines Staates steht, mit seinen Handlanger*innen, den Politiker*innen, allerlei Beamt*innen und Akteuren der Wirtschaft zusammenarbeitet und mit ihnen ein herrschaftliches Netz des normierten Lebens aller Individuen kreiert, kann ich gegenüber nur feindlich gestimmt sein. Solange derlei Taten zu einem Spektakel gemacht werden, über das sich von Horst bis zum lieben Nachbar das Maul zerrißen wird, sind solche Hiebe gegen die herrschende Ordnung notwendig. Und deshalb begrüße ich jeden Angriff auf die Schweine der Presse.

[1] „Don’t be the media, hate the media!“ – In der Tat, Ausgabe 7.