LASST. MICH. STERBEN. – Pandas, Technologie und das Ende der Welt. [Auszüge]

Unsterblichkeit zerstören

1. Die primäre Verteidigung der Zivilisation in dieser Epoche (insbesondere in der westlichen Welt) ist das Argument, dass Zivilisation das ‚Leben‘ verlängert, oder wenigstens die Lebenserwartung.

2. Die Wissenschaft erzählt, dass mensch erwarten könne länger zu leben, gesünder und produktiver als jede Generation vor uns.

3. Vermeintlich bessere medizinische Versorgung, die Fähigkeit viele Viren und Infektionen zu heilen oder einzudämmen, die Sterilisation von Umweltgefahren und die Verminderung der allgemeinen Risiken bei der eigenen Fortpflanzung tragen alle zu der Perspektive bei, dass diese Welt und ihre Organisation das Leben fördert.

4. Technologie hofiert unsere Todesangst mit dem Versprechen von Computern, die in der Lage dazu sind, unsere Psychen herunterzuladen, von der Möglichkeit uns in einer gigantischen Datenwolke zu speichern, ewig zu ‚leben‘.

5. Gleichzeitig sammeln Algorithmen von Werbetreibenden und Staaten bereits gewaltige Schwaden an individualisierten Daten – Musikgeschmack, Essgewohnheiten, innere Zweifel und Sorgen, Beziehungs’status‘, Freundeskreis etc. – und speichern diese in Datenbanken und Geräten, die deutlich langsamer verrotten werden als jeder menschliche Körper.

6. Der Prozess der Androidifizierung, der mit der Einführung ’smarter‘ Telefone in den Alltag begann; und nun mit ’smarten‘ Apps, Homes, Cities fortgeführt wird, verändert für immer die Natur nicht nur des menschlichen ‚Lebens‘, sondern auch den menschlichen Körper, wie wir ihn kennen. Mensch kann heute einen Gedanken in weniger als der Zeit, die benötigt wird, um ihn zu denken, um die ganze Welt schicken und dafür sorgen, dass dieser Gedanken ‚ewig‘ im Netzwerk aufgehoben wird. Die nächsten Schritte werden wahrscheinlich die Implantation solcher Technologien nicht nur auf, sondern auch in den menschlichen Körper sein [1].

7. Mensch muss nur in die Richtung sehen, die die Nanotechnologie und andere ‚hochmoderne‘ Wissenschaft eingeschlagen hat, um diesen Trend zu sehen – das Chaos der letzten Epoche aufräumen (kohlenstoffessende Technologien [2], ‚Recycling‘ bis zum Erbrechen), die Gefahr eindämmen, die in der Dunkelheit lauert (Sterblichkeit/Aussterben), und das Leben wieder einmal bis zu irgendeiner imaginären goldenen Ewigkeit verlängern.

8. Der Himmel ist nicht länger ein mythischer Ort neben Gott, in Kultur und Tradition verankert, sondern ein paar sehr konkrete wenige Quadratmillimeter Mikrochip und eine WLAN-Verbindung.

9. Selbst die endliche Existenz des Habitats (das Ende der Erde als gastlicher Planet aufgrund von Umweltzerstörung, ‚Natur’katastrophen etc.) wird mit dem Versprechen einer für das Weltall bereiten Menschheit abgemildert, die die Galaxie kolonisieren und dem Tod ein weiteres Mal entkommen wird.

10. Jenseits der Aufrechterhaltung lediglich des menschlichen Lebens betrachtet es diese Epoche als ihre Pflicht keimfrei alles zu bewahren, was die menschliche Zivilisation zerstört hat. Schau auf die Zoos, die ‚Umweltschutzprojekte‘, das Aufzwingen des Verlangens der Menschheit ewig zu leben auf andere Spezies, die bis heute ohne unsere Einmischung glücklich aufgehört hätten zu existieren (beispielsweise Pandas, die sich überwiegend der reproduktiven Futurorität [futurority] [*] verweigern [insbesondere in Zoos] und für die ‚Pandaporno [3]‘, Phäromonbehandlungen und künstliche Befruchtung erfunden wurden, um die Aufrechterhaltung der Spezies in Gefangenschaft zu erzwingen).

11. Alles muss leben. Alles muss ewig leben (egal um welchen Preis und um welche Konsequenzen). Tod ist etwas, dem wir entfliehen können. Qualität ist unwichtig, Fortdauer ist der Schlüssel.

12. Bei alledem scheint niemand die einfachste aller Fragen zu stellen. Warum? Warum sollte ein Leben länger dauern? Warum sollte ein Leben ewig dauern? Warum haben wir es nötig unendlich lange zu existieren?

13. Und indem diese Frage nicht gestellt wird, marschiert die Menschheit in einen viel wahreren, viel realeren Tod als das körperliche Ende eines einzelnen Wesens. Sterblichkeit ist, was die Möglichkeit zu leben, wirklich zu leben, erschafft – leben ohne Käfig oder Petrischale, gefährlich leben, leben mit dem Risiko zu sterben. Ohne Tod kann es kein Leben geben.

14. Die Aufrechterhaltung des ‚Lebens‘ auf Kosten des Lebens, sicher und beschützt vor den Gefahren von außerhalb, bildet straffere und straffere Beschränkungen gegenüber dem, was es bedeuten kann zu leben, die gesamte Zivilisation wird eine ‚lebenserhaltende Maschine‘ und im Austausch akzeptieren wir vollkommen komatös zu existieren.

15. Der Mythos des Himmels verlangte, dass mensch die Übel der Welt für das Versprechen eines glorreichen Jenseitses akzeptierte, der Mythos der Technologie vollstreckt die Übel der Welt im Austausch dafür, dass mensch innerhalb dieser für immer existieren kann.

16. Gefängnismauern, Irrenhäuser, Schulen, Büros, Wohnhäuser bedeuteten, dass menschliches Leben gezügelt werden konnte, bewahrt, beschützt (aber nie frei war eine Form zu finden) innerhalb einiger weniger Quadratmeter, Computertechnologie reduziert die Größe des Käfigs tausendfach.

17. Die Frage, die sich freie Wesen in dieser Epoche stellen müssen, ist, ob die Kosten fürs ‚Leben‘ die immer klinischere Umgebung rechtfertigen, in der sie reproduziert werden. Mensch muss sich selbst fragen: Möchte ich überleben? Oder möchte ich LEBEN? Die beiden sind nicht mehr länger dasselbe.

18. Mit der sehr realen Möglichkeit konfrontiert, dass es einer*m nicht mehr erlaubt wird zu sterben – kommt mensch zu der Forderung danach als eine Form der Weigerung.

19. Der Lebenskult – der paradoxerweise ein Kult des lebendigen Todes ist, muss zerstört werden.

20. Lassen wir die Finsternis ein, lassen wir diese fragilen Körper welken und schwinden, lassen wir den Wüstenwind die zerbrochenen Trümmer der Zivilisation zerstreuen, sorgen wir dafür, dass das Universum die Spuren vergisst, die wir hinterlassen haben.

21. Zerbrechlichkeit, Zeitlichkeit, Sterblichkeit ist nichts, vor dem mensch sich fürchten müsste; sondern dass es zu feiern gilt – „flüchtig, bedeutungslos und kurz“ sind wahrscheinlicher Synonyme für Freiheit als es „ewig, technologisch und gezügelt“ jemals sein könnten.

Sicherheit als Illusion – Gefahr als Bruch

1. Mit der Erhaltung des Lebens als lebendiger Tod ist das zweite Versprechen der Mauern der Zivilisation verbunden, das Versprechen von Sicherheit.

2. Sicherheit ist immer eine Illusion, wie die unzähligen Attentate und die ständig sich ändernden Sicherheitsprotokolle am Flughafen offenbaren – ihre Auferlegungen jedoch sind sehr solide. Nimm die traditionelle Mauer rund um eine Stadt oder eine Siedlung (die den Schutz vor Bedrohungen von außen – vor dem Barbarischen – verspricht); die Mauer kann untergraben, erklommen, ja sogar zerstört werden, wenn mensch denn Zeit und Motivation dazu hat, sie zerfällt mit der Zeit und ohne beständige Wartung und kann einfach nur dadurch überwunden werden, dass die Person verführt wird, die sie bewacht. Trotzdem scheint für das Individuum innerhalb der Mauern die Masse an Steinen undurchdringlich und unüberwindbar und stellt eine sehr materielle Abschneidung von dem dar, was sich draußen befindet (zum Beispiel kann mensch nicht einmal sehen, was sich außerhalb der Mauern befindet).

3. So ist die Illusion von Sicherheit bloßgestellt, nicht als eine Form von Schutz, sondern als eine Form der Einhegung; nur diejenigen, die innerhalb der Mauern leben, können von der Undurchdringlichkeit von Sicherheit überzeugt sein – jede*r willens genug jenseits der Mauer zu existieren, kann den Papiertiger so sehen, wie er wirklich ist – eine Falle, um Flucht zu verhindern und ein Schutz vor Zutritt.

4. Heutzutage sind Mauern viel diffuser; produziert auf psychischer Ebene und in der Psyche in den Schulen und innerhalb von menschlichen Beziehungen werden die Mauern in den Köpfen der Individuen errichtet, die über so viele Generationen hinweg innerhalb derselben gelebt haben und die es nun nicht mehr brauchen, dass sie das Außen nicht sehen, um davor Angst zu haben.

5. Die Illusion von Sicherheit durchdringt jeden Aspekt unseres Alltags, was ‚Sicherheit‘ bedeutet wird nie konkret definiert; abgesehen von den Kolonnen an Fußsoldat*innen, die in den Straßen patrouillieren, und Videoüberwachung an jeder Straßenecke gibt es keine diskursive Definition, was es bedeuten könnte ’sicher‘ zu sein und keine konkrete Beschreibung dessen, was denn die Gefahr wirklich ist.

6. Sogar radikale Milieus haben diese Logik übernommen, durch Forderungen nach ’safe spaces‘, durch Policies, die Sicherheit definieren und durch die Vorstellungen, mensch könne Orte oder Gemeinschaften schaffen, die frei seien von den ‚Gefahren‘ der äußeren Welt.

7. Sicherheit setzt immer imaginäre Gefahren voraus – normalerweise die Gefahren von außen, vom ‚anderen‘ oder am allermeisten die der Sterblichkeit. Im Namen der Überlebenssicherung wird jede repressive Maßnahme normalisiert.

8. Beim Suizid behilflich zu sein oder ihn zu erlauben ist fast überall auf der Welt illegalisiert [4], die Käfige von psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen sind voller Individuen, die eine ‚Gefahr‘ für ihr eigenes oder das Leben anderer darstellen.

9. Die Forderung nach Sicherheit geht immer Hand in Hand mit den Kräften der Herrschaft. Mag es auch in der Tradition des radikalen Feminismusses liegen, die ’sicherere Straßen‘ für Frauen vor maskierten und rassifizierten Angreifern forderten (was zu riesigen Polizeieinmärschen in arme und rassifizierte Communities führte), oder der Vorstoß von LGBT Organisationen zu einer Gesetzgebung bezüglich Hassverbrechen, die Individuen vor Belästigung und Übergriffen auf der Straße beschützen sollte (und die als Vorwand hergenommen wurde, um im Zweifel jede*n damit festnehmen zu können und die die Zahl derer, die ins Gefängnis gesperrt wurden oder eine sonstige Strafe erhielten, in die Höhe trieb, für so geringe Dinge wie ‚fuck‘ in der Öffentlichkeit gesagt zu haben). [5]

10. Ein passendes Beispiel für die anthropozentrische Obsession mit Sicherheit ist die ‚Hauskatze‘; ein Wesen, das die Gesamtheit seiner Existenz in den begrenzten Mauern einer Wohnung verbringt. Auf der Idee basierend, dass die Gefahren der äußeren Welt – sich zu verlaufen, zu verhungern, von einem Auto überfahren zu werden – so angsteinflößend sind (aus der Sicht der*s menschlichen Geiselnehmers*in), dass sie als Rechtfertigung für diese absolute Grausamkeit und Beschneidung von Freiheit dienen. Die Katze wird komplett ’sicher‘ gehalten, in einem sterilen Umfeld, das ihr nichts tun kann; und doch kann mensch ehrlich sagen, dass [für] ein Wesen, für das lange Nächte, rastlose Jagden, eine schulterzuckende Geringschätzung gegenüber der Menschheit normale Charakterzüge sind – dass die vier Wände eines menschengemachten Gefängnisses sie glücklich machen werden?

11. Die ‚Hauskatze‘ fungiert auch als passende Analogie für unser eigenes Leben – die Gebieter*innen der Herrschaft halten uns sicher gezügelt in den Städten, dem Arbeitsplatz, zuhause; und wir mögen ein bisschen zappeln, aufgeregt vom Versprechen der Turnhalle oder des Schwimmbades –, aber hinauszugehen, wahrhaft außerhalb ihrer Welt ist nicht nur verboten, sondern heute auch unmöglich. Wir begrüßen die zerquetschenden Reifen des Autos oder den Nachbarshund, der uns davonträgt – Gefahr bedeutet Freiheit.

12. Individuen oszillieren zwischen Geiselnehmer*in und Geisel, da sie die Logik von Sicherheit internalisieren und reproduzieren. Vom*n der Bull*in an der Straßenecke zum Elternteil, der seine Kinder vor den Gefahren durch die Pädophilen warnt, zur liberalen queeren Person, die gewaltsame oder konfrontative Aktionen für daneben hält und Passivität im Namen von ‚Inklusivität‘ durchsetzt.

13. Individuen dieser Epoche müssen dem Fakt ins Auge sehen, dass es nirgends ’sicher‘ ist, und dass jede*r, die*der verspricht für Sicherheit zu sorgen, in Wahrheit lediglich Gefangenschaft (re)produziert.

14. Wenn mensch sich im Netz der Sicherheitshüter*innen (der Polizei oder ihren Repräsentant*innen) verfängt, wird einer*m bald klar, dass die Illusion von Sicherheit nicht irgendeine absolute Sicherheit vor Schädigung [harm] ist, sondern ein imaginärer Parameter von Sicherheit, der durch die Apparatschicks und Algorithmen der Herrschaft definiert wird.

15. Wenn mensch in Konflikt mit den Sicherheitshüter*innen gerät, erkennt mensch schnell, dass ihre Version davon ‚dich zu beschützen‘ [keeping you safe] in Wirklichkeit bedeutet dich unter Kontrolle zu halten [keeping you under control], oder meistens dich vor einer imaginären Gefahr zu retten, damit sie dir ihren eigenen sehr realen Schaden zufügen können.

16. Zum Beispiel kann mensch dafür angehalten werden zu schnell mit dem Auto gefahren zu sein, über eine rote Ampel gefahren zu sein, versucht zu haben von einer Brücke zu springen, eine verlassene Lagerhalle erkundet zu haben oder sich in eine physische Auseinandersetzung begeben zu haben, in allen Beispielen wird das Verhalten zuerst als ‚gefährlich‘ definiert werden und das Narrativ folgt normalerweise dem „wir sind hier, um dich zu beschützen“. Sobald mensch sich natürlich in den Händen der Sicherheitshüter*innen befindet, kann mensch erwarten, geschlagen, gefoltert, in einen Käfig gesperrt zu werden, sexualisierten Übergriffen ausgesetzt zu sein, gedemütigt, gemobbt und verletzt zu werden, auf alle möglichen unbenennbaren Arten und Weisen.

17. „Dich zu beschützen“ [keeping you safe] ist gleichbedeutend mit der Aufrechterhaltung des Monopols auf Gefahr, Schädigung [harm] und Gewalt.

18. Es nützt der Herrschaft möglichst viele imaginäre Gefahren an der Hand zu haben für egal welchen Moment. Je mehr und desto gefährlicher die Gefahren, desto größer der Spielraum um sich Wege auszudenken, um ‚Sicherheit‘ zu gewährleisten.

19. Die immer wachsende Anzahl an Gefahren, die die zivilisierte Ordnung sehr gerne in ihre Logik integriert – sei es die Bedrohung durch Terrorismus, Umweltkatastrophen, Kleinkriminalität, Homophobie, vergeschlechtlichte Gewalt oder Rassismus [oder aus aktuellem Anlass durch einen Virus, Anm. d. Übers.] – rechtfertigt eine immer wachsende Anzahl an Bestrafungen, Eingrenzungen und Käfigen.

20. In vielen ‚liberalen Demokratien‘ sehen wir, wie die Antwort auf die allgemeine Erkenntnis über strukturelle Unterdrückung darin bestand, jedes Individuum zu kriminalisieren, das beschuldigt wird Täter*in zu sein (wobei dabei die Realität ignoriert wird, dass der Staat immer der größte Übeltäter ist). Von der Gesetzgebung zu Hassverbrechen, um ‚unterdrückte Minderheiten‘ zu beschützen, zu Versuchen, Netzwerke wie Tor zu verbieten (weil das da ist, wo Terrorist*innen leben), sehen wir wieder und immer wieder, dass das Versprechen, uns vor Gefahr zu bewahren verzerrt wird zu einer sehr realen Anwendung von Schaden und Leid [harm].

21. Die Illusion von Sicherheit basiert auf einem sehr fluiden Verständnis davon, von was oder wem Gefahr ausgeht. In der Logik der Herrschaft wird uns täglich eingeredet, dass eine schwer bewaffnete Gang, die das Recht hat zu ermorden, zu entführen, zu vergewaltigen und zu foltern (die Polizei) ’sicher‘ ist und dass irgendein Kind, das eine rote Ampel überfährt oder wo entlang geht und dabei schwarz ist, eine Gefahr darstellt.

22. Das wird weiterhin verkompliziert durch einen Status, der Individuen verliehen wird und der auf einer angenommenen Konformität/Non-Konformität basiert. Der Flüchtling ist ’sicher‘, der*die illegale Immigrant*in ist gefährlich, der*die Stahlarbeiter*in ist ’sicher‘, die*der Sexarbeiter*in ist gefährlich, die*der gesetzestreue Bürger*in ist ’sicher‘, die*der Kriminelle ist gefährlich. Die willkürliche Verleihung des Rechts auf Sicherheit ist in Wirklichkeit die reale Gefahr.

23. Solche willkürlichen Verleihungen bedeuten, dass wir im Namen von Sicherheit bewaffnete Hooligans haben, die mit Sturmgewehren in den Straßen patrouillieren – und dass jemand dafür in den Knast kommen kann, ein Küchenmesser vom Laden zur Heimstätte zu tragen.

24. Jede*r, die*der glaubt, dass wir innerhalb der Mauern sicher sind, ist bestenfalls wahnhaft, wahrscheinlicher aber selbstmordgefährdet.

25. Einige ‚gute Bürger*innen‘ (weiß, reich, cis, hetero, gesetzestreu) könnten in der Lage sein die Lüge aufrechtzuerhalten, dass sie innerhalb der Mauern sicher sind (selbst wenn sie die giftigen Dämpfe und Radiowellen, die sie langsam dahinraffen, außer Acht lassen); aber selbst sie werden dazu gezwungen sein ihren Fehler zuzugeben, wenn sie im Namen der ‚Sicherheit‘ ihren Heimkäfig nicht mehr verlassen können, außer, um zu ihrem (re)produktiven Käfig zu gehen.

26. Mehr als das alles jedoch, warum brauchen wir es sicher zu sein? Warum haben wir es zugelassen, dass eine Angst vor Gefahr in unseren Köpfen brütet und in unserer Praxis wuchert? Wissen wir überhaupt wirklich, was wir meinen, wenn wir sagen, dass wir sicher sein wollen? Wir sind in Illusionen gefangen, die von Tyrann*innen kuratiert werden.

27. Sicherheit mag illusorisch sein, aber Gefahr kann sehr real sein. Nicht die imaginären Gefahren, mit denen die Herrschaft ihre Subjekte füttert, um sie unterwürfig zu halten – aber die Gefahr, vor der die Herrschaft selbst beständig Angst hat.

28. Aus der Gefangenschaft auszubrechen bedeutet Gefahr im eigenen Leben zu akzeptieren – nicht die falschen Gefahren, die Sicherheit ausschließt; aber die wahren Gefahren der aktiven Konfrontation mit denjenigen, die für sich in Anspruch nehmen für sie zu sorgen (Sicherheit). Reale Gefahr zu akzeptieren bedeutet die Konfliktualität mit dem Staat, der Polizei, der Technologie, pazifistischen Ideologien und vielleicht sogar mit sich selbst zu bewaffnen– es ist die Realisierung, dass selbst wenn es nichts gibt, für das es sich zu sterben oder in den Knast zu gehen lohnt, diese Möglichkeiten vielleicht weniger grauenerregend sind als sicher zu bleiben (d. h. in Gefangenschaft).

29. Die Illusion von Sicherheit aufrechtzuerhalten, in jedem Aspekt des Lebens, ist immer das Ziel der Herrschaft, jedes Mal, wenn jemand Konfliktualitäten bewaffnet, Gefahr inspiriert, einen Bruch kreiert; wird Sicherheit herbeieilen, um das Leck abzudichten. So wie mensch fast keine Chance hat die Zivilisation zu zerstören, gibt es wenig Hoffnung, Sicherheit in ihrer Totalität zu zerstören; mensch kann weghacken und Brüche vergrößern, aber mensch muss immer vorbereitet sein, dass diese Brüche neue Formen erschaffen werden und die Durchsetzung von Sicherheit – die Schlacht wird eine unendliche sein.

30. Der Kampf gegen Sicherheit an sich erschafft Gefahr für die Person, die diesen Kampf führt.

31. Wenn jemand ernsthaft die Illusion von Sicherheit erkennen, und von dieser Erkenntnis aus handeln will, um diese zu zerstören: diese Person muss zuerst Gefahr als stetige Freundin und Gefährtin willkommen heißen.

32. Im Laufe des Prozesses des Gefährlichwerdens muss sie sich den realen Gefahren innerhalb der Mauern stellen (Repression, Angriff, Mord) und ihr Herz allen möglichen imaginären Gefahren von außerhalb der Mauern öffnen.

33. Herrschaft wird an jeder Tür sein, wenn mensch sich selbst voll der Gefahr öffnet. Sie wird in dichten Reihen um eine*n zusammenrücken und versuchen Sicherheit um jeden Preis der*mjenigen aufzuzwingen, die*der danach sucht.

34. Gefahr muss all die Angst vor dem Unbekannten verkörpern, allen instinktiven Terror vor den Gebieten außerhalb der Mauern, sie muss tief in die Finsternis eintauchen und nie ein Licht erstrahlen lassen.

35. Wenn Gefahr sich verbreitet, wird ‚Sicherheit‘ verwelken.

Endnoten

[1] Vgl. die Implantierung von NFC-Chips in Leute in Schweden. https://www.npr.org/201 8/1 0/22/658808705/thousands-of-swedes-are-inserting-microchips-under-their-skin? t=1 570529276200.

[2] Vgl. Reise in Richtung Abgrund – Lose Betrachtungen zur Technowelt für eine Kritik an Nanotechnologien, die für diesen Zweck entwickelt wurden oder die neueste Entwicklung von Metall’bäumen‘ in Irland für denselben Zweck: https://oilprice.com/Latest-Energy-News/World-News/Metal-Trees-Suck-Up-CO2-From-Air.html als Beispiele.

[*]  „Futurorität ist das Versprechen der Zivilisation, dass die menschliche Spezies fortdauern wird. Mehr als das, es ist das Versprechen, dass die ‚richtige‘ menschliche Spezies fortdauern wird. Jenseits des Versprechens ist es auch der Zwang, dass sie fortdauern MUSS.“ (Fighting Futurority. In: LET. ME. DIE., S. 15) [Anm. d. Übers.]

[3] Zoos und Forschungseinrichtungen in China entwickelten diese Technik, die bisher in dutzenden Fällen angewendet worden ist. https://www.nationalgeographic.com.au/animals/panda-porn-and-other-desperate-measures-to-get-rare-species-to-mate.aspx

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Suicide_legislation

[5] Vgl. Dean Spade: ‚Normal Life: Administrative Violence, Critical Trans Politics, and the Limits of Law‘ für eine verständliche Kritik an diesen Verläufen, oder Teil 5 des Public Order Offenses Acts in Großbritannien als konkretes Beispiel.

Übersetzt aus dem Englischen. Den vollständigen Text mit dem Titel „LET. ME. DIE. Pandas, Technology, and the End of the World.“ findet ihr beim Down & Out Distro.