Von Menschenversuchen, Genetik und der Unterwerfung des Menschen: Ein Streifzug durch die Welt der Medizin

Wenn ich in ein Krankenhaus gehe, dann ist das erste, was ich tun muss – zumindest vorausgesetzt ich schwebe nicht in akuter Lebensgefahr –, meine Personalien anzugeben. Name, Geburtsdatum, Wohnort, Krankenversicherung. Später werde ich von der*dem behandelnden Ärzt*in penibel gefragt, wie es zu meiner Verletzung/meiner Krankheit gekommen ist und je nachdem welche Verletzungen ich aufweise kann es mir sogar passieren, dass das Krankenhauspersonal die Cops ruft, etwa weil ich Schuss- und/oder Stichverletzungen habe, Verletzungen, die von einer Schlägerei stammen. Je nachdem, welchen Eindruck ich bei den Ärzt*innen hinterlasse kann es mir außerdem passieren, dass ich zwangspsychiatrisiert werde, mir Psychopharmaka und Beruhigungsmittel verabreicht werden, ohne mich über deren Wirkung zu informieren, ich in eine geschlossene Pflegeeinrichtung eingewiesen werde, weil ich für dement oder unzurechnungsfähig gehalten werde oder mir auf ärztliche Empfehlung und richterlichen Beschluss ein gesetzlicher Vormund bestellt wird. Wenn ich mit einem als gefährlich geltenden Virus infiziert bin, kann ich auf Anordnung des ärztlichen Personals unter Quarantäne gestellt werden, wenn ich bei der Geburt in einem Krankenhaus uneindeutige Geschlechtsmerkmale besitze, kann es mir passieren, dass ich genitalverstümmelt werde, usw. Die Liste dessen, was einer*einem in medizinischer „Obhut“ so alles passieren kann, wäre vermutlich endlos.

Trotzdem vertrauen die meisten Menschen auf die Medizin und selbst diejenigen, die Ärzt*innen grundsätzlich mit einem gesunden Misstrauen gegenüberstehen, sehen sich bei zahlreichen Gelegenheiten dennoch auf deren Hilfe angewiesen. Ich will hier weder leugnen, dass die vorherrschende(n) Medizin(en) durchaus in vielen Fällen dazu beitragen, Krankheiten zu heilen, Schmerzen zu lindern und Leben zu retten, noch will ich die Entscheidung einer Person, sich auf die Medizin zu verlassen in irgendeiner Form moralisieren. Stattdessen geht es mir darum, nachzuzeichnen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen die „moderne Medizin“ sich entfalten konnte und die Frage danach zu stellen, inwiefern diese Medizin die gesellschaftlichen Bedingungen unter denen wir leben, reproduziert.

Versuche an Menschen

Die Medizin ist eine recht empirische Wissenschaft, d.h. sie basiert auf Beobachtungen, die dann von den Wissenschaftler*innen (Ärzt*innen) entsprechend gedeutet werden. Als solche Wissenschaft ist die Medizin in ihrer heutigen Ausprägung vor allem auf Experimente angewiesen. Der menschliche Organismus – und ersatzweise auch tierische Organismen – wird dabei in der Regel als eine Art Maschine begriffen, deren Funktionsweise nur unzureichend bekannt ist, über deren Reaktion auf bestimmte Inputs jedoch mehr oder weniger präzise Vermutungen angestellt werden können. Mithilfe von Tests sollen diese Vermutungen bestätigt oder verworfen werden. Um beispielsweise ein Medikament gegen eine bestimmte Krankheit zu testen werden heute zunächst in Tierversuchen sogenannte „Versuchstiere“ mit dieser Krankheit infiziert und bekommen dann das zu testende Medikament verabreicht. Dabei wird dann beobachtet, ob die Krankheit dadurch geheilt wird und auch, welche Nebenwirkungen das Medikament verursacht – denn in der falschen Dosis sind die meisten Medikamente Gift für den menschlichen/tierischen Organismus. Stellt sich das Medikament dann als geeignet heraus, werden die gleichen Tests noch einmal an Menschen durchgeführt. Hier werden heute jedoch Menschen gewählt, die die entsprechende Krankheit bereits haben. Auch sollen diese Menschen sich freiwillig als Testobjekte bereiterklären, was sicher in vielen Fällen ein Euphemismus bleibt. Sowohl finanzielle Anreize, als auch Verheißungen der Form „du hast eine Krankheit, die dich umbringen wird, aber ich teste ein Heilmittel, dass diese vielleicht besiegen kann“ spielen heute eine große Rolle bei der Anwerbung „freiwilliger“ Testpersonen.

Was sich heute durch finanzielle Vergütungen subtiler regelt, wurde vor nicht allzu langer Zeit mit großem Zwang durchgeführt. Nicht nur in den Konzentrationslagern der Nationalsozialist*innen, sondern schon lange zuvor. Frühe Mediziner des Altertums sezierten zum Teil Menschen bei lebendigem Leibe, um mehr über die Anatomie und die Funktionsweise des menschlichen Organismus zu lernen. Später wurden alle möglichen Formen von Experimenten an Menschen durchgeführt, die zwangsweise aus Gefängnissen, sogenannten „Irrenanstalten“, aus Waisen- und Armenhäusern, sowie aus Kolonialgebieten verschleppt wurden, um an ihnen zu experimentieren. Sie wurden mit Krankheiten infiziert, um entsprechende Heilmittel zu testen, ihnen wurden Verletzungen zugefügt, damit diese sich entzündeten, um die Immunreaktionen des menschlichen Organismus besser zu verstehen, ihnen wurden bekanntermaßen giftige Substanzen verabreicht, um zu testen, welche Dosis für den Menschen tödlich ist, usw. All das macht mensch übrigens bis heute mit Tieren. Dabei standen die durch Experimente an sozial deklassierten Menschen erworbenen medizinischen Erkenntnisse damals noch viel stärker als heute vor allem den Menschen der privilegierten sozialen Klassen zur Verfügung. Kranken Arbeiter*innen stand so gut wie keine medizinische Versorgung zur Verfügung.

Seit Beginn/Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gewannen auch Versuche mit psychedelischen Substanzen vor allem im Bereich der militärischen Medizin an Bedeutung. Von ihnen erhoffte mensch sich, den Menschen absoluten Gehorsam zu verabreichen, während mensch wiederum andere Substanzen testete, um die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit von Soldat*innen zu erhöhen. Zugleich experimentiert mensch mit derartigen Substanzen zur psychiatrischen Anwendung, wo diese dazu dienen sollen, unerwünschte kognitive Eigenschaften zu zerstören.

Während heute einerseits die grausamen und brutalen Versuche, die im Namen der Medizin zwagsweise an Menschen durchgeführt wurden, als ein dunkles Kapitel der Vergangenheit beiseite gelegt werden, werden mittlerweile vermehrt Berichte über genetische Experimente an Menschen bekannt und es wird diskutiert, ob es moralisch vertretbar sei, das Erbgut eines Menschen vor seiner Geburt zu beeinflussen, um ihm dadurch vermeintlich ein besseres Leben zu ermöglichen.

Absolute Kontrolle über den Menschen

Genetik, ebenso wie die (militärischen) Versuche mit Psychopharmaka weisen in eine bestimmte Richtung, die die Medizin eingeschlagen hat: Es geht ihr um nichts weniger, als um die totale Kontrolle des Menschen. Gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten wird als psychische Erkrankung beschrieben und es wird versucht, dieses durch Psychopharmaka gewaltsam zu unterdrücken, Genetische „Defekte“, ebenfalls Abweichungen von einer bestimmten Norm sollen zukünftig mithilfe der Genetik „ausgemerzt“ werden. Während eine Veränderung des Erbguts von Menschen bislang noch umstritten ist, ist es gängige Praxis bei Pflanzen und Tieren, Lebewesen den eigenen Vorstellungen anzupassen und auf diese Art und Weise für das kapitalistische System besser verwertbar zu machen. Zugleich versucht mensch beispielsweise durch Pränataldiagnostik eine genetische Selektion ähnlich der Eugenik vorzunehmen, indem mensch bei Feststellung bestimmter „Erbkrankheiten“ werdenden Eltern zu einer Abtreibung rät.

Das Ziel einer solchen Medizin ist es, die Menschen an den für sie vorgesehenen Platz in der Gesellschaft zu verweisen. Es ist nicht das individuelle Interesse der Gesundheit eines einzelnen Menschen, dass diese Medizin antreibt, sondern das Ideal eines normierten und perfektionierten Übermenschen, dem sich dieser Vorstellung zufolge alle Menschen anzunähern haben.

Dass meine Interessen in der Medizin nur eine untergeordnete Rolle spielen, das erlebe ich schon mein Leben lang, wenn ich eine*n Ärzt*in aufsuche. Nie habe ich das Gefühl, dass ich irgendwie in die Entscheidungen über meinen (!) Körper einbezogen werde. Ich wurde schon behandelt ohne darüber informiert zu werden, was mir angeblich fehlt und was der Zweck der Behandlung sei, geschweige denn, ohne dass ich gefragt wurde, ob ich das möchte. Mir wurden Medikamente verschrieben, die meinen Körper schädigten, ohne dass ich darüber aufgeklärt wurde oder mir gesagt wurde, dass es auch ohne diese Medikamente ginge – das erfuhr ich, als ich diese selbst absetzte. Mir wurden Vorwürfe gemacht, weil ich nicht das getan hatte, was die*der Ärzt*in gesagt hatte, und so weiter. Dabei sind das keine außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern Erlebnisse, die mehr oder weniger ausgeprägt die meisten Menschen gemacht haben dürften. Meines Erachtens nach liegt das daran, dass wir für die Medizin nur entweder weitere Experimente oder Kund*innen sind, mit denen Geld verdient werden kann.

Das Gesundheitssystem ausbauen?

Was wir gerade im Namen des Kampfes gegen das Coronavirus erleben spiegelt dieses Streben der Medizin nach der totalen Kontrolle über die Menschen ebenfalls wider. Statt sich darauf zu fokussieren, den Menschen, die geheilt werden wollen, zu helfen, ergeht sich beinahe die gesamte Medizinische Fachwelt derzeit darin, Empfehlungen abzugeben, wie sich alle Menschen verhalten sollten. Und sie empfiehlt das nicht etwa den Menschen direkt. Sie empfiehlt dies den verschiedenen Staaten, von denen sie wissen bzw. annehmen, dass diese ihre Empfehlungen dann autoritär durchzusetzen wissen. Statt dass also nach Wegen gesucht wird, erkrankten Menschen individuell zu helfen, zielt der medizinische Ansatz darauf ab, alle Menschen zu kontrollieren, in der Annahme durch diese Kontrolle eine Heilung eines Großteils der Menschen zu ermöglichen.

Mir ist dabei völlig egal, ob die Medizin schließlich Recht behalten wird oder ob sich das als gigantischer Irrtum erweisen wird; was ja auch immer von den Methoden der Messung abhängt. Für mich ist ausschlaggebend, dass die Ideologie der Medizin in diesem Fall, ebenso wie in allen anderen Fällen eine autoritäre Vorstellung von der totalen Kontrolle des Menschen zu sein scheint. Dabei erscheint es mir bemerkenswert, dass die Medizin ihre „Heilkunst“ um jeden Preis zu schützen versucht. Einerseits durch Patente an Medikamenten, die Geheimhaltung von Rezepturen, aber auch durch die Zugangsvoraussetzungen der Lehre. Es scheint mir darum zu gehen, dass die Fähigkeit zu heilen nichts ist, was sich jede*r einfach aneignen kann. Das würde schließlich auch der Vorstellung der totalen Kontrolle über den Menschen widersprechen, denn wenn jede*r in der Lage wäre, sich grundlegende Fertigkeiten des Heilens anzueignen und sich Menschen dadurch gegenseitig heilen würden (so wie das natürlich dennoch schon immer stattfand, wenn sich Menschen gegenseitig pflegen, wenn sie krank sind), wäre dieser ganze Prozess viel weniger einheitlich und kontrollierbar.

Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, Kritiken nachzuvollziehen, die als Reaktion auf die derzeitige Corona-Pandemie einen Ausbau des Gesundheitssystems „fordern“ bzw. befürworten und/oder als Lösung in den Raum stellen. Das Gesundheitssystem auszubauen bedeutet doch nichts anderes, als dieses Expert*innentum einerseits und diese Ideologie der totalen Kontrolle über den Menschen andererseits fortführen zu wollen. Eine Medizin jenseits dieser Vorstellungen kann für mich nicht innerhalb dieses Gesundheitssystems liegen, ja nichteinmal in der Tradition dieser Medizin.

Für mich ist die derzeitige Medizin eine Institution, die ich zerstören muss, um frei sein zu können. Und ich wüsste nicht, warum der Ausbruch einer Pandemie daran etwas ändern sollte.