Betäubte Wut – Einige Worte über die befriedende Funktion der Psychiatrie

Die Psychiatrie gehörte seit langem zu meinen Phobien. Ich habe Jahre mit der Vorahnung verbracht, dass ich eines Tages dort enden würde, dass mein Wahnsinn, meine Wut, meine Einzigartigkeit eines Tages dort stranden würden, eines Tages dort erlischen würden. Ich dachte, dass meine Wünsche dem Existierenden so entgegen gesetzt seien, dass diese Widersprüche nur durch die Zwangseinweisung gelöst werden könnten, ein wahrer Segen für die Macht, die sich mit Leichtigkeit der zu lebendigen Geister entledigt.

Ihre Welt hat mich schon immer intensiv leiden lassen. Und als ich entdeckt habe, dass ich nicht die einzige Person war, die mit diesem permanenten Schmerz lebte, habe ich gleichzeitig versucht ihn zu bekämpfen und vor ihm zu fliehen. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich vor innerer Wut brannt, in denen ich, während ich die Stadt von einem Aussichtspunkt aus betrachtete, fühlte, dass ein Schlag meines Herzens ihres Geschäftsviertel entzünden könnte, ihre Kommissariate, ihre Unternehmen, ihre Banken, ihre kalte Welt.

Heute ist es mir nicht mehr möglich solche Gefühle zu empfinden. Ich habe zwei Jahre meines kurzen Lebens im wattigen Universum der psychiatrischen Medikation verloren. Überspringen wir das Trauma der wahnhaften Psychose, die Tage mit Blackout auf dem Bett liegend, die Tage, die ich damit verbracht habe ohne Ziel in einer geschlossenen Klinikabteilung herumzuirren und die Chimäre zu nähren, dass ich hier bald herauskomme, die demütigenden Bestrafungen, die Isolation und alles, was die psychiatrische Zwangseinweisung bedeuten kann. Ich habe sechs Monate gebraucht, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zeichnen, ich habe fast ein Jahr gebraucht, um aufs Neue lachen zu können. Aber jetzt, wo ich die Oberhand über die offensichtlichen Effekte eines psychiatrischen Traumas und der medikamentösen harten Drogen habe, ist der Schmerz, den ich heute empfinde, gedämpfter. Es ist der Schmerz, dass es nicht möglich war um eine geliebte Person zu trauern, die deren Welt auch fliehend verlassen hat. Es ist ein Schmerz, der es nicht möglich macht die Momente kollektiver Aufregung zu empfinden. Es ist ein Schmerz, weil ich nur eine gemäßigte Freude empfinde, nur ein Leid, das von seiner Tiefe abgetrennt wurde. Es ist der Schmerz darüber, gleichgültig geworden zu sein gegenüber allem, was kommen könnte, darüber das Leben ohne Leidenschaft zu durchqueren. Es ist der Schmerz darüber, mit Widersprüchen durch Ist-mir-alles-egal-ismus fertig geworden zu sein. Es ist der Schmerz darüber, keine emotionale Nahrung mehr zu haben, mit denen ich die radikalen Ideen nähren könnte, die mein Leben ausgemacht haben und diese um jede Praxis gebracht zu haben, aus Bequemlichkeit. Es ist der Schmerz darüber, die Wut nur noch wie eine Erinnerung zu kennen.

Indem ich meine Erfahrung mit der anderer verglichen habe, indem ich mit vertrauten Personen diskutiert habe, indem ich die Fakten analysiert habe, habe ich realisiert, dass ich mich nicht verändert habe, sondern dass ich lediglich in einer chemischen Zwangsjacke stecke, und dass ich aufgegeben habe, mich gegen sie zu wehren, weil ich vergessen habe, dass sie existiert. Man hat mir klar gemacht, dass mich der Lohnarbeit zu unterwerfen positiv wäre, damit meine Dosis reduziert werden könne, auf die ich keinen Einfluss habe, weil das, was ich sage, keine Berücksichtigung findet und weil jede Kritik oder zu klare Willensäußerung aufzuhören als „Nichteingehen“ auf die Behandlung gewertet wird, die mit der Verlängerung der Verabreichung von Depotinjektionen bestraft werden, mit denen man weder die Möglichkeit hat zu schummeln noch zu experimentieren.

Um Stück für Stück aufzuhören, um so die Risiken zu minimieren, bleibt mir nichts anderes übrig mich während der Zeit zu fügen, in der die heilige Objektivität des Psychiaters (der, er, weiß, was gut für mich ist) es für nötig hält, indem ich bei jedem Termin meine Normalität und meine soziale und wirtschaftliche Integration in diese Welt der Toten beweise. Parallel verhilft mir der chemische Effekt der Neuroleptika diese Situation der Unterwerfung mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu ertragen. Bis wann?

Da, wo die psychiatrische Behandlung zur Integration führt, führt die Behandlung mit Neuroleptika zur individuellen Befriedung durch die Vernichtung jeglichen Gefühls, das zu stark werden droht. Ade liebe Wut zu leben. So kanalisiert die Psychiatrie unter dem Deckmantel der „Heilung“ alles, was die autoritäre Gesellschaft nicht händeln oder tolerieren kann und verwandelt die Zu-Lebendigen in Kohorten betäubter Individuen, fügsam und rentabel, bereit sich in die infernale Maschine des Kapitals zu integrieren (möge es verrecken!). Dass ich meiner Klarheit beraubt wurde, verbittert mich und ich hoffe, dass ich eines Tages die Fähigkeit wiederfinden werde, das Leben voll zu empfinden. Um wieder anzufangen zu leben und zu kämpfen.

Meine Solidarität mit allen Psychiatrisierten und ihren Liebsten.

Nieder mit allen Mächten!

Übersetzt aus dem Französischen. Das Original wurde 2012 unter dem Titel „Rage endormie – Quelques mots sur la fonction pacificatrice des la psychiatrie“ bei Le Cri du Dodo veröffentlicht.