[Russland] Die Dunkle Seite des Netzwerk-Falls

Wir haben bereits früher über unsere Haltung zum Netzwerk-Fall [1] und damit verbundene Widersprüchlichkeiten geschrieben. Seither hat sich nichts zum Besseren gewandelt. Teilnehmer*innen wählten die Rolle typischer Opfer des Regimes und blieben damit von den Übrigen [Opfern] ununterscheidbar. Das war geeigneter für Eltern, Menschenrechtsaktivist*innen und liberale Kreise, die von einem neuen 1937 [2] schrieen. Das Verfahren gegen die Gruppe aus Penza endete nun und die Angeklagten erhielten hohe Strafen zwischen 6 und 18 Jahren.

Am schlimmsten von allem ist, dass die Öffentlichkeit mit den Autoritäten zusammenarbeitete. Der FSB [Inlandsgeheimdienst] versuchte das Verbrechen einer anarchistischen Verschwörung zu beweisen, während die Öffentlichkeit leidenschaftlich die bloße Existenz einer anarchistischen Organisation leugnete, ohne sich mit ihrer „Kriminalität“ auseinanderzusetzen. Dabei war in diesem Fall die bloße Existenz des anarchistischen Untergrunds von größtem Wert, er verlieh der grausamen Bestrafung, die stattfand, einen Sinn: Immerhin hatte es jemand gewagt, die verhasste Autorität herauszufordern. Wer weiß, hätten die Leute aktiv Position als Mitglieder des anarchistischen Untergrunds bezogen, hätten es die Autoritäten möglicherweise nicht gewagt, sie mit so großen Worten zu popularisieren.

Stattdessen wurden sie zu weiteren Opfern des russischen repressiven Systems, die demonstrativ bestraft wurden, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Weder die Autoritäten noch die Öffentlichkeit scherten sich darum, welche Ideen diese Typen hatten, Anarchismus blieb eine leere Phrase ohne jeden Inhalt. Für die Autoritäten scheinen Rechtfertigungen und Gewaltlosigkeit unangenehm zu sein; die schwachen werden immer nur umso stärker geschlagen und bestraft, umso mehr sie ihre Unschuld betonen. In diesem Fall wurde die größtmögliche Einschüchterung erreicht, die von der Öffentlichkeit weitestgehend aufgegriffen und verbreitet wurde. Wir können diese Entwicklung nur bedauern.

Wir könnten hier enden, wenn die Situation nicht noch schlimmer wäre. Es gibt dunkle Seiten in dieser Angelegenheit, die von der Solidaritätsgruppen und anderen beständig verschwiegen wurden. Im Herbst 2019 beschuldigten mehrere Frauen Arman Sagynbayev des Sadismus, der Vergewaltigung und des Verrats [3]. Es stellte sich heraus, dass Angehörigen der Gruppe aus Penza und einer Reihe anderer Anarchist*innen diese Fakten bis zu einem bestimmten Grad bekannt waren. Die Gruppe aus Penza verstieß Sagynbayev sogar „wegen seiner nicht tolerierbaren Einstellung zu Frauen“, aber blieb dennoch in irgendeiner Form in Kontakt mit ihm. Dennoch war Sagynbayev nicht der größte Scheißkerl von ihnen allen.

Anfangs war bekannt, dass Kulkov und Ivankin des Drogenhandels angeklagt waren. Es schien bloß eine persönliche, unbedeutende Episode zu sein. Mit der Zeit stellte sich durch die Materialien des Verfahrens und die  bei Chernov gefundene Korrespondenz jedoch die wahre Tragweite dieser „persönlichen Episode“ heraus. Mindestens sieben (!) Menschen der Gruppe aus Penza waren an der Produktion von und dem Handel mit Drogen im großen Stil beteiligt, die von Pchelintsev geleitet wurde. Vermutlich waren nur Shakursky und Kuskov, die den anderen nicht ganz so nahe standen, nicht in die Dinge eingeweiht. Das alleine ist für uns Grund genug, diesen Leuten verärgert den Rücken zuzuwenden und eine öffentliche Debatte über diese Situation zu führen. Wie kann dieses „Drogenkartell aus Penza“ als Revolutionär*innen und Held*innen betrachtet werden?

Die Fakten sind noch schockierender. Wegen der Drogen in die Falle gegangen entschieden Kulkov, Invankin und Poltavec zu fliehen. Mit ihnen flohen zwei weitere Mitglieder des Drogengeschäfts, die später entschieden, nach Hause zurückzukehren. Aber dort kamen sie niemals an. Sie wurden als unerwünschte Zeug*innen getötet. Für uns spielt es keine Rolle, wer sie getötet hat, für uns sind das die typischen Konsequenzen davon, das Kollektiv in eine Bande Drogenhändler*innen zu verwandeln.

Die Unterstützer*innengruppe fürchtete, dass derartige Informationen das Ansehen anderer Angeklagter im Netzwerk-Verfahren beschädigen könnten. Seit Februar 2019 zeichnete die Unterstützer*innengruppe ein positives Bild der Angeklagten aus Penza, indem sie die Gefühle und die Solidarität all derer, die an sie glaubten, manipulierten, in Russland und überall auf der Welt. Wie mensch sieht, führt die Deckung von Schuften, selbst wenn sie mit den besten Absichten erfolgt, stets zu den schlimmsten Konsequenzen für alle. Wegen dieser Art der Einstellung gegenüber der anarchistischen Bewegung ist es unmöglich, dem ABC Moskau weiterhin zu trauen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie nicht weiterhin derartige Informationen vertuschen.

Wir wollen gegenüber Anarchist*innen auf der ganzen Welt betonen, dass die Mitglieder der Autonomen Gruppen des Netzwerks aus Petersburg und anderen Städten nichts mit den schändlichen Ereignissen in Penza zu tun haben.

Wir rufen auf zur Solidarität mit Ilya Romanov, Viktor Filinkov, Julian Boyarshinov, Azat Miftakhov und Evgeny Karakashev.

Übersetzung aus dem Englischen von „The Dark Side of the Network Case“ bei Anarchia Today

[1] Der Text ist im Original auf der Seite Anarchia Today nachzulesen. Eine Deutsche Übersetzung ist im Juni 2018 als Broschüre mit dem Titel „Russische Realitäten“ erschienen.

[2] Das ist wohl eine Anspielung auf die großen Säuberungen Stalins von 1936 bis 1938. Erstmals wurde dieser Vergleich von einem der Rechtsanwälte in dem Verfahren gezogen.

[3] Nachzulesen hier: http://arman.people.ru.net/en/