Eigentum: Fragmentarische Notizen zu einem umkämpften Begriff

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Was ist Eigentum? Zunächst erscheint der Begriff des Eigentums klar zu sein: Das, was ich besitze, also das, das ich bei mir trage, das was ich in meinen Räumlichkeiten lagere, die Dinge, über die ich gebiete, sind mein Eigentum. Doch schnell wird klar, dass dies kein universelles Begriffsverständnis sein kann: Über welche Dinge kann ich gebieten und was ermöglicht es mir, das zu tun? Wenn ich mir etwa ein Stück Land kaufe, mir ein Stück Land zugeteilt wird oder ich dieses Stück Land einfach in Besitz nehme, gehört es mir dann? Gehört es mir alleine? Gehört es mir auf Dauer? Und wie ist das mit einem schicken oder nützlichen Gegenstand, den ich besitze, weil ich ihn gekauft, gefunden, gestohlen, geschaffen oder geschenkt bekommen habe? Gehört er mir? Und wenn ja: gehört er mir auch, wenn ich ihn gar nicht benötige/benutze? Gehört er mir auch noch, nachdem er mir gestohlen wurde? Jedes Verständnis von Eigentum würde die aufgeworfenen Fragen unterschiedlich beantworten: Das derzeit vermutlich gängigste, kapitalistische Eigentumsverständnis etwa würde mir in der Regel das (alleinige) Recht auf Eigentum an einem Stück Land zusprechen, wenn ich es legal erworben (z.B. gekauft) habe, während ein kommunistisches Verständnis von Eigentum vermutlich argumentieren würde, dass Land nur „allen“ gehören könne, ich es aber im Auftrag der „Gemeinschaft“, der „Kommune“ oder eben des kommunistischen Staates gerne „bewirtschaften“ dürfe, nachdem es mir zugeteilt wurde, sofern ich dann die „Erträge“ auch fair mit ebenjenen teile. Ich bin für die Feinheiten beider Verständnisse von Eigentum kein*e Expert*in, da ich sie beide ablehne. Ich kann jedoch nicht umhin, eine für mich maßgebliche Gemeinsamkeit in diesen Eigentumsbegriffen zu sehen: Beide kommen nicht ohne eine ordnende Instanz, einen Staat, aus, denn ansonsten wären beide Verständnisse von Eigentum wehrlos gegen eine dritte Form der Inbesitznahme neben kaufen und zugeteilt bekommen, das sich etwas einfach nehmen [1].

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Meine Überlegungen zu Eigentum gehen davon aus, dass jede Form einer ordnenden Instanz, jede Form eines Staates meiner Freiheit feindlich gesinnt ist. Das offenbart sich ganz einfach durch ein einfaches Gedankenexperiment: Wenn eine solche Instanz tatsächlich die Mittel dazu besitzt, eine bestimmte Vorstellung von Eigentum – oder irgendeine andere allgemeine Vorstellung – durchzusetzen, bedeutet das, dass diese Mittel auch gegen mich verwendet werden können, denn selbst wenn ich alleine im Besitz der Staatsmacht wäre, könnte eine*r auf die Idee kommen, mich zu entmachten (gegen mich zu putschen) und so die Staatsmacht gegen mich zu gebrauchen. Jedenfalls besäße eine ordnende Instanz, also ein Staat im Falle eines Interessenskonfliktes, in dem meine Interessen gegen die vom Staat vertretenen Interessen stehen, die Mittel, um seine Interessen gegen die meinen durchzusetzen. Wenn ich jedoch meinen Interessen nur dann nachgehen kann, wenn diese sich zufällig mit den Interessen des Staates decken, dann bin ich in meiner Freiheit eingeschränkt. Folglich kann ich nicht umhin, jede Form von Staat als meinen Feind zu betrachten. Insofern steht für mich fest, dass ich hinsichtlich meines Verständnisses von Eigentum nicht auf eine staatliche Instanz vertrauen kann, die dafür sorgt, dass dieses Verständnis von Eigentum auch tatsächlich von allen anderen Menschen respektiert wird.

Daraus folgt für mich, dass ich Eigentum nur daran haben kann, was ich – im Falle, dass eine*r dieses Eigentum nicht respektiert – auch selbst verteidigen kann und will, und zugleich, dass es soetwas wie ein „Eigentum Aller“, ein „kollektives Eigentum“ oder wie mensch das auch sonst nennen will, nicht bzw. nur an den Dingen geben kann, auf die (gerade) keine*r Anspruch erhebt. Mit anderen Worten: All diese Formen kollektiven Eigentums wären dann gleichbedeutend damit, dass eine Sache eben keine*n Eigentümer*in hat.

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„Dann unterscheidet sich deine Vorstellung von Eigentum ja gar nicht von der kapitalistischen Vorstellung von Eigentum“, mag da eine*r derjenigen entgegnen, die so gerne hätten, dass Alle Alles besitzen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, möchte ich dennoch versuchen, dieses gängige Missverständnis durch einige weitere Erläuterungen aufzuklären. Der grundlegende Unterschied dabei ist, dass mein Verständnis von Eigentum keines Staates bedarf. Es spielt also keine Rolle, ob ich etwas gekauft habe, ob ich es gestohlen habe, ob ich es zugeteilt bekommen habe oder ob ich es selbst geschaffen habe. Wenn sich ein Gegenstand in meinem Besitz befindet und ich in der Lage dazu und willens bin, mein Eigentum an ihm gegen all diejenigen, die diesen Gegenstand in ihren Besitz bringen (oder ihn zerstören/beschädigen/verändern) wollen, zu verteidigen, dann gehört er mir, ist mein Eigentum. Wenn nicht, nun dann kann ich höchstens sagen, dass er einmal mein Eigentum gewesen ist. Ich kann mir natürlich auch überlegen, wie ich, nachdem mir ein Gegenstand gestohlen wurde, diesen wieder in meinen Besitz bringen kann oder ich kann mich an der*demjenigen rächen, die*der mein Eigentum zerstört oder beschädigt hat. Was ich jedoch nicht kann – und das ist es, was die kapitalistische Vorstellung von Eigentum ausmacht –, ist einen Staat um Hilfe zu bitten, der dann an meiner statt für Bestrafung und Disziplinierung meiner Exproprieteur*innen sorgt und mir vielleicht oder vielleicht auch nicht mein Eigentum zurückbeschafft.

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„Aber dann werden diejenigen, die stärker sind als Andere den Schwächeren alles wegnehmen“, mögen darauf all diejenigen entgegnen, die Fans einer ordnenden Instanz sind. Und die Anhänger*innen der kommunistischen „Alles Allen“-Vorstellung mögen vielleicht noch ergänzen, dass dieses Verständnis von Eigentum dann ja wie die kapitalistische Vorstellung von Eigentum dazu führen würde, dass einige in der Lage sind, Eigentum anzuhäufen – oder wie manche es geschwollen ausdrücken, zu akkumulieren -, während andere nur sehr wenig Eigentum besitzen werden. Nun, mitnichten. Oder zumindest nicht in größerem Maße, als das mit einer ordnenden Instanz unweigerlich passieren wird. Beim kapitalistischen Staat ist das offensichtlich: Die sogenannten Kapitalist*innen können Eigentum anhäufen und der Staat schützt ihre Interessen dabei, während die sogenannten Lohnsklav*innen zur Erlangung der notwendigsten Güter gezwungen sind, für sie zu arbeiten. Beim kommunistischen Staat ist das eigentlich ähnlich offensichtlich, auch wenn das von seinen Verfechter*innen beständig geleugnet wird: Irgendwer muss diesen Staat ja regieren. Und da der Staat statt der Individuen alles besitzt (weil es ja im Wesentlichen nur „kollektives Eigentum“ geben soll [2]), müssen eben all die Menschen, die nicht direkt oder indirekt an der Regierung des Staates beteiligt sind, arbeiten, um die notwendigsten Güter zu bekommen. Und selbst wenn mensch annimmt, dass es wirklich keine*n gäbe, der*die irgendwelche Privilegien geniesen würde – meiner Meinung nach eine ziemlich absurde Vorstellung –, so müssten sich eben alle Menschen dafür versklaven, um vom „kollektiven Eigentum“ so viel abzubekommen, wie sie zum Leben brauchen. Meinem Verständnis von Eigentum zufolge wären einzelne Individuen zwar vielleicht in der Lage dazu, ihr Eigentum besser zu verteidigen, weil sie stärker, einfallsreicher oder gerissener als Andere sind, letztlich jedoch könnten sie nur so viel Eigentum anhäufen, wie die Anderen ihnen zugestehen, denn egal wie stark, einfallsreich oder gerissen eine Person im Vergleich zu einer anderen ist, im Vergleich mit zwei, drei oder vielen Anderen ist diese Überlegenheit relativ bedeutungslos. Das ist übrigens das gleiche Prinzip auf das auch ein Staat setzt, wenn er seine Macht ausübt, nur eben, dass die Menschen sich meiner Vorstellung gemäß als Individuen und zu einem bestimmten Zweck kurzfristig zusammenschließen und diese Vereinigung mit der Erreichung ihrer Ziele (beispielsweise eine „stärkere“ Person zu enteignen) wieder auflösen. Somit gibt es keine Institution, keine Struktur, eben keinen Staat, den irgendwer einfach (dauerhaft) für seine*ihre Zwecke missbrauchen könnte. Nach dem selben Prinzip könnten sich natürlich auch die „schwächeren“ Menschen dagegen zur Wehr setzen, dass ihnen von den „Stärkeren“ alles weggenommen wird. Aber vielleicht wäre das ja auch gar nicht nötig. Denn nur weil Menschen keine Repression durch einen Staat fürchten müssen, heißt das schließlich nicht, dass sie sich deshalb in absolute Arschlöcher verwandeln.

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„Aber diejenigen, die viel Eigentum besitzen könnten doch einfach andere Menschen bezahlen, damit diese ihr Eigentum verteidigen.“ Aber warum sollten diese Menschen auf diesen Deal eingehen? Statt das Eigentum einer anderen Person zu schützen, d.h. mitunter heftige Verletzungen/den Tod in Kauf zu nehmen, um selbst ein kleines Stück vom Kuchen abzubekommen, könnten sie diese Person, die offensichtlich zu viel Eigentum besitzt, doch auch einfach bestehlen. Warum sollten sie also so etwas tun?

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„Aber das heißt doch, dass deine Vorstellung von Eigentum auf dem Egoismus der Menschen aufbaut.“ Ganz genau, jetzt hast du es verstanden.

Anmerkungen

[1] Nun im Falle eines Stück Landes sind sie das weitestgehend trotz eines höchst repressiven Staates, dem es zwar meist gelingt, dieses Eigentum vor Menschen zu schützen, nicht aber vor anderen Lebewesen. Pflanzlichen und nichtmenschlichen tierischen Lebewesen gelingt es nur allzu oft und das trotz widerlichster Abwehmechanismen in Form von Barrieren, Giften, usw., sich den Platz, den sie brauchen einfach zu nehmen. Spätestens wenn ein Areal einige Jahre lang brach liegt.

[2] Im Wesentlichen bedeutet, dass es neben denjenigen Menschen, die wohl gerne wie beim Militär selbst ihre Unterwäsche vom Staat zugeteilt bekommen wollen auch seltsame Mischformen von Eigentumsvorstellungen gibt, bei denen die „erlaubte“ Menge des Privateigentums dadurch bestimmt werden soll, was jede*r in eine Kiste einer bestimmten Größe quetschen kann.