Gegen Recht(s) und Gesetz!!!

In Sauerlach bei München gibt es seit nun beinahe zwei Jahren eine Nazi-WG. In der Schützenstraße 34a wohnen und leben mehrere engagierte Faschist*innen unter einem Dach zusammen. Kürzlich konnte mensch bei Indymedia lesen, dass das einigen Menschen, offenbar ein Dorn im Auge war und sie deshalb in der Nachbarschaft dieser autoritären Geister mit Plakaten und Flyern auf diesen rechten Rückzugsort aufmerksam machten und darauf zu „Konsequenzen“ aufforderten.

In dem bei Indymedia dokumentierten Text des Flyers werden vor allem zwei Personen dieser Nazi-WG namentlich genannt und eine Kritik an dieser folglich auch anhand dieser beiden Personalien entwickelt: Christoph Zloch alias „Chris Ares“ und Richard Günther „Rick“ Wegner. Über beide Personen gibt es viel zu sagen: Beide sind Teil rassistischer, nationalistischer und zum Teil auch offen faschistischer Gruppierungen gewesen oder sind es bis heute, die vor allem durch bürger*innenwehrartiges Auftreten aufgefallen sind. Beide waren in der Vergangenheit auch an körperlichen Auseinandersetzungen mit Antifaschist*innen beteiligt – wobei es auch da immer zwei Seiten gibt und ich befürworte es durchaus, Nazis zu verkloppen, dann muss ich ihnen zumindest zugestehen, dass sie das umgekehrt auch für richtig halten – und beide vertraten in der Öffentlichkeit ihre faschistischen Ideologien.

Der verteilte Flyer erzählt von den meisten dieser Begebenheiten. Daneben sind jedoch auch ganz andere Passagen zu lesen. Chris Ares, so liest mensch in dem Flyer, sei „wegen Fahrerflucht, Diebstahl , Verleumdung, übler Nachrede sowie wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz rechtskräftig verurteilt“ und werde „sogar vom sonst auf dem rechten Auge blinden Bayrischen Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet und seit 2018 im bayrischen Verfassungsschutzbericht namentlich erwähnt.“ In ähnlicher Manier wird auch von Rick Wegner berichtet, dass er „verurteilter Mörder“ sei und „15 Jahre im Gefängnis wegen zwei bewaffneten Raubüberfällen und eines vorsätzlichen Mordes“ verbracht habe. What the Fuck?!

Ich frage mich wirklich, was die Menschen, die diesen Flyer verfasst haben, sich dabei gedacht haben! Die Verfasser*innen haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, die konkreten Hintergründe für die den Verurteilungen dieser Nazis zugrundeliegenden Taten darzulegen, geschweige denn warum sie diese Verurteilungen für irgendwie relevant hinsichtlich ihres Anliegens halten. Dem Repressionsapparat des Staates wird auf diese Art und Weise uneingeschränkte Autorität – nicht dass ich eine eingeschränkte Autorität irgendwie besser fände – eingeräumt. Die Tatsache, dass ein Mensch von einem Gericht des Staates verurteilt wurde, scheint für die Verfasser*innen in diesem Fall also völlig undifferenziert dazu geeignet zu sein, zu beweisen, dass dieser Mensch ein „schlechter Mensch“ ist, den es anzugreifen gilt. Es wird sich hier also nicht nur einverstanden mit staatlicher Repression erklärt – weil sie offenbar im Sinne der Verfasser*innen dieses Flyers wirkt –, sondern diese wird sogar zu einem Hauptargument gegen eine Person. Wozu sich die Mühe machen, detailliert darzulegen, warum mensch die Positionen von Chris Ares scheiße findet, ist doch viel einfacher die Autorität des Verfassungsschutzes zu nutzen – und sich damit auch dessen Perspektive, der solche „Outings“ übrigens als „Linksextremismus“ ebenfalls verurteilt, einzuverleiben.

Vielleicht ist genau das die Perspektive dieser Menschen, nämlich mit und durch den Staat die autoritären Ideologien von Faschist*innen anzugreifen, vielleicht ist es für sie auch nur gerade oportun, sich diese Perspektive einzuverleiben, weil sie sich damit größere Erfolgschancen dabei einräumen, die Nazis in der Öffentlichkeit zu delegitimieren. Für mich ist das einerlei! Für mich gilt: Diese Handlung, diese (uneingeschränkt) positive Bezugnahme auf den Staat ist für mich das Gegenteil einer antifaschistischen Perspektive! Nicht dass ich hier in den „ANTIFA = Faschist*innen“ Chor der politischen Rechten einstimmen möchte. Für mich ist ein solches Vorgehen schlicht autoritär. Statt sich eigene Wege einer Kritik und Konfrontation faschistischer Ideologien und Akteur*innen zu überlegen, wird hier argumentativ auf den Staat zurückgegriffen. Auf jene Machtinstrumente (Justiz, Verfassungsschutz), die von den Herrschenden eingesetzt werden, um ihre Herrschaft zu erhalten. Das sind übrigens weitestgehend die selben Instrumente, die auch faschistische Staaten einsetz(t)en, um ihre Ziele zu erreichen.

Für mich kann kein Staat dieser Welt ein Verbündeter im Kampf gegen Faschist*innen sein. Ein autoritäres Prinzip gegen ein anderes austauschen? Das klingt für mich nach einer Rechtfertigung für eigene autoritäre Sehnsüchte!

Auf dass wir alle Staaten einreißen!