Nur ein toter Gott ist ein guter Gott

Es ist zwar eine absurde Vorstellung, aber doch eine, die sich schon seit schier ewigen Zeiten zu halten scheint: Die Vorstellung eines Gottes oder manchmal auch mehrerer Gottheiten, der/die da irgendwo jenseits dieser Welt existieren soll(en). Eine Vorstellung, die sich als alles andere als ein harmloses Schauermärchen oder eine hoffnungsgebende Illusion entpuppt, eine Vorstellung die geschaffen wurde, um Menschen zu beherrschen und die bis heute aus eben jenen Gründen aufrechterhalten wird.

Die Vorstellung des christlichen Gottes – und ähnliches gilt auch für beinahe alle anderen Gottheiten – hat den verschiedenen Kirchen, Prister*innen, sowie nicht institutionellen Prediger*innen, die sich dennoch Gehör verschaffen können, unvorstellbaren Reichtum gebracht. Alleine die römisch-katholische Kirche in Deutschland soll einen Besitz von rund 200 Milliarden Euro haben und größte private Immobilieneigentümerin sein. Dabei ist das Vermögen, das die Vorstellung von Gott den Kirchen und ihren Bediensteten einbringt, bei weitem nicht die gesamte Tragweite dieser Illusion. Neben finanziellem Vermögen verleiht der Glaube an Gott seinen Prediger*innen auch große Macht. Macht, die seit Jahrhunderten die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft formte, Macht die zusammen mit der Macht des Staates die Normen dieser Gesellschaft bestimmt, Macht die nicht nur die Gottesgläubigen und -fürchtigen unterwirft, sondern auch diejenigen, die sich weigern, einer solch absurden Idee Glauben zu schenken, für die es auch nach mehreren Jahrtausenden keinerlei nachhaltige Anhaltspunkte gibt.

Die Macht derjeniger, die von Gott predigen und vorgeben in seinem Sinne zu sprechen gegenüber jenen, die ihnen Glauben schenken bedarf denke ich keinerlei weiterer Erläuterung. Sie geben Ratschläge und Empfehlungen, manchmal sogar Ermahnungen, mit denen sie sich in das Leben anderer Menschen einmischen und versuchen, dieses nach ihren Vorstellungen zu formen. Gehorcht irgendwer ihren Vorstellungen nicht, so wird diese Person je nach Glaubensgemeinschaft stigmatisiert: Wer den christlichen Idealen zuwider lebt, beispielsweise indem sie*er seine*ihre Sexualität jenseits der beengenden Grenzen einer heterosexuellen, monogamen und zum Teil auch ehelichen Beziehung auslebt, wird von der Glaubensgemeinschaft stigmatisiert. Gerade dieses Beispiel eignet sich aber auch gut, um zu zeigen, dass es nicht nur die gläubige Gemeinschaft ist, die diese religiösen Vorstellungen reproduziert, sondern auch eine vermeintlich säkulare Gesellschaft: Wenngleich vielleicht der Aspekt der Ehe jenseits religiöser Gemeinschaften von geringerer Bedeutung sein mag, bleiben die gleichen Vorstellungen von Monogamie und Heteronormativität bestimmend für das Denken der Menschen. Ein Leben außerhalb dieser Vorstellungen gilt vielen als lasterhaft. Bestimmte christliche Ansichten hinsichtlich Reproduktion sind gar bis heute gesetzlich verankert, beispielsweise Regelungen zur Abtreibung, die es schwangeren Personen ab einem bestimmten Zeitpunkt verbieten, einen Abbruch vorzunehmen und ihnen zuvor ebenfalls Steine in den Weg legen.

Dabei ist es selbstverständlich nicht der Einfluss der Religion auf den Staat, sondern der Staat selbst, dem meine Feindschaft gilt, doch bemerkenswert bleibt dabei für mich dennoch die Rolle, die zum Erhalt des Staates der Religion zukommt. Religiöse Vorstellungen sind prägend für die Erziehung von Kindern innerhalb von Schule und Familie, sie tragen maßgeblich dazu bei, jene Moralvorstellungen zu etablieren, die der Staat in Form von Gesetzen durchsetzt. Ob mensch es nun Dekalog, kategorischer Imperativ oder Gesetze nennt, das Prinzip hinter all dem ist der Anspruch zu herrschen, indem mensch darüber bestimmt, in welchen Bahnen sich das Leben anderer Menschen bewegt.

Dabei sind die inhaltlichen Überschneidungen zwischen Dekalog und deutschem Strafgesetzbuch enorm: „Du sollst nicht stehlen“, sprach Gott einst zu Moses und so verfolgt der Staat heute alle diejenigen, die sich seinem Wort widersetzen. „Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht“, sprach Gott. Heute verbietet der Staat die Arbeit an Sonntagen. „Du sollst nicht morden,“ sprach Gott und heute ist es der Staat, der diejenigen straft, die einen anderen Menschen getötet haben. In diesem Sinne hat sich die Vorstellung von Gott, so absurd sie auch sein mag, als selbsterfüllende Verheißung entpuppt: Eine Verheißung, die durch eben jene erfüllt wird, die zugleich glauben, dass Gott dahintersteckt.

„Wenn Gott wirklich existieren würde, müssten wir ihn beseitigen“, schrieb Bakunin einst. Und während Anarchist*innen und andere Revolutionär*innen seither mit einigem Erfolg Könige, Zaren, Kaiser, Polizeipräsidenten, Fabrikbesitzer und viele weitere weltlichen Herrscher*innen beseitigten, so ist es ihnen doch bis heute nicht gelungen, diesen Gott, der alleine durch seine Existenz in den Köpfen der Menschen zu herrschen vermag, zu stürzen.

Da bleibt die Frage: Warum nicht? Während Messer, Revolver und etwas Sprengstoff sich als verlässliche und unabdingbare Mittel im Kampf gegen die weltlichen Herrscher*innen dieser Welt entpuppt haben, mussten diese Mittel bei einem göttlichen Feind scheitern. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Herrscher*in und Beherrschten. Sind nicht diejenigen, die die Existenz und die Lehren Gottes so vehement verteidigen nicht oft auch die größten Opfer dieser Ideologie? So haben viele versucht, Gott zu widerlegen, hielten das für das brauchbarste Mittel, um ihn zu stürzen. Sie alle sind gescheitert, mussten scheitern. Wie soll mensch auch etwas widerlegen, das seit jeher nur in den Köpfen der Menschen existierte? Etwas, das von geschickten Demagog*innen stets als unbegreiflich für den menschlichen Verstand inszeniert wurde, etwas, das sich dieser Welt ohnehin zu entziehen scheint?

Gott zu widerlegen erscheint mir der falsche Ansatz. Schließlich lasse ich mich dabei überhaupt erst auf die Ebene derjenigen herab, die die Vorstellung von Gott zur Herrschaft über andere Menschen nutzen. Und während ich mit ihnen darüber diskutiere ob es Gott nun tatsächlich gibt oder eben nicht, bleibt das Prinzip Gottes intakt: Er spaltet in Gläubige und Zweifler*innen, wobei er letzteren großzügig zu vergeben pflegt und ihnen jederzeit eine neue Chance eröffnet. Ein kluger Schachzug, denn wäre Gott nicht so gütig gegenüber all den Sünder*innen, er hätte längst alle Menschen gegen sich aufgebracht.

Statt zu versuchen, Gott zu widerlegen, will ich einen anderen Weg einschlagen. Ich will ihn zerstören, vernichten, töten. Es ist mir egal ob Gott existiert oder nicht, denn selbst wenn ich das für mehr als unwahrscheinlich halte, würde seine Existenz doch nichts für mich ändern. Wenn ich an Gott glaube, mache ich mich selbst zum*zur Sklav*in, wenn Gott dagegen existiert, dann hat er mich zur*zum Sklav*in gemacht. Das Resultat bleibt das gleiche. Ich will jedoch kein Dasein als Sklav*in fristen. Ich will ein Leben in Freiheit führen. Und genau deshalb ist es mir einerlei ob Gott existiert oder nicht, für mich steht fest: Er ist einer meiner schlimmsten Feind*innen und jede*r seiner Prediger*innen versucht mich unter seine Herrschaft zu unterwerfen.