Mobbing als Methode im Kampf gegen Gentrifizierung?

Inhaltshinweis: Im folgenden Text geht es um Gewalt, dabei geht es im Besonderen auch teilweise relativ detailliert um Mobbing, jedoch werden auch andere Formen der Gewaltausübung, wie beispielsweise sexualisierte Gewalt oder Pogrome, genannt.

In Reaktion auf meinen Artikel „Wer mobbt hier wen?“ aus dem Zündlumpen Nr. 033 bekam ich die Rückmeldung einer Person zugetragen, die den Begriff „Mobbing“ im Kontext von Antigentrifizierungskämpfen verwendet. Dabei sei für sie „Mobbing“ eine Strategie, ohne dabei eine positive Bezugnahme auf den Psychoterror gegenüber Schüler*innen oder anderen Personen zu meinen. In dieser Sichtweise umfasse der Begriff „Mobbing“ eher ein Repertoire an Methoden, das je nach Einsatzzweck ok oder eben nicht ok sei. Das Mobben von Bull*innen, Yuppies, Chefs, Lehrer*innen und sonstigen Personen, die eine Machtposition innehaben oder Privilegien, die zur Verdrängung marginalisierter Personen führen, sei in Ordnung, denn die Mittel von Psychoterror, wie beispielsweise den wiederholten Angriff auf ihr Zuhause, das Taggen von Drohbotschaften oder das Anzünden ihres Autos, seien hier Mittel zum Zweck, nämlich zum Kampf gegen Herrschaft, Privilegien und Verdrängung.

Ich beziehe mich im folgenden Artikel auf die Argumentation, wie ich sie weitergegeben bekommen habe und nutze sie, um noch einmal genauer auf das Thema eingehen zu können, ohne aber wahrscheinlich die ganze Argumentation zu kennen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn dieser Artikel zu einer Debatte zu diesem Thema beitragen könnte, sodass ich keine Monologe führe.

Wenn wir uns hier um den Begriff „Mobbing“ streiten, dann sind wir bereits mitten in der schwierigen Frage danach, welche Gewaltmittel im Kampf gegen Herrschaft und Unterdrückung zu Befreiung führen, und welche neue Formen von Herrschaft ausüben. Es gibt Anarchist*innen, die der Meinung sind, dass jede Form der Gewaltausübung bereits die Ausübung von Herrschaft sei. Der Meinung bin ich jedoch nicht, denn ich bin der Ansicht, dass auch das Nichtstun eine Form der Herrschaft sein kann, zumindest das Zulassen und Dulden und Unterstützen von Herrschaft. Ich wünschte, ich wäre damals in der Schule, als ich von vielen ausgelacht und von allen ausgeschlossen war, auf die Idee gekommen mich zur Wehr zu setzen, und zwar in Form von Gewalt, und wäre damals nicht so verdammt pazifistisch gewesen. Ob es was gebracht hätte? Keine Ahnung, vielleicht nicht. Es jedoch einfach hingenommen zu haben und nur versucht zu haben, noch netter zu allen zu sein und dankbar für jedes freundliche Wort zu sein, selbst wenn dieselbe Person am Vortag noch mit den anderen gelacht hat, als ein Witz auf meine Kosten gemacht wurde, das hat mir sicherlich nicht gut getan. Und mich heute mit der Entschlossenheit in den Straßen zu bewegen, dass wenn jemand mich angreift, ich mich verteidigen werde, fühlt sich auf jeden Fall deutlich empowernder an, als mir nur die ganze Zeit zu wünschen, dass ich hoffentlich niemandem als Opfer auffalle, in dem Wissen, dass ich nichts dagegen tun kann. Ich möchte pazifistischen Anarchist*innen nicht unbedingt vorwerfen vollkommen passiv zu sein, jedoch finde ich, dass es auch befreiende Gewalt geben kann und ich wünschte ich hätte davon in meiner Schulzeit Gebrauch gemacht.

Jedoch muss jede*r, die*der befreiende Gewalt ausübt, sich auch fragen, wo die Grenzen liegen, wo die Gegengewalt umschlägt in eine neue Form der Herrschaft und Ausbeutung. Denn ich bin absolut nicht der Meinung, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass, wenn mein Ziel die Zerstörung der Herrschaft ist, absolut jedes Mittel, das ich einsetze, diesem Ziel dient. Vermutlich würden alle aufschreien, wenn jemand „Pogrome gegen Yuppies“ taggen würde oder im Kampf gegen Herrschaft Bull*innen vergewaltigen würde. Womit wiederum viele kein Problem mehr haben, ist, wenn es um diverse Diskriminierungsformen geht, wie beispielsweise dickenfeindlich gegenüber einem Nazi zu sein oder Sexismus gegen Bullinnen oder Rassismus gegen MVG-Kontrolleur*innen zu feiern oder sogar selbst zu äußern. Dabei möchte ich nicht alles verurteilen, was Menschen tun, wenn sie durch die Machtausübung einer Person unmittelbar zu leiden haben, wie Schüler*innen, die von Lehrer*innen schikaniert werden oder Menschen, die von Bull*innen fertiggemacht werden, und diese sich dagegen wehren, auch wenn es auf eine miese Art und Weise ist, die ich grundsätzlich nicht gutheißen will. Grundsätzlich muss natürlich auch jede Person für sich entscheiden, wie sie sich zur Wehr setzen will und es ist auch sehr unterschiedlich, welche Mittel einer Person zur Gegenwehr überhaupt zur Verfügung (zu) stehen (scheinen).

Aber kann Mobbing je eine befreiende Wirkung haben? Kann mensch „Mobbing“ als ein gewisses Werkzeugarsenal betrachten, das im Kampf gegen die richtigen Personen eingesetzt werden kann. Meiner Meinung nach ist da das Verständnis von „Mobbing“ einfach falsch und kommt einer Verharmlosung dieser Gewalthandlungen gleich, die ebenso wie bei Vergewaltigungsfantasien à la „Fickt die MVG“ mit aufgemaltem Penis, keine Sensibilität für die Betroffenen solcher Gewalthandlungen ausdrückt, im schlimmsten Fall sogar gutheißt. Irgendwo lassen sich auf den ersten Blick Parallelen mit Mobbing erkennen, denn mensch übe ja wiederholte Angriffe auf „Yuppies“ aus, und mensch versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, in der „Yuppies“ sich im Viertel so unwohl fühlen, dass sie wieder wegziehen. Ich kann nachvollziehen, wie mensch diesen Schluss ziehen kann, doch meiner Meinung nach ist Mobbing etwas anderes, und sollten die Handlungen im Kampf gegen Gentrifizierung tatsächlich in Mobbing münden, dann werde ich gegen diese Menschen kämpfen, selbst wenn ihre Absichten noch so edel sein mögen. Denn Mobbing richtet sich gezielt gegen eine bestimmte Person, vielleicht noch gegen einige wenige Personen, die gezielt von einer Gruppe mit den miesesten Mitteln wie Demütigung oder Verleumdung fertig gemacht werden, die in keiner Relation zu ihren Taten stehen. Wenn mensch allgemein gegen „Yuppies“ kämpft, dann richtet sich das nicht gegen eine bestimmte Person – auch wenn mensch da schon ein wenig aufpassen muss, keine verallgemeinerte Personengruppe, die mensch auch meint an äußerlichen Merkmalen erkennen zu können, zu seiner*m erklärten Hauptfeind*in zu machen, der mensch kein Reflexionsvermögen zutraut und in ihnen keine möglichen Kompliz*innen mehr sieht – und bedient sich nicht solcher Methoden. Wenn ich das Viertel besprühe, Dinge dort kaputtmache und sogar ab und an mal ein Auto anzünde, dann damit das Viertel als nicht gemütlich gilt, als hässlich, als ein Viertel, wo du dir nicht sicher sein kannst, dass, wenn du dein Auto irgendwo parkst, es am nächsten Morgen noch heil ist. Das ist jedoch etwas anderes, als wie wenn ich mir jetzt – sagen wir – drei Personen aus diesem Viertel aussuche und diese gezielt fertig mache, unabhängig von ihren Taten, einfach nur, weil sie für mich wie „Yuppies“ aussehen, indem ich ihnen Drohbriefe schreibe, sie verfolge, ihre Verwandten bedrohe, sie nachts anrufe, ein Sexvideo von ihnen ins Internet stelle, sie wegen Kinderpornographie anzeige oder was einer*m sonst noch einfällt, wenn mensch eine andere Person einfach nur zerstören will. Viele der Dinge, die ich gerade genannt habe, finde ich dabei nie in Ordnung, selbst wenn ich der Person real etwas vorzuwerfen habe, denn dann kann ich sie für das kritisieren und angreifen, was sie real getan hat.

Was typischerweise Mobbing ausmacht, ist die Wiederholung von Taten – Mobbing findet selten nur durch ein einziges Ereignis statt, sondern durch eine ganze Reihe an Taten –, die dazu dienen, einen Menschen psychisch fertigzumachen, diesen Menschen also im Extremfall – der allerdings nicht so selten ist – in den Selbstmord oder zum Amoklauf zu treiben. Doch auch wenn es so weit nicht kommt, hinterlässt Mobbing häufig tiefe Wunden, unter denen Betroffene noch jahrzehntelang leiden können. Meine Erlebnisse mit Mobbing sind inzwischen über zehn Jahre her und trotzdem muss ich heute noch weinen, wenn ich davon erzähle. Ich bringe es auch bis heute kaum fertig darüber zu reden und diese Artikel sind meine ersten Versuche daran etwas zu ändern.

Zu den Zeiten, als ich in der Schule gemobbt wurde, hatte ich Freund*innen in einem Verein. Eines Tages lachten sie alle darüber, dass irgendwer geschafft hatte, eine*n Lehrer*in aus der Schule zu mobben. Nur ich blieb stumm und mein Herz brannte und ich hoffte, dass niemand herausfinden würde, dass ich auch so eine war, so eine, über die Menschen freudig lachten, dass sie es geschafft hatten mich irgendwo rauszumobben. Das hatte ich sogar schon erlebt, als ich die Schule wechseln wollte, was ich dann doch nicht gemacht hatte. Dass ich in meiner Schule der „Yuppie“ war, bzw. natürlich in dem Kontext „die Streberin“ – ein Vorwurf, der meiner Meinung nach damals nicht berechtigt war, aber was spielte das für eine Rolle? Keine, der Vorwurf war doch nur Vorwand, um mich fertigmachen zu können –, durfte in meinem Verein niemand wissen, denn ich hatte Angst, dass wenn sie meine „wahre Identität“ herausfinden würden, nämlich „die gemobbte Streberin“ zu sein, sie mich ebenso verachten würden wie alle anderen.

Wenn ich heute sehe, dass irgendjemand zum „Mobbing“ aufruft, egal gegen wen, dann denke ich an diese Situationen zurück, dann schmerzt alles in mir, dann möchte ich weinen und schreien, dann schäme ich mich, wie ich mich damals geschämt habe. Selbst wenn ich anerkennen kann, dass mensch etwas anderes mit „Mobbing“ meint und es „nicht so gemeint hat“, werde ich jeden Tag übermalen, der irgendwen „mobben“ will und jedes Plakat abreißen, das zum „Mobbing“ aufruft. Denn mein Verständnis ist davon ein anderes. Und das vieler anderer auch. Es ist verharmlosend und wirkt auf mich retraumatisierend. Es erinnert mich daran, wie sehr diese Formen der Gewalt und Schikane von vielen verharmlost und als normal angesehen wird, und dass viele der Meinung sind, dass die Gemobbten selbst schuld daran sind, weil sie halt komisch waren, dass diese Verachtung gegenüber diesen damals Ausgeschlossenen sich weiter fortträgt, wenn vermutet wird, dass Personen, die tatsächlich Macht ausüben, bestimmt noch nie jemand mochte oder dass sie in ihrer Kindheit gemobbt worden sein müssten, oder bestimmt schon immer in der Ecke saßen und von allen ausgelacht wurden (zu dem Thema findet ihr eine ausführliche Kritik in dem Artikel „Der Keim der Herrschaft“ im Zündlumpen Nr. 017).

Mobbing haben viele erlebt und darunter gelitten. Dabei haben alle unterschiedliche Umgänge mit gefunden und werden auch im Nachhinein unterschiedlich mit umgegangen sein. Bestimmt trifft es alle nicht so wie mich, vielleicht würden sie auch zu Mobbing gegen Yuppies aufrufen, vielleicht tun sie es auch. Ich kann nur erzählen, wie es für mich war. Für mich war es die Hölle, zwei Jahre lang war ich so unglücklich, dass ich ständig Kopfschmerzen hatte und furchtbar müde war, dass ich nächtelang geweint habe und dass ich einfach keine Ausweg wusste. Es hat mein Selbstbewusstsein zerstört und mich mit einer riesigen Scham ausgestattet, die mich heute noch immer wieder überkommt. Ich kämpfe heute noch damit, manchmal bin ich überempfindlich, lasse mich schnell verunsichern, fühle mich super schnell ausgeschlossen, manchmal sind es regelrechte Flashbacks, die mich heimsuchen. Ich kann immer noch kaum darüber reden. Immer noch kämpfe ich damit, dass ich denke, dass es meine eigene Schuld war, dass ich mir das Ganze nur eingebildet habe, dass ich komisch war. Mich verletzt es zutiefst, wenn irgendwer Mobbing für eine gute Idee hält. Denn ich fühle mich wieder wie die, die anders ist als die anderen, die nicht dazugehört, denn ich gehöre zu denjenigen, gegen die sich das Mobbing richtet, nicht wie die anderen, die auf der anderen Seite stehen und sich über ein erfolgreiches Mobbing freuen können. Ich gehöre zu denjenigen, die es verdienen gemobbt zu werden. So sind meine Assoziationen. Doch dagegen möchte ich ankämpfen und stattdessen das bekämpfen, das mich so krass zerstört hat. Und dazu gehört, gegen die Verharmlosung von Mobbing anzuschreien, die mir tagtäglich begegnet.