Die Mobilitätswende ist auch keine Lösung

Wer von einem Ort an einen anderen gelangen möchte, der*dem bieten sich heute zahlreiche Möglichkeiten: Der sogenannte öffentliche Nahverkehr, in der Regel bestehend aus Bussen und Schienenfahrzeugen, verbindet verschiedene Orte innerhalb einer Metropole miteinander, für Fernreisen stehen Bahn, Flugzeug oder Auto zur Verfügung und im Bereich der so hochgestochen benannten „Mikromobilität“ stehen Fahrräder oder andere – meist absurde – Gefährte zur Verfügung, etwa E-Roller, Segways, und anderer Unsinn [1]. Zusammen bilden all diese Verkehrsmittel die Mobilität unserer Gesellschaft. Sie ermöglichen es uns, den täglichen Weg zur Arbeit zurückzulegen und – sofern mensch es sich leisten kann – innerhalb kürzester Zeit selbst die entlegensten Orte der Welt zu besuchen.

Die Infrastruktur, die erforderlich ist, um Mobilität in diesem Ausmaß zu ermöglichen verschlingt dabei nicht nur Unmengen von Energie, sondern bildet auch einen Zentralismus, der es einzelnen Unternehmen und dem Staat ermöglicht, enorme Kontrolle über das Leben der Menschen auszuüben. Die Linienführung des öffentlichen Verkehrs beispielsweise ist häufig darauf ausgelegt, Menschen von ihrem Wohnort in die Fabriken und Unternehmen zu befördern und wieder zurück. Zudem gibt es häufig eine Fokusierung aller größeren Linien auf ein Zentrum, wie beispielsweise in München durch die Stammstrecke der S-Bahn und die U-Bahnknotenpunkte am Sendlinger Tor, Odeonsplatz und Hauptbahnhof. Das führt dazu, dass wir unser Leben entlang der Linien dieses Verkehrsnetzes ausrichten, denn der (rein zeitliche) Aufwand, den es bedeutet, einen Ort abseits dieser Verkehrswege zu besuchen, ist es uns oft nicht wert. Zusätzlich sind öffentliche Verkehrsmittel das ideale Instrument, um Menschenströme zu kontrollieren, mithilfe von Kameras jede*n einzelne*n zu erfassen und wenn gewünscht auch vor Ort festzusetzen: Bei Demonstrationen, Fußballspielen, bei Ausnahmesituationen jeder Art und zur Fahndung nutzen Bull*innen die Kameras des öffentlichen Verkehrs.

Ähnlich verhält es sich an Flughäfen, die vom Staat ebenfalls genutzt werden, um penibel zu kontrollieren und zu erfassen, wer wann wohin reist und der Fernverkehr mit der Bahn unterscheidet sich vom Nahverkehr ebenfalls kaum. Bleibt nur noch das Auto. Als deutlich individualistischeres Verkehrsmittel ist jedoch auch dieses keineswegs frei von Kontrolle. Staatliche Zulassung und die ständige Erfassbarkeit mittels Nummernschild führt dazu, dass bereits heute mithilfe von Verkehrskameras jederzeit erfasst werden kann, welche Autos einen bestimmten Ort passiert haben. Die Bull*innen nutzen dieses Instrument bereits heute zur Fahndung im Anschluss an bestimmte Straftaten. Eine noch bessere Überwachung der von einer Person zurückgelegten Wege leisten die zahlreichen Sharing-Anbieter*innen in allen Ausprägungen. Egal ob Auto (Car2Go, DriveNow, Sixt, Miles, Oply, u.v.m.), Fahrrad (Donkey Republik, MVG, DB, Jump von Uber, usw.) oder E-Scooter (Lime, Voi, Tier, Circ, dot, Bird und Jump von Uber): Überall werden Start- und Endpunkt, ja sogar die exakte Route der Nutzer*innen penibel erfasst und gespeichert.

Kurz gesagt: Alle gängigen Mobilitätsangebote bilden in ihrem Betrieb bzw. ihrer täglichen Nutzung zentralistische Strukturen aus, die es mehr als einfach machen, Nutzer*innen zu kontrollieren [2] und Staat und Unternehmen bedienen sich dieser Möglichkeiten fleißig.

Doch es ist nicht nur der Betrieb von Verkehrsmitteln, der eine zentralistische Struktur mit Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten schafft. Auch ihre Produktion ist nur dank aufwendiger Technologie, die eine zentralistische und herrschaftsvolle Ordnung erfordert, möglich. Ob Auto, Flugzeug oder Eisenbahn: Überall ist die Produktion auf Unmengen von Rohstoffen angewiesen, für deren Abbau Menschen ausgebeutet und versklavt und die Natur zerstört werden. Ohne ein weltumspannendes Logistiksystem – ermöglicht durch das Militär und betrieben von wenigen Unternehmen –, das diese Rohstoffe von ihren Gewinnungsorten an die Produktionsstandorte verfrachtet, wäre die Herstellung keines dieser Transportmittel möglich. Das wird sich auch durch die Umstellung auf andere Energiequellen nicht ändern: Die Akkus strombetriebener Fahrzeuge benötigen Unmengen an Lithium, einem Alkalimetall, das hauptsächlich im sogenannten Lithiumdreieck zwischen Chile, Bolivien und Argentinien gewonnen wird. Dabei hat der Abbauprozess dort katastrophale Folgen für die Umwelt: Durch den hohen Wasserverbrauch bei der Gewinnung und giftige Abwässer trocknen Flüsse und Feuchtgebiete aus, der Boden in umliegenden Siedlungen wird kontaminiert und die Bewohner*innen der umliegenden Regionen leiden unter Wasserknappheit und verseuchtem Trinkwasser. Die Gewinne schöpfen dabei globale private Unternehmen ab. Außerdem benötigen leistungsstarke Elektromotoren – ebenso wie viele Windkraftanlagen – sehr viel Neodym, eine der sogenannten seltenen Erden, für die in der Region von Baotou in China nicht nur die Umwelt zerstört wird, sondern auch rund 6.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen ausgebeutet werden. Und nicht zuletzt ist – wie in fast allen smarten Geräten mit Elekronikbauteilen – auch in Autos, Zügen und Flugzeugen jede Menge Tantal (in Flugzeugen auch Niob) aus den Coltanminen im Kongo verbaut. Dort arbeiten zahlreiche Bewohner*innen der Region wie Sklav*innen in den Minen, während der Staat und verschiedene Milizen wechselweise die Kontrolle über diese Minen übernehmen und mit den Gewinnen den militärischen Konflikt finanzieren. Die größten Gewinne schöpfen dabei wie so oft westliche Unternehmen ab.

All das sind nur einige Beispiele für koloniale Herrschaftsverhältnisse, ohne die die Produktion der wichtigsten Verkehrsmittel hier nicht möglich wäre. Beispiele dafür, dass die schiere Existenz von Autos, Zügen, Flugzeugen und Co. Herrschaft und Umweltzerstörung bedeutet. Dabei ist es keine Lösung, die Antriebstechnologie oder die Technologie zur Energiegewinnung zu ändern, denn auch diese Technologien sind auf gleiche und ähnlich geförderte Rohstoffe angewiesen oder bedingen wiederum (koloniale) Herrschaft und Umweltzerstörung. Eine Mobilität wie die heutige jenseits dieser Herrschaft ist undenkbar.

Aus diesem Grund und auch weil die zentralistische Bereitstellung aller Mobilitätsangebote der*demjenigen, die*der deren Bereitstellung übernimmt, sei es der Staat, eine Firma oder ein Kollektiv, eine machtvolle Position zusichert, bleibt aus meiner Sicht gar nichts anderes übrig, als jede Form heutiger Mobilität zu zerschlagen, denn nur zwischen den Trümmern der Herrschaft lässt sich nach einer Perspektive von Freiheit suchen.

 

 

[1] Daneben gibt es auch zweifelsfrei sinnvolle Mobilitätshilfen für Menschen, die sonst in ihrer Mobilität erheblich eingeschränkt wären, etwa Rollstühle und verschiedene Formen von Gehhilfen. Gefährte, die diesen Zweck erfüllen, werden in diesem Artikel nur bedingt behandelt.

[2] Eine Ausnahme bildet da das Fahrrad. Verkehrskameras sind in der Regel nicht auf Fahrradwege fokusiert und Fahrräder haben ohnehin kein Kennzeichen.