Santiago, Chile: 18. November, 31. Tag der sozialen Revolte

EIN UNVERGESSLICHER MONAT

Unter den Kapuzen… ein unauslöschliches Lächeln!

Wir atmen ein Gemisch aus Rauch und Tränengas. Wenn wir uns umsehen, sind wir überwältigt von dem Anblick, Tausende kämpfen noch immer. Ein gewaltiges Hochgefühl breitet sich in unseren Gliedern aus und unter den Kapuzen zeichnet sich ein unauslöschliches Lächeln ab. Wir leben das, wovon wir hunderte Male gelesen haben!

Es gibt keine Gewissheit für irgendetwas, wir werden auch weiterhin von der Suche nach Freiheit angetrieben. Aber beinahe zu jedem Zeitpunkt steht unser Verlangen dem der Massen entgegen, wir sind noch immer eine schwarze Minderheit… Aber eine äußerst aktive Minderheit.

Dieses Wochenende gab es fünf Brandanschläge auf Banken in Peñalolén, Cerrro Navia, Lo Espejo, El Bosque und Santiago und einen Molotow-Cocktail-Angriff gegen eine Polizeistation in Maipu, in deren Folge zwei Menschen festgenommen worden sind.

Am heutigen Montag kam es auf dem Plaza de Puente Alto zu Zusammenstößen mit den Scherg*innen und zu einem Angriff auf ihre Polizeiwache. Auf dem Plaza de Maipu gab es Riots und eine Kanone wurde vom Plaza Monument gestürzt, als Student*innen die CODEDUC [1] besetzten.

In Antogasta bemalten unbekannte Menschen den Anker, das Wahrzeichen der Stadt, mit schwarzer Farbe. In Iquique wurde ein Wachhäuschen der Regierung mit Molotow-Cocktails attackiert. In Valdivia wurde das Hauptquartier der Sozialistischen Partei in Brand gesteckt. In Concepción wurden die Flaggen aller Parteien als Zeichen dafür verbrannt, dass die Revolte keine Anführer*innen und keine politischen Parteien hat. In Santiago wurde die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Beatriz Sánchez vom „Nullpunkt“ vertrieben, weil mensch ihr vorwarf, Teil der Verhandlungen mit den Eliten zu sein.

Unter den tausenden Menschen auf dem „Plaza de la Dignidad“ flatterten schwarze anarchistische Flaggen und ökoanarchistische Flaggen. Encapuchadxs (Vermummte) verteilten anarchistische Zeitungen und eine Brassband spielte „Bella Ciao“.

Als die Sonne unterging, entfesselte die Polizei ihre gesamte Artillerie, feuerte Gummischrot und Tränengas in großer Menge ab. Angesichts dieser Gewalt seitens der Polizei bevorzugten es heute einige, sich in den Fluss Mapocho zu stürzen, um zu entkommen.

Die zentrale medizinische Notaufnahme behandelte mehr als 40 Verletzungen durch Gummischrot, doch die Anzahl der Wunden vervielfacht sich, wenn wir andere medizinische Zentren und diejenigen, die kein medizinisches Zentrum aufsuchten, berücksichtigen. Ein Demonstrant erlitt einen Schädelbruch, als eine Tränengasgranate explodierte und musste notoperiert werden.

In Valparaiso ließ die Polizei einen jungen Mann, der von einem Schuss im Nacken getroffen worden war, in kritischem Zustand zurück. Demonstrant*innen beklagten Verbrennungen zweiten Grades durch das toxische Wasser der eingesetzten Wasserwerfer.

Die Rache folgte in der Nacht, als unbekannte Menschen die anonym veröffentlichten Daten nutzten und ihre nächtlichen Attacken gegen die Privatfahrzeuge und -häuser der Polizei fortsetzten.

Abgeordnete fordern von der Regierung die Entlassung des Generaldirektors der Carabineros ungeachtet der Vorwürfe von Verstößen gegen die Menschenrechte, die sie in ihrer Position nochmals bestätigen.

Es gibt virale Videos von Restaurants und Geschäftsgrundstücken, in denen Polizist*innen in Zivil buchstäblich ausgeschlossen werden, weil mensch diese wegen ihrer repressiven Tätigkeit weder bedienen noch in seiner*ihrer Nähe haben will.

Rekrutierungszentren brechen zusammen aufgrund der hohen Anzahl junger Menschen, die sich weigern, ihren Militärdienst zu leisten. Es herrscht eine lautstarke Ablehnung der mörderischen Arbeit des bewaffneten Arms von Staat und Kapital.

Große Waldbrände breiten sich in verschiedenen Teilen von Valparaiso aus und alles deutet darauf hin, dass diese vorsätzlich entfacht wurden. Bewohner*innen beschuldigen den Staat des Versuches, sie durch diese Katastrophe zu demobilisieren.

Noch immer gibt es keine Antwort auf die Forderungen der Menschen. Die professionellen Bürokrat*innen verzögern die Erhöhung der Renten, der Mindestlöhne, die Streichung der CAE-Schulden [2] und so weiter. Sie behaupten, es gäbe keine Ressourcen und sie versprechen langfristig einige Brotkrümmel. Wir haben ihnen niemals geglaubt, geschweige denn jetzt.

Gewerkschaften haben einen 48-Stunden Streik für den 19. und 20. November angekündigt und einen GENERALSTREIK für den 21. November und das Lehrer*innenkollegium wiederholt seinen Aufruf zum Boykott des Simce Tests [3].

Absolvent*innenfeiern sind voll von Plakaten zur Unterstützung der Revolte und Sportler*innen zeigen Gesten der Solidarität mit den Verstümmelten, indem sie bei der Verleihung von Medaillen oder wenn sie für klassische Teamfotos posieren mit ihrer Hand ein Auge zuhalten.

LASST UNS DIE BEISPIELE ANTIAUTORITÄRER ORGANISIERUNG VERVIELFACHEN!

WIR VERSUCHEN NOCH IMMER, ANARCHIE ZUM LEBEN ZU ERWECKEN!

Anmerkungen

[1] Eine Schule in Maipu.

[2] Studiengebühr-Kreditsystem (CAE), das für die Absolvent*innen der Universitäten bedeutet, dass sie 20 Jahre lang massive Schulden für ihre Ausbildung zurückzahlen müssen.

[3] Ein System zur Messung der Bildungsqualität, eine Reihe an Tests, die in Chile genutzt werden, um bestimmte Aspekte der Bildungspläne zu messen. Derzeit verantwortet eine staatliche Behörde, das Amt für Bildungsqualität, die Tests für Schüler*innen in der 2., 4., 6. und 8. Klasse (Grundausbildung) und der 10. und 11. Klasse (2. und 3. Jahr der Sekundarausbildung).

 

Diese Übersetzung folgt der bei Anarchists Worldwide veröffentlichten englischen Übersetzung eines über soziale Netzwerke verbreiteten Updates zur Situation in Chile.