Nihilismus ist nicht Nichts

Egal, wen du fragst, die meisten würden dir sagen, dass Nihilismus der Glaube an Nichts ist. Durch den Film „The Big Lebowksi“ bekannt geworden und durch faule Akademiker*innen und Philosoph*innen fortgeführt, hat dieses Missverständnis von Nihilismus zu einer Art Dämonisierung in anarchistischen Kreisen geführt. Der Primitivist John Zerzan lamentiert oft über Nihilismus, und sagt dabei Dinge wie „…du fängst an, Leute zu finden, die so nihilistisch sind, dass ihnen das Leben nur noch egal ist.“ Für Zerzan ist Nihilismus einfach, dass einer*m das Leben egal ist.

Sogar jemand, der zum Primitivismus entgegengesetzt steht, der Transhumanist William Gillis, meint, „Kann ein*e Nihilist*in ein*e Anarchist*in sein? Nein. Sicher nicht. Nihilismus ist die Philosophie unserer durch und durch soziopathischen Gesellschaft. Nihilismus ist alles, was wir bekämpfen.“ Wenn Primitivist*innen und Transhumanist*innen beide Nihilismus zusammen so aktiv hassen können, dann zeigt das vielleicht, dass sie mehr gemeinsam haben als mensch erst meinen könnte. Vielleicht ist Nihilismus ein bequemes Schreckgespenst für Anarchist*innen, die so festgefahren in ihren Ideologien sind, dass diese Ideologien angefangen haben, an Stelle des Anarchismus zu treten?

Ist Nihilismus lediglich, „dass einer*m das Leben egal ist“? Sicher nicht! Die ersten Nihilist*innen wurden so genannt, weil nichts, „das existierte, in ihren Augen Gefallen fand“. Das bedeutete nicht, dass diese Leute an nichts glaubten, oder dass ihnen das Leben egal war. Eher das Gegenteil! Für diejenigen, die die Grundlagen des Nihilismus formen würden, war das Leben wichtig genug, um die Dinge zurückzuweisen, die versuchten, das Leben zu fesseln. Die ersten Nihilist*innen sahen sich um, und sahen nichts, das sie gutheißen konnten und zogen dann los, um diese Dinge zu zerstören, während sie gleichzeitig Strukturen und Umstände schufen, die ihnen gefielen. Nihilismus stammt von Leuten, die ihre Wünsche durch Handlungen verwirklichen wollten. Wenn Nihilismus lediglich Leute wären, denen alles egal ist, wie Zerzan behauptet, dann könnte Nihilismus nicht für sich beanspruchen einen Zaren getötet und fast ein Reich gestürzt zu haben. Die Geschichte unterstützt nicht Mr. Zerzans Behauptungen.

Kann jemand Anarchist*in und Nihilist*in sein, was Mr. Gillis als unmöglich definiert? Natürlich! Tatsächlich, von Renzo Novatore zur Verschwörung der Feuerzellen (CCF) und  der Informellen Anarchistischen Föderation (FAI) sind Anarchist*innen seit über einem Jahrhundert Nihilist*innen gewesen und sind es fast so lange, wie der Begriff „Anarchismus“ in politischen Diskursen verwendet wird. Mr. Gillis stellt entweder großspurige Behauptungen auf, während er die Geschichte ignoriert, oder er behauptet, dass Personen und Gruppen, die deutlich mehr zur Schaffung von Anarchie beigetragen haben als er selbst, keine Anarchist*innen seien oder sogar Feind*innen des Anarchismus! Noch einmal, die Realität springt denen ins Gesicht, die falsche Behauptungen über Nihilismus aufstellen.

Mr. Gillis behauptet, dass Nihilismus „die Philosophie unserer durch und durch soziopathischen Gesellschaft“ sei. Wenn das nur der Fall wäre! Wenn nur unsere Gesellschaft in der Zurückweisung aufgezwungener Normen wurzeln würde und unterdrückende Strukturen angreifen würde! Das ist das, was Nihilist*innen tun… Ich verstehe nicht ganz, inwiefern das sie zu Feind*innen des Anarchismus macht.

„Verneinung jeder Gesellschaft, jeden Kultes, jeder Regel und jeder Religion. Aber ich sehne mich nicht nach dem Nirvana, genauso wenig, wie ich das Verlangen nach dem verzweifelten und kraftlosen Pessimismus von Schopenhauer habe, was schlimmer ist als der gewaltsame Verzicht auf das Leben selbst. Meins ist ein enthusiastischer und dionysischer Pessimismus, wie eine Flamme, die meinen lebendigen Überschwang entfacht, das sich über jedes theoretische, wissenschaftliche oder moralische Gefängnis lustig macht.“ – Renzo Novatore

Renzo Novatore, ein italienischer nihilistischer Anarchist aus dem frühen 20. Jahrhundert bekämpft ausdrücklich die Vorstellung, dass Nihilismus eine Art verbitterte Hoffnungslosigkeit sei, und weist Nihilismus als „kraftlosen Pessimismus“ zurück. Novatore versteht, dass Herrscher*innen in vielen Formen kommen können, sogar „theoretische, wissenschaftliche und moralische“. Sollten wir als Anarchist*innen nicht gegenüber allen Konzepten, die alle potenziell herrschaftsvoll sind, wachsam sein? Sollten wir nicht versuchen, das fühlbar zu bekämpfen, das uns zwingen will? Sollten wir nicht versuchen Bedingungen zu schaffen, die mehr unseren Sehnsüchten entsprechen? Für Mr. Gillis wären diese Handlungen viel zu nihilistisch, was bedeutet, dass er an einem Anarchismus festhält, der ziemlich wirkungslos zu sein scheint. Ich denke, dass Nihilismus ein Kompliment für den Anarchismus ist, wenn nicht sogar dem Anarchismus innewohnt.

Weit weg von einem Glauben an nichts, fordert uns der Nihilismus heraus zu handeln. Er ermutigt uns, die Welt zu schaffen, die wir sehen wollen, und dies jetzt sofort zu tun. Wie die Nihilist*innen von Bakunin übernahmen, „Die Leidenschaft zur Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft!“ Nihilismus ist kein hoffnungsloses Ende, sondern ein fröhlicher Anfang!

„(Nihilismus) ist ein Extrem, über das mensch nicht hinausgehen kann, und doch ist er der einzig wahre Pfad, um darüber hinauszugehen; er ist das Prinzip des Neuanfangs.“ – Maurice Blanchot

Warum gibt es also diese gemeinsame Anstrengung gegen das Konzept des Nihilismus von vielen verschiedenen Ecken des Anarchismus? Warum sind manche Menschen so entschlossen, sich gegen das zu stellen, das laut Definition und historisch etwas ist, das sehr stark im Anarchismus verwurzelt ist? Ich denke, dass es exakt wegen der Art und Weise ist, auf die diese Gestalten sich selbst im Anarchismus positioniert haben. Die Unwilligkeit des Nihilismus Dogmen zu akzeptieren steht im Gegensatz zu den sehr dogmatischen Standpunkten, die Anarchist*innen wie Gillis und Zerzan vertreten. Da sie sich selbst in die Ecke als Transhumanist*innen und Primitivist*innen gedrängt haben, fühlen sich diese Leute von einem Nihilismus bedroht, der Transhumanismus oder Primitivismus als statische Ideologien zurückweisen würde. Schließlich ruft der Nihilismus nach einer Fluidität der Ideen, die im Gleichklang ist mit der Fluidität der Sehnsüchte, und die kein Interesse an „theoretischen Gefängnissen“ hat, die einen bestimmten Weg zur Anarchie propagieren. Gillis und Zerzan haben sich ein sehr spezifisches Set an Ideen aufgebaut, und sie verstehen, dass Nihilismus diese Ideen, auf denen sie sitzen, herausfordert…Entweder das, oder sie sind tatsächlich nur ungebildet und unwissend, was die wahren Ursprünge des Nihilismus anbelangt.

„Jede Gesellschaft, die du aufbaust, wird ihre Grenzen haben. Und außerhalb der Grenzen jeglicher Gesellschaft werden immer widerspenstige und heldenhafte Vagabund*innen mit ihren wilden und unberührten Gedanken umherziehen – diejenigen, die nicht leben können, ohne ständig neue und furchtbare Ausbrüche der Rebellion zu planen! Ich werde unter ihnen sein!“ – Renzo Novatore

Nihilismus stellt sich gegen die Vorschriften und Dogmen von vorgefertigten Ideologien. Er ermutigt dazu zu handeln und bewegt Menschen dazu, gleichzeitig das zu verneinen, das sie unterdrückt, als auch ihre Sehnsüchte zu verwirklichen. Weit davon entfernt, eine passive Zurückweisung des Lebens zu sein, ist der Nihilismus eine aktive Feier des Lebens, unserer Fähigkeit zu schaffen und zu zerstören. Nihilismus ist sich der Notwendigkeit bewusst, konstant wachsam gegenüber der Verkalkung zu sein, die in allen Ideologien und allen Gesellschaften auftaucht. Ohne diese Wachsamkeit ist auch die*der leidenschaftlichste Anarchist*in für genau die Herrschaft empfänglich, die sie*er meint zu bekämpfen.

„Besiegt im Schlamm oder siegreich in der Sonne, ich besinge das Leben und liebe es!“ – Renzo Novatore

Dieser Beitrag erschien auf Englisch unter dem Titel „Nihilism is not nothing“ am 02. November 2019 und wurde für diese Zeitung ins Deutsche übersetzt. Das Original findet ihr hier.