Chile: Wohin gehen wir? In Richtung Ungewissheit und permanenter Konfliktualität! Einige Worte von und für die Revolte im Oktober.

Ab einem bestimmten Punkt gibt es kein Zurück mehr. Das ist der Punkt, der erreicht werden muss. – Franz Kafka

Der unbeugsame Protest zweitrangiger Student*innen gegen die Fahrpreiserhöhung der U-Bahnen und die sofortige Antwort der Repression bildeten den günstigen Kontext für den sozialen Krieg, der in all seiner uneingeschränkten Reinheit Tage später ausbrach.

Die Dynamik des Konfliktes war rasant, unvorhersehbar und instinktiv. Das Unwohlsein, das sich zunächst hauptsächlich gegenüber dem U-Bahnverkehr äußerte, wurde zu einem allgemeinen Unbehagen und begann aufzulodern, sichtbar zu werden, Formen des Kampfes auszumachen und buchstäblich an jeder Straßenecke von Santiago zu explodieren. Am 18. Oktober 2019 brach eine großflächige Revolte überall in der Hauptstadt aus, Barrikaden und Zusammenstöße entwickelten sich überall und zu jeder Zeit. Verschiedene Symbole, Strukturen und die Infrastruktur der Macht wurden in der ganzen Stadt attackiert und sehr rasch auch überall im Land. Als die Ordnung gebrochen war und das Verbrechen die Straßen erfüllte, fanden sich schnell Individuen zusammen und griffen das an, was sie immer als ihre Ketten empfunden hatten. Es war kein Plan, sondern die Spontanität, die den Feind so klar identifizierte: den Staat, das Kapital und ihre repressiven Kräfte. Die abgefackelten und geplünderten Ziele sind die besten Beispiele: Ministerien, Finanzinstitute, Landräuber*innen, große Warenhäuser, die mit Handelswaren und Lebensmitteln gefüllt waren und vieles mehr.

Die revolutionäre Gewalt wurde von weiten Teilen der Unterdrückten anerkannt und entfesselt.

Einige abscheuliche Theoretiker*innen oder Enthusiast*innen von geringster „politischer Kompetenz“ haben gefragt: Wo waren die Anarchist*innen? Die Antwort ist ebenso schlicht wie einfach: Auf den Straßen, in den Nachbarschaften, in den Städten, in der vielfältigen Revolte, bei den Straßenkämpfen.

Es gab mit Sicherheit nicht viel Zeit, sich hinzusetzen und einige Ideen niederzuschreiben oder zu entwerfen, das war dieser Tage schlicht unmöglich gewesen.

Angesichts der Ausdehnung und Intensität der Revolte, die zeitweise tatsächlich in der Lage zu sein schien, den Staat innerhalb kurzer Zeit abzusetzen, war die Reaktion der Mächtigen die Ausrufung eines „Ausnahmezustands“. Sie ließen Einheiten der Armee in den Straßen patroullieren und verhängten eine Ausgangssperre, die in verschiedenen Regionen tagelang anhielt.

Die rasche Aufhebung der Fahrpreiserhöhung durch die Autoritäten offenbarte, dass diese Revolte keinem klaren Anliegen folgte. Sie hat keine spezifischen „Forderungen“ oder „Ansprüche“, oder um es anders auszudrücken, es gibt so viele, dass sie sich letztlich gegen die von Herrschaft und Waren beherrschte Welt richtet.

Die Repression bediente sich eines Arsenals, das – auch wenn es nie ganz verschwunden war – in einem Backlash seine historische Kontinuität wiederaufnimmt: Sexuelle Gewalt, tausende verhaftete Menschen, hunderte Verletzte durch Flashballs, Gummigeschosse (LBD), und scharfe Munition, dutzende von compas, die ihre Augen verloren, Folterungen, Morde, bei denen die Körper in Feuer geworfen werden, um die uniformierten Urheber*innen dieser Massaker zu verschleiern und eine ganze Serie von verschiedenen und erfolgreichen Methoden der Aufstandsbekämpfung.

Die Dinge verändern sich schnell und nehmen ihren eigenen Lauf. Als Anarchist*innen sind wir auf den Straßen, um den Punkt zu erreichen, an dem eine Rückkehr zur Herrschaft unmöglich ist. Es kamen verschiedene Positionen zur Praxis unseres Kampfes, der Athmosphere der Revolte und den daraus entstehenden Möglichkeiten auf. Einige stimmten den Aufrufen und Bestrebungen zu, Nachbarschaftsversammlungen zu bilden, Orten der „Gegenmacht“ oder „Macht von unten“, die von der Presse als „Bürger*innenräte“ bezeichnet werden, die es erlaubten eine Liste verhandelbarer Forderungen zu erarbeiten und die natürlich Gesichter oder Organisationen mit denen Mensch eine Einigung treffen könnte, schaffen würden. Versammlungen, die sich – wie wir es beobachten – in Bürger*inneninitiativen verwandeln und einen friedlichen Weg aus dem Konflikt suchen, stellen sich als weiteres Rädchen im Getriebe der Herrschaft heraus. Die Zuspitzung des Konflikts öffnet unbestreitbar Wege, die es ermöglichen, sich zu treffen, etwas zu schaffen und aufzubauen, immer mit der Perspektive des Kampfes und auf eine antiautoritäre Art und Weise Netzwerke mit verschiedenen Personen und Gruppen zu bilden, die weit von jeder Form der Missionierung oder zentralisierten Versuchen der Machtübernahme entfernt sind.

In dieser Hinsicht, wenn die Idee der permantenten Konfrontation ist, dass wir nichts als gegeben oder ewig betrachten, muss die Dynamik des Kampfes notwendigerweise auf die Eliminierung jeder Art von Autorität zielen, sei es der Staat, die Versammlung oder irgendeine andere Institution, die unsere Leben kontrollieren will.

Diese Revolte hat keine Namen oder eine einzige Richtung, sie gehört nicht zu irgendjemandem, weil sie allen Rebell*innen und Aufständischen gehört, die, wie wir auf der Straße kämpfen. Daher ist jede lächerliche Art der Vereinnahmung irgendeiner Aktion im Kontext dieser Revolte ein plumper Versuch, sich zum*zur Anführer*in aufzuspielen.

Andererseits sind die in vergangenen Diskussionen über ähnliche Situationen, jedoch mit einem eindeutig gleichförmigeren Puls, dargestellten Notwendigkeiten nun unerlässlich. Räume der Abstimmung und Begegnung zu schaffen, wo es die wichtigste Aufgabe ist, die gewaltsame Konfrontation gegen den repressiven Staatsapparat fortzuführen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Macht ihr brutalstes Gesicht auf den Straßen gezeigt, das – weit davon entfernt uns abzuschrecken – für uns ein Aufruf ist, unseren Horizont um die neuen Szenarien, die sich eröffnen und näherrücken zu erweitern.

Um die Offensive als echte Praktik jenseits des bloßen Redens zu begreifen, müssen wir in der Lage dazu sein, eine Infrastruktur aufzubauen, die es uns erlaubt, anzugreifen. Das ist der Punkt, an dem einige Zweifel die Anspannung verstärken: Sind wir in der Lage dazu, die gewaltvolle Konfrontation gegen die Macht in diesem neuen Panorama zu unterstützen, zu intensivieren und auszuweiten? Bis zu welchem Grad  ist die Revolte ansteckend und reproduzierbar? Wir haben erlebt, wie die Sozialdemokratie diese Wut aufgefangen hat, sie in einige Forderungen „von außen“ kanalisiert hat. Wir haben keine Forderungen, sondern Ansprüche und unser Anspruch ist die Zerstörung des Staates, seiner Befürworter*innen und Verteidiger*innen. Möge die soziale Katastrophe den Zusammenbruch der auf der kapitalistischen Logik gründenden Beziehungen einleiten und uns Affinität dabei helfen, zu diesem Punkt, an dem es keine Umkehr gibt, zu kommen.

Wie so oft haben wir keine Antworten, nicht wie andere, deren Organisationen bereits die Verwaltung und den Zusammenschluss dieser Versammlungen, deren Dauer, Widerrufbarkeit und Statuten planen, sondern eher Fragen und Negationen, da wir diejenigen sind, die Anarchismus als permanenten Konflikt betrachten. Angesichts der Ungewissheit des Moments sammeln wir Erfahrungen, Erkenntnisse, lesen, lernen und teilen Reaktionen und führen wichtige Gespräche in den Stunden, die uns neben den intensiven Konfrontationen auf der Straße und dem Ungehorsam gegenüber der Ausgangssperre bleiben. Wir wissen, dass dieser Moment ein wichtiger war, ist und sein könnte und dass er Möglichkeiten der effektiven Zerstörung des Staates bietet, die sich nie zuvor geboten haben, aber dennoch sind wir noch immer ablehnend gestimmt, sogar in diesen stimmungsvollen Momenten. Wir wissen sehr gut, was uns zu Sklav*innen macht und unsere Schritte müssen immer in die entgegengesetzte Richtung führen.

Last uns deutlich werden. Die, die das Kapital und die Herrschaft unterstützen, befürworten und verteidigen sind unsere Feind*innen.

Für die Befreiung aller Gefangener der Revolte und der subversiven Gefangenen!

Solidarität mit den Verwundeten und denen, auf die losgegangen wurde!

Die Revolte ist reproduzierbar und ansteckend!!

Du glaubst nicht, wie die Mächtigen zittern würden, wenn wir die Gewalt zu ihnen bringen. Wenn ihre Privilegien und Leben bedroht wären, würden sie verhandeln, um nicht alles zu verlieren. – Ulrike Meinhof

Einige Antiautoritäre für die soziale Katastrophe

 

Diese Übersetzung folgt der englischen Übersetzung bei Act for Freedom Now eines ebenfalls dort zu findenden Textes auf Spanisch zu den Revolten aus Chile.