Knastgesellschaft

In einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern “Freiheit” und “Selbstbestimmung” verspricht, erscheinen Gefängnisse auf den ersten Blick wie ein Widerspruch; ein antiquiertes Relikt aus vergangenen Zeiten, das die Probleme lösen soll, an denen die “freie”, moderne Gesellschaft mit ihren subtileren Erziehungsmethoden scheitert. Oder im Sinne des selbstgefälligen Münchner Richters Carsten Freiherr von Chiari ausgedrückt: Der Knast bewahrt die Wehrhaftigkeit des Rechtsstaates. Der Staatsbüttel muss es ja wissen. Und tatsächlich hat er damit vielleicht mehr Recht, als er selbst zu erkennen vermag: Schaut mensch genauer hin, ist der Knast kein anachronistischer Widerspruch dieser Gesellschaft, sondern vielmehr scheint das Prinzip Knast ein zentrales, machterhaltendes Prinzip dieser Gesellschaft zu sein, das alle Bereiche durchdringt.

In der Schule, dieser wohl zweitwichtigsten staatlichen Erziehungsanstalt werden junge Bürger*innen und weniger privilegierte Bewohner*innen des staatlichen Teritoriums nicht nur nach dem staatlichen Ideal gehorsamer Untertanen erzogen, sondern subversive Elemente werden hier auch mit den gleichen Methoden diszipliniert, wie dies im Knastsystem der Fall ist: Wer aus der Reihe tanzt wird vor anderen getadelt, zu Strafarbeiten verurteilt, muss nachsitzen oder wird schließlich gänzlich ausgeschlossen, damit er*sie mit ihrer*seiner unbändigbaren subversiven Kraft den Erziehungserfolg bei den anderen Schüler*innen nicht zunichte macht. Dabei können sich die Autoritäten in der Schule dank zumindest teilweise erfolgreicher Indoktrination auf die Mithilfe einiger unterdrückter Schüler*innen verlassen, die freiwillig, unter Androhung kollektiven Zwangs oder im Gegenzug für (scheinbare) Anerkennung durch den Lehrkörper bereit sind, an der Überwachung, Kontrolle und Maßregelung ihrer Mitschüler*innen mitzuwirken. Nicht selten entwickeln sich dabei auch unerwünschte Eigendynamiken, wenn Schüler*innen Gefallen daran finden, das bisschen Macht, das ihnen das System zugesteht, auch willkürlich gegen andere Schüler*innen zu richten.

Auch die vermutlich wichtigste staatliche Erziehungsanstalt, die bürgerliche Kleinfamilie setzt auf verschiedene knastähnliche Methoden der Disziplinierung. Trotz naturgemäß sehr unterschiedlicher, sogenannter Erziehungsstile greifen doch die meisten familiären Erzieher*innen auf im Kern ähnliche Methoden zurück: Wer bestimmte – im Detail unterschiedliche – Grenzen überschreitet, wird mit verschieden schweren, sich bis zu deren Wirksamkeit im Sinne eines gebrochenen Widerstandsgeistes des zu erziehenden Objekts meist steigernden Strafen belegt und soll daraus lernen, entsprechende Grenzen künftig nicht mehr zu überschreiten. Dabei geht es nicht darum, den zu erziehenden Menschen die Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu machen, sondern darum, sinnlose und meist kausal in keinerlei Relation mit der zu bestrafenden Handlung stehende Strafen für Überschreitungen von oft ebenso sinnlosen Regeln aufzuerlegen. Unter anderem besonders beliebt: Streichung oder Kürzung des Taschengeldes, sofern die zu erziehenden Menschen ein solches beziehen und vor allem: Hausarrest oder ähnliche Formen temporären Freiheitsentzugs. Und auch in der familiären Erziehung können sich die Erzieher*innen – sofern sie mehrere Menschen gleichzeitig erziehen – in der Regel darauf verlassen, dass die zu Erziehenden im Gegenzug für Anerkennung, Belohnungen oder auch nur um den autoritären Machtapparat für sich zu instrumentalisieren (“Gib mir was ab, sonst sag ich’s dem Elter”) bereitwillig mit ihren Unterdrücker*innen zusammenarbeiten.

So ist es auch kein Wunder, dass die in diesen Anstalten erzogenen Menschen später in der Mehrzahl bereitwillig mit den Polizei- und Justizbehörden des Staates zusammenarbeiten, sich gegenseitig überwachen, verraten und nur danach trachten, mithilfe des staatlichen Repressionsapparates für die – wie sie glauben – “gerechte” Bestrafung ihrer persönlichen Feind*innen sorgen. Wie viele Bull*innen bräuchte mensch wohl, um diese Leistung zu vollbringen?

Die Folge: Durch die Mithilfe der zahlreichen Verräter*innen gelingt es dem Staat, rebellische und subversive Elemente zu isolieren, mit Repression zu überziehen, d.h. einzuschüchtern oder einzusperren und sich so selbst zu erhalten. Subversiv ist dabei jede Handlung, die gegen die Gesetze eines Staates verstößt, denn jeder Verstoß gegen eine dieser Regeln stellt die Autorität des Staates in Frage und der Verlust der Autorität ist das, wovor ein Staat am Meisten Angst haben muss. Es spielt daher naturgemäß keine Rolle ob das Handeln einer Person – aus wessen Sicht auch – verwerflich oder vielleicht sogar begrüßenswert war. Ebenso wie die familiären Erzieher*innen von den zu erziehenden Menschen erwarten, dass sie sich an willkürliche und sinnlose Regeln [1] halten, geht es auch dem Staat letztlich nur darum, dass eine seiner Regeln übertreten wurde und folglich auch seine Autorität in Frage gestellt wurde, wenn er die jeweilige Person verurteilt. Teil dieser Autorität ist natürlich auch, dass der Staat die einzige akzeptierte Instanz ist, die zu richten vermag, denn wo käme mensch denn da hin, wenn die Menschen ihre Konflikte untereinander regeln würden? Am Ende kämen sie gar noch auf die Idee, dass eine autoritäre Zwangsinstanz wie der Staat und seiner Richter*innen gar nicht benötigt wird und eigentlich einer nachhaltigen Lösung ihrer Konflikte nur im Wege steht.

Knäste sind in diesem Zusammenhang eine wichtige Institution, um allen Menschen in einem Staat ihre Freiheit zu rauben. Ihre Freiheit zu tun, was auch immer sie tun wollen und für richtig halten. Den einen dadurch, dass sie es – eingeschüchtert von der Perspektive für ihre Taten eingesperrt zu werden – gar nicht erst wagen, den anderen dadurch, dass sie für ihre Taten eingesperrt werden und so – zumindest in den meisten Fällen – mindestens für eine bestimmte Zeit ihrer Freiheit zu tun, was immer sie wollen, beraubt werden. Für den Verlust der eigenen Freiheit ist es also unerheblich, ob mensch im Knast sitzt oder draußen, in der sogenannten “Freiheit” lebt. Ja selbst wer sich draußen die Freiheit nimmt, entgegen der Gesetze zu handeln, wie er*sie es für richtig hält, muss dies, um nicht im Knast zu landen, im Geheimen tun und dennoch immer auch darum fürchten, erwischt zu werden. Ein Leben in Freiheit sieht wahrlich anders aus.

Doch Einschüchterung und Bestrafung sind nicht die einzigen Gründe, aus denen unsere Gesellschaft Menschen wegsperrt. Der ebenso absonderliche wie widerwärtige Drang unserer Gesellschaft alles zu normieren, unsere Bildung, unsere Karrieren, unsere Körper, unsere Bekleidung, ja sogar unsere politischen Willensbekundungen löst dort, wo dieses Streben nicht von Erfolg geprägt ist, umgekehrt eine rießige Angst vor allem “Anderen” aus. Wessen persönliche Interessen und Neigungen etwa nicht dem jeweiligen Bildungsplan entsprechen, die*der bekommt in aller Regel Druck von den Lehrer*innen, den Eltern und dem übrigen persönlichen Umfeld. Zahlreiche Menschen werden so schon in jungen Jahren gewaltsam, aber erfolgreich in die Normen der Gesellschaft gezwängt. Wer diese Zwangsjacke eines Tages abstreift oder sich erfolgreich dagegen wehrt, sie überhaupt angelegt zu bekommen ist den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft und dem Staat suspekt. Gelingt es einem Individuum soweit aus den Normen auszubrechen, dass die Gesellschaft diese in seinem Handeln nicht mehr auszumachen mag, so verwandelt sich das anfängliche Mitgefühl des herablassenden Umfelds dieser Person nicht selten in ein Gefühl der Angst. Angst vor denen, die sie nicht kontrollieren können. Um diese verlorene Kontrolle über eines seiner Schäfchen wiederherzustellen, greift Vater Staat ein: Er sperrt dieses Individuum ein und versucht fortan mit brutaler Gewalt, etwa durch Psychopharmaka (früher und auch heute noch in fundamentalistischeren Subkulturen verbreitet: Exorzismen) eine Anpassung des Individuums an die gesellschaftliche Norm zu erzwingen. Das geschieht gegen den Willen der Menschen, auch wenn ihnen beständig eingeredet wird, dass das alles nur zu ihrem Besten sei. Mit strenger Disziplin, die in der gleichen Absicht wie in den früheren Arbeitshäusern angewandt wird, sollen die Menschen lernen, ihr Leben so auszurichten, wie es die Norm vorsieht: Morgens aufstehen, frühstücken, arbeiten, Mittagessen, arbeiten, Abendessen, schlafen und das alles in Ehrfurcht vor Gott (nein, das ist kein Witz!), dem Staat und irgendeinem herbeifantasierten Allgemeinwohl.

Doch die Agression der Einsperrung richtet sich nicht nur gegen vermeintliche innere Bedrohungen der Gesellschaft: Auch vermeintliche äußere Feind*innen sperrt mensch nach Möglichkeit ein, denn auch vor ihnen fürchtet sich der Staat und seine rassistische Gesellschaft. In Lagern, die ausschließlich zu dem Zweck errichtet wurden, geflüchtete Menschen abseits der Gesellschaft unterzubringen, so dass diese nach Belieben schikaniert und tyrannisiert werden können, ohne dass die übrigen Mitglieder der Gesellschaft davon beeinträchtigt werden, pfercht mensch diejenigen Menschen zusammen, die hierher kommen, um hier zu bleiben. Dort sortiert mensch diejenigen aus, vor denen mensch sich zu sehr fürchtet und verschleppt sie gewaltsam zurück dorthin, von wo sie geflohen sind. Die übrigen werden durch diese und andere gewaltsamen Übergriffe soweit verängstigt, dass sie – so zumindest der Plan des Staates – wenn sie dann doch endlich eine Aufenthaltsgenehmigung in diesem Land bekommen und das Lager verlassen dürfen, so eingeschüchtert sind, dass sie nichteinmal den Gedanken daran wagen, sich zu widersetzen.

Um den Schrecken der Knäste, Psychatrien, Lager und aller anderen Käfige für Menschen zu beenden genügt es nicht, diese Einrichtungen zu reformieren und damit nur ihre Funktion zu verbessern. Es gilt den Staat und die Gesellschaft, die diese Anstalten geschaffen haben, bis auf die Grundfesten niederzubrennen, denn erst aus den Ruinen dieser Festung kann ein Leben in Freiheit erwachsen.


[1] Ich betrachte dabei jede Regel als willkürlich und sinnlos, da jede Regel ihrem Wesen nach versucht, einen Sachverhalt auf eine allgemeingültige Formel zu bringen, die ein objektives Richtig und Falsch kennt. Im menschlichen Zusammenleben jedoch gibt es offensichtlich kein objektives Richtig und Falsch. Das wird alleine dadurch bewiesen, dass selbst diejenigen Menschen, die mit den Regeln der Gesellschaft grundsätzlich einverstanden sind, diese selbst immer wieder brechen, nicht etwa weil sie aus ihrer Sicht Falsches tun, sondern weil genau dieser Regelbruch aus ihrer Sicht in dieser Situtation das Richtige ist.