Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung

Es mag wie ein Rumnörgeln an Kleinigkeiten erscheinen und wie ein Festhalten, Perpetuieren und Positivsetzen von Identitäten, die es doch zu zerstören gilt. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Am Beispiel einer Passage der Broschüre „Namenlos“ der Edition Irreversibel möchte ich darauf eingehen, wie trotz bestester Absichten von Individualist*innen, die jegliche Form von Identität und Identitätspolitik ablehnen, sie unbewusst eine männliche Sichtweise mit einer neutralen verwechseln und den Lügen patriarchaler Geschichtsschreibung Glauben schenken.

In der Broschüre „Namenlos“ werden unterschiedliche „Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff“ zusammengestellt. Dabei geht es darum, inwiefern das Handeln unter Klarnamen oder (festem) Pseudonym zum einen Berühmtheiten und damit Autoritäten und Vorbilder schafft, insbesondere Gruppennamen das Individuum auslöschen und die Handlungen dadurch an Kraft verlieren, dass Menschen durch ein „Ich war’s“ ihren Geltungsdrang deutlich machen und damit die Handlung zu einem Profilierungsakt und damit zu einem Akt Autorität zu erlangen wird. Ich möchte eigentlich nur auf eine Passage dieser Broschüre eingehen, eigentlich sogar nur auf eine Fußnote, und meine Kritik daran hat zwar nur teilweise mit dem Thema dieser Broschüre zu tun, bringt aber auch neue Aspekte in das Thema Anonymität und Identität ein.

Der Beitrag „Die Anonymität“ aus der 10. Ausgabe von „Der Communist“ von 1892 enthält folgende unschöne Passage: „Ganz besonders warnen wir davor, eine Frau etwas ernstes wissen zu lassen, das nicht unumgänglich nothwendig ist, denn die Frauen werden fast immer für vollkommen erachtet, und nur zu oft sind sie es welche uns verraten.“ (S. 45) Diese Passage ist mit einer Fußnote des*der Herausgeber*in dieser Broschüre bedacht, in der die Vermutung geäußert wird, dass diese „krude“ Feststellung von Conrad Fröhlich „Ausdruck davon [sei] inwieweit die anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde, die so hauptsächlich Beziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten und sich so bei der einen oder anderen Gelegenheit verplatterten und im Bau landeten.“ (S. 48)

Da muss ich entschieden widersprechen! Der*die Herausgeber*in führt hier fort, was seit hunderten von Jahren Anarchist*innen gemacht haben: die Rolle nicht-männlicher und weiblicher Anarchist*innen kleinzureden oder ganz zu verschweigen. Dies nennt mensch „Silencing“ und ist ein Phänomen, das alle Menschen, die (vermeintliche) Angehörige marginalisierter Gruppen sind, erleben. Dass sie nicht wahrgenommen werden, nicht ernst genommen werden und insbesondere in der Rezeption in den Jahren danach, also in der Geschichtsschreibung jeglicher Art, ignoriert, weggelassen und damit vergessen werden. Wenn Conrad Fröhlich offenbar so bekannt mit den anarchistischen Größen seiner Zeit ist, dass er kritisiert, dass „Herr Most, Herr Peukert, Herr Berkmann, Herr Merlino, Herr Malatesta“ (S. 46f.) durch ihre ständige Namensnennung zu Autoritäten wurden und dass sie ausschließlich aufgrund der Namensnennung Repression ausgesetzt waren und im Knast landeten, dann werden ihm wohl auch die Namen seiner anarchistischen Zeitgenossinnen „Frau Goldman“, „Frau de Cleyre“, „Frau Wilson“, „Frau Hansen“, „Frau Notkin“, „Frau Witkop-Rocker“, „Frau Michel“, „Frau Zaïkovska“, „Frau Kügel“, „Frau Mahé“, „Frau Maitrejean“, „Frau Nikiforova“, „Frau Perowskaja“ bekannt sein, die teilweise damals selbst große Berühmtheiten und Autoritäten waren, deren Schriften und Vorträge berühmt und stark rezipiert waren, die Zeitschriften herausgaben oder Artikel in Zeitschriften veröffentlichten, die Anschläge vorbereiteten, planten und durchführten oder Teil von Aufständen waren. Auch Emma Goldman saß im Knast, weil sie Anarchistin war, ebenso Louise Michel, Sofja Perowskaja wurde wegen ihrer Beteiligung an der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 hingerichtet.

Die meisten der genannten Frauen hatten Liebesaffären mit Anarchisten, entsprechend hatten auch Anarchisten Liebesaffären mit Anarchistinnen. Viele der Anarchistinnen sind uns heutzutage auch nur deswegen noch bekannt, weil sie die Lebensgefährtinnen „großer“ männlicher Anarchisten waren. Wie viele Anarchistinnen kennen wir nicht, weil ihre Lebensgefährten sie erstickt haben, sich vor sie gestellt haben, sie unterdrückt haben? Die der Meinung waren, dass „ihre“ Frauen sich lieber um das Wohlergehen ihres Mannes und der Kinder kümmern sollten? Viele wurden ausgelacht und nicht ernst genommen oder bewusst bei der Planung von Attentaten außen vorgehalten, weil das für eine Frau nichts sei. Letzteres erlebte beispielsweise Kaneko Fumiko in Japan 1926 – ihr Partner Pak Yeol hatte zusammen mit anderen Anarchisten ein Attentat auf den Kaiser geplant und Fumiko bewusst draußen gehalten, um sie als Frau zu beschützen. Sie bekam aber Wind davon und wollte Teil der Verschwörung sein. Alle wurden verhaftet und sie übertrieb ihre Rolle in der Verschwörung, kündigte sogar an, den Kaiser umzubringen, sollte man sie entlassen, um dieselbe Strafe und damit dieselbe Anerkennung als revolutionäre Anarchistin zu bekommen wie die Männer.

Ja, der*die Herausgeber*in hat richtigerweise festgestellt, dass die „anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde“, doch das bedeutet nur, dass Männer nicht bereit waren, ihre weiblichen Gefährt*innen anzuerkennen, sie so sehr sie konnten verdrängten und nicht ernst nahmen, den Beitrag der Frauen an der Bewegung bewusst verschwiegen. Doch die Anarchistinnen gab es und wenn mensch genauer hinsieht, sieht mensch auch, dass es eine ganze Menge waren. Auch Conrad Fröhlich wird sie gekannt haben. Dass er sie nicht nennt, sondern sich ausschließlich auf Männer konzentriert und sich an Männer adressiert und ganz offensichtlich Frauen nicht als Kampfgefährtinnen und als vollwertige handelnde Individuen und Subjekte begreift – denn wenn er empfiehlt Frauen nichts zu erzählen, wird er wohl kaum seinen Appell auch an Frauen richten –, sagt viel über Conrad Fröhlich aus, aber sicher nichts über die Geschlechterverteilung in der anarchistischen Bewegung und auch sicher nichts darüber, welche Angehörige welchen (zugewiesenen) Geschlechts mehr Anarchist*innen an die Repressionsbehörden verraten haben. Vielleicht waren viele Anarchisten so sexistisch, dass sie Frauen nicht als handlungsfähige denkende Subjekte betrachteten, die ihnen gefährlich werden könnten, indem sie sie verpfeifen. Denn sie dachten nicht daran, dass Frauen ihre Ideen nicht teilen könnten, da sie gar nicht auf die Idee kamen, dass diese Frauen eigene Ideen haben könnten (und das obwohl sie die ganze Zeit auch mit Frauen zu tun hatten, die ganz offenkundig eigene Ideen vertraten!). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Conrad Fröhlich durch seine Misogynie eine verzerrte Wahrnehmung hat, wenn es um Männer und Frauen geht. Wenn ein Mann einen Anarchisten verraten hat, dann wird er wahrscheinlich denken, wie konnte X Hans-Peter nur je vertrauen, wenn es eine Frau war, dann wird er eben nicht denken, wie konnte X Sabine nur vertrauen, sondern er wird denken, wie konnte X nur einer Frau vertrauen. Und dies führt dann zu einer subjektiv falschen Feststellung, die Ausdruck seiner Frauenfeindlichkeit ist, nicht aber Feststellung eines Faktes.

Viele der großen Individualisten dieser Zeit haben das Individuum rein als männlich betrachtet (auch Max Stirner als einer der großen Vordenker). „Der Einzige“ reift vom „Knaben“ zum „Jüngling“ zum „Mann“ (vgl. „Der Einzige und sein Eigentum“). Da gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Klar können wir bei einer Rezeption Stirners diese eindeutig männlich konnotierte Philosophie um alle anderen Individuen erweitern, die Stirner offenbar nicht wahrgenommen hat. Jedoch sollten wir nicht vergessen, wenn wir alte wie auch neuere Texte lesen, dass die Wahrnehmung vieler Menschen dieser Zeit, aber auch unserer Zeit, mehr oder weniger bewusst von dieser Gleichsetzung „Individuum/Anarchist = männlich“ bzw. „das Männliche = das Allgemeine, das Universelle“ geprägt war und sie alles, was aus diesem Schema herausfiel und fällt, so gut sie konnten, ignorierten und ignorieren. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe den Lügen nicht zu glauben, dass vor hundert Jahren nur Männer Anarchist*innen waren, und es ist unsere Aufgabe nach den nicht-männlichen und weiblichen Anarchistinnen zu suchen. Und zwar nicht, weil wir so besessen von weiblicher Identität sind, sondern weil das wahrgenommene Geschlecht von entscheidender Bedeutung für die Rezeption einer Person und von Texten war und auch immer noch ist, wenn es auch vielen nicht bewusst ist. Männlich zu sein oder als solches wahrgenommen zu werden, verschaffte und verschafft jemandem Autorität. Diese (un-)bewussten Strukturen zu durchbrechen, gerade auch in der Rezeption von (alten) Texten, müssen wir uns zur Aufgabe machen.

Diese Perspektive erweitert das Thema der Broschüre, Anonymität und die Autorität von Namen, um interessante Aspekte. So nutzten und nutzen viele Frauen männliche Pseudonyme – spielten also mit falschen Identitäten – oder veröffentlichten ihre Texte anonym, um überhaupt Gehör zu bekommen. Der Punkt, dass ein Name unter einem Text einer Person Autorität verschafft, muss dahingehend erweitert werden, dass in vielen Fällen der männlich konnotierte Name Autorität verschafft (klar gibt es da immer Ausnahmen, wie die Beispiele von Emma Goldman oder Voltairine de Cleyre zeigen). Texte ausschließlich anonym zu veröffentlichen und Angriffe anonym durchzuführen befreit davon, dass andere den Text oder den Angriff unbewusst ablehnen oder ignorieren und übersehen, weil dieser von einem wahrgenommen weiblichen Namen stammt. Gleichzeitig wird aber das Namenlose, Anonyme häufig automatisch mit Männlichkeit assoziiert, der weibliche Beitrag damit nicht wahrgenommen und ignoriert (so wie Conrad Fröhlich, der einen Haufen anarchistischer Frauen kennen musste und trotzdem den Anarchisten als Mann definiert). Deshalb gibt es Menschen, denen es wichtig ist ihre Geschlechtsidentität bei einer illegalen Aktion preiszugeben, um mit dem unbewusst angenommenen Geschlecht zu brechen, um dieses Bild des männlichen Rebellen, das unbewusst die meisten in sich tragen, zu erschüttern. So liest mensch häufiger in Meldungen, die gar nicht mal lange Bekenner*innenschreiben sind, eine „FLINT-Gruppe“ (FLINT = Frauen, Lesben, Inter, Nonbinary und Trans Personen) habe dies und das getan. Auf der einen Seite wird so eine Identität, ein Geschlecht perpetuiert, dessen System mensch eigentlich im Ganzen zerstören will, und es wird mit dem Prinzip der Anonymität gebrochen. Andererseits wird damit der (unbewussten) patriarchalen Geschichtsschreibung und -wahrnehmung, die nur von Männern als handelnde Individuen ausgeht, bewusst entgegengesetzt, dass es eben keine Männer waren. Genau das war auch der Grund dafür, dass Fumiko ihre Rolle in der Verschwörung gegen den japanischen Kaiser 1926 so übertrieb. Um als handelndes Individuum wahr- und ernstgenommen zu werden. Individualität und Handlungsvermögen wird Menschen mehr oder weniger bewusst unterschiedlich stark zugestanden. Der Weg zu einem „Ich“ ist für viele weiblich sozialisierte Menschen ein anderer als für viele männlich sozialisierte Personen. „Sogar (ausländische!) Frauen haben in Hamburg während G20 randaliert“, titelten die Zeitungen nach G20 schockiert. Das überrascht die meisten zeitgenössischen Anarchist*innen – im Gegensatz zur bürgerlichen Presse – wahrscheinlich nicht. Doch dass das vor hundert Jahren ebenfalls der Fall war, das wiederum würde viele dann doch überraschen. Und das müssen wir ändern!

Why are there no women in the anarchist movement? [ironic]
Why are there no women in the anarchist movement? An ironic Comic about manarchism.