Die Tyrannei des Messbaren

Im Bad einer Freundin steht eine Waage. Seit Jahren stand ich nicht mehr auf so einem Ding, seit ich bei meinen Eltern zuhause ausgezogen bin, um genau zu sein, denn irgendwie war mir das Geld immer zu schade gewesen, um mir damit eine Waage fürs Bad zu kaufen. Neugierig stelle ich mich darauf, nur um beim Anblick der angegeben Zahl schockiert wieder herunterzuspringen. Das konnte doch nicht sein? Die Waage musste falsch eingestellt sein, kein Zweifel! Doch nein, sie funktionierte. Klar war mir aufgefallen, dass ich zugenommen hatte, denn die meisten meiner alten Klamotten passten mir nicht mehr so richtig. Doch mein Körper fühlte sich einfach gut und richtig an, ich freute mich über die größeren Brüste und im Spiegel sah er eigentlich immer noch aus wie damals, nur ein bisschen runder. Also eigentlich alles in bester Ordnung, bis diese Zahl mich aus meiner Zufriedenheit bezüglich meines Körpers riss. Ich brauchte einige Zeit, um mich von dem Schock zu erholen und noch ein bisschen mehr, um mich davon zu erholen, dass eine blöde Zahl auf so einem blöden Gerät ein so starkes Bodyshaming bei mir verursachen konnte, obwohl ich mich bis zu diesem Augenblick, als ich mich auf die Waage stellte, wohl in meinem Körper gefühlt hatte (so wohl, wie es möglich ist in einer Gesellschaft, in der Bodyshaming allerspätestens ab der Pubertät zum guten Ton gehört). Auch die Kleidergrößen vermitteln mir dieses Gefühl. 38 ist Durchschnitt, „medium“, bis dahin ist alles in Ordnung, doch jede Zahl darüber suggeriert mir, dass ich nicht mehr richtig bin: „large“, „extra large“ usw. Rein objektiv finde ich es interessant, dass so winzige Veränderungen an meinem Körper, ein bisschen breitere Schenkel, etwas größere Brüste, bereits solche Unterschiede in den Klamottengrößen verursachen. Ich sehe mich um und sehe lauter Menschen mit schönen, unglaublich verschiedenen Körpern und freue mich. Doch dann treffe ich meine Mutter, die mich begrüßt mit den Worten: „Du hast aber ganz schön zugenommen. Dein Vater und ich haben jetzt eine Diät angefangen, ich habe schon wieder fünf Kilo zugenommen, dein Vater sogar acht, wir sind beide viel zu dick.“ Ich betrachte den Körper meiner Mutter und meines Vaters und finde beide richtig so, wie sie sind. Doch die Waage und die Kleidergrößen sagen etwas anderes.

Ich bin beim Frauenarzt. Er betrachtet kritisch meine Bein- und Bauchbehaarung sowie die Haare, die mir am Hals wachsen, die den Ärzt*innen erst auffallen, seitdem ich sie nicht mehr rasiere. „Wir müssen unbedingt eine Hormonuntersuchung machen, ich glaube, Ihre männlichen und weiblichen Hormone sind im Ungleichgewicht.“ Die Ergebnisse kommen und tatsächlich: die männlichen Hormone liegen über dem „Normalbereich“, die weiblichen darunter. Und was jetzt? Was hat das für Folgen, frage ich ihn. Oh, eigentlich nicht so wirklich welche, außer Sie wollen Kinder, dann kann es ganz vielleicht relevant sein – nein, will ich nicht! –, aber wir können das auf jeden Fall behandeln! Sprachs und verschrieb mir eine männliche Hormone hemmende Pille. Damit meine Hormone wieder „im Gleichgewicht“ sind. Ein Messwert liegt im Normbereich, der andere nicht mehr und schon muss dringend etwas dagegen getan werden, auch wenn ich keine Beschwerden habe und keinen Wunsch nach Behandlung!

In einem wie dem anderen Fall fühlte ich mich total wohl,bis eine Zahl, die aus dem Normbereich fiel, mich daran erinnerte, dass ich nicht richtig war, dass ich etwas an mir ändern müsste. Genauso fühle ich mich wunderbar, bis ich auf die Uhr schaue und realisiere, dass ich schon längst schlafen müsste (weil ich einfach von der und der Uhrzeit bis zu der und der Uhrzeit schlafen muss, so habe ich das mal entschieden). Heute darf ich faul sein, weil Sonntag ist, morgen muss ich fleißig sein, weil Montag ist. Von 8 bis 17 Uhr muss ich arbeiten oder in die Schule gehen, egal, ob es mir körperlich und vom Gefühl her passt oder nicht. In der Schule werden meine Leistungen mithilfe von Zahlen bewertet, ich muss in einer gewissen Zeit ein gewisses Leistungspensum erreicht haben. Es gibt Fitness-Uhren, die Menschen anlegen können, um zu zählen, wie viele Schritte sie gehen, wie viel Steigung sie am Tag so überwinden und diese sollen ihnen helfen, durch das richtige Maß an Treppensteigen einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln. Wer abnehmen will, kann mithilfe eines Punktesystems kontrollieren auch genau das Richtige in der richtigen Menge zu essen.

Wir sind daran gewöhnt nach Zahlen zu leben, statt nach unserem Willen und unserem Wohlbefinden. Alles, was messbar ist, Uhrzeiten, Hormonwerte, Gewicht, ist mit Normen und Normwerten verbunden. Es gibt die „richtigen“, „gesunden“ Werte und die „falschen“ und „ungesunden“ Werte. Die angebliche Objektivität und Rationalität der Wisenschaft hat eine besondere Form der Tyrannei geschaffen. Eine Tyrannei, die zum Ziel ein reibungsloses Funktionieren einer auf Effizienz und Produktivität getrimmten Leistungsgesellschaft gewährleisten soll. Noch bis zum 19. Jahrhundert arbeiteten Menschen nur so viel, wie sie es brauchten, um überleben zu können (was bei den meisten deutlich weniger war, als die Menschen heute so arbeiten). Dann verließen sie ihre Arbeit wieder. Das passte natürlich nicht zum Rhythmus der neu erfundenen Maschinen in den Fabriken und dem Gedanken, immer weiter wachsen zu müssen, also immer mehr produzieren zu müssen. Mehrere Generationen von Arbeiter*innen mussten erst einmal dazu „erzogen“ werden, sich an eine Uhr anzupassen anstatt nach Lust und Laune zu leben und zu arbeiten. Insbesondere die Einführung von Schulen führte dazu Menschen von jüngstem Alter an davon zu entfremden, in einem ihnen angenehmen Rhythmus das zu machen, worauf sie Lust haben, sondern fremdbestimmt mithilfe einer Uhr und mithilfe von Leistungskriterien und ständiger Überwachung und Bewertung ihren Pflichten nachzugehen (Quelle: Ludwig Unruh: „Hauptsache Arbeit? Zum Verhältnis von Arbeit und menschlicher Emanzipation“). Wer kopfschüttelnd auf die Schulen und das Arbeitsleben in Japan oder Südkorea schaut, übersieht, dass Schule und Arbeit hier in Deutschland genau nach demselben Prinzip aufgebaut sind und dass lediglich in vielen Fällen ein etwas geringeres Leistungspensum erwartet wird.

Das ändert jedoch nichts daran, dass messbare Daten uns unterdrücken und beherrschen, dass wir unsere Zeit damit verbringen, uns zu optimieren und an die Normwerte anzupassen. Dies begreifen wir jedoch häufig nicht als Unterdrückung, denn es ist ja angeblich rational vernünftig, wir tun es um unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens Willen. Wir haben uns dem Rhythmus und den Erfordernissen der Maschinen und des Kapitalismus angepasst und werden selbst zu Maschinen, messbar, wartbar, verwertbar, immer auf Abruf, produktiv, überwachbar, vorhersehbar. Es ist schwer sich der Tyrannei des Messbaren zu verweigern, denn unsere Gesellschaft ist davon durchdrungen. Immerhin macht es sie vorhersehbar und leichter angreifbar. Mensch kann sicher sein, dass Montagnacht kaum wer draußen unterwegs sein wird, denn die meisten müssen am nächsten Tag sehr früh aufstehen, um ihren wie auch immer gearteten getakteten Pflichten nachzugehen. Eine guter Moment, um die Werkzeuge der Tyrannei des Messbaren zu zerstören.